Für mich sind alle Fälle gleich

Quelle: Westfalenpost, Kreis Olpe, 8. März 2025

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„Für mich sind alle Fälle gleich" Dr. Mark Benecke erlangte über Kriminalfälle weltweites Aufsehen. Kurz vor einem Auftritt in Attendorn gibt er uns private Einblicke in sein Leben

Von Daniel Engeland

Attendorn. Dr. Mark Benecke klärt bei seiner Arbeit als Kriminalbiologe knifflige Kriminalfälle auf. Über viele seiner Fälle erlangte der Kölner weltweite Aufmerksamkeit. Am 13. März kommt er nun für einen Vortrag nach Attendorn. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt er Einblicke in sein Privatleben und seinen spannenden Lebensalltag.

Herr Benecke, am 13. März halten Sie einen Vortrag in der Attendorner Stadthalle. Gibt es Verbindungspunkte zum Kreis Olpe und der Stadt Attendorn?

Ich bin als Kölner natürlich schon als Kind öfter in Attendorn gewesen — das war damals ein zwingendes Ausflugsziel für alle Familien mit Kindern.

Worauf können sich die Besucher und Besucherinnen in der kommenden Woche bei Ihrem Vortrag freuen?

Ich werde über einige meiner Kriminal-Fälle berichten.

Sie haben selbst mehrere Bücher geschrieben, was lesen Sie eigentlich privat?

Am liebsten lese ich alte Tier-Bücher. Ich habe aber auch eine sehr große Sammlung alter rechtsmedizinischer und kriminalistischer Bücher, dort geht es beispielsweise um Gifte, Mumien sowie „Fälle", die wir heute als harmlosen Alltag ansehen und nur den Kopf schütteln. Dazu gehören Homosexuelle und Sexarbeiterinnen, die von der Polizei mit großem Ernst verfolgt wurden. Dasselbe gilt für „Migration" und „fremde Menschen", die auch früher schon hin und wieder als gefährlich angesehen wurden, obwohl die kriminalistisch erhobenen Zahlen das Gegenteil zeigten. Und ich habe auch eine ziemlich große Ecke in meiner Bibliothek, die sich nur mit Vampir-Leichen und allem drumherum befasst. Außerdem bin ich Buchpate in der Linnean Society of London, der Staatsbibliothek in Berlin und der Nationalbibliothek in Wien, sodass ich auch dort einige Schätzchen lesen darf.

Sie sind ein großer Tattoo-Fan. Wie viele Tattoos haben Sie mittlerweile? Welche Bedeutung haben sie in Ihrem Leben?

Eine Freundin hat neuerdings so um die 150 Tätowierungen auf mir gezählt. Deren Bedeutung kann sich ändern. Es sind jedenfalls immer Erinnerungen an Orte, Menschen und Erlebnisse. Es gibt sogar ein 3D-Foto von mir im Netz. Es stammt aus dem Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig. Dort kann mich jeder drehen und meine Tattoos und deren Bedeutungen Klick für Klick erkunden.

Viele Menschen sind von „True Crime" fasziniert. Verspüren Sie eine ähnliche Faszination, wenn Sie als Kriminalbiologe einen Fall erleben, der sich zunächst kaum erklären lässt?

Für mich sind alle Fälle gleich. Das geht uns aber allen im Team so. Wir ärgern uns über Lügen und Geschnatter, egal von wem es ausgeht. Wir suchen die messbaren Tatsachen dazu zusammen und dann tritt meist die messbare Wahrheit zutage.

Wie gehen Sie damit um, im Alltag immer wieder mit dem Tod und schaurigen Verbrechen in Kontakt zu kommen?

Et is wie et is. Die Welt besteht nicht nur aus Zuckerguss.

Wie sieht Ihr Alltag in der Kriminalbiologie aus, gibt es überhaupt einen Alltag?

Wir schauen uns jeden Fall mit kindlichen – nicht kindischen – Augen, also unbefangen an. Daher passiert jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blut-Spuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen wie gerade eben bei der größten Tagung der Forensikerinnen und Forensiker in Baltimore.

Vor der Jahrtausendwende gelang Ihnen ein echter Coup: Es gelang Ihnen nach der Untersuchung von Maden die Liegezeit einer ermordeten Frau festzustellen und so den Täter zu finden. Wie kam es dazu?

Das mache ich schon seit den 1990-er Jahren. Die Länge von Larven verrät deren Alter. So lässt sich die Zeit seit der Leichen-Besiedlung ermitteln. Es gibt auch Fälle, wo vernachlässigte Lebende besiedelt werden. Da können wir dann ausrechnen, wie lange die Pflege schon nicht mehr stattgefunden hat.

Welche Rolle spielen Tiere für Ihre Arbeit?

Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen. Ich habe auch einen Sondervortrag über Haustiere, die ihre menschli-chen, verstorbenen „Herrchen" oder „Frauchen" gefressen haben.

Sie haben während Ihrer Arbeit einiges gesehen, gibt es einen Fall, bei dem sich auch bei Ihnen noch heute die Nackenhaare aufstellen?

Ich finde es schade, dass Menschen nicht lernen. Die Zusammenarbeit war geschichtlich, auch kriminalgeschichtlich, immer messbar besser für alle Beteiligten als das Töten oder Ausgrenzen.

Welcher Fall hat Sie bislang am meisten fasziniert?

Vielleicht der Nächste?

Sie engagieren sich neben Ihrer Arbeit auch in der Politik. Wie ist es dazu gekommen?

Das ist für mich alles eins. Ich möchte das bewirken, was in meinem Handlungs-Spielraum steht. Manche Dinge lassen sich eher politisch umsetzen als auf der Couch.

Was macht Dr. Mark Benecke eigentlich in seiner Freizeit, wenn er mal nicht Verbrechern auf den Leim geht?

Ich unterscheide nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Das, was ich erledige, mache ich gerne. Wenn ich es nicht möchte, lasse ich es. So halten wir es im Labor alle. Von außen sieht es vermutlich so aus, als ob ich immer arbeite. Messen kann ich aber überall.

News from Meiringen

Quelle: The Baker Street Chronicle, Sommer 2014, Seiten 31-34

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Von Mark Benecke

Viele Holmes-VerehrerInnen haben beim Ausflug nach Meiringen schon die Gischt des mir Karacho herniederschmetternden Reichenbachfalles im Gesicht gespürt. Das ist auch ganz gut so, weil auf diese Weise mögliche Tränen kaschiert werden – denn ob Watsons Aufzeichnungen nach „The Reichenbach Fall“ korrekt sind, vermag wohl nicht nur ich nicht zu entscheiden.

Den vollständigen Weg zum mit einem weißen Sternli markierten Absturzpunkt Holmes’ konnten wir beim jüngsten Besuch zwar nicht antreten, da Frau Adler ihre viktorianischen Stiefeletten trug. Immerhin schafften wir es aber auf halbe Höhe. Von dort ist bereits ein knackfrisch bebrettertes Rasthaus zu erblicken, das „zwei oder drei“ Zimmer für BesucherInnen bietet, die es bis 5 p.m. nicht zur letzten Abfahrt mit dem Kabelbähnli ins Tal geschafft haben oder aus anderen guten Gründen eine Nacht über dem Reichenbachfall verbringen möchten. Das Rasthaus ist nicht die einzige Neuerung in Meiringen. Neu im Dienst ist auch die quirlige und kontaktfreudige Betreuerin des Museums, Christine Winzenried (siehe Interview I). Sie hat den Laden seit Ende April 2014 im Griff, auch wenn sie sich in den Kanon weder als Kind noch als Erwachsene eingearbeitet hat. Immerhin mag sie die aktuellen Kinofilme des Sherlock, was sie wohl mit den jüngeren BesucherInnen besser ins Gespräch bringt als kanonische Auslegungsdetails. „Es hat“ bei Frau Winzenried am Eingang schöne Souvenirs, darunter exzellente Deerstalker von Gordon Corell aus schottischer Wolle, und das zu einem – besonders für schweizer Verhältnisse – unschlagbaren Preis. Gut für mich, denn an die in München erworbene, hochwertige Melone hatte ich mich noch nicht vollständig gewöhnt, auch, weil sie naturgemäß in einer Hutschachtel reisen muss. Der Deerstalker ist ungleich praktischer und zudem in jeder Tasche zu verstauen. Noch „hat es“ im Museum auch grüne Blech-Tabakdosen, die Frau Winzenried allerdings nicht sogleich aus dem verschlossenen Spind befreien konnte. Sie ermittelte aber ein alternatives Lager und holte noch einige letzte Exemplare hervor. Die Museums-Ausstellung ist eindrucksvoll wie immer. Vor allem der im Kirchenkeller gelegene Raum wirkt, als ob Holmes und Watson wirklich nur mal eben vor der Tür gegangen wären. Mehr als einen Besucher sah ich beeindruckt schlucken, als er oder sie um die Keller-Ecke bog. Da SchweizerInnen weder Rauchverbote noch -melder ernst nehmen, konnte ich auf Holmes „Schlafzimmer“bank gemütlich Platz nehmen und eine gute, mit der Tabak-Sonderedition zum hundertjährigen Jubiläum von „Pfeifen Heinrichs“ gefüllte, irische Holmes-Peterson mit silbernem Anschlußstück rauchen. Was für ein Moment! Der vor etwa drei Jahren angeschaffte, neue Audio-Guide des Museums – von Frau Winzenried liebevoll „Walkie-Talkie“ genannt – beschreibt unter anderem unaufdringlich und nach Wunsch in allen möglichen Sprachen, daß die Projektildurchtritte am Fenster Richtung BetrachterIn die Initialen der Königin sind, die Holmes in die Flügeltür zum Schlafzimmer geschossen hat (erwähnt unter anderem in „Adventure of the Musgrave Ritual“ und dem Film „Sherlock Holmes“ (2009, Regie: Guy Ritchie)).

Das kleine Museum hat dabei klug gehandelt, nur sieben Stationen anzubieten, die auch NichtsherlockianerInnen genügend, aber nicht zu viele Informationen bieten (siehe Interwiew II). Vor der Tür des Museums ist außen zudem ein Chies-Wegeli angelegt, das Stationen aus dem Leben des Sherlock schildert. Manch einer wird auch die Statue Richtung Hauptstraße noch nicht kennen, die auf einer Metallplatte auf der Rückseite des darunterliegenden Steinsockels Symbole und Hinweise zu allen Sherlock-Geschichten trägt oder genauer gesagt tragen soll. Ich habe nach kurzem Scan keine Ahnung, was genau dort alles codiert sein soll. Da aber selbst die CIA das künsterlische Kryptogramm vor ihrer Haustür bis heute nicht zu Ende entschlüsseln konnte, und der Künstler John Doubleday sein Geheimnis nach aktuellem Stand der Dinge sogar mit ins Grab nehmen wird, drückt mich das nicht nieder.

Mir genügen die gelösten Rätsel im Kanon nebst derjenigen, die meine KlientInnen mir in die gute Stube tragen. Erwähnenswert für reifere SherlockianerInnen ist, daß der Ort Meiringen oder die Schweizer Bahn (oder beide) es mittlerweile geschafft haben, einen Bahnsteig auch zwischen den Gleisen zu errichten, so daß man aus dem Luzern-Interlaken-Expreß kommend, der nun übrigens öfters auch in der zweiten Klasse mit – angesichts der ultrapittoresken, geradezu zuckergußartigen Landschaft ausgesprochen lohnenden – Panoramawagen ausgestattet, aussteigen kann, ohne im Schotter des Bahngleises zu stehen. Großstadtlichtern und Süßwasserpiraten rate ich übrigens dringend davon ab, dem Rat von Frau Winzenried und allen anderen Ortskundigen zu folgen, und den „schönen“ Weg vom Museum zum Reichenbachfallbähnli zu Fuß anzutreten. Für 3,20 Franken fährt ein Bus beschwerdefrei und beschaulich – am Altersheim vorbei – direkt zur Talstation. Zwei Sanatorien „hat es“ dort auch gleich, so daß man eine gegebenenfalls gegebene Auszeit gleich einläuten kann. Es gibt auch schlechte Nachrichten, zumindest für sherlockianische Bekleidungsfreund/ Innen. Kabelbahnführer Hans – „ein gut aussehender Mann“ (vgl. S. 33) – hat keine Zeit mehr für die von ihm im Sherlock-Dress durchgeführten Fahrten, so daß man in gewandetem Zustand nun anstelle seiner fotografisches Ziel der angloamerikanischen, indischen, russischen und chinesischen TouristInnen wird (JapanerInnen sah ich seltsamerweise nirgendwo). Obwohl Interlakentourismus ursprünglich ein sehr schönes Angebot mit Vorträgen vorbereitet hatte, das mangels Nachfrage dann aber abgesagt wurde, kann ich eingefleischten Fans von Doyle, Watson, Holmes und natürlich allen Menschen, die ein Meer aus Uhren spannend finden (die Läden in Interlaken führen zu gefühlten 80% Uhren), eine Reise ins reichenbacher Reich dank des neuen Schwunges mehr denn je auch in Eigenregie ans Herz legen. Gerade das Kleine, Malerische, Verschlafene und Touristische in Meiringen bettet die letzte Station des Sherlock ohnehin derart ein, daß es eine Lust ist, das Ganze ermüdungsfrei zu erkunden und eigene Akzente so zu setzen, wie sie auch Holmes und Watson erlebt haben dürften. Noch eine Warnung an steinreiche LeserInnen: Das Luxus-Hotel „Victoria-Jungfrau“ in Interlaken wurde leider modernisiert, so daß es sich meiner Meinung nach nur noch von außen als Kulisse für viktorianische Schnappschüsse eignet. Andere Hotels in der Nähe des Bahnhofes Interlaken-West bieten einen sinnvolleren und deutlich preiswerteren Rahmen für Fotografien, beispielsweise die rote und beige Lobby des Hotels Krebs. Zuletzt: Wer noch nie in Meiringen war, siehe gerne auch hier: Benecke M (2002) Ein Besuch beim Sherlock. SeroNews


Exklusiv-Interview I: Museums-Betreuerin Christine Winzenried

MB: Wir sind in Meiringen und vor mir steht...

CW: Christine Winzenried.

Sie sind die neue Chefin des Museums.

Ich bin als Betreuerin angestellt. Der Kurator ist Hans Künzler. Es gefällt mir sehr gut, weil es kommen sehr viele Touristen, auch viele von England und Amerikaner. Franzosen und Russen hat es auch, und aus Japan oder China.

Sprechen Sie japanisch und russisch und englisch?

Nein, nur englisch und französisch und ein wenig italienisch. Ich hab ja das Walkie-Talkie [Audioguide] und dann frage ich „which language?“. Und dann sage ich „have a nice day“ – das verstehen alle.

Was glauben Sie denn, warum beispielsweise Russen kommen? Sind die Holmes-Geschichten in Rußland auch bekannt?

Ja, ich glaube, Sherlock Holmes ist weltbekannt. Auch die in Japan sind interessiert, das gefällt denen sehr.

Seit wann haben sie das neue Audio-System? Das war letztes Mal nämlich noch nicht da.

Seit etwa vier Jahren. Wann waren Sie das letzte Mal da?

Vor über zehn Jahren.

Nein, da hat’s keins gehabt.

Waren Sie am Anfang überrascht, was für Leute ins Museum gekommen sind?

Nein, ich habe mir das so gedacht. Es kommen verschiedene, sogar Schweizer, von überall. Ich finde das sehr schön, so multikulti. Hab’ ich gern.

Kommen Sie aus Meiringen?

Ich komme aus Meiringen und bin pensioniert.

Waren Sie schon als Kind oder Jugendliche hier im Museum?

Ja, ich war früher schon mal hier. Da hat es das Walkie-Talkie [Audioguide] noch nicht gehabt.

Haben Sie denn als Kind Sherlock-Holmes-Geschichten gelesen?

Ja, manchmal. Ich habe damals gesehen, daß da eine Einweihung war. Dann waren alle schön angezogen und es gab einen Umzug im Dorf. Das ist schon lange her.

Wann denn? 1987?

Ja genau, aber das Museum ist erst 1991 eröffnet worden.

Es ist also nicht so, daß Meiringer Eltern ihren Kindern Sherlock-Holmes-Geschichten am Bett vorlesen?

Nein, das glaube ich nicht. Eher die normalen Kinderbettgeschichten.

Ein normaler Meiringer identifiziert sich also so nicht mit Sherlock-Holmes-Geschichten?

Nein, aber vielleicht kommt das, jetzt, wo ich da bin, und wenn Sie das [Interview] ins Internet stellen.

Ja, wir packen das auch ins Internet, und in den Baker Street Chronicle. Der steht ja auch hier vorne bei Ihnen. – Wenn Sie als Kind oder Jugendliche den Wasserfall gesehen haben, haben Sie da in Sherlock Holmes gedacht?

Ich war in der Bahn [zum Reichenbachfall] und da war ich sehr beeindruckt. Man hat eine wunderbare Aussicht auf Meiringen und die Bahn ist ganz speziell, die Spur kreuzt sich in der Mitte. Das ist eine alte Bahn, und das ist supergut.

Haben Sie irgendeine Geschichte in Erinnerung behalten von Sherlock Holmes oder irgend etwas Besonderes, das Sie mit Sherlock Holmes verbinden, nachdem Sie jetzt hier arbeiten?

Bis jetzt noch nicht.

Haben Sie schon einen der Kinofilme gesehen?

Ja, den ganz modernen, ich weiß nicht, wie er geheißen hat, aber ich war beeindruckt. Ich habe gerne Action.

Dann haben Sie ja jetzt den ganzen Sommer Action, wenn die Touristen kommen.

Das glaube ich auch. Ich hoffe, es kommen immer so Leute wie Sie. Schicken Sie noch welche von Berlin?

Ja, wir schreiben jetzt einen Artikel und dann kommen bestimmt noch ganz viele.

Das ist sehr gut.

Haben Sie auch schon mal versucht, sich so wie wir anzuziehen?

Nein. Aber ich könnte.

Vor zehn Jahren ist ja jemand auf dem Bähnli verkleidet gefahren.

Ja, ein richtiger Sherlock aus Meiringen.

Fährt er immer noch?

Nein, er ist nicht mehr auf der Bahn. Hans heißt der, Hans Thöni. Ein hübscher Mann. Er läuft im Ort herum. Aber normal, nicht verkleidet.

Warum ist er nicht mehr auf der Bahn? Weil er zu alt ist?

Er hat keine Zeit mehr. Aber alle paar Jahre ist hier ein großer Umzug und die Leute kommen von überall her. Sie kommen aus ganz Europa und auch aus Übersee.

Wie sind Sie denn zu dem Job hier gekommen? Das ist ja ein ganz ungewöhnlicher Beruf.

Ich wurde gefragt. Die Leute wußten, daß ich zuverlässig bin und lustig und so weiter. Ich habe fünfundzwanzig Jahre auf [bei] einer Bank in Interlaken gearbeitet. Ich wohne eigentlich in Interlaken, aber meine Tante ist hier und ich schaue nach ihr. Sie ist fünfundneunzig.

Man hat also an Sie gedacht, weil Sie ein wenig bewegter sind und nicht so schweizerisch zurückhaltend.

Genau.

Wann haben Sie hier angefangen?

Vor drei Wochen.

Dann wünsche ich Ihnen noch ganz viele schöne Jahre mit den ganzen verrückten Touristen.

Hoffentlich kommen noch welche wie Sie.

Na klar, wir schicken noch welche vorbei.

Gerne aus Berlin. Berlin ist faszinierend!

Die Berliner mögen Sie besonders? Waren Sie schon mal in Berlin?

Ja, dreimal. Ost und West und einfach die Impulse, Theater, Musical!

Jetzt können Sie im Sommer aber nicht mehr reisen, weil Sie hier sein müssen.

Ich muß schauen, daß es nebeneinander vorbei geht.

Danke schön.

Bitte schön.


Exklusiv-Interview II: Irene Adler

Du warst gerade im Sherlock-Holmes-Museum. Was ist Dir da aufgefallen?

Ich fand sehr erstaunlich, wie dieser Mann [Doyle] diese ganzen Geschichten beschrieben hat. Und die Kriminalfälle, die wirklich passiert sind, und diese alten Zeitungen. Und die Manuskripte, diese alten Uniformen, diese Unikate, so daß man, wenn man das Museum betritt, fast in eine andere Welt reinkommt. Man macht die Tür oben zu und es ist auf einmal 1892. Es ist sehr beeindruckend.

Was meinst du mit echten Fällen?

Diese Fälle hat er zwar erfunden. Trotzdem könnten das auch reale Kriminalfälle gewesen sein. Die waren jetzt nicht so weit hergeholt

Du hast lange vor dem Wohnzimmer von Watson und Holmes gesessen. Da warst du ganz still und leise.

Ich fand atemberaubend, wie echt das aussah. Ich hab’ gedacht, ich steh in der Tür dieser Wohnung und wäre am liebsten sofort eingezogen. Das war total toll – die Möbel stehen da wie gerade verlassen, wie kurz nach dem Aufbruch, was mir ja auch [vom Audioguide] durchgegeben wurde. Aber auch, wenn ich es nicht gewußt hätte, hätte ich es genauso gefühlt. Für mich war es beeindruckend ohne Ende. Ich hätte noch eine ganze Weile verweilen können.

Was ist dir aus dem Wohnzimmer im Gedächtnis geblieben?

Der wahnsinnig tolle Kamin mit dem schwarzen Bärenfell davor. Der Stuhl, der da gestanden hat. Der große Sekretär und natürlich – nicht zu vergessen – diese wunderbare Chaiselongue, wo die Stradivari draufgelegen hat.

Möchtest du auch gerne auf dieser Chaiselongue liegen?

Ja, da hätte ich mich gefühlt wie eine Königin.

Auf dem Kamin stand ein Bild, das dir auch gefallen hat.

Ja, das sah aus wie die einzige Frau in dem Leben von Sherlock Holmes. Frau Adler, sie hatte auch ein bißchen Ähnlichkeit mit mir, ich hab mir das ein bißchen genauer angeguckt und man weiß ja nicht – vielleicht hab ich damals ja doch schon gelebt.

Deswegen hat es dir vielleicht so gut gefallen, daß du direkt dort einziehen wolltest.

Das ist gut möglich.

Und oben am Reichenbachfall, wie fandest du es da?

Feucht. In erster Linie war es sehr feucht, und zwar von oben. Es prasselte nieder, es war sehr beeindruckend. Ich hab sowas in der Form noch nicht gesehen. Auch die Stelle, wo Holmes runtergestoßen worden ist, wo wir ja leider nicht hingehen konnten, weil ich die falschen Schuhe anhatte.

Aber nein, du hast die richtigen Schuhe angehabt.

Es war ein sehr schöner Aufstieg mit dem Bähnli, das war toll, und nachher der Abstieg war auch schön.

Und man konnte das fürchterlich Brausen des Wasserfalles live erleben und kann sich vorstellen wie es ist, dort herunterzustürzen.

Ja, das konnte man sich wirklich vorstellen.

Vielen Dank.

Experte erklärt Mumifikation an Händen und Füßen

Quelle: t-online.de, 3. März 2025

Von Simone Bischof, Amir Selim

Der US-amerikanische Schauspieler Gene Hackman und seine Frau wurden tot in ihrem Haus in New Mexiko gefunden. Beide Leichen zeigten Spuren von Mumifikation. Ob sich daraus neue Erkenntnisse ergeben, erklärt der Kriminalbiologe Mark Benecke.

Nach dem Tod von Hollywood-Legende Gene Hackman und seiner Ehefrau, Betsy Arakawa, stehen die Ermittler weiterhin vor einem Rätsel. Denn nach wie vor ist unklar, wie das Paar gestorben ist. Zudem sollen beide Leichen ersten Erkenntnissen zufolge bereits Mumifikation an Händen und Füßen gezeigt haben. Während Mumifizierung eine künstlich vom Menschen betriebene Technik zur Konservierung eines Körpers ist, ist von Mumifikation die Rede, wenn eine Mumie nicht aufgrund menschlichen Eingreifens, sondern aufgrund eines natürlich ablaufenden Prozesses entsteht. Das heißt, eine Leiche vertrocknet auf natürliche Weise.

Was sich aus diesem Zustand einer Leiche "ablesen" lässt, fragt t-online den Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke.

t-online: Wodurch entstehen Mumifikationen?

Mark Benecke: Wenn es nicht gerade knochentrocken ist, verwesen Leichen "von selbst", und zwar durch Bakterien im Körper und das "Zerfließen" der Zellen. Ohne biologische, chemische "Lebens-Energie" hält der Körper nicht mehr zusammen und löst sich von selbst auf.

Menschen bestehen fast nur aus Wasser. Vertrocknungen entstehen, wenn warme Luft das Wasser aus dem Körper aufnimmt und wegleitet. Das ist wie im Alltag, wenn wir beispielsweise ein Handtuch trocknen.

Was sagt der ausgetrocknete Zustand des Körpers über den Todeszeitpunkt aus?

Wenig bis gar nichts. Fäulnis und Vertrocknung laufen sehr unterschiedlich und je nach Lagerung, Körperbau, Bekleidung, Fundort und so weiter ab. Ganz früh können die Kolleginnen und Kollegen aus der Rechtsmedizin noch durch Muskel-Messungen, die Temperatur im Körperinneren und dergleichen den Todeszeitpunkt ermitteln. Danach lassen Schlussfolgerungen über den Todeszeitpunkt nur noch biologische Techniken zu, etwa Insekten auf der Leiche und die bakterielle Besiedlung. Vertrocknete Leichen – also Mumien – können Jahrtausende erhalten bleiben.

Gene Hackman war 95, seine Frau Betsy Arakawa 63 Jahre alt. Inwiefern hat das Alter Einfluss bei Verwesung und Mumifizierung beziehungsweise Mumifikation?

Früher waren alte Menschen meist schlank, daher sind sie nach dem Tod leichter ausgetrocknet, denn sie hatten weniger dicke Gewebeschichten. Heutzutage ist es mal so, mal so.

Foto: Claus Pütz

In Santa Fe herrschen Temperaturen über 30 Grad. Welche Rolle spielt die Hitze bei Verwesungen und Mumifizierungen sowie Mumifikationen?

Feuchte Hitze finden Bakterien gut, die zu Fäulnis führen. Trockene Hitze führt zu Vertrocknung, also Mumifizierung.

Ab welchem Grad der Verwesung wäre eine Identifizierung nicht mehr möglich?

Das ist nie ein Problem. Erbgut findet sich notfalls in den Zähnen, Knochen oder Haaren.

Zuvor vermutete die Tochter von Hackman den Tod durch eine Kohlenmonoxidvergiftung. Welche Verwesungen und Mumifizierungen können dadurch auftreten?

Das macht nur ganz am Anfang einen Unterschied beim Aussehen der Leiche: Solche Leichen haben auffallend "leuchtend" rote Toten-Flecke. Abgesehen davon spielt es keine Rolle.

Berichtet wurde auch, dass die Tür des Hauses womöglich offen war. Könnte das Kohlenmonoxid entweicht und deswegen nicht mehr nachweisbar sein?

Das kann sein, allerdings ist die Frage, wann die Türe geöffnet wurde. Wenn sie die ganze Zeit offen war, hätte das Gas durch die Türe entweichen können und wäre dann eher nicht tödlich gewesen.

Mehlwurmpulver in Lebensmitteln: Wie werden essbare Insekten unsere Ernährung verändern?

Quelle: Tagesspiegel (Berlin), 25. Febr. 2025

Mehlwurmpulver im Apfelkompott oder geröstete Grillen zum Salat? Ob sichtbar oder nicht – Insekten werden zunehmend als Nahrungsquelle genutzt. Fachleute ordnen ein, was auf dem Menü stehen könnte.

Von Kathleen Oehlke, Martin Smollich & Mark Benecke

Mark Benecke – Es ist weder eklig noch gesundheitsschädlich, Mehlwürmer zu sich zu nehmen. Wer aber meint, dass es für die Umwelt besser sei, statt Steaks und Schnitzel nun Insekten zu verspeisen, irrt. Insekten sind Tiere und egal, ob es sich um Kühe oder Mehlwürmer handelt, braucht es für deren Produktion viel mehr Landflächen, Wasser und Energie als für pflanzliche Nahrungsmittel. Deshalb empfiehlt der Weltklimarat IPCC und fast alle neuen Studien pflanzliche Ernährung und Verzicht auf tierische Produkte. Das heißt auch: keine Insekten. Anstelle von Rindfleisch Insekten zu essen, das wäre vielleicht vor ein paar Jahrzehnten noch ein kleiner, in die richtige Richtung führender Schritt gewesen. Aber die Zeit der kleinen Schritte ist im Klimaschutz längst vorbei. Zum anderen findet gerade ein dramatisches Massensterben von Insekten statt. Weltweit schrumpft sowohl die Menge der Insekten als auch die Zahl der Insektenarten. Da ist es nicht gerade hilfreich, sie jetzt als Nahrungsmittel zu etablieren.

Kathleen Oehlke – Mehlwürmer, die in der EU als neuartige Lebensmittel zugelassen sind, enthalten nach unseren Untersuchungen bis zu 30 Prozent Eiweiß, zwischen sechs und 23 Prozent Fett, bis zu 70 Prozent Wasser und etwa sechs Prozent andere Substanzen, wie Mineralstoffe. Der Eiweißgehalt kann durch gezielte Fütterung erhöht werden. Das Eiweiß enthält alle für den Menschen essenziellen Aminosäuren und ist so gut verdaulich wie das von Fisch oder Fleisch. Allerdings ist das Potenzial von Mehlwürmern zu beachten, allergische Reaktionen hervorzurufen. Der Fettanteil steigt an, je älter die Mehlwürmer werden. Er kann durch gezielte Fütterung reduziert werden. Auch die Qualität des Fettes kann stark beeinflusst werden. Fressen die Larven zum Beispiel Lein- oder Chiasamen, verändert sich das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren auf einen für die menschliche Ernährung günstigen Wert. Ob dies auch besonders nachhaltig mit Reststoffen aus der Lebensmittelherstellung als Futter gelingen könnte, wird gerade erforscht.

Martin Smollich – Unsere Essgewohnheiten prägen uns und Menschen sind in diesem Bereich äußerst konservativ. Deshalb werden Insekten in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland keine große Rolle spielen. Global sieht das anders aus. Insekten werden künftig sicher häufiger verzehrt, insbesondere in verarbeiteter Form, etwa als Pulver. Was Menschen abschreckt, ist ja, wenn Insekten klar als solche erkennbar sind. In verarbeiteter Form könnten Insekten in der Nahrung hingegen akzeptiert werden – in Gummibärchen stecken schließlich auch Schlachtabfälle. Es gibt auch keinen Grund, warum Insekten prinzipiell weniger gesund sein sollten. Wenn man sich die ökologischen Folgen des Fleischkonsums vor Augen führt, ist eine nachhaltigere Alternative in Form von Insekten definitiv sinnvoll. Global betrachtet haben wir eine drastisch steigende Nachfrage nach Proteinen und Fleisch. In Deutschland allerdings stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Insekten als Proteinquelle kaum, da wir bereits ein Überangebot an Fleischprodukten haben.

Sachsen-Fernsehen: Eröffnung des Tages der Seltenen Erkrankungen (ACHSE e.V.

Quelle: Sachsen-Fernsehen, Kristian Kaiser, 28. Febr. 2025

"Selten Allein" zu seltenen Erkrankungen im Dresdner Hauptbahnhof

Kunstausstellung im Hauptbahnhof Dresden 

Der 28. Februar ist "Tag der seltenen Erkrankungen". Eine neue Kunstausstellung im Dresdner Hauptbahnhof zeigt Bilder von Betroffenen, die ihre Erkrankung grafisch verarbeitet haben. Heute wurde die Ausstellung eröffnet, unter anderem dabei war auch der bekannte Kriminalbiologe und Forensiker Dr. Mark Benecke. 

Seltene Erkrankungen sind tatsächlich gar nicht so selten, es gibt davon etwa 8.000 verschiedene, manche davon mit nur einer Handvoll Patienten weltweit. Oft ist es extrem schwierig, sie zu diagnostizieren, eine wahre Detektivarbeit für Ärzte und letztlich die Patienten selbst. Dr. Marc Benecke - Deutschlands bekanntester Forensiker und Kriminalbiologe, hat heute die Ausstellung "Selten allein" als deren Botschafter im Dresdner Hauptbahnhof eröffnet. Er beschäftigt sich schon lange mit seltenen Krankheiten, betreibt unter anderem einen Youtube-Kanal, auf dem er Betroffene zu Wort kommen lässt: 

Fast 50 Kunstwerke haben Betroffene einer solchen seltenen Erkrankung in den vergangenen Monaten gestaltet, davon wurden 19 Bilder für die diesjährige Ausstellung von einer Jury ausgewählt. Die großformatigen Bilder sind an verschiedenen öffentlichen Orten in ganz Deutschland zu sehen, ab sofort auch hier im Dresdner Hauptbahnhof. Eines der Bilder wurde von Marion Seel gestaltet — sie leidet an Hypophosphatasie — einer seltenen, vererblichen Störung im Knochenstoffwechsel. Aber es wurde nicht wieder besser, der Hausarzt war ratlos. Letztendlich kam Marion Seel ihrer Krankheit selbst auf die Spur. 

Immerhin, die Diagnose sei ein wichtiger Schritt — da ist eine Heilung aber noch weit entfernt und oft auch nicht möglich — so Professor Reinhard Berner vom Centrum für seltene Erkrankungen im Uniklinikum Dresden. Für Marion Seel war die Diagnose das Ende einer fünfjährigen Ärzte-Odyssee. Jetzt kennt Sie ihren Gegner, auch wenn er sich wohl nicht endgültig besiegen lassen wird. 

In der Arbeitswelt des Kriminalbiologen Mark Benecke ist sein Gegenüber meist nicht mehr am Leben, anhand von etwa Maden oder Insekten versucht er dahinterzukommen, was der Grund dafür war. 

Zur Suche nach der Diagnose einer seltenen Krankheit sieht der Forensiker durchaus Parallelen: Da die seltenen Krankheiten jeweils nur wenige Patienten betreffen, gibt es auch weniger Studien, und weniger etablierte Therapien als etwa bei häufigen Volkskrankheiten. Medikamente speziell zur Behandlung einer seltenen Krankheit sind noch seltener, und dann oft nahezu unbezahlbar. 

Die Ausstellung "Selten Allein" ist ab so fort in der Kuppelhalle des Dresdner Hauptbahnhofes zu sehen. Alle Kunstwerke und weitergehende Informationen gibt es im Internet unter www.seltenallein.de«  


Beim Herrn der Maden ist der Gruselfaktor inklusive

Quelle: Stuttgarter Zeitung, Nr. 15, Lokales, 20. Januar 2025, Seite 17

Von Michael Käfer

Der Kriminalbiologe Mark Benecke füllt den Hölderinsaal mit 1423 Menschen, die sich für „Insekten auf Leichen“ interessieren.

Um eins vorweg zu nehmen: Dass Mark Benecke den Titel seines Vortrags nicht mit Leben gefüllt hätte, das hat dem Kriminalbiologen am Freitagabend keiner seiner 1423 Zuschauer vorgeworfen. Sie alle waren - viele zum wiederholten Mal - in den Hölderlinsaal der Schwabenlandhalle geströmt, um sich zum Thema „Insekten auf Leichen" gruselnd unterhalten zu lassen. Im Schnellsprech, fast ohne Versprecher und mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, doziert der wohl bekannteste forensische Entomologe Deutschlands über das Vorgehen beim Auffinden von Leichen. Zu Beginn prangt das scheinbar unscheinbare Foto einer Küche auf der Leinwand. Leicht zu übersehen: rotbraune Spritzer an der Wand, auf die der gebürtige Rosenheimer mit Wohnsitz in Köln pflichtschuldigst hinweist. Blut oder doch nur Tomatensoße? Das ist hier die Frage. Ein Zimmer weiter liegt noch die Bettwäsche im Design des Fußball-Bundesligisten Bayern München neben den beiden Fernsehern, die Mark Benecke dem jüngeren Teil des Publikums halb scherzhaft als Kathodenstrahler vorstellt. Übergangslos geht es ins Wohnzimmer weiter. Dort sitzt ein toter Mann mit freiem Oberkörper in einem dunklen Sessel. Dem Zustand der Leiche zufolge hatte er es sich ganz offensichtlich nicht erst zur Tagesschau am Vorabend dort bequem gemacht. Teile des toten Körpers sind bereits in Auflösung begriffen, andere Stellen wiederum sind von weißen Maden bedeckt. „So sehen Sie auch einmal aus", sagt der 54-Jährige in das dezente Aufstöhnen seiner Zuhörer hinein. Der von Stelle zu Stelle abweichende Erhaltungszustand der Leiche erklärt sich durch das unterschiedliche Mikroklima: Manche Körperteile lagen etwas mehr im Luftzug und trockneten deshalb aus. Die Insektenlarven wiederum machen sich nur über feuchte Stellen her. Ein Befall mitten auf der Brust könnte also auf eine Verletzung hindeuten.

Woran der Mann letztlich gestorben ist bleibt allerdings unbekannt. Obwohl Mark Benecke ständig mit Leichen zu tun hat, erfährt er oftmals nicht die Todesursache. Sie festzustellen ist schließlich Aufgabe der Rechtsmediziner: „Ich bin Biologe und kein Arzt." Benecke konzentriert sich auf das Messen und Experimentieren. Die Interpretation der Ergebnisse überlässt er Polizei und Gericht. Wie strukturiert der umfangreich tätowierte Insektenkundler zu Werke geht, zeigt sich schon vor der gut dreistündigen Veranstaltung im Umgang mit den Fans, deren Schlange einmal quer durch den Saal reicht. Möglichst vielen will er ein Selfie oder ein Autogramm ermöglichen, aber eine Viertelstunde vor Beginn der Gruselshow wird abgebrochen. Ein zweiter Versuch ist erst wieder in der exakt dreißigminütigen Pause möglich, deren Ende von einem Wolfsgeheul eingeläutet wird. Nach dessen Abklingen dürfen die Besucher abstimmen, ob sie einen Kurzfilm über verwesende Ferkel sehen wollen. Erstaunlicherweise entscheidet sich die Mehrheit für das Werk, das dem Horrorfilm-Regisseur Jörg Buttgereit zu eklig war, weshalb er sich auf die Rolle des künstlerischen Leiters beschränkte. Sieben Tage lang zersetzten sich die Ferkel mit Hilfe von Maden bis auf die Knochen – beobachtet von Beneckes fast ausschließlich weiblicher und offenbar olfaktorisch abgestumpfter Studentenschar. Eine andere Art des Horrors gab es zum Schluss, als Benecke auf die medizinischen Verwendungsweisen von Maden hinwies. Bei zwei noch lebenden Frauen beispielsweise, denen die Schädeldecke entfernt worden war, beseitigten die Tiere Fäulnisspuren im Gehirn. Unbehandelte Krebserkrankungen hatten dazu geführt. Ohne die reinigenden Maden wären die Frauen – ebenso wie ein Mann mit madenüberzogenem Unterschenkel – längst gestorben. Für Andreas Mihatsch, den Chef des Tourveranstalters Expedition Erde ist Mark Benecke ein Phänomen, der mit wissenschaftlicher Präzision spannende Themen präsentiert: „Wir hätten 300 bis 400 Karten mehr verkaufen können."

Würde mein Haustier mich nach meinen Tod fressen? Ja

Quelle: Stern, Wissen, 16. Februar 2025

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Von Nicole Simon

Wer allein zu Hause stirbt, muss damit rechnen, von seinem Haustier angefressen zu werden. Katzen etwa verspeisen gern die Lippen. Doch auch ganz andere Tiere beißen zu.

Die Polizisten erwartete ein grausiges Bild, als sie die Wohnung eines 53-jährigen Mannes betraten. Die Leiche des Verstorbenen lag auf dem Rücken, Teile des Gesichts, seines Halses, seiner Brust und seines rechten Oberarms fehlten. Ein Fragment von Lungengewebe fand sich neben seinem linken Bein, während der Boden der Küche im Erdgeschoss mit Abfällen übersät war. So beschrieben vier Forschende den Fund vor Jahren in einer amerikanischen Fachzeitschrift. Und noch etwas erwähnten sie: “Ein deutscher Schäferhund, der dem Verstorben gehört hatte, befand sich am Tatort.”

Warum gerade dieses Detail so wichtig ist, ergibt sich aus dem Namen der Veröffentlichung: “Postmortale Verletzungen durch Haustiere.” Vier Fälle von Leichenfraß durch Hunde und Katzen beschreiben die Forschenden darin. Der 53-jährige Mann, der an Diabetes und Herzproblemen litt und eines natürlichen Todes starb, war einer von ihnen.

Geht man in den Datenbanken der Wissenschaft auf die Suche, findet man Dutzende dieser Berichte. Auch wenn kein Besitzer gern darüber nachdenkt, aber sollte man allein in seiner Wohnung sterben, kann der Körper für die geliebten Fellpfoten buchstäblich zu einem gefundenen Fressen werden.

“Ich habe schon einige Leichen gesehen, die von Haustieren angefressen wurden”, erzählt der Kriminalbiologe Mark Benecke. “Früher kam das häufiger vor, als es keine Pflegeversicherung gab und die Menschen auch aufgrund von psychischen Störungen, Alkoholismus oder Drogenmissbrauch noch ganz anders sozial vereinsamt sind.”

Einsamkeit und Isolation sind wahrscheinlich die wichtigsten Stichworte bei diesen Funden. Die wenigsten Haustiere machen sich direkt nachdem das Herz ihrer Besitzerin und Besitzer nicht mehr schlägt, über deren Leichnam her. In der Regel werden Verstorbene gefunden, bevor die pelzigen Gefährten zu fressen beginnen. Hunde machen zudem oft durch Bellen und Winseln auf sich aufmerksam, wenn sie sich zurückgelassen fühlen.

Was aber, wenn sich niemand Sorgen um den älteren Nachbarn macht? Wenn das Bellen nebenan zwar stört, aber niemanden alarmiert? Dann kann es tatsächlich zu Szenen wie der oben beschriebenen kommen. “Aasfresserei von Wirbeltieren an menschlichen Überresten ist ein häufiges Phänomen bei der forensischen Untersuchung von Fällen weltweit”, schreibt die Humanbiologin Sandra Lösch von der Universität Bern in der Fachzeitschrift “Forensic Science”. Genaue Zahlen fehlen allerdings, da sie nicht systematisch erfasst werden. Auch weiß man noch nicht, wie genau es dazu kommt.

Einige Forschende gehen davon aus, dass Hunde und Katzen mit Lecken im Gesicht versuchen, den Menschen zu wecken. Möglicherweise geht das Lecken irgendwann in Beißen über. Mark Benecke vermutet, dass Hunger und Durst die größte Motivation sind, den Leichnam zu fressen.

Auch spielen die Rasse und das Sozialverhalten der Tiere eine Rolle.

Was hat dich dazu gebracht, dich für Tiere einzusetzen?

Quelle: Tierschutzpartei / PARTEI MENSCH UMWELT TIERSCHUTZ

Foto: Julian Pawlowski

Dr. Mark Benecke ist nicht nur Kriminalbiologe, sondern auch eine bekannte Stimme für den Tierschutz. Wir haben ihn interviewt, weil er seit Jahren öffentlich für die Rechte der Tiere einsteht – mit klaren, direkten Worten. In den nächsten drei Beiträgen teilen wir seine Antworten auf unsere Fragen zum Tierschutz und zur politischen Verantwortung.

Heute erzählt er, warum es für ihn nie eine Frage war, sich für Tiere einzusetzen – und wie ein TV-Auftritt ihn in der öffentlichen Wahrnehmung als Tierrechtsstimme bekannt machte.

Unsere erste Frage: Was hat dich dazu gebracht, dich für Tiere einzusetzen?

Seine Antwort:

"Fand ich selbstverständlich. Ich habe schon als Kind in einem Schulaufsatz geschrieben, dass ich es unangenehm und rätselhaft finde, dass Schweine in Lastwagen neben unserem Familienauto herfahren.

Für die öffentliche Wirkung hat ein im Internet immer noch weit verbreiteter Auftritt bei der Fernsehsendung 'Hart aber fair' des WDR gesorgt. Dort war die esoterisch angehauchte Barbara Rütting die einzige, die menschlich gesprochen hat. Die anderen Teilnehmer (alles Männer) aus der Unterhaltungs-, Tier- und Fleischindustrie waren wie gezeichnete Karikaturen restlos veralteter, der Wirklichkeit entrückter Herren.

Später hat PETA mich als Botschafter für Meerestiere angesprochen und mir in Ruhe und Freundlichkeit immer gute Hinweise gegeben."

Edgar Allan Poes Grab in Baltimore 🪦

Schnecken, Raben & Vampire: Das Grab von Edgar Allan Poe in Baltimore 🦇 🖤 ⚰️

Selten allein

Ausstellungseröffnung mit Mark Benecke: 28. Februar 2025

Im EinkaufsBahnhof Dresden, ab ca. 13 Uhr

Mehr Infos auf www.seltenallein.de

„Wie bei einer verkorksten Bahnfahrt ist das Leben mit einer Seltenen Erkrankung eine Reise ins Ungewisse. Die Ausstellung Selten allein. Unsere Kunst macht anderen Mut zeigt, dass niemand diesen Weg alleine erleben muss.“ – Dr. Mark Benecke

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Seltenen Erkrankung. Viele von ihnen erleben jahrelange Irrwege auf der Suche nach einer Diagnose oder Therapie, oft begleitet von Unsicherheit und fehlender Sichtbarkeit. Der Rare Disease Day macht am letzten Tag im Februar weltweit auf diese Realität aufmerksam – und zeigt gleichzeitig, dass niemand allein ist.

Ein besonderer Ort der Begegnung entsteht am 28. Februar 2025 in Dresden: Die Ausstellung „selten allein“ gibt Menschen mit Seltenen Erkrankungen eine Stimme. Ihre Kunst erzählt persönliche Geschichten, macht Mut und lädt dazu ein, eine oft übersehene Lebensrealität kennenzulernen.

Wir freuen uns, dass Dr. Mark Benecke die Schirmherrschaft übernommen hat und bei der Eröffnung sprechen wird. Denn Seltene Erkrankungen sind mehr als medizinische Diagnosen – sie sind echte Geschichten, reale Herausforderungen und oft auch faszinierende wissenschaftliche Rätsel, die noch nicht vollständig gelöst sind. Die Ausstellung richtet sich an alle, die sich für Kunst, Wissenschaft und das Leben mit Seltenen Erkrankungen interessieren. Für Betroffene ist sie ein Ort des Wiedererkennens und der Verbindung, für alle anderen eine Gelegenheit, neue Perspektiven zu entdecken.

Noch mehr spannende Fakten rund um Seltene Erkrankungen gibt es in der Videoreihe von Mark Benecke auf YouTube

„selten allein“ ist eine gemeinsame Aktion von Mein EinkaufsBahnhof, Ketchum, IKK classic und Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) e.V. 

#SeltenAllein #SelteneErkrankungen #RareDiseaseDay #Ausstellung #ReiseInsUngewisse #WissenschaftlicheRätsel #MarkBenecke #Forensik

„Das ist reine Spurensuche“

Quelle: Pforzheimer Zeitung, 24. Januar 2025, Nummer 19, Seite 18

Von Steffen Reinhold

Mark Benecke ist ein Medienstar: Der promovierte Kriminalbiologe unterhält mit seinen rund 150 wissenschaftlichen Vorträgen pro Jahr eine große Anhängerschaft im gesamten deutschsprachigen Raum. Der breiteren Öffentlichkeit ist Benecke auch durch seine Bücher, Videos bei YouTube und seine Gastkommentare in den Fernsehserien „Medical Detectives“ und „Autopsie – Mysteriöse Todesfälle“ bekannt, welche die Aufklärung realer Kriminalfälle zeigen und die hierbei eingesetzten, meist wissenschaftlichen Methoden in den Mittelpunkt stellen. Benecke fesselt seine Zuhörer in den Veranstaltungen gekonnt unterhaltsam zu unterschiedlichen Themen wie „Serienmord“, „Insekten auf Leichen“, „Mord im geschlossenen Raum“ und dergleichen. Für zartbesaitete Gemüter ist das nicht immer passend und daher sind die meisten Veranstaltungen mit Altersbeschränkung versehen.

Am Mittwochabend gastierte Mark Benecke im Großen Saal des CongressCentrums Pforzheim (CCP) vor rund 1500 Zuhörerinnen und Zuhörern. Titel des Vortrages war diesmal „Blutspuren“. Wer hier eine blutrünstige Horrorshow erwartet hatte, kennt Benecke schlecht: Er fühlt sich rein der Wissenschaft verpflichtet. Seine Arbeit bestehe nur aus Zahlen, Messergebnissen, Sortieren und Untersuchen. „Das ist Spurenkunde und keine Prime-Crimetime“. Denn Kriminalistik habe nichts mit Meinungen zu tun, so der forensischen Biologe. Dennoch warnte Benecke vor dem Beginn seines Vortrages davor, dass es einigen unwohl werden könne im Saal, wenn sie „kein Blut sehen könnten“. Und so kam es auch: Viele Zuhörer verließen beim Anblick von Blutlachen und Beneckes sachlichen Ausführungen über abgetrennte Köpfe den Saal.

Benecke führte fundiert durch den langen Abend. Bei seiner detaillierten Analyse von Blutspuren war er dabei nie langweilig. Zwischendrin konnte er sich aber einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen sowie seie humorvolle Kritik an Fleischessern: „Sie kaufen Leichenscheibchen von geköpften Tieren im Supermarkt.“ Dies führte zu vielen Lachern.

Die Zuhöhrer konnten lernen, dass bei einer Enthauptung das Blut nicht spritzt und gurgelt wie in Zombiefilmen. Dabei komme es auch auf den Schnitt und die Schärfe der Waffe sowie das Anwinkeln des Kopfes an. „Postmortale Herumklugscheißerei“ sei nicht seins.

Anhand eines Mordfalls mit zwei enthaupteten Frauen erkläre er dem Publikum anhand von Tatortfotos die Unterschiede von Blutspritzern und wie diese zu bewerten seien. Je nach Spritzwinkel bilden sich Blutnasen, -tropfen oder „Kaulquappen“. Blutige Textilien übertragen ihre Muster meist auf Fußböden, Wänden oder dergleichen. Beim Wegwischen von Blut seien männliche Täter meist traumatisiert und würden das Putzen abbrechen. Benecke war seinerzeit auch beauftragt worden, Dutzende Videos von Enthauptungen durch Terroristen der Al-Qaida nach Echtheit zu beurteilen und konnte dem atemlosen Publikum seine Ergebnisse erläutern. Selbst das Grinsen des abgetrennten Kopfes und der relativ geringe Blutaustritt wurden von Benecke wissenschaftlich erklärt und die Videos als „sehr wahrscheinlich echt” klassifiziert.

Trotz viel Blut, Mord und Totschlag ging ein spannender und informativer Abend friedlich zu Ende.

Klimawandel, Serienmörder und Vampire

Quelle: this is vegan, 14. Januar 2025

Klimawandel, Serienmörder und Vampire – Dr. Mark Benecke im Interview

Was verbindet Adolf Hitlers mutmaßlichen Schädel, Vampirismus und Veganismus? In dieser besonderen Folge des „Plantbased Podcast“ sprechen wir mit Dipl.-Biol. Dr. rer. medic., M.Sc., Ph.D. Mark Benecke, dem bekanntesten Kriminalbiologen Deutschlands, über seine spektakulären Fälle und sein Engagement für eine bessere Welt. Bekannt aus TV-Dokumentationen und als Bestsellerautor, gibt Mark uns faszinierende Einblicke in seine Arbeit, seine Einstellung zum Leben und seine Motivation, vegan zu leben. Wir sprechen über spektakuläre Fälle, die er untersucht hat – von Hitlers mutmaßlichem Schädel bis hin zu real existierendem Vampirismus – sowie über die Herausforderungen des Klimawandels und was wir aktiv dagegen tun können.

Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe - Dr. Mark Benecke - Foto: Christoph Hardt

Mark, der für seine Ehrlichkeit und seinen wissenschaftlichen Ansatz bekannt ist, teilt auch seine Reise hin zum Veganismus und warum er HappyCow–Top-Bewerter wurde. Dieses Interview ist ein Muss für alle, die nicht nur von True Crime fasziniert sind, sondern auch an Tierschutz, Veganismus und Klimaschutz interessiert sind.

Das erwartet dich im Interview & Podcast mit Dr. Mark Benecke:

  • Warum Veganismus laut Mark Benecke eine der schnellsten Lösungen für den Klimawandel ist.

  • Was Mark Benecke in Gesprächen mit Serienmördern wie Luis Alfredo Garavito lernte.

  • Warum Mark Benecke die Nutzung tierischer Produkte in Zoos für ein großes Problem hält.

  • Lerne, warum der Kriminalbiologe den Tod als rein wissenschaftlichen Prozess betrachtet.

  • Wie Mark und seine Frau Europas größte Studie über Real-Life-Vampirismus durchführten.

  • Warum Mark findet, dass Meinungen nichts mit Wissenschaft zu tun haben.

  • Warum Mark Benecke ermahnt, dass wir uns vom Mythos des Klimawandel-Anpassens verabschieden müssen.

  • Finde heraus, wie Mark Benecke die Untersuchung von Adolf Hitlers mutmaßlichem Schädel in Moskau erlebte.

  • Warum Mark Benecke von Lebensmittelkonzernen enttäuscht ist und wie sie vegane Optionen falsch vermarkten.

  • Die Wahrheit über den Einfluss von Zoos auf den Artenschutz.


Videopodcast auf YouTube anschauen:

Faszination Tod: 1400 Fans bei Mark Benecke

Quelle: Plauener Zeitung, 6. Januar 2025, Seite 11

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Kriminalbiologe Mark Benecke sorgte mit seinem Vortrag „Bakterien, Gerüche und Leichen“ am Samstag für eine ausverkaufte Plauener Festhalle. Besucher erfuhren etwas über die Chemie des Todes - und hatten dabei oft keinerlei Berührungsängste.

Von Thomas Voigt

Grün-bläulich schimmernde Leichenhaut, Insektenlarven, die an der wabernden Wundfront Zersetzungsprozesse in Gang setzen und Gerüche, die durch Bakterien verursacht werden. All das gehört zum Kosmos von Mark Benecke. Der bekannte Kriminalbiologe, der die Toten akribisch nach dem Ausschlussverfahren analysiert, sorgte am Samstag mit seinem Programm „Bakterien, Gerüche und Leichen“ für eine ausverkaufte Festhalle. Gespannt verfolgten 1400 Besucher dem nicht alltäglichen Vortrag des Spezialisten. Bevor der 55-Jährige auf Fäulniserscheinungen, verwesende Körper und Zusammenhänge in der Natur einging, gab er dem Publikum die Gelegenheit für Autogramme und Fotos.

Auf die Einhaltung von Regeln legte der Gast großen Wert. Als alle wieder auf ihren Plätzen saßen, erklärte der bekannte Forensiker dem Publikum minutenlang, wie es sich während seiner Ausführungen verhalten sollte. Benecke betonte, dass er es nicht unfreundlich meint aber auf bestimmte Dinge, die im Saal passieren, zuweilen empfindlich reagiert. Oberste Priorität: Tuscheln verboten. Bei Störungen oder wenn jemand - aus welchen Gründen auch immer - den Saal verlassen wolle, kündigte er eine kurze Pause an. Einige Male ist es dann auch passiert. Immer verbunden mit der Frage: „Möchte noch jemand rausgehen?“ Bis auf wenige Ausnahmen hielten sich die Gäste jedoch diszipliniert an die Spielregeln. Seine Fangemeinde wusste ohnehin, was auf sie zukommt.

Noch vor der Pause blendete Benecke eine im Bett liegende Frauenleiche ein, bei der die Selbstauflösung des Körpers begonnen hatte. Bei Benecke steht stets die Messung und nicht die flüchtige Interpretation im Vordergrund. Es geht um biologische Befunde, die etwas über die Todesumstände aussagen. Anhand der Farben und Faltenmuster auf der Haut leitete der Meister seines Fachs am verfallenden Körper viele Dinge ab. Er sprach über die Chemie des Todes und Kreisläufe des Lebens.

Letztere hätten die Menschen aus seiner Sicht völlig aus den Augen verloren. „Mir geht es auf den Wecker, dass niemand mehr weiß, wie die Natur funktioniert." Die Zuhörer erfuhren etwas über Mikroklimakanten, die durch Bakterien und Insekten entstehen. Gefräßige Fliegenlarven und Käfer-Kot hinterlassen bizarre Spuren an den menschlichen Überresten. Benecke, der zuweilen auch Humor versprühte, ging auf die Gerüche des Todes ein und verglich sie gar mit einer Parfümerie. Laut dem vom FBI ausgebildeten und international arbeitenden Kriminalbiologen, gibt es rund 100 Stoffe, die während der Verwesungsphasen verschiedene Fäulnisgerüche auslösen. Der Referent verglich sie mit verfaultem Kohl, Fleischkraftbrühe, ranzigem Milchfett und frisch gemähtem Gras. Die Palette reiche bis hin zu weinartigen Nuancen.

An diesem Abend lernten die Anwesenden so einiges über Verstorbene. Beispielsweise warum ihre Fingernägel und Haare noch wachsen und warum sie nach dem Tod nicht zunehmen, obwohl sie dicker aussehen. Die Vortragsgäste wurden mit Fäulnisblasen, Fettlachen und vertrockneten Leichenmuskeln konfrontiert.

Von den gezeigten Fotos und den Bildern im Kopf ließ sich Franziska Puchta aus Hof nicht schocken. „Ich bin Krankenschwester", verriet sie. „Ich hab ich oft mit Leichen zu tun und esse danach ganz normal mein Pausenbrot.“ Wie viele andere in der Halle ließ sich die junge Frau ein Buch von Benecke signieren. Auch die kleinen Tatort-Kärtchen – falls man mal zufällig eine Leiche findet – wanderten als Mitbringsel von der Veranstaltung in die Taschen der Festhallenbesucher. Tanja Schmidt aus Mülsen ließ sich bereits vor Veranstaltungsbeginn von der Ehefrau des biologischen Ermittlers eine Fledermaus aufs Handgelenk tätowieren. „Ich gehöre jetzt zu den MARKierten“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Im Februar 2024 hatte siesich für die Aktion im Internet beworben. Mit der Erkenntnis „Nach dem Tod ist noch richtig was los", trat sie den Nachhauseweg an. (tv)

Stare, Krähen und Lurche: Was Berlins Wildtiere so treiben

Quelle: Berliner Morgenpost, 8. Januar 2025

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Von Iris May

Ein Buch erklärt, wie Wildtiere sich Berlins Großstadt-Dschungel anpassen. Berlins bekanntester Biologe erläutert Situation der Vögel.

Berlin hat derzeit mehr als 3,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, so das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. In der Hauptstadt leben aber nicht nur Menschen und Haustiere – in Berlin waren 2023 insgesamt 131.440 Hunde im Stadtgebiet gemeldet – „sondern 20.000 Wildtierarten“, wie Marie Parakenings in ihrem Buch „Berliner Tiere“ vermerkt. Im „Guide für Naturbanausen und Stadtkinder“ hat die Berliner Illustratorin Witziges und Wissenswertes über 91 ausgewählte Tiere in Berlin gesammelt und sie dazu gezeichnet. Die beschriebenen Tiere passen sich perfekt an das Leben im Großstadt-Dschungel von Berlin an: Spatzen polstern ihr Nest mit Zigarettenstummeln aus, die Bahnhofsmäuse fressen Döner-Reste, Wildschweine und Krähen nutzen die Rotlicht-Phasen der Ampeln. Füchse jagen Ratten im Schlossgarten von Bellevue, Blattlaus-Kolonien genießen die saftigen Blätter am Prachtboulevard Unter den Linden.

Parakenings lebt „im wuseligen Neukölln“ und arbeitet als Illustratorin in Schöneweide. Die 30-Jährige ist in Berlin geboren und aufgewachsen und nehme „die ulkigen Verhaltensweisen“ der Tiere nicht nur im Alltag unter die Lupe. Sie habe im Rahmen der Langen Tage der Stadtnatur an zahlreichen Nabu-Führungen zur Tier- und Panzenwelt Berlins teilgenommen. Auf Ausügen habe sie immer ihr Fernglas dabei. Ihre analogen Collagen aus Foto und Fineliner-Zeichnung koloriert sie digital. „Es gibt kaum ein Tier, das ich nicht liebe,“ lacht die Autorin, die Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Weißensee studiert hat. „Wenn ich mich neben Staren auf drei weitere Lieblingstiere in Berlin beschränken müsste, wären das die Stadttaube, die zu unrecht als “Ratte der Lüfte” abgetan wird, der muskelbepackte Baum-Akrobat – das Eichhörnchen – oder der faszinierende Dauerflugkünstler: der Mauersegler.“

„Stare haben es mir besonders angetan“, schwärmt Buchautorin Parakenings. „Diese wunderschön lila, grün, bronze schillernden Vögel faszinieren mich sehr und ich liebe es sie zu beobachten, wie sie auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs oder am Alex herumtrippeln, sich in Pfützen baden oder frech Pommes von den Bistro-Tischen wegschnappen.“ Tatsächlich sind Stare begnadete Nachahmer: Sie können nicht nur das Klingeln von Smartphones täuschend echt nachpfeifen, sondern auch das Tür-Signal von Berliner S-Bahnen. Parakenings: „Dass sogar mal ein Fußballspiel abgesagt werden musste, weil Stare im Stadion die Schiri-Pfeife so originalgetreu nachgeahmt haben, dass die Spieler zu verwirrt waren, finde ich einfach verrückt und faszinierend.“ Stare kann man in Berlin in großen Schwärmen über der Museumsinsel, am Alexanderplatz oder am Hauptbahnhof sehen. Der bekannte Berliner Kriminalbiologe Mark Benecke, der seit Jahren Tiere in Berlin beobachtet und 2020 das Buch „Illustrirtes Thierleben“ veröffentlichte, erklärt: „Die Wellenbewegungen im großen Schwarm machen die Vögel weniger angreifbar.“ Für Benecke ist der Star „der coolste Vogel vom Hauptbahnhof.“ Leider stehen die 22 cm großen Zugvögel mittlerweile auf der Roten Liste bedrohter Arten, nur noch 25.000 Stare gibt es in Berlin. Vor 20 Jahren registrierte der Umweltsenat noch rund 40.000. Auch das Winterquartier der Stare in den Kastanien am Berliner Dom ist dezimiert: Berlins Stadtbäume sind gestresst, am Lustgarten mussten vor einem Jahr viele Kastanien wegen Pilzbefall gefällt werden.

Nebelkrähen haben laut „Berliner Tiere“-Buch am Hauptbahnhof einen Schaden von 11.000 Euro angerichtet, indem sie Steinchen auf die 4500 Glasscheiben fallen ließen und 2014 die Dichtungen des Glasdaches beschädigten. Die Tiere könnten dies aus Langeweile getan haben, vermutet Marie Parakenings. Laut Biologe Benecke imitieren Vögel gerne ihre Umgebung: Krähen hätten beispielsweise am Hauptbahnhof früher das Geräusch der Rollkoffer über den Pastersteinen nachgemacht. Biologe Mark Benecke beobachtet allerdings immer weniger Vögel in Berlin: „Seit zwei Jahren sieht es stockfinster aus, da nun auch die letzte Ecke zugebaut wird und Brut- und Nahrungsecken verschwunden sind.“ Das gelte auch für die Nachtigallen, die laut Benecke das Erkennungstier von Berlin waren. „Es ist still geworden in Berlin.“

Marie Parakenings beschreibt, wie intelligent Krähen Nüsse knacken: Indem sie sie bei roter Ampel auf die Straße legen und Autos drüber fahren lassen. Eigentlich bevorzugten Krähen Insekten, Spinnen, Beeren, Würmer oder Samen, so Biologe Benecke. Am Hackeschen Markt konsumierten die Krähen als „Notfall-Kost“ Reste von Zimtschnecken oder Currywurst. Er habe sie aber auch schon „Langos aus Müll-Containern oder auf dem Alex fressen sehen“.

Im Buch „Berliner Tiere“ erfährt man auch, dass Krähen Familiensinn besitzen und „in lebenslangen Partnerschaften“ leben. Ganz anders ist dies übrigens beim Rotkehlchen: „20 Prozent der Rotkehlchen bleiben ein Leben lang Single“ und leben in Männerschlafgemeinschaften, wie man an anderer Stelle im Buch lernt. Den Teichmolch aus der Familie der Schwanzlurche kann man in flachen Gewässern und Tümpeln in ganz Berlin finden. Die bis zu 11 Zentimeter langen Tiere gehen ab Februar auf Wanderschaft zu ihren Laichgewässern. Um Weibchen zu beeindrucken, legen sich die Männchen mächtig ins Zeug. Beim Teichmolch-Paartanz präsentiert das Männchen nicht nur seinen hohen gewellten Rückenkamm und den „knallorangenen Bauch“. Es fächelt dem Weibchen auch mit „peitschenartigen Schwanzbewegungen“ Sexualduftstoffe zu. Teichmolche werden bei ihren Wanderungen oft von Autos überfahren. Außerdem fallen immer mehr Kleingewässer als Lebensraum weg, wegen Zuschüttung, Müll, Dünger und Umweltgiften.

Berliner Tiere. Ein kleiner Guide für Naturbanausen & Stadtkinder, 153 Seiten, 19,90 Euro, gesehen bei Dussmann und S-Wert.

Autismus hinter den Kulissen

Hinter den Kulissen der Abschlusstagung des Projektes "SchAUT" (Schule & Autismus) 🦄 in der Humboldt-Universität Berlin (mit Goethe-Uni Frankfurt/Main & White Unicorn e.V.)

15. + 16. Mai 2024 😊

HappyCow Top Contributor Mark

Meet Mark (@markito_benecke), a longtime HappyCow explorer who’s posted over 700 reviews (and counting!). Travelling alongside his wife Ines (@azrael.ines), Mark relies on HappyCow to uncover plant-based gems—from hidden cat cafés to classic French eateries that don’t even advertise they’re vegan .

For him, every review is a way to give back and help fellow foodies discover new favorites—just like HappyCow has done for him so many times.

Find Mark on HappyCow at marky_mark

📸: @plantsofroselyn @udum.vegan @lepotagerdecharlotte @das_foersters: Fabian Neeser (Mark’s photo)

HappyCow: Tell us how it all started!

Mark: About 10 years ago, my wife Ines and I were in London near Elephant & Castle. Vegan spots were rare back then, so we relied on Happycow's listings to find decent places in our limited time.

Do you have a "HappyCow saved my life" moment?

Yes, almost every day we're on the road. As soon as we check into a hotel, we open HappyCow to find nearby vegan spots. We've discovered amazing neighborhoods just by following its listings.

Any standout places you'd recommend?

I love smaller, grassroots places — often tucked away in alternative neighborhoods. One fun option is the Katzentempel chain, where rescued cats roam around while you enjoy vegan dishes.

What's your most unforgettable meal? 

I like places that skip the big 'vegan' label yet still serve classic dishes in plant-based form. For example, there's one in Paris that does Coq au Vin, but you'd never know it was vegan.

Any destinations you want to visit next?

We sometimes joke about visiting the 'HappyCow headquarters', if that's even real. Otherwise, we're open to exploring any city that surprises us with new vegan finds.

What keeps you going as an active contributor?

I enjoy sorting everything and snapping food photos — it helps me remember what we've tried. More importantly, HappyCow saves us so much time that writing reviews is my way of giving back. I also hope people support older ecological spots in Eastern Europe so they don't vanish.

Heidi & Dracula auf der lit.cologne 2025

DEINE WELT SIND DIE ... SÄRGE!? WIE VIEL „DRACULA" STECKT IN „HEIDI"?

Mark Benecke, Peter Otto Büttner und Mavie Hörbiger über zwei Ikonen der Weltliteratur

28. März 2025 | 20:00 Uhr | Stadthalle Köln

Moderation: Tobias Rüther

Gespräch mit Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke zu Artensterben, Bleimunition und der Zukunft der Jagd

Quelle: VGT – VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN

Dr. Mark Benecke, renommierter Kriminalbiologe, Autor, Politiker und Schauspieler im Interview mit Dr. Rudolf Winkelmayer, Initiator des Volksbegehrens „Für ein Bundes-Jagdgesetz“. Diskutiert werden das Artensterben, die Prädatorenbejagung, Alternativen zur Bleimunition und die Zukunft der Jagd. Marks Motto: Zahlen statt Meinungen und Tiere einfach mal in Ruhe lassen!

Rudolf Winkelmayer: Den Wildtieren Österreichs geht es denkbar schlecht. Ihre Zahl schrumpfte seit 1986 um 70 %. Trotzdem sind immer noch gefährdete Tierarten als jagdbar in den Landesjagdgesetzen angeführt. Wie erlebst du das Artensterben und welche Konsequenzen hat es für Mensch, Tier und Umwelt?

Mark Benecke: Laut mehrerer Langzeitstudien ist die Biomasse der Insekten in Deutschland in den letzten 30 Jahren um 75 % zurückgegangen. Sichtbar schwinden auch Singvögel und Amphibien, ein echter Kahlschlag. Wir leben, klar gemessen, im größten Artensterben seit Menschen auf der Erde existieren. Es ist das sechste große Massensterben, seit es überhaupt Leben auf der Erde gibt.

Arten, die nicht an die Wärme und die verschwindenden Lebensräume angepasst sind, verschwinden weltweit. Ob Tiere für den Autobahnausbau, für die Jagd oder für Klopapierwälder sterben, macht biologisch keinen Unterschied. Die Zeit des Ausbeutens, Ausnützens und Ausdünnens der Tierwelt muss enden, falls wir Menschen lebenswert weiter machen möchten. Es ist wichtig, aber auch einfach, Naturräume, Tiere und Pflanzen in Ruhe zu lassen.

Wie stellt sich die gnadenlose Bejagung von Prädatoren (wie z.B. Füchsen) hinsichtlich der Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen dar? Stichwort: Hege!

Diese Bejagung ist biologisch unsinnig. Je höher wir in der Pyramide der Lebenskreisläufe kommen, umso mehr sehen wir, dass Nahrungsnetze von Tieren an der Spitze der Nahrungspyramiden abhängig sind und in gesundem Zustand gehalten werden. Natürliche Gleichgewichte stellen sich von selbst ein und sind neben allen möglichen Winzlingen vor allem durch die jagenden Tiere gegeben. Das entzieht sich unserer menschlichen Bewertung. Mit Naturschutz und Biodiversität hat die "Hege" biologisch nichts zu tun.

Jährlich wird die Umwelt in Österreich durch Tonnen an Blei aus Munition vergiftet. Drei Schrotschüsse mit einer Standardschrotpatrone enthalten 10 dag Blei. Jäger:innen argumentieren nicht auf Stahlkugeln (nicht Stahlschrot) umsteigen zu wollen, da wissenschaftliche Grundlagen zur Wirksamkeit und Geschwindigkeit der Tötung fehlen. Was denkst du als Kriminalbiologe dazu?

Die Waffen- und Herstellerindustrie für Geschosse ist eine große und stark wachsende Industrie. Wenn es ein Problem nicht gibt, dann ist es die Neu- und Weiterentwicklung von Schusswaffen, Patronen und Geschossen. Als Kriminalbiologe rede ich manchmal mit Herstellerfirmen und Schusswaffenexpert:innen. Es ist wohl eher ein Problem der Nachfrage nach bleifreier Munition. Blei wäre garantiert ersetzbar. Wenn man Tiere in Ruhe lässt, entsteht das Problem aber erst gar nicht.

Wie kann sich die Jagdpraxis in 10 Jahren darstellen? Wie wünschst du sie dir und was ist realistisch?

Ich bin in den 1970er Jahren geboren und aufgewachsen und habe die Bemühungen von damals als Kind und Jugendlicher mitbekommen. Schon damals sagten die Menschen dasselbe, wie die weltweite Forschungsgesellschaft heute. Sichtbar ist jetzt, dass es so viele Bionetzwerks-Störpunkte und gleichsam heraus gerissene Knoten im Netz des Lebens gibt, dass nur eine Anpassung an das, was uns die Umwelt überhaupt noch erlaubt, auch im Bereich der Jagd, möglich ist. Wenn südamerikanische Wälder weiter abgeholzt und verbrannt werden, verändert sich das gesamte Waldsystem, auch das nicht abgeholzte, zu Graslandschaften. Ähnlich wie früher durch die Rodungen der Römer in Europa. Nachdem wir nun immer wieder die wärmsten Monate und Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen haben, ist es mehr als sinnvoll, natürliche Wälder zu erhalten: Es ist das Allermindeste, was gar nicht mehr verhandelbar ist. Nur alte Wälder sind eine CO2- Senke. Aber sie sind auch eine Erholungsoase für die körperliche und geistige Gesundheit der Menschen, natürlich ohne Jagd und nur auf festen Wegen.

Tiere wie die Nosferatu-Spinne, die Blaue Holzbiene und die Gottesanbeterin sind in wenigen Jahren über tausende von Kilometern eingewandert, so etwas gab es noch nie und verdeutlicht den biologisch gesehen blitzschnellen Wandel. Ich sehe aus keinem biologischen Blickwinkel einen Sinn in der Jagd.

Vielen Dank für das Interview!

Kriminalbiologie & Klimawandel

Quelle: Acher- und Bühler Bote / Badische Neueste Nachrichten (BNN)

Von Wilfried Lienhard

Wie kommen Sie von der Kriminalbiologie zum Klimawandel?

Mark Benecke: Die Umweltveränderungen sind an Tieren und Pflanzen schon lange zu erkennen. Viele sterben, andere wandern schneller als je zuvor in die letzten noch für sie besiedelbaren Gebiete. Das betrifft mich in meiner Arbeit seit dem Jahr 2003. Damals haben wir erstmals an Leichen im Studierendenkurs super viele Wespen gesehen. Besonders die blauen "Brummer"-Fliegen, deren Larven wir zur Bestimmung der Leichen-Liegezeit gerne verwenden, hat die Hitze geschafft. Sie kennen es aber sicher auch von den seit etwa fünf Jahren auf einmal eingewanderten Nosferatu-Spinnen, blauen Holzbienen und Gottesanbeterinnen.

Ich liebe vor allem Leben. Doch nicht nur die Insekten sind weg, sondern auch Regenwürmer, Frösche und Singvögel. Es wird einsam und das ist zum Heulen.

Ich fand die Klima-Veränderungen übrigens schon immer interessant. In meinem ersten Buch von 1998 handelt bereits ein ganzes Kapitel vom Klimawandel. Es hat auch andere interessiert: Das Buch ist bis heute in Neu-Auflagen erhältlich.

Ihren Vortrag betiteln Sie „Klima: Endspiel“. Wer ist der Gegner in diesem Finale?

Der Titel stammt vom Veranstalter. Meine Serie heißt 'Time is up' mit den immer neuesten Messungen zur Umwelt. Gegnerschaft ist es nicht, sondern eine 'Ist mir doch egal'-Haltung. Das klarste Beispiel dafür sind Menschen, die Tier-Produkte verwenden. Jede und jeder weiß, wie fürchterlich die Tiere behandelt werden und welche Umwelt-Schäden dadurch auftreten. Aber die meisten juckt es nicht. Sie verzehren weiter Schinken und Kuhmilch. 

Wenn überhaupt, dann ist der Gegner des Menschen der Mensch selbst. Denn es geht ja auch uns Menschen an den Kragen.

Bei welcher Temperatur stehen wir Ihrer Meinung nach am Ende dieses Jahrhunderts?

Das hängt davon ab, wieviel Erdöl wir verbrennen, wie viele Wälder wir vernichten und ob wir vielleicht mal insgesamt weniger verbrauchen, auch Kleidung und Elektronik. 

Das angebliche 1,5-Grad-Ziel gibt es jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr, weil es hinter uns liegt. Wir haben die Marke gerissen, und auch die Zweigrad-Marke reißen wir ganz sicher bald.

Was bedeutet das dann für das Leben auf der Erde?

Die sechste, jetzt ja schon deutlich messbare Massen-Auslöschung von Arten. Für Menschen: Schwindende Lebensqualität, um es mal sehr vorsichtig zu sagen.

Sie sind promovierter Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Ausbilder an deutschen Polizeischulen, Gastdozent in den USA, Autor populärwissenschaftlicher Bücher – Wissenschaftler durch und durch also. Spüren Sie auch die Folgen der zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit?

Ich spüre eher, dass Menschen mit Lügen immer besser leben können.  

Wie problematisch ist das gerade beim Thema Klimawandel?

Das ständige Lügen und der Selbstbetrug? Es führt dazu, dass schon die kleinsten Schritte — Begrünung von Mauern und Wänden, Entsiegelung von Städten, Umstellung auf pflanzliche Ernährung und öffentlichen Verkehr — nicht stattfinden. Stattdessen zeigen viele auf ihre Nachbarn, China, die USA, "die" Politik oder irgendwen, der angeblich gerade viele schlimmer ist. 

Das ist eine Mischung aus Faulheit und Wirklichkeitsverleugnung. Kein Mensch muss Naturwissenschaften spannend finden. Aber eine Messung wie auf einer Küchenwaage, die jemand ohne schwierige Worte erklärt und die von ganz verschiedenen Messenden bestätigt ist: Die setze ich doch auch beim Backen und Kochen ohne Herumgerede ein und um. 

So ist es auch mit dem Arten-Verlust und der Erd-Erwärmung. Was dagegen hilft, versteht jedes Kind. Einfach mitmachen statt rumeiern und schwatzen.

Was müsste geschehen, um die Folgen des Klimawandels abzumildern? 

Fluten, Brände und Ernte-Ausfälle lassen sich nicht abmildern. Was hilft, ist vorzubeugen, so dass sie möglichst selten auftreten. Ist übrigens wie in der Kriminalistik: Derzeit soll ein Programm mit Intensiv-Täterinnen und -Täter eingeschmolzen werden. Natürlich kosten die Taten hinterher viel mehr als die Vorbeugung. Aber irgendwer glaubt offenbar, dass sich begangene Morde und Raubüberfälle hinterher abmildern lassen. Dazu müsste man dann aber wohl in der Zeit zurück reisen.

Letzte Frage: Wie viele Stimmen erhoffen Sie sich bei der OB-Wahl in Köln?  

Letztes Mal, das war im Jahr 2015, wurde ich dritter. Da ich diesmal auch meine Paten-Tante aus Bayern sowie eine Freundin aus dem Erzgebirge hinter mir weiß, sollte es für Platz eins reichen. 

Ehrlich gesagt gibt es außer mir auch keine Kandidatinnen oder Kandidaten mit einem vernünftigen Programm. Ich hingegen fordere bürgernah den Rückbau der Kölner Oper: Sie wird seit 2012 "saniert" und frisst alles Geld auf, was die Stadt woanders braucht. Außerdem Straßenreinigung mit Kölnisch Wasser und freie Sicht auf den Kölner Dom weltweit. 

Seit meiner Aufstellung haben wir auch schon allerhand interessante Angebote erhalten. Bei mir gilt: Ich will, was ihr wollt. Das wird also schön.


Quelle: Bühler Bote, 8. November 2024, Ausgabe Nr. 259, Seite 25

„Dr. Made“ macht klare Klima-Ansage

Der Kriminalbiologe Mark Benecke kommt für einen Vortrag über den Klimawandel nach Bühl

Von Wilfried Lienhard

Bühl. Beginnen wir mit einem steilen Vergleich: Wo Mark Benecke ist, ist der Tod nicht weit. Der Kriminalbiologe hat mit seiner Expertise manche Ermittlung aus der Sackgasse geholt. In Büchern wie „Mordmethoden“, „Mordspuren“ oder „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ erzählt der laut Verlag „bekannteste Kriminalbiologe der Welt“ von spektakulären Kriminalfällen, in denen schon mal Maden und Larven eine wichtige Rolle spielen.

Seit Jahren treibt ihn aber ein weiteres Thema gewaltig um. Doch auch da ist der Tod nicht weit. Es ist der Klimawandel. In Vorträgen fasst der Wissenschaftler den Forschungsstand zusammen und benennt die Folgen, die eintreten können, wenn sich nichts ändert. Jetzt kommt er nach Bühl: Im Bürgerhaus Neuer Markt beginnt am Freitag, 15. November, um 18 Uhr der vom Gemeinwohl-Forum Baden veranstaltete Vortrag „Klima: Endspiel“.

Endspiel: Das klingt dramatisch. Der Titel stamme vom Veranstalter. Er selbst nennt seine Vortragsreihe „time is up“. Die Zeit ist abgelaufen. Der Endspielgegner des Menschen sei der Mensch selbst: „Denn es geht ja auch uns Menschen and den Kragen“. Da ist sie wieder, die Nähe zum Tod.

Die Umweltveränderungen seien an Tieren und Pflanzen schon lange zu erkennen: „Viele sterben, andere wandern schneller als je zuvor in die letzten noch für sie besiedelbaren Gebiete.“

Dabei liebe er vor allem das Leben: „Doch nicht nur die Insekten sind weg, sondern auch Regenwürmer, Frösche und Singvögel. Es wird einsam, und das ist zum Heulen.“

Wie es auf der Erde am Ende dieses Jahrhunderts aussehe, hänge davon ab, „wie viel Erdöl wir verbrennen, wie viele Wälder wir vernichten und ob wir vielleicht mal insgesamt weniger verbrauchen, auch Kleidung und Elektronik.“

Das angebliche 1,5-Grad-Ziel sei schon seit Jahren gerissen, „und auch die Zwei-Grad-Marke reißen wir ganz sicher bald“. Die Folgen: „Die sechste jetzt ja schon deutlich messbare Massenauslöschung von Arten. Für Menschen: schwindende Lebensqualität, um es mal sehr vorsichtig zu sagen.“

Fluten, Brände und Ernteausfälle ließen sich nicht abmildern. Vorbeugen könne helfen, dass solche Katastrophen möglichst selten auftreten. „Das ist übrigens wie in der Kriminalistik: Derzeit soll ein Programm it Intensiv-Täterinnen und -Tätern eingeschmolzen werden. Natürlich kosten die Taten hinterher viel mehr als die Vorbeugung. Aber irgendwer glaubt offenbar, dass sich begangene Morde und Raubüberfälle hinterher abmildern lassen. Dazu müsste man dann aber wohl in der Zeit zurückreisen.“

Seit 2003 ist Benecke mit dem Thema konfrontiert (ein Kapitel widmete er dem Klimawandel 1998 schon in seinem ersten Buch): „Damals haben wir erstmals Leichen im Studierendenkurs super viel Wespen gesehen. Besonders die blauen Brummer-Fliegen, deren Larven wir zur Bestimmung der leichen-Liegezeit gerne verwenden, hat die Hitze geschafft.“ Benecke ist seither auf vielen Kanälen unterwegs. Der promovierte Kriminalbiologe ist Spezialst für forensische Entomologie, Ausbilder an deutschen Polizeischulen, Gastdozent in den USA, Autor populärwissenschaftlicher Bücher und auch aus Funk und Fernsehen bekannt. „Nebenbei“ ist er seit 2011 Vorsitzender des Vereins „Pro Tattoo“, hat 2015 für „Die Partei“für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters kandidiert und tut es jetzt wieder.

Bei so viel Wissenschaft: Bemerkt Benecke eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, das Bestreben, gesicherte Erkenntnisse infrage zu stellen? „Ich spüre eher, dass menschen mit Lügen immer besser leben können.“ Deshalb würden schon die kleinsten Schritte wie Begrünung von Mauern und Wänden, Entsiegelung von Städten, Umstellung auf pflanzliche Ernährung und öffentlichen Verkehr nicht gegangen: „Stattdessen zeigen viele auf ihre Nachbarn, China, die USA, „die“ Politik oder irgendwen, der angeblich gerade viel schlimmer ist.“

Für Benecke ist das eine Mischung aus Faulheit und Wirklichkeitsverleugnung: „Kein Mensch muss  Naturwissenschaften spannend finden. Aber eine Messung wie auf einer Küchenwaage, die jemand ohne schwierige Worte erklärt und die von ganz verschiedenen Messenden bestätigt ist: die setze ich doch auch beim Backen und Kochen ohne Herumgerede ein und um.“ So verhalte es sich auch mit dem Artenverlust und der Erderwärmung. „Was dagegen hilft, versteht jedes Kind. Einfach mitmachen statt rumeiern und schwatzen.“


Quelle: Acher- und Bühler Bote, 18. November 2024, Seite 23

Am Oberrhein wird es am heißesten

Biologe Mark Benecke stellt in Bühl Statistiken und Messungen zur schnellen Verschlechterung des Weltklimas vor

Von Martina Fuß

Bühl. Mark Benecke schießt Sätze wie Pistolenschüsse ab. In ungeheurer Geschwindigkeit treffen seine brisanten Aussagen auf viele gespannte Zuhörerinnen und Zuhörer im Bürgerhaus Neuer Markt in Bühl. Dort spricht er über das „Klima:Endspiel". So lautet der Titel seines Vortrags, zu dem der Verein Gemeinwohl-Forum-Baden eingeladen hatte.

Dessen Vorsitzender Frohmut Menze erklärte in seiner Begrüßung, warum der Verein Benecke eingeladen hat. „Wie kommt es, dass Europa und die Welt das Wissen und die Technik, das Geld und die Institutionen haben, um den Klimawandel spürbar einzudämmen – und es passiert nichts! Schlimmer, der CO,-Ausstoß war noch nie so hoch wie in diesem Jahr. Mark Benecke wird uns zu dieser Frage einige Erkenntnisse liefern."

Nun also Mark Benecke. Eine schillernde Person mit weit gestreuten Interessen und Kompetenzen. Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem sich der promovierte Wissenschaftler keine Meriten erworben hat. Er ist Kriminalbiologe, hat in New York gearbeitet, daneben viele erfolgreiche Bücher geschrieben, im Radio und Fernsehen Kriminalfälle gelöst und Kinder-Experimentierkästen herausgegeben. Neu entdeckte Tiere sind nach ihm bekannt.

Er hat Musik und Theater gemacht und ist auch noch als Politiker für „Die Partei" auf allen Eben aktiv. „Ich zeige Ihnen heute neue Informationen, nachdem in den letzten Wochen viel passiert ist", sagt greift er zur Ausgabe der BNN an diesem Tag. Auf nahezu jeder Seite gibt es Hinweise zum Klima. Der Wald, die Wiesen, der Nationalpark, Ameisen, die Asiatische Hornisse – die Beispiele sind vielfältig. „Glauben gibt es bei mir nicht, nur Zahlen und Messungen", sagt Benecke und zeigt Statistiken und Schaubilder, über die sich alle Wissenschaftler in allen Regionen der Welt einig sind und die gemeinsam herausgegeben werden. Benecke weiß solche wissenschaftlichen Darstellungen auch für Laien nachvollziehbar zu erklären.

Demnach steigt der CO2-Gehalt exorbitant an. Sprunghaft, ohne Messfehler, in einer Geschwindigkeit, die selbst für Wissenschaftler kaum zu glauben ist. Benecke benennt das Phänomen, das insbesondere seit Mitte letzten Jahres die Wissenschaft aufschreckt.

In den vergangenen Monaten gab es Waldbrände in Griechenland, riesige ausgetrocknete Flüsse in Lateinamerika, einen Höllensturm in den USA und die „nie da gewesene Regen-Katastrophe in Spanien". Unwetter in Polen, Italien, Österreich. „Ausgetrocknet, abgefackelt und überschwemmt und alles hat eine gegenseitig verstärkende Wirkung. Das macht deutlich, was gerade hundertfach in Europa passiert. Es sind super-extreme Wetterereignisse außerhalb jeglicher bisher bekannter Aufzeichnungen", sagt Benecke und belegt die Situation mit Bildern und Messungen.

Die Katastrophe setze sich fort in der Tierwelt, im Meer, bei den Nährstoffen in den Böden, an den Erd-Polen und leider auch in Mittelbaden. „Sie verstehen das Problem, es wird auch Sie in Bühl tref-fen", sagt er und zeigt eine Vorhersage der Temperaturentwicklung in Deutschland. Die heißeste Region wird der Oberrheingraben sein. Seit 1970 werde all das vorhergesagt, aber die Schnelligkeit der Veränderungen habe niemand erwartet. Dabei wüssten die Menschen, was passiert. Zumindest wissenschaftlich gesehen. „Dennoch findet Klimaschutz nicht statt, obwohl die Menschen in Europa und insbesondere im wirtschaftlich starken Deutschland den größten Handlungsspielraum haben. Stattdessen gibt es immer noch Klima-Leugner, deren Wissen weit unterhalb von Kindergarten-Niveau liegt." Der Blick 450 Millionen Jahre zurück zeige, dass es mehrere Artensterben auf der Erde gab. Die hätten aber alle sehr lange gedauert. Nicht nur ein paar Jahrzehnte.

Die Schlussfolgerungen könne die Zuhörerschaft selbst ziehen: Der Schlüssel liege im Verbrauch durch die Menschen. Der Handlungsspielraum, den jeder Einzelne nutzen könne sei, weniger zu kon-sumieren, weniger Tierprodukte zu nutzen, weniger wegzuwerfen, im Garten ein Arten-Refugium zu schaffen und umzustellen auf erneuerbare Energien. Atomkraft? „Damit haben wir ein Problem, das noch viel größer ist und zehntausende Jahre besteht", sagt Benecke.

Er empfiehlt, umgehend zu handeln: „In der Zeit, in der ich über andere schimpfe, kann ich schon selbst vieles getan haben."



Neue Forensik mit KI: Wie Bakterien Verbrecher überführen können

Quelle: RedaktionsNetzwerkDeutschland,
4. Dezember 2024; wortgleich auch bei KStA (Kölner Stadt-Anzeiger), 12. Januar 2025

Von Lucie Wittenberg

Die DNA-Analyse hat die Kriminalarbeit revolutioniert. Eine andere Art von Fingerabdruck könnte die Jagd nach Verbrechern künftig noch beschleunigen: Das Mikrobiom. Denn jeder Mensch auf der Welt hat sein ganz eigenes Bakterienmuster. Ein Gespräch über neue Arten der Forensik.

Egal, wie sehr wir putzen oder desinfizieren: Bakterien und Viren besiedeln jeden Menschen und jedes Lebewesen. Das sogenannte Mikrobiom, also die Gesamtheit aller Mikroorganismen, ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Das ist besonders für die Ermittlungsarbeit interessant.

Ein Forschungsteam an der schwedischen Universität Lund hat sich diese Einzigartigkeit zunutze gemacht und ein neues System zur Strafverfolgung entwickelt. Mit dem „Microbiome Geographic Population Structure“ (mGPS) können mikrobiologische Proben genau zugeordnet werden. Das funktioniert auch mit der Hilfe einer KI, die eine Probe mit hoher Genauigkeit zuordnen kann. Was die Forschungsarbeit für die Polizeiarbeit und die Forensik bedeutet, erklärt Mark Benecke. Er ist Sachverständiger für biologische Spuren und Forensiker.

Herr Benecke, was ist ein Mikrobiom eigentlich?

Mikrobiome sind die auf alle möglichen Umgebungen fein angepassten Lebensgruppen von zumeist Bakterien. Es gibt sie überall, auch auf und in Menschen. Wir bestehen sogar aus mehr Bakterien- als Menschenzellen. Aber natürlich leben sie auch in der Erde, im Wasser, als Schmierfilme auf Oberflächen aller Art und auch sonst überall.

Die Universität Lund hat ein neues KI-gestütztes Mikrobiom-Werkzeug für Polizei und Forensik entwickelt. Was steckt dahinter?

Die Zusammensetzung von superkleinen Gemeinschaften von Lebewesen, dem Mikrobiom, verrät — wenn zuvor eine Datenbank dafür aufgebaut wurde — wo sie herkommen. Es gibt ultraviele Bakterien und noch mehr Zusammensetzungen. Das kann kein Mensch und auch kein normaler Rechenweg mehr zuordnen und zusammenführen. So kam die Künstliche Intelligenz zum Zuge. Mit ihr lässt sich aus der Zusammensetzung eines „Bakterienhaufens“ bestimmen, wo er lebte und herkam.

Wie können Mikrobiome bei Ermittlungen helfen?

Sie enthalten besonders vielfältige und darum aussagekräftige Informationen. Beispiel: Wenn ich das Blatt einer Erle in einem Sack mit einer Leiche finde, nützt das nicht so viel, denn es gibt viele Erlen. Habe ich aber Blätter von zehn verschiedenen Bäumen im Sack mit der Leiche, dann gibt es vielleicht nur noch wenige Orte, wo diese Bäume gemeinsam leben. Dort kann ich dann nach Spuren der Tötung oder des Verpackens der Leiche schauen.

Das Werkzeug soll es möglich machen, den Weg eines Verdächtigen (nach-)verfolgen zu können. Wie soll das gehen?

Die verschiedenen „Bakterien-Knubbel“ bleiben in Reifen, an Taschen, Schuhen, Händen, in der Lüftung und so weiter hängen. Dort kann ich sie abnehmen und dann im Labor zuordnen, woher sie stammen, also wo jemand sich aufgehalten und die Spur aufgepickt hat. Verschiedene Orte sind durch verschieden zusammengesetzte Bakteriengruppen gekennzeichnet: Unterschiedliche Bakterien fühlen sich an verschiedenen Orten wohl.

Die Zusammenstellung der Bakterien und ihre Arten sind wie ein Fingerabdruck der örtlichen Lebensbedingungen. Es ist wie mit dem Foto einer Stadt: Häuser gibt es überall. Aber die Zusammenstellung der Gebäude gibt es nur einmal. So lässt sich eine Stadt auf einem Foto anhand der Zusammenstellung der Gebäude eindeutig erkennen. Im Kleinen geht das stattdessen mit der Zusammensetzung und der Art der Bakterien.

Hat die Methode einen Vorteil im Vergleich zur DNA oder anderen forensischen Auswertungsmöglichkeiten?

Foto: Mark Benecke

Es ist ein zusätzliches, unabhängiges Verfahren. Das ist immer gut: Wenn eins der anderen Verfahren nicht so aussagekräftig ist, dann habe ich eine weitere, sachliche, nicht von Gefühlen oder Missverständnissen oder der Erinnerung abhängige Informationsquelle.

Was sind die Nachteile?

Nachteil würde ich es nicht nennen, aber die Genauigkeit ist nicht hundertprozentig. Aus welcher Stadt eine Probe stammte, konnte in der Studie mit immerhin 92-prozentiger Genauigkeit erkannt werden. Das ist schon sehr gut. Woher innerhalb einer Stadt die Probe stammte, konnte in mehr als vier Fünftel der untersuchten Fälle festgelegt werden. Das ist wirklich eindrucksvoll. Teils lagen die Probe-Orte weniger als einen Kilometer auseinander.

Wann könnte die Technik zum Einsatz kommen?

Jederzeit. Ich wende mit meinem Team manche Verfahren nur einmal an, andere dauernd. Das ist ganz fließend: Wenn sich eine Technik polizeilich bewährt, dann wird sie öfter eingesetzt. Wenn nicht, dann seltener oder nur in sehr schwierigen oder von irgendjemandem als wichtig wahrgenommenen Fällen.

Wieso sprechen die Entwickler aber davon, dass es noch einige Jahre dauern könnte?

Weil es für gerichtliche Fälle oft wichtig ist, dass die Spuren aus sich heraus beweiskräftig sind. Dazu müssen sie getestet werden. Außerdem sind für die Bakterienabgleiche auch viele Proben, also Datenbankeinträge nötig. Und die Umwelt und damit die Bakterien ändert sich. Das Gericht muss aber sicher sagen können: Die Bakterien unter ihren Schuhen stammen sicher vom Ort, an dem die Leiche gefunden wurde.

Anders sieht es aber mit ersten Untersuchungen bei der Polizei aus, da können schon Hinweise statt Beweise die Ermittlungen in eine vernünftige Richtung oder weg von einer weniger vernünftigen lenken. Daher sickern neue Verfahren immer langsam ein: Erst in der Wissenschaft und im Labor, dann bei der Polizei in der Ermittlungsarbeit und schließlich vor Gericht als harte Spurenbeweise.

Welches Potenzial bietet KI generell für Ermittlungsbehörden und wo wird sie bereits eingesetzt?

K.I.-Anwendungen schleichen sich überall in die Arbeit, sei es bei der Bearbeitung und Verbesserung von Fotos bis hin zur Untersuchung von Texten. Beispiele sind klassisches Zusammentragen von Informationen, wie es jetzt schon viele Schülerinnen und Schüler mit Chat-GPT machen — das geht natürlich auch bei der Polizei und Geheimdiensten. Es können aber auch persönliche Eigenarten bei Schreiben erkannt werden, etwa von Erpressernachrichten.

Die beiden ersten großen KI-Anwendungen in der Kriminalistik waren Handydaten und die Verbrechensvorhersage. Aus den Hunderttausenden von Handyverbindungen und „Gesprächsknoten“ wird sichtbar, wer mit wem wann, wo und wie lange in Kontakt stand. Diese selbst mir anfangs wie Science-Fiction erscheinende Technik wurde allerdings schon im Comic vorhergesagt: Batman, der ja auch Verbrechensjäger ist, führte solche Massendatenauswertungen von Handys als erster durch.

Die zweite Anwendung, also die Vorhersage von möglichen Verbrechen, stammt aus der klassischen Science-Fiction-Literatur, der Geschichte ‚Minority Report‘ von Philip K. Dick aus den 1950er Jahren. Mittlerweile versuchen einige Kolleginnen und Kollegen, die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit vorwiegend von Einbrüchen in gewissen Gegenden oder zu bestimmten Zeiten zu berechnen. Beides — Handy-Massendaten und „Pre Crime“ — klappt allerdings auch ohne echte Künstliche Intelligenz, dafür reichen Gehirn- und Muskelschmalz und viel Rechnerleistung. Ob diese Verfahren eingesetzt werden oder nicht, ist eine soziale und kulturelle Frage.

Was sind die Gefahren von Künstlicher Intelligenz?

Wie bei jeder Datensammlung und -auswertung: Die Gefahren liegen darin, dass die Informationen ungefragt zusammengeführt werden und so ein allzu genaues Bild über persönliche Gewohnheiten geben. Das hat das Bundesverfassungsgericht schon 1983 im Volkszählungsurteil gut dargelegt: Menschen sollen im Kern selbst entscheiden, was über sie bekannt wird und was nicht.