Quelle: merkur.de, 28. März 2025
Pawlos stand auf und ging. Seitdem wird der Grundschüler in Weilburg vermisst. Sein Autismus dürfte mit dem Weglaufen in Zusammenhang stehen.
Von Moritz Bletzinger
Weilburg – Seit Dienstag (25. März) fehlt vom sechsjährigen Pawlos jede Spur. In Weilburg läuft eine gigantische Suche nach dem vermissten Kind, an der sich am Mittwoch laut Polizeiangaben über 600 Rettungskräfte und Freiwillige beteiligt haben. Leider bislang erfolglos.
Nach dem Mittagessen hatte Pawlos die Förderschule in Weilburg am Dienstag alleine verlassen, berichtet das Staatliche Schulamt dem Hessischen Rundfunk. Bürgermeister Johannes Hanisch erklärt der Bild: „Gegen 12.45 Uhr ist er von allein aus dem Unterricht aufgesprungen und hat die Schule verlassen.“ Warum Pawlos plötzlich weglief, aktuell völlig unklar.
Der Grundschüler ist Autist, höchstwahrscheinlich besteht ein Zusammenhang zu seinem Weglaufen. Denn: Autistische Kinder laufen häufig weg. Das zeigt unter anderem eine Studie des Cohen Children Medical Center von New York. Mehr als ein Viertel der Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen oder anderen Entwicklungsstörungen hatten in der Studie bereits einmal Reißaus genommen.
Aber warum laufen autistische Kinder wie Pawlos einfach weg? „Viele Autisten und Autistinnen sind in der Schule von Gerüchen, Geräuschen und Licht überfordert. Sie brauchen eine ruhige, möglichst gleiche Umgebung“, erklärt Dr. Mark Benecke bei IPPEN.MEDIA. Autistinnen und Autisten sehen von außen zwar wie alle anderen aus, ihre Nerven sind innen aber anders verdrahtet. „Sie sind für äußerliche Reize viel empfänglicher.“
Der als Kriminalbiologe bekannte Forensiker ist Forschungsleiter im Autismusverband White Unicorn und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Bedürfnissen von Autistinnen und Autisten. In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Goethe-Universität Frankfurt und der Humboldt-Universität in Berlin unterstützt er unter anderem das Projekt „schAUT - Schule und Autismus“.
Was kann eine Autistin oder ein Autist tun, wenn ihre Bedürfnisse zum Beispiel in der Schule nicht erfüllt werden? „Die einzige Möglichkeit für sie ist, innerlich oder äußerlich durchzubrennen“, sagt Benecke. „Ihr Leben in der Schule ist oft so, wie wenn ein Mensch Durst hat, aber alle sagen: ‚Stell dich nicht so an, ich habe keinen Durst.‘ Da würdest du auch entscheiden, diese Umgebung zu verlassen.“
Ob Pawlos das im Moment vor seinem Verschwinden so verspürt hat, wissen wir nicht. Bekannt ist, dass in der Weilburger Förderschule sofort auf sein Weglaufen reagiert wurde. Das Schulamt erklärt dem hr: „Sein Fehlen wurde von den aufsichtsführenden Lehrkräften binnen einer Minute bemerkt.“ Unmittelbar sei eine Suchaktion auf dem Gelände und im Gebäude gestartet worden und eine Viertelstunde später folgte die Information an Polizei sowie Eltern. (moe)