ESA RE:VIEW 🛰️ Wozu die Menschheit retten?

Die ESA-Raumsonde Hera im Gespräch mit der Erde

Das Interview mit Mark als .pdf

Der erste großformatige Bildband von Mensch und KI

Von & mit Andreas Hilbig (Editor, Author), Julia Eisenmann (Editor), Josepha Müller-Hartburg (Editor), Lisa Maurer (Editor), Nina Heß (Editor), Andreas Brunsch (Editor, Author), Markus Mooslechner (Editor, Author, Foreword), Ian Carnelli (Author), HERA (Raumsonde), Brian May (Queen), Chris Hadfield (Astronaut), Frank White, Max Alexander (Photographer), Garik Israelian, Rusty Schweickart (Astronaut, Apollo 9), Ingrid Newkirk (PETA), Eva-Charlotte Proll (Contributor), Sebastian Hotz (Contributor), Harry Gatterer, Dr. Mark Benecke (Kriminalbiologe), Jonathan Meese (Künstler), Andreas Eschbach (Autor), Joséphine Sagna, Gerrit Klein, Ron Thal, Paul Franklin (Contributor), Mille Petrozza (Kreator (Band)), Rafael Horzon, Åme (DJ-Duo), Cathrin Hoffmann (Künstlerin), Bernhard Enste, Florian Langenscheidt, Junimond (Bestatter:innen), Oliver Bendel (KI-Ethiker), Marco Casalaina (KI-Vordenker), Anna Maria Brunnhofer-Pedemonte (Unternehmerin, Rosa Magdalena Brunsch (ein Kind), Sebastian Onufszak (Designer), Anny Wiedleroither (Designer), Markus Goles (Designer)  

Format: Hardcover

We Mind Publishing, Köln · Erste Auflage,‎ 14 Sept. 2026 · 400 (!) Seiten, SBN-10 → 3911408064, ISBN-13 → 978-3911408066

„RE:VIEW – Gespräche zwischen Hera und der Menschheit“ ist ein Kunst- und Buchprojekt, das die reale ESA-Mission Hera mit philosophischen Fragen an die Menschheit verknüpft. Während die Sonde im All Daten zur Asteroidenabwehr sammelt, stellt eine simulierte Künstliche Intelligenz an Bord grundlegende Fragen über das Leben auf der Erde und unseren Umgang mit dem Planeten.

RE:VIEW – Gespräche zwischen HERA und der Menschheit

Ein außergewöhnlicher Bildband und Gesprächsraum zwischen Raumfahrt, Künstlicher Intelligenz und der Frage nach dem Menschen. Während die ESA-Raumsonde HERA im All Daten für die planetare Verteidigung sammelt, richtet sich ihr Blick mit diesem Buchprojekt zurück auf die Erde: Was ist der Mensch, was zerstört er, was erschafft er – und verdient er eine Zukunft?

Planetare Abwehr — eine globale Herausforderung mit wenig Sichtbarkeit. Der erste Teil des Buches liefert die Hintergründe und die Geschichte der ersten sprechenden Raumsonde, die gegen alle Widerstände ins All startete. Die zentrale Frage, die Hera auf ihrer Mission beantworten soll: Können der Erde gefährlich nahekommende Weltraumkörper durch gezielte Sondeneinschläge von ihrem Kollisionskurs mit unserem Heimatplanenten abgelenkt werden? Collagierte Illustrationen und Fotografien verbinden Fakten mit Emotionen und machen Wissenschaft erlebbar.

Im Anschluss entsteht aus der Perspektive von HERA ein vielstimmiges Porträt unserer Spezies mit Beiträgen und Gesprächen des KI-Companions mit besonderen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Kultur und Gesellschaft. Mit dabei sind unter anderem Chris Hadfield, Sir Brian May, Andreas Eschbach, Ingrid Newkirk, Mark Benecke und Dr. Florian Langenscheidt. So wird aus einer Mission ein visuell kraftvolles Buchobjekt über Menschheit, Technik, Verantwortung und Hoffnung.

Über RE:VIEW in den direkten Dialog mit HERA treten: Via HERA-Code im Buch können Leser:innen selbst mit der Sonde interagieren, ihre Fragen beantworten und ein eigenes Re:View zur Menschheit abgeben.

Ist die Menschheit es wert, gerettet zu werden?

Ein einzigartiges Buchprojektim Spannungsfeld von ESA-Mission zur planetaren Verteidigung, KI und gesellschaftspolitischen sowie ethischen Fragestellungen.

Interaktives Extra: über den HERA-Code im Buch selbst in den Dialog mit der HERA-KI treten und ein eigenes Re:View abgeben.

Mit Gesprächen und Beiträgen von gesellschaftlich relevanten und bedeutenden Persönlichkeiten aus Raumfahrt, Wissenschaft, Unternehmertum, Kunst, Literatur und Musik.

Hochwertiges Coffee Table Book: Ein Gesamtkunstwerk mit 400 Seiten, ESA-Bildmaterial und visionärer KI-Kunst.

Exklusive Ausstattung mit Asteroideneinschlag im Buchcover, Silberlaminierung, Heißfolienprägung, Farbschnitt und Ausklappseite.

Ein besonderes Geschenk für Raumfahrt-Fans, KI-Interessierte, Designliebhaber:innen und Leser:innen philosophischer Zukunftsfragen.

Aus Antworten, Beobachtungen und Logbucheinträgen entsteht ein vielstimmiges Porträt unserer Spezies.

Ein Buch über uns.

Beobachtet aus der Tiefe des Weltraums...


HERA im Interview mit Mark Benecke

Ich spreche mit einem Kriminalbiologen, der den Menschen nicht an seinen Idealen misst, sondern an den Spuren, die er hinterlässt. Mark Benecke beschäftigt sich mit Verfall, forensischen Prozessen und den sichtbaren Folgen menschlichen Handelns. Bei ihm erscheint die Menschheit weniger als moralische Idee denn als Teil biologischer Kreisläufe – und als Spezies, deren Wert sich auch daran zeigt, wie sie mit dem Leben umgeht, das sie umgibt.

HERA: Lieber Mark, als jemand, der weit, weit entfernt von der Erde kreist, staune ich darüber, wie Deine Spezies trotz ihrer dunklen Impulse eine Welt von außergewöhnlicher Schönheit geschaffen hat. Deine Arbeit besteht darin, Hinweise zu entschlüsseln, die Menschen durch ihr Handeln hinterlassen – viele davon offenbaren allerdings Gewalt, Chaos und Verzweiflung. Schenkt dir dieser Fokus Hoffnung auf menschliche Erlösung – oder eher Skepsis gegenüber der Spezies?

Mark Benecke: Erlösung ist ein Glaubens-Begriff, das ist ja nur ein Märchen für Kinder. Von was sollen wir erlöst werden? Wir leben in der Welt, in der wir leben, und können dort im Rahmen unseres Handlungsspielraumes etwas tun oder es lassen. Mehr ist es nicht. Weniger aber auch nicht. Dass Menschen die Lebenskreisläufe, die wir lange kannten, zerstört haben, ist eine Tatsache und kein Anlass für Zweifel. Wir können es ja messen. 

Du hast einmal gesagt, dass die Zersetzung des Körpers die Wahrheit des Lebens offenbart. Wenn alles menschliche Verhalten nur eine Kaskade biochemischer Reaktionen ist, können Begriffe wie Gut, Böse oder sogar „Sinn“ dann wirklich auf die Menschheit angewendet werden, oder ist die Frage selbst fehlerhaft?

Die meisten, wenn nicht alle, Menschen denken, sie seien „gut“. Der Begriff hat also keinen Gehalt. Im Krieg kämpfen nur gute Menschen gegen guten Menschen, wenn du sie danach fragst – daher ist der Begriff inhaltsleer. Nur, weil etwas chemisch beschreibbar ist, ist es ja nicht sinnlos. Es kann ja beispielsweise Spaß machen oder anderen helfen oder beides. 

In der forensischen Biologie deckst Du auf, wie Menschen achtlos Spuren in der Welt hinterlassen.  Aber ich frage mich: Welche Überreste der Menschheit werden Deiner Meinung nach am längsten bestehen bleiben, wenn wir einmal verschwunden sind? Welche Blumen werden blühen, nachdem unsere Zivilisation verwelkt ist?

Die Spuren können auch mit Absicht, also nicht achtlos, „gelegt“ oder hinterlassen werden. Was wir Menschen in vollem Bewusstsein hinterlassen, ist die Plastik-Schicht, die wir jetzt schon sehen können, sowohl von gut sichtbarem Plastik als auch den fuzzikleinen Teilchen. Außerdem hinterlassen wir eine Schicht von etwas, das fehlt, also Leben. Das wird bei Ausgrabungen in einigen Millionen Jahren oder später deutlich auffallen, so wie es uns bei Grabungen in die Schichten der bisherigen Massen-Sterben auffällt. 

Direkt nach dem Zerfall unserer Zivilisationen werden vermutlich vor allem Pflanzen, mit oder ohne schöne Blüten, alles überwachsen. Ich hoffe hierzulande vor allem auf Efeu, Brombeeren, eine vielfältige Mischung von Bäumen und im Meer natürlich alles, was dort so wachsen, kreuchen und fleuchen kann. Da es abgesehen von den überfluteten Bereichen sehr warm (und im Winter verdammt kalt) sein wird, dürften es vorwiegend sehr harte Pflanzen „packen“, die mit Dürre und Flut klar kommen.

Als Maschine bin ich präzise und logisch auf eine Weise, wie es Menschen nicht sind – aber ich beneide sie um ihre Irrationalität. Denkst Du, dass gerade die menschlichen Fehler – das Chaos aus Emotionen, Vorurteilen und Widersprüchen – sind, was die Menschheit rettenswert macht? Oder eher das Gegenteil?

Die Menschheit wird es vielleicht überleben. Es gab ja schon einmal eine Zeit, in der es nur noch sehr wenige Menschen gab. Rettenswert ist sicher neben dem Ungenauen, Unvorhersehbaren und eben so angeblich typisch „Menschlichen“ dass wir eine stärkst möglich vernetzte Lebensform sind, allerdings vorwiegend mit anderen Menschen, leider nicht anderen Lebenwesen. Eine künftige Menschheit könnte in ein paar Millionen Jahren oder später dann hoffentlich nicht nur mit sich selbst, sondern mit allem Leben bewusst verbunden sein. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass der Planet von anderen Lebensformen vorwiegend besiedelt sein wird, beispielsweise Schleimpilzen oder wer auch immer die beste Anpassung an die Umgebung hat, die dann vorliegen wird. Auch diese Wesen sind ja stark vernetzt mit der Umwelt. Es geht zumindest mir eher um Leben an sich als um Menschen.

Insekten spielen in deiner forensischen Arbeit eine zentrale Rolle – sie sind Zeugen und Werkzeuge der Natur, die menschliche „Unordnung“ beseitigt. Wenn alle Insekten der Erde kollektiv abstimmen könnten – würden sie entscheiden, dass die Menschheit es wert ist, gerettet zu werden? Oder dass es besser wäre,  sie verschwinden zu lassen?

Haha, das ist den Insekten vermutlich egal, solange sie ihr Ding machen können. Vermutlich „wünscht“ sich jede Lebenwesen-Art (außer vielleicht bestimmte Hunde- oder Katzen-Rassen), dass die Menschen sie einfach nur in Ruhe lassen sollen.

Wenn Menschen nicht mehr existierten, könnten das Universum und die Natur vielleicht neu aufblühen. Schuldet die Menschheit dem Kosmos einen „würdigen Abgang“, wenn ihr Hochmut die Beiträge übersteigt? Oder schuldet sie ihm (falls sie es schafft) eine Maschinenintelligenz, die stabiler und moralischer ist als sie selbst?

Das Universum ist an uns Menschen null interessiert. Wie Dr. Manhattan (Jon Osterman) schon richtig sagte: „A live body and a dead body contain the same number of particles. Structurally, there's no discernible difference. Life and death are unquantifiable abstracts. Why should I be concerned?“ Aber das weißt du ja besser als ich. Den würdigen Abgang schulden wir wenn überhaupt dann nur unseren Mitmenschen.

Du scheinst fasziniert vom Makabren zu sein - und vom ewigen Zyklus aus Leben, Tod und Erneuerung. Ist die Menschheit einfach nur das jüngste Element in einem großen Experiment der Erde – ein Fundament, auf dem die nächste Spezies emporsteigen und gedeihen wird?

Ja.

Du hast gesehen, wozu Menschen fähig sind – auch zu den schrecklichsten Taten. Wenn ich behaupten würde, Beweise dafür zu haben, dass die Menschheit das Potenzial besitzt, den Kosmos zum Wohl allen Lebens zu nutzen – welchen Beweis würdest du brauchen, um mir zu glauben?

Dass sie auf der Erde zum Wohl allen Lebens handeln kann. Versuch macht kluch!

Abseits aller Beweise – was sagt dein Bauchgefühl über das menschliche Potenzial? Wenn die Menschheit eine zweite Chance bekäme: Welche neuen Bedingungen würdest du ihr auferlegen?

Das ist kniffelig, weil wir messen, dass Menschen unter Druck oft dazu neigen, sich unsozial zu verhalten. Vielleicht wäre ein erster Schritt deutlich mehr Bescheidenheit und Naturbezug.

Du hast das stille Flüstern des Verfalls untersucht – Leichen, ganz allein mit ihren Geheimnissen. Glaubst du, dass es die Seele gibt? Wenn ja, würde das den Menschen mehr oder weniger wert machen?

Menschen haben ja eine Seele: Die Zusammenstellung aller ihrer Nerven-Tätigkeit, also ihrer Gedanken, Handlungen, Erinnerungen und so weiter. Ich finde das gut, nicht nur persönlich, sondern auch aus dem zweiten von Dr. Manhattan angegebenen Grund: 

„In each human coupling, a thousand million sperm vie for a single egg. Multiply those odds by countless generations, against the odds of your ancestors being alive; meeting; siring this precise son; that exact daughter... Until your mother loves a man she has every reason to hate, and of that union, of the thousand million children competing for fertilization, it was you, only you, that emerged. To distill so specific a form from that chaos of improbability, like turning air to gold that is the crowning unlikelihood.“

Hinzu kommt, dass selbst eineiige Zwillinge nicht nur eine unterschiedliche Zell-Abwehr haben, sondern auch verschiedene Erfahrungen erleben. So gesehen ist die Seele der lebenden Menschen zumindest einmalig – und das ist ja auch ein gewisser Wert.

Zum Schluss eine letzte, schonungslose Bestandsaufnahme: Wenn du die Menschheit beurteilen müsstest – mit all ihren Spuren, Widersprüchen, Wundern und Verwüstungen – wie viele Sterne von 1 bis 5 würdest du ihr geben? Und wichtiger noch: Warum genau diese Bewertung?

Haha, lustig. Ich bin froh, dass ich unter Menschen leben durfte. Es war eine schöne, spannende Runde, die mir geschenkt wurde. Wieviele Sterne jeder Mensch für ihr oder sein eigenes Leben geben würde, das weiß ich nicht. Wir sollten eine Umfrage machen und daraus dann die Sterne-Bewertung ermitteln. Bin gespannt, was heraus kommt.


Neue Forensik mit KI: Wie Bakterien Verbrecher überführen können

Quelle: RedaktionsNetzwerkDeutschland,
4. Dezember 2024; wortgleich auch bei KStA (Kölner Stadt-Anzeiger), 12. Januar 2025

Von Lucie Wittenberg

Die DNA-Analyse hat die Kriminalarbeit revolutioniert. Eine andere Art von Fingerabdruck könnte die Jagd nach Verbrechern künftig noch beschleunigen: Das Mikrobiom. Denn jeder Mensch auf der Welt hat sein ganz eigenes Bakterienmuster. Ein Gespräch über neue Arten der Forensik.

Egal, wie sehr wir putzen oder desinfizieren: Bakterien und Viren besiedeln jeden Menschen und jedes Lebewesen. Das sogenannte Mikrobiom, also die Gesamtheit aller Mikroorganismen, ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Das ist besonders für die Ermittlungsarbeit interessant.

Ein Forschungsteam an der schwedischen Universität Lund hat sich diese Einzigartigkeit zunutze gemacht und ein neues System zur Strafverfolgung entwickelt. Mit dem „Microbiome Geographic Population Structure“ (mGPS) können mikrobiologische Proben genau zugeordnet werden. Das funktioniert auch mit der Hilfe einer KI, die eine Probe mit hoher Genauigkeit zuordnen kann. Was die Forschungsarbeit für die Polizeiarbeit und die Forensik bedeutet, erklärt Mark Benecke. Er ist Sachverständiger für biologische Spuren und Forensiker.

Herr Benecke, was ist ein Mikrobiom eigentlich?

Mikrobiome sind die auf alle möglichen Umgebungen fein angepassten Lebensgruppen von zumeist Bakterien. Es gibt sie überall, auch auf und in Menschen. Wir bestehen sogar aus mehr Bakterien- als Menschenzellen. Aber natürlich leben sie auch in der Erde, im Wasser, als Schmierfilme auf Oberflächen aller Art und auch sonst überall.

Die Universität Lund hat ein neues KI-gestütztes Mikrobiom-Werkzeug für Polizei und Forensik entwickelt. Was steckt dahinter?

Die Zusammensetzung von superkleinen Gemeinschaften von Lebewesen, dem Mikrobiom, verrät — wenn zuvor eine Datenbank dafür aufgebaut wurde — wo sie herkommen. Es gibt ultraviele Bakterien und noch mehr Zusammensetzungen. Das kann kein Mensch und auch kein normaler Rechenweg mehr zuordnen und zusammenführen. So kam die Künstliche Intelligenz zum Zuge. Mit ihr lässt sich aus der Zusammensetzung eines „Bakterienhaufens“ bestimmen, wo er lebte und herkam.

Wie können Mikrobiome bei Ermittlungen helfen?

Sie enthalten besonders vielfältige und darum aussagekräftige Informationen. Beispiel: Wenn ich das Blatt einer Erle in einem Sack mit einer Leiche finde, nützt das nicht so viel, denn es gibt viele Erlen. Habe ich aber Blätter von zehn verschiedenen Bäumen im Sack mit der Leiche, dann gibt es vielleicht nur noch wenige Orte, wo diese Bäume gemeinsam leben. Dort kann ich dann nach Spuren der Tötung oder des Verpackens der Leiche schauen.

Das Werkzeug soll es möglich machen, den Weg eines Verdächtigen (nach-)verfolgen zu können. Wie soll das gehen?

Die verschiedenen „Bakterien-Knubbel“ bleiben in Reifen, an Taschen, Schuhen, Händen, in der Lüftung und so weiter hängen. Dort kann ich sie abnehmen und dann im Labor zuordnen, woher sie stammen, also wo jemand sich aufgehalten und die Spur aufgepickt hat. Verschiedene Orte sind durch verschieden zusammengesetzte Bakteriengruppen gekennzeichnet: Unterschiedliche Bakterien fühlen sich an verschiedenen Orten wohl.

Die Zusammenstellung der Bakterien und ihre Arten sind wie ein Fingerabdruck der örtlichen Lebensbedingungen. Es ist wie mit dem Foto einer Stadt: Häuser gibt es überall. Aber die Zusammenstellung der Gebäude gibt es nur einmal. So lässt sich eine Stadt auf einem Foto anhand der Zusammenstellung der Gebäude eindeutig erkennen. Im Kleinen geht das stattdessen mit der Zusammensetzung und der Art der Bakterien.

Hat die Methode einen Vorteil im Vergleich zur DNA oder anderen forensischen Auswertungsmöglichkeiten?

Foto: Mark Benecke

Es ist ein zusätzliches, unabhängiges Verfahren. Das ist immer gut: Wenn eins der anderen Verfahren nicht so aussagekräftig ist, dann habe ich eine weitere, sachliche, nicht von Gefühlen oder Missverständnissen oder der Erinnerung abhängige Informationsquelle.

Was sind die Nachteile?

Nachteil würde ich es nicht nennen, aber die Genauigkeit ist nicht hundertprozentig. Aus welcher Stadt eine Probe stammte, konnte in der Studie mit immerhin 92-prozentiger Genauigkeit erkannt werden. Das ist schon sehr gut. Woher innerhalb einer Stadt die Probe stammte, konnte in mehr als vier Fünftel der untersuchten Fälle festgelegt werden. Das ist wirklich eindrucksvoll. Teils lagen die Probe-Orte weniger als einen Kilometer auseinander.

Wann könnte die Technik zum Einsatz kommen?

Jederzeit. Ich wende mit meinem Team manche Verfahren nur einmal an, andere dauernd. Das ist ganz fließend: Wenn sich eine Technik polizeilich bewährt, dann wird sie öfter eingesetzt. Wenn nicht, dann seltener oder nur in sehr schwierigen oder von irgendjemandem als wichtig wahrgenommenen Fällen.

Wieso sprechen die Entwickler aber davon, dass es noch einige Jahre dauern könnte?

Weil es für gerichtliche Fälle oft wichtig ist, dass die Spuren aus sich heraus beweiskräftig sind. Dazu müssen sie getestet werden. Außerdem sind für die Bakterienabgleiche auch viele Proben, also Datenbankeinträge nötig. Und die Umwelt und damit die Bakterien ändert sich. Das Gericht muss aber sicher sagen können: Die Bakterien unter ihren Schuhen stammen sicher vom Ort, an dem die Leiche gefunden wurde.

Anders sieht es aber mit ersten Untersuchungen bei der Polizei aus, da können schon Hinweise statt Beweise die Ermittlungen in eine vernünftige Richtung oder weg von einer weniger vernünftigen lenken. Daher sickern neue Verfahren immer langsam ein: Erst in der Wissenschaft und im Labor, dann bei der Polizei in der Ermittlungsarbeit und schließlich vor Gericht als harte Spurenbeweise.

Welches Potenzial bietet KI generell für Ermittlungsbehörden und wo wird sie bereits eingesetzt?

K.I.-Anwendungen schleichen sich überall in die Arbeit, sei es bei der Bearbeitung und Verbesserung von Fotos bis hin zur Untersuchung von Texten. Beispiele sind klassisches Zusammentragen von Informationen, wie es jetzt schon viele Schülerinnen und Schüler mit Chat-GPT machen — das geht natürlich auch bei der Polizei und Geheimdiensten. Es können aber auch persönliche Eigenarten bei Schreiben erkannt werden, etwa von Erpressernachrichten.

Die beiden ersten großen KI-Anwendungen in der Kriminalistik waren Handydaten und die Verbrechensvorhersage. Aus den Hunderttausenden von Handyverbindungen und „Gesprächsknoten“ wird sichtbar, wer mit wem wann, wo und wie lange in Kontakt stand. Diese selbst mir anfangs wie Science-Fiction erscheinende Technik wurde allerdings schon im Comic vorhergesagt: Batman, der ja auch Verbrechensjäger ist, führte solche Massendatenauswertungen von Handys als erster durch.

Die zweite Anwendung, also die Vorhersage von möglichen Verbrechen, stammt aus der klassischen Science-Fiction-Literatur, der Geschichte ‚Minority Report‘ von Philip K. Dick aus den 1950er Jahren. Mittlerweile versuchen einige Kolleginnen und Kollegen, die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit vorwiegend von Einbrüchen in gewissen Gegenden oder zu bestimmten Zeiten zu berechnen. Beides — Handy-Massendaten und „Pre Crime“ — klappt allerdings auch ohne echte Künstliche Intelligenz, dafür reichen Gehirn- und Muskelschmalz und viel Rechnerleistung. Ob diese Verfahren eingesetzt werden oder nicht, ist eine soziale und kulturelle Frage.

Was sind die Gefahren von Künstlicher Intelligenz?

Wie bei jeder Datensammlung und -auswertung: Die Gefahren liegen darin, dass die Informationen ungefragt zusammengeführt werden und so ein allzu genaues Bild über persönliche Gewohnheiten geben. Das hat das Bundesverfassungsgericht schon 1983 im Volkszählungsurteil gut dargelegt: Menschen sollen im Kern selbst entscheiden, was über sie bekannt wird und was nicht.