Katzenhaar klÄrt Mord auf

Ein weißes Katzenhaar auf einer blutigen Lederjacke 'half, den Mord an einer 32jährigen Frau aufzuklären. Mit Hilfe des sogenannten genetischen Fingerabdrucks konnten Wissenschaftler des Labors für Gendiversität am National Cancer Institute in Maryland (USA) das Haar eindeutig dem Haustier eines Verdächtigen zuordnen (Nature, Bd. 386, S. 774, 1997).

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Professor Kockels authentische Fälle.

Pitavals sind Sammlungen von wahren Kriminal-Geschichten, und besonders viele davon hat der Militzke-Verlag im Programm. Wirklich herausragend sind derzeitProfessor Kockels authentische Fälle, die der Rechtsmediziner Friedrich Herber zusammengetragen hat.

Wie schon in seinem sehr guten Buch Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz (SeroNews 7 (3/2002):78) hat Herber auch diesmal viel Mühe verwendet und sich nicht nur durch die Akten gewühlt, sondern auch mit den Enkeln von Richard Kockel zusammengesetzt. Das Buch zeigt wegen des echten Durchblicks, den der Autor hat, wie weit sich das Wirken und Denken von RechtsmedizinerInnen spannen kann, wenn diese mutig durch die Welt schreiten.

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Zeitzeuge Tod

Die hier versammelten Fälle sollen den Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts aus Sicht von Kriminal-Geschichten beschreiben. Das tun sie in erstaunlicher Form, nämlich -- in den Worten der Autoren -- „etwas protokollarisch“ oder anders gesagt, ohne jedes Geschrei. Sero-News-LeserInnen (denen ich die Autoren auch nicht näher vorstellen muss) finden das erfreulich; der allgemeinen Leserschaft wird die recht emotionsfreie Art härter lesbar erscheinen.

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Der Tod von Isadora Duncan

sadora Duncan, one of the world´s most famous dancers, died on 14. September 1927 by accidental strangulation caused by a vehicle. Sitting on the front passenger´s seat, Duncan´s scarf came into the the spokes of the rear wheel of a Bugatti. The driver, Duncan´s friend Ivan Falchetto could not see Duncan while looking forward but immediatly stopped immediately after 20 m. Duncan died at the scene. In the hospital, fractures of the nose, the spinal column and the larynx were oberved; furthermore, cartids were torn. To our knowledge, this is the first report of the accident in forensic literature.

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Child neglect and forensic entomology

Source: Forensic Science International 120:155-159

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Mark Benecke & Rüdiger Lessig

Abstract
Close co-operation between forensic scientists, medico-legal doctors, and police forces made it possible to estimate not only the post-mortem interval but also the time since a child was neglected. On the skin surface under the diaper (anal-genital area), third instar larvae of the false stable fly Muscina stabulans FALLÉN, and the lesser house fly Fannia canicularis L. were found. F. canicularis adults are attracted to both feces and urine. From the face, larvae of the bluebottle fly Calliphora vomitoria L. were collected. C. vomitoria maggots are typical early inhabitants of corpses. From the developmental times of the flies, it was estimated that the anal-genital area of the child had not been cleaned for about 14 days (7–21 day range), and that death occurred only 6–8 days prior to discovery of the body. This is the first report where an examination of the maggot fauna on a person illustrated neglect that had occurred prior to death.

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Benecke Einseitiges Auftreten von Maden im Gesicht einer Leiche

Source: Archiv für Kriminologie (Archives for Criminology, indexed in Medline) 208:182-185 (2001) - Quelle: Archiv für Kriminologie, Band 208, Seiten 182-185

Rein einseitiges Auftreten von Schmeißfliegenmaden im Gesicht einer Faulleiche
Purely unilateral occurrence of blowfly maggots in the face of a decomposing body
Von Dr. rer. medic. Dipl.-Biol. Mark Benecke

Summary
The corpse of a 41-year-old medical doctor was found in his bed. The body was part-iaily dried out; parts of the hip region were skeletonized due to maggot activity. In the fa-cial region of the corpse, blowfly maggots (Lucilia (Phaenicia) sericata [Meigen]) were found exclusively in one eye socket. This is an unusual occurrence since on that side, a bed-light (40 W light bulb) had been burning during the seven week post mortem interval. All other lights in the apartment were switched off, and no direct sunlight could enter the space where the body was found (only a TV set had been running all the time, ca. 2 m away from the head at the foot end of the bed). Obviously, the maggots who usually flee light had used up the one eye that was further away from the bedlight as a feeding source. Since the con-tinuing mummification of the corpse led to a substantial restriction of feeding material, the maggots finally switched to the eye that the light was shining on.

l. Fundsituation
In der ersten Etage eines innerstädtischen Wohnhauses im stärker begrünten Süden Kölns wurde am l. August 2001 in der Wohnung eines 41-jährigen, alleine lebenden Krankenhausarztes dessen teilmumifizierte Leiche im Bett liegend angetroffen. Die Oberhaut war fetzig abgelöst und vertrocknet, Teile des Haarschopfes lagen abgelöst auf dem Boden am Kopfende des Bettes. Die Augenhöhlen (nicht aber die Lider) waren deutlich sichtbar von Maden ausgefressen, die Lippen waren durch zahlreiche Madendurchtrittsstellen vollständig löchrig aufgelöst. Im linken Hüftbereich, der unter einer Bettdecke gelegen hatte, fanden sich madenbedingte Gewebsdefekte, die bis auf den Hüftknochen reichten; Arme und Beine waren ausgetrocknet und nicht von Maden besiedelt. Neben dem Bett fand sich eine Schüssel, die als "Brech-Eimer" interpretiert wurde, mit sehr dichtem Besatz toter Schmeißfliegenlarven.

Benecke in Arch Kriminol (2001) Der Fernseher am Fußende des Bettes war in Betrieb. Es gab keine Deckenbeleuchtung; direktes Sonnenlicht konnte den Körper nie erreichen, da die Leiche hinter einem regalartigen Zimmerteiler lag. Die einzige Fensterfront wies zudem nach Nordost (der Sonne abgewandt). An der rechten Kopfseite des Bettes war eine Bettlampe mit 40 Watt-Glühbirne angeschaltet, die von der Leiche in stumpfem Winkel fortwies (Abb. l). Es herrschte insgesamt sommerliche Raumtemperatur; ein großes Terrassenfenster stand beim Eintreffen des Berichterstatters in Kippstellung. Der Wohnungsschlüssel steckte von innen, so dass das Schloss von der Feuerwehr mit einem Schlossöffner von außen entfernt werden musste. Die Feuerwehr betrat den Raum mit Atemschutzgeräten; die danach eingetroffene Schutzpolizei weigerte sich wegen angeblicher Gesundheitsgefahr einzutreten. Die Wohnungstür stand bis zum Eintreffen der Kriminalpolizei/des zugezogenen Kriminalbiologen etwa eine halbe Stunde lang offen, so dass erwachsne lebende Fliegen entweichen konnten.

Datierte Zeitungen und Briefe wiesen darauf hin, dass der Bewohner seit Anfang Juni die Wohnung nicht mehr verlassen hatte. Dementsprechend fand sich zuoberst auf Papierstapeln ein Kongressheft einer ärztlichen Fortbildung in Mallorca, die am 3. Juni 2001 geendet hatte. Studentische Flur-Nachbarn berichteten damit übereinstimmend, dass sie seit etwa sieben Wochen ohne Unterbrechung Geräusche ein und desselben Fernsehsenders aus der Wohnung des Toten vernommen hätten (Musik-Video-Kanal). Die Untersuchung der Fliegenbesiedlung erbrachte keine dieser ersten Zeitschätzung widersprechenden Ergebnisse.

Am Fuß des gekippten Nordost-Fensters wurden Dutzende toter erwachsener Schmeißfliegen der Gattung Lucilia (Lucilia (Phaenicia) sericata (Meigen)) angetroffen; lebende Maden und Puppen waren im Umkreis von etwa zwei Metern um das Bett unter verstreut herumliegenden Buchstapeln, Aktenordnern, Teppichteilen und Schachteln zu finden. Die Küche enthielt praktisch keine Lebensmittel; es fanden sich auch sonst im Wohnbereich oder im kombinierten Badezimmer/Toilettenraum keinerlei organische Abfälle oder andere Reste, die als Flie-genhabitat hätten dienen können.

2. Diskussion der Befunde
Die angetroffene Maden-, Puppen- und Fliegenpopulation stammte von der Besiedlung der Leiche.
Benecke in Arch Kriminol (2001) Maden fliehen im Gegensatz zu erwachsenen Tieren das Licht. Die im vorliegenden Fall somit paradoxe Situation, dass gerade nur die beleuchtete Seite des Gesichtes der Leiche von Maden besiedelt war, erklärt sich vermutlich wie folgt:

Die normalerweise lichtfliehenden Tiere hatten zunächst die andere, dem indirekt über die Wand einfallenden Licht abgewandte, linke Augenhöhle besiedelt, konnten aber angesichts der zunehmenden Austrocknung der Leiche zuletzt nur noch die rechte Augenhöhle als Nahrungsgrundlage nutzen. Eine Brückenbildung über den Arm von der Schüssel auf dem Boden hin zur Augenhöhle ist nicht möglich, da Maden nicht aufwärts kriechen können.*

Zu diskutieren wäre eine mögliche Bevorzugung der beleuchteten Kopfseite durch Maden, weil dort eine durch die Wärmeabgabe der Lampe minimal erhöhte Temperatur herrschte, die von den wechselwarmen Larven in der Regel bevorzugt wird. Angesichts der ohnehin sommerlichen Temperaturen, der bereits erfolgten Ausfressung des anderen Auges, vor allem aber auch wegen der durch die Wärme der Lampe begünstigten, rascheren Austrocknung des Leichengewebes auf der scheinbar bevorzugten Seite erscheint das aber weniger plausibel.
Ein vergleichbarer Fall rein einseitiger Madenbesiedlung der Augenhöhlen wurde nach unserer Kenntnis bisher noch nicht berichtet und hätte bei einer isolierten Betrachtung der Leiche, beispielsweise bei einer äußeren Leichenschau abseits des Fundortes, trotz umfangreicher Kenntnis der Lebensgewohnheiten leichenbesiedelnder Gliedertiere (1-7) mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Fehlinterpretation der Besiedlungsfolge des Gesichtes sowie ggf. vorhandener Madenfraßspuren in Abgrenzung zu potentiellen Verletzungsspuren (vgl. dazu [6]) geführt. Insbesondere hätte eine primäre Verletzung des nun von Maden verlassenen Auges, beispielsweise durch einen Stich, mit daran anschließender bevorzugter Besiedlung dieses Auges fälschlicherweise vermutet werden können.
Der Autor dankt dem Kriminalkommissariat 11 der Kölner Polizei für die gute Zusammenarbeit; im vorliegenden Fall wurden die Ermittlungen von KOK Christian Kuhlemann gefuhrt.

Zusammenfassung
Bericht über die ungewöhnliche Besiedlung nur einer - dem Licht (40 W-Glühbirne einer Bettlampe) zugewandten rechten - Augenhöhle einer teilmumifizierten Leiche mit Larven der Schmeißfliege Lucilia [Phaenicia] sericata (Meigen). Die postmortale Liegezeit betrug etwa 7 Wochen. Vermutlich hatten die normalerweise lichtfliehenden Maden zunächst die andere, dem Licht abgewandte, linke Augenhöhle besiedelt, konnten aber angesichts der zunehmenden Austrocknung der Leiche zuletzt nur noch die rechte Augenhöhle als Nahrungsgrundlage nutzen. Ein vergleichbarer Fall wurde noch nicht berichtet und hätte bei einer retrospektiven Betrachtung der Leiche abseits des Fundortes mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Fehlinterpretation der Besiedlungsfolge geführt.
(* gilt nur, wenn sie trocken sind. 29. Okt. 2004, MB)

Literatur

  1. Benecke, M. (Ed.): Special Issue: Forensic Entomology. Forensic Sei. Int. 120: 1-160 (2001)
  2. Byrd, J. H., Castner, J. L. (Eds.): Entomological Evidence. Utility of Arthropods in Legal Investigations. CRC Press (Boca Raton), 2000
  3. Catts, P. E., Haskell, N. H. (Eds.): Entomology and Death, A Procedural Guide. Joyce's Print Shop (Clemson), 1990
  4. Goff, M. L.: A Fly for the Prosecution. How insect evidence helps to solve crimes. Har-vard University Press (Cambridge [MAj/London), 2000
  5. Nuorteva.P.: Sacrophagous Insects as Forensic Indicators. In: Tedeschi, C. G., Eckert, W. G., Tedeschi, L. G. (Eds.): Forensic Medicine. A study in trauma and environmental hazards. Vol. II, Saunders (Philadelphia), pp. 1072-1095 (1977)
  6. Pollak, S., Reiter, C.: Vortäuschung von Schussverletzungen durch postmortalen Madenfraß. Arch. Kriminol. 181: 146-154 (1988)
  7. Smith, K. G. V.: A Manual of Forensic Entomology. The Trustees of the British Museum (Natural History) (London), 1986

Anschrift des Verfassers:
Dr. rer. medic. Dipl.-Biol. Mark Benecke, Int. Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, D-50520 Köln
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Der reverse C.S.I.-Effekt Teil 2 und 3 (Kriminalistik)

Quelle: Kriminalistik, 3/2010, 64. Jahrgang, Seiten 174 bis 179

Der reverse C.S.I.-Effekt - Wenn Spuren nicht beachtet werden
Fortsetzung aus Kriminalistik 2/2010

Teil 2: Mord oder Totschlag? Ein Rückenschuss entscheidet: Der Fall Streicher
VON SASKIA REIBE UND MARK BENECKE

Auftragserteilung
Im Jahr 2003 beauftragte uns die Schwester des zu lebenslang wegen Mordes verurteilten Klaus Streicher, die am Tatort gefundenen Blutspuren zu beurteilen.
Streicher wurde 1997 wegen Mordes an einem ehemaligen Türsteher seines Nachtclubs und wegen Totschlags einer weiteren Person zu einer lebenslangen Gesamtstrafe verurteilt, außerdem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Es handelte sich um Erschießungen, nachdem zwei im illegalen Bereich erfahrene (Drogen, Hundekämpfe) und sehr gut trainierte (Kampfsport; eines der Opfer hatte sogar einen hohen europäischen Wettbewerbs-Sieg erzielt) Personen die Bar des nun Verurteilten trotz Hausverbot betreten hatten.
Ein wesentlicher Bestandteil der Verurteilung war die Schuss- bzw. Tatreihenfolge, in der ein Feld von Blut-Tropfen auf einer Anrichte im Innenbereich der Bar, unmittelbar am Erschießungs-Ort, wichtig wurde. Wir werteten die Urteilsbegründung, die rechtsmedizinischen Gutachten sowie die Farbfotos vom Tatort und der Sektionen aus. Es handelt sich hier um einen der aufwändigsten Fälle, die wir jemals experimentell und durch Beratungen begleiteten; wir stellen hier nur den Bezug zum "reversen C.S.I.-Effekt" und daher nur ein spurenkundliches Schlaglicht in seiner Essenz dar.

Geschehen gemäß Urteil
Am 14. Juni 1996 trafen kurz nach 23:00 Uhr die beiden späteren Opfer auf dem Parkplatz von Streichers Nachtclub ein. Da eines der Opfer in seiner früheren Eigenschaft als Türsteher des Clubs versucht hatte, den dort arbeitenden Frauen Drogen zu verkaufen und er aus diesem Grund Hausverbot hatte, klingelte sein Begleiter, so dass nur dieser auf dem Bildschirm der Videoüberwachungsanlage zu sehen war. Die Tür wurde daraufhin geöffnet.
Eines der späteren Opfer betrat dann den Innenraum des Theken-Bereiches (innerer Ausschankbereich), um eine ihm bekannte Bardame dort zu begrüßen. Gegenüber dem länglichen, gassenartigen Eingang zum Theken-Innenraum befand sich der Eingang zur angrenzenden Küche. Dort saß Klaus Streicher und telefonierte. Als ihm bewusst wurde, wer in den Innenraum seiner Bar vorgedrungen war, fühlte er sich durch den sehr kräftigen Mann, der zudem Hausverbot hatte, in seinem Territorium bedroht, griff er laut Urteil zu einem Revolver und näherte sich dem ihm in diesem Moment den Rücken zuweisenden Eindringling.
Nach Auffassung des Gerichtes setzte Streicher den Revolver auf dessen Rücken auf und schoss einmal (Abb. 1, links). Das Opfer drehte sich zum Schützen um und es kam zu einem Gerangel, während dessen sich ein zweiter Schuss löste. Dieser ging in den Deckenspiegel1 (Abb. 2), so dass Glassplitter auf die Anrichte fielen (Abb. 3). Das Opfer glitt laut Gericht am Angreifer hinab; dabei kam es zu einer Verletzung an der Augenbraue (Abb. 4) und das austretende Blut spritzte auf die hüfthohe Bar-Anrichte im Bereich unter dem Einschussloch in der Decke.
Es folgten zwei weitere Schüsse, einer in den Bauch und ein weiterer in den Oberarm des ersten Opfers. Anschließend richtete Streicher die Waffe auf eine weitere Person, die - immer noch nahe des Haupt-Einganges stehend - eine Bewegung in seine Richtung gemacht hatte. Er schoss auf dessen Oberkörper und traf trotz der erheblichen Entfernung direkt ins Herz. Beide Opfer verstarben am Tatort. Da der angeblich erste Schuss in den Rücken des ersten Opfers ging, kam das Mord-Merkmal der Heimtücke zum tragen.

Ergänzendes zur gerichtlichen Betrachtung

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Der reverse C.S.I.-Effekt Teil 1 (Kriminalistik)

Quelle: Kriminalistik, 2/2010, 64. Jahrgang, Seiten 89 bis 94
Der reverse C.S.I.-Effekt
Wenn Spuren nicht beachtet werden


Teil 1: Als Muttermörderin verurteilt: Der Fall Hartung

VON SASKIA REIBE UND MARK BENECKE

Weltweit herrscht der Glaube, dass Spuren erstens jeden Fall lösen könnten und dass sie zweitens, wenn sie gefunden werden, immer die Wahrheit klären ("C.S.I.-Effekt"). Dass beides nicht der Fall ist, zeigen drei Beispiele aus unserer Sachverständigen-Praxis.

Die Einleitung

Die Nachuntersuchung eines Tatortes in Franken und aller von der örtlichen Polizei und dem LKA asservierten Spuren sechs Jahre nach Tötung einer alten Dame zeigte, dass es keine objektiven Spuren gab und gibt, die beweisen, dass die verurteilte Frau ihre Mutter getötet hat. Sie kann trotzdem die Täterin sein. Dennoch haben wir aus spurenkundlicher Sicht große Bedenken. Könnte es sein, dass dieser Fall dadurch bestimmt war, dass es sich scheinbar um den klassischen geschlossenen Raum handelte, den es sonst nur in erfundenen Kriminalgeschichten gibt? Doch selbst diese Annahme wäre ein - hier vor Gericht allerdings nicht erkannter - Irrtum: Es gab zahlreiche Zugänge zum Tatort, und jeder im betreffenden Ort wusste, wo der Schlüssel zur Eingangstür lag.

Auftragserteilung
Im Januar 2006 erreichte uns ein Brief aus dem Frauengefängnis Aichach. Frau Hartung, mittlerweile 55 Jahre alt, war vier Jahre zuvor wegen Mordes an ihrer neunundsiebzigjährigen Mutter zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt worden. Sie bestritt die Tat von der ersten Minute an, obwohl sie laut Urteil in der Tat-Nacht als einzige Person (abgesehen von ihrer nun toten Mutter) im geschlossenen Einfamilienhaus gewesen sein sollte. Frau Hartung wollte zum rechtsmedizinisch ermittelten Todeszeitpunkt nach Mitternacht in der über eine Holztreppe frei erreichbaren Etage über ihrer Mutter geschlafen haben (Abb.1).

Nach Prüfung der Akten beschlossen wir, den Fundort der Leiche - das Elternhaus, in dem ihre Mutter bis zur Ermordung gelebt hat - auf neue und alte Spuren zu untersuchen. Frau Hartung, ihr Verlobter und eine Bekannte wollten eine Wiederaufnahme erwirken.
Das Haus wurde von uns zweimal besichtigt und untersucht; beim ersten Mal, um den Tatort zu sichten und den Arbeitsaufwand einzuschätzen, beim zweiten Mal mit einem sechsköpfigen Team, um so viele Räume und Oberflächen wie möglich mit Schwerpunkt auf bisher unberücksichtigte Spuren zu durchsuchen.

Anfängliche Einschätzung/ Aktenlage
Uns lagen zunächst die Urteilsbegründung, eine Zusammenfassung aller serologischen Gutachten sowie, anwaltlich angefordert, Farbfotos des Tatortes vor. Aus der Urteilsbegründung ergab sich, dass die Mutter nachts mit 47 Messerstichen, während sie auf einem Sofa in der Wohnküche schlief, getötet wurde. Am Tag des Leichenfundes hatte die Polizei das Messer in einem hinter einer Spiegeltür versteckten Kämmerchen, in einem Messerblock steckend und mit Anhaftungen vom Blut des Opfers, entdeckt.

Unsere Mandantin hatte zwar nicht mehr bei ihrer Mutter gelebt, war aber in der Tatnacht bei ihr, da am nächsten Tag ein früher gemeinsamer Ausflug geplant war. Ihr ehemaliges Kinderzimmer stand auch nach wie vor jederzeit für sie als Schlafplatz bereit. Am Morgen des Ausflugtages betrat sie gegen 7:00 Uhr die Küche, wo ihre Mutter sehr oft auf einem Sofa schlief (Abb. 2), und wunderte sich - wie sie in der polizeilichen Vernehmung angab - darüber, dass diese noch nicht wach und abfahrtsbereit sei. Als sie versuchte, ihre Mutter zu wecken, sah sie, dass "etwas nicht stimme". Frau Hartung lief sofort zum Hausarzt, der fast gegenüber wohnte. Der Arzt folgte ihr ins Haus und vermutete anfänglich eine Hundeattacke bei einem eventuellen nächtlichen Spaziergang. Nach genaueren Untersuchungen des Oberkörpers - mittlerweile hatte er die zahlreichen Verletzungen besser erkennen können - verständigte er die Polizei und wartete gemeinsam mit Frau Hartung auf deren Eintreffen.

Die Polizei befragte Frau Hartung zunächst als Zeugin und nahm sie mit aufs Revier. Dort wurden ihre Fingernägel asserviert, weil vermutlich sie die letzte Person war, die Kontakt mit ihrer Mutter hatte. Die Zeugenvernehmung dauerte den ganzen Tag an, bis am Nachmittag ein Messer in einem ans Badezimmer grenzenden Raum hinter einer verspiegelten Tür gefunden wurde. Die Polizei schloss noch am selben Tag aus, dass eine dritte Person am Tatort gewesen sein könne, weil sich angeblich keine Einbruchsspuren fanden. Frau Hartung hatte hierzu allerdings ausgesagt, dass sie am Morgen eine offen stehende Tür bemerkt haben will. (Das Haus hat ringsum mehrere, teils verdeckte und nicht von außen einsehbare Türen zu insgesamt drei Straßen und in einen leicht erreichbaren Garten).

Wir trafen hingegen eine Metall-Tür mit deutlichen Werkzeugspuren an (Abb. 3), die erstens verdeckt war, zweitens von Zeugen nicht einsehbar gewesen wäre und drittens durch den Keller über eine nicht knarrende Luke direkt in die Wohnung der getöteten Person führte. Dieser Keller war im ersten Angriff übersehen worden (die Luke war mit einem kleinen Läufer bedeckt); erst der Haftrichter (!) wies nach Aussage unserer Auftraggeber auf die Untersuchung des Kellers hin. Das war sinnvoll, weil mehrere Keller-Fenster direkt zur Straße führten und direkten Zugang zur Wohnung gaben.

Das Gericht diskutierte diese nachweislich vorhandenen und teils mit Werkzeugspuren markierten Zugänge nicht und ging von einem geschlossenen Gebäude aus. Die Aussage der Angeklagten, die Garten-Türe sei nachts offen gestanden, wurde als unwahr bewertet: Frau Hartung habe die Tür erst offen stehen lassen, als sie zum Arzt gelaufen sei. Daraufhin wurde sie noch am Tattag, nach Fund des Messers, in Untersuchungshaft genommen und dem Haftrichter vorgeführt. Dieser ordnete Haft bis zur Verhandlung an.

Das Messer wurde während der Sektion der Ermordeten auf eine Übereinstimmung mit den Stichtiefen und -größen am Opfer überprüft. Es wurde nicht als Tatwaffe ausgeschlossen, aber naturgemäß auch nicht sicher zugeordnet. Im am Messergriff anhaftenden Blut fand sich DNA der getöteten Person. Dies machte es zunehmend wahrscheinlich, dass es sich um das oder zumindest ein Tatwerkzeug handelte. Allerdings fand sich keine Übereinstimmung der DNA-Spuren am Messergriff mit dem DNA-Profil der angeblichen Täterin. Stattdessen fand sich am Griffende des Messers die DNA des Opfers gemeinsam mit Fragmenten des DNA-Profils eines Mannes.
Eine Zuordnung zu anderen - beispielsweise männlichen - Verdächtigen wurde jedoch nicht versucht, obwohl zwei männliche Dorfbewohner, darunter ein Nachbar und ein laut Mitteilung der Angehörigen vorbestrafter Sexualtäter, u ungefähr zum rechtsmedizinisch ermittelten Tötungszeitpunkt direkt am Haus vorbei gegangen waren.

Unter den Fingernägeln der verhafteten Frau fand sich nur ihre eigene, aber keine DNA ihrer nun toten Mutter. Es fanden sich auch keine Faserspuren von Frau Hartungs Kleidung an der Leiche. Umgekehrt fanden sich auch keine Blutspuren vom Opfer an Frau Hartungs Bekleidung.
Das Gericht erklärte das damit, dass aufgrund einer langanhaltenden Toilettenspülung, die ein Nachbar um 4:00 Uhr früh beim Rauchen vor der Tür bemerkt haben wollte, davon auszugehen sei, dass Frau Hartung ihre blutige Kleidung in der Toilette entsorgt, also gewechselt, habe. In der aus dem Haus der Toten deutlich abwärts führenden Kanalisation (Abb. 4) fanden sich bei der polizeilichen Nachsuche allerdings keine Kleidungsstücke.
Ablauf der Tat laut Urteil

→ Kriminalistik Verlag / Hüthig Jehle Rehm, Postfach 102869, Im Weiher 10, 69018 Heidelberg, Tel.: 0049 6221 489-416, Fax: 0049 6221 489-624, Internet http://kriminalistik.de/
→ oder auch bei jeder Universitätsbibliothek, beispielsweise hier: http://www.medpilot.de/ mit sehr schneller Dokumentenlieferung
→ zu Forschungszwecken / Polizei / Presse: Bei uns melden, wir senden dann den Rest  ;).

[Hier lang zu den Teilen 2 und 3 der Serie]

Geilenkirchener "Bar-Mord"

2007-10-06
Quelle: Aachener Zeitung, 6. Oktober 2007, S. 5, Region Rhein-Maas


"Ich arbeite nur im Dienst der Wahrheit"
Der Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke zur Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Klaus Günter S. aus Geilenkirchen

KÖLN/AACHEN. Der Tatort: "Nadias", ein Nachtlokal mit Bordellbetrieb in Geilenkirchen-Niederheid. Die Opfer: zwei Männer, ein Niederländer und ein Kanadier. Der Täter: Der Barbesitzer Klaus Günter S. Das Motiv: Eifersucht. Das Urteil: Einmal Mord, einmal Totschlag - lebenslänglich mit einer besonderen Schwere der Schuld. All das ist nun über zehn Jahre her. Im Aachener Landgericht wurde der Prozess 1997 unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen verhandelt. Leibesvisitationen, Schleusen, Sondereinsatzkommandos waren an der Tagesordnung. Nun ist alles hinfällig. Klaus Günter S. könnte in wenigen Wochen ein freier Mann sein.
Nach gescheiterten Wiederaufnahmeversuchen hat S.' Anwalt Norbert Hack aus Eschweiler Verfassungsbeschwerde eingelegt. Mit dem Ergebnis, dass das Bundesverfassungsgericht wegen Verfahrensfehlern sämtliche Urteile aufgehoben hat und der Prozess am Landgericht Köln neu verhandelt werden muss. Die ersten beiden Anhörungen sind für den 10. und 15. Oktober angesetzt. Als einer der Sachverständigen, die Beweise liefern wollen, dass es kein Mord, sondern Totschlag war, ist auch der aus dem Fernsehen bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke geladen - auch bekannt als "Madendoktor". "Wir haben herausgefunden, dass der erste Schuss nicht in den Rücken ging, also keine Heimtücke, das heißt wiederum kein Mordmerkmal besteht", erklärt der 37-Jährige im Gespräch mit unserer Redakteurin Sabine Kroy.

Herr Dr. Benecke, macht es ihnen eigentlich nichts aus, einem 1996 als Mörder verurteilten Mann zu helfen?
Mir ist es egal, wer jemand ist. Ich helfe auch niemandem persönlich. Ich arbeite nur im Dienst der Wahrheit - also weder für die Dicken noch für die Dünnen, weder für die Gladbacher, noch für die Aachener. Welches Schicksal hinter einem Fall steht, geht mich nichts an. Ich arbeite mit Priestern, Vergewaltigern, Vampiren, Nebelgeistern und Rechtsanwälten. Die sind, wie sie sind, die Leute ... Mein Maßstab sind nicht die Schicksale, sondern die Wahrheit - sonst nichts.

Sie sind bekannt aus Fernseh-Serien wie "Medical Detectives", "Autopsie","SK Kölsch" und"Richterin Barbara Salesch". Wie kommen Sie zu einem unspektakutären Fall wie dem des Klaus Günter S. aus Geilenkirchen?
Die Schwester von Klaus S. kam auf mich zu. Der Fall ist auch nicht unspektakulär: Für mich sind alle Fälle gleich interessant. Privataufträge übernehme ich als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger sowieso immer gerne, das macht mir Spaß. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Wenn es im Roman irgendwo nicht mehr weitergeht, gehen die Menschen zu Sherlock Holmes. Ich vergleiche mich natürlich nicht mit Holmes, aber ähnlich ist es schon: Wenn eine Blockade im System ist, kommen die Auftraggeber zu mir - aus jeder Bildungsschicht und mit jeder Art von Todsünde. Die Geschichten und Gerichtsurteile, die diese Leute mitbringen, können auf Fehlannahmen beruhen - oder auch nicht. Die Schwester von Klaus Günter S. hat jedenfalls was drauf: Sie lieferte stets sachliche Argumente.

Was ließ Sie an der Richtigkeit des Urteils zweifeln?
Die Schussreihenfolge. Das hat S. offenbar auch am meisten geärgert. Wie sie in der Urteilsbegründung steht, ist sie tatsächlich falsch. S. ist so gestrickt, dass er nicht im Knast vergammeln will. Er sagt: Es war auf keinen Fall Mord. Er findet das Urteil total ungerecht.

Alte vorherigen Urteile sind mittlerweile aufgehoben, so dass der Fall von Klaus S. komplett neu verhandelt werden muss. Wie haben Sie das erreicht?
Wir haben nur bewiesen, dass der erste Schuss nicht in den Rücken abgegeben wurde, so dass das Mordmerkmal der Heimtücke wegfällt. Das Opfer Peter H. muss nach dem ersten Schuss noch gestanden haben. Das wäre nicht möglich, wenn der erste Schuss den Rücken mitsamt Wirbelsäule getroffen hätte. Um den Aachener Rechtsmediziner Dr. Achim Schäfer zu zitieren: "Das ist, als wenn man vom Elefanten getreten wird." Außerdem ist das Blut nicht auf die Theke gespritzt, sondern getropft. Das heißt, dass das Blut nicht von der niedrig gelegenen Rückenschusswunde kommen kann. Es muss ausgehustet worden sein, und zwar infolge des Lungenschusses: Das Projektil trat dabei durch den Arm in den Brustkorb ein. Dadurch lief Blut in die Lunge und löste einen Hustenreflex aus.

Wie haben Sie das getestet?
Zusammen mit meiner Assistentin Saskia Reibe habe ich Experimente bei mir im Flur gemacht, wo wir die Theke nachgebaut hatten. Mit verschiedenen Elementen haben wir dann auf Blutbeutel und -lachen eingeschlagen und uns die entstehenden Blutspritzer angeschaut. Am Tatort fand man übrigens noch Glassplitter auf dem ausgehusteten Blut. Das bedeutet, dass der Schuss, der den Spiegel unter der Decke zerstört hat, nach dem Arm/Brustschuss abgegeben worden sein muss - sonst lägen die Spiegelscherben nicht auf dem Blut. Das heißt zugleich, dass der Rückenschuss auf keinen Fall der erste gewesen sein kann.

Sie waren sogar, um den Tatort exakt rekonstruieren zu können, in Geilenkirchen in dem Nachtlokal?
Ja, wir haben dort schon sehr früh den Thekenraum vermessen, beim zweiten Mal sogar mit Laser. Der zerschossene Spiegel unter der Decke ist immer noch da, nur das Projektil wurde leider von irgendwem unschön herausgeprokelt. Das ist wie im Wilden Westen da, und ich war sehr erleichtert, dass die neuen Besitzer des Ladens uns Zugang gewährt haben. Wir haben uns also umgeschaut: Was kann man überhaupt wahrnehmen, wie viel versperrt die Sichtblende? Wie schummerig ist das Licht, für wie viele Personen ist Platz im inneren Thekenbereich?

Aber es hieß doch auch immer, dass S. den Tatort verändert haben soll. Sind die Beweise dann überhaupt stichhaltig?
Die mögliche Einwirkung von Polizei, Rettungsdienst und Herrn S. auf den Fundort hat unsere Arbeit zumindest nicht behindert.

Die Beweise scheinen tatsächlich gereicht zu haben. Das Verfassungsgericht hat die Urteile aufgehoben.
Das Verfassungsgericht hat in den bisherigen Verfahren Fehler erkannt. Dem Aachener Gericht war offenbar die Heimtücke besonders wichtig. Wir zeigen, dass der erste Schuss eben nicht in den Rücken gegangen ist und das Opfer also wohl nicht arglos war.

Sie sind zu den Terminen beim Landgericht Köln als Sachverständiger geladen. Wäre die ganze Arbeit für die Katz', falls das Gericht die Beweise nicht anerkennt?
Nein, das ist mir völlig egal. Na gut, das ist das falsche Wort. Aber ich bin letztlich nur der Mann für die Spuren und die Tatortrekonstruktion. Für mich gibt es kein Ziel außer der reinen, schon fast autistischen Wahrheitsfeststellung. Wie das Gericht urteilt, ist für mich irrelevant, weil Wahrheit und Gerechtigkeit zwar verschwägert, aber sicher nicht blutsverwandt sind.


In Geilenkirchen, so sagt man, sähen viele Menschen S. lieber hinter Gittern.
Wenn S. nur noch wegen doppelten Totschlags verurteilt werden würde, wäre er wegen der langen bisherigen Haft im Prinzip ein freier Mann. S. weiß bestimmt, dass er sich nichts erlauben kann. Es gibt unabhängig davon natürlich in jedem Fall Vorhänge, die man noch aufziehen kann. Bei S. gibt es vielleicht auch welche. Ich halte Mutmaßungen aber grundsätzlich für ganz trübe Leitsterne. Mir sind klare und objektive Beweise lieber.

Kriminalistik: Einsatz von übersinnlichen Fähigkeiten

Quelle: Kriminalistik, 10/2011, 65. Jahrgang, Seiten 628 bis 634
Einsatz von übersinnlichen Fähigkeiten
Test eines "Mediums" bei Tötungsdelikten

VON MARK BENECKE

"Es sei daher gestattet, all die Fachgenossen die Mahnung anzuknüpfen, in fremden Gebieten nach für uns Wichtigem zu suchen und das Gefundene den anderen mitzutheilen." (Fritz Gross. 1899)

Nicht oft, aber regelmäßig, trudeln bei uns im Labor Nachfragen ein, ob wir bei Kriminalfällen die Hilfe von "Medien"-Menschen, die übersinnliche Fähigkeiten besitzen - einsetzen.
Die Anfragen kommen von den Medien, allerdings der anderen Sorte: meist vom Fernsehen.
Es gibt anscheinend ab und zu Romane oder TV-Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Daher wohl diese für ein forensisches Labor (das ja grundsätzlich nur dem greifbaren Sachbeweis und gerade nicht unbeschreibbaren Kräften und Wahrnehmungen) zugewandt ist, eigentlich merkwürdige Anfrage.


Alte Kriminalpolizisten, die ich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre hin und wieder darauf ansprach, reagierten mit Kopfschütteln. Bestenfalls erinnerten sie sich "mal an irgendeinen" Fall, in dem das "vielleicht" versucht worden sein sollte, "aber nicht bei uns". Niemand konnte etwas Nachverfolgbares beisteuern. Ich hatte das Ganze daher zuletzt ins Reich der Märchen geschoben.

Ein Medium meldet sich

Im Oktober 2010 ergab sich dann endlich eine Chance. Ein Medium (übersinnlich) bot mir unaufgefordert an, einen kriminalistischen Test mit übersinnlicher Komponente durchzuführen, und zwar ohne Breiten-Medien (TV/Print) und in der krassest möglichen Variante, nämlich bei Tötungsdelikten:

Ich bin Medium und sehe in Visionen zu Tode gekommene Menschen, überwiegend Morde an Kindern. Meine Frage an Sie: ist es aus Ihrer Sicht möglich, meine Visionen in Kriminalfälle zu integrieren beziehungsweise zu verwerten? Wie das zum Beispiel in den USA schon länger praktiziert wird. Zum Ende möchte ich noch betonen, dass ich keinerlei finanzielles Interesse habe. In den vielen Fällen ist es so, dass ich folgende Dinge "sehen" kommen:

  • die Todesursache bzw. Verletzungen;
  • Umstände/Situationen, die kurz vor dem Tod waren (z.B. Streit/Sexualverbrechen/Entführung);
  • Gegend oder Landschaft, wo sich eine Leiche befindet (allerdings meist ohne Ortsnamen);
  • Aussehen des/der Täter{s) und Hillweise auf dessen Umfeld, wie Familie, Arbeit/Fahrzeug.

Dies sind im Groben die Dinge, die ich meist wahrnehme. Es sind mal mehr, mal weniger Hinweise, das kann ich nicht beeinflussen.

Ich sagte der Schreiberin von Vorneherein, dass ich angesichts des entstehenden Aufwandes eine Veröffentlichung der Ergebnisse in Fachzeitschriften einplanen wolle. Das sagte sie erfreut und wiederholt zu. Leider zog sie aber, nachdem ich ihr die Ergebnisse mitteilte, vollkommen unerwartet ihr Einverständnis zurück, sodass ich den Namen der (zuvor sehr netten und offenen) Schreiberin nun nicht mehr nenne.

Meine Idee zum Test war dabei einfach und konkret:
"Ich sende Ihnen Farbfotos von Tatorten, auf denen man aber die Leichen nicht oder nur teils oder nur Spuren (Blut usw.) sieht, und sie sagen mir nach Möglichkeit etwas zu:
  • Ort (wo ist das?)
  • Jahr (wann geschah das?);
  • Jahreszeit (wann geschah das?);
  • Art des Verbrechens (was ist da passiert?);
  • Art der Verletzungen;
  • etwas zum Täter/zur Täterin.

Wäre das eine für Sie akzeptable Möglichkeit?"

Das war es...Dies ist nur die Einleitung des Artikels, der wortgleich hier erschienen und einzusehen ist: Die Skeptiker: Wahrheit und Vision

as Original aus der Kriminalistik ist hier zu haben:
→ Kriminalistik Verlag / Hüthig Jehle Rehm, Postfach 102869, Im Weiher 10, 69018 Heidelberg, Tel.: 0049 6221 489-416, Fax: 0049 6221 489-624, Internet http://kriminalistik.de/

→ oder auch bei jeder Universitätsbibliothek, beispielsweise hier: http://www.medpilot.de/ mit sehr schneller Dokumentenlieferung

→ zu Forschungszwecken / Polizei / Presse: Bei uns melden, wir senden dann den Rest  ;).

Lenins Leichenzustand

2013 Osteuropakanal Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Quelle: Wissenschaftsmagazin "Osteuropakanal" der Albert-Ludwigs-Universität | Feuilleton
Interview: Ronald Wendorf

RW: In welchem Zusammenhang warst Du bei Lenin?

MB: Der Fernsehsender National Geographic TV wollte die Frage klären, ob man sicher sagen könne, ob der vermeintliche Schädel sowie die Zähne Hitlers echt seien. Diese lagerten in Moskau, während Hitlers Leiche in Berlin gefunden worden war und danach in Magdeburg begraben wurde. Das war ein bisschen merkwürdig.

Der damalige Militärgeheimdienst SMERSCH war zudem 1945 an der Sache leitend beteiligt. Natürlich lügen Geheimdienste, das ist ihr Job. Deshalb wollten wir schauen, was man objektivieren kann. Im Zuge dessen kam ich an die Leiche Lenins. Wahrscheinlich wollte der Fernsehsender ein paar Stimmungsbilder. Für diesen schienen Stalin, Lenin und Hilter eine Mischpoke zu sein.

RW: Der Fernsehsender lud also zur Leichenschau ein?

Bildrechte: Mark Benecke/ Privatbesitz Ronald Wendorf/ Mark Benecke

Bildrechte: Mark Benecke/ Privatbesitz Ronald Wendorf/ Mark Benecke

MB: Ich würde nicht unbedingt Einladung sagen. National Geographic suchte einen Experten, der vor Ort erklären kann – was immer man da finden würde. Es war zwar deren Idee, jedoch eine Kooperation. Schließlich hatte ich mich bereit erklärt, ohne irgendwas Konkretes zu wissen und sagte: ‚Okay, wir gucken was wir finden. Dann machen wir das!’ So bin ich mit dem Team ins Leninmausoleum hinein gestolpert. Alles war organisiert, mit Bestechung und soweiter. Jedoch wusste keiner, ob es wirklich klappen würde. Wir kamen rein und das Interessante war, dass man eigentlich nicht lange der Leiche bleiben durfte. Filmen war okay, fotografieren verboten. Mit einer Photokamera hätte man nämlich hochauflösend fotografieren können und die wollten ums Verrecken nicht, dass man die schwarzen Stellen an der Nasenwurzel und zwischen den Fingern sieht. Das weiß ich aber nur vom Präparator. Wirklich sehen konnte ich die Stellen leider nicht. Dazu war zu wenig Zeit. Zudem musst Du Dir vorstellen, dass der Raum in einem rötlich-braunem Licht war. Ich verließ mich auf den Geruch. Denn es roch nach Formalin. Der Sohn des Präparators, der dies dann später selbst wurde, gab mir das Rezept. Dieses konnte ich dann prüfen.

RW: Das Konservierungsrezept funktionierte?

MB: Das Rezept haut hin! Lenin wird in einer Art Taucheranzug unter dem normalen Anzug relativ flüssig gehalten. Zudem wurden zur Fäulnisvermeidung dessen Organe entnommen. Die Leiche hat ein beständiges Vertrocknungsproblem. Dieses resultiert aus dem Begräbnis. Die Leiche war bereits vergraben, aber zum Glück noch im eiskalten Boden.

Ich habe bereits viele Leichenerscheinungen gesehen und kenne etliche Rechtsmediziner, Bestatter wie auch Kriminalbiologen: aus diesem Blickwinkel lässt sich die Leiche besser erklären. Laien hingegen halten die Leiche für eine Wachsfigur oder ähnliches. Das stimmt aber nicht.

RW: Welchen Aufwand muss man betreiben um die Mumie im derzeitigen Zustand zu erhalten?

MB: Man muss einen schweinemäßigen Aufwand bereiben. Der Hauptaufwand bestand darin, die Bakterien und die Vertrocknungen zu beheben. Das machte damals ein Anatom. Ihm hielt man am Abendbrotstisch eine Knarre an den Kopf und befahl ihm: ‚So, auf nach Moskau. Du siehst ja was Du an Deinem Kopf hast!’. Dieser Anatom bekam Lenin ganz gut hin. Danach begann jedoch der konservatorische Aufwand. Nach den Erzählungen vom Mausoleumpersonal und meiner Erfahrung nach muss man mindestens einmal die Woche komplett an die Leiche ran. Sauber machen, Flüssigkeiten wechseln, Anpassungen machen – das ist eine enorme Arbeit. Ein Museum bauen ist schön, aber ein Museum zu unterhalten ist dann nicht mehr so schön. Hinten im Leninmausoleum ist ein kleines Labor. Das ist richtig Arbeit.

RW: Wie hat der Chef-Präparator über sein Leichenwerk Lenin gesprochen?

MB: Vorab, die Übersetzer halfen in den Gesprächen. Das Präparatorenteam erzählte, dass es vor allem nervtötend sei. Sie kamen wie Jungfrauen zum Kinde. Durch die vielen politischen Verwicklungen hatte sie eigentlich viel Ärger. In der Stalinzeit konnte es gerade gut sein, dass man dort mitgearbeitet hatte und ein anders Mal war es doch schlecht. Je nachdem wie Stalin gerade drauf war. Nicht immer konnte man die Leiche so konservieren, wie es gewünscht war. Es war wohl wie ein Geist, den man nicht gerufen hatte. Man konnte nicht nein sagen und er blieb und ging nicht weg.

RW: Gibt es vergleichbare Mumien?

MB: Nein, solche gibt es nicht mehr. Die sind alle bestattet oder kremiert. Für Lenin gibt es kein Vergleichsobjekt mehr. Es gab eine Reihe von russischen Mafiamitgliedern, die jedoch meinem Wissen nach alle bestattet worden sind. Da geht es nur um den extrem guten Erhaltungszustand bei der Bestattung, und den Wohlstand zu zeigen, dass man sich solch ein Verfahren leisten könne. Selbst wenn die Mafiosi noch in den Mausoleen liegen sollten, sind sie nicht mehr öffentlich einsehbar. Ein Bestatter in New York macht noch eine Silikon-Konservierung. Das Besondere dabei ist, dass die Leichen gewünschte Gesichtszüge annehmen können. Sie lächeln beispielsweise. Aber eigentlich ist er der Letzte, der sich überhaupt noch ansatzweise mit einer dauerhaften Konservierung beschäftigt.

Ich war in Palermo und die Kapuzinermönche dort pflegen die Mumie heute nur wegen des Geldes. Das merkt man. Deren Mumiengruft bezeichnen sie ja auch als Friedhof. Sie könnten ihn dicht machen und sagen: ‚Okay, wenn er zerfällt, zerfällt er.’ Das ist halt Asche zu Asche und Staub zu Staub. Aber sie machen es für die Touristen. Ich kenne keine Leute mehr, als vll. in kleinen Dorfgemeinschaften, die sich dafür interessieren würden. Das ist irgendwie nicht mehr so hip.

RW: Es gibt einfach weniger Personenkult und zu wenig Markt dafür?

MB: Ja, es ist unmodern sich mit dem Totenthema auseinanderzusetzen. So lange es ein bisschen spannend und gruselig ist, ist es okay. Aber selbst möchten die Leute im täglichen Leben nichts mehr damit zu tun haben.

RW: Wie funktionierte das konkret bei Lenin? Das Blut wurde durch eine Konservierungsflüssigkeit ersetzt?

MB: Ja, genau. Das kannst Du rausdrücken oder raus laufen lassen. Mit einer formalinhaltigen Lösung werden die Körperflüssigkeiten ausgetauscht. Das ist keine große Arbeit. Das ist lange bekannt. Im Grunde stellst Du ein großes Gefäß etwas höher als die Leiche und setzt eine große Nadel in eine dicke Ader. Mit der Zeit läuft alles raus. Danach ist wichtig die Organe zu entnehmen, Ronald. Das dient der Langzeitlagerung, da die Organe sich ebenfalls zersetzen würden oder andere Probleme machen könnten. Man muss es nicht unbedingt, aber es ist auch nicht sehr kompliziert.

RW: War beim Besuch der Leichenfall an sich für Dich interessant oder hast Du in irgendeiner Weise eine weltpolitische Aura gespürt?

Copyrigh: Mark Benecke

Copyrigh: Mark Benecke

MB: Nein. Ich fand lediglich den Fundort interessant. Es ist so ähnlich wie hier: wir beide sitzen auf diesem roten Teppich. Wenn nun rote Spuren darauf kämen, wäre das scheiße. Die Frage ist dann, wie man das sichtbar machen kann. Das hatte ich mir auch im Mausoleum überlegt. Ich fragte mich, wie ich eine hochauflösende Fotografie in diesem rötlich-braunen Licht machen könnte, um die Abtrocknungen und Unterschiede der Verfärbungen sichtbar zu machen. Als ich jedoch die Kamera auf den Umlauf stellen wollte, kamen gleich Leute. Es war schlicht nicht erlaubt. Im Prinzip schaute ich mir die Sache wie einen Tatort an, und nicht wie etwas Weltpolitisches. Hinterher erfuhr ich das Theater, dass die KP die Beerdigung verhinderte, weil die Leiche angeblich zum Weltkulturerbe des Roten Platzes gehöre.

RW: Vielen Dank Dir, Mark.

MB: Ich habe Dir zu danken.

Mit herzlichem Dank an Ronald Wendorf für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Das Interview als .pdf gibt es HIER


Lesetipps

Spurensicherungskasten für Kinder (2011-01 Blickpunkt)

Blickpunkt  

Blickpunkt  

Quelle: Blickpunkt, Bezirksverband Köln des bdk, Ausgabe 1/2011, Seiten 13 & 14

VON MARK BENECKE

Da das Heulen über mangelnde kriminalistische Ausbildung ja deutlich erkennbar nix hilft, habe ich mal in die Zukunft gedacht und mit der Firma Ravensburger einen Spurensicherungs-Kasten für Kinder gebastelt.

Die Idee war dabei, richtig coole Sachen reinzustecken, die Kids auch wirklich Spaß machen, beispielsweise zur Gewinnung von DNA oder der Untersuchung von Blut-Spuren. Alles andere flog gleich zu Beginn raus.
Damit es nicht zu gruselig wird, stammt die Erbsubstanz natürlich aus zermatschten Äpfeln und das "Blut" ist selbst angerührter Traubensaft mit jede Menge Zucker. Bei der Vorführung auf der Spielwarenmesse Anfang Februar in Nürnberg klappte das prima und die Kids und ich hatten megaviel Spaß.

Allerdings war die nach einigen Stunden entstehende Mischung von Fruchtsäften mit Russ-Pulver und Brennspiritus etwas, ähem, klebrig, so dass die Kinder vor Rückgabe an ihre Eltern mit meterweise feuchten Tüchern gereinigt werden mussten. Aber das gehört eben auch dazu, wenn man echte/r Kriminaltechniker/in ist!

Extremen Wert habe ich auf ein gutes Begleit-Buch mit Tipps aus der Wirklichkeit sowie eine gute Lupe gelegt, weil der Kasten ja irgendwann leer ist und diese beiden Dinge dann als einzige übrig bleiben. Die sehr gute Lupe musste ich mit wirklich aller Willenskraft durchsetzen. Vermutlich denken viele Menschen, dass CSI mit Hubschraubern und High-Tech zu tun hat ... ist aber nicht so: Die Lupe und ein guter Maßstab sind der Schlüssel zum Glück, basta. Die Lupe im Kasten ist so klein wie meine echte, die ich immer dabei habe, schön ohne Rand- und Farbverzerrung. Das heißt, sie ist erstens oho und dürfte zweitens ein Leben lang halten.

Außerdem haben wir schicke Tatort-Kärtchen drucken lassen, die den meinen direkt nachempfunden sind, damit die Kinder gar nicht erst mit Kulis, Münzen und ähnlichem Schrott als "Maßstab" im Foto ankommen. Als kleine Überraschung gibt's noch etwas Knete u für den Fall, dass die Kids mal im Knast Schlüssel nachmachen müssen;) Ach ja, und ein Rezept, wie man Fliegen auf verfaultes Hundefutter lockt. "Man muss aber eine Plastiktüte drunter stellen", meldete eins der Kinder, "damit man es danach leichter wegschmeißen kann". Stimmt!

Was mich am meisten beeindruckte: Schon nach einer Stunde gaben die Kids Sendern vom NDR bis zum russischen ntv professionelle Interviews und Vorführungen über Satellitenspritzer, zerplatzte Zellen sowie Augen und Gabeln in Hautleistenabdrücken. Kein Witz! Das finde ich sehr lässig, und ich freue mich schon auf die Polizei-Anwärter/innen in zehn Jahren, die vielleicht mit dem Kasten fleißig geübt und gesehen haben, dass es bei der Spurensicherung weder Donuts noch Autorennen gibt, dafür aber Pinzetten, Vergrößerungen, Erbsubstanz, Kniffelei und jede Menge Spaß am Detail. Yeah