Nerds, Neurodivergente und Neugierige

Quelle: Ox-Fanzine, #184 1/2026, Seiten 36 bis 40

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VON JOACHIM HILLER

Unser Erstkontakt liegt schon viele Jahre zurück, hatte damals was mit einer Verquickung unserer Interessengebiete zu tun: Der in Köln lebende Dr. Mark Benecke beschäftigt sich als Kriminalbiologie mit der Aufklärung von Todesumständen und weiß deshalb viel über das, was mit dem Gewebe von Säugetieren (was Menschen inkludiert) und wirbellosen Tieren nach deren Tod geschieht. Und ich interessiere mich dafür, was der Mensch mit nichtmenschlichen Tieren anstellt, propagiere vehement, dass diese eben nicht existieren, um vom Menschen ausgebeutet und getötet (und verspeist) zu werden. Konsequenz daraus ist die vegane Lebensweise, für die sich auch Mark Benecke entschieden hat.

Im Kontext von einem seiner Vorträge, mit denen er seit vielen Jahren landesweit jeweils hunderte Zuhörende begeistert, ging es um das, was selbsternannte „Fleischsommeliere“ in schöne Worte kleiden: Das Verwesen von Fleisch nennen sie „reifen“, wohingegen Dr. Benecke sich unter anderem damit beschäftigt, was mit menschlichen Körpern nach deren Tod geschieht, wenn diese ... reifen. Beneckes Neugier geht aber weit darüber hinaus, wie ein Blick auf seine zahlreichen Buchver-öffentlichungen verrät sowie seine enorm zahlreichen Videos und Social-Media-Posts vor einer in die Hunderttausende gehenden Schar von ... ja, Fans. Der Mann (und mit ihm seine Partnerin Ines) ist ein Popstar, und ja, Musik macht er auch, und Politik – 2025 wollte er für Die PARTEI Oberbürgermeister von Köln werden. Ende 2025 erreichte ich ihn nicht dort, sondern via Zoom in einer Bäckerei namens „Backstube“ in Tromsö, Norwegen. Worüber wir irgendwie vergessen haben zu sprechen? Über Musik! Mark besucht seit vielen Jahren schon das Leipziger Goth-Treffen WGT und macht selbst Musik. Aktuell ist unter dem Titel „Abysmal Affairs“ eine EP seiner Zusammenarbeit mit Bianca Stücker erschienen, dunkler Electro-Goth-Folk.

Mark, was führt euch im Winter nach Tromsö? Polarlichter gucken, wie alle anderen auch?

Unter anderem. Und wir wollen uns die Temperatur- und Umweltbedingungen mal anschauen, die hier herrschen, nachdem jetzt alles auftaut.

Eine Frage, die ich mir gestellt habe, nachdem ich deine Social-Media-Kanäle durchgegangen bin: Was interessiert dich explizit nicht?

Fragen wir mal meine Frau ... Mythologie, Religionen und so was, sagt sie. Ja, ich bin Dudeist und das reicht mir auch. Mein Bedarf an Mythologie und Religion ist damit abgedeckt. Und an Schlagermusik bin ich sehr begrenzt interessiert, obwohl ich backstage bei Talkshows schon sehr nette Menschen getroffen habe, die Schlager singen. Oder Fernsehköche. Ich gucke ja nie Fernsehen, ich habe noch nie ferngesehen. Es ist aber trotzdem interessant, mal mit den echten Menschen zu reden, also nicht mit dem, was sie da präsentieren oder deren öffentliche Figuren. Neulich war ich mit Howard Carpendale in einer Sendung, das war super-interessant.

Auch wenn mich der Content nicht interessiert, ist es so, dass die Menschen interessant sind. Und wovon würdest du spontan sagen, darüber weiß ich nichts, davon habe ich überhaupt keine Ahnung?

Zauberwürfel lösen. Ich habe für Ines einen eigenen Kanal eingerichtet, wo wir vorstellen, was sie für neue Zauberwürfel hat und wie sie diese teilweise monatelang löst. Das wäre dann der Satz, den du von mir auch in diesen Videos hörst: „Davon habe ich keine Ahnung. Die Ines erklärt euch das jetzt mal.“ Und ich habe keine Ahnung von allem, was mehr als vier Dimensionen hat. Ines will immer darüber reden, wie das ist bei der Stringtheorie und Raum-Quanten, aber ab der vierten Dimension bin ich raus, echt.

Zu gefühlt allem anderen weißt du aber irgendwas und kannst Fragen dazu beantworten.

Geht so. Ich habe zumindest den Willen, es so nachzuprüfen, dass ich eine originale Studie dazu finde und diese dann in einfachen Worten erkläre. Ich habe das ja 25 Jahre lang ohne Pause für radioeins gemacht, daraus wurde dann ein Podcast. Da habe ich das gelernt, denn damals gab es ja noch diese psychologischen Studien, die hauptsächlich mit Psychologie-Studierenden, mit hellhäutigen Frauen in den USA im Alter zwischen 18 und 23 oder so gemacht wurden. So was habe ich mir angeschaut daraufhin, ob die Studie gut oder nicht gut ist.

Ich bin auch Referee für viele rechtsmedizinisch-kriminalbiologische Zeitschriften, wo ich beurteilen muss, was die da noch verbessern könnten. Da bin ich super nett, weil ich sage, die allerkleinste Maschineneinstellung, die ihr da in irgendeinem Gerät vorgenommen habt, dazu will ich jetzt mal nichts zu sagen, vielleicht habt ihr ja eure Gründe dafür. Aber guckt mal hier, eure Abbildung, da kann ich den Text nicht richtig lesen. Da bekomme ich manchmal Feedback, ich solle ein bisschen strenger sein, doch mir geht es eher darum zu verstehen, was die Leute da gemacht haben. Deswegen würde ich nicht sagen, ich habe Ahnung davon, sondern ich versuche einfach nur zu begreifen, was sie gemacht haben. Ein aktuelles Beispiel: Der Gesundheitsminister der USA hat gesagt, die größte Studie, die jemals zu Impfnebenwirkungen durchgeführt wurde und mit der in Dänemark gezeigt wurde, dass Aluminium in Impfstoffen nichts mit Autismus und anderen Erkrankungen zu tun haben kann, die entspräche nicht dem „Goldstandard“. Und dann habe ich gedacht, komisch, wieso sagt er das? Klar, er lügt natürlich, aber vielleicht steckt ja irgendwas dahinter. Und dann habe ich nachgeschaut und es ist tatsächlich so, es gibt keine echte Vergleichsgruppe im Sinne einer randomisierten, verblindeten Studie, wo man gesagt hat, manche erhalten den Impfstoff, manche nicht. Dann habe ich noch weiter in die Originalveröffentlichung geschaut, weil ich mir gedacht habe, das Verblinden ist manchmal schwierig bei Impfstoffen. Du willst ja bei Kindern nicht sagen, du kriegst Polio, du kriegst kein Polio. Die echte Lüge ist aber: Es waren verschiedene Mengen Aluminium in diesen Impfstoffen über die lange Zeit, die das verfolgt wurde. Das heißt, es gibt sehr wohl Vergleichs- und Kontrollgruppen. Zu sagen, das ist kein Goldstandard, stimmt überhaupt nicht. Ich will nicht sagen, dass ich mega viel Ahnung davon habe, aber ich habe genug Ahnung, um es zu lesen, zu begreifen und mit einfachen Worten für Achtjährige zu erklären.

Du schaust dir Studien an, vergleichst Studien. Bis vor drei Jahren war jemand wie du das Superbrain, da brauchte es menschliche Intelligenz. Nun gibt es genau für solche Dinge künstliche Intelligenz. Wo vorher Typen wie du gefühlt alles im Blick haben konnten, setzt man nun auf KI – kann die es besser?

Ich komme gerade von einer Fachtagung in Köln, wo wir genau darüber geredet haben, wie wir das gutachterlich vor Gericht machen. Da war ein Richter, ein Rechtsanwalt und ein KI-Programmierer. Und die haben alle was dazu gesagt, natürlich mit verschiedenen Wertungen. Es ging darum, wie wir als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige eine Materialprüfung oder in meinem Fall einen super komplizierten Kriminalfall angehen, mit allen möglichen Einflüssen wie Luftfeuchte, Drogen, ob das Schloss nach links oder nach rechts aufgeht, was für ein Material der Kissenbezug hat – super viele Einflüsse. Und alle kamen, ohne sich abzusprechen, zum selben Ergebnis: Das Problem ist, dass ausnahmslos jede KI so programmiert ist, dass sie im Zweifel halluziniert.

Und erst seit kurzem kann zumindest ChatGPT, wenn man das zu KI zählen möchte, überhaupt erst sagen, dass es etwas nicht weiß, wenn man entsprechend promptet. „Sage bitte dazu, wenn du es nicht weißt, und halluziniere nicht.“ Nur hast du damit eigentlich nichts gewonnen, meiner Meinung nach. Denn da kann ich es ja gleich selber machen. Das zweite Problem ist, dass die Quellen, die eine KI sucht, derzeit noch völlig zufällig sind.

Das sehe ich bei meiner Arbeit als Referee für Wissenschaftsveröffentlichungen. Die Jüngeren unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fangen jetzt an, KI-generierte Arbeiten einzureichen, meistens Übersichtsarbeiten. Also so was in der Art wie „20 Jahre Ox-Magazin. Suche mir alle Highlights raus und gib mir immer die Quellen dazu.“ Und was da dann kommt, ist erstaunlich zufällig. Und es ist im Moment noch sehr stark US-lastig, da die KIs hauptsächlich USA-Quellen besuchen. Was etwa bei Rechtsfragen wegen des grundsätzlich anderen deutschen Rechtssystems Quatsch ist. Das war ein riesiges Nerd-Meeting, und die Erkenntnis war, man könnte KI benutzen zur Herstellung von Vorschaubildern für Internet-Seiten, aber nicht für unsere Gutachten. Und du kannst mit der KI versuchen herauszufinden, was diese spezielle KI für Quellen heranziehen würde, und so einen ersten Eindruck dazu gewinnen. Das ist so, als ob du mit Leuten redest, so wie du jetzt gerade ein Interview mit mir machst: einfach mal Eindrücke sammeln. Das ist aber nur ein winziger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Ach ja, und zur Textverbesserung kann man KI nehmen, wenn Leute nicht gut schreiben können – in diesem Nerd-Bereich gibt es viele Leute mit Schreibschwäche. Und das war’s! Ich war darüber wirklich total erstaunt.

Worin besteht die Problematik?

Wenn du als Sachverständiger arbeiten willst, sieht das Gesetz vor, dass du alle „Hilfskräfte“ angeben musst und du musst verstehen und kontrolliert haben, was die Hilfskräfte machen. Das ist bei KI nicht vorstellbar. Deswegen setzen wir zum Beispiel im Labor überhaupt keine KI ein. Für mich ist das komplette Zeitverschwendung. Ob KI etwas bringt, hängt sehr von dem Fachgebiet ab, in dem du arbeitest. Du machst ja immer diese super langen Interviews mit Musikern und Musikerinnen. Ich glaube, dass das im Grunde genommen auch eine Sachverständigentätigkeit ist. Und wenn du daran mit KI arbeiten würdest, bekommt die KI dieses feine, polarlichtartig Wabernde nicht hin. Erstens haben die derzeitigen KIs Programmierfehler mit der genannten Folge der Halluzination. Das zweite Problem ist, dass du ja noch keine richtig autonome KI hast. ChatGPT ist gerade mal Stufe 3 oder 4 von 10 der Selbständigkeit. Und die nächste große Frage ist: Wer möchte die KI für was benutzen? Die meisten geldbringenden KIs werden auf bestimmte Ziele besonders stark trainiert sein, die sind aber für dich und deine Leser und Leserinnen vermutlich relativ bedeutungslos. Und ein weiteres Thema ist diese Chip-Firma Nvidia, wo auch auf dem Aktienmarkt entschieden wird, wer kriegt die Chips für welche KI, wer braucht die Chips, wer stellt die Energie her, wer verbraucht die Energie.

Am Ende wird es eine marktwirtschaftliche Frage sein, welche Schwerpunkte und Quellen man mit KI sinnvoll auswerten möchte und kann. In meinem Sachverständigenbereich sieht es nicht so aus, als ob man KI für die eigentliche Prüfung von Quellen und das Zusammenstellen der Informationen zu Tatorten in den nächsten fünf Jahren verwenden kann.

Du hast gerade ein gutes Stichwort verwendet: Tatort. Gerade lief ein „Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller. Und da gab es im Labor einen „Dr. Made“ – es ging um Fliegenlarven an einer Leiche im Sommer und die Bestimmung des Todeszeitpunkts dadurch. Das ist der Punkt, über den wir uns mal kennengelernt haben, als du noch in den Medien als „Dr. Made“ herumgereicht wurdest. Und direkt danach, im zweiten Sonntagabendkrimi, ging es um eine Kriminalbotanikerin und darum, wie Brombeersträucher wachsen und wie man darüber ermittelt, wann die Leiche abgelegt wurde. Direkt nacheinander deine Hausthemen.

Der Dr. Made, das ist schon Ende der 1990er entstanden. Das kam vom Focus, das war damals noch eine viel gelesene Zeitschrift. Die haben das erfunden, glaube ich. Oder vielleicht sogar die Bild oder der Express hier aus Köln. Diesen Titel „Dr. Made“ gibt es irgendwie schon immer, seit ich in dem Beruf arbeite. In den 1990ern hat sich das in die Krimis eingearbeitet, weil das halt mal was anderes war. Und von da aus hat sich das ein bisschen verselbstständigt. Ich sammle die gedruckten Artikel dazu und es ist lustig, wie es neuerdings manchmal zu „Dr. Tod“ wechselt, dann aber doch wieder weniger gruselig „Dr. Made“ wird.

Das Thema mit Insekten in dem Bereich kam wohl mit dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ in die Popkultur. Plötzlich haben Menschen ein Thema wahrgenommen, das vorher wirklich nur Nerds in dem Bereich und Wissenschaftler wahrgenommen hatten.

Thomas Harris hat das mit seiner Romanvorlage sehr gut gemacht, denn er hat das nicht über Labortechnik oder eine rechnerische Technik umgesetzt. Er hat die Insekten als klassische kriminalistische Spur angelegt: Der Täter benutzt die Tiere, was eine sehr tiefe symbolische Aufladung hat, weil auch er eine körperliche Umwandlung durchführen möchte. Dass er dann diese Tiere benutzt und in die Opfer reinsteckt, das ist eine normale Spur, das könnte auch Konfetti sein. Dass auf dem Poster die Motte so groß zu sehen war und niemand die Szene vergessen hat, wo die so rum"iegen, trug zur Wahrnehmung bei. Der Film ist wirklich sehr gut gemacht, auch aus heutiger Sicht. Ebenfalls für die Wahrnehmung des Themas wichtig war die Serie „CSI“, Crime Scene Investigation. Da gab es mehrere, Las Vegas, Miami, New York oder so. Die Serie hat das Thema komplett in die Alltagswahrnehmung reingespült. Heute ist das so profaniert von den Krimiautor:innen, das ist nur noch Quatsch gewesen und weiter geworden, das ist bestenfalls eine Ausschmückung, aber ohne die schöne Aufladung, die Thomas Harris vorgenommen hat. Also dieses elegante, tiefe, gruselige, man kann schon fast sagen Edgar Allen Poe-artige, das fehlt derzeit.

Das ist aber im Kern immer noch deine berufliche Haupttätigkeit, oder? Die natürlich heutzutage hinter sehr vielen anderen Dingen, die man von dir sieht, beinahe in den Hintergrund gerückt ist.

Unsere Hauptaufgabe im Labor sind Complex Cases. In den letzten Tagen war ich mit einem Fall beschäftigt, wo eine Person in einer scheinbar geschlossenen Wohnung zu Tode kam. Darin ist Blut von der Person und die Angehörigen glauben nicht, dass das ein Unfall war. Sie glauben nicht, dass die Person da alleine drin gewesen ist, sondern dass da was anderes passiert ist. Das ist ein typischer Fall, der ist nicht super komplex im eigentlichen Sinne eines Complex Case, aber man muss immer aufpassen, weil die Informationen oft extrem gefiltert sind: Die Rechtsmedizin sagt in dem Fall, es gibt keinen Hinweis auf Einwirkung von außen. Die Person hat aber Platzwunden. Jetzt lautet die Frage: Was wurden die Leute aus der Rechtsmedizin überhaupt gefragt? Die Polizei sagt: Der Raum war verschlossen. Ein klassisches kriminalistisches Problem: Haben sie das überhaupt geprüft? Du kannst viele Doppelschlösser in Deutschland, obwohl sie von innen abgeschlossen sind, trotzdem von außen aufschließen. Das sind die alten Doppelzylinderschlösser. Es hängt auch manchmal davon ab, wie der Schlüssel steht, ob der hoch steht oder zur Seite steht, solche Schlösser gibt es auch. Wurde das überhaupt geprüft? Ob der Nachbar schon drin war oder der Hausmeister, die Hausmeisterin oder irgendjemand, das weiß man ja bei solchen „Unfällen“ alles nicht, weil es niemand offiziell aufschreibt. Und dann kommt noch die Frage, wem hat die Person vielleicht einfach die Tür aufgemacht? In solchen Fällen geht es wirklich um jede Blutspur. Wenn du mehrere Blutspuren findest, die überhaupt nicht mit dem zusammenpassen, was die anderen sagen, dann muss man mit den Angehörigen auch mal ein Gespräch führen.

Und was sagen die?

Die Angehörigen sagen immer, das war ein guter Junge, der würde nicht unter Substanzeinfluss ausrutschen und sich den Kopf einschlagen, der würde sich nicht töten. Wir sagen: Die Spuren stehen tatsächlich nicht im Einklang mit dem, was sie bisher gehört haben von den zuständigen Stellen. Aber was da passiert ist, können wir auch noch nicht sagen. Wir bitten sie, Zusatzinformationen von den Behörden zu bekommen. Und so entfaltet sich das nach und nach. Wenn in anderen Fällen noch Aussagen von Angeklagten oder Verdächtigem hinzukommen, dann blüht so ein Fall fast schon fraktal auf in alle Richtungen. Je mehr Spuren wir kriegen, umso interessanter wird es. Und unsere Aufgabe ist dann, grundannahmenfrei den Fall immer weiter rein spurenkundlich zu bearbeiten, egal wie deutlich irgendwas scheinbar wird. Wir sind leider die Einzigen, die das machen, als öffentlich bestelltes, vereidigtes Labor, weil das sonst keiner machen möchte. Und oft stellt sich heraus, es gibt doch einen Schurken hier in diesem immer größer werdenden Geflecht aus Personen, Nachbarn, Spuren, Ereignissen und Motiven. Wir müssen dann oft sagen, ja, okay, aber egal: Nur weil die Nachbarn sich zu Tode gehasst haben, heißt das nicht, dass das nur das Geringste mit den Ereignissen zu tun hat. Also kümmern wir uns besser nur um die Spuren, und das ist der Hauptjob, den wir seit fast zehn Jahren nur noch machen.

Es können aber auch mal wesentlich grimmigere Fälle sein als „nur“ eine tote Person im “geschlossenen“ Raum. Zum Beispiel hatte ich Enthauptungsfälle, wo eine bestimmte Gruppe vor laufender Kamera Leute geköpft hat. Da war es sehr anstrengend, annahmenfrei zu bleiben, weil sozusagen alle auf dich einbrüllen und dir sagen, was da angeblich passiert ist. Und dann sagt man, ja, okay, ihr könnt auch leise und ruhig sprechen, wir gucken uns die Spuren so oder so an.

Hat es dich nie gereizt, war das nie ein Thema für dich, das, was du machst, in dem klassischen, institutionellen Rahmen zu machen? Sprich: bei der Kriminalpolizei, weil die macht ja typischerweise das, was du machst.

Also zum Glück hat das nicht geklappt. Ich habe mich damals von New York aus, wo ich früher gearbeitet habe, beim Bundeskriminalamt beworben. Ich kannte den Leiter der entsprechenden Abteilung. Die haben die Stelle aber dann verklüngelt. Das war insofern gut, weil die ihre Arbeit sehr stark auf Erbgut umgestellt haben – wäre ich da gelandet, wäre ich jetzt ein reiner Erbgutsachbearbeiter.

Dann habe ich bei der Kölner Kriminalpolizei gefragt. Es war auch gut, dass das nicht geklappt hat. Die haben gesagt, du bist leider promoviert und hast schon in New York in der Rechtsmedizin einer städtischen Behörde gearbeitet. Deine Besoldungsgruppe dürfen wir nicht vergeben für den Job, den du kriegen würdest, das ist nach irgendeinem Beamtenrecht verboten. Man darf nicht mit einer höheren Qualifikation in einen niederqualifizierten Job gehen, weil dann die Niederqualifizierten keinen Job mehr kriegen. Und dass das nicht geklappt hat, war auch deswegen gut, weil die polizeilichen Kolleginnen und Kollegen immer mehr Regulierung bekommen haben, so dass die spurenkundliche Abteilung, wo ich hinwollte, überhaupt keine komplizierten Fälle mehr bearbeitet so wie ich heute. Ich hatte auch mal bei zwei Instituten für Rechtsmedizin angefragt, aber auch da muss ich sagen, bin ich ganz froh, weil die ebenfalls sehr stark in die Erbgutroutine reingekommen sind, weil es so eine Schwemme von Erbgutuntersuchungsanfragen gab.

Deshalb bin ich wirklich dankbar, dass ich diesen Weg genommen habe, denn wie gesagt, in Deutschland ist unser Labor das einzige dieser Art. Es ist die einzige Möglichkeit, diese schwierigen, sehr verästelten Fälle zu bearbeiten. Das wäre mir in allen genannten Dienststellen verboten worden.

Als ich zum Beispiel Insekten gezüchtet habe in Köln in der Rechtsmedizin und in New York, da wurden mir die weggeworfen. Da ist wirklich jemand hingegangen und hat gesagt, jetzt reicht’s, hat sie genommen und weggeworfen. Ich habe das zweimal erlebt, und in einem Institut mit Leuten, die mehr zu sagen haben als man selbst, kann natürlich so eine Anordnung getroffen werden. Aber da habe ich natürlich überhaupt keinen Bock drauf. Ich möchte, dass mir gar keiner irgendwas sagt.

Ich glaube, in der Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich. Eine recht anarchistische Attitüde.

Das ist eine Eigenschaft von allen Nerds, also auch von den Sachverständigen-Nerds. Ich würde das gar nicht mal anarchistisch nennen. Bei dieser Sachverständigen-Tagung, wo ich wie beschrieben gerade war, habe ich festgestellt, dass die meisten eigentlich eher „eingenischt“ und angepasst sind. Sie wollen hauptsächlich ihre Ruhe haben. Sie würden sich auch gar wie wir jetzt hier durch einen frechen Spruch ungewollt ins Licht stellen. Sie setzen eher auf Rückzug ins rein Fachliche, das finde ich ganz interessant. Ich habe im Laufe meines Lebens gesehen, dass die kauzigen, spezialisierten, nerdigen Menschen einerseits ihre Ruhe haben wollen und sich andererseits nichts sagen lassen – auch die unauffälligen, eingenischten.

Der Begriff Nerd ist popkulturell in den 1990ern aus den USA zu uns geschwappt. Du benutzt den und siehst den für dich als positiv besetzt an.

Ja. Ich fasse darunter alles zusammen, was ich so mache. Ich mache viel im Bereich von neurodivergenten Leuten, da haben wir beispielsweise die größte Studie, die es jemals weltweit gab, mit Schulkindern gemacht. Es ging darum, wie man die Kids so unterstützen kann, dass sie nicht die Lust an der Schule verlieren. Und jetzt machen wir gerade die größte Studie für Kindergartenkinder, die weltweit je gemacht wurde. Mit „wir“ meine ich unseren Forschungszusammenschluss White Unicorn e.V. Das ist ein Verein, der sich mit Menschen beschäftigt, die nach der neuen Liste der Besonderheiten, die Menschen haben können, hauptsächlich mit ADHS, ADS und Autismus diagnostiziert wurden. Eigentlich ist es ein Autismusverband. Für die Schulstudie waren die Partner das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Goethe-Universität Frankfurt und die Humboldt-Universität Berlin. Für die Kindergartenstudie sind es Aktion Mensch und die Evangelische Hochschule Berlin. Ich bin technisch gesehen der Forschungsleiter von der Seite der Autisten und Autistinnen. Um auf deine Frage zurückzukommen mit den Nerds: Wir waren auf der größten erziehungswissenschaftlichen Tagung, die es gibt auf der Welt. Da haben wir unsere Ergebnisse vorgestellt und dort ist mir aufgefallen, dass immer mehr von den Forschern und Forscherinnen zu uns kamen und gesagt haben: „Wir sehen so viele Ähnlichkeiten zu dem, was ihr da rausgekriegt habt in der Studie ... vielleicht gehören wir auch dazu.“

Inwiefern?

Ich sage immer, ja, das ist kein großes Wunder. Weil Forschen, Messen, Zählen, Sortieren ... kann sein, wenn die Merkmale für Autismus alle zutreffen. Die Forschenden in dem Bereich haben angeregt, dass Autismus und ADHS keine Ausschlussdiagnosen mehr sind – man kann beides haben. Und damit bin ich wieder zurück beim Begriff Nerd. Dadurch, dass sich da sehr viel im positiven Sinne tut, was die Feststellung der Merkmale von neurodivergenten Besonderheiten angeht, finde ich den Begriff okay. Es gab da zwischenzeitlich den Begriff „neurodivergent umbrella“, unter diesem Schirm wurde das noch mit Farben kodiert und blablabla. Da sagte ich: Leute, das können wir jetzt kompliziert machen – oder einfach. Nennen wir das einfach Nerd, dann haben wir’s. Ohne Farben, ohne Regenschirm. Und es fühlen sich alle angesprochen. Wenn der Begriff abgelehnt würde in der Neurodivergenten-Community, würde ich ihn natürlich nicht verwenden.

Und du schließt dich in diese Beschreibung mit ein, bist also ein Nerd?

Die anderen schließen mich ein. Ich ordne mich nicht ein. Mir ist es egal, wer ich bin. Ich habe mir noch nie in meinem Leben Gedanken darüber gemacht, wer bin ich, was will ich. Ist mir alles total egal. Das mit dem Nerdling an mit dem Verband für hoch- und höchstbegabte Kinder, wo ich manchmal bei Summer Schools für Kids mitmache. Die sind angekommen und dann habe ich gesagt, ich glaube, ich kann euch nichts beibringen, ich bin ein bisschen hohl und so. Und dann haben die gesagt, ist egal, mach einfach mal. Und das funktionierte auch. Und dann kamen die Menschen von Mensa e.V. an, und dann kamen die Autisten und da habe ich mir gedacht, irgendwie wird das schon passen, wie ich mich fühle. Also wenn die anderen die Diagnosen haben oder das getestet haben, wenn die alle sagen, passt schon, ja gut, dann spiele ich gerne bei euch mit. Wenn wir das dann Nerds nennen oder Spezialisten oder Experten – egal. Eine bessere Beschreibung wäre vielleicht „Menschen, die sich sehr stark in etwas vertiefen und dann vieles andere ausblenden, besonders soziale Dinge“. Auf so ein Verhalten treffe ich übrigens auch oft bei Musikern, nur hat das lange gedauert, bis ich das geschnallt habe, warum das so ist, dass sie sich so perfekt in ihr Instrument reinfuchsen, schon in jüngsten Jahren.

Ich dachte immer, das wäre so ein Gegensatz, aber ganz im Gegenteil. Genau wie Maler und Malerinnen, die Farben sehr gut wahrnehmen können, die sehr expressionistisch sind und so weiter. Und natürlich auch die ganzen Schaltplattensammler:innen und sonstigen Spezialistinnen und Spezialisten. Die gehören alle dazu.

Du hast dich 2025 in eine noch ganz andere Sache vertieft, die dann leider nicht hingehauen hat. Hätte es geklappt mit deiner Wahl, wärst du der erste vegane Oberbürgermeister von Köln geworden für Die PARTEI.

Das wird schon noch. Es gab da so ein Stillhalteabkommen, aber das habe ich erst hinterher erfahren. Wegen einer bestimmten politischen Partei, die alle anderen nicht mochten, gab es ein Abkommen, dass sich deswegen die anderen Parteien alle nicht gegenseitig dissen. Wusste ich nicht. Ich dachte nur, ach, das ist aber alles freundlich dieses Mal. Warum sind die eigentlich alle so nett? Da gibt es großartige Videos, wo ich wirklich die irrsten und vollkommen bizarre Forderungen stelle.

Und der jetzige Bürgermeister, der sitzt zehn Minuten lang neben mir und nickt. Und ich dachte mir, was ist denn hier los? Irgendwas stimmt hier nicht. Also das war wirklich super geil. Der Vorteil war, dass dadurch, dass alle jetzt so super brav waren und wir sehr, sehr viele Kandidaten und Kandidatinnen hatten, die ganz kleinen Verbände und Organisationen Gehör gefunden haben für ihre Anliegen.

Zum Beispiel Empowerment für Mädchen oder so was. Dadurch haben alle Kandidat:innen tatsächlich diese ganzen kleinen Termine wahrgenommen. Das hat zwar für das Vegane nicht gereicht, aber es hat zumindest dafür gereicht, dass keiner von denen auch nur eine einzige dumme oder peinliche Anmerkung zu diesen sozialen Themen gemacht hat. Das war wirklich, wirklich angenehm. Alle haben sich von ihrer besten Seite gezeigt. Bei einer Organisation ging es darum, wie es Kindern geht, wenn sie in schlechten häuslichen Bedingungen leben, aber nicht aus der Familie rausgenommen werden. Da haben die Kinder zu Politiker:innen gesagt, jetzt erzählt ihr doch mal, was schlimm bei euch in der Kindheit war. Und ich dachte schon, da kommt irgendeine schleimige Scheiße, irgendein Märchen. Aber weit gefehlt: Jede einzelne Person, die da saß, hat wirklich eine krasse, glaubwürdige, nicht klebrige, harte Aktion erzählt, die ihr widerfahren ist. Das war bemerkenswert.

Wärst du OB geworden, hättest du in einer illustren Tradition gestanden.

Ja, man sollte nicht vergessen, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wurde später Bundeskanzler und der erfand ...

... die Soja-Wurst!

Genau.

Nun, du wärst ein würdiger Nachfolger geworden.

Es gibt ein paar Sachen, die echt vorbildlich an ihm sind. Aber klar, der war natürlich ein erzkonservativer Katholik. Zwei interessante Sätze hat der Adenauer gesagt: Auf die Frage eines TV-Journalisten hat er nur eine ganz kurze Antwort gegeben. „Es hätte auch eine einsame Entscheidung sein dürfen.“ Da steckt sehr viel in einem Satz drin. Er hat damit gesagt, die Ziele, für die ich stehe, würde ich auch alleine vertreten. Das ist aus heutiger Sicht sehr merkwürdig, aber aus damaliger Sicht interessant. Nach dem Krieg musste er alles in engster Abstimmung mit den US-Amerikanern machen. Und dann zu sagen, ja, diese Entscheidung hätte ich auch einsam getroffen, das fand ich interessant. Der zweite bemerkenswerte Satz fiel in dem Zusammenhang, dass damals noch viele Nazis in der Regierung und den hohen Ämtern wären. Da hat er im rheinischem Dialekt gesagt, dass, wenn man nur schmutziges Wasser hat zum Putzen, dann muss man halt mit diesem putzen. Klar, das ist aus heutiger Sicht sehr schwer verständlich. Diese Oberbürgermeister aus Köln, das sind interessante Figuren. Kurz vor der Wahl wurde ich eingeladen zu einem Treffen bei der Oberbürgermeisterin, das war eine Ehrung für Menschen mit bürgerschaftlichem Engagement. Da war auch ein ehemaliger Bürgermeister dabei, und ich fand es interessant, die mal so „in freier Wildbahn“ zu beobachten, also wenn sie sich in Sicherheit fühlen. Das sind korrekte Leute. Da habe ich wieder mal erlebt, dass man an Stellen, wo man es gar nicht meinen würde, korrekte Leute erlebt, das ist so ähnlich wie bei den Schlagersängern, was ich vorhin erzählt habe.

Nach außen hin sind der Content und das Auftreten für mich uninteressant, dazu habe ich keine Meinung. Aber wenn du sie dann in so einer gesicherten, geschützten Umgebung triffst, dann sind sie total korrekt und auf ihre Art auch weise, das ist crazy. Klar, sie machen den ganzen Tag Erfahrungen, die wir nicht machen. So gesehen kann ich das mit dieser Bürgermeisterkandidatur jedem nur empfehlen. Besonders, weil sie sich neuerdings auch mega schämen, wenn es mal wieder nichts Veganes gibt. Ich habe natürlich bei jeder Veranstaltung – das hab ich ja von dir gelernt – gefragt: „Gibt’s auch was Veganes?“ Und dann gab es natürlich nicht ein einziges Mal was Veganes.

Reden wir mal über soziale Medien. Bei allem, was du da machst, wirkst du immer sehr positiv. Nun sind da draußen aber auch eine Menge Hater unterwegs, und für jedes Statement zu vegan bekommt man es mit söderisch-pathologischen Wurstfressern zu tun. Wie gehst du damit um, dass wahrscheinlich immer wieder ordentlich an dich rangekoffert wird?

Also wenn das einen Inhalt hat, wie zum Beispiel bei dieser vorhin erwähnten dänischen Studie mit dem Aluminium, höre ich den Leuten durchaus zu. Wenn das was Widerlegtes ist, sage ich, zeig mir doch mal bitte die Studie, auf die du dich da beziehst – aber die gibt es dann meistens nicht. Der Klassiker ist: „Wir leben gerade am Ende einer Eiszeit und deswegen wird alles immer wärmer auf der Erde.“ Dann sage ich: „Kannst du mir mal deine Studie zeigen?“ Denn in dem Moment, wo sie sich die Studie anschauen, sehen die selber, was da steht. Da muss man gar nicht streiten. Und wenn sie es nicht nachschauen, weil es sie nicht interessiert, brauche ich auch nicht zu diskutieren. Die erste und unterste Stufe ist immer: „Zeig mir mal die Studie.“ Da kommt dann in der Regel nichts mehr, nur ganz selten schicken sie mal was zurück. Die nächste Stufe ist dann eigentlich schon blockieren. Sobald auch nur eine Beleidigung drin ist, blockiere ich die sofort. Im persönlichen Gespräch auch: „Ich verstehe, was du sagst: Ich bin hässlich und dumm, kein Problem, aber das Thema der Veranstaltung war doch was anderes, oder?“ Ich hatte mal eine Fernsehsendung, da ist das Ganze regelrecht explodiert, so dass ich sozusagen in den tierschützerischen Bereich gedrängt wurde. Da saß ein sehr bekannter Fernsehmoderator neben mir in der Talkshow, und er hat gesagt, ich lasse mir das und das Essen nicht wegnehmen. Damals war es die Bratwurst, heute wäre es das Schnitzel. Und dann habe ich gesagt: „Da brauche ich jetzt gar nicht darauf zu antworten, weil die nimmt Ihnen keiner weg.“ Oft kann man so was also ganz niederschwellig lösen. Die Fleischliebhaber haben sich in der Sendung selbst bloßgestellt.

Und bei Social Media?

Schon seit langem ist es häufig so, dass Leute was inhaltlich Interessantes aufbringen, was sie tatsächlich nicht so leicht selber prüfen können. Zum Beispiel wenn es um riesige Datenmengen geht, die recht neu erhoben worden sind. Aktuell ist das Methan hier oben in der Arktis, wo ich gerade bin, ein Thema. Da könnte es zu schlagartiger Methanfreisetzung kommen, was die meisten Leute aber nur von Permafrostböden kennen, und dann wird behauptet, das beweise aber das und das. Ich sage dann, wir schauen uns die neuen Messungen jetzt mal ganz genau und in Ruhe an, und dann sehen wir, was da wirklich los ist. Danach können wir über den Rest reden, nämlich was du meinst, was das bedeutet. Und das war’s dann meist eigentlich schon.

Welche Medien nutzt du?

Ich hatte bis vor kurzem noch die Washington Post abonniert, aber die ist mir zu doppelzüngig. Sie gehört Jeff Bezos, aber gleichzeitig möchte sie liberal sein. Das ist ganz interessant. Ohne Quatsch: Ich nutze kein einziges klassisches Informationsmedium. Radio und Fernsehen hatte ich noch nie, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin. Und im Internet funktioniert das auch gut: Ich sehe einfach, was es mir so reinspült bei Insta und Facebook oder so, meist sind es Beiträge über Pilze oder Tauben oder Züge. Twitter hatte ich nie. Deswegen habe ich eine super angenehme Umgebung. Manchmal schreiben mir Leute auch E-Mails, weil sie wissen, dass ich nur auf E-Mails antworte. Wenn ich merke, dass eine Person rumhaten will, nur um zu haten, dann schicke ich ihr kommentarlos ein Danke. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Leute, die geifernden Hass ausgegossen haben per E-Mail, einfach so, dass die, wenn ich denen dann zurückschreibe „Okay, habe ich gelesen, danke, Mark“, dass die tatsächlich wieder ankommen. Weil sie den Eindruck haben, dass ich der Einzige bin, der ihnen überhaupt antwortet. Auf diese Weise habe ich schon viele interessante Infos erhalten, weil diese Leute mir von einer Seite her berichten, die ich normalerweise überhaupt nicht erlebe. Ganz aktuell kam da diese UFO-Ablenkungssache aus den USA. Das habe ich von den Leuten „auf der anderen Straßenseite“, wie man sie früher immer genannt hat, sofort erfahren und konnte direkt schauen, was da schon wieder los ist.

Ich habe den großen Vorteil gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen, die sich daran aufreiben und beleidigt sind und traurig und sich rumärgern und Kommentare schreiben, dass ich denen oft in der Zeit ein bisschen voraus bin und schon weiß, was als Nächstes kommt. Ich bin durch die teils irren E-Mails schon drauf eingestellt, das ist auch ganz angenehm.

Wieso nutzt du immer noch Social Media? Viele Leuten sind schon raus, weil sie sagen, ich ertrag’s nicht mehr, es macht mich fertig. Du bespielst das mit einem stoischen, freudigen Eifer, möchte man beinahe sagen.

Das hast du perfekt formuliert. Ich habe Facebook, Insta, TikTok, sonst nichts, und bin immer spät reingegangen – also wenn irgendwer gesagt hat, Mark, du musst das machen, du kannst nicht wie ein Opa leben. Ich liefere zu 100% nur, was ich will. Ich lösche sofort alle Kooperationsanfragen von Firmen, die manchmal auch sehr clever sind. Es gibt Firmen, die überhaupt nichts mit Verbrechensaufklärung oder sozialen Belangen zu tun haben, und die machen dann solche Outreach-Programme und suchen sich irgendwas, das sehr sozial wirkt. Da sind Kriminalfälle und die Lösung von Kriminalfällen natürlich nicht schlecht. Denen erkläre ich dann: „Ich weiß nicht, wer du genau bist, ich weiß nicht, aus welcher Abteilung du bist, ich weiß nicht, warum du fragst, aber ich will es dir kurz erklären. Was du da machst, hat überhaupt keinen Bezug zu meiner Arbeit. Keinen einzigen. Und das brauchen wir jetzt auch nicht zu diskutieren.“ Ich nehme mal ein Beispiel, das ich erzählen kann, weil das schon etwas her ist. Das war eine Firma, die Matratzen herstellt. Da habe ich gesagt, das Problem ist, wir haben viele Sexualdelikte und Matratzen kommen da manchmal vor. Diese Leute aus der Marketingabteilung sehen das in der Regel natürlich nicht ein. Oft sind die sehr jung und haben schon diese Marketing-Schwurbelsprache drauf. Davon halte ich mich also schon mal komplett fern. Auf Social Media folgen mir über eine Million Leute – nur mir alleine, ohne Ines. Und die wissen, ich lasse mich nicht kaufen oder einspannen. Wenn das jemand behauptet: Zeige mir eine Quelle dafür.

Du reist bevorzugt per Bahn. Glaubwürdig hätte ich es gefunden, wenn du angesichts unzähliger Posts aus Zügen und Bahnhöfen für die Werbung machen würdest.

Ich muss jetzt sehr vorsichtig formulieren ... Ich hatte Kontakte zur Bahn, weil die wissen, dass ich halt dauernd was poste. Ich soll nichts darüber sagen. Ich formuliere es daher mal anders: Ich poste ja eh dauernd was dazu. Wenn dann jemand sagt, ich bin in irgendeiner Weise von der Bahn beeinflusst oder bezahlt, dann sage ich nur, zeig mir bitte mal die Postings. Die gibt es nicht. Das ist nur in deinem Kopf. So gesehen ist das mit der Bahn eigentlich ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich hätte etwas machen können, aber die Marketing-Menschen dort sind einfach zu verstrahlt. Die Menschen in den Klimaaktivist:nnengruppen, die haben halt immer irgendwas Interessantes zu berichten, aber das ist logischerweise nie bezahlt. Und die ganz extrem linken Gruppen, die sind der Meinung, ich solle stärker fordern, dass es politische Umwälzungen gibt, und nicht immer nur sagen, dass der einzelne Mensch sich p"anzlich ernähren, weniger Kleidung verbrauchen, ÖPNV benutzen soll und so weiter. Und je weiter das dann in die Mitte rückt von der Organisation her, umso mehr finden sie es wiederum suspekt mit der pflanzlichen Ernährung, zu der ich was sage. Jeder hat irgendwas, wo er sagen könnte, ich sei doch von dem und dem beeinflusst. Dann sage ich: Schau dir meine Vorträge an. Warum sagst du das? Das sagst du doch nur, weil ich etwas gesagt habe, das dir nicht gefällt, politisch oder sozial oder kulturell. Wir können gerne weitersprechen, wenn du mir eine Quelle für deine Aussage zeigst. Und noch nie, nicht ein einziges Mal, ist jemand mit einer Quelle gekommen, die irgendeine Beeinflussung zeigt. Ich glaube, das hat den Vorteil, dass sich das herumspricht: Ich poste nur, was ich will, und arbeite nie mit Geldgebern zusammen und „monetarisiere“ nie. Und dann sagen sie, okay, der ist echt ein bisschen stumpf und hohl, der ist tatsächlich nicht beeinflusst.

Du warst neulich beim Konzert von Kim Wilde. Und es war gut, sagst du.

Auch Chris de Burgh war sehr gut. Ich war beim 75. Geburtstag von Chris de Burgh und beim 65. Geburtstag von Kim Wilde. Dass ich diesen Satz mal sagen darf, auch noch im Ox-Magazin, hätte ich nicht gedacht.

Eigentlich müsstest du WDR 4-Hörer sein. Das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern.

Ja, zu meinem Schrecken war ich bei Kim Wilde das erste Mal in meinem Leben auf einem Konzert, wo WDR 4 der Kooperationspartner war. Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich war schon ganz früh bei DEPECHE MODE, MARILLION und so, sogar bei PINK FLOYD. Weil wir wussten, wie man durch den Hintereingang reinkommt, denn wir konnten uns das natürlich nicht leisten als Schüler und Studierende. Bei Chris de Burgh und Kim Wilde merkt man, die können ohne Bühne nicht leben. Die brauchen das Geld nicht. Wie sie mit dem Publikum umgehen, das ist wirklich total interessant – auch was zum Thema Nerds. Chris de Burgh ist der totale Nerd, ganz viele Sachen macht er immer gleich, das ist total auffällig. Das nervt auch die Fans, die zu jedem Konzert gehen, das sind meistens so ältere Frauen, die zumindest beim Konzert auch niemanden dabei haben. Das ist ein recht interessantes Publikum. Ich war letztes Mal bei ihm auf Platz 1, Reihe 1.

Sitzplatz bestuhlt?

Sitzplatz bestuhlt, Reihe 1, Platz 1. Da merkte man richtig, dass er stark versucht, möglichst vielen Leuten in die Augen zu schauen im Publikum und möglichst viele Reaktionen zu bekommen. Bei Kim Wilde war es so, dass sie auch sehr nah am Publikum war und ganz offen und ehrlich ihre eigene Stimmung gezeigt hat. Weil es ihr Geburtstag war, hat sie von den Fans die ganze Zeit Geschenke bekommen. Die Musik ist bei ihr ja eine Familienangelegenheit, ihr Bruder ist der Produzent und der Texter und ihre Nichte Scarlett ist auch dabei. Während des Auftritts ist sie zu jeder einzelnen Person hingegangen und hat jedes Geschenk angenommen und sich sichtlich gefreut. Wohingegen Chris de Burgh Geburtstage hasst. Da haben alle gesungen „Happy birthday to you“ und das fand er erkennbar scheiße. Ich habe von den beiden wirklich was über Auftritte gelernt. Nämlich, wenn du keinen Bock hast, lass es sein. Aber wenn du Bock hast, dann mach’s ehrlich und direkt. Ich sehe bei manchen Bands, dass die das so aus der Gewohnheit heraus machen. Die ewige Stadiontour, die nie mehr endet und so. Ich weiß nicht, ob sie da wirklich jeden Tag Bock haben. Aber bei diesen beiden „Veteranen“, da hat man wirklich gemerkt, dass sie genau das machen, was sie wollen.

Und wie ist das bei dir?

Wir müssen jetzt viel weniger Veranstaltungen machen, weil die Bahn nicht fährt, also es geht nicht mehr wie früher. Und dann habe ich mir auch überlegt, habe ich eigentlich noch Bock, so viel Zeit mit Reisen zu verbringen. Und deshalb habe ich mir gedacht, mach’s doch wie die beiden. Überleg dir, ob du Bock hast, welches Publikum das ist. Ich habe Bock und ich liebe meine Zuhörerinnen und die – wenigen – Zuhörer. Aber wir haben die Größe verringert. Kleinere Säle. Da fühle ich mich am wohlsten.

Du, oder besser ihr, also Ines und du, ihr zeigt doch sehr vieles bei Social Media, wo man sagen kann, das ist recht nah am Menschen dran. Wie kommt das?

Ich trenne das gar nicht, das habe ich noch nie gemacht. Ich kenne einige Leute, die auch im Musikbereich sehr bekannt sind und sich privat stark abschirmen. Dass wir das alles offen machen, kommt auch ein bisschen von Ines. Sie sagt: „Wahrheit ist Wahrheit, aber manches möchte ich nicht zeigen. Zum Beispiel das Umziehen am Hotelfenster: Mach die Vorhänge zu!“ Ich sage, wenn die Leute reinglotzen wollen, sollen sie das halt tun. Die haben bestimmt schon mal einen nackten Hintern gesehen. Wir besprechen das dann und unsere Grenzen sind uns auch gegenseitig sehr klar, deswegen können wir das alles persönlich und entspannt machen. Was sehr beliebt ist, erstaunlicherweise, ist das Kochen, wobei man das Ganze bei uns ja nicht wirklich kochen nennen kann. Extrem beliebt ist auch, wenn wir Fragen aus dem Netz an uns beantworten. Zum Beispiel haben wir neulich ein Autismus-Video online gestellt und da haben wir auf Fragen aus einem Autismus-Forum geantwortet, das bekam sehr viele Klicks. Instagram und TikTok funktionieren total unterschiedlich, das ist merkwürdig. Da gehen manchmal Sachen durch die Decke, die tatsächlich cool sind, dann wieder nicht. YouTube machen wir natürlich auch noch. Da ist eines der meistgeschauten Videos das, wo ich erkläre, warum es keine Menschenrassen gibt. Ein total unaufgeregtes, nebenbei gemachtes Video, ohne jeden Gedanken an eine Zielgruppe. Das hat schon über eine Million Views.

Interessanterweise sind bei Facebook die Autismus-Inhalte sehr verbreitet, weil die Autist:innen kein Interesse an diesem Glitzerblingbling von Insta und TikTok haben. Und bei Insta erreiche ich komischerweise öfter auch mal Leute mit den Umweltthemen. Privat und öffentlich habe ich aber wie gesagt nie getrennt. Wovon aber, glaube ich, andere Lieferant:innen von Inhalten aufgefressen werden, die zu private Sachen zeigen, weil die viele Klicks bringen, ist, wenn sie sich keine klar definierten Grenzen auferlegen. Das siehst du zum Beispiel bei den Leuten, die irgendwann nach OnlyFans gehen. Entweder versuchen sie dann die Fans zu melken, indem sie gar keinen Content liefern und immer nur versprechen, wenn du genug zahlst, kriegst du irgendwas zu sehen. Oder sie rutschen krass in Sachen rein, von denen sie laut gesagt hatten, das werden sie niemals machen. Das kann bei uns nicht passieren, weil wir gegenseitig ehrlich und immer auf unsere durchaus verschiedenen Grenzen achten.

Plant Based Treaty 🪴

14. November 2021

Wir freuen uns, dass wir Dr. Mark Benecke @markito_benecke als Unterstützer für das Abkommen 'Plant Based Treaty' @plantbasedtreaty gewinnen konnten.

Das @climatesavemovement versucht mit dem #plantbasedtreaty Druck auf die Regierungen dieser Welt aufzubauen ein internationales Abkommen zu schließen, welches folgende Eckpunkte enthält:

1.) Keine Ausweitung der Tierindustrie. Keine neuen Schlachthäuser, Mastanlagen oder Naturzerstörung für die Tierindustrie.

2.) Aktive Transformation des Agrar- und Ernährungssektors hin zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem

3.) Renaturierung und Wiederaufforstung frei werdender Flächen um den Klimawandel und das Artensterben zu verlangsamen.

Auch DU kannst den Plant Based Treaty unterstützen. Als Einzelperson, Organisation, Unternehmen oder Kommune 🌎 ❤️ 🌱

Warum vegan?

Quelle: Das V-Heft – Tierisch gute Gründe für eine vegane Lebensweise, Animal Rights Watch e.V., Ausgabe 2025, 48 Seiten

Warum vegan?

Foto: Tomas Rodriguez

Tiere zu verwenden ist weder notwendig noch sinnvoll – egal ob es um Schweine, Hühner oder Heuschrecken geht. Pflanzliche Ernährung ist für die Umwelt, aber auch wirtschaftlich und gesundheitlich für Menschen am besten.”

Foto: Tomas Rodriguez

YPS: Der Herr der Maden

Quelle: Yps, Heft 1263 (1/2014), Seiten 34 bis 36

Er gilt als „Herr der Maden“, untersuchte Hitlers Schädel und half mit, entsetzliche Gewaltverbrechen aufzuklären: Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke (43) ist Spezialist für forensische Entomologie, wie das Fachgebiet des 43-­Jährigen eigentlich heißt, Experte für das Abwegige und erklärter Yps-­Fan.

Interview: Andreas Hock

Yps: Was sind Ihre Erinnerungen an Yps?

Dr. Mark Benecke: Ich bin immer zum Kiosk getigert und habe mir alle Hefte gekauft! Nur eine Zeitlang hatte ich einen Groschen zu wenig Taschengeld und konnte nur jedes zweite Yps kaufen. Ein Drama!

Irgendein Lieblings-­Gimmick?

Eigentlich mochte ich alles. Nur manchmal habe ich mich geärgert, wenn etwas nicht funktionierte. Etwa der Windmesser fürs Fahrrad. Das war Plastik-­Schrott.

Hat Yps Ihren weiteren Berufsweg denn irgendwie beeinflusst?

Ich denke schon. Denn alles, was ich heute gerne mache, kam da schon vor: messen, tüfteln, forschen. Yay!

Sie beschäftigen sich praktisch ausschließlich mit den extremen Auswüchsen der menschlichen Psyche und ihren Folgen. Woher die Begeisterung fürs Abgründige?

Ich arbeite einfach gerne am Rand des Randes, dort, wohin keiner mehr gucken mag. Das finde ich besonders spannend.

Was genau macht eigentlich ein „Kriminalbiologe“?

Zweierlei Sachen. Einerseits bin ich als Spurenkundler tätig und schaue mir vor allem die Insekten an. Danach kann ich beispielsweise sagen, wie lange das Insekt auf der Leiche gelebt hat, was den Todeszeitpunkt bestimmen helfen kann. Oder ich stelle fest, dass die Leiche zunächst nicht an der Stelle gelegen hat, wo sie gefunden wurde. Der Rest des Falles ist mir dabei vollkommen egal. Wenn es aber um den Bereich der Tatortrekonstruktion geht, hole ich mir wie ein Ermittler alle möglichen Infos heran. Dann rede ich mit jedem, der irgendetwas Relevantes wissen könnte. Ich notiere, fotografiere und katalogisiere. Dabei glaube ich aber erstmal gar nichts – nicht einmal mir selbst.

Und wie kann man bei all den furchtbaren Dingen noch ein halbwegs normales Leben führen

Ich betrachte ich das Ganze nicht von einem emotionalen Standpunkt aus, sondern eher rein wissenschaftlich. Wenn ich einen Tatort oder eine Leiche untersuche, dann habe ich dabei keine Gefühle. Schon eher, wenn ich bemerke, dass bei der Aufklärung eines Falles Fehler gemacht wurden und etwa die falsche Person verurteilt worden ist!

Kriegen Sie denn nach Feierabend die Bilder aus dem Kopf?

Ich hasse Feierabend, Urlaub und dergleichen. Außerdem habe ich zum Glück als Bilder nur die Räume oder Wege der Tatorte im Kopf, weiter nix. Sonst wäre es in der Tat ein bisschen anstrengend.

Wenn der kleine Yps-­Leser Mark gewusst hätte, was der große Dr. Benecke später macht – was hätte der gedacht?

Et is, wie et is...

Wie erklären Sie sich die wachsende Faszination, die von Gewaltverbrechen ausgeht? TV-­Serien wie „Medical Detectives“ oder „Autopsie“, wo Sie ja auch mitgewirkt haben, sind Quotenrenner, und Ihre Vorträge sind voll....

Ich schaue selbst nie fern. Insofern kann ich nicht beurteilen, was den Erfolg oder den Reiz solcher Sendungen betrifft. Aber durch sie ist natürlich schon die soziale Akzeptanz für Berufe wie meinen gestiegen. Und was die so genannte Faszination dafür angeht: Für die meisten Menschen fungiere ich wohl als Puffer, indem ich an einem „neutralen“ Ort von meinen Erlebnissen berichte. Mein Publikum freut sich wahrscheinlich, dass irgendjemand den Drecksjob macht. Oder manche Zuschauer haben selbst einen seltsamen Todesfall erlebt und wollen wissen, wie dann vorgegangen wird.

Was erwartet denn Ihre Zuschauer an einem solchen Abend?

Ein Blick auf das Ungeheuerliche. Es lohnt sich, das Tor zur Hölle mal kurz aufzureißen, um hineinzusehen. Ich mag es nicht, wenn die Leute zuhause auf dem Sofa sitzen, Chips in sich hineinstopfen und dabei eine bessere Welt fordern. Man muss auch mal dorthin schauen, wo es stinkt – und sich fragen, wo die eigene Verantwortung anfängt.

Nämlich?

In meinem Fall dort, wo Gewalttäter etwas tun, das nur sie selbst erklären können. Bevor dieses Wissen einfach untergeht, muss ich doch die Möglichkeit ergreifen, das zu erhalten und Schlüsse daraus ziehen.

Empfinden Sie selbst noch so etwas wie Ekel?

Nein, sonst könnte ich das Ganze ja auch nicht machen! Ich arbeite mit menschlichen Ausscheidungen aller Art – Kot, Sperma, Blut. Ich weiß nicht, was daran ekelhaft sein soll. Den Geruch von frischem Fleisch – etwa beim Metzger – empfinde ich als genauso fies!

Und Angst?

Höchstens vorm Autofahren oder vor einem Hubschrauberflug. Ich bin nicht besonders mutig, aber das hat mit meiner Arbeit nichts zu tun.

Sie haben sich zum Beispiel auch mit dem kolumbianischen Serienkiller Luis Garavito Cubillos befasst, der 300 Jungen zwischen 8 und 13 Jahren getötet haben soll. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie jemand so böse werden konnte?

Zunächst gibt es genetische Faktoren. Dann kommt noch die Umwelt hinzu. Bei manchen Mördern findet man wirklich das ganze Programm – Gewalt in der Familie, Alkoholismus, sexueller Missbrauch, geringe Bildung. Andere sind lupenreine Schizophrene. Eigentlich ist also die Tat an sich das Böse und nicht der Mensch, der sie begangen hat. Wobei ich klarstellen möchte, dass ich kein Mitleid mit diesen Tätern habe, im Gegenteil. Ich habe viel mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu tun, die allesamt schlimme Dinge erlebt haben. Jeder einzelne von ihnen hat mehr Mumm in den Knochen als diese Typen, die immer alles auf ihre schwere Kindheit schieben! Man hat immer die Wahl.

Ist die Welt böser geworden?

Eigentlich ist die Welt durch die ständige Vernetzung und den internationalen Informationsaustausch sogar besser geworden: Je mehr kulturellen Kontakt die Menschen haben, desto toleranter sind sie im Grunde. Einzig durch sozioökonomische Umstände wird das Aufkommen von Straftaten gesteigert.

Sie ernähren sich vegetarisch. Aus beruflichen Gründen?

Nicht unbedingt. Aber ich habe ja tatsächlich viel mit den detaillierten Überbleibseln von Gewalt zu tun, etwa mit Blutresten und verwestem Fleisch. Im Klartext: Bei einem Stück Schinken sehe ich das gleiche Leichengewebe vor mir wie an einem Tatort. Das kann ich offensichtlich nicht mehr ausblenden. Was kurios ist: Ursprünglich wollte ich eigentlich Koch werden!

Sie wollten also niemals mit Maden zu tun haben?

Nein. Aber ich war schon immer der kauzige Junge mit dem Chemie-­, Physik-­ und Detektivkasten. Und mit Yps natürlich.

Mit herzlichem Dank an Andreas Hock und die Yps-Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Klimawandel, Serienmörder und Vampire

Quelle: this is vegan, 14. Januar 2025

Klimawandel, Serienmörder und Vampire – Dr. Mark Benecke im Interview

Was verbindet Adolf Hitlers mutmaßlichen Schädel, Vampirismus und Veganismus? In dieser besonderen Folge des „Plantbased Podcast“ sprechen wir mit Dipl.-Biol. Dr. rer. medic., M.Sc., Ph.D. Mark Benecke, dem bekanntesten Kriminalbiologen Deutschlands, über seine spektakulären Fälle und sein Engagement für eine bessere Welt. Bekannt aus TV-Dokumentationen und als Bestsellerautor, gibt Mark uns faszinierende Einblicke in seine Arbeit, seine Einstellung zum Leben und seine Motivation, vegan zu leben. Wir sprechen über spektakuläre Fälle, die er untersucht hat – von Hitlers mutmaßlichem Schädel bis hin zu real existierendem Vampirismus – sowie über die Herausforderungen des Klimawandels und was wir aktiv dagegen tun können.

Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe - Dr. Mark Benecke - Foto: Christoph Hardt

Mark, der für seine Ehrlichkeit und seinen wissenschaftlichen Ansatz bekannt ist, teilt auch seine Reise hin zum Veganismus und warum er HappyCow–Top-Bewerter wurde. Dieses Interview ist ein Muss für alle, die nicht nur von True Crime fasziniert sind, sondern auch an Tierschutz, Veganismus und Klimaschutz interessiert sind.

Das erwartet dich im Interview & Podcast mit Dr. Mark Benecke:

  • Warum Veganismus laut Mark Benecke eine der schnellsten Lösungen für den Klimawandel ist.

  • Was Mark Benecke in Gesprächen mit Serienmördern wie Luis Alfredo Garavito lernte.

  • Warum Mark Benecke die Nutzung tierischer Produkte in Zoos für ein großes Problem hält.

  • Lerne, warum der Kriminalbiologe den Tod als rein wissenschaftlichen Prozess betrachtet.

  • Wie Mark und seine Frau Europas größte Studie über Real-Life-Vampirismus durchführten.

  • Warum Mark findet, dass Meinungen nichts mit Wissenschaft zu tun haben.

  • Warum Mark Benecke ermahnt, dass wir uns vom Mythos des Klimawandel-Anpassens verabschieden müssen.

  • Finde heraus, wie Mark Benecke die Untersuchung von Adolf Hitlers mutmaßlichem Schädel in Moskau erlebte.

  • Warum Mark Benecke von Lebensmittelkonzernen enttäuscht ist und wie sie vegane Optionen falsch vermarkten.

  • Die Wahrheit über den Einfluss von Zoos auf den Artenschutz.


Videopodcast auf YouTube anschauen:

HappyCow Top Contributor Mark

Meet Mark (@markito_benecke), a longtime HappyCow explorer who’s posted over 700 reviews (and counting!). Travelling alongside his wife Ines (@azrael.ines), Mark relies on HappyCow to uncover plant-based gems—from hidden cat cafés to classic French eateries that don’t even advertise they’re vegan .

For him, every review is a way to give back and help fellow foodies discover new favorites—just like HappyCow has done for him so many times.

Find Mark on HappyCow at marky_mark

📸: @plantsofroselyn @udum.vegan @lepotagerdecharlotte @das_foersters: Fabian Neeser (Mark’s photo)

HappyCow: Tell us how it all started!

Mark: About 10 years ago, my wife Ines and I were in London near Elephant & Castle. Vegan spots were rare back then, so we relied on Happycow's listings to find decent places in our limited time.

Do you have a "HappyCow saved my life" moment?

Yes, almost every day we're on the road. As soon as we check into a hotel, we open HappyCow to find nearby vegan spots. We've discovered amazing neighborhoods just by following its listings.

Any standout places you'd recommend?

I love smaller, grassroots places — often tucked away in alternative neighborhoods. One fun option is the Katzentempel chain, where rescued cats roam around while you enjoy vegan dishes.

What's your most unforgettable meal? 

I like places that skip the big 'vegan' label yet still serve classic dishes in plant-based form. For example, there's one in Paris that does Coq au Vin, but you'd never know it was vegan.

Any destinations you want to visit next?

We sometimes joke about visiting the 'HappyCow headquarters', if that's even real. Otherwise, we're open to exploring any city that surprises us with new vegan finds.

What keeps you going as an active contributor?

I enjoy sorting everything and snapping food photos — it helps me remember what we've tried. More importantly, HappyCow saves us so much time that writing reviews is my way of giving back. I also hope people support older ecological spots in Eastern Europe so they don't vanish.

Die vegane Uni-Mensa in Stuttgart

"Am 10. Dezember 2024 besuchen Mark und Ines Benecke unsere vegetarisch-vegane Mensa Kunstakademie und erhalten von uns eine Führung" — so das Studierendenwerk Stuttgart.

Und wirklich: Es war ein Traum 🥕

Besuch in der veganischen Mensa in Stuegerd an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK Stuttgart) 🥦

Nur leckerste Speisen, kein Tier-Gewebe & ein erkennbar glücklicher Koch (Werner Gillé) 👨‍🍳

Star-Gäschd:innen u.a.: Die Studierenden 👨‍🎓

Kriminalbiologie & Klimawandel

Quelle: Acher- und Bühler Bote / Badische Neueste Nachrichten (BNN)

Von Wilfried Lienhard

Wie kommen Sie von der Kriminalbiologie zum Klimawandel?

Mark Benecke: Die Umweltveränderungen sind an Tieren und Pflanzen schon lange zu erkennen. Viele sterben, andere wandern schneller als je zuvor in die letzten noch für sie besiedelbaren Gebiete. Das betrifft mich in meiner Arbeit seit dem Jahr 2003. Damals haben wir erstmals an Leichen im Studierendenkurs super viele Wespen gesehen. Besonders die blauen "Brummer"-Fliegen, deren Larven wir zur Bestimmung der Leichen-Liegezeit gerne verwenden, hat die Hitze geschafft. Sie kennen es aber sicher auch von den seit etwa fünf Jahren auf einmal eingewanderten Nosferatu-Spinnen, blauen Holzbienen und Gottesanbeterinnen.

Ich liebe vor allem Leben. Doch nicht nur die Insekten sind weg, sondern auch Regenwürmer, Frösche und Singvögel. Es wird einsam und das ist zum Heulen.

Ich fand die Klima-Veränderungen übrigens schon immer interessant. In meinem ersten Buch von 1998 handelt bereits ein ganzes Kapitel vom Klimawandel. Es hat auch andere interessiert: Das Buch ist bis heute in Neu-Auflagen erhältlich.

Ihren Vortrag betiteln Sie „Klima: Endspiel“. Wer ist der Gegner in diesem Finale?

Der Titel stammt vom Veranstalter. Meine Serie heißt 'Time is up' mit den immer neuesten Messungen zur Umwelt. Gegnerschaft ist es nicht, sondern eine 'Ist mir doch egal'-Haltung. Das klarste Beispiel dafür sind Menschen, die Tier-Produkte verwenden. Jede und jeder weiß, wie fürchterlich die Tiere behandelt werden und welche Umwelt-Schäden dadurch auftreten. Aber die meisten juckt es nicht. Sie verzehren weiter Schinken und Kuhmilch. 

Wenn überhaupt, dann ist der Gegner des Menschen der Mensch selbst. Denn es geht ja auch uns Menschen an den Kragen.

Bei welcher Temperatur stehen wir Ihrer Meinung nach am Ende dieses Jahrhunderts?

Das hängt davon ab, wieviel Erdöl wir verbrennen, wie viele Wälder wir vernichten und ob wir vielleicht mal insgesamt weniger verbrauchen, auch Kleidung und Elektronik. 

Das angebliche 1,5-Grad-Ziel gibt es jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr, weil es hinter uns liegt. Wir haben die Marke gerissen, und auch die Zweigrad-Marke reißen wir ganz sicher bald.

Was bedeutet das dann für das Leben auf der Erde?

Die sechste, jetzt ja schon deutlich messbare Massen-Auslöschung von Arten. Für Menschen: Schwindende Lebensqualität, um es mal sehr vorsichtig zu sagen.

Sie sind promovierter Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Ausbilder an deutschen Polizeischulen, Gastdozent in den USA, Autor populärwissenschaftlicher BücherWissenschaftler durch und durch also. Spüren Sie auch die Folgen der zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit?

Ich spüre eher, dass Menschen mit Lügen immer besser leben können.  

Wie problematisch ist das gerade beim Thema Klimawandel?

Das ständige Lügen und der Selbstbetrug? Es führt dazu, dass schon die kleinsten Schritte — Begrünung von Mauern und Wänden, Entsiegelung von Städten, Umstellung auf pflanzliche Ernährung und öffentlichen Verkehr — nicht stattfinden. Stattdessen zeigen viele auf ihre Nachbarn, China, die USA, "die" Politik oder irgendwen, der angeblich gerade viele schlimmer ist. 

Das ist eine Mischung aus Faulheit und Wirklichkeitsverleugnung. Kein Mensch muss Naturwissenschaften spannend finden. Aber eine Messung wie auf einer Küchenwaage, die jemand ohne schwierige Worte erklärt und die von ganz verschiedenen Messenden bestätigt ist: Die setze ich doch auch beim Backen und Kochen ohne Herumgerede ein und um. 

So ist es auch mit dem Arten-Verlust und der Erd-Erwärmung. Was dagegen hilft, versteht jedes Kind. Einfach mitmachen statt rumeiern und schwatzen.

Was müsste geschehen, um die Folgen des Klimawandels abzumildern? 

Fluten, Brände und Ernte-Ausfälle lassen sich nicht abmildern. Was hilft, ist vorzubeugen, so dass sie möglichst selten auftreten. Ist übrigens wie in der Kriminalistik: Derzeit soll ein Programm mit Intensiv-Täterinnen und -Täter eingeschmolzen werden. Natürlich kosten die Taten hinterher viel mehr als die Vorbeugung. Aber irgendwer glaubt offenbar, dass sich begangene Morde und Raubüberfälle hinterher abmildern lassen. Dazu müsste man dann aber wohl in der Zeit zurück reisen.

Letzte Frage: Wie viele Stimmen erhoffen Sie sich bei der OB-Wahl in Köln?  

Letztes Mal, das war im Jahr 2015, wurde ich dritter. Da ich diesmal auch meine Paten-Tante aus Bayern sowie eine Freundin aus dem Erzgebirge hinter mir weiß, sollte es für Platz eins reichen. 

Ehrlich gesagt gibt es außer mir auch keine Kandidatinnen oder Kandidaten mit einem vernünftigen Programm. Ich hingegen fordere bürgernah den Rückbau der Kölner Oper: Sie wird seit 2012 "saniert" und frisst alles Geld auf, was die Stadt woanders braucht. Außerdem Straßenreinigung mit Kölnisch Wasser und freie Sicht auf den Kölner Dom weltweit. 

Seit meiner Aufstellung haben wir auch schon allerhand interessante Angebote erhalten. Bei mir gilt: Ich will, was ihr wollt. Das wird also schön.


Quelle: Bühler Bote, 8. November 2024, Ausgabe Nr. 259, Seite 25

„Dr. Made“ macht klare Klima-Ansage

Der Kriminalbiologe Mark Benecke kommt für einen Vortrag über den Klimawandel nach Bühl

Von Wilfried Lienhard

Bühl. Beginnen wir mit einem steilen Vergleich: Wo Mark Benecke ist, ist der Tod nicht weit. Der Kriminalbiologe hat mit seiner Expertise manche Ermittlung aus der Sackgasse geholt. In Büchern wie „Mordmethoden“, „Mordspuren“ oder „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ erzählt der laut Verlag „bekannteste Kriminalbiologe der Welt“ von spektakulären Kriminalfällen, in denen schon mal Maden und Larven eine wichtige Rolle spielen.

Seit Jahren treibt ihn aber ein weiteres Thema gewaltig um. Doch auch da ist der Tod nicht weit. Es ist der Klimawandel. In Vorträgen fasst der Wissenschaftler den Forschungsstand zusammen und benennt die Folgen, die eintreten können, wenn sich nichts ändert. Jetzt kommt er nach Bühl: Im Bürgerhaus Neuer Markt beginnt am Freitag, 15. November, um 18 Uhr der vom Gemeinwohl-Forum Baden veranstaltete Vortrag „Klima: Endspiel“.

Endspiel: Das klingt dramatisch. Der Titel stamme vom Veranstalter. Er selbst nennt seine Vortragsreihe „time is up“. Die Zeit ist abgelaufen. Der Endspielgegner des Menschen sei der Mensch selbst: „Denn es geht ja auch uns Menschen and den Kragen“. Da ist sie wieder, die Nähe zum Tod.

Die Umweltveränderungen seien an Tieren und Pflanzen schon lange zu erkennen: „Viele sterben, andere wandern schneller als je zuvor in die letzten noch für sie besiedelbaren Gebiete.“

Dabei liebe er vor allem das Leben: „Doch nicht nur die Insekten sind weg, sondern auch Regenwürmer, Frösche und Singvögel. Es wird einsam, und das ist zum Heulen.“

Wie es auf der Erde am Ende dieses Jahrhunderts aussehe, hänge davon ab, „wie viel Erdöl wir verbrennen, wie viele Wälder wir vernichten und ob wir vielleicht mal insgesamt weniger verbrauchen, auch Kleidung und Elektronik.“

Das angebliche 1,5-Grad-Ziel sei schon seit Jahren gerissen, „und auch die Zwei-Grad-Marke reißen wir ganz sicher bald“. Die Folgen: „Die sechste jetzt ja schon deutlich messbare Massenauslöschung von Arten. Für Menschen: schwindende Lebensqualität, um es mal sehr vorsichtig zu sagen.“

Fluten, Brände und Ernteausfälle ließen sich nicht abmildern. Vorbeugen könne helfen, dass solche Katastrophen möglichst selten auftreten. „Das ist übrigens wie in der Kriminalistik: Derzeit soll ein Programm it Intensiv-Täterinnen und -Tätern eingeschmolzen werden. Natürlich kosten die Taten hinterher viel mehr als die Vorbeugung. Aber irgendwer glaubt offenbar, dass sich begangene Morde und Raubüberfälle hinterher abmildern lassen. Dazu müsste man dann aber wohl in der Zeit zurückreisen.“

Seit 2003 ist Benecke mit dem Thema konfrontiert (ein Kapitel widmete er dem Klimawandel 1998 schon in seinem ersten Buch): „Damals haben wir erstmals Leichen im Studierendenkurs super viel Wespen gesehen. Besonders die blauen Brummer-Fliegen, deren Larven wir zur Bestimmung der leichen-Liegezeit gerne verwenden, hat die Hitze geschafft.“ Benecke ist seither auf vielen Kanälen unterwegs. Der promovierte Kriminalbiologe ist Spezialst für forensische Entomologie, Ausbilder an deutschen Polizeischulen, Gastdozent in den USA, Autor populärwissenschaftlicher Bücher und auch aus Funk und Fernsehen bekannt. „Nebenbei“ ist er seit 2011 Vorsitzender des Vereins „Pro Tattoo“, hat 2015 für „Die Partei“für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters kandidiert und tut es jetzt wieder.

Bei so viel Wissenschaft: Bemerkt Benecke eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit, das Bestreben, gesicherte Erkenntnisse infrage zu stellen? „Ich spüre eher, dass menschen mit Lügen immer besser leben können.“ Deshalb würden schon die kleinsten Schritte wie Begrünung von Mauern und Wänden, Entsiegelung von Städten, Umstellung auf pflanzliche Ernährung und öffentlichen Verkehr nicht gegangen: „Stattdessen zeigen viele auf ihre Nachbarn, China, die USA, „die“ Politik oder irgendwen, der angeblich gerade viel schlimmer ist.“

Für Benecke ist das eine Mischung aus Faulheit und Wirklichkeitsverleugnung: „Kein Mensch muss  Naturwissenschaften spannend finden. Aber eine Messung wie auf einer Küchenwaage, die jemand ohne schwierige Worte erklärt und die von ganz verschiedenen Messenden bestätigt ist: die setze ich doch auch beim Backen und Kochen ohne Herumgerede ein und um.“ So verhalte es sich auch mit dem Artenverlust und der Erderwärmung. „Was dagegen hilft, versteht jedes Kind. Einfach mitmachen statt rumeiern und schwatzen.“


Quelle: Acher- und Bühler Bote, 18. November 2024, Seite 23

Am Oberrhein wird es am heißesten

Biologe Mark Benecke stellt in Bühl Statistiken und Messungen zur schnellen Verschlechterung des Weltklimas vor

Von Martina Fuß

Bühl. Mark Benecke schießt Sätze wie Pistolenschüsse ab. In ungeheurer Geschwindigkeit treffen seine brisanten Aussagen auf viele gespannte Zuhörerinnen und Zuhörer im Bürgerhaus Neuer Markt in Bühl. Dort spricht er über das „Klima:Endspiel". So lautet der Titel seines Vortrags, zu dem der Verein Gemeinwohl-Forum-Baden eingeladen hatte.

Dessen Vorsitzender Frohmut Menze erklärte in seiner Begrüßung, warum der Verein Benecke eingeladen hat. „Wie kommt es, dass Europa und die Welt das Wissen und die Technik, das Geld und die Institutionen haben, um den Klimawandel spürbar einzudämmen – und es passiert nichts! Schlimmer, der CO,-Ausstoß war noch nie so hoch wie in diesem Jahr. Mark Benecke wird uns zu dieser Frage einige Erkenntnisse liefern."

Nun also Mark Benecke. Eine schillernde Person mit weit gestreuten Interessen und Kompetenzen. Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem sich der promovierte Wissenschaftler keine Meriten erworben hat. Er ist Kriminalbiologe, hat in New York gearbeitet, daneben viele erfolgreiche Bücher geschrieben, im Radio und Fernsehen Kriminalfälle gelöst und Kinder-Experimentierkästen herausgegeben. Neu entdeckte Tiere sind nach ihm bekannt.

Er hat Musik und Theater gemacht und ist auch noch als Politiker für „Die Partei" auf allen Eben aktiv. „Ich zeige Ihnen heute neue Informationen, nachdem in den letzten Wochen viel passiert ist", sagt greift er zur Ausgabe der BNN an diesem Tag. Auf nahezu jeder Seite gibt es Hinweise zum Klima. Der Wald, die Wiesen, der Nationalpark, Ameisen, die Asiatische Hornisse – die Beispiele sind vielfältig. „Glauben gibt es bei mir nicht, nur Zahlen und Messungen", sagt Benecke und zeigt Statistiken und Schaubilder, über die sich alle Wissenschaftler in allen Regionen der Welt einig sind und die gemeinsam herausgegeben werden. Benecke weiß solche wissenschaftlichen Darstellungen auch für Laien nachvollziehbar zu erklären.

Demnach steigt der CO2-Gehalt exorbitant an. Sprunghaft, ohne Messfehler, in einer Geschwindigkeit, die selbst für Wissenschaftler kaum zu glauben ist. Benecke benennt das Phänomen, das insbesondere seit Mitte letzten Jahres die Wissenschaft aufschreckt.

In den vergangenen Monaten gab es Waldbrände in Griechenland, riesige ausgetrocknete Flüsse in Lateinamerika, einen Höllensturm in den USA und die „nie da gewesene Regen-Katastrophe in Spanien". Unwetter in Polen, Italien, Österreich. „Ausgetrocknet, abgefackelt und überschwemmt und alles hat eine gegenseitig verstärkende Wirkung. Das macht deutlich, was gerade hundertfach in Europa passiert. Es sind super-extreme Wetterereignisse außerhalb jeglicher bisher bekannter Aufzeichnungen", sagt Benecke und belegt die Situation mit Bildern und Messungen.

Die Katastrophe setze sich fort in der Tierwelt, im Meer, bei den Nährstoffen in den Böden, an den Erd-Polen und leider auch in Mittelbaden. „Sie verstehen das Problem, es wird auch Sie in Bühl tref-fen", sagt er und zeigt eine Vorhersage der Temperaturentwicklung in Deutschland. Die heißeste Region wird der Oberrheingraben sein. Seit 1970 werde all das vorhergesagt, aber die Schnelligkeit der Veränderungen habe niemand erwartet. Dabei wüssten die Menschen, was passiert. Zumindest wissenschaftlich gesehen. „Dennoch findet Klimaschutz nicht statt, obwohl die Menschen in Europa und insbesondere im wirtschaftlich starken Deutschland den größten Handlungsspielraum haben. Stattdessen gibt es immer noch Klima-Leugner, deren Wissen weit unterhalb von Kindergarten-Niveau liegt." Der Blick 450 Millionen Jahre zurück zeige, dass es mehrere Artensterben auf der Erde gab. Die hätten aber alle sehr lange gedauert. Nicht nur ein paar Jahrzehnte.

Die Schlussfolgerungen könne die Zuhörerschaft selbst ziehen: Der Schlüssel liege im Verbrauch durch die Menschen. Der Handlungsspielraum, den jeder Einzelne nutzen könne sei, weniger zu kon-sumieren, weniger Tierprodukte zu nutzen, weniger wegzuwerfen, im Garten ein Arten-Refugium zu schaffen und umzustellen auf erneuerbare Energien. Atomkraft? „Damit haben wir ein Problem, das noch viel größer ist und zehntausende Jahre besteht", sagt Benecke.

Er empfiehlt, umgehend zu handeln: „In der Zeit, in der ich über andere schimpfe, kann ich schon selbst vieles getan haben."



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