Mark Benecke: "Morde sind nie perfekt"

Quelle: Goslarsche Zeitung, Nordharz, 13. April 2026, Seite 22

Vor fünf Jahren verschwand Karsten M. aus Döhren — Im GZ-Interview spricht Deutschlands bekanntester Forensiker

Von Lisa Kasemir

Döhren. Am 13. April 2021 verschwand Karsten M., ein zu dem Zeitpunkt 51-jähriger Familienvater aus Groß Döhren, auf mysteriöse Weise. Blutspuren im Garten und im Auto deuteten früh auf ein Gewaltverbrechen hin. In einem Indizienprozess wurde ein 50-jähriger Bundespolizist, der mit dem Opfer befreundet war, wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Doch trotz des rechtskräftigen Urteils fehlt bis heute jede Spur von Karsten M. - sein Leichnam wurde nie gefunden, und der Täter schweigt. GZ-Redakteurin Lisa Kasemir spricht mit Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen und Forsensiker Dr. Mark Benecke, auch bekannt als „Dr. Made", über Mordfälle ohne Leiche.

Hallo Herr Dr. Benecke, im Fall Karsten M., der seit fünf Jahren vermisst wird, wurde zwar ein Täter wegen Mordes verurteilt, doch der Leichnam fehlt bis heute. Wie beurteilen Sie aus kriminalistischer Sicht die Chancen, dass er noch gefunden wird?

Es gibt mehrere Einflüsse. Zum Beispiel können Leichen sich aufblähen und auf Wasser treiben. Tiere können Körperteile verschleppen, was zu seltsamen Fundorten oder Gerüchen führt. Teilweise hängt es auch vom Verhalten der Täterin oder des Täters ab - manche Handlungen machen die Leiche leichter auffindbar, andere verschleiern sie. Manche Täter kehren zum Beispiel noch einmal zum Ort zurück. Manchmal wird man dann von Zeugen gesehen, manchmal tauchen Autos oder Hinweise an ungewöhnlichen Stellen auf. Eigentlich ist die Tat ohne Leiche ein Klassiker, der selten, aber regelmäßig in der Kriminalistik auftritt.

Wie ist es, wenn wie in diesem Fall fünf Jahre vergangen sind - ist dann überhaupt noch etwas forensisch zu finden?

Oft werden Spuren anfangs nur begrenzt untersucht. Gerade beim sogenannten „ersten Angriff" wissen die Menschen vor Ort ja noch gar nicht, was genau passiert ist. Deshalb werden Spuren manchmal nicht sofort in allen Einzelheiten aufgenommen. Dabei könnten sie oft und schnell Hinweise geben - zum Beispiel durch ständig abfallende Hautschuppen oder Haare.

Man könnte also sagen, dass ein Täter fast immer Spuren hinterlässt – selbst, wenn er glaubt, alles beseitigt zu haben?

Auch nach Jahren können Spuren erhalten sein. Kleidung, persönliche Gegenstände oder Mikrospuren wie Haare oder Hautzellen bleiben oft erhalten. Im Wasser zersetzen sich Körper und Spuren, aber bei der Bergung kann noch vieles gesichert, aber auch zerstört werden. Verbrennungen oder chemische Versuche zur Beseitigung einer Leiche hinterlassen ebenfalls Spuren, beispielsweise Hinweise auf den Brandbeschleuniger. Heutige forensische Techniken ermöglichen es, auch sehr kleine Spuren Jahrzehnte später auszuwerten.

Inwiefern ist es möglich, ein Tötungsdelikt so zu begehen, dass es dauerhaft unentdeckt bleibt? Oftmals wird in diesem Zusammenhang vom „perfekten Mord" gesprochen.

Morde sind nie perfekt, da sie immer unschön sind. Sie haben mit Hass, Dummheit, Wut und ähnlichen Gefühlen zu tun. Wenn die Leiche verschwunden bleibt, ist es meist eine Mischung aus Unwissenheit und Dreistigkeit der Täterin oder des Täters und ungünstigen Umständen für das Opfer.

Es gibt immer wieder Leute, die versuchen, die Leiche zu beseitigen oder Spuren zu verwischen. Manche orientieren sich dabei an dem, was sie im Internet gelesen haben, wissen aber überhaupt nicht, wie es in Wirklichkeit funktioniert. Beispiele sind etwa Versuche, eine Leiche in der Badewanne aufzulösen - das kommt tatsächlich manchmal vor. Dabei verletzt man sich aber wahrscheinlich selbst, beschädigt die Badewanne, macht die Leitungen kaputt. Es fällt möglicherweise auch auf, dass man sich die Chemikalien besorgt hat. Die Leute können damit auch nicht richtig umgehen. Man kann das auch clever machen, aber in der Regel wird das früher oder später auffallen. Selbst erfahrene Täter haben damit Probleme. Fritz Haarmann (Hannoveraner Serienmörder aus dem 19. Jahrhundert, Anm. d. Red.) etwa hat beim Zerteilen der Leichen Rückenschmerzen und Kopfschmerzen bekommen. Es ist also viel Arbeit, die viele Spuren erzeugt.

In der Schweiz hat mal jemand versucht, eine Leiche in einer selbst gebauten Betonbunkerkammer aufzulösen. Auffällig wurde es, weil er dahin gelatscht ist und dabei gesehen wurde.

Wie stark haben sich forensische Methoden in den letzten Jahren verbessert, und können dadurch alte, ungelöste Fälle heute neu aufgeklärt werden?

Erbgut-Vergleiche in der Verwandtschaft spielen eine zunehmende Rolle: Wenn man irgendwo ein kleines Stück Textil oder Ähnliches findet und gar nicht weiß, von wem das jetzt genau ist, kann man heute über Familiendatenbanken neue Hinweise bekommen.

Also kann man jetzt auch Täter finden, die vorher völlig unbekannt waren?

Ja, genau. Wir sind jetzt wirklich an diesem Punkt, im Frühjahr/Sommer 2026.

Der Fortschritt in unserem Fach verläuft insgesamt eher in Schlängellinien, aber die entscheidenden Entwicklungen sind jetzt alle da. Technisch kann man Massendaten auswerten, biologisch alle Spuren bis zur einzelnen Zelle analysieren und so weiter mehr geht eigentlich nicht. Früher gab es bodendurchdringende Sonare, um zu prüfen, ob die Erde bewegt wurde und damit mögliche Gräber zu finden. Heute gibt es modernere Geräte, die fast, wie Röntgen funktionieren, mit höherer Auflösung.

Man kann mittlerweile alle Gerüche wahrnehmen und erkennen, den Boden durchleuchten, Gebäude untersuchen, Wärmemessungen machen und alle Zellen untersuchen. Auch Handy-Daten und andere im Internet vorhandene Daten lassen sich auswerten.

Jetzt hängt alles nur noch davon ab, wie viel Geld und wie viele Fachkräfte man in solche Fälle steckt.

Vom Kölner Straßenstrich ins Museum. Sexarbeiterin Nicole: „Das erste Mal war Französisch für 30 Euro“

Quelle: Express Köln, 8. April 2026

Von Iris Klingelhöfer

Nicole Schulze demonstrierte 2021 mit anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Das Foto zeigt sie mit Kölns bekanntem Kriminalbiologen Mark Benecke („Dr. Made“). 

Nicole Schulze hat viele Jahre auf dem Kölner Straßenstrich gearbeitet. Jetzt ist die Sexarbeiterin Teil einer Ausstellung geworden. 

Französisch für 30 Euro – Sexarbeiterin Nicole Schulze (46) erinnert sich noch sehr gut an ihren ersten Freier. Das war 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße und hat fünf Minuten gedauert. 

Inzwischen blickt die 46-Jährige nicht nur auf eine lange Berufszeit zurück, sondern ist auch Vorsitzende des Berufsverbandes Sexarbeit, eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz – und Teil der Ausstellung „Sex Work“ in der Bonner Bundeskunsthalle. 

Dort ist unter anderem ein Foto von ihr zu sehen, wie sie 2021 mit einem Wohnmobil und anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom stand – als Protest gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Neben ihr auf dem Foto ist Kölns bekannter Kriminalbiologe Mark Benecke („Dr. Made“). 

„Ich hatte für die Ausstellung mehrere Fotos geschickt und sie haben sich für das von der Demo entschieden. Wir haben gegen die Kampagne ‚Rotlicht Aus‘ demonstriert, weil wir gesagt haben, wir müssen das Rotlicht nicht aus-, sondern anmachen“, erklärt Nicole. 

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle sei sehr gut. Auch von der Geschichte her. Nicole: „Dass die Sexarbeitenden Rechte benötigen und nicht unter Sigmatisierung leiden.“ Sie fühle sich in der Ausstellung sehr gut vertreten. Dort liegt auch ein Flyer vom Berufsverband Sexarbeit, dessen Vorstandsvorsitzende sie ist.

„Sie haben auch den Aktivismus von heute und natürlich auch von früher dargestellt. Wenn man jetzt an die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt denkt – die war ja nachher reicher als ihre Freier, hat das tollste Auto gefahren und wurde trotzdem ermordet. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Auch diese traurige Geschichte ist in Bonn ausgestellt“, erzählt die Kölnerin, die zur Vernissage anlässlich der Ausstellungseröffnung am 1. April eingeladen war.

Nicole Schulze hat ab 2004 auf dem Kölner Straßenstrich Geestemünder Straße gearbeitet. Inzwischen ist sie Sexualassistenz-Expertin.

Die Ausstellung spiegelt auch ihre eigene Geschichte wider. „Ich habe damals auf der Geestemünder in Köln angefangen, weil ich Schulden hatte. Ich hatte kein Geld, war dann auch von einem Loverboy abhängig. Ich war sieben Jahre lang abhängig, habe mein Geld abgedrückt. Es ist natürlich keine schöne Erfahrung, wenn man so behandelt wird“, erklärt Nicole.

Aber sie gibt nicht der Sexarbeit die Schuld daran. Die 46-Jährige sagt aus ihrer Sicht: „Weil, damit habe ich mein Geld verdient, ich gebe die Schuld der toxischen Beziehung, die ich mit meinem damaligen Freund geführt habe. Der hat mich ausgenutzt. Es war nicht die Sexarbeit. Ich war gerne an diesem Platz an der Geestemünderstraße. Wenn ich mich jetzt mit alten Kolleginnen treffe, bezeichnen wir das als unser Wohnzimmer.“ 

Mit 24 Jahren hat sie angefangen. „Ich habe mich auch bewusst für die Geestemünder entschieden, also für Straßenprostitution, weil ich kein Geld hatte. Ein Bordell, ein Zimmer dort, im Pascha hat schon damals 150 Euro pro Tag gekostet. Das Geld hatte ich ja gar nicht.“

Nicole Schulze (heute 46) hat 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße angefangen. Heute ist sie Sexualassistenz-Expertin, Vorsitzende des Bundesverbandes Sexarbeit und Teil der Ausstellung Sex Work, die am 1. April 2026 in der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet wurde.

Schulden hatten sich angehäuft, auch, weil sie damals mit einem Mann zusammen war, der das sauerverdiente Geld verspielte. Dazu zwei kleine Kinder. „Weil kein Geld da war, habe ich Lebensmittel geklaut“, gesteht sie. Doch irgendwann habe sie sich die Frage gestellt: Wie geht es mit meinem Leben weiter? Klaue ich weiter? Bleibe ich mit dem Mann zusammen?

„Ich habe mich für den Weg der Trennung entschieden. Und in der Sexarbeit selbst habe ich die Möglichkeit gesehen, Geld zu verdienen. Was ich nicht bedacht habe, ist, dass dieses riesengroße Stigma dann auf mir lastet“, so Nicole. „Dass wir zum Beispiel keinen Bankkredit bekommen, keine Bank stellt einer Prostituierten einen Kredit zur Verfügung, obwohl wir gutes Geld verdienen. Dann bleibt uns eigentlich gar nichts anderes übrig, als in Abhängigkeiten reinzugehen. Dann sind wir abhängig und bekommen unser Leben ohne andere Menschen gar nicht in den Griff.“ 

Von der Geestemünder habe sie erfahren, als sie 2004 in einer Kneipe in Leverkusen anfing zu kellnern. „Die Geestemünder hat 2002 eröffnet — die war damals quasi noch frisch im Munde der Männer. An der Theke, wenn die viel Bier getrunken hatten, haben die von dem neuen Straßenstrich erzählt und ich wurde hellhörig“, erinnert sich die Kölner Sexarbeiterin.  

Nicole weiter: „Ich war sexuell immer offen. Und ich war dann mit meinem damaligen Freund auf der Geestemünder, um eine weitere Frau für einen Dreier zu suchen. Da habe ich den Straßenstrich das erste Mal live gesehen.“

Am folgenden Abend sei sie dann alleine dorthin gefahren. „Ich habe erstmal draußen gestanden und beobachtet. Wie funktioniert das, wer kommt da alles hin. Einige Stunden später bin ich in den Container, der auf dem Gelände steht, und wurde herzlich empfangen. Dort waren Sozialarbeiterinnen vom Katholischen Sozialdienst, kurz SkF. Die haben mir einen Kaffee angeboten und das System der Geestemünder erklärt.“ Und dann sei sie hängen geblieben. 

„Nach meinem ersten Freier habe ich diese 30 Euro in der Hand gehalten, für fünf Minuten Arbeit, und gedacht, das ist ja besser als Kellnern“, erzählt sie. Sie sei damals sozial schwach gewesen, so die Kölnerin. „An meinem ersten Abend, als ich auf der Geestemünder Feierabend gemacht habe, hatte ich 460 Euro verdient. Das war viel Geld für mich und ich habe mich direkt dazu entschlossen, da zu bleiben.“

Nicole: „Ich habe aber nie gelernt, mit Geld umzugehen. Ich habe es verdient und dann war es auch schon wieder weg. Mein Loverboy hat mir dann geholfen, dass ich schuldenfrei wurde. Ich habe ihn geliebt, bin allerdings deswegen in so eine Art falsche Dankbarkeit gefallen. Dann fing es an, dass ich mein Geld an ihn abdrücken musste.“ 

Ihr Glück sei gewesen, dass der Platz an der Geestemünder Straße für sozial schwache Frauen gebaut wurde. Das SkF und auch die Polizei, explizit die kürzlich verstorbene Hauptkommissarin Nicole Metzinger, hatten erkannt, dass Nicole zwar aus der Schuldenfalle raus, aber dafür in eine neue Abhängigkeit hineingerutscht war. „Deswegen durfte ich auf diesem Platz weiterstehen“, sagt sie dankbar. Die Polizeibeamtin Metzinger unterstützte sie auch dabei, von ihrem „Loverboy“ loszukommen.

Dass sie auf dem Straßenstrich arbeitet, hat Nicole Schulze nie geleugnet. „Weil ich es nie als schlimm empfunden habe. Ich habe ja nichts Illegales gemacht“, stellt sie klar. Sie will nichts verherrlichen. Brutale Zuhälter, Ausbeutung, Drogen, Gewalt – auch das gibt es in der Prostitution. „Man sieht in den Medien immer nur das Negative. Aber man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Man muss schon differenziert drauf sehen, auch auf die Straßensexarbeit.“ 

„Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“

Dadurch, dass sie auf der Geestemünder war, habe sie selbst nichts Schlimmes erlebt, behauptet sie. Nicole: „Die Freier waren immer vernünftig, weil es eben auch ein Platz der Stadt Köln war, Polizei und Ordnungsamt waren regelmäßig vor Ort. Die Polizistin Nicole hat sich sehr für uns eingesetzt. Das war ein geschützter Rahmen. Ich bin ein Befürworter solcher Modelle. Ich habe keine Gewalt erlebt.“ 

Sie seien, im Gegenteil, irgendwie wie eine Familie gewesen. „Ich bin gerne dorthin gegangen, wir haben viel gemeinsam gemacht, Pizza bestellt, gegrillt. Es waren schöne Momente. Und der Zusammenhalt der Frauen war schon sehr, sehr gut. Wenn es doch ein Problem gab, waren wir alle füreinander da“, erzählt die 46-Jährige.

„Das einzige Negative war mein Loverboy, weil ich in einer toxischen Beziehung war. Er hat mich viel verletzt. An der Sexarbeit selbst habe ich bislang keinen negativen Punkt. Alle höflich, nett, freundlich. Die wollen ja was von mir, wollen, dass ich eine gute Dienstleistung mache“, so Nicole.

Inzwischen steht sie in Trier an der Straße, in ihrem eigenen Wohnmobil, hat sich hauptberuflich aber auf Sexualassistenz spezialisiert und bietet ihre Dienste Menschen mit Behinderungen oder Menschen im Alter an, fährt auch in die Heime. „Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“, erklärt sie.

Auf die Geestemünder fahre sie aber immer noch regelmäßig - nur zu Besuch. „Ich würde mich da nicht mehr an die Straße stellen und meinen Kolleginnen die Kundschaft wegnehmen, weil ich mittlerweile nicht mehr sozial schwach bin. Aber die kennen mich alle dort und ich bin herzlich willkommen. Besonders jetzt als Aktivistin“, sagt sie. 

Momentan setze sie sich dafür ein, dass der Ort wieder ein sozialer Platz wird, sozial niedrigschwellig und ohne hohe Hürden. „Das geht ja nicht mehr, seit wir den Hurenausweis haben, also die Anmeldung nach ProstSchutzG.“, erklärt die Sexarbeiterin. Nach dem ProstSchutzG benötigen alle in der Prostitution tätigen Personen eine gesundheitliche Pflichtberatung und müssen für das Prostitutionsgewerbe angemeldet sein beziehungsweise sich anmelden. 

Nicole: „Ich gebe mal ein Beispiel: Für eine drogenabhängige Frau, die morgens nicht in die Gänge kommt, sind die Hürden viel zu hoch. Früher kamst du einfach zur Geestemünder und konntest arbeiten. Das war ein soziales System. Und ich finde, das sollte wieder so sein. 

Weil diese Frauen nicht das Problem der Sexarbeit haben, sondern die haben ein Drogenproblem und finanzieren ihre Drogen damit. Jede dieser Frauen macht zwei, drei Kunden, bis sie das Geld zusammenhat, und dann ist die wieder weg. Die denkt nicht daran, noch ihre Steuer zu machen oder Sonstiges. Die sind dazu gar nicht in der Lage. Das kann ich auch verstehen. Wenn ich mich mal mit meinem Loverboy betrachte, da hätte ich auch keinen Kopf dafür gehabt.“

Früher sei es viel Heroin gewesen, Spritzen seien verteilt worden, heute seien es mehr die synthetischen Drogen. „Aber egal, welche Drogen es sind, man muss das System dahinter anpassen“, fordert Nicole. „Wie viele Frauen habe ich damals auf dem Straßenstrich erlebt, die gesagt haben, dass sie die Methadon-Ausgabe verpasst hätten, weil sie nicht aufstehen konnten. Auch vor Schmerzen. Da denke ich mir: Warum hat die Methadon-Ausgabe nur morgens geöffnet? Wieso ist die nicht den ganzen Tag für die Betroffenen da?“ 

„Auch, wenn ich jetzt eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz und Vorsitzende des Berufsverbandes bin – die Geestemünder ist mir wichtig“, so die engagierte Sexarbeiterin. „Ich bin dafür, dass jede große Stadt in Deutschland so einen Platz anbietet. Weil es einfach ein sicheres Arbeiten ist.“ 

Prominenter Halle-Fan

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Lokales, 7. April 2026, Seite 12

Stadtwappen tätowiert: Mark Beneckes Liebe für Halle geht unter die Haut

Er ist Deutschlands bekanntester Forensiker und eine vielfach interessierte und umtriebige Person noch dazu. In Halle fühlt Mark Benecke sich derweil pudelwohl.

Von Denny Kleindienst, Halle (Saale)/MZ.

Die Stadt Halle hatte dieser Tage einen prominenten Besucher. Mark Benecke war zu Gast in der Stadt. Deutschlands bekanntester Forensiker dokumentierte seinen Aufenthalt unter anderem über seinen Instagram-Account, der 274.000 Follower zählt. Eines der zahlreichen dort geteilten Bilder fällt dabei ganz besonders ins Auge.

Man sieht Mark Benecke vor dem „Verliebt in Halle“ Herzen auf dem Marktplatz stehen. Den Ärmel seiner Jacke streift er ein Stückchen zurück und legt den Blick frei auf ein Tattoo an seiner Hand: Es handelt sich um das Stadtwappen von Halle mit dem liegenden, nach oben geöffneten roten Halbmond zwischen zwei roten Sternen. Nun trägt Benecke Tattoos auf dem ganzen Körper. Das er sich aber ausgerechnet das hallesche Stadtwappen als weiteres Motiv ausgesucht hat, überrascht dann schon. Ist das ein Scherz?

„Das Tattoo ist echt“, erklärt Benecke auf MZ-Nachfrage. Und er macht deutlich: Er ist ein Fan von Halle. „Am meisten mag ich die superfreundlichen Menschen hier.“

In der Stadt sei er schon sehr oft gewesen, so Benecke gegenüber der MZ. Zum Beispiel um Vorträge im Steintor-Varieté zu halten. Auch liebe er die vielen wissenschaftlichen Sammlungen in Halle. „Ich bin der Buch-Pate des berühmten Vesalius-Anatomie-Buches in der Marienbibliothek, dessen Wiederherstellung ich bezahlt habe.“ Dafür wurde ihm von der Marienbibliothek nun auch eine Paten-Urkunde übergeben. Zu seiner großen Freude erhielt er obendrein „ein Exlibris der Bibliothek aus Hadern-Papier“. Bei einem Exlibris handelt es sich um einen Zettel in Büchern zur Kennzeichnung des Eigentümers.

Zum Hintergrund: Der Anatomie-Atlas von Andreas Vesalius (1514–1564) erschien erstmals 1543 in Basel und nannte sich auf Deutsch „Vom Bau des menschlichen Körpers in sieben Büchern“. Vesalius hatte darin neue, authentische Ansichten des menschlichen Körpers präsentiert, wie er sie direkt bei öffentlichen Sektionen von Leichen in Italien hatte gewinnen können.

Da wäre außerdem noch Martin Luthers Totenmaske in der Marktkirche. „Ich habe das Alter der Luther-Totenmaske mit Radiokarbontechnik sicher geklärt“, sagt Benecke. Dazu gebe es gerade eine Veröffentlichung.

Bei seinem jüngsten Aufenthalt — begleitet wurde Mark Benecke von seiner Frau Ines — war der Forensiker auch in den Franckeschen Stiftungen, „in denen ich während Corona auch eine Ausstellung eröffnet habe“. Über das „Kuriositätenkabinett“ — die Kunst- und Naturalienkammer der Stiftungen — habe er einst bei der ältesten biologischen Fachgesellschaft, der Linnean Society of London, berichtet. „Natürlich liebe ich aber auch die anatomische und zoologische Sammlung“, merkt Benecke an.

Über sich selbst merkt Benecke noch an, dass er sowohl Forensiker, als auch Kriminalbiologe und Sachverständiger für biologische Spuren  ist. Was er hingegegen nicht sei, ist Rechtsmediziner, Pathologe und Polizist. Dann wäre das ja geklärt. Was er kurzerhand unterschlägt: Für die Satirepartei Die Partei trat Benecke in der Vergangenheit schon als Kandidat fürs EU-Parlament sowie als Oberbürgermeisterkandidat in Köln an.

"Eine Leiche verlangt nichts, ..."

Quelle: Forum Wissenschaft, Nr. 4, Dezember 2025, 42. Jahrgang

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Ein Gespräch über die Disziplin der Kriminalbiologie

Bei Todesfällen, wo Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen, werden die Leichen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Die Untersuchung der Todesumstände ist Aufgabe der forensischen Biologie. Die bekannten Darstellungen im Fernsehkrimi am Sonntagabend haben aber nur wenig mit der realen Praxis zu tun, wie Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview mit Yannick Borkens erläutert.

Forum Wissenschaft (Yannick Borkens, im Folgenden FW): Gerade für unsere nicht-naturwissenschaftlichen Leserinnen und Leser ist es spannend und interessant zu erfahren, was die Kriminalbiologie als Disziplin ist und mit was sie sich beschäftigt. Was ist Kriminalbiologie? In welchen Situationen kommt sie zum Einsatz?

Foto: Mark Benecke

Mark Benecke (MB): Forensisch heißt eigentlich vor Gericht/für das Gericht; diese Bedeutung ist in Deutschland aber nicht so eng und spiegelt die weit gefächerte Arbeitsweise auch nicht wider.

Als Wort aus dem Englischen ist es aber über TV und Kino wieder in seiner nicht ganz richtigen Bedeutung nach Europa gelangt. Ganz egal, hier der vereinheitlichte Vorschlag: Forensik ist eine Mischung aus Kriminalistik, Rechtsmedizin und Naturwissenschaften. Die Zusammenarbeit führt dabei zu einem weiten Blick. Solche umfassenden Untersuchungen waren bei uns im Labor beispielsweise ein Blutspuren-Muster nach einer Doppel-Tötung. Wir untersuchten dabei dieselben Blut-Spuren auf DNS (Naturwissenschaften), Schleuder-Richtung (Kriminalistik) und Verbringung durch Fliegen (forensische Entomologie). Die Leiche selbst wurde natürlich von Fachärztinnen für Rechtsmedizin beurteilt. Dieser auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorgestellte Fall zeigt, wie ein Einzelner viele Verfahren verknüpft anwendet. Ich habe für den Stern auch mal mit langen Zähnen zwei C. S. I.-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamtinnen, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht.

FW: Welche Beiträge kann sie leisten, um Umstände eines Todesfalles zu ermitteln? Und was kann sie nicht leisten?

MB: Mein Team und ich schauen uns jeden Fall unbefangen an. Daher passiert im kriminalbiologischen Alltag jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blutspuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen. Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen.

Alle Fälle sind super herausfordernd. Wir behandeln auch alle Fälle gleich. Ich bin nicht für die Gefühle verantwortlich, sondern für die messbare Wahrheit. Wenn es etwas ist, das therapeutisch behandelt werden muss, dann müssen Leute ran, die sich mit der »Seele« auskennen. Oder wenn es politische Folgen hat, dann muss es politisch gelöst werden. Das hat auch etwas Kulturelles: Bilder von Tatorten können wissenschaftlich herausgegeben werden, aber teilweise sind sie so episch und eindrucksvoll, dass sie — wie soll ich sagen — Wellen und Fahrwasser entwickeln. Dem kann man nicht ausweichen. Und dann muss man sich überlegen, wie man damit arbeitet. Der Kollege aus Österreich zum Beispiel. (Otto) Prokop, Leiter der Ost-Berliner Rechtsmedizin, hat sehr bildlich gearbeitet und ist mit seinem »Atlas« gegen seinen Willen im damaligen Westdeutschland unter Künstlerinnen, Künstlern bekannt geworden — also nicht wissenschaftlich. Das Buch ist erst nach dem Mauerfall in Deutschland wissenschaftlich wahrgenommen worden, obwohl es ein rein wissenschaftliches Werk ist. Prokop hat genau das gemacht, wovor ich gewarnt wurde: Er suchte Bilder aus, die so eindrucksvoll waren, dass sie ihr Eigenleben entwickelt haben. Wir achten seither darauf, dass das nicht passiert, denn wenn die Angehörigen 20 Jahre später auf irgendeinem Umweg wieder damit in Berührung kommen, dann lässt man es besser sein.

FW: Welche Rolle spielen Exhumierungen? Wann und wie werden sie durchgeführt?

MB: Wir hatten mal den Auftrag einer Familie, die Akten im Fall ihres verstorbenen Sohns zu sichten. Sie versprach sich Hinweise darauf, dass er nicht — wie von der Polizei angenommen — tödlich verunglückt, sondern Opfer einer Tötung war. Im Juni 2006 war die Leiche des Jungen nach sechsmonatiger Vermisstenzeit in Österreich in einem Bachbett gefunden worden. Er hatte während der Wintersaison an einem Skilift gearbeitet und mit seinem Kollegen und dessen Mutter eine kleine Abstellkammer direkt an der Liftanlange bewohnt. Die Eltern befragten die beiden Mitbewohner erneut zum Verschwinden. Beide beharrten darauf, dass er eines Nachts mit einem ihnen unbekannten Mädchen verabredet gewesen war und mit diesem durchgebrannt sei. Diese Version zum Verschwinden des Jungen erschien auch der Polizei plausibel. Auf dem Parkplatz der Liftanlange entdeckten die Eltern jedoch das unverschlossene Auto ihres Sohnes, in dem sich seine gesamten privaten Dokumente wie Führerschein und Pass sowie ein einzelner Socken befanden. Die Polizei stellte das Auto daraufhin sicher. Eine spurenkundliche Untersuchung blieb aus. Als später in einem dem Skilift nahe gelegenen Bachlauf Müll aufgesammelt wurde, fand man seinen Parka sowie eine Matratze, die aus der Unterkunft des Kollegen stammte. Außerdem entdeckten Passanten die teilskelettierte Leiche des Jungen mit stark zersetzter Bekleidung. Der Leichenfundort lag 2,5 km von der Lift-Anlage entfernt. Die Sektion ergab aufgrund der fehlenden Weichteile keine Auskunft darüber, ob Fremdeinwirkung (Verletzungen an den Weichteilen) vorgelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur der Kollege und Mitbewohner zu dem Vorfall polizeilich befragt worden, nicht jedoch die Mutter.

Die Eltern gaben sich damit jedoch nicht zufrieden und hatten selbst Suchen durchgeführt. Nach vielen Beiträgen, in denen die Familie die Vorgehensweise der Polizei anprangerte, wurden im Januar 2008 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die Mutter des Kollegen belastete ihren Sohn und sagte aus, er habe das Opfer erstochen. Bei der Tat sei sie nicht anwesend gewesen, jedoch habe sie bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Die österreichischen Behörden begingen daraufhin den Tatort mit einem Blutspürhund. Die Eltern hatten bei einem ihrer Besuche in der Unterkunft einige Holzdielen aus dem Boden gebrochen. Auf diesen hatten sie nicht untersuchte, an Blut erinnernde Flecken gesichtet. Einige dieser Stücke brachten sie zu einer Besprechung in unser Labor.

Der Blutschnelltest zeigte an mehreren Stellen auf den Holzstücken eine positive Reaktion. Aus dem darauf folgenden Gutachten des LKA Thüringen ging jedoch hervor, dass an den blutverdächtigen Anhaftungen der eingesandten Holzstücke kein Blut nachweisbar war.

Aus der molekulargenetischen Untersuchung der Materialproben war die Bestimmung eines DNS-Identifizierungsmusters nicht möglich. Die Schlussfolgerung: Es konnten keine weiteren Hinweise zum Verletzungs-Ort des Geschädigten gegeben werden. Die Exhumierung und anschließende Sektion im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Jena im November 2008 ergaben an Brustbein sowie der 6. und 7. Rippe des Leichnams gradlinige, glattrandige Knochenverletzungen (Stich-Schnitt-Verletzungen). Das Gutachten bestätigt, dass für die Beibringung der Rippenverletzungen ein spitz zulaufendes scharfes Messer in Betracht komme. Diese drei — wegen der Knochendefekte einzigen noch sichtbaren — Stichverletzungen waren nicht todesursächlich: Es konnten weder stark blutende Gefäße noch Brustorgane verletzt werden, da die Knochen jeweils nicht durchstochen wurden. Nach Einschätzung der Rechtsmediziner erfolgte die Verletzungsbeibringung am liegenden Opfer. Im Dezember 2008 wurde der Kollege/Mitbewohner von der Skiliftstation wegen Totschlags angeklagt. Die Verhandlungen fanden in Deutschland statt. Die beragte Rechtsmedizinerin erklärte, es sei aufgrund des Stichmusters nicht auszuschließen, dass weitere Stiche ausgeführt wurden, die nicht auf Knochen trafen, sondern Lunge oder Herz tödlich verletzten. Aufgrund des Zersetzungszustandes der Leiche konnte das aber naturgemäß nicht belegt werden. Ende Dezember 2008 wurde der Angeklagte nach einem Indizien-Prozess wegen Totschlags verurteilt.

FW: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kriminalbiologie und der forensischen Biologie?

MB: Keine.

FW: Welche Rolle spielt die Molekularbiologie innerhalb der Kriminalbiologie? Und welche Methoden kommen besonders häufig zum Einsatz?

MB: Aufgrund einer Flut von Serien wie C. S. /. in den 1990er Jahren und vielenweiteren, die sich später gerne mit Labortechniken in Kriminalfällen befass-ten, erwarten die Öffentlichkeit und (wo vorhanden) die Geschworenen in Kriminalfällen, dass alle Tatorte einer genetischen Fingerabdruckanalyse unterzogen werden müssten — der »CSI-Effekt«. Bald wurde daraus ein »umgekehrter CSI-Effekt«, das heißt, »während Geschworene aufgrund von CSI-ähnlichen Serien möglicherweise Hightech-forensische Beweise in Strafsachen erwarten und bei Fehlen solcher Beweise unangemessener Weise einen Freispruch sprechen, messen dieselben Geschworenen aufgrund derselben CSI-ähnlichen Serien forensischer Beweise oft zu viel Gewicht bei, wenn solche Beweise tatsächlich von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden, was zu Verurteilungen in Fällen führt, in denen der Angeklagte wahrscheinlich hätte freigesprochen werden müssen. «

Genetische Fingerabdrücke sind eigentlich wie ein normaler Hautabdruck. Es entsteht in beiden Fällen ein Barcode-Muster, das nichts über den Körper oder den Geist der Person aussagt. Wenn man grundsätzlich gegen die Verwendung von eindeutigen Merkmalen in Strafsachen ist, blieben ja als einzige Beweise nur Zeugenaussagen übrig. In vielen Tests wurde aber gezeigt, dass solche Aussagen nicht zuverlässig sind und von den Überzeugungen der Zeuginnen und Zeugen beeinflusst werden. Im Gegensatz dazu sind Beweise wie genetische Fingerabdrücke zuverlässiger.

Noch besser daran ist, dass DNS-Beweise immer wieder getestet werden können. Wenn ein Experte über die objektiven Beweise aus seinem Labor lügt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein unabhängiger Test die Lüge aufdeckt.

FW: Spielt die Forensik auch bei geistlichen oder kirchlichen Fragen eine Rolle?

MB: Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin hatten vor unserer Untersuchung manchmal Zweifel erregt. Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche mittlerweile genauer wissen. Darum konnten beispielsweise Blut- und Speichelproben von »Therese von Konnersreuth« in München untersucht werden. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der »Therese von Lisieux«, konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung. Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur »Therese von Konnersreuth«, weil sie die Leiden Christi so stark erlebte, dass mehrere Wunden an ihrem Körper bluteten. Die Kolleginnen und Kollegen konnten Erbgut-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut einer aufbewahrten, durchbluteten Verbandskompresse gewonnen hatten, mit Erbgut aus dem Speichel an Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person- und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte das gleiche Mitochondrien-Erbgut wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte. Was das religiös bedeutet, geht uns aber nichts an.

FW: Wie interdisziplinär ist die Kriminalbiologie? Ist sie eine reine Naturwissenschaft? Oder spielen auch Geisteswissenschaften wie die Soziologie oder die Kriminologie eine wichtige Rolle?

MB: Sie spielen keine Rolle, allerdings reden wir miteinander. So beschrieb zum Beispiel der kanadische Soziologe Neil Gerlach vor vielen Jahren in seinem Buch The Genetic lmaginary: DNA in the Canadian Criminal Justice System 2004 verschiedene mögliche Ängste der Gesellschaft hinsichtlich der Entwicklung und Ergebnisse der Biotechnologie, genetisch veränderte Lebensmittel, mögliche Forderungen nach einem Recht auf Normalität (»neue Eugenik«), Patentierung von Genen und »charismatische Wissenschaft«. Auch die »Kultur der Spur« und der DNS-Fingerabdruckmethode im Hinblick auf ihre Anwendung der Kriminalistik und ihre Auswirkungen auf Gerichtsverfahren werden diskutiert.

Neil Gerlach argumentiert, dass die Verwendung von DNS in rechtlichen Kontexten zu einer »Überwachungsgesellschaft« führen kann. Meiner Meinung nach wird die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Soziologie manchmal unnötig vergrößert, wie es auch bei Gerlachs Werk der Fall ist. Er prägt den Begriff »Biogovernance«, um zu beschreiben, wie DNS-Typisierung und andere genetische Methoden zu einem Regime der Praxis werden. Seiner Meinung nach ist dies das Ergebnis eines Machtgefüges namens »Social Governance«, das sich der Menschen befasst als mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Es ist in Ordnung, eine solche politische Aussage zu treffen und es dabei zu belassen. Allerdings vermischt Gerlach viele Dinge, die getrennt werden sollten — und tatsächlich auch getrennt sind. Angesichts meiner internationalen Erfahrung war ich überrascht, dass die Kanadier solche Angst vor der nicht-kodierenden DNS-Typisierung haben, und ich frage mich, warum das so ist. Die sehr liberalen Niederlande hatten ungefähr zeitgleich als erstes Land ein Gesetz verabschiedet, das sogar die Typisierung von Augen- und Haarfarben in Strafsachen erlaubt, und in England wird die DNS-Probe einer Person in die Datenbank aufgenommen, wenn sie eine Straftat begeht (praktisch schon ab Trunkenheit am Steuer). In beiden Ländern wurde die erweiterte Verwendung der DNS-Typisierung weder zur Herstellung »genetischer Gerechtigkeit« noch gegen den Willen der Öffentlichkeit durchgeführt. Ganz im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde gehört und stimmte zu. Außerdem ist »genetische Gerechtigkeit« unmöglich, da niemand allein auf der Grundlage eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Es muss immer andere wichtige Hinweise geben, die eine Person mit einer Straftat in Verbindung bringen, nicht nur das Erbgut allein. Der Grund dafür ist einfach: Wenn ich eine Zigarette an einem Ort fallen lasse, der 15 Minuten später zum Tatort wird, wird mich niemand bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft beschuldigen, wenn ich kein Motiv, keinen möglichen Nutzen und keine andere Verbindung zum Opfer oder zum Tatort habe.

FW: Kommt die Kriminalbiologie bzw. die Forensik auch bei archäologischen Fragestellungen zum Einsatz? Waren Sie selbst schon an archäologischen Ausgrabungen beteiligt?

MB: Ja. Hier kann zum Beispiel die forensische Entomologie (Insektenkunde) helfen. Die Besiedlung von Leichen durch Insekten und andere Gliederfüßer ist seit Jahrtausenden bekannt. Forensisch-entomologische Untersuchungen, also die Begutachtung der an oder auf Leichen lebenden Insekten hinsichtlich ihrer Systematik und Artbestimmung, ihrer Entwicklungsbiologie und ihrer Lebensweise, gehören heute in vielen Ländern zum bekannten Werkzeug der Rechtsmedizin und Kriminalistik. In der Archäologie hat die Entomologie in den letzten Jahrzehnten vorwiegend im Bereich der Umwelt-Untersuchungen der weiten Vergangenheit bzw. der Umweltarchäologie Eingang gefunden und neben der Untersuchung von uralten Pflanzenresten neue Wege zur Ermittlung des ursprünglichen ökologischen Umfeldes archäologischer Fundplätze eröffnet.

Vergleichsweise selten wurden dagegen bisher Insektenreste bei der Beurteilung archäologischer Leichen- bzw. Grabfunde berücksichtigt. Dabei sind Leichen für weit über hundert Gliederfüßerarten — insbesondere Fliegen und Käfer — Brutstätte, Nahrungsquelle und Lebensraum. Da Gliedertiere die mit Abstand artenreichste und größte Gruppe aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind sie auch in scheinbar unwirtlichen Lebensräumen noch an Leichen anzutreffen. Mit den Veränderungen eines Leichnams nach dem Tod gehen zeitlich sich überlappende Gliedertierbesiedlungswellen einher, die als Besiedlungswellen bezeichnet werden. Anhand dieser spezifischen Besiedlungswellen lassen sich oft Rückschlüsse auf die Liegezeit und die Todesumstände einer Leiche ziehen. In der Archäologie fanden die Erkenntnisse der forensischen Entomologie erst recht spät Eingang: Eine der frühesten Beschreibungen von Insektenresten aus einer archäologisch untersuchten Bestattung stammt aus dem Jahr 1836. Bei Ausgrabungen in Wymondham Abbey in Norfolk stieß man im Chor der Klosterkirche in einer Backsteingruft auf zwei Bleisärge. In einem der Särge fand sich die gut erhaltene, mumifizierte Leiche einer Frau, auf der der Ausgräber S. Woodwards Reste eines Käferinsektes sowie zahlreiche lebende Maden beobachtete. Anfang des 20. Jahrhunderts rückten Insekten aus archäologischen Grabfunden stärker in das Blickfeld der Wissenschaft. Während zunächst Befunde aus Ägypten im Vordergrund standen, lassen sich seit den 1930er Jahren auch einzelne Arbeiten zu europäischen Fundstellen anführen.

Meine Mitarbeiterin Tina und ich haben auch schon Nächte im größten Mumien-Keller der Welt verbracht und dort die Insekten angesehen. Nach zehn Jahren hatten wir sie alle auseinander gepuzzelt und bestimmt und konnten zeigen, was sich im Laufe der Jahrhunderte im Keller wie zersetzte.

FW: Passend zum archäologischen Thema sollte hier auch die anatomische Provenienzforschung erwähnt werden. In letzter Zeit sind viele Institute und Museen bemüht, ihre Kunst- und Kulturgüter aus Übersee zu katalogisieren und gegebenenfalls an die ursprünglichen Herkunftsländer zurück zu geben. Auch anatomische Sammlungen schließen sich diesem Bestreben an. Diese Arbeit ist insofern besonders, weil es sich hierbei um menschliche Überreste handelt. Wie kann die Kriminalbiologie oder die forensische Biologie hier helfen?

MB: Ja. Durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Knochen von Tätowierungen und so weiter. Lars Krutak, ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller, beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen. Er nennt sich »Tattoo Hunter«. Eine seiner Tätigkeiten ist es, Skelette und schamanische Ritualgegenstände der alaskischen Ureinwohner, die im Smithsonian Museum in Wahington DC liegen, zurück an ihren Ursprung zu geben. Seine eigenen Tätowierungen helfen ihm dabei, nach eigener Aussage, mit der örtlichen Indigenen Bevölkerung in Kontakt zu kommen: »Meine rituellen Narbenmuster und Tätowierungen helfen mir sehr. Die Menschen vor Ort sehen sofort, dass ich – ein Mensch aus einer total anderen Kultur — durch Schmerzen und Körperveränderungen meine Transformation durchgemacht habe, genau wie viele von ihnen. Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Tätowierungen, die mit jeder auf der Erde bekannten Methode gestochen wurden: japanisch, von Hand, mit Tierzähnen, elektrisch — und oben drauf über tausend Narben. So eine Mischung hat kaum jemand.«

FW: Forum Wissenschaft betrachtet oft auch kritische Aspekte der verschiedenen wissenschaftlichen und akademischen Disziplinen. Gibt es solche kritischen Betrachtungen auch bei der Kriminalbiologie bzw. auch bei den forensischen Wissenschaften?

MB: Ja, besonders zu »Rassen«. So gab es recht lange Schädelvermessungen, auch, weil man diese gut transportieren konnte. Weichteile zersetzen sich mit der Zeit und sind daher deutlich schwerer zu untersuchen. So hat man angefangen Knochen zu vermessen. Viele Museen haben zum Beispiel geguckt, ob es Unterschiede zwischen den sogenannten Ureinwohnern oder früheren Bewohnern und den später gekommenen Europäern. Das hat man in Nordamerika wie auch in Südamerika gemacht. An Knochen kann man sehr viele Sachen ablesen bzw. spiegeln sich viele Dinge in den Knochen wider: Krankheiten, Körpergröße, welche Muskelansatzstellen wo dran sind und so weiter. Irgendwann hat man dann gemerkt, das bringt nichts außer, dass wir feststellen, dass die genetischen Wirkungen, die häufig durch zufällige Begebenheiten entstehen, stattgefunden haben. Es hat also überhaupt keinen praktischen Nutzen, wie man früher dachte, in Bezug auf irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale. Teilweise konnten durch Schädelvermessungen zwar ganz brauchbare Vaterschaftsfeststellungen machten. Doch durch modernere Verfahren wie den genetischen Fingerabdruck wurde diese Methode komplett überflüssig.

Ähnlich sieht es auch bei der Hautfarbe aus. Hautfarben sind so unbedeutend. Würde man Albinos aus den unterschiedlichsten Bereichen der Welt (Europa, Afrika, Südamerika etc.) miteinander vergleichen, könnten wahrscheinlich 90 % der Menschen diese Albinos nicht ihrer Herkunftsregion zuordnen. Wahrscheinlich wären jetzt selbst liberale Menschen geneigt zu sagen »hey, das kann man doch wohl nicht sein. Die müssen doch eine total platte Nase haben oder irgendwelche auffallenden Augen«. Nein, es gibt alle möglichen Übergänge. Und bei Hautfarben ist das genauso. Klar gibt es Mikrounterschiede.

Aber wenn du mit einem Fahrrad durch die Welt fahren oder zu Fuß gehen würdest würde dir von Tag zu Tag der Unterschied überhaupt nicht auffallen. Kurz gesagt, es spielt überhaupt keine Rolle, es hat überhaupt keine Aussage. Wie nicht weniges resultiert dies wahrscheinlich aus einer kolonialistisch geprägten Problematik.

FW: Könnte die Kriminalbiologie dazu beitragen, künftig Todesfälle zu verhindern?

MB: Ja. Das gilt auch für die Rechtsmedizin. Vor wenigen Tagen haben die beiden Präsidentinnen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der auch ich seit dreißig Jahren angehöre, und des Berufsverbandes schön geschrieben: »Rechtsmedizinische Obduktionen liefern darüber hinaus unverzichtbare Daten für die Mortalitätsstatistik und damit für Prävention und Gesundheitsplanung. Erkenntnisse aus Todesfallanalysen (z.B. zum Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizide) fließen unmittelbar in gesundheitspolitische Maßnahmen ein. Durch die rechtsmedizinische Aufarbeitung von potentiellen Behandlungsfehlervorwürfen wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und Qualitätssicherung im Gesundheitssystem geleistet. Rechtsmediziner haben durch Forschung zu den Risikofaktoren für einen Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu dessen Inzidenzrückgang aktiv beigetragen.« In meinen Fall gilt auch für Täter aller Art, auch Serientäter, mit denen ich spreche: Wenn wir verstehen, wie und warum sie die Taten durchgeführt haben, dann können wir sie gemeinsam hoffentlich künftig leichter verhindern.

FW: Gleichberechtigung und Feminismus sind Themen, welche auch in der Wissenschaft und dem akademischen Bereich immer wichtiger werden. Während gerade die Naturwissenschaften früher Männerdomänen waren und Frauen der Weg an die Hochschulen erschwert wurde, ist es heute glücklicherweise anders. Wie sieht die Geschlechterverteilung in der Forensik aus? Und wie wird diese sich in den nächsten Jahren entwickeln?

MB: Das Fach wird von Frauen schon immer bevorzugt, weltweit.

FW: Wie sieht die Altersverteilung aus? Leidet auch die Forensik unter dem demografischen Wandel? Oder kommen genug junge Akademiker nach?

MB: Es kommen genug nach, da viele Menschen durch Krimis, Filme, Serien, Podcasts und dergleichen angezogen werden. Sie bleiben aber nicht im Fach, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

FW: Wenn ich Interesse an einer Tätigkeit in der Kriminalbiologie hätte, was wäre mein Eintritt? Was müsste ich studieren? Und wo? Uni oder FH? Gibt es bestimmte Hochschulen mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich?

MB: Du kannst tatsächlich jedes technische oder naturwissenschaftliche Fach kriminalistisch einsetzen: Lacke, Handy-Daten, Insekten auf Leichen, Blutspuren, Erd-Körnchen. es gibt nichts, was nicht auch in der Kriminalistik von Nutzen sein könnte. Jedes entsprechende Studium passt also.

FW: Wo könnten sich Interessierte weiter Informieren? Und gibt es bestimmte Bücher oder andere Texte, die Sie für die die Vorstellung, dass es rein gute oder weitere Lektüre (unbedingt) empfehlen würden?

MB: Die Websites der Unis, Behörden, Firmen, Arbeitgeber:innen und so weiter sind natürlich immer gute Adressen. Wenn ihr Interesse an meinen Lebensweg habt, empfehle ich euch mein Buch Mein Leben nach dem Tod.

FW: Die Informatik wird auch in der Biologie immer wichtiger. Einige sagen, dass das Fach / Modul »Bioinformatik« mittlerweile eigentlich ein verpflichtendes Modul im Grundstudium jedes biologischen Studienganges sein sollte. Gerade die Künstliche Intelligenz ist das Stichwort der aktuellen Zeit. Welche Entwicklungsperspektiven ergeben sich innerhalb der Kriminalbiologie und der Forensik aus der Digitalisierung bzw. dem Einsatz von KI?

MB: Du kannst damit alle Massendaten untersuchen, beispielsweise Verwandtschafts-Datenbanken oder Handy-Daten.

FW: Und wo liegen die Gefahren?

MB: Dass Daten in unsozialer Weise verwendet — vor allem verknüpft — werden.

FW: Was hat Sie motiviert in die Kriminalbiologie zu gehen? Und was motiviert Sie noch heute? Ist es die akademische Forschung? Die Lehre? Oder der Beitrag beim Aufklären von Straftaten und beim Helfen, Gerechtigkeit zu bringen?

MB: Gerechtigkeit zu bringen? Gerechtigkeit gibt es nicht, das kannst du leicht messen. Urteile sind je nach Tagesform oder Ort eines Gerichtes sehr unterschiedlich. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche zudem, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass manche Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden. Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen und Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen. Die Vorstellung, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und waren oder sind. Wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht. Nur messbare Spuren helfen dann dabei, zu erkennen, ob die Stories stimmen, was wirklich wann und wo geschehen ist und wie wir darauf gründend weitere Taten verhindern können. Am liebsten sind mir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die, die eigentlich nur zählen, messen und sortieren wollen.

Anmerkungen

1) Otto Prokop (1921-2009) war ein österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner und forensischer Serologe. Ab 1956 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig.

2) Mark Benecke 2006: »Wer's glaubt, ist selig...«. in: Der Stern, online: https://www.stern.de/kultu r/tv/csi—wer-s-glaubt—ist-selig---3320558.html.

3) Mark Benecke 2014: »Tattoos für die Völkerverständigung«. In: Tätowiermagazin 5/2014: 144.

4) Mark Benecke 2018: Menschenrassen. You-Tube: Dr. Mark Benecke's Official Youtube Channel.

5) Ritz S, Germerott T. 2025. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) und den Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner (BDRM) zu den »Empfehlungen zur fachlichen Entwicklung der Medizin mit einem Fokus auf vorklinische und klinisch-theoretische Fächer« des Wissenschaftsrates vom 31.10.2025. https://www.med.uni-wuerzburg.de/fileadmin/03230000/2025/2025-11-10_Stellungnahme_VVR_Bericht_-_signed_final.pdf.

6) Mark Benecke, Hock A 2019: Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann.

Mark bei Radio Essen

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke besucht Radio Essen mitten in der Innenstadt (25. März 2026)

Saddams Koran

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7./8. März 2026, Nr. 55, Seite 56

DEM GEHEIMNIS AUF DER SPUR

Von Josef Scheppach

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Diese Abschrift des Zentralbuches des muslimischen Glaubens wurde mit dem Blut des irakischen Diktators Saddam Hussein geschrieben - so zumindest stand es im offiziellen Regierungsbulletin. Die Geschichte dieses Dokuments begann am frühen Abend des 12. Dezember 1996. Ein Porsche röhrte durch den wohlhabenden Stadtteil al-Mansour in Bagdad. Am Steuer: der damals 32-jährige Udai, Husseins ältester Sohn. Seine Verbrechen - Vergewaltigungen, Folter, Morde - hatten so großen Hass im Volk geschürt, dass ihm nun Attentäter auflauerten: 37 Schüsse wurden abgefeuert, mindestens sieben fanden ihr Ziel.

Aber Udai überlebte. Zwar steckten weiterhin zwei Kugeln in seiner Wirbelsäule. Doch wie durch ein Wunder blieb nur ein starkes Humpeln zurück. Für die Genesung seines Sohns und für sein eigenes Überleben im Ersten Golfkrieg wollte Hussein dem Allmächtigen danken - auf denkbar makabre Weise: Gottes Wort sollte mit seinem eigenen Blut niedergeschrieben werden. Für das Vorhaben wählte der Diktator Abbas Shaker al-Baghdadi aus.

„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin darüber fast blind geworden", klagte der renommierte Kalligraf später in einem TV-Interview im saudischen Fernsehen. Zwei Jahre lang schrieb er die rund 323 670 Buchstaben des Korans nie-der: jeder zwei Zentimeter hoch und ebenso breit. Auch die Ränder der Seiten verzierte er dekorativ. 27 Liter Blut sollen dem Diktator Saddam Hussein für dieses Werk abgenommen worden sein; also mehr als viermal die Menge seines gesamten Bluthaushalts.

„Eine so enorme Blutspende in so kurzer Zeit ist aller Voraussicht nach nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich", sagt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich Institut - zuständig für die Überwachung von Blutspenden. Es drohe eine Anämie (Blutarmut) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.

Ob Hussein dieses Risiko trotzdem eingegangen ist? Zumal für einen Sohn, der 1995 Husseins Halbbruder zum Krüppel geschossen und 1988 den Vorkoster und Lieblingsleibwächter seines Vaters mit einem elektrischen Messer abgeschlachtet hatte? Wie viel eigenes Blut war ihm so ein gewissenloser Sohn wert? Wie sicher kann man sein, dass sich in den Blutkonserven nicht das Blut der Opfer von Husseins zahllosen Gewalttaten be-fand? Es gibt zwar Fotos, die zeigen, wie Saddam Blut abgenommen wird, aber war das mehr als nur Propaganda?

Kaum ausgestellt, wurde das Werk von vielen Gelehrten in unterschiedlichen Ländern als unzulässig verurteilt. „Schließlich gilt Blut laut dem Koran nur so lange als halal (rein), als es im jeweiligen Kreislauf von Mensch oder Tier fließt. Wird es vergossen, gilt es als harām, also verboten oder unrein", erklärt Islamkenner Ahmad Mansour.

„Kein Muslim käme auf die Idee, die heilige Schrift absichtlich mit Blut zu beschmutzen." Mit einem Trick versuchte Saddam, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das Blut wurde an der Bagdader Universität mit einer Chemikalie versetzt, die es in eine Art von Tinte verwandeln sollte", erklärte der Kalligraf „Es wurde wohl mit EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) versetzt”, vermutet der Forensiker Mark Benecke. „Dann klumpt es nicht, und die Schrift bleibt jahrelang lesbar”.

605 lose Blutseiten im A3-Format wurden im September 2000 mit großem Pomp im Komplex der Umm-al-Ma'arik-Moschee (Mutter-aller-Schlachten-Moschee) ausgestellt: in einer meterlangen Glasvitrine in einem sechseckigen Marmorgebäude, das auf seiner Spitze ein Minarett in Form einer Scud-Rakete trägt.

Eine Besichtigung war nur besonderen Besuchern erlaubt. 2003 wurde Hussein gestürzt, wenige Monate später von US-Soldaten mit wirrem Haar und irrem Blick in einem Erdloch aufgefunden und gefangen genommen. Und der Blutkoran? Während der US-Invasion nahm Scheich Ahmed al-Samar-rai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Irak, einzelne Koranseiten mit nach Hause. „Ich wusste, dass intensiv nach dem Blutkoran gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen", erklärte er einem Reporter des Guardian.

Samarrai zufolge wurden die anderen Seiten des Blutkorans in der Moschee in einer kugelsicheren Kiste hinter drei Türen aufbewahrt. Für eine Tür habe er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte sei der Schlüssel irgendwo in Bagdad versteckt worden. Doch als 2018 ein Reporter des Guardian die Moschee aufsucht, versichert der Imam: Der Koran ist verschwunden." Über den Verbleib wisse er nichts. Später will ihn ein anderer Reporter in einem Museum gesehen haben. Aber dort ist er nicht mehr.

Dass seit Jahrzehnten über den Aufbewahrungsort dieses bizarren Relikts gerätselt wird, dürfte jenen im Irak ganz recht sein, die der Ansicht sind, dass alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt werden sollte.

Auch deutsche Muslimvertreter kritisieren das Werk. „Hussein galt als nicht religiös", erklärt Professor Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie. „Sein Werk wurde von vielen als politisch motiviert und als Verunglimpfung des Koran betrachtet."

Wo auch immer der „Saddam-Koran" verborgen sein mag - er ist ein Mahnmal des blutrünstigen Diktators und er hat ihm kein Glück gebracht. Saddams Söhne Udai und Qusai wurden im Juli 2003 in einem Feuergefecht mit amerikanischen Soldaten getötet. Im Dezember wurde Saddam selbst gefangen genommen und drei Jahre später verurteilt und hingerichtet wegen zahlloser Verbrechen, unter anderem den Massakern an Schiiten und Kurden.

Nerds, Neurodivergente und Neugierige

Quelle: Ox-Fanzine, #184 1/2026, Seiten 36 bis 40

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VON JOACHIM HILLER

Unser Erstkontakt liegt schon viele Jahre zurück, hatte damals was mit einer Verquickung unserer Interessengebiete zu tun: Der in Köln lebende Dr. Mark Benecke beschäftigt sich als Kriminalbiologie mit der Aufklärung von Todesumständen und weiß deshalb viel über das, was mit dem Gewebe von Säugetieren (was Menschen inkludiert) und wirbellosen Tieren nach deren Tod geschieht. Und ich interessiere mich dafür, was der Mensch mit nichtmenschlichen Tieren anstellt, propagiere vehement, dass diese eben nicht existieren, um vom Menschen ausgebeutet und getötet (und verspeist) zu werden. Konsequenz daraus ist die vegane Lebensweise, für die sich auch Mark Benecke entschieden hat.

Im Kontext von einem seiner Vorträge, mit denen er seit vielen Jahren landesweit jeweils hunderte Zuhörende begeistert, ging es um das, was selbsternannte „Fleischsommeliere“ in schöne Worte kleiden: Das Verwesen von Fleisch nennen sie „reifen“, wohingegen Dr. Benecke sich unter anderem damit beschäftigt, was mit menschlichen Körpern nach deren Tod geschieht, wenn diese ... reifen. Beneckes Neugier geht aber weit darüber hinaus, wie ein Blick auf seine zahlreichen Buchver-öffentlichungen verrät sowie seine enorm zahlreichen Videos und Social-Media-Posts vor einer in die Hunderttausende gehenden Schar von ... ja, Fans. Der Mann (und mit ihm seine Partnerin Ines) ist ein Popstar, und ja, Musik macht er auch, und Politik – 2025 wollte er für Die PARTEI Oberbürgermeister von Köln werden. Ende 2025 erreichte ich ihn nicht dort, sondern via Zoom in einer Bäckerei namens „Backstube“ in Tromsö, Norwegen. Worüber wir irgendwie vergessen haben zu sprechen? Über Musik! Mark besucht seit vielen Jahren schon das Leipziger Goth-Treffen WGT und macht selbst Musik. Aktuell ist unter dem Titel „Abysmal Affairs“ eine EP seiner Zusammenarbeit mit Bianca Stücker erschienen, dunkler Electro-Goth-Folk.

Mark, was führt euch im Winter nach Tromsö? Polarlichter gucken, wie alle anderen auch?

Unter anderem. Und wir wollen uns die Temperatur- und Umweltbedingungen mal anschauen, die hier herrschen, nachdem jetzt alles auftaut.

Eine Frage, die ich mir gestellt habe, nachdem ich deine Social-Media-Kanäle durchgegangen bin: Was interessiert dich explizit nicht?

Fragen wir mal meine Frau ... Mythologie, Religionen und so was, sagt sie. Ja, ich bin Dudeist und das reicht mir auch. Mein Bedarf an Mythologie und Religion ist damit abgedeckt. Und an Schlagermusik bin ich sehr begrenzt interessiert, obwohl ich backstage bei Talkshows schon sehr nette Menschen getroffen habe, die Schlager singen. Oder Fernsehköche. Ich gucke ja nie Fernsehen, ich habe noch nie ferngesehen. Es ist aber trotzdem interessant, mal mit den echten Menschen zu reden, also nicht mit dem, was sie da präsentieren oder deren öffentliche Figuren. Neulich war ich mit Howard Carpendale in einer Sendung, das war super-interessant.

Auch wenn mich der Content nicht interessiert, ist es so, dass die Menschen interessant sind. Und wovon würdest du spontan sagen, darüber weiß ich nichts, davon habe ich überhaupt keine Ahnung?

Zauberwürfel lösen. Ich habe für Ines einen eigenen Kanal eingerichtet, wo wir vorstellen, was sie für neue Zauberwürfel hat und wie sie diese teilweise monatelang löst. Das wäre dann der Satz, den du von mir auch in diesen Videos hörst: „Davon habe ich keine Ahnung. Die Ines erklärt euch das jetzt mal.“ Und ich habe keine Ahnung von allem, was mehr als vier Dimensionen hat. Ines will immer darüber reden, wie das ist bei der Stringtheorie und Raum-Quanten, aber ab der vierten Dimension bin ich raus, echt.

Zu gefühlt allem anderen weißt du aber irgendwas und kannst Fragen dazu beantworten.

Geht so. Ich habe zumindest den Willen, es so nachzuprüfen, dass ich eine originale Studie dazu finde und diese dann in einfachen Worten erkläre. Ich habe das ja 25 Jahre lang ohne Pause für radioeins gemacht, daraus wurde dann ein Podcast. Da habe ich das gelernt, denn damals gab es ja noch diese psychologischen Studien, die hauptsächlich mit Psychologie-Studierenden, mit hellhäutigen Frauen in den USA im Alter zwischen 18 und 23 oder so gemacht wurden. So was habe ich mir angeschaut daraufhin, ob die Studie gut oder nicht gut ist.

Ich bin auch Referee für viele rechtsmedizinisch-kriminalbiologische Zeitschriften, wo ich beurteilen muss, was die da noch verbessern könnten. Da bin ich super nett, weil ich sage, die allerkleinste Maschineneinstellung, die ihr da in irgendeinem Gerät vorgenommen habt, dazu will ich jetzt mal nichts zu sagen, vielleicht habt ihr ja eure Gründe dafür. Aber guckt mal hier, eure Abbildung, da kann ich den Text nicht richtig lesen. Da bekomme ich manchmal Feedback, ich solle ein bisschen strenger sein, doch mir geht es eher darum zu verstehen, was die Leute da gemacht haben. Deswegen würde ich nicht sagen, ich habe Ahnung davon, sondern ich versuche einfach nur zu begreifen, was sie gemacht haben. Ein aktuelles Beispiel: Der Gesundheitsminister der USA hat gesagt, die größte Studie, die jemals zu Impfnebenwirkungen durchgeführt wurde und mit der in Dänemark gezeigt wurde, dass Aluminium in Impfstoffen nichts mit Autismus und anderen Erkrankungen zu tun haben kann, die entspräche nicht dem „Goldstandard“. Und dann habe ich gedacht, komisch, wieso sagt er das? Klar, er lügt natürlich, aber vielleicht steckt ja irgendwas dahinter. Und dann habe ich nachgeschaut und es ist tatsächlich so, es gibt keine echte Vergleichsgruppe im Sinne einer randomisierten, verblindeten Studie, wo man gesagt hat, manche erhalten den Impfstoff, manche nicht. Dann habe ich noch weiter in die Originalveröffentlichung geschaut, weil ich mir gedacht habe, das Verblinden ist manchmal schwierig bei Impfstoffen. Du willst ja bei Kindern nicht sagen, du kriegst Polio, du kriegst kein Polio. Die echte Lüge ist aber: Es waren verschiedene Mengen Aluminium in diesen Impfstoffen über die lange Zeit, die das verfolgt wurde. Das heißt, es gibt sehr wohl Vergleichs- und Kontrollgruppen. Zu sagen, das ist kein Goldstandard, stimmt überhaupt nicht. Ich will nicht sagen, dass ich mega viel Ahnung davon habe, aber ich habe genug Ahnung, um es zu lesen, zu begreifen und mit einfachen Worten für Achtjährige zu erklären.

Du schaust dir Studien an, vergleichst Studien. Bis vor drei Jahren war jemand wie du das Superbrain, da brauchte es menschliche Intelligenz. Nun gibt es genau für solche Dinge künstliche Intelligenz. Wo vorher Typen wie du gefühlt alles im Blick haben konnten, setzt man nun auf KI – kann die es besser?

Ich komme gerade von einer Fachtagung in Köln, wo wir genau darüber geredet haben, wie wir das gutachterlich vor Gericht machen. Da war ein Richter, ein Rechtsanwalt und ein KI-Programmierer. Und die haben alle was dazu gesagt, natürlich mit verschiedenen Wertungen. Es ging darum, wie wir als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige eine Materialprüfung oder in meinem Fall einen super komplizierten Kriminalfall angehen, mit allen möglichen Einflüssen wie Luftfeuchte, Drogen, ob das Schloss nach links oder nach rechts aufgeht, was für ein Material der Kissenbezug hat – super viele Einflüsse. Und alle kamen, ohne sich abzusprechen, zum selben Ergebnis: Das Problem ist, dass ausnahmslos jede KI so programmiert ist, dass sie im Zweifel halluziniert.

Und erst seit kurzem kann zumindest ChatGPT, wenn man das zu KI zählen möchte, überhaupt erst sagen, dass es etwas nicht weiß, wenn man entsprechend promptet. „Sage bitte dazu, wenn du es nicht weißt, und halluziniere nicht.“ Nur hast du damit eigentlich nichts gewonnen, meiner Meinung nach. Denn da kann ich es ja gleich selber machen. Das zweite Problem ist, dass die Quellen, die eine KI sucht, derzeit noch völlig zufällig sind.

Das sehe ich bei meiner Arbeit als Referee für Wissenschaftsveröffentlichungen. Die Jüngeren unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fangen jetzt an, KI-generierte Arbeiten einzureichen, meistens Übersichtsarbeiten. Also so was in der Art wie „20 Jahre Ox-Magazin. Suche mir alle Highlights raus und gib mir immer die Quellen dazu.“ Und was da dann kommt, ist erstaunlich zufällig. Und es ist im Moment noch sehr stark US-lastig, da die KIs hauptsächlich USA-Quellen besuchen. Was etwa bei Rechtsfragen wegen des grundsätzlich anderen deutschen Rechtssystems Quatsch ist. Das war ein riesiges Nerd-Meeting, und die Erkenntnis war, man könnte KI benutzen zur Herstellung von Vorschaubildern für Internet-Seiten, aber nicht für unsere Gutachten. Und du kannst mit der KI versuchen herauszufinden, was diese spezielle KI für Quellen heranziehen würde, und so einen ersten Eindruck dazu gewinnen. Das ist so, als ob du mit Leuten redest, so wie du jetzt gerade ein Interview mit mir machst: einfach mal Eindrücke sammeln. Das ist aber nur ein winziger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Ach ja, und zur Textverbesserung kann man KI nehmen, wenn Leute nicht gut schreiben können – in diesem Nerd-Bereich gibt es viele Leute mit Schreibschwäche. Und das war’s! Ich war darüber wirklich total erstaunt.

Worin besteht die Problematik?

Wenn du als Sachverständiger arbeiten willst, sieht das Gesetz vor, dass du alle „Hilfskräfte“ angeben musst und du musst verstehen und kontrolliert haben, was die Hilfskräfte machen. Das ist bei KI nicht vorstellbar. Deswegen setzen wir zum Beispiel im Labor überhaupt keine KI ein. Für mich ist das komplette Zeitverschwendung. Ob KI etwas bringt, hängt sehr von dem Fachgebiet ab, in dem du arbeitest. Du machst ja immer diese super langen Interviews mit Musikern und Musikerinnen. Ich glaube, dass das im Grunde genommen auch eine Sachverständigentätigkeit ist. Und wenn du daran mit KI arbeiten würdest, bekommt die KI dieses feine, polarlichtartig Wabernde nicht hin. Erstens haben die derzeitigen KIs Programmierfehler mit der genannten Folge der Halluzination. Das zweite Problem ist, dass du ja noch keine richtig autonome KI hast. ChatGPT ist gerade mal Stufe 3 oder 4 von 10 der Selbständigkeit. Und die nächste große Frage ist: Wer möchte die KI für was benutzen? Die meisten geldbringenden KIs werden auf bestimmte Ziele besonders stark trainiert sein, die sind aber für dich und deine Leser und Leserinnen vermutlich relativ bedeutungslos. Und ein weiteres Thema ist diese Chip-Firma Nvidia, wo auch auf dem Aktienmarkt entschieden wird, wer kriegt die Chips für welche KI, wer braucht die Chips, wer stellt die Energie her, wer verbraucht die Energie.

Am Ende wird es eine marktwirtschaftliche Frage sein, welche Schwerpunkte und Quellen man mit KI sinnvoll auswerten möchte und kann. In meinem Sachverständigenbereich sieht es nicht so aus, als ob man KI für die eigentliche Prüfung von Quellen und das Zusammenstellen der Informationen zu Tatorten in den nächsten fünf Jahren verwenden kann.

Du hast gerade ein gutes Stichwort verwendet: Tatort. Gerade lief ein „Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller. Und da gab es im Labor einen „Dr. Made“ – es ging um Fliegenlarven an einer Leiche im Sommer und die Bestimmung des Todeszeitpunkts dadurch. Das ist der Punkt, über den wir uns mal kennengelernt haben, als du noch in den Medien als „Dr. Made“ herumgereicht wurdest. Und direkt danach, im zweiten Sonntagabendkrimi, ging es um eine Kriminalbotanikerin und darum, wie Brombeersträucher wachsen und wie man darüber ermittelt, wann die Leiche abgelegt wurde. Direkt nacheinander deine Hausthemen.

Der Dr. Made, das ist schon Ende der 1990er entstanden. Das kam vom Focus, das war damals noch eine viel gelesene Zeitschrift. Die haben das erfunden, glaube ich. Oder vielleicht sogar die Bild oder der Express hier aus Köln. Diesen Titel „Dr. Made“ gibt es irgendwie schon immer, seit ich in dem Beruf arbeite. In den 1990ern hat sich das in die Krimis eingearbeitet, weil das halt mal was anderes war. Und von da aus hat sich das ein bisschen verselbstständigt. Ich sammle die gedruckten Artikel dazu und es ist lustig, wie es neuerdings manchmal zu „Dr. Tod“ wechselt, dann aber doch wieder weniger gruselig „Dr. Made“ wird.

Das Thema mit Insekten in dem Bereich kam wohl mit dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ in die Popkultur. Plötzlich haben Menschen ein Thema wahrgenommen, das vorher wirklich nur Nerds in dem Bereich und Wissenschaftler wahrgenommen hatten.

Thomas Harris hat das mit seiner Romanvorlage sehr gut gemacht, denn er hat das nicht über Labortechnik oder eine rechnerische Technik umgesetzt. Er hat die Insekten als klassische kriminalistische Spur angelegt: Der Täter benutzt die Tiere, was eine sehr tiefe symbolische Aufladung hat, weil auch er eine körperliche Umwandlung durchführen möchte. Dass er dann diese Tiere benutzt und in die Opfer reinsteckt, das ist eine normale Spur, das könnte auch Konfetti sein. Dass auf dem Poster die Motte so groß zu sehen war und niemand die Szene vergessen hat, wo die so rum"iegen, trug zur Wahrnehmung bei. Der Film ist wirklich sehr gut gemacht, auch aus heutiger Sicht. Ebenfalls für die Wahrnehmung des Themas wichtig war die Serie „CSI“, Crime Scene Investigation. Da gab es mehrere, Las Vegas, Miami, New York oder so. Die Serie hat das Thema komplett in die Alltagswahrnehmung reingespült. Heute ist das so profaniert von den Krimiautor:innen, das ist nur noch Quatsch gewesen und weiter geworden, das ist bestenfalls eine Ausschmückung, aber ohne die schöne Aufladung, die Thomas Harris vorgenommen hat. Also dieses elegante, tiefe, gruselige, man kann schon fast sagen Edgar Allen Poe-artige, das fehlt derzeit.

Das ist aber im Kern immer noch deine berufliche Haupttätigkeit, oder? Die natürlich heutzutage hinter sehr vielen anderen Dingen, die man von dir sieht, beinahe in den Hintergrund gerückt ist.

Unsere Hauptaufgabe im Labor sind Complex Cases. In den letzten Tagen war ich mit einem Fall beschäftigt, wo eine Person in einer scheinbar geschlossenen Wohnung zu Tode kam. Darin ist Blut von der Person und die Angehörigen glauben nicht, dass das ein Unfall war. Sie glauben nicht, dass die Person da alleine drin gewesen ist, sondern dass da was anderes passiert ist. Das ist ein typischer Fall, der ist nicht super komplex im eigentlichen Sinne eines Complex Case, aber man muss immer aufpassen, weil die Informationen oft extrem gefiltert sind: Die Rechtsmedizin sagt in dem Fall, es gibt keinen Hinweis auf Einwirkung von außen. Die Person hat aber Platzwunden. Jetzt lautet die Frage: Was wurden die Leute aus der Rechtsmedizin überhaupt gefragt? Die Polizei sagt: Der Raum war verschlossen. Ein klassisches kriminalistisches Problem: Haben sie das überhaupt geprüft? Du kannst viele Doppelschlösser in Deutschland, obwohl sie von innen abgeschlossen sind, trotzdem von außen aufschließen. Das sind die alten Doppelzylinderschlösser. Es hängt auch manchmal davon ab, wie der Schlüssel steht, ob der hoch steht oder zur Seite steht, solche Schlösser gibt es auch. Wurde das überhaupt geprüft? Ob der Nachbar schon drin war oder der Hausmeister, die Hausmeisterin oder irgendjemand, das weiß man ja bei solchen „Unfällen“ alles nicht, weil es niemand offiziell aufschreibt. Und dann kommt noch die Frage, wem hat die Person vielleicht einfach die Tür aufgemacht? In solchen Fällen geht es wirklich um jede Blutspur. Wenn du mehrere Blutspuren findest, die überhaupt nicht mit dem zusammenpassen, was die anderen sagen, dann muss man mit den Angehörigen auch mal ein Gespräch führen.

Und was sagen die?

Die Angehörigen sagen immer, das war ein guter Junge, der würde nicht unter Substanzeinfluss ausrutschen und sich den Kopf einschlagen, der würde sich nicht töten. Wir sagen: Die Spuren stehen tatsächlich nicht im Einklang mit dem, was sie bisher gehört haben von den zuständigen Stellen. Aber was da passiert ist, können wir auch noch nicht sagen. Wir bitten sie, Zusatzinformationen von den Behörden zu bekommen. Und so entfaltet sich das nach und nach. Wenn in anderen Fällen noch Aussagen von Angeklagten oder Verdächtigem hinzukommen, dann blüht so ein Fall fast schon fraktal auf in alle Richtungen. Je mehr Spuren wir kriegen, umso interessanter wird es. Und unsere Aufgabe ist dann, grundannahmenfrei den Fall immer weiter rein spurenkundlich zu bearbeiten, egal wie deutlich irgendwas scheinbar wird. Wir sind leider die Einzigen, die das machen, als öffentlich bestelltes, vereidigtes Labor, weil das sonst keiner machen möchte. Und oft stellt sich heraus, es gibt doch einen Schurken hier in diesem immer größer werdenden Geflecht aus Personen, Nachbarn, Spuren, Ereignissen und Motiven. Wir müssen dann oft sagen, ja, okay, aber egal: Nur weil die Nachbarn sich zu Tode gehasst haben, heißt das nicht, dass das nur das Geringste mit den Ereignissen zu tun hat. Also kümmern wir uns besser nur um die Spuren, und das ist der Hauptjob, den wir seit fast zehn Jahren nur noch machen.

Es können aber auch mal wesentlich grimmigere Fälle sein als „nur“ eine tote Person im “geschlossenen“ Raum. Zum Beispiel hatte ich Enthauptungsfälle, wo eine bestimmte Gruppe vor laufender Kamera Leute geköpft hat. Da war es sehr anstrengend, annahmenfrei zu bleiben, weil sozusagen alle auf dich einbrüllen und dir sagen, was da angeblich passiert ist. Und dann sagt man, ja, okay, ihr könnt auch leise und ruhig sprechen, wir gucken uns die Spuren so oder so an.

Hat es dich nie gereizt, war das nie ein Thema für dich, das, was du machst, in dem klassischen, institutionellen Rahmen zu machen? Sprich: bei der Kriminalpolizei, weil die macht ja typischerweise das, was du machst.

Also zum Glück hat das nicht geklappt. Ich habe mich damals von New York aus, wo ich früher gearbeitet habe, beim Bundeskriminalamt beworben. Ich kannte den Leiter der entsprechenden Abteilung. Die haben die Stelle aber dann verklüngelt. Das war insofern gut, weil die ihre Arbeit sehr stark auf Erbgut umgestellt haben – wäre ich da gelandet, wäre ich jetzt ein reiner Erbgutsachbearbeiter.

Dann habe ich bei der Kölner Kriminalpolizei gefragt. Es war auch gut, dass das nicht geklappt hat. Die haben gesagt, du bist leider promoviert und hast schon in New York in der Rechtsmedizin einer städtischen Behörde gearbeitet. Deine Besoldungsgruppe dürfen wir nicht vergeben für den Job, den du kriegen würdest, das ist nach irgendeinem Beamtenrecht verboten. Man darf nicht mit einer höheren Qualifikation in einen niederqualifizierten Job gehen, weil dann die Niederqualifizierten keinen Job mehr kriegen. Und dass das nicht geklappt hat, war auch deswegen gut, weil die polizeilichen Kolleginnen und Kollegen immer mehr Regulierung bekommen haben, so dass die spurenkundliche Abteilung, wo ich hinwollte, überhaupt keine komplizierten Fälle mehr bearbeitet so wie ich heute. Ich hatte auch mal bei zwei Instituten für Rechtsmedizin angefragt, aber auch da muss ich sagen, bin ich ganz froh, weil die ebenfalls sehr stark in die Erbgutroutine reingekommen sind, weil es so eine Schwemme von Erbgutuntersuchungsanfragen gab.

Deshalb bin ich wirklich dankbar, dass ich diesen Weg genommen habe, denn wie gesagt, in Deutschland ist unser Labor das einzige dieser Art. Es ist die einzige Möglichkeit, diese schwierigen, sehr verästelten Fälle zu bearbeiten. Das wäre mir in allen genannten Dienststellen verboten worden.

Als ich zum Beispiel Insekten gezüchtet habe in Köln in der Rechtsmedizin und in New York, da wurden mir die weggeworfen. Da ist wirklich jemand hingegangen und hat gesagt, jetzt reicht’s, hat sie genommen und weggeworfen. Ich habe das zweimal erlebt, und in einem Institut mit Leuten, die mehr zu sagen haben als man selbst, kann natürlich so eine Anordnung getroffen werden. Aber da habe ich natürlich überhaupt keinen Bock drauf. Ich möchte, dass mir gar keiner irgendwas sagt.

Ich glaube, in der Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich. Eine recht anarchistische Attitüde.

Das ist eine Eigenschaft von allen Nerds, also auch von den Sachverständigen-Nerds. Ich würde das gar nicht mal anarchistisch nennen. Bei dieser Sachverständigen-Tagung, wo ich wie beschrieben gerade war, habe ich festgestellt, dass die meisten eigentlich eher „eingenischt“ und angepasst sind. Sie wollen hauptsächlich ihre Ruhe haben. Sie würden sich auch gar wie wir jetzt hier durch einen frechen Spruch ungewollt ins Licht stellen. Sie setzen eher auf Rückzug ins rein Fachliche, das finde ich ganz interessant. Ich habe im Laufe meines Lebens gesehen, dass die kauzigen, spezialisierten, nerdigen Menschen einerseits ihre Ruhe haben wollen und sich andererseits nichts sagen lassen – auch die unauffälligen, eingenischten.

Der Begriff Nerd ist popkulturell in den 1990ern aus den USA zu uns geschwappt. Du benutzt den und siehst den für dich als positiv besetzt an.

Ja. Ich fasse darunter alles zusammen, was ich so mache. Ich mache viel im Bereich von neurodivergenten Leuten, da haben wir beispielsweise die größte Studie, die es jemals weltweit gab, mit Schulkindern gemacht. Es ging darum, wie man die Kids so unterstützen kann, dass sie nicht die Lust an der Schule verlieren. Und jetzt machen wir gerade die größte Studie für Kindergartenkinder, die weltweit je gemacht wurde. Mit „wir“ meine ich unseren Forschungszusammenschluss White Unicorn e.V. Das ist ein Verein, der sich mit Menschen beschäftigt, die nach der neuen Liste der Besonderheiten, die Menschen haben können, hauptsächlich mit ADHS, ADS und Autismus diagnostiziert wurden. Eigentlich ist es ein Autismusverband. Für die Schulstudie waren die Partner das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Goethe-Universität Frankfurt und die Humboldt-Universität Berlin. Für die Kindergartenstudie sind es Aktion Mensch und die Evangelische Hochschule Berlin. Ich bin technisch gesehen der Forschungsleiter von der Seite der Autisten und Autistinnen. Um auf deine Frage zurückzukommen mit den Nerds: Wir waren auf der größten erziehungswissenschaftlichen Tagung, die es gibt auf der Welt. Da haben wir unsere Ergebnisse vorgestellt und dort ist mir aufgefallen, dass immer mehr von den Forschern und Forscherinnen zu uns kamen und gesagt haben: „Wir sehen so viele Ähnlichkeiten zu dem, was ihr da rausgekriegt habt in der Studie ... vielleicht gehören wir auch dazu.“

Inwiefern?

Ich sage immer, ja, das ist kein großes Wunder. Weil Forschen, Messen, Zählen, Sortieren ... kann sein, wenn die Merkmale für Autismus alle zutreffen. Die Forschenden in dem Bereich haben angeregt, dass Autismus und ADHS keine Ausschlussdiagnosen mehr sind – man kann beides haben. Und damit bin ich wieder zurück beim Begriff Nerd. Dadurch, dass sich da sehr viel im positiven Sinne tut, was die Feststellung der Merkmale von neurodivergenten Besonderheiten angeht, finde ich den Begriff okay. Es gab da zwischenzeitlich den Begriff „neurodivergent umbrella“, unter diesem Schirm wurde das noch mit Farben kodiert und blablabla. Da sagte ich: Leute, das können wir jetzt kompliziert machen – oder einfach. Nennen wir das einfach Nerd, dann haben wir’s. Ohne Farben, ohne Regenschirm. Und es fühlen sich alle angesprochen. Wenn der Begriff abgelehnt würde in der Neurodivergenten-Community, würde ich ihn natürlich nicht verwenden.

Und du schließt dich in diese Beschreibung mit ein, bist also ein Nerd?

Die anderen schließen mich ein. Ich ordne mich nicht ein. Mir ist es egal, wer ich bin. Ich habe mir noch nie in meinem Leben Gedanken darüber gemacht, wer bin ich, was will ich. Ist mir alles total egal. Das mit dem Nerdling an mit dem Verband für hoch- und höchstbegabte Kinder, wo ich manchmal bei Summer Schools für Kids mitmache. Die sind angekommen und dann habe ich gesagt, ich glaube, ich kann euch nichts beibringen, ich bin ein bisschen hohl und so. Und dann haben die gesagt, ist egal, mach einfach mal. Und das funktionierte auch. Und dann kamen die Menschen von Mensa e.V. an, und dann kamen die Autisten und da habe ich mir gedacht, irgendwie wird das schon passen, wie ich mich fühle. Also wenn die anderen die Diagnosen haben oder das getestet haben, wenn die alle sagen, passt schon, ja gut, dann spiele ich gerne bei euch mit. Wenn wir das dann Nerds nennen oder Spezialisten oder Experten – egal. Eine bessere Beschreibung wäre vielleicht „Menschen, die sich sehr stark in etwas vertiefen und dann vieles andere ausblenden, besonders soziale Dinge“. Auf so ein Verhalten treffe ich übrigens auch oft bei Musikern, nur hat das lange gedauert, bis ich das geschnallt habe, warum das so ist, dass sie sich so perfekt in ihr Instrument reinfuchsen, schon in jüngsten Jahren.

Ich dachte immer, das wäre so ein Gegensatz, aber ganz im Gegenteil. Genau wie Maler und Malerinnen, die Farben sehr gut wahrnehmen können, die sehr expressionistisch sind und so weiter. Und natürlich auch die ganzen Schaltplattensammler:innen und sonstigen Spezialistinnen und Spezialisten. Die gehören alle dazu.

Du hast dich 2025 in eine noch ganz andere Sache vertieft, die dann leider nicht hingehauen hat. Hätte es geklappt mit deiner Wahl, wärst du der erste vegane Oberbürgermeister von Köln geworden für Die PARTEI.

Das wird schon noch. Es gab da so ein Stillhalteabkommen, aber das habe ich erst hinterher erfahren. Wegen einer bestimmten politischen Partei, die alle anderen nicht mochten, gab es ein Abkommen, dass sich deswegen die anderen Parteien alle nicht gegenseitig dissen. Wusste ich nicht. Ich dachte nur, ach, das ist aber alles freundlich dieses Mal. Warum sind die eigentlich alle so nett? Da gibt es großartige Videos, wo ich wirklich die irrsten und vollkommen bizarre Forderungen stelle.

Und der jetzige Bürgermeister, der sitzt zehn Minuten lang neben mir und nickt. Und ich dachte mir, was ist denn hier los? Irgendwas stimmt hier nicht. Also das war wirklich super geil. Der Vorteil war, dass dadurch, dass alle jetzt so super brav waren und wir sehr, sehr viele Kandidaten und Kandidatinnen hatten, die ganz kleinen Verbände und Organisationen Gehör gefunden haben für ihre Anliegen.

Zum Beispiel Empowerment für Mädchen oder so was. Dadurch haben alle Kandidat:innen tatsächlich diese ganzen kleinen Termine wahrgenommen. Das hat zwar für das Vegane nicht gereicht, aber es hat zumindest dafür gereicht, dass keiner von denen auch nur eine einzige dumme oder peinliche Anmerkung zu diesen sozialen Themen gemacht hat. Das war wirklich, wirklich angenehm. Alle haben sich von ihrer besten Seite gezeigt. Bei einer Organisation ging es darum, wie es Kindern geht, wenn sie in schlechten häuslichen Bedingungen leben, aber nicht aus der Familie rausgenommen werden. Da haben die Kinder zu Politiker:innen gesagt, jetzt erzählt ihr doch mal, was schlimm bei euch in der Kindheit war. Und ich dachte schon, da kommt irgendeine schleimige Scheiße, irgendein Märchen. Aber weit gefehlt: Jede einzelne Person, die da saß, hat wirklich eine krasse, glaubwürdige, nicht klebrige, harte Aktion erzählt, die ihr widerfahren ist. Das war bemerkenswert.

Wärst du OB geworden, hättest du in einer illustren Tradition gestanden.

Ja, man sollte nicht vergessen, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wurde später Bundeskanzler und der erfand ...

... die Soja-Wurst!

Genau.

Nun, du wärst ein würdiger Nachfolger geworden.

Es gibt ein paar Sachen, die echt vorbildlich an ihm sind. Aber klar, der war natürlich ein erzkonservativer Katholik. Zwei interessante Sätze hat der Adenauer gesagt: Auf die Frage eines TV-Journalisten hat er nur eine ganz kurze Antwort gegeben. „Es hätte auch eine einsame Entscheidung sein dürfen.“ Da steckt sehr viel in einem Satz drin. Er hat damit gesagt, die Ziele, für die ich stehe, würde ich auch alleine vertreten. Das ist aus heutiger Sicht sehr merkwürdig, aber aus damaliger Sicht interessant. Nach dem Krieg musste er alles in engster Abstimmung mit den US-Amerikanern machen. Und dann zu sagen, ja, diese Entscheidung hätte ich auch einsam getroffen, das fand ich interessant. Der zweite bemerkenswerte Satz fiel in dem Zusammenhang, dass damals noch viele Nazis in der Regierung und den hohen Ämtern wären. Da hat er im rheinischem Dialekt gesagt, dass, wenn man nur schmutziges Wasser hat zum Putzen, dann muss man halt mit diesem putzen. Klar, das ist aus heutiger Sicht sehr schwer verständlich. Diese Oberbürgermeister aus Köln, das sind interessante Figuren. Kurz vor der Wahl wurde ich eingeladen zu einem Treffen bei der Oberbürgermeisterin, das war eine Ehrung für Menschen mit bürgerschaftlichem Engagement. Da war auch ein ehemaliger Bürgermeister dabei, und ich fand es interessant, die mal so „in freier Wildbahn“ zu beobachten, also wenn sie sich in Sicherheit fühlen. Das sind korrekte Leute. Da habe ich wieder mal erlebt, dass man an Stellen, wo man es gar nicht meinen würde, korrekte Leute erlebt, das ist so ähnlich wie bei den Schlagersängern, was ich vorhin erzählt habe.

Nach außen hin sind der Content und das Auftreten für mich uninteressant, dazu habe ich keine Meinung. Aber wenn du sie dann in so einer gesicherten, geschützten Umgebung triffst, dann sind sie total korrekt und auf ihre Art auch weise, das ist crazy. Klar, sie machen den ganzen Tag Erfahrungen, die wir nicht machen. So gesehen kann ich das mit dieser Bürgermeisterkandidatur jedem nur empfehlen. Besonders, weil sie sich neuerdings auch mega schämen, wenn es mal wieder nichts Veganes gibt. Ich habe natürlich bei jeder Veranstaltung – das hab ich ja von dir gelernt – gefragt: „Gibt’s auch was Veganes?“ Und dann gab es natürlich nicht ein einziges Mal was Veganes.

Reden wir mal über soziale Medien. Bei allem, was du da machst, wirkst du immer sehr positiv. Nun sind da draußen aber auch eine Menge Hater unterwegs, und für jedes Statement zu vegan bekommt man es mit söderisch-pathologischen Wurstfressern zu tun. Wie gehst du damit um, dass wahrscheinlich immer wieder ordentlich an dich rangekoffert wird?

Also wenn das einen Inhalt hat, wie zum Beispiel bei dieser vorhin erwähnten dänischen Studie mit dem Aluminium, höre ich den Leuten durchaus zu. Wenn das was Widerlegtes ist, sage ich, zeig mir doch mal bitte die Studie, auf die du dich da beziehst – aber die gibt es dann meistens nicht. Der Klassiker ist: „Wir leben gerade am Ende einer Eiszeit und deswegen wird alles immer wärmer auf der Erde.“ Dann sage ich: „Kannst du mir mal deine Studie zeigen?“ Denn in dem Moment, wo sie sich die Studie anschauen, sehen die selber, was da steht. Da muss man gar nicht streiten. Und wenn sie es nicht nachschauen, weil es sie nicht interessiert, brauche ich auch nicht zu diskutieren. Die erste und unterste Stufe ist immer: „Zeig mir mal die Studie.“ Da kommt dann in der Regel nichts mehr, nur ganz selten schicken sie mal was zurück. Die nächste Stufe ist dann eigentlich schon blockieren. Sobald auch nur eine Beleidigung drin ist, blockiere ich die sofort. Im persönlichen Gespräch auch: „Ich verstehe, was du sagst: Ich bin hässlich und dumm, kein Problem, aber das Thema der Veranstaltung war doch was anderes, oder?“ Ich hatte mal eine Fernsehsendung, da ist das Ganze regelrecht explodiert, so dass ich sozusagen in den tierschützerischen Bereich gedrängt wurde. Da saß ein sehr bekannter Fernsehmoderator neben mir in der Talkshow, und er hat gesagt, ich lasse mir das und das Essen nicht wegnehmen. Damals war es die Bratwurst, heute wäre es das Schnitzel. Und dann habe ich gesagt: „Da brauche ich jetzt gar nicht darauf zu antworten, weil die nimmt Ihnen keiner weg.“ Oft kann man so was also ganz niederschwellig lösen. Die Fleischliebhaber haben sich in der Sendung selbst bloßgestellt.

Und bei Social Media?

Schon seit langem ist es häufig so, dass Leute was inhaltlich Interessantes aufbringen, was sie tatsächlich nicht so leicht selber prüfen können. Zum Beispiel wenn es um riesige Datenmengen geht, die recht neu erhoben worden sind. Aktuell ist das Methan hier oben in der Arktis, wo ich gerade bin, ein Thema. Da könnte es zu schlagartiger Methanfreisetzung kommen, was die meisten Leute aber nur von Permafrostböden kennen, und dann wird behauptet, das beweise aber das und das. Ich sage dann, wir schauen uns die neuen Messungen jetzt mal ganz genau und in Ruhe an, und dann sehen wir, was da wirklich los ist. Danach können wir über den Rest reden, nämlich was du meinst, was das bedeutet. Und das war’s dann meist eigentlich schon.

Welche Medien nutzt du?

Ich hatte bis vor kurzem noch die Washington Post abonniert, aber die ist mir zu doppelzüngig. Sie gehört Jeff Bezos, aber gleichzeitig möchte sie liberal sein. Das ist ganz interessant. Ohne Quatsch: Ich nutze kein einziges klassisches Informationsmedium. Radio und Fernsehen hatte ich noch nie, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin. Und im Internet funktioniert das auch gut: Ich sehe einfach, was es mir so reinspült bei Insta und Facebook oder so, meist sind es Beiträge über Pilze oder Tauben oder Züge. Twitter hatte ich nie. Deswegen habe ich eine super angenehme Umgebung. Manchmal schreiben mir Leute auch E-Mails, weil sie wissen, dass ich nur auf E-Mails antworte. Wenn ich merke, dass eine Person rumhaten will, nur um zu haten, dann schicke ich ihr kommentarlos ein Danke. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Leute, die geifernden Hass ausgegossen haben per E-Mail, einfach so, dass die, wenn ich denen dann zurückschreibe „Okay, habe ich gelesen, danke, Mark“, dass die tatsächlich wieder ankommen. Weil sie den Eindruck haben, dass ich der Einzige bin, der ihnen überhaupt antwortet. Auf diese Weise habe ich schon viele interessante Infos erhalten, weil diese Leute mir von einer Seite her berichten, die ich normalerweise überhaupt nicht erlebe. Ganz aktuell kam da diese UFO-Ablenkungssache aus den USA. Das habe ich von den Leuten „auf der anderen Straßenseite“, wie man sie früher immer genannt hat, sofort erfahren und konnte direkt schauen, was da schon wieder los ist.

Ich habe den großen Vorteil gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen, die sich daran aufreiben und beleidigt sind und traurig und sich rumärgern und Kommentare schreiben, dass ich denen oft in der Zeit ein bisschen voraus bin und schon weiß, was als Nächstes kommt. Ich bin durch die teils irren E-Mails schon drauf eingestellt, das ist auch ganz angenehm.

Wieso nutzt du immer noch Social Media? Viele Leuten sind schon raus, weil sie sagen, ich ertrag’s nicht mehr, es macht mich fertig. Du bespielst das mit einem stoischen, freudigen Eifer, möchte man beinahe sagen.

Das hast du perfekt formuliert. Ich habe Facebook, Insta, TikTok, sonst nichts, und bin immer spät reingegangen – also wenn irgendwer gesagt hat, Mark, du musst das machen, du kannst nicht wie ein Opa leben. Ich liefere zu 100% nur, was ich will. Ich lösche sofort alle Kooperationsanfragen von Firmen, die manchmal auch sehr clever sind. Es gibt Firmen, die überhaupt nichts mit Verbrechensaufklärung oder sozialen Belangen zu tun haben, und die machen dann solche Outreach-Programme und suchen sich irgendwas, das sehr sozial wirkt. Da sind Kriminalfälle und die Lösung von Kriminalfällen natürlich nicht schlecht. Denen erkläre ich dann: „Ich weiß nicht, wer du genau bist, ich weiß nicht, aus welcher Abteilung du bist, ich weiß nicht, warum du fragst, aber ich will es dir kurz erklären. Was du da machst, hat überhaupt keinen Bezug zu meiner Arbeit. Keinen einzigen. Und das brauchen wir jetzt auch nicht zu diskutieren.“ Ich nehme mal ein Beispiel, das ich erzählen kann, weil das schon etwas her ist. Das war eine Firma, die Matratzen herstellt. Da habe ich gesagt, das Problem ist, wir haben viele Sexualdelikte und Matratzen kommen da manchmal vor. Diese Leute aus der Marketingabteilung sehen das in der Regel natürlich nicht ein. Oft sind die sehr jung und haben schon diese Marketing-Schwurbelsprache drauf. Davon halte ich mich also schon mal komplett fern. Auf Social Media folgen mir über eine Million Leute – nur mir alleine, ohne Ines. Und die wissen, ich lasse mich nicht kaufen oder einspannen. Wenn das jemand behauptet: Zeige mir eine Quelle dafür.

Du reist bevorzugt per Bahn. Glaubwürdig hätte ich es gefunden, wenn du angesichts unzähliger Posts aus Zügen und Bahnhöfen für die Werbung machen würdest.

Ich muss jetzt sehr vorsichtig formulieren ... Ich hatte Kontakte zur Bahn, weil die wissen, dass ich halt dauernd was poste. Ich soll nichts darüber sagen. Ich formuliere es daher mal anders: Ich poste ja eh dauernd was dazu. Wenn dann jemand sagt, ich bin in irgendeiner Weise von der Bahn beeinflusst oder bezahlt, dann sage ich nur, zeig mir bitte mal die Postings. Die gibt es nicht. Das ist nur in deinem Kopf. So gesehen ist das mit der Bahn eigentlich ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich hätte etwas machen können, aber die Marketing-Menschen dort sind einfach zu verstrahlt. Die Menschen in den Klimaaktivist:nnengruppen, die haben halt immer irgendwas Interessantes zu berichten, aber das ist logischerweise nie bezahlt. Und die ganz extrem linken Gruppen, die sind der Meinung, ich solle stärker fordern, dass es politische Umwälzungen gibt, und nicht immer nur sagen, dass der einzelne Mensch sich p"anzlich ernähren, weniger Kleidung verbrauchen, ÖPNV benutzen soll und so weiter. Und je weiter das dann in die Mitte rückt von der Organisation her, umso mehr finden sie es wiederum suspekt mit der pflanzlichen Ernährung, zu der ich was sage. Jeder hat irgendwas, wo er sagen könnte, ich sei doch von dem und dem beeinflusst. Dann sage ich: Schau dir meine Vorträge an. Warum sagst du das? Das sagst du doch nur, weil ich etwas gesagt habe, das dir nicht gefällt, politisch oder sozial oder kulturell. Wir können gerne weitersprechen, wenn du mir eine Quelle für deine Aussage zeigst. Und noch nie, nicht ein einziges Mal, ist jemand mit einer Quelle gekommen, die irgendeine Beeinflussung zeigt. Ich glaube, das hat den Vorteil, dass sich das herumspricht: Ich poste nur, was ich will, und arbeite nie mit Geldgebern zusammen und „monetarisiere“ nie. Und dann sagen sie, okay, der ist echt ein bisschen stumpf und hohl, der ist tatsächlich nicht beeinflusst.

Du warst neulich beim Konzert von Kim Wilde. Und es war gut, sagst du.

Auch Chris de Burgh war sehr gut. Ich war beim 75. Geburtstag von Chris de Burgh und beim 65. Geburtstag von Kim Wilde. Dass ich diesen Satz mal sagen darf, auch noch im Ox-Magazin, hätte ich nicht gedacht.

Eigentlich müsstest du WDR 4-Hörer sein. Das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern.

Ja, zu meinem Schrecken war ich bei Kim Wilde das erste Mal in meinem Leben auf einem Konzert, wo WDR 4 der Kooperationspartner war. Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich war schon ganz früh bei DEPECHE MODE, MARILLION und so, sogar bei PINK FLOYD. Weil wir wussten, wie man durch den Hintereingang reinkommt, denn wir konnten uns das natürlich nicht leisten als Schüler und Studierende. Bei Chris de Burgh und Kim Wilde merkt man, die können ohne Bühne nicht leben. Die brauchen das Geld nicht. Wie sie mit dem Publikum umgehen, das ist wirklich total interessant – auch was zum Thema Nerds. Chris de Burgh ist der totale Nerd, ganz viele Sachen macht er immer gleich, das ist total auffällig. Das nervt auch die Fans, die zu jedem Konzert gehen, das sind meistens so ältere Frauen, die zumindest beim Konzert auch niemanden dabei haben. Das ist ein recht interessantes Publikum. Ich war letztes Mal bei ihm auf Platz 1, Reihe 1.

Sitzplatz bestuhlt?

Sitzplatz bestuhlt, Reihe 1, Platz 1. Da merkte man richtig, dass er stark versucht, möglichst vielen Leuten in die Augen zu schauen im Publikum und möglichst viele Reaktionen zu bekommen. Bei Kim Wilde war es so, dass sie auch sehr nah am Publikum war und ganz offen und ehrlich ihre eigene Stimmung gezeigt hat. Weil es ihr Geburtstag war, hat sie von den Fans die ganze Zeit Geschenke bekommen. Die Musik ist bei ihr ja eine Familienangelegenheit, ihr Bruder ist der Produzent und der Texter und ihre Nichte Scarlett ist auch dabei. Während des Auftritts ist sie zu jeder einzelnen Person hingegangen und hat jedes Geschenk angenommen und sich sichtlich gefreut. Wohingegen Chris de Burgh Geburtstage hasst. Da haben alle gesungen „Happy birthday to you“ und das fand er erkennbar scheiße. Ich habe von den beiden wirklich was über Auftritte gelernt. Nämlich, wenn du keinen Bock hast, lass es sein. Aber wenn du Bock hast, dann mach’s ehrlich und direkt. Ich sehe bei manchen Bands, dass die das so aus der Gewohnheit heraus machen. Die ewige Stadiontour, die nie mehr endet und so. Ich weiß nicht, ob sie da wirklich jeden Tag Bock haben. Aber bei diesen beiden „Veteranen“, da hat man wirklich gemerkt, dass sie genau das machen, was sie wollen.

Und wie ist das bei dir?

Wir müssen jetzt viel weniger Veranstaltungen machen, weil die Bahn nicht fährt, also es geht nicht mehr wie früher. Und dann habe ich mir auch überlegt, habe ich eigentlich noch Bock, so viel Zeit mit Reisen zu verbringen. Und deshalb habe ich mir gedacht, mach’s doch wie die beiden. Überleg dir, ob du Bock hast, welches Publikum das ist. Ich habe Bock und ich liebe meine Zuhörerinnen und die – wenigen – Zuhörer. Aber wir haben die Größe verringert. Kleinere Säle. Da fühle ich mich am wohlsten.

Du, oder besser ihr, also Ines und du, ihr zeigt doch sehr vieles bei Social Media, wo man sagen kann, das ist recht nah am Menschen dran. Wie kommt das?

Ich trenne das gar nicht, das habe ich noch nie gemacht. Ich kenne einige Leute, die auch im Musikbereich sehr bekannt sind und sich privat stark abschirmen. Dass wir das alles offen machen, kommt auch ein bisschen von Ines. Sie sagt: „Wahrheit ist Wahrheit, aber manches möchte ich nicht zeigen. Zum Beispiel das Umziehen am Hotelfenster: Mach die Vorhänge zu!“ Ich sage, wenn die Leute reinglotzen wollen, sollen sie das halt tun. Die haben bestimmt schon mal einen nackten Hintern gesehen. Wir besprechen das dann und unsere Grenzen sind uns auch gegenseitig sehr klar, deswegen können wir das alles persönlich und entspannt machen. Was sehr beliebt ist, erstaunlicherweise, ist das Kochen, wobei man das Ganze bei uns ja nicht wirklich kochen nennen kann. Extrem beliebt ist auch, wenn wir Fragen aus dem Netz an uns beantworten. Zum Beispiel haben wir neulich ein Autismus-Video online gestellt und da haben wir auf Fragen aus einem Autismus-Forum geantwortet, das bekam sehr viele Klicks. Instagram und TikTok funktionieren total unterschiedlich, das ist merkwürdig. Da gehen manchmal Sachen durch die Decke, die tatsächlich cool sind, dann wieder nicht. YouTube machen wir natürlich auch noch. Da ist eines der meistgeschauten Videos das, wo ich erkläre, warum es keine Menschenrassen gibt. Ein total unaufgeregtes, nebenbei gemachtes Video, ohne jeden Gedanken an eine Zielgruppe. Das hat schon über eine Million Views.

Interessanterweise sind bei Facebook die Autismus-Inhalte sehr verbreitet, weil die Autist:innen kein Interesse an diesem Glitzerblingbling von Insta und TikTok haben. Und bei Insta erreiche ich komischerweise öfter auch mal Leute mit den Umweltthemen. Privat und öffentlich habe ich aber wie gesagt nie getrennt. Wovon aber, glaube ich, andere Lieferant:innen von Inhalten aufgefressen werden, die zu private Sachen zeigen, weil die viele Klicks bringen, ist, wenn sie sich keine klar definierten Grenzen auferlegen. Das siehst du zum Beispiel bei den Leuten, die irgendwann nach OnlyFans gehen. Entweder versuchen sie dann die Fans zu melken, indem sie gar keinen Content liefern und immer nur versprechen, wenn du genug zahlst, kriegst du irgendwas zu sehen. Oder sie rutschen krass in Sachen rein, von denen sie laut gesagt hatten, das werden sie niemals machen. Das kann bei uns nicht passieren, weil wir gegenseitig ehrlich und immer auf unsere durchaus verschiedenen Grenzen achten.

Giftmischerei und galaktische Klänge

Quelle: Sonic Seducer, 12/2025, Seite 26 & 27

BIANCA STÜCKER & MARK BENECKE

Von Christoph Kutzer | Fotos: Chelsea B.

Auf ihrer neuen EP „Abysmal Affairs" covern die Musikwissenschaftlerin und der Forensiker die Einstürzenden Neubauten und Hank Williams. Ein erfreulicher Anlass, sich in Ruhe über kosmische Fügungen, Country und Busenwunder zu unterhalten.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Zu-sammenstellung von Songs?

Mark: Ich höre ja dauernd dieselbe Musik. Die Lieder auf unserer neuen Schallplatte—sie glitzert, kein Witz! — gehören dazu. Und weil Bianca mich immer fragt, was wir mal gemeinsam singen und verfilmen können, greife ich auf mir bekanntes Liedgut zurück.

Bianca: Richtig, richtig, ich sage immer: Lass mal was Eigenes machen, Brudi, aber nein. Vielleicht werde ich mich ja eines Tages durchsetzen! Bis es soweit ist, ist immer abwechselnd einer von uns dran mit Aussuchen.

Mark: Ich möchte nicht Biancas Brudi sein, lieber ihr schwarzer Prinz, der sie, in Sammet gekleydth, umschwärmt.

Ist die Entstehung einer EP eine spontane Sache, oder folgt ihr kosmischen Plänen?

Mark: Das ist reiner Zufall, nämlich wann und wenn es zwischen unseren vielen kleinen Vorhaben passt. Die sind teils Jahre im Voraus geplant. Ich habe vor einigen Monaten schon das kommende Video mit einer Freundin aus London in Berlin „angedreht", aber es erscheint erst in ein bis zwei Jahren.

Bianca: Insgesamt würde ich schon behaupten, dass wir kosmischen Plänen folgen. Doch kosmische Pläne sind wankelmütig. Und das Universum rechnet in ganz anderen zeitlichen Dimensionen. Es raunt uns etwa bisweilen zu: Was ist das Problem daran, wenn wir in circa 400 Jahren die nächsten Musiktipps in euch einfahren lassen? Das Universum spricht übrigens von sich selbst ständig im majestätischen Plural, das ist ganz normal.

Mark: Bianca siezt mich meistens. Ist das auch ein majestätischer Plural?

Bianca: Nein, Eure Majestät. Ebenfalls kein majestätischer Plural: Er singe bitte! Ich könnte auch sagen: Er sieze mich bitte! Ich glaube, das gewöhne ich mir an, es gefällt mir. Er reiche mir den Sonic Seducer!

„Sabrina" ist ein Neubauten-Song. Ich dachte den-noch: Haben die jetzt „Boys Boys Boys" gecovert? Würdet ihr euer Kind oder einen Song Sabrina nennen?

Mark: Ich würde mein Kind und meinen Song Sabrina nennen, weil die Neubauten den Namen bei mir und vielen anderen Menschen an eines der traurigsten Videos geknüpft haben. Mehr gothic geht nicht als weinend in einer kaum beleuchteten Keller-Toilette vor einem Spiegel zu stehen, von dem das verkeimte Wasser tropft, während ich mir so fremd bin, dass ich mich nicht wieder erkenne. Dagegen ist unser Video zum Lied fast schon fröhlich.

Bianca: Wir sind ja manchmal auch ziemlich fröhliche Typen. Und jetzt folgt ein Geständnis: Ich liebte als Kind „Boys, Boys, Boys", ich liebte Sabrina! Ich hatte Sabrina-Poster in meinem Kinderzimmer hängen. Und ich hatte die Kassette, auf der „Boys, Boys, Boys" mit drauf war. Irgendwie hat dieser Sabrina-Sabrina-Zusammenhang schon wieder was Kosmisches.

Mark: Gut, dass Bianca nie das neue 4K-Video dieses Liedes sah. Von Kosmos keine Spur! Nebenbei: Sandra hatte auch was.

Bianca: Au ja! Maria Magdalena!

Wie ist es, einen vertrauten Song wie „Henry Lee" plötzlich mit der eigenen Stimme zu hören?

Mark: Zum Glück hat Bianca den ursprünglichen Klangteppich unter den Liedern und aus meinen Ohren weggezogen. Durch die Studio-Umgebung— dort leben Wellensittiche! — nebst Hackbrett, Spinett, Schalmei und was sie sonst noch alles einspielt, wird das Ganze neu. Ich habe mich anfangs tatsächlich nicht getraut, unsere Lieder anzuhören, aber je öfter ich sie höre und die sau-sau-saugeilen Videos dazu anschaue, die teils ohne Schnitt in einem durch gedreht sind, umso mehr verstehe ich denn Sinn von Coverversionen.

Bianca: Ich habe jedes Mal Respekt vor dem Anfang. Ist der gemacht, fügt es sich. Bei „Henry Lee" ging das recht leicht. Wir haben die Struktur beibehalten und bei den Backings habe ich mich am Original orientiert. Den Unterschied machen tatsächlich die Instrumente, wobei das Spinett eigentlich ein Clavichord ist und die Schalmei ist eine Rauschpfeife.

Ich saß voller Vorfreude auf das „Linie pen knife" vor dem Clip. Dann tötet Bianca mit Gift ...

Mark: Bianca ist halt eine Dame, eine Prinzessin auf der Erbse, meine Kaiserin. Da wählt sie natürlich eine Todesart mit abgespreiztem kleinem Finger.

Bianca: Die Idee mit dem vergifteten Tee hatte Chelsea, unsere hervorragende Fotografin! Gut, nä?

Mark: Ich werde in Videos öfters mal von den Ladys vergiftet, weiß der Scheitan, warum. In „Vampire" endet es genauso. Schlimm.

Bianca: Es ist erfreulich, dass deine Gesundheit langfristig nicht darunter zu leiden scheint, wir können diese schöne Tradition also bedenkenlos so beibehalten.

„I'm So Lonesome I Could Cry" haben auch Johnny Cash und —schon wieder—Nick Cave gesungen. Neubauten-Verbindungen gibt es bei Cave ebenfalls. Huch ...

Bianca: Das Universum wieder! Mir wurde die Johnny-Cash-und-Nick-Cave-Version ganz zufälligvordie Nase gespült. Wie hätten wir da schon widerstehen können? (Das Universum, aus dem Off: Gar nicht! Logisch! Wir wollten es euch auch schon vorschlagen, aber erst so circa 26780!)

Mark: Bianca besitzt zahlreiche Tarot-Sets, ich denke, sie kann das Universum tatsächlich und weitgehend überblicken.

Was haltet ihr von einer Aufklärungskampagne über echte Countrymusik?

Mark: Korrekter Gedanke. Country Music, auch in Lateinamerika, kann sehr finster sein und sie findet mitten zwischen den Menschen statt. Selbst meine Studierenden in Kolumbien schämen sich fremd, weil ich immer örtliche Country Music kaufe. Die Polizei in Armenia hat mich bei einem Serienmord-Fall sogar mal gefragt, ob der Täter, der über 300 Kinder zu Tode gefoltert hat, das unter dem Einfluss der örtlichen Country-Musik gemacht haben könnte. So viel dazu, dass Country weichgespült und stets fröhlich sein muss.

Angesichts des Solar-Fake-Remixes wäre ich doch auf ein Cover von „Boys Boys Boys" gespannt. Vielleicht auf der nächsten EP?

Mark: Ich lege beim WGT und im Kitkat ja nur allerneueste Dinge auf. Daher würde ich klassisches Achtziger-Material erstmal beiseitelassen, bis es genügend gereift ist für düstere Neuauflagen.

Bianca: Ach, Unsinn! Das Thema der nächsten EP könnte doch „Die Busenwunder der Achtziger" sein, dann hätten wir außer Sabrina zum Beispiel schon mal Samantha Fox am Start. Ich bin innerlich bereit, habe ich das Gefühl!

Mark: Wer von uns beiden wird dann das Busenwunder der 2020er Jahre, Bianca?

Bianca: Na, Ines! Wer sonst? Wir zwei sind ja im Grunde eine Person, wie Google mal irgendwann behauptete, Ines ist ein Teil von dir, also passt das schon.

Sind die Plejaden im Remix-Titel eine Anspielung auf die Sternschnup-pe im Text von „I'm So Lonesome I Could Cry"?

Bianca: Es ist eine Anspielung auf das Effektgerät, das ich beim Pleiades Remix für die Instrumente benutzt habe. Die klingen damit auf einmal gar nicht mehr akustisch, sondern eher galaktisch. Mark hat auf „Sabrina" übrigens Querflöte gespielt!

Mark: Ist auch im komplett wahnsinnigen Video zu sehen und zu hören. Nichts im Video ist CGI, das ist alles wirklich echt genau so gewesen, wie ihr es darin seht.

Bianca: Und zwar ab dem 12. Dezember!

Eine Fortsetzung des so anregenden wie amüsanten Gesprächs mit oBianca Stücker und Mark Benecke lest Ihr in unserer Februar-Ausgabe!

Tiefgang und Wasserballett

Quelle: Sonic Seducer, 2/2026

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B I A N C A S T Ü C K E R & M A R K B E N E C K E

Von Christoph Kutzer | Fotos: Chelsea B.

Mark Benecke promovierte über genetische Fingerabdrücke. Bianca Stücker, ebenfalls Doktorin und Inhaberin eines Kirchenmusikexamens, hinterlässt entsprechende Spuren auf Tasten- und Blasinstrumenten. Die EPs des Duos genießen Kultstatus. Gespräche wie das Folgende über den jüngsten Output „Abysmal Affairs“ sind immer zu schnell vorbei. Lehnt euch zurück und genießt.

Ihr habt ein Video zum Einstürzende-Neubauten-Cover „Sabrina“ veröffentlicht. Ich dachte erst, die Location sei ein altes Schwimmbad. Es scheint sich aber um einen anderen Ort zu handeln ...

Bianca: Ja. Und er war sehr weitläufig! Von der Schwarzkaue einer alten Zeche aus haben wir uns durch haufenweise andere, sehr lost-place-mäßig und surreal wirkende Flure und Räume vorgearbeitet – das ganze Gebäude erschien von innen fast größer als von außen und es war gar nicht so leicht, die besten Drehorte auszusuchen, weil alles interessant, erstaunlich und zum Teil auch etwas verstörend aussah. Und das Verrückteste war: Draußen fand gerade bei idyllischstem Sommerwetter eine Zusammenkunft von Autoliebhabern statt. Wenn man sich hinaus bewegte oder aus den Fenstern blickte: Autoliebhaber und ihre Gefährte, so weit das Auge reichte!

Meine Vision ging weiter: Ich dachte, dass ihr in öligem, schwarzem Wasser endet. Es gibt Filmszenen, die sich auf ewig in die Hirnrinde einbrennen. Für mich ist eine davon jene, wenn der Bösewicht in „Der Schatz im Silbersee“ im Morast versinkt. Das fand ich als Kind gruselig. Könnt ihr das nachvollziehen?

Bianca: Unbedingt! Ich habe das Gefühl, dass sich sämtliche Dinge aus Filmen oder Büchern, die ich lieber schnell wieder vergessen hätte, für immer und vermutlich noch darüber hinaus eingebrannt haben wie ein Souvenir aus dem Höllenschlund.

Mark: Bei mir brennen sich vorwiegend die schönen Dinge ein, zum Glück, beispielsweise wie toll Bianca tanzt, flötet und sich gewandet. Sie kann – bei TikTok vielfach zu bestaunen – auf einer schwankenden Halbkugel musizieren, auf einem Bein!

Eine einbeinige Flötistin. Zauberhaft. Was hat euch als Kinder medial verstört?

Bianca: „Tarantula“. Aber nicht die Spinne, sondern der Mann, dessen verformte Finger urplötzlich und in meiner Erinnerung komplett vorwarnungslos auf dem Bildschirm erschienen, danach blickte er den Zuschauer an, und es stimmte etwas ganz erheblich mit seinem Gesicht nicht. Erheblich! Schlimm.

Mark: Batman hatte mal einen Gegner, der meiner Erinnerung nach vorher und nachher nie in den Berichten aus Gotham City vorkam. Der Übeltäter versuchte, unseren eh schon grundtraumatisierten Helden gefesselt in einen Tank mit einer offenbar schlecht gelaunten Riesen-Tintenschnecke zu versenken. Warum? Und was wurde aus dem Bösewicht?

Wir sprachen zuletzt über die Pläne des Universums. Mir hat der Kosmos neue Informationen zu Kasimir Malewitsch und seinem schwarzen Quadrat ins Hirn gespült, das in „Sabrina“ erwähnt wird. Würdet ihr euch dieses Werk aufhängen?

Bianca: Ach. Ich jetzt nicht unbedingt. Vielleicht, wenn es ein Glitzerquadrat wäre. Oder ein Holo-quadrat. Chelsea, meine beste Freundin und die Schöpferin der Fotos für unsere Platte, erinnert mich regelmäßig daran, dass ich nicht mal ins Van-Gogh-Museum gehen würde, wenn ich dafür fünf Euro bekäme. Leider.

Mark: Mir ist es nicht schwarz genug. Daher heißt unsere erste gemeinsame Platte ja auch „We Want It Darker“.

Viele Musiker oder Autoren zeichnen oder malen insgeheim. Wann erscheint der erste Band mit bildnerischem Output der Doktoren Stücker und Benecke?

Bianca: Das wäre was! Ich bin dafür! Ich male sehr gern Quatschfiguren. Ansonsten zeichne ich nur Entwürfe für Tattookunden. In meiner Freizeit zeichne ich nicht, denn ich habe keine Freizeit, da ich sämtliche Hobbys sofort zu Berufen mache. Ich habe also auch keine Hobbys.

Mark: Doch, mich! Ich bin dein Hobby, sagen wir es, wie es ist. Wenn ich mir was wünsche, kriege ich es sogar, beispielsweise durchsichtige Kleider beim Videodreh oder Hackbrett- und Flöten-Musique.

Zum Zeichnen: Wir haben eine sehr knorke Fangruppe mit mehr als 1000 Menschen, die meine Zeichnungen als Tätowierung tragen, darunter Einhörner, Fledermäuse und Bienen. Also, die Tattoos stellen diese Tiere dar, tätowiert werden die menschlichen Fan:innen.

Im Video singt ihr ansehnlich zusammen. Habt ihr da gemeinsam gesungen oder gelipsynct, oder wie das heißt, wenn man seine Lippen zum Playback bewegt?

Bianca: Also, beim Videomachen lilpsynce ich immer. Ich meine nämlich, dass es sonst weniger synchron zur Aufnahme gerät. Aber für die Aufnahme haben wir natürlich gemeinsam gesungen, sonst würde da ja was fehlen! (lächelt gewinnend)

Mark: Ich singe immer, weil ich finde, dass nur echt echt ist. Die Querflöte habe ich auch echt gespielt. Bianca singt beim Dreh nur nicht, um das Team nicht versehentlich zu verzaubern. Das hat sie schon bei mir getan und es soll nicht zur Gewohnheit werden.

Mark, du trägst auffällig oft Sonnenbrille. Den Vampir-Jokus spare ich mir mal. Ist das ein Signum erwartbarer Coolness oder unerwarteter Schüchternheit? Mir hat einst ein Musiker gestanden, er trage Sonnenbrille, weil er so das Publikum im Club nicht mehr sehe.

Bianca: Er ist einfach eine Stilikone, so sieht es doch aus.

Mark: Wer, der Musiker oder ich? Also ich bin tatsächlich Licht-Hasser von Herzen. In meiner Bühnenanweisung steht sogar wörtlich: „Bitte keine Spots/Verfolger/Scheinwerfer auf mich. Keine Ausnahmen. Nein! Kein Licht auf mich! Wir können den Saal dimmen und dort schön gedämpftes Licht lassen. Keine Scheinwerfer auf mich. Nein heißt nein: Keine Spots oder Headlights auf mich. NEIN!“ Das ist kein Scherz, ich habe es aus meiner Technikanleitung, auch als „Rider“ bekannt, wörtlich herauskopiert. Ach so, und: nix gegen Vampire. Mein Frau und ich haben die größte europäische Studie über diese scheuen Wesen verfasst.

Hat die Wahl von „Henry Lee“ mit einer grundsätzlichen Liebe zu Nick Caves „Murder Ballads“ zu tun? Mark, du hast schon zusammen mit Sara Noxx „Where The Wild Roses Grow“ gecovert. Mit wem würdest du das Marianne-Faithfull / Nick-Cave- Duett „The Gypsy Faeri Queen“ aufnehmen?

Mark: Extrem gute Idee, mega-niederdrückend, sehr gut. Ich mache es aber wie Marianne Faithfull und singe das dann mit gebrochener Stimme kurz vor meinem Tod ein. Bis dahin bin ich vorsichtig, weil meine Frau ein von Feen vertauschtes Kind ist und ich mich daher vorläufig nicht mit diesen Wesen anlegen möchte.

Bianca: Ach, schade! Ich finde die Idee auch gut! Ich kannte das Lied gar nicht, Ihr habt meinenHorizont erweitert!

Gerüchten zufolge hat Mark das mörderische „The Curse Of Millhaven“ von Nick Cave Studierenden vorgespielt. Was war der pädagogische Hintergedanke?

Mark: Pädagogik und ich – zwei für immer getrennte Welten. Meine Studentin Lottie aus New York trug denselben Namen wie das anstrengende Mädchen aus dem Lied. Da musste der ganze Kurs sieben Minuten lang dem Lied lauschen. War aber abends in meiner Bibliothek auf dem Teppichboden und ich reichte dazu Getränke. Ich find das Lied nach wie vor erstklassig. Die „Murder Ballads“ kann ich auswendig, da ich die Platte bestimmt schon 2000-mal gehört habe. Kein Scherz.

Vögel im Aufnahmeraum. Fauchschaben im Eigenheim. Wäre es nicht an der Zeit, die animalischen Mitbewohner in einen Song einzubauen? Ich mache mal einen radikalen Covervorschlag: Erinnert ihr euch an den MTVFilm „Joes Apartment – Das große Krabbeln“? Da gab es tolle Songs wie „Funky Towel“.

Mark: Sicher, Küchenschaben, die Walzer tanzen und synchron schwimmen, das gefällt Bianca und mir natürlich. Im Video handelt es sich um eine andere Art als meine Fauchschaben, aber why not? Sie sind ja auch schon auf unserer neuen CD – aus irgendeinem Grund in oder über einer Teetasse – zu sehen. Next stop: Biancas Sittiche, die eine düstere Polonaise zu Mollklängen vorführen. Wenn sie nur besser auf Menschen geprägt wären!

Bianca: Das ist eine schöne Idee. Ich sehe ganz deutliches Potenzial in uns für das Wasserballett. Die Sittiche jedoch leben bei uns zu Hause als radikale, wändezerknabbernde Parallelgesellschaft. Sie scheißen auf Fame. Chelsea schlägt übrigens jedes Mal genauso radikal „Der Hund von Baskerville“ von Cindy & Bert vor. Ich ahne, dass sich die Dinge irgendwann schicksalhaft zusammenfügen werden.

Mark: Bin dabei.

Lasst mich raten: Es liefe wieder auf eine EP hinaus …

Bianca: Für umfassendere Werke würden wir wahrscheinlich so um die zwölf Jahre brauchen. Wir gehen da also pragmatisch vor.

„Erzähl deine Ausreden deinem Spiegelbild“

Quelle: URSACHE \ WIRKUNG No 135, Seiten 17 und 18

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Dr. Mark Benecke ist ein deutscher Kriminalbiologe, spezialisiert auf forensische Entomologie. Er ist als Sachverständiger und Ausbilder tätig sowie als Autor.

Von Hendrik Hortz

Zu den Themen Tierwohl, Klima und Veganismus ist Mark Benecke stark engagiert – und kompromisslos: Er lebt vegan, um Umwelt und Tiere zu schützen. Benecke betont die Bedeutung der Artenvielfalt für das Ökosystem. Er ist Kritiker der industriellen Massentierhaltung, in der er eine der Hauptursachen für Umweltprobleme und Klimawandel sieht. Mark Benecke spricht sich für die drastische Reduzierung von Konsum aus, insbesondere tierischer Produkte und aller kurzlebigen Waren. Er appelliert dringend, nachhaltige Lebensweisen sofort umzusetzen.

U\W: Sie sind vor allem als Kriminalbiologe bekannt. Was hat Sie zu Ihrem Engagement für Tierschutz, Umwelt und eine vegane Lebensweise gebracht?

Mark Benecke: Also, ich fand das schon immer bescheuert, wie mit Tieren umgegangen wird. Als Kind sind wir oft mit dem Auto nach Bayern gefahren, und da sah ich dann die Tiertransporte. Das konnte ich einfach nicht verstehen, wie das irgendjemand nicht unangenehm finden kann. Und immer, wenn ich mit diesen Themen Berührung hatte … im Studium habe ich mit Tintenfischen gearbeitet – die haben wir halt wie Menschen behandelt. Ich habe nie verstanden, wie man das anders sehen kann. Ich fand es immer rätselhaft, mit welcher Gelassenheit Tiere getötet werden. Immer. Das ist meine Wesensart.

Sie haben sich also früh vegetarisch, später vegan ernährt?

Ja, auf jeden Fall. Das war kein Bruch. Das habe ich einfach gemacht. Sie bewegen sich mit Ihrem Engagement an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Mitgefühl.

Wie verbinden Sie diese beiden Welten?

Ich halte mich aus ethischen Diskussionen komplett raus. Mich interessiert nur: Was hast du gestern getan? Ich fordere Mitgefühl gar nicht so stark. Viele Leute stellen eher auf Umweltschutz ab, andere eher auf das einzelne Tier. Mir ist das egal. Hauptsache, du tust messbar was. Irgendwelche Selbstverpflichtungserklärungen oder ein Ethikkodex – das interessiert mich überhaupt nicht. Entweder du machst was nachweislich oder nicht.

Wo beginnt für Sie Aktivismus?

Da, wo man selber was tut. Alle, die nur rumlabern, interessieren mich nicht. Ein Beispiel: Ich kannte mal jemanden aus einer der Tierschutzparteien, der sich öfters Tierprodukte gekauft hat. Ich habe dann einfach mit dem nichts mehr zu tun gehabt. Ich möchte ausschließlich von Leuten umgeben sein, die das tun, was sie sagen. Das ist für mich Aktivismus. Und mir reicht es auch, wenn jemand nur handelt und nichts sagt.

Welche Handlungen sind für Sie zwingend notwendig?

Keine Tierprodukte verwenden ist zwingend, weil es das Einfachste, Schnellste und Wirksamste ist. Von den einfachen, schnellen Sachen ist es das, was sofort wirksam wird. Bei anderem muss man abwägen. Unterhalb dieser Schwelle braucht man kein Gespräch mehr führen.

Ist Aktivismus im besten Sinn eine Form gelebten Mitgefühls?

Ja, das gibt es auf jeden Fall. Besonders bei Tierrechtsaktionen vor Zoos, in Nürnberg oder Berlin zum Beispiel. Das sind mitgefühlgeleitete Aktivistinnen und Aktivisten. Der schwungvollste Aktivismus entsteht tatsächlich aus dem Mitgefühl.

Viele Menschen fühlen sich angesichts der Klimakrise ohnmächtig. Was raten Sie diesen Menschen?

Ich halte das für eine Ausrede. Die meisten bleiben in dieser Einstellung hängen wie nach einer schlechten Nachricht. Wenn du etwas machen möchtest, fang mit einer dieser fünf Sachen an: Ab heute pflanzlich ernähren, ohne Ausrede. Öffentlichen Personennahverkehr nutzen, ausnahmslos. Wenig verbrauchen: Kleidung extrem lange benutzen, Essen niemals wegwerfen. Und wähle Parteien, die mit diesen Zielen übereinstimmen. Und erzähl deine Ausreden deinem Spiegelbild.

Manche fühlen sich durch Aktivismus angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Ist mir egal. Wenn sich jemand angegriffen fühlt, weil ich eine Möhrensuppe esse, ist das nicht mein Problem. Ich spreche niemanden an. Ich halte sachliche Vorträge. Wer es nicht hören will, kann ja was anderes machen. Wer sagt, es sei spalterisch, sich lebensfreundlich zu verhalten, betreibt Zersetzung.

Kann echter Wandel durch individuelle Entscheidungen von einzelnen Personen eintreten – also Konsumverhalten, Konsumverzicht – oder eher durch politische Strukturen?

Jede deiner Handlungen ist Politik. Wo du atmest, ist Politik. Was du kaufst, ist Politik.

Wenn Sie an die kommenden Generationen denken, was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was wir ihnen schulden?

Den Kindern zutrauen, dass sie aus vielen Informationen eigene Schlussfolgerungen ziehen. Dass sie sich auf echte Messungen, echte Daten, eigene Erfahrungen verlassen. Das ist das Einzige, was wir ihnen mitgeben können.

Und wie blicken Sie auf die Zukunft des Klimas, ist sie düster?

Düsternis ist kein Begriff mehr. Es sieht sehr, sehr, sehr schlecht aus. Wir gehen in den Untergang.

Wenn Sie eine einzige Einsicht weitergeben könnten, die Menschen zu einem achtsameren Leben inspiriert, welche wäre das?

Tu es oder lass es.

Wurde Kurt Cobain getötet? Mark Benecke äußert sich

Quelle: t-online.de, 11. Februar 2026

Mit neuen Untersuchungen rückt der Tod von Kurt Cobain erneut in den Fokus. Forensiker Mark Benecke sagt: Nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen.

Seit mehr als 30 Jahren ist Kurt Cobain tot. Im April 1994 war der Sänger der Band Nirvana leblos in seinem Haus in Seattle aufgefunden worden. Die Behörden kamen zu dem Schluss, dass er sich mit einer Flinte das Leben genommen habe. An dieser Bewertung hält das zuständige King County Medical Examiner's Office im US-Bundesstaat Washington bis heute fest. Doch private Forensiker haben den damaligen Autopsiebericht erneut ausgewertet – und erheben Zweifel an der Todesursache von Kurt Cobain.

Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Nirvana-Sängers werden die Annahmen zu den Todesumständen auf den Kopf gestellt. Das Team um Forensiker Brian Burnett und Forscherin Michelle Wilkins kommt zu dem Ergebnis, dass Cobain zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses bereits handlungsunfähig gewesen sei. Im "International Journal of Forensic Sciences" (IJFSC) legen sie das auf 35 Seiten in ihrem Beitrag "A Multidisciplinary Analysis of the Kurt Cobain Death" dar.

Wilkins verweist auf die im Bericht dokumentierte Nekrose von Gehirn und Leber, also das Absterben von Zellen noch vor Eintritt des Todes. Diese deute eher auf Sauerstoffmangel infolge einer Heroinüberdosis hin als auf einen sofortigen Tod durch eine Schussverletzung. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: "Dies ist ein Homizid" – also ein Mord oder ein Totschlag.

Der Kriminalbiologe Mark Benecke befasst sich schon länger mit dem Todesfall der Musiklegende: Er habe in der Vergangenheit schon beklagt, es müsse mal das Material ordentlich zusammengestellt werden: wie eine Akte, gut aufgebaut, mit Bildern in entsprechender Qualität. Der Artikel in dem Magazin sei wie eine Antwort darauf.

Obwohl es heißt, der Beitrag sei peer-reviewed, also von Wissenschaftlern mit der entsprechenden Qualifikation geprüft, sieht Benecke darin keine klassische wissenschaftliche Veröffentlichung: Es würden einige Begriffe genutzt, die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als Wertungen unangebracht seien, etwa eine Aussage, dass eine Tötung mit einer Langwaffe "unnecessary" sei, da der Tod durch Heroin ebenso möglich gewesen sei. "Eine Vermutung, die nichts mit Spuren zu tun hat."

Das sei auch an anderen Stellen festzustellen: Vielfach werde auf Meinungen und Vermutungen verwiesen, beispielsweise auf die Dokumentation "Kurt & Courtney", auf Aussagen von Menschen, "die ohne Angabe von wissenschaftlichen Gründen etwas meinen, was natürlich trotzdem stimmen kann".

Im Grunde sei es ein journalistischer Text mit vielen technischen Einzelheiten, die von Dutzenden Menschen sorgfältig zusammengetragen worden seien, aber nicht immer die Eigenheiten von Leichenfundorten und Ermittlungen berücksichtigten, so Benecke, der Forensiker und Sachverständiger für biologische Spuren ist.

"Einer der Kernpunkte ist, dass Cobain unter Drogeneinfluss die Waffe nicht mehr betätigen konnte, die Blutspuren anders aussehen müssten und dass das Heroin in der Dose nicht verpackt ist." Für klare Aussagen fehlten hochauflösende Fotodokumentation und entsprechende Auswertung der Blutspuren. In der Veröffentlichung werde teilweise auch gesagt: "Wenn etwas im Bericht der Polizei nicht erwähnt ist, dann ist es auch nicht vorhanden gewesen." "Das kann stimmen, kann aber auch nicht stimmen", so Benecke.

"Menschen, die schon einmal völlig betrunken waren, wissen sicher, dass sie trotz komplettem Alkohol-Filmriss nach Hause gefunden haben, über Treppen gestiegen oder mit der Bahn gefahren sind." Cobain habe in depressivem Zustand vielleicht auch andere Gedanken gehabt, als sein Heroin wieder zu verpacken. Solche Punkte zusammengenommen stoße er in Veröffentlichungen und Gesprächen mit Forschenden aus diesem Feld regelmäßig an eine Grenze: "Kann sein, kann auch nicht sein. Dazu müssten wir bessere Fotos haben, und dazu müssten wir Versuche machen."

Benecke führt nach seinen Angaben seit mehr als 30 Jahren Fall-Nachstellungen durch, und das auch zum Teil lange nach dem Tatgeschehen. "Ich kenne die Schwierigkeiten aller Beteiligten." Er sei auch kein Gegner davon, den Fall wieder aufzuwärmen. "Man müsste mal eine zweitägige Konferenz machen, auf der mal alle kurz, knackig und klar alles aussortieren, was einfach unklar oder von Meinungen abhängig ist." Er habe das schon angeboten.

Die Autoren des aktuellen Beitrags sind aus Beneckes Sicht insgesamt zu voreingenommen. Das hätten sie aber auch gemeinsam mit denen, die sich sofort auf Suizid festgelegt hätten. In dem neuen Beitrag werde eine Selbsttötung grundsätzlich ausgeschlossen, mit Argumenten wie dem, kaum jemand spritze Heroin in die Muskeln. "Das ist nicht falsch, aber wer sagt, dass Cobain, falls er depressiv und ohnehin unter Drogen war – was beides vollkommen möglich ist – sich nicht anders verhalten hat als die meisten?"

"Das Ganze ist eine schöne Übung darin, dass nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen, Lebensnähe oder gesunder Menschenverstand", sagt der Kriminalbiologe. "Die drei letztgenannten Dinge spielen vor Gericht eine Rolle, aber niemals in einer naturwissenschaftlich‑kriminalistischen Spurenuntersuchung."

Seine Kernkompetenz: Insekten auf Leichen

Quelle: BNN, Karlsruhe, Ausgage Nr. 11, 15. Januar 2026, Seite 28

Mark Benecke im Naturkundemuseum: Wie Fliegen und Maden den Todeszeitpunkt verraten

Von Klaus Müller

Karlsruhe. Die Bilder, die auf die Leinwand geworfen werden, sind eindrücklich. Sie sind echt. Etwa das Bild von der älteren Frau, die absolut unbekleidet und tot zu sehen ist. Oder das Bild einer anderen toten Frau, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel.

Eindrücklich sind vor allem die Nahaufnahmen. Auf denen sind Insekten zu sehen – Stallfliegen, Maden, Stubenfliegen. Gebannt schaut die Zuhörerschaft, hier im Vortragssaal des Naturkundemuseums, auf die ungewöhnliche Bilderschau. Manche senken ihren Blick. Verständlich.

Solche Aufnahmen laufen sonst eher in Gerichtssälen, wenn Forensiker ihre Gutachten zu (mutmaßlichen) Gewaltverbrechen erläutern. Der Mann, der die Bilder samt Erklärungen ins voll besetzte Auditorium mitgebracht hat, arbeitet ebenfalls als Gutachter: Kriminalbiologe Mark Benecke, ein international gefragter Spezialist für forensische Entomologie.

Ein Entomologe ist zunächst einmal ein Insektenforscher. Benecke ist aber mehr: Er wird als Sachverständiger herangezogen, wenn es gilt, biologische Spuren nach einem Gewaltverbrechen auszuwerten.

Bei der Vorstellung Beneckes bringt es Insektenforscher Robert Trusch, Kurator am Naturkundemuseum Karlsruhe, auf den Punkt: „Seine Kernkompetenz sind Insekten auf Leichen.” Dass Benecke nach Karlsruhe kam, ist dem Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe zu verdanken. Die Vorträge des Kriminalbiologen und Buchautors aus Köln sind seit Jahren über Monate ausgebucht. Das Interesse, mehr über seine Arbeit zu erfahren und sich in die Methoden der forensischen Entomologie einführen zu lassen, ist ungebrochen.

Obendrein hat Beneckes Vortrag trotz des heftigen Themas, trotz der damit verbundenen Bilder aus dem wahren Verbrecher- und Opferleben einen bemerkenswerten Unterhaltungswert. Wer es schafft, seine Zuhörerschaft beim Anblick einer echten Leiche mitunter zum Schmunzeln zu bringen, versteht sein auditives Handwerk.

Was zählt: Benecke gilt als Experte für Insekten auf Leichen. „Wenn die Rechtsmediziner es ekelhaft finden, rufen sie mich” , sagt der Kriminalbiologe.

Nebenbei räumt er mit verbreiteten Vorstellungen auf: “Leichen riechen nicht süßlich, wie immer wieder gesagt wird. Wenn, riechen sie nach Lindenblüten.” Und: “Insekten kommen nicht aus Körpern heraus. Sie siedeln vielmehr dort an, wo sie ihren Nachwuchs ablegen können, wo sie sich ernähren können.”

Und: “Insekten sind keine Würmer.“ Für Benecke sind Insekten eine verlässliche Größe, wenn es um die Leichenliegezeit geht. “Wir kennen die Wachstumsgeschwindigkeit von Insekten. Wir wissen, auch regional gesehen, wo, welche Insekten vorkommen, die eben eine Leiche befallen. Wir bewerten die Einflüsse, die wiederum auf die Insekten wirken.” Daraus ließen sich Rückschlüsse ziehen, wo ein Gewaltverbrechen geschah und wann. Benecke schildert den Fall einer über 90 Jahre alten Frau. Am Ende, so auch die Erkenntnis des Gerichtes, das sich mit dem Fall befasste, fiel sie “bei einer Rauferei im Altenheim” zum Opfer.

Benecke fand zwischen ihren Fingern Fliegen, die sich dort angesiedelt hatten – für ihn ein Indiz für eine Abwehrverletzung. Ein trefflicher Ort für die Fliegen.

Ein weiterer Fall dreht sich um eine alte Frau, die nachweislich vernachlässigt wurde. Auf ihr fand man Stallfliegen – Insekten, die von Kot und Urin angezogen werden.

Um Vernachlässigung ging es ebenso bei einem weiteren von ihm geschilderten Fall. In der Windel eines toten Babys fanden sich ältere Insekten, die sich von Kot ernähren. Kurzum – die Windel wurde über lange Zeit, wenn überhaupt, nicht gewechselt.

Benecke sieht das bei allen Unterhaltungswert seiner Vorträge nüchtern. “Alle Insekten, alles ist gleich wichtig. Alles ist gleich interessant.” Gearbeitet wird mit allen biologischen Informationen.

Obendrein ist Benecke einer, dem der Klimaschutz am Herzen liegt. In diesem Zusammenhang hatte er einen mit viel Applaus bedachten Seitenhieb in Richtung der Stadtverantwortlichen parat: „Wie kann man bei der Klimalage noch solche versiegelten Plätze haben, wie bei euch um die Pyramide?"

Vermisste Rebecca Reusch: Sieben Jahre vermisst, das sagt Mark Benecke zum Fall

Quellen: MOZ, 16. und 18. Februar 2026

Von Diana Maltseva | Foto: Marcus Gloger

Foto: Marcus Gloger

Kriminalbiologe Mark Benecke berichtet, ob es möglich ist, nach sieben Jahren noch Spuren von der vermissten Rebecca Reusch zu finden

Rebecca Reusch verschwand vor knapp sieben Jahren spurlos. Die damals 15-Jährige aus Berlin gilt seit dem 18. Februar 2019 als vermisst, nachdem sie im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers übernachtet hatte. Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erläutert, welche bedeutenden Spuren der Fund der Leiche bringen könnte, sollte Rebecca Reusch ermordet worden sein.

Der Kölner Kriminalbiologe ist seit über 20 Jahren international auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik aktiv und hat sich insbesondere der Entomologie verschrieben. Er untersucht Spuren an Tatorten und beschäftigt sich mit der Insektenforschung, die – als Teilgebiet der Forensik – zum Beispiel dabei hilft, Todeszeitpunkte zu bestimmen und Verbrechensabläufe aufzuklären.

Diese Woche jährt sich der Tag, an dem Rebecca Reusch verschwunden ist. In diesen sieben Jahren wurde sie weder lebendig noch tot aufgefunden. Insofern stellt sich die Frage, ob es möglich wäre, nach so langer Zeit ein Tötungsdelikt nachzuweisen oder einen Täter ohne Leiche zu finden.

Vermisste Rebecca Reusch: Mark Benecke zu möglichen Spuren

Foto: Marcus Gloger

Laut Mark Benecke ist es möglich, auch nach Jahren noch die Todeszeit und Ursache festzustellen. „Es gibt mehrere Möglichkeiten, das zu tun“, erklärt er. „Natürlich polizeilich, indem Zeuginnen und Zeugen befragt und vielleicht noch vorhandene Handydaten, Fotos und Ähnliches ausgelesen oder betrachtet werden. Daraus lässt sich manchmal ableiten, wer wann wo mit wem war und so auch indirekt die Leichenliegezeit“, ergänzt der Kriminalbiologe.

„Es geht manchmal auch über das Alter und die Art von Insekten, die an oder auf der Leiche gelebt haben. Die Todesursache lässt sich, um nur eines von sehr vielen Beispielen zu nennen, unter anderem an Knochenscharten, also Ritzen, ableiten. Diese sehen die rechtsmedizinischen Kolleginnen und Kollegen auch am Skelett. Sie können vielleicht dann einer Waffe zugeordnet werden“, sagt er zu weiteren Möglichkeiten.

Eine Leiche könnte auch wichtige Spuren des Täters enthalten. „Viele Spuren halten sich lange: Kleidungsfasern etwa. Es gibt aber auch Erbgutspuren, die lange untersuchbar bleiben, solange sie nicht durch Fäulnis zersetzt wurden. Garantien gibt es nicht, aber gerade die letzten Jahre haben erneut und gehäuft gezeigt, dass auch schon eine Zelle des Täters genügen kann, um den genetischen Fingerabdruck zu entwickeln. Das kann Blut sein oder Haut oder Sperma oder Haare“, informiert der 55-Jährige.

Kann ein Mord an Rebecca Reusch nachgewiesen werden?

Wenn eine Leiche vorhanden ist, können die Experten anhand verschiedener Fakten wichtige Feststellungen treffen. Doch ist es überhaupt möglich, einen Täter zu finden oder die Gründe für das Verschwinden festzustellen, wenn die Leiche nie gefunden wird? „Das ist eher eine rechtliche Frage. Das Gericht alleine entscheidet, was ein gültiger Nachweis ist“, antwortet Mark Benecke.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass ein Täter ohne Leiche gefasst werden kann. „Es können auch weitere Spuren helfen, die räumlich und zeitlich durch weitere Meldungen, Daten und Beobachtungen verknüpft werden können“, sagt der Kriminalbiologe. „Wenn diese ein sicheres Gesamtbild ergeben, kann die Polizei erstens neue Richtungen einschlagen und zweitens kann auch ein Gericht zu vernünftigen Aussagen gelangen“, fügt er hinzu.

Grundsätzlich ist die Spurensicherung auch an lang zurückliegenden Vermissten- und Mordfällen möglich. „Das Skelett von König Richard III. etwa lag unter einem städtischen Parkplatz in Leicester und konnte mittels Erbgut sicher erkannt werden“, erzählt Benecke.

Die Spurensicherung könnte unter Umständen herausfordernd sein. „Meiner bisherigen Erfahrung nach, auch auf Geländen mit Leichen von Körperspenderinnen und Körperspendern auf den sogenannten ‚Body Farms‘, ist es oft knifflig, wirklich jeden Krümel Erde oder Beton oder Pflanzenmaterial einzusammeln und zu untersuchen“, sagt Benecke.

„Als ich in New York in der Rechtsmedizin als Kriminalbiologe angestellt war, kam die Polizei beispielsweise einmal mit einer Lastwagenladung Erde vom Fundort an. Da mussten wir leider ablehnen, weil niemand im Labor Platz und Zeit für das Durchsieben und Auswerten dieser Erd-Mengen hatte. Es wäre aber natürlich spannend und sinnvoll gewesen“, erinnert sich Benecke.

Volles Haus bei Dr. Mark Benecke

Foto: Kulturamt Hennef

Quelle: hennef.de, Beitrag vom 23.2.2026

(dmg) Dr. Mark Benecke in Hennef und einmal mehr vor ausverkauftem Haus. Kurz vor der Veranstaltung am 20. Februar war Zeit für ein Gruppenfoto mit dem Team vom städtischen Kulturamt als Veranstalter des Abends. Benecke hatten seinen Vortrag „Serienmord“ in die Halle Meiersheide mitgebracht. Wie immer ein packender Vortrag, der wieder zeigte, dass Benecke hohes Fachwissen und gewissenhafte Analysen unterhaltsam verpacken kann – auch wenn es sich um extrem sensible Themen handelt. Benecke erweiterte das Programm nach der Pause nämlich kurzerhand um einen Vortrag zu „Kannibalismus“. Auch hierbei zeigte sich, dass sein Prinzip, nur Messergebnisse und Fakten gelten zu lassen, selbst das heikelste Thema auf den Boden der Tatsachen holen kann.

Das 'Nordische Modell' (Sex-Kauf-Verbot)

Die deutsche Bundesgesundheitsministerin ist für ein Sex-Kauf-Verbot wie unter anderem in Frankfreich (seit 2016), Schweden (1999), Norwegen (2009), Kanada (2014) und Nordirland (2015), während es unter anderem in Finnland im Jahr 2006, in Dänemark 2012 sowie in England, Schottland, Spanien, der Schweiz ausdrücklich abgelehnt wurde. Mark fragt Sex-Arbeiterin Jay und drei Kunden nach ihren Erfahrungen und Meinungen jenseits von Zwang.

Karneval für alle: Mit Dreigestirn im Vringstreff (2026)

Eine der eindrucksvollsten Karnevals-Veranstaltungen in Köln ist das jährliche Treffen im Vrings-Treff 🎉 

Dort kommt nicht nur das Dreigestirn und damit die wichtigsten Personen in Köln zum Singen vorbei, sondern es treffen sich vor allem Menschen mit sehr wenig Geld mit Menschen, die Unterstützung anbieten sowie ein wildes Mischmasch (Jewöhl), das gemeinsam isst, trinkt (kein Alkohol), schunkelt und lacht. 

Ganz dickes Kompliment auch an das Dreigestirn, welches dieses Jahr richtig viel Geld für einen besonders guten Zweck sammelt ✌🏻 

Mit Liedern & Teilen von Peter Brings, den Bläck Fööss und den Höhnern sowie Richard Bargel & dem Strassenmagazin Draussenseiter nebst der Stunksitzung


Das Kölner Dreigestirn 2026 auf dem Wiener Platz bei sozial Schwachen

Serial killer: a forensic perspective

Source: Catalogue: Introduction to the Serial Killer Expo, Atlanta (2026) (klick for .pdf)

Translated from the German Catalogue to the Serial Killer Exhibit in Berlin (2025)

by Mark Benecke

Serial killers—women and men alike—have lost a healthy sense of their environment. They are alone, but never insane. They can be lucid and sincere about what they believe they want—both with themselves and with others. But antisocial personality disorders combined with a strong inner linearity: this is a lethal mixture. In the best-case scenario, such people become very good at jobs that require managing one crisis after another. In the worst case, they torture, kill, or eat (or do all three in succession) one person after another.

The victims of serial killers have often done little or nothing at all. They are sex workers, domestic workers, children, the poor, people who are deceived or who act in good faith. If we want to prevent serial murder, we therefore have to understand the perpetrators. Because people who lack malice and protection—the preferred victims of serial killers—will always exist. That side of the story could only change in a perfect world. But in the forensic field, we do not live in a sparkling fairy tale.

Foto: Mark Benecke

Even police officers and other professionals involved are regularly overwhelmed by the weight of these cases, although not as victims who are killed. The prosecutor in the case of my client, Luis Alfredo Garavito († 2023), responsible for the rape and murder of more than three hundred children, was so shaken during my last visit to his living room that, out of concern for his nerves, any further conversation with him became unnecessary. His last glimmer of hope was the idea that God had “entrusted” him with the terrible Garavito case. To this day, I do not know why this thought could have comforted him—especially since it cuts both ways: “his” serial killer Garavito was convinced that at the end of time, God would walk together with him—the perpetrator—through the afterlife.

How do I know this? He wrote it to me in a gold-edged Bible after being baptized as a Christian in prison. The only person to emerge with a relatively intact psychological balance was Garavito’s evangelical pastor. He had served several years in prison for cocaine trafficking and, first in his home country and later in prison in the United States, had learned that goodness and beauty are not primarily to be found here on Earth.

Foto: Mark Benecke

The police officers involved in the Garavito case initially did not believe the mothers of the missing children. Above all, they did not want to believe that the children could have been abducted in broad daylight. Later, they bitterly regretted this and never forgot it. Until the end of their careers, they tried to support the parents—but it was all in vain. Who could return a child to a mother, or restore her lost faith in justice?

Some local officers asked me whether the rural folk music of Garavito’s region might have turned him into a serial killer. This shows how long the distance still is—especially in a poor country ravaged by violence—between such superstitions and effective prevention and protection. It also recalls a long-debunked belief that video games, films, comics, or similar media trigger violence. But it is not that simple: all media can promote both good and evil. What matters are the environment and the personality of the person who consumes them.

Such misunderstandings are repeated again and again in the field of serial murder—fascinating to many, but rarely examined in depth. One example is Jeffrey Dahmer († 1994), who has once again become one of the most widely known serial killers thanks to Netflix, an excellent graphic novel created by one of his former classmates, the republication of conversations with the perpetrator, and an old book by his father. A monster, a beast, a psychopath—no doubt. And yet, when I watch interviews with him, what I see above all is a deeply sincere and calm person who has absolutely no idea how healthy, lasting relationships work. They certainly do not work by injecting drugs into someone’s skull and listening to a “partner’s” heartbeat. Even Dahmer understood that. In fact, he understood everything. And yet, to this day, there is no reliable therapy for his personality disorders.

Foto: Mark Benecke

Nothing holds these offenders back, even when they demonstrate insight. This is why new serial killers continue to appear—even when it was long believed that, thanks to forensic technology and big data, this should no longer be possible. The most unexpected example is Samuel Little († 2020). No one even realized that a long series of murders had been taking place unnoticed—yes, mostly against sex workers, and yes, in many cases it was assumed they had died from drugs or accidents.

Had people taken that horror seriously, many actions of other individuals who suffered—and still suffer—from similar attachment disorders could have been prevented. Because serial murder can be prevented: through a loving attitude toward children who might become victims or perpetrators—that is, toward all children; through open, unembarrassed conversations about love and emotional bonding; through early assessment of antisocial behavior; and through the careful examination of all bodies for traces, even when they belong to poor people, drug users, or those who have fallen to the bottom of the social ladder.

REFERENCES:

  • Nico Claux (2023) Russian Cannibals: Addicted to Human Flesh. Serial Pleasures eds., ISBN 979-8859149346

  • Janis Weißheit (2025) Encyclopedia of Criminal Cannibals. Foreword by Mark Benecke, Kirchschlager, Arnstadt, ISBN 978-3934277960

  • Jean Rises (2023) Real Snuff: Urban Legend or Reality? Serial Pleasures eds., ISBN 979-8858285663

  • Mark Benecke, Miguel Rodríguez, Anna Zabeck, Armin Mätzler (2005) Two homosexual pedophile sadistic serial killers: Jürgen Bartsch (Germany, 1946–1976) and Luis Alfredo Garavito Cubillos (Colombia, 1957– ) Minerva Medicolegale, Vol. 125 (3), pp. 153–170

Umwelt-Schützer:innen im Knast': Post von Lasse 🍃 (Teil 10)

Mark: Lieber Lasse, du sitzt derzeit drei Wochen lang im Knast, weil du in Wuppertal für Umweltschutz auf der Straße warst. Was gibt es im Knast zu essen? Kannst du schlafen? Wie fühlst du dich?

Lasse: Lieber Mark, ich bin gerade vom Hofgang zurück, sitze nun am Schreibtisch in meiner Zelle und habe jetzt Zeit, deine Fragen zu beantworten!

Also morgens und abends gibt es Brot, ich habe veganen Aufstrich und manchmal gibt es noch etwas Obst. Vor meinem Haftantritt hat mein Anwalt einen Antrag auf vegane Ernährung geschickt, ich habe das bei der Aufnahme dann nochmal mehrmals gesagt, aber uns war leider schon klar, dass eine rein vegane Ernährung vor allem auf die Kürze der Haft bezogen ein Ding der Unmöglichkeit wird, zu arrangieren. Mittags bekomme ich dann ein vegetarisches Gericht. 

Anfangs habe ich zum Beispiel noch ungefragt einen Liter Milch bekommen, sowas verschenke ich dann an Mitgefangene. Letztens gab es abends veganen Thunfisch, das habe ich erstmal mit einem Freudentanz gefeiert. Ich hadere da die ganze Zeit aber mit mir selber, mich hier nicht wie draußen komplett vegan ernähren zu können. Im Allgemeinen würde ich das Essen hier leicht über Krankenhaus-Qualität stellen.

Also ich bin hier als Fehlbelegung auf meiner Abteilung 23 Stunden auf einer Einzelzelle, der Knast ist anscheinend recht voll. Da ist die Versuchung schon groß, dass ich mich mittags nochmal hinlege, dann wird das Einschlafen abends aber etwas schwierig.

Hier ist auch alles ziemlich hellhörig, manchmal schreit irgendwer rum. Ich denke, ich habe mir aber schon eine gute Tagesstruktur erarbeitet und bin dann auch müde abends. Aber ich habe wilde Träume.

Wie ich mich fühle? Also ich würde erstmal festhalten, dass es mir hier nicht so gut gehen soll, dafür wurden Gefängnisse ja geschaffen. Wusstest du, dass es zum Beispiel “einschüchternde Architektur” gibt? Ich, bevor ich mich mit Knästen befasst habe, nicht. 

Das ist jetzt meine erste Haft, der erste Abend zum Beispiel war emotional schon herausfordernd. Meine Gefühlslage schwankt, ich merke auf jeden Fall, dass mich Kleinigkeiten extrem aufbauen können oder mich sehr stark runterziehen.

Letzten Endes bin ich jetzt “nur” 20 Tage hier, das finden alle ziemlich exotisch, weil die allermeisten meiner Mitgefangenen seit Jahren und noch Jahre sitzen. Ich habe ein unfassbar starkes Supportnetz da draußen, was mir den Rücken frei hält, und ich bin so gut es geht im Kontakt mit ihnen. Eigentlich jeden Tag bekomme ich einen Stapel Briefe auf meine Zelle. Ich bin so unendlich dankbar für diese ganze Solidarität, Liebe, Kraft und Gedanken, die mich hier drinnen erreichen. 

Auch wenn die Gitter vor meinem Fenster, die Stacheldrähte und hohe Mauern probieren, mich von meinen Leuten da draußen zu trennen, fühle ich eine tiefe Verbundenheit zu den ganzen Menschen, die mir schreiben und an mich denken. Das entfaltet eine unfassbare Kraft und Stärke bei mir, die mich auch durch herausfordernde und schwere Momente trägt. Jetzt in diesem Moment geht es mir soweit gut!

Das Weltwirtschafts-Forum dient nach deiner Auffassung nicht den Menschen der Erde oder der "Umwelt", sondern der Wirtschaft der reichen Menschen. Dennoch ist diese reiche Gruppe eine der wenigen, die genau und ehrlich über den Klimanwandel berichtet. Wie kommt das?

Ja, diesen Menschen scheint bewusst zu sein, was abgeht, deshalb bauen sie sich auch zum Beispiel Bunker in Neuseeland. Was ihnen das hilft, wenn es aber halt nichts mehr zu essen gibt, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Entscheidend ist, dass sie weitermachen und ihnen ihre Gier nach immer mehr Reichtum wichtiger zu sein scheint als eine lebenswerte Zukunft für alle und dass es in Zukunft überhaupt noch höher entwickeltes Leben geben kann. Ich würde dieses Verhalten als zutiefst antisozial, gemeingefährlich und bösartig bezeichnen. 

Ich muss da immer an diese Metapher von diesem greedy Affen denken, der eine Milliarde Bananen hortet, während andere Affen verhungern. Im Tierreich würden Wissenschaftler:innen untersuchen, was denn verdammt nochmal mit diesem Affen falsch gelaufen ist. In unserer Welt kommen Milliardäre auf die Forbes-Liste. Dass wir das als Gesellschaft so hinnehmen, macht mich wütend. Du spielst ja hier auf meinen Protest in Davos während des Weltwirtschaftsforums letztes Jahr an, wo ich so ein Luxushotel mit toxisch grüner Warnfarbe besprüht habe. Das hat mir im Übrigen sehr viel Freude bereitet und Funfact: Noch als ich da angehaftet auf den Treppen saß, tatsächlich sogar noch, bevor die Polizei damals eingetroffen ist, wurde schon mit den Abwascharbeiten begonnen. Da schien also schon doch ein Interesse da gewesen zu sein, sich schnell davon rein zu waschen. 

Aus meiner Sicht ist dieser wahnsinnige Turbokapitalismus die Wurzel allen Übels oder die Basis, wenn du so willst, und Davos ein einziger Fiebertraum. Ich finde auch zum Beispiel, dass kein Mensch das Recht hat, einen Privatjet zu besitzen. Ich würde sagen, dass das ein Verbrechen ist. Zwei Menschen, die mir sehr am Herzen liegen, Jori und Luca, haben vor ein paar Jahren einen Privatjet auf Sylt mit orangener Warnfarbe besprüht, und das Teil damit unschädlich gemacht. Dafür haben sie letztes Jahr in erster Instanz mehrmonatige Haftstrafen bekommen. Das ist absurd, ich finde, die beiden haben dafür eigentlich einen Orden verdient. Eat the rich!

Vermutlich haben viele deiner Familien-Mitglieder oder Freund:innen dir geraten, sechshundert Euro zu sammeln und so den Knast zu vermeiden. Wie lief das aus deiner Sicht in deinem privaten Umfeld ab?

Also aus eigener Tasche kann ich so eine Summe nicht bezahlen, ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Es wäre vermutlich gut machbar gewesen, dieses Geld aufzutreiben, aber das wollte ich nicht. Ich erkenne das Urteil des Landgerichts zu der Versammlung in Wuppertal nicht an. Es ist unser aller Grundrecht, uns friedlich versammeln zu dürfen. Die Polizei kann nicht einfach kommen und Versammlungsteilnehmer:innen mit unverhältsnismäßigen Schmerzgriffen verhaften, ohne die Versammlung überhaupt aufgelöst zu haben. Haben sie an dem Tag aber gemacht. 

Sowohl dem Richter am Amtsgericht als auch der Richterin am Landgericht war das aber ziemlich egal. Sie erkennen den Klimanotstand nicht an. In deutschen Gerichten ist das Recht auf fossil betriebenen Individualverkehr wichtiger als das Recht meiner und aller zukünftigen Generationen, zu überleben. 

In erster Instanz war das Urteil sogar drei bzw. vier Monate Haft ohne Bewährung. Der Richter hatte bei der Urteilsverkündung einen roten Kopf, hat rumgeschrien und komplett die Beherrschung verloren. Es hat ihm gar nicht gepasst, was ich gesagt habe. Die Staatsanwältin hat vor dem Landgericht, als wir uns die Videos von den Schmerzgriffen im Gericht angeschaut haben, gelacht. 

Das habe ich alles nicht vergessen und es ist mir bei dieser expliziten Aktion und den Verhandlungen danach ein persönliches Anliegen, nicht jetzt klein beizugeben und dafür am Ende auch noch Geld hinzulegen.

Ich habe auch recht viele Aktionen mit der Letzten Generation gemacht, auch einige Aktionen, bei denen mit “höheren” Repressionen zu rechnen ist. Früher oder später werde ich deshalb höchstwahrscheinlich auch eine längere Gefängnisstrafe absitzen müssen, aus der ich mich nicht wie jetzt freikaufen lassen kann. 

Die Haft jetzt ist für mich auch eine Art Testlauf. Ich bin da glaube ich sehr stur und klar in meiner Haltung, höre mir dann an, was die Gegenargumente sind, erkläre, wieso und weshalb, aber ziehe dann mein Ding durch. 

Damals, bevor ich angefangen habe, mich auf Straßen zu kleben, haben mir auch Leute dringend davon abgeraten. Das bereue ich zum Beispiel auch null. Ich probiere eigentlich immer, das zu machen, was ich für richtig halte, auch wenn ich Satansbraten dadurch oft in Teufels Küche komme. 

Mich vertröstet ein bisschen, dass ja am Ende des Tages die Geschichte das letzte Urteil fällt, auch wenn ich leider glaube, dass schon bald gar keine Geschichten mehr aufgeschrieben werden können. 

Leben im dystopischen Endzeitkapitalismus hat schon einen Charme haha.

Die klassischen Proteste der Letzten Generation wie festkleben, festketten, unerwartet im Museum auftreten und dergleichen sind Geschichte. Welche Formen des Wachrüttelns hältst du in den kommenden Jahren für wirkungsvoll?

Das ist eine sehr gute Frage, Markito, eine, wie ich finde, sehr große Frage. Seit sich die Letzte Generation aufgelöst hat, eigentlich schon eine gewisse Zeit davor, beschäftige ich mich mit dem “Was nun?”. Ich kann dir keine wirklich klare Antwort darauf geben, aber ich probiere es.

Also die Letzte Generation hat im Kern Hilferufproteste gemacht, ein Appell an die Politik und die Gesellschaft. Straßenblockaden zum Beispiel waren ein symbolisches sich dem ”Weiter so” und fossilen Status Quo in den Weg setzen. Nach der Devise: “Stopp! Wir können so nicht weitermachen, weil wir uns immer schneller Richtung Klippe bewegen, und ich bin so verzweifelt und habe Angst, dass ich mich jetzt auf den kalten Boden vor tonnenschwere Autos klebe und komplett vulnerabel alle Reaktionen und Konsequenzen trage und aushalte. Ich werde nicht zurückschlagen.”

Als ich klein war, hat mir meine Mama beigebracht, dass ich keine Klippe herunterspringen soll, wenn ALLE das tun. Das, was wir Normalität und Alltag nennen, ist die Zerstörung und das Problem, und das ist weder normal noch alltäglich, was hier gerade passiert. Seit spätestens 1970 ist eindeutig klar, wohin die Reise geht, jeder wusste es, jeder weiß es. Es wird schlichtweg verdrängt und ist den allermeisten Menschen einfach scheißegal. 

Als ich emotional einmal wirklich an mich herangelassen habe, was die Situation übersetzt bedeutet und was die Tragweite und Dimension von ihr ist, war es für mich nur logisch, meine persönliche Freiheit zu riskieren und meine physische/seelische Gesundheit in das Feld zu führen. Weil eben diese ja auch bedroht ist. Deine “Time is up”-Vorträge haben auch geholfen. 

Ein Schlüsselmoment für mich war, als mich meine Schwester angerufen hat und sagte, dass sie schwanger sei. Es macht mich so unfassbar traurig und diesen tiefen Schmerz kann ich nicht in Worte fassen, wenn ich an unsere kollektive Zukunft denke und sehe, dass es den allermeisten Menschen so egal zu sein scheint, sie diese ganzen Ungerechtigkeiten hinnehmen und mittragen. 

Das Ziel der Letzten Generation war es, eine kritische Masse zu mobilisieren, die den Gehorsam verweigert, so, dass das System nicht mehr funktionieren kann und sich dann transformieren muss. Der Laden läuft nur, wenn wir alle mitspielen. 

Als ich bei der Letzten Generation angefangen habe, dachte ich, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis eine friedliche Revolution das System, die Maschine zu Fall bringen würde. Ich dachte, dass es ja so offensichtlich ist und es gar keine andere Möglichkeit geben würde, als dass alle Leute irgendwann “aufwachen”. Oh boy, war ich naiv. 

Da sich die Letzte Generation jetzt aufgelöst hat, sollten alle Alarmglocken bei der Gesellschaft angehen, das ist eine maximale Red Flag für den Punkt, an dem wir uns befinden. Die Letzte Generation ist gescheitert, nicht aber wegen mangelndem Einsatzes oder strategischer Defizite, sondern sie ist an der Verdrängungsgesellschaft gescheitert. 

Mir ist auch nochmal bewusst geworden, dass tatsächlicher, effektiver Klimaschutz eine radikale Abkehr vom Wachstumspfad und Überwindung des Kapitalismus bedeuten würde. Der Graph der CO2-Konzentration steigt seit Jahrzehnten an und scheint von jeder Interventionsmaßnahme unbeeinflusst zu sein. 

Klima ist ja auch nur ein Part, über die Biodiversitätskrise wird ja eigentlich nie geredet. Klimakatastrophe und Artensterben sind ja beides K.O.-Probleme. Und dann gibt es noch die anderen Planetaren Grenzen, an denene die Menschheit sehr energisch arbeitet, diese zu überreizen. Das klingt für manche vielleicht wie eine Verschwörungserzählung, aber ein Menschheitsaussterben noch in diesem Jahrhundert ist ein wahrscheinliches Szenario, so eine Situation hat es nie gegeben und wird es nie wieder geben. 

Und ja, was soll ich sagen, we tried, we fucking tried, aber Macht und Kapitalinteressen, Politik, Diffamierungskampagnen durch Springer, die fossile Lobby und die Maschine scheinen einfach zu übermächtig. Für uns war es halt wirklich David gegen Goliath, auch wenn die Chance sehr gering war, bin ich stolz und froh, dass wir es trotzdem versucht haben. Ich glaube fest daran, dass es wichtig gewesen sein wird.

Weißt du, Mark, ich trauere manchmal um das Leben, das ich im jetzt hätte führen können, mir fällt das immer wieder im Kontrast zu Freund:innen außerhalb der Bubble auf, die eine Ausbildung und Studium machen und ihr Leben leben, so, wie es jeder junge Mensch oder generell alle Menschen dürfen sollten. 

Viele meiner Freund:innen und auch ich opfern viel und geben, ohne einen Vorteil davon zu haben. Von der Gesellschaft, für die man das auf sich nimmt, so behandelt zu werden, so viel Gegenwind, Hass, Diffamierung und Kriminalisierung abzubekommen, tut schon irgendwo sehr weh. 

Aber ich denke, das ist der Fluch von zivilem Ungehorsam und dass damit alle Menschen in der Geschichte, die den Ungerechtigkeiten den Kampf angesagt haben, irgendwo mit diesen Gefühlen gehadert haben. Im internationalen Vergleich bin ich trotzdem noch extrem privilegiert. Der Ort, an dem ich jetzt bin, ist das schärfste Schwert, was dem Staat momentan zur Verfügung steht. Ich muss keine Angst haben, für das, was ich tue, erschossen zu werden. 

Dennoch verschärfen sich die Repressionen. Es gibt einen sehr beunruhigenden Trend von mehr Kriminalisierung und Härte gegen unliebsame Stimmen und ungehorsamen Protest. Ich würde sagen, die kommenden Jahre stehen die Zeichen auf einen totalitären Überwachungsstaat und Faschismus. 

Am Frankfurter Hauptbahnhof haben sie jetzt eine Live-Gesichtserkennungs, wenn die Nazis von der AfD in Regierungsverantwortung kommen und über solche bereits eingeführten Technologien verfügen, ja dann gute Nacht. Die Überwachungssoftware Palantir vom antidemokratischen Milliardär Peter Thiel wird jetzt schon in Deutschland in mehreren Bundesländern eingesetzt, das neue Polizeigesetz in Berlin ist eine Vollkatastrophe. Hier wird still und heimlich die Infrastruktur für einen totalitären Überwachungsstaat geschaffen und das sollte uns allen sehr zu denken geben. 

Global sind Faschismus und Imperialismus wieder voll im Trend, das ist denke ich so die letzte Verteidigungsinstanz vom sterbenden Kapitalismus. Was jetzt wirkungsvoll die nächsten Jahre ist, was das Ziel? Ich weiß es nicht. Aber der Kampf für eine gerechtere Welt muss trotzdem weitergehen, denn was bleibt uns denn anderes übrig? Puh, das war jetzt eine ausführliche Antwort, aber das ist, was ich dazu denke und fühle.

Mich erstaunt weniger die Wut als die absolute Gleichgültigkeit der meisten Menschen gegenueber dem, was sie selbst bewirken können. Wie bringst du Menschen dazu, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln?

Es vorleben, zeigen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen. Ich habe zu meiner Haft jetzt auch insgeheim die Hoffnung, dass Menschen, und wenn es nur einer ist, mitbekommen, dass sich dieser Lasse “freiwillig” einbuchten lässt und dadurch einen Zugang zu all diesen belastenden Themen findet und checkt, dass die Lage bitterernst ist. 

Ich probiere, Menschen irgendwie klarzumachen, dass es sehr gut tut, im Einklang mit inneren Werten zu handeln und diesen negativen Frieden nicht mehr hinzunehmen. Natürlich weiß ich, dass der Weg, den ich gewählt habe, nicht für alle ist, aber macht etwas!

Am Ende muss dieser Impuls aber von den Menschen selbst kommen.

Also seid mutig, seid ungehorsam!

Lieber Mark, es war mir eine Ehre. 

Alles Liebe aus dem Knast, Lasse

Letzte Generation – Teil 1

Letzte Generation – Teil 2

Letzte Generation – Teil 3

Letzte Generation – Teil 4

Letzte Generation – Teil 5

Letzte Generation – Teil 6

Letzte Generation – Teil 7

Letzte Generation – Teil 8

Letzte Generation – Teil 9

Menschen sind halt seltsam

Quelle: Forum, das Wochenmagazin, 16. Januar 2026

„Menschen sind halt seltsam

Von Svenja Welsch

Er ist der bekannteste Kriminalbiologe Deutschlands: Dr. Mark Benecke arbeitet nicht nur im Labor, sondern teilt seine Expertise auch mit einer Vielzahl interessierter Forensik- und Krimi-Liebhaber. Ein Interview über seine Arbeit, den Hype um True Crime und umkippende Show-Besucher.

Herr Benecke, Sie arbeiten als Kriminalbiologe. Was ist das überhaupt?

In meinem Fall: Jemand, der in Verbrechens-Fällen beispielsweise Blut, Haare, Insekten, Kot, Erbgut, Urin, Speichel, Krümelchen und Leichen-Magen-Inhalte untersucht. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die nur im Labor mit Erbgut arbeiten, oder andere, die nur Pollen anschauen. Kommt immer drauf an.

Foto: Ines Fischer

Foto: Ines Fischer

Ist ja jetzt nicht unbedingt der typische Berufswunsch aus der Grundschule. Wie kamen Sie dazu?

Zufall. Ich habe im Institut für Rechtsmedizin in Köln als Student genetische Fingerabdrücke lernen dürfen. Ich fand die Idee spannend, auf diese Art vielleicht Bio-Androiden von echten Menschen zu unterscheiden. Da das Labor im Keller bei den Leichen war, bin ich dabei irgendwie hängen geblieben.

Das große Interesse an Ihrem Berufsfeld hat Sie nicht nur zu einem Podcast, sondern sogar vor Live-Publikum geführt. Wie kam es denn dazu?

Ich antworte, wenn Menschen mich etwas fragen, und suche die Studien dazu heraus. Für Radio Eins (rbb/ARD) habe ich fünfundzwanzig Jahre lang ohne irgendeine Pause jeden Samstagmorgen eine neue Forschungs-Studie live ohne Fremdworte vorgestellt. Als Kind habe ich manchmal keine Antworten erhalten, das hat mich mega genervt. Daher habe ich mir vorgenommen, als Erwachsener alle Fragen nachzuschlagen und klar, kurz und einfach zu erklären. Während Corona hatten meine Frau und ich den größten deutschsprachigen Corona-Kanal, vom ersten bis zum letzten Tag der Pandemie, ohne Fremdworte, ohne Gelaber, nur die jeweils neuesten Messungen.

Wie erklären Sie sich das Interesse an forensischer Arbeit?

Die meisten Menschen möchten schon gerne die gemessene Wahrheit wissen. Sie können aber nicht immer schwierig geschriebene Studien lesen.

True Crime boomt ohne Ende. Können Sie das verstehen?

War schon immer so, seit Erfindung des Buchdruckes. Das hat viele Gründe. Drei davon: Menschen ist langweilig, oder sie sind dem Tod zu nahe gekommen, oder sie rätseln gerne.

Wie stehen Sie selbst zu True Crime? Oder muss man nach dem Job auch einfach mal abschalten und etwas anderes sehen?

Ich habe jeden Tag mit echten Verbrechen zu tun. Das ist für mich normal.

Dieser Hype ist auch oft eine Gratwanderung. Wenn ich beispielsweise an Netflix-Produktionen wie „Monster“ denke, so werden die dort behandelten Täter auch gerne mal regelrecht glorifiziert vom Publikum. An die Opfer oder deren Hinterbliebene denkt da dann selten einer. Wo verläuft die Grenze?

Ich schaue so was grundsätzlich nie, daher kann ich dazu nichts sagen. Ich habe auch noch nie „Medical Detectives“, wo ich seit über zwanzig Jahren Spuren erkläre, gesehen und auch noch nie die Serie „Tatort“. Wie gesagt, wir haben genug echte Fälle, die echte Menschen mit den echten Beteiligten – oft auch Angehörigen oder Täterinnen und Tätern – bearbeiten.

Stichwort Serientäter: Diese faszinieren uns besonders stark. Warum – und was macht sie aus?

Kommt drauf an. Es können narzisstische Antisoziale sein oder Menschen, die mangels innerer Widerstände ins Verbrechen rutschen, oder beides. Ein gutes Interview dazu habe ich mit Nico Claux, Mörder und Kannibale, gerade auf der Serienmord-Ausstellung gemacht, ist bei Youtube zu sehen (Anm. d. Red., unter folgendem Link aufrufbar: https://youtu.be/O2u8bdJl5Lw)

Wie erklären Sie menschliche Grausamkeit, die in einem solchen Täter stecken muss?

Klassische Serien-Täter suchen eine zuverlässige Bindung. Leider haben sie null Ahnung und null inneres Vermögen, wie die aussehen könnte. Daher machen sie das Falschestmögliche, um „dauerhafte“ Erlebnisse zu erschaffen.

Nicht nur in Sachen True Crime, auch im fiktionalen Bereich sind Thriller- und Horror-Fans von besonders grausamen Verbrechen in den Bann gezogen. Was ist für Sie die Spitze aller Grausamkeit?

Sehr grausam ist es beispielsweise, Tiere oder deren Ausscheidungen zu essen und gleichzeitig zu behaupten, man oder frau sei Tier-Freundin oder -freund. Das ist nicht nur grausam gegenüber den gefolterten Tieren, sondern zudem Selbst- und Fremd-Betrug.

Einige Ihrer Kollegen zeigen in ihren Bühnenshows auch gern einmal Fotos von Leichen – egal, in welchem Zustand. Wie handhaben Sie das – und wie reagiert da das Publikum?

Ich zeige in mehreren Vorträgen keine einzige Leiche. Das spielt sich sehr oft im Kopf der Menschen ab. Es gibt zwei Vorträge, wo Menschen neuerdings öfter umkippen, das ist der über Blut-Spuren (ohne Leichen) und der über mittelalterliche, christliche Gemälde (Leichen vorwiegend auf den Gemälden zu sehen).

Nun sprechen wir hier nur von Vorträgen, Sie arbeiten tagtäglich ganz nah daran. Wie geht man damit um? Nimmt man da auch das ein oder andere Mal negative Emotionen mit nach Hause oder können Sie das trennen?

Ich nehme alle Handlungen so, wie sie sind. Menschen sind halt seltsam. War schon immer so, wird immer so sein. Wir können nur versuchen, aus den Taten zu lernen, wie künftige Taten zu verhindern sind. Wenn das aber keinen interessiert, können wir das als spurenkundliches Labor auch nicht ändern.

Gab es einen Fall, der Sie besonders beschäftigt hat?

Ich behandele alle Fälle und alle Menschen haargenau gleich. Mein Team auch.

Anders gefragt: Was macht für Sie einen wirklich spannenden Fall aus?

Mir ist egal, ob er spannend wirkt. Interessant ist für mein Team und mich, ob es messbare Spuren gibt. Wenn die vorhanden sind, dann geht es weiter.

Gibt es in Ihren Augen ein „unlösbares“ Verbrechen?

Alle, von denen niemand je etwas erfahren hat.