Mark Beneckes WGT-Tagebuch 2018 (Wave-Gotik-Treffen Leipzig)

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke beim Wave-Gotik-Treffen 2018 in Leipzig 🦉 Mit Lucy van Org, Holger Kliemannel (Roter Drache), Honey (And One), Oswald Henke (Goethes Erben), Nadeshka, DJ Elivis & Oliver Klein, Elegant Machinery, WGT-Fans aus Skandinavien, Slushy Met, Rummelsnuff, Faderhead, Abbadon, einem Latex-Pony, Voodoo, sexy Tintenschnecken, M. Kruppe, Solitary Experiments, dem VikPic & dem Gothic DJ-Doppelwesen 🍄✨🦇 Das große ORKUS-Tagebuch!

PDF hier

KURZ NACHGEFRAGT: 5 FRAGEN AN MARK BENECKE

Quelle: Xaver (Aalen), Januar 2018, Fragen von Thomas (Tom) Jentsch

XAVER_Marky_Mark_Benecke_Interview_Thomas_Tom_Jentsch.jpg

XAVER: Moin Mark! Weihnachten steht vor der Tür—wie begehst du das Fest der Liebe?

Mark Benecke: Ich versuche, vor 22.00 Uhr ins Bett zu kommen — am besten mein eigenes. Das ist von Januar bis Weihnachten 2017 leider an 320 Tagen nicht der Fall gewesen.

X: Du bist richtig viel live unterwegs. Reist deine Frau Ines oft mit, oder legst du zwischen deinen vielenTerminen auch immer wieder bewusst Pausen ein, um Zeit zu Hause und mit Ines zu verbringen?

MB: Wir machen alles zusammen ... unsere Pause ist es, in Hoyerswerda, Aue, Hildesheim oder Berlinmal zwischendurch einen Kaffee zu trinken oder (neulich in Dresden) ein Buch-Antiquariat gegenübervom Hotel zu durchstöbern. Bewusste Pausen gehen nicht, denn es ist viel zu viel Cooles und Schönesund Wildes und Trauriges los.

X: Über 111 Tattoos zieren mittlerweile deinen Körper — da kann man schon von Sucht sprechen. Gibt esandere Sachen, die dich ähnlich locken? Kuchen? Maden? Superhelden?

MB: Leckeres veganes Essen immer. Superheld/innen auch. Spannende Fälle kommen von selbst rein, darüber freue ich mich aber auch immer — nicht darüber, dass sie passiert sind, aber darüber, dass wir ein Mosaiksteinchen zur Bearbeitung beitragen können.

X: Neben den vielen Liveshows bist du auch noch bei Die PARTEI aktiv, schreibst Bücher, machst regelmäßig Radio und und und ... Hast du mittlerweile einen Klon, damit du das alles schaffst, oder schläfstdu einfach nicht?

MB: Der Trick ist, unbedingt (!) zu schlafen. Unterwegs, also fast immer, ist das von 02.00 Uhr nachtsbis 09.00 Uhr morgens — das geht erstaunlicherweise. So sind Ines und ich fit genug, um die ganzen schönen Dinge zu stemmen. Nicht schlafen geht nicht. 

Neulich waren wir auf der saucoolen Kunst- undTechnoparty der „Heroin Kids" in Berlin gewesen und sind leider als erste gegangen, obwohl es sehr chefmäßig war. Das ist halt der Nachteil an der strengen Disziplin. 

Achja, und wir trinken fast keinen Alkohol mehr, das war auch eine interessante Umstellung — geht aber nicht anders, sonst kommst du selbst bei einem Feierabend-Bierchen nach ein paar Tagen nicht mehr aus dem Bett. Es ist sehr anstrengend, aber eben auch sehr geil. 

Wichtig ist auch, dass meine Kollegin Tina sowie meine Steuerberaterin und Grundschul-Freundin und meine Mutter das strukturelle Hintergrundrauschen sehr freundlich und kompetent regeln.

X: Gabs bei dir rückblickend eigentlich diesen einen, auslösenden Moment, wo du dich dann für deine Wissenschafts-Laufbahn entschieden hast?

MB: Ich habe mal geträumt, dass Spider-Man an unserer Langbau (=Plattenbau)-Siedlung vorbeischwingt. Das fand ich sehr cool und bewegend. Da er ja Biochemie studiert, war damit schon einiges klar, zumal ich auch den Film „Blade Runner" spannend fand. Die Frage dort ist ja, wie sich Androiden von Menschen unterscheiden. Das hat mich zu genetischen Fingerabdrücken und damit in die kriminalistische Richtung gebracht. Dass das Wissenschaft ist, wusste ich damals nicht. Für mich war und ist bis heute alles evidenzbasierte — also doppelt-verblindet Beweisbare — gut bearbeitbar, alles andere weniger. 

Ich habe ein Bett im Labor / Auf der Seite der Wahrheit

Der Rosenheimer Mark Benecke ist Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe. Sein Spezialgebiet sind Insekten, die sich auf und an Leichen befinden. Ein Gespräch über die Vorliebe für das Morbide

ABENDZEITUNG, SAMSTAG, 13. JANUAR 2018, Druck-Ausgabe Seite 18

AZ-INTERVIEW mit Mark Benecke. Deutschlands berühmtester Kriminalbiologe (47) ist Spezialist für forensische Entomologie und politisch für „Die PARTEI“ aktiv.

AZ: Herr Benecke, woher kommt die Leidenschaft für Ihren Beruf? Interesse an der Wissenschaft, Lust am Rätselknacken? Vorliebe für das Morbide?

MARK BENECKE: Genau, stimmt: alle drei. Und ich sortiere gerne Dinge.

AZ: Wie erklären Sie einem Laien Ihr Fachgebiet Forensische Entomologie und warum fasziniert Sie diese Wissenschaft? 

MARK BENECKE: Ich habe als Kind alles von Menschen und aus Büchern gelernt, die nette Fachleute für weniger Wissende wie mich geschrieben hatten. Das möchte ich jetzt gerne zurückgeben. Mein Fachgebiet ist so spannend, weil es eine ganz offensichtliche Welt ist – die der Zersetzung und des Kreislaufes des Lebens –, die aber viele einfach nicht anschauen. Es gibt also umso mehr zu entdecken. 

AZ: Wo wird mehr gemordet: In Großstädten oder gibt es auch in ländlichen Landstrichen und der Kleinstadt spektakuläre Fälle aufzuklären?

MARK BENECKE: Für mich sind alle Fälle gleich. In kleineren Regionen wird mehr totgeschwiegen, besonders im Bereich sexuellen und häuslichen Missbrauches. Abgesehen davon kann alles überall passieren, es ist bloß eine Frage der Bevölkerungsdichte und des Wohlstandes.

AZ: Wie erklären Sie sich das große Interesse an Mord und seiner Aufklärung?

MARK BENECKE: Menschen rätseln halt gerne, sie wollen aber auch mal ernst genommen werden. Ich rede offen und stehe nur auf der Seite der Wahrheit, von sonst nichts. Manche Menschen sind vielleicht schwach, aber sie wissen genau, dass Wahrheit der Kern von allem ist: Politik, Kultur, Religion, alles mögliche lässt sich testen. 

Ob man es macht oder nicht, ist eine andere Frage, aber die Test-Methoden finden viele spannend. Tötungen sind nur eine leicht einsehbare Übungs-Aufgabe, deren Lösungs-Mittel sich dann auf alles anwenden lassen. 

Ich bin jeden Tag neu überrascht über die Fragen – ob die Erscheinungen bei einem Arbeitskollegen durch Gift erzeugt sein können, ob ich auf einem Foto einen Ast gesehen habe und was er bedeutet und wie eine Facharbeit abläuft, bei der eine Schülerin tote Mäuse verwesen lassen möchte.

AZ: Sie werden als „Popstar der Wissenschaft“ charakterisiert. Wie geht man damit um?

MARK BENECKE: Ich will in Ruhe meinen Kram bearbeiten und sehe mich selbst als ganz normalen Mensch. Ob andere das als bunt, schwarz oder poppig ansehen, sagt wohl mehr über andere aus als über mich. Ich sehe mich einfach als jemanden, der gerne forscht und erklärt.

AZ: Wie teilt man sich die 24 Stunden täglich ein, wenn man Autor ist, Fernsehauftritte bewältigt und Vorträge hält? 

MARK BENECKE: Aspergerische Organisation, keine Ausreden, ein verlässliches Team, schlanke Strukturen – meine Frau und ich haben ein Bett im Labor und keine eigene Wohnung – , ein elektronischer, von meiner Frau selbst programmierter, echt ausgetüftelter Kalender, die coole Tina im Hintergrund, die alle Abläufe im Schlaf kennt und selbst schöne Forschung macht, uneingeschränkte Erreichbarkeit 365 Tage im Jahr. 

AZ: Vielfältigkeit zeichnet Sie auch in anderen Bereichen aus: Politik, Tierschutz, Musik und Theater. Woher nimmt man die Energie?

MARK BENECKE: Mir ist langweilig, wenn nix los ist. Genauer gesagt, schlafe ich sofort ein. Ich schlafe zwar sehr gerne, aber ich erlebe halt auch gerne etwas und schnuppere gerne in anderen Welten herum. Vorgefertigtes Zeugs mag ich nicht, weder beim Essen noch im sonstigen Leben, daher muss ich selbst ran.

Interview: Ulli Scharrer

(Fotos: Mark Benecke und Rocksau Pictures)

Mark Benecke kommt am 20.01. ins Volkstheater nach München.  

Das Interview erschien gleichlautend und mir Ergänzung auch im Straubinger Tageblatt, 13. Januar 2018, Druck-Ausgabe Seite 43, mit folgender Ergänzung:

Schockierende-faszinierende Welt

Kurzer Streckbrief des Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke

STRAUBINGER RUNDSCHAU / TAGBLATT, SAMSTAG, 13. JANUAR 2018, Druck-Ausgabe Seite 43

In seinen Büchern und Vorträgen erlaubt Dr. Benecke einen Einblick in die Arbeit eines der bekanntesten und erfolgreichsten Kriminalbiologen der Welt.

straubinger_rundschau_artikel_ulli_scharrer_januar_2018_zeitung_presse_bericht_mark_benecke_jpg_small.jpg

Ein bisschen anders packt der tätowierte, vegan lebende Wissenschaftler Dr. Mark Benecke das Leben an. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der Partei „Die PARTEI“ und praktiziert den Dudeismus, eine Lebenseinstellung die aus dem Film „The Big Lebowski“ stammt. Er hat sich vor allem der Entomologie, also der Insektenkunde, verschrieben.

Sein forensisch kriminalistisches Wissen vermittelt Dr. Mark Benecke unkompliziert an Laien mit seinen fundierten aber locker geschriebenen Sachbüchern oder mit Büchern und Experimentierkästen für Kinder und Jugendliche. Mit seinem Multimediavortrag „Kriminalfälle am Rande des Möglichen“ kommt er gleich zweimal, am Samstag, 27., und Sonntag, 28. Januar, in den Markmillersaal.

Der erste Termin war so schnell ausverkauft, dass ein zweiter angeboten wurde, da gab es nach 25 Minuten keine Karten mehr. Beim Einlass gilt: nur ab 18 Jahren! 

Kriminalfälle am Rande des Möglichen. Das sind Fälle, in denen Gerichtsmediziner an ihre Grenzen stoßen, weil die Spuren für eine eher unlogische und fast schon unmögliche Todesursache sprechen. Dann werden Experten gerufen wie Diplom-Biologe Dr. rer. medic, M.Sc., Ph.D. Mark Benecke.

Ausbildung beim FBI und ein gesunder Magen

Unfall oder Mord? Ist es möglich, Menschen mit Körperteilen zu töten? Und hat der Bordellbetreiber und Waffenhändler wirklich nichts mit dem erschossenen Mann in seiner Bar zu tun? Können Polizisten Spuren so fälschen, dass genau derjenige unberechtigt in Verdacht gerät, der als Letzter mit der Toten gesehen wurde? Die Antworten erhält man, wenn man die Spuren ohne Annahmen und Vorverurteilungen zum Sprechen bringt.

Dr. Benecke widmet sich seit mehr als 20 Jahren diesen Aufgaben auf skurrile bis zum Teil eklige Weise und findet nicht selten Antworten, die man manchmal lieber nicht finden hätte wollen: Wieso sind beispielsweise die Fingernägel des Toten so lang und führt die Madenart, die ihm aus dem Mundwinkel kriecht, vielleicht sogar zum Mörder? Beneckes Job ist eine schockierende und faszinierende Welt, die schon viele Verbrecher weltweit hinter Gitter gebracht hat. Und da nimmt man gerne in Kauf, dass sich beim Anblick mancher Details schon mal der Magen umdrehen kann.

Der Kölner wurde vom FBI ausgebildet und operiert international. Dr. Benecke hat Speziallabors in Kolumbien, Vietnam und auf den Philippinen errichtet und sich vor allem der Entomologie verschrieben. Als einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren durfte er unter anderem den Schädel von Adolf Hitler untersuchen. 

–su–

(Fotos: Christoph Hardt und Annie Bertram)

http://www.abendzeitung-muenchen.de / http://www.straubinger-tagblatt.de (Straubinger Rundschau)

 

Zimmer eins: Power

Quelle: Zimmer Eins - Das Patientenmagazin, Herausgeber: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Ausgabe 8/2017, August 2017

 

"Sind Sie ein Nerd, Dr. Mark Benecke?"

VON DANIEL WEHNER

Klick für's PDF!

Dr. Mark Benecke: Seit mehr als 20 Jahren ist der „Herr der Maden“ als wissenschaftlicher Forensiker unter anderem im Bereich der Insektenkunde aktiv. Er ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren und untersuchte unter anderem Adolf Hitlers Schädel. Er veröffentlicht Artikel, Sach- und Kinderbücher sowie Experimentierkästen und geht auf seiner Tournee gemeinsam mit dem Publikum auf Spurensuche.


Aus der Perspektive meiner Umgebung bin ich ein Nerd. Ich würde mich selbst nicht so nennen, aber kann sehr gut damit leben.

Mein Bruder und ich besaßen die ersten Heimcomputer, wir haben nie Sport gemacht, nicht auf Moden geachtet und alles sachlich definiert. Fragt uns jemand, ob wir an Gott glauben, antworten wir bis heute: „Definier’ doch mal Gott“. Früher war man dadurch der der Seltsame oder Kauz. Heute ist es cool geworden, weil wir auch etwas schräge Spezialisten im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich brauchen. Deshalb sind auch Serien wie „Big Bang Theory“ erfolgreich, die von einer Physiker-WG handelt. Nerds versachlichen und detaillieren – das ist eine Stärke.

Ein Beispiel: Ich wurde einmal zu einem Mordtatort gerufen, an dem noch Teelichter brannten. Als ich die Lichter fotografiert habe, fragten die anderen mich, ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Aber im Nachhinein haben diese scheinbar nebensächlichen Details bei der zeitlich-räumlichen Rekonstruktion der Tat geholfen. Man konnte auf den Fotos sehen, wie weit die kleinen Kerzen schon heruntergebrannt waren.

Ich werde oft gefragt, ob man mit der Zeit lernt, Bilder von schweren Gewalttaten oder intensive Tatortgerüche zu ertragen. Aber darum geht es mir nicht. Ich nehme die Welt wahr wie sie ist. Ich bewerte nicht und ekle mich daher auch nicht. „Nerds” beobachten objektiv, und in meinem Beruf lasse ich zusätzlich alles neutral auf mich einwirken. Denn wenn man alle Details wahrnimmt, wird man zu jemanden, der Tatortbilder und -gerüche bearbeiten kann und ihnen nicht ausgeliefert ist.

Gerüche sind zudem unsere Kooperationspartner. Ich kann beispielsweise durch eine Stadt gehen und anhand der Gerüche genau sagen, wo tote Vögel im Gully oder in Büschen liegen. Andere blenden das erstaunlicherweise aus. Sie riechen zwar die Fäulnis, aber für viele Menschen existiert sie trotzdem nicht, weil sie die Fäulnisgerüche verdrängen.

Allerdings ist die Stärke des Versachlichens auch oft mit einer großen Schwäche verbunden: Ich sehe zum Beispiel keine sozialen Zusammenhänge. Nach keinem Kinofilm – selbst wenn es Spiderman ist – bin ich in der Lage, richtig zu beschreiben, in welchem Verhältnis die Figuren zueinander stehen. Harry Potter musste ich dreimal gucken, um zu verstehen, zu welchen Häusern die Zauberschüler gehören.

Ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich einen Schuss Autismus habe. Der berühmte Nervenarzt Hans Asperger hat mal gesagt, dass man leicht autistische Züge braucht, wenn man sehr detailverliebt ist und Dinge tut, die andere so langweilen.

Mit herzlichem Dank an Johannes Dorenkamp und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.