Wenn die Menschheit aussterben möchte, dann soll sie. Ich fänd’s nicht so toll

Quelle: tagesspiegel.de, Dienstag, 25. Juli 2023, Seite 16; klick hier für den Artikel

Durch das Insektensterben geht eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen verloren, sagt Mark Benecke. Der Kriminalbiologe über seine toten Freunde, Betongärten und die Frage, was jeder einzelne tun kann

Von Sascha Karberg

Herr Benecke, Sie sind Insekten­ Experte und Kriminalbiologe, waren schon an vielen Tatorten und haben Leichen und Dinge gesehen, die viele Menschen entsetzen würden. Sie nicht. Be­reitet es Ihnen schlaflose Nächte, wenn Sie an das massenhafte Aussterben von Insekten weltweit denken?

Das Massenaussterben von Insek­ten, das wir gerade erleben, ist wirklich krass. Ich schlafe zwar immer noch, aber das Wissen, dass eine unserer wichtigsten Lebens­grundlagen verloren geht, ist grau­envoll. Ich bin jetzt vier Tage lang im glühend heißen New York durch die Parks im südlichen Man­hattan gelaufen, vom Union Squa­re Park bis zum Jane Garden. Ich habe nur sechs Insekten gesehen.

Nicht mal die für New York typi­schen Kakerlaken?

Ich habe früher ja in New York ge­wohnt, gemeinsam mit Kakerla­ken, Ameisen, Fliegen. Selbst die sehe ich hier nicht mehr. Im Cen­tral Park habe ich in den 1990er Jahren noch Glühwürmchen gese­hen. Die sind verschwunden — durch die Hitze, die Trockenheit, Gifte und wohl auch durch den Feinstaub, der sich auf die Anten­nen vieler Insekten legt, so dass sie sich nicht mehr erkennen.

Sie sammeln Fliegenmaden an Tatorten, um den Todeszeitpunkt einer Leiche festzustellen. Zählen Sie auch da weniger Tiere?

Ja, schon seit 2003. Das war ein sehr heißer Sommer, den damals nur noch niemand als Hitzesommer bezeichnet hat. Wir haben kaum noch Schmeißfliegen an den Leichen gesehen, weder die Grü­nen noch die Blauen. Ich kann da­mit leben, dass eine kriminalisti­sche Spur nicht mehr vorhanden ist. Geschenkt. Was ich aber zu­ tiefst schade finde, ist, dass ich in einer Welt lebe, in der der Großteil meiner Freunde tot ist. Die meis­ten Menschen denken dabei an an­dere Menschen oder vielleicht noch an ihr Haustier. Aber für mich sind 99 Prozent meiner Freunde tot. Als wäre ich 95 Jahre alt und müsste damit klarkommen, dass es alle Menschen, die ich mal liebgehabt habe, nicht mehr gibt. So fühlt sich das an.

Ist es schwierig für Sie, die Abscheu, die Angst, den Widerwillen anderer Menschen gegenüber Insekten nachzuvollziehen?

Maden auf Leichen finde ich insge­samt sehr interessant, nicht nur als Informationsquelle für die kriminalbiologische Untersuchung. Ich finde es schön, dabei den Kreislauf des Lebens, die Entstehung neuen Lebens aus altem zu beobachten. Dass Insekten den meisten Men­schen egal sind, dass es kaum je­manden interessiert, dass sie ra­send schnell wegsterben, diese Gleichgültigkeit, die finde ich rätselhaft. Wie kann es denen, die äl­ter als 40 Jahre sind und selbst noch massenhaft Schmetterlinge, Fliegen, Eintagsfliegen, Motten und Grashüpfer erlebt haben, so egal sein, dass die Tiere jetzt alle fehlen?

In Bezug auf den Klimawandel hat Greta Thunberg gesagt: „I want you to panic.“ Gilt das auch für den Insektenschwund?

Ich werde oft gefragt, warum wir Wissenschaftler nicht Entsetzen oder Angst zeigen. Ich sehe es wie der Hauptfigur des Films „Melan­cholia“ von Lars von Trier, die im unvermeidlichen Untergang die Ruhe selbst ist. Sachlich gesehen, und so meinte Greta das, wäre je­ der Grund für Panik da. Es ist aber hilfreicher, ruhig und vernünftig zu handeln, als nicht mehr zu schlafen.

Insekten übertragen Krankheiten, sie stechen, sie beißen, gerade im Sommer sind die meisten Menschen noch schlechter auf die Tiere zu sprechen als im Rest des Jahres. Manch einem scheint ein Rückgang von 60, 70, 80 Prozent der Insektenmenge, je nach Stu­die, in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast willkommen?

Insekten sind ein entscheidender Teil des Netzwerks des Lebens, in dem alle Arten miteinander verbunden sind. Wir Menschen hän­gen mit darin, nur halt an der Spit­ze. Die Erfahrung der vergangenen fünf, nicht vom Menschen verur­sachten großen Artensterben ist, dass hinterher die Arten an der Spitze des Nahrungsnetzes ver­schwunden waren. Immer. Das Le­ben übersteht Netzwerkausfälle. Es gibt immer Arten, die auswei­chen und andere Lebensräume oder Nahrungsquellen erschlie­ßen können. Wir Menschen aber nicht.

Selbst wenn jemand keine Insek­ten, sondern nur sich selbst mag, dann muss er oder sie einsehen, dass die Bestäubung von Pflanzen nicht nur von Bienen, sondern zu viel größeren Teilen von Motten, Wespen, Käfern und Fliegen erle­ digt wird. Das ist seit Jahrmillio­nen so.

Geht es nur um Bestäubung? Gibt es keine anderen Gründe, warum Insekten für Menschen essentiell sind?

Es geht um alle Rahmenbedingun­gen für das Weiterbestehen der Arten. Alle Lebewesen sind durch „Fantastilliarden“ von Knoten im Lebens­Netzwerk mitei­nander verbunden. Wie ein riesi­ges, zusammengefaltetes Fischer­netz, in dem alle Knoten, die Ar­ten, direkt oder indirekt in Verbindung stehen. Wir Men­schen haben inzwischen so viele Löcher in dieses Netz gerissen, dass es nur noch ein Lumpen ist. Ohne Insekten sterben auch viele Singvögel, tatsächlich sind ja auch schon viele davon verschwunden oder stark bedroht.

Lässt sich das überhaupt noch reparieren? Sind wir über den Kipppunkt des Artensterbens schon hinweg?

Viel mehr sorgt mich der soziale Kipppunkt. Vor dem „Home De­pot“ hier um die Ecke, einem der Baumärkte in den USA, sah ich gestern eine riesige Werbung für tropische Topfpflanzen. Und gleich daneben ein Plakat für das passende Insektenvernichtungs­mittel. Die Botschaft: Man soll sich tropische Pflanzen kaufen, weil andere in der Hitze nicht mehr überleben, und gleichzeitig das Insektengift kaufen, damit bloß kei­ne Tiere darauf rumlaufen. Die Menschen haben vergessen, dass es normal und natürlich ist, dass auf Pflanzen und auch in der Erde im Topf Insekten leben.

Was wissen wir über die Ursachen des Insektensterbens?

Eine Ursache ist der Klimawandel. Arten, die kühlere Durchschnitts­temperaturen brauchen, konnten vielleicht noch eine Weile in höhe­re oder nördlichere Gebiete aus­weichen, aber irgendwann ist Schluss. In den vergangenen drei Jahren sind bis nach Ostfriesland Gottesanbeterinnen, Nosferatu­ Spinnen und blau glänzende Holz­bienen aus dem Mittelmeerraum eingewandert — das haben der Naturschutzbund NABU und ich durch die „Insektensommer“­-Messungen live erlebt. So was gab es noch nie in der Erdgeschichte, dass innerhalb von drei Jahren Ar­ten aus dem Süden bis in den Nor­den gewandert sind. Die Verände­rungen sind superschnell. Die Hit­ze und Trockenheit ist in der Geschwindigkeit biologisch nicht auszuhalten. Das wäre so, als ob man unter der Dusche steht und jemand das kalte Wasser abdreht, bis man am Ende unter kochend heißem Wasser steht. So geht es den Tieren jetzt.

Aber der Klimawandel kann nicht allein Ursache für den Insekten­schwund sein?

Eine weitere Ursache ist die auf Masse getrimmte Land­- und Tier­wirtschaft mit Acker­-Giften, also Tier­ und „Unkraut“­Vernich­tungsmitteln. Selbst wenn es ge­schützte Inseln gibt, dann fehlen die Landbrücken zwischen diesen Inseln. Ich kriege einen Lach­krampf, wenn ich mir die Wald­-Naturschutzgebiete in Deutsch­land angucke. Die sind so klein, dass man die auf der Karte kaum sehen kann. Keine Chance für die Tiere, von einem Gebiet ins ande­re zu kommen. Es ist eine Mi­schung vieler Ursachen. Wir kennen die Einflüsse spätestens seit den 1970er Jahren. Nur jetzt er­ reicht es die letzten Regionen und niemand schützt sie.

Aber die Vereinten Nationen haben doch beschlossen, je 30 Prozent der Wasser­ und Landflächen der Erde zu bewahren.

Ich sehe bisher keine Umsetzung davon. Vollschutz würde ja bedeuten, dass man dort nichts mehr machen darf, auch nicht Jagen und Fischen.

Die erste große Studie, die den Rückgang der Insekten der ver­ gangenen zwei Jahrzehnte doku­mentiert hat, kam 2017, von ei­nem Krefelder Naturschutzverein. Warum haben selbst Insekten­experten das große Sterben erst so spät erkannt?

Viele Forschungsbereiche, Biolo­gie, Obstbau, Forstwirtschaft und andere, haben ihre eigenen Beobachtungen gemacht, aber kaum miteinander geredet. Das hat sich geändert. Es gibt keinen Zweifel mehr an weltweiten Insekten­ schwund. Manche haben es auch nicht geglaubt. Ich habe beim Welt-­Fliegenkunde­-Kongress in Namibia im Jahr 2018 die Krefelder Studie vertreten — meine Kolleginnen und Kolleginnen kannten sie gar nicht.

Was kann jeder tun, um den Arten­verlust einzudämmen?

Alles hochwachsen lassen, höchs­tens einmal im Jahr mähen. Das hilft vielen Insektenarten. Ein Garten sollte nicht betoniert sein, sondern grün und blühend, damit Insekten sich nähren und schüt­zen können. Wenn wir diese Kurve kriegen, dann kann das viel bewir­ken: Die Fläche, die Menschen privat besitzen und auf der sie wach­sen lassen könnten, was sie wol­len, ist so groß wie alle Naturschutzgebiete in Deutschland zusammen.

Im Obstbau sind blühende Wiesen zwischen den Bäumen schwierig, da reicht es aber, sie außen drum­ rum anzulegen und wenige Gifte oder gar keine zu verwenden. Da­für gibt es sogar doppelt Geld: von der EU für das Anlegen der Blüh­wiesen und die vielen Insekten er­höhen die Erträge an Obst. Eine Win­win­win­Situation.

Was halten Sie von der Idee, für den Klimaschutz statt Fleisch auf Insekten als Lieferanten tierischen Proteins umzusteigen?

Der Klimarat IPCC und fast alle neuen Studien empfehlen pflanz­liche Ernährung, allein schon weil für die Fleischproduktion und das Tierfutter viel mehr Landflächen und Wasser verbraucht werden als für Pflanzen. Keine tierischen Produkte heißt auch: Keine Insek­ten.

Anstelle von Rindfleisch Insekten zu essen, das wäre vielleicht vor ein paar Jahrzehnten ein kleiner, in die richtige Richtung führender Schritt gewesen. Aber die Zeit der kleinen Schritte ist vorbei. Zumal es unklar ist, wie man ausreichen­de Mengen Insekten ohne Gift­-Einsatz herstellen könnte.

Was sagen Sie jüngeren Leuten, die sich teils verzweifelt auf die Straßen kleben und die nötigen Veränderungen einfordern?

„It has begun”, das sage ich. Was hier gerade passiert, wird euer Le­ben entscheidend beeinflussen. Das habt ihr euch nicht ausge­sucht. Jetzt müsst ihr etwas tun, und dabei spielt es keine Rolle, ob ihr frohgemut oder verzweifelt seid. Hauptsache, ihr versteht, dass es begonnen hat. Es ist nicht wie im Film, wo du gefesselt bist, der Bösewicht seinen Plan verrät, man sich befreit und dann die Welt rettet. Der Klimawandel ist leider schon passiert. Wir können jetzt nur noch mit dem arbeiten, was übrig ist.

Wie viel können wir denn noch be­wirken?

Jeder hat eine persönliche Reichweite, eine persönliche Überzeu­ gung, einen persönlichen Zeitrah­men. Als Biologe denke ich in Le­bens-­Netzwerken. Die kann ich sowieso nicht steuern, sondern ich kann darin nur leben und das Schöne, Gute, Lebendige fördern. Und so überlasse ich es auch je­dem anderen, das zu tun, was er oder sie tun will, so wie ich es auch Ameisen oder Sperlingen überlas­se, was sie tun wollen und können. Menschen haben die Superkraft, dass sie zuhören und daraus dann das ableiten können, was nach­ weislich hilfreich ist, während die Ameise und der Sperling das nicht können. Wenn die Menschen ihre Kraft jetzt nicht nutzen wollen, weil ihnen das zu schwierig ist, dann ist es halt so. Wenn die Menschheit aussterben möchte, dann soll sie aussterben. Ich fänd’s nicht so toll.

Herr Benecke, Sie bestreiten mit Ihrem Wissen über Insekten Ihren Lebensunterhalt. Werden Sie nach Ihrem Tod Ihren Körper den Insek­ten überlassen?

Jedes Lebewesen ist ein Teil des Netzwerks des Lebens. Wenn ich sterbe, ist es für mich völlig normal, richtig und angenehm, dass ich in einem Wald oder so liege und auf natürliche Art durch Insekten, Bakterien und so weiter zersetzt werde. Aber wenn ich tot bin, kriege ich nichts mehr mit und dann spielt es keine Rolle mehr, was ich will, sondern was die Le­benden wollen. Und wenn meine Angehörigen und Freunde und Freundinnen das aus kulturellen Gründen doof finden, dann sollen sie sich selbst überlegen, was sie gerne machen wollen.


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