"Eine Leiche verlangt nichts, ..."

Quelle: Forum Wissenschaft, Nr. 4, Dezember 2025, 42. Jahrgang

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Ein Gespräch über die Disziplin der Kriminalbiologie

Bei Todesfällen, wo Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen, werden die Leichen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Die Untersuchung der Todesumstände ist Aufgabe der forensischen Biologie. Die bekannten Darstellungen im Fernsehkrimi am Sonntagabend haben aber nur wenig mit der realen Praxis zu tun, wie Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview mit Yannick Borkens erläutert.

Forum Wissenschaft (Yannick Borkens, im Folgenden FW): Gerade für unsere nicht-naturwissenschaftlichen Leserinnen und Leser ist es spannend und interessant zu erfahren, was die Kriminalbiologie als Disziplin ist und mit was sie sich beschäftigt. Was ist Kriminalbiologie? In welchen Situationen kommt sie zum Einsatz?

Foto: Mark Benecke

Mark Benecke (MB): Forensisch heißt eigentlich vor Gericht/für das Gericht; diese Bedeutung ist in Deutschland aber nicht so eng und spiegelt die weit gefächerte Arbeitsweise auch nicht wider.

Als Wort aus dem Englischen ist es aber über TV und Kino wieder in seiner nicht ganz richtigen Bedeutung nach Europa gelangt. Ganz egal, hier der vereinheitlichte Vorschlag: Forensik ist eine Mischung aus Kriminalistik, Rechtsmedizin und Naturwissenschaften. Die Zusammenarbeit führt dabei zu einem weiten Blick. Solche umfassenden Untersuchungen waren bei uns im Labor beispielsweise ein Blutspuren-Muster nach einer Doppel-Tötung. Wir untersuchten dabei dieselben Blut-Spuren auf DNS (Naturwissenschaften), Schleuder-Richtung (Kriminalistik) und Verbringung durch Fliegen (forensische Entomologie). Die Leiche selbst wurde natürlich von Fachärztinnen für Rechtsmedizin beurteilt. Dieser auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorgestellte Fall zeigt, wie ein Einzelner viele Verfahren verknüpft anwendet. Ich habe für den Stern auch mal mit langen Zähnen zwei C. S. I.-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamtinnen, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht.

FW: Welche Beiträge kann sie leisten, um Umstände eines Todesfalles zu ermitteln? Und was kann sie nicht leisten?

MB: Mein Team und ich schauen uns jeden Fall unbefangen an. Daher passiert im kriminalbiologischen Alltag jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blutspuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen. Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen.

Alle Fälle sind super herausfordernd. Wir behandeln auch alle Fälle gleich. Ich bin nicht für die Gefühle verantwortlich, sondern für die messbare Wahrheit. Wenn es etwas ist, das therapeutisch behandelt werden muss, dann müssen Leute ran, die sich mit der »Seele« auskennen. Oder wenn es politische Folgen hat, dann muss es politisch gelöst werden. Das hat auch etwas Kulturelles: Bilder von Tatorten können wissenschaftlich herausgegeben werden, aber teilweise sind sie so episch und eindrucksvoll, dass sie — wie soll ich sagen — Wellen und Fahrwasser entwickeln. Dem kann man nicht ausweichen. Und dann muss man sich überlegen, wie man damit arbeitet. Der Kollege aus Österreich zum Beispiel. (Otto) Prokop, Leiter der Ost-Berliner Rechtsmedizin, hat sehr bildlich gearbeitet und ist mit seinem »Atlas« gegen seinen Willen im damaligen Westdeutschland unter Künstlerinnen, Künstlern bekannt geworden — also nicht wissenschaftlich. Das Buch ist erst nach dem Mauerfall in Deutschland wissenschaftlich wahrgenommen worden, obwohl es ein rein wissenschaftliches Werk ist. Prokop hat genau das gemacht, wovor ich gewarnt wurde: Er suchte Bilder aus, die so eindrucksvoll waren, dass sie ihr Eigenleben entwickelt haben. Wir achten seither darauf, dass das nicht passiert, denn wenn die Angehörigen 20 Jahre später auf irgendeinem Umweg wieder damit in Berührung kommen, dann lässt man es besser sein.

FW: Welche Rolle spielen Exhumierungen? Wann und wie werden sie durchgeführt?

MB: Wir hatten mal den Auftrag einer Familie, die Akten im Fall ihres verstorbenen Sohns zu sichten. Sie versprach sich Hinweise darauf, dass er nicht — wie von der Polizei angenommen — tödlich verunglückt, sondern Opfer einer Tötung war. Im Juni 2006 war die Leiche des Jungen nach sechsmonatiger Vermisstenzeit in Österreich in einem Bachbett gefunden worden. Er hatte während der Wintersaison an einem Skilift gearbeitet und mit seinem Kollegen und dessen Mutter eine kleine Abstellkammer direkt an der Liftanlange bewohnt. Die Eltern befragten die beiden Mitbewohner erneut zum Verschwinden. Beide beharrten darauf, dass er eines Nachts mit einem ihnen unbekannten Mädchen verabredet gewesen war und mit diesem durchgebrannt sei. Diese Version zum Verschwinden des Jungen erschien auch der Polizei plausibel. Auf dem Parkplatz der Liftanlange entdeckten die Eltern jedoch das unverschlossene Auto ihres Sohnes, in dem sich seine gesamten privaten Dokumente wie Führerschein und Pass sowie ein einzelner Socken befanden. Die Polizei stellte das Auto daraufhin sicher. Eine spurenkundliche Untersuchung blieb aus. Als später in einem dem Skilift nahe gelegenen Bachlauf Müll aufgesammelt wurde, fand man seinen Parka sowie eine Matratze, die aus der Unterkunft des Kollegen stammte. Außerdem entdeckten Passanten die teilskelettierte Leiche des Jungen mit stark zersetzter Bekleidung. Der Leichenfundort lag 2,5 km von der Lift-Anlage entfernt. Die Sektion ergab aufgrund der fehlenden Weichteile keine Auskunft darüber, ob Fremdeinwirkung (Verletzungen an den Weichteilen) vorgelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur der Kollege und Mitbewohner zu dem Vorfall polizeilich befragt worden, nicht jedoch die Mutter.

Die Eltern gaben sich damit jedoch nicht zufrieden und hatten selbst Suchen durchgeführt. Nach vielen Beiträgen, in denen die Familie die Vorgehensweise der Polizei anprangerte, wurden im Januar 2008 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die Mutter des Kollegen belastete ihren Sohn und sagte aus, er habe das Opfer erstochen. Bei der Tat sei sie nicht anwesend gewesen, jedoch habe sie bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Die österreichischen Behörden begingen daraufhin den Tatort mit einem Blutspürhund. Die Eltern hatten bei einem ihrer Besuche in der Unterkunft einige Holzdielen aus dem Boden gebrochen. Auf diesen hatten sie nicht untersuchte, an Blut erinnernde Flecken gesichtet. Einige dieser Stücke brachten sie zu einer Besprechung in unser Labor.

Der Blutschnelltest zeigte an mehreren Stellen auf den Holzstücken eine positive Reaktion. Aus dem darauf folgenden Gutachten des LKA Thüringen ging jedoch hervor, dass an den blutverdächtigen Anhaftungen der eingesandten Holzstücke kein Blut nachweisbar war.

Aus der molekulargenetischen Untersuchung der Materialproben war die Bestimmung eines DNS-Identifizierungsmusters nicht möglich. Die Schlussfolgerung: Es konnten keine weiteren Hinweise zum Verletzungs-Ort des Geschädigten gegeben werden. Die Exhumierung und anschließende Sektion im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Jena im November 2008 ergaben an Brustbein sowie der 6. und 7. Rippe des Leichnams gradlinige, glattrandige Knochenverletzungen (Stich-Schnitt-Verletzungen). Das Gutachten bestätigt, dass für die Beibringung der Rippenverletzungen ein spitz zulaufendes scharfes Messer in Betracht komme. Diese drei — wegen der Knochendefekte einzigen noch sichtbaren — Stichverletzungen waren nicht todesursächlich: Es konnten weder stark blutende Gefäße noch Brustorgane verletzt werden, da die Knochen jeweils nicht durchstochen wurden. Nach Einschätzung der Rechtsmediziner erfolgte die Verletzungsbeibringung am liegenden Opfer. Im Dezember 2008 wurde der Kollege/Mitbewohner von der Skiliftstation wegen Totschlags angeklagt. Die Verhandlungen fanden in Deutschland statt. Die beragte Rechtsmedizinerin erklärte, es sei aufgrund des Stichmusters nicht auszuschließen, dass weitere Stiche ausgeführt wurden, die nicht auf Knochen trafen, sondern Lunge oder Herz tödlich verletzten. Aufgrund des Zersetzungszustandes der Leiche konnte das aber naturgemäß nicht belegt werden. Ende Dezember 2008 wurde der Angeklagte nach einem Indizien-Prozess wegen Totschlags verurteilt.

FW: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kriminalbiologie und der forensischen Biologie?

MB: Keine.

FW: Welche Rolle spielt die Molekularbiologie innerhalb der Kriminalbiologie? Und welche Methoden kommen besonders häufig zum Einsatz?

MB: Aufgrund einer Flut von Serien wie C. S. /. in den 1990er Jahren und vielenweiteren, die sich später gerne mit Labortechniken in Kriminalfällen befass-ten, erwarten die Öffentlichkeit und (wo vorhanden) die Geschworenen in Kriminalfällen, dass alle Tatorte einer genetischen Fingerabdruckanalyse unterzogen werden müssten — der »CSI-Effekt«. Bald wurde daraus ein »umgekehrter CSI-Effekt«, das heißt, »während Geschworene aufgrund von CSI-ähnlichen Serien möglicherweise Hightech-forensische Beweise in Strafsachen erwarten und bei Fehlen solcher Beweise unangemessener Weise einen Freispruch sprechen, messen dieselben Geschworenen aufgrund derselben CSI-ähnlichen Serien forensischer Beweise oft zu viel Gewicht bei, wenn solche Beweise tatsächlich von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden, was zu Verurteilungen in Fällen führt, in denen der Angeklagte wahrscheinlich hätte freigesprochen werden müssen. «

Genetische Fingerabdrücke sind eigentlich wie ein normaler Hautabdruck. Es entsteht in beiden Fällen ein Barcode-Muster, das nichts über den Körper oder den Geist der Person aussagt. Wenn man grundsätzlich gegen die Verwendung von eindeutigen Merkmalen in Strafsachen ist, blieben ja als einzige Beweise nur Zeugenaussagen übrig. In vielen Tests wurde aber gezeigt, dass solche Aussagen nicht zuverlässig sind und von den Überzeugungen der Zeuginnen und Zeugen beeinflusst werden. Im Gegensatz dazu sind Beweise wie genetische Fingerabdrücke zuverlässiger.

Noch besser daran ist, dass DNS-Beweise immer wieder getestet werden können. Wenn ein Experte über die objektiven Beweise aus seinem Labor lügt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein unabhängiger Test die Lüge aufdeckt.

FW: Spielt die Forensik auch bei geistlichen oder kirchlichen Fragen eine Rolle?

MB: Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin hatten vor unserer Untersuchung manchmal Zweifel erregt. Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche mittlerweile genauer wissen. Darum konnten beispielsweise Blut- und Speichelproben von »Therese von Konnersreuth« in München untersucht werden. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der »Therese von Lisieux«, konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung. Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur »Therese von Konnersreuth«, weil sie die Leiden Christi so stark erlebte, dass mehrere Wunden an ihrem Körper bluteten. Die Kolleginnen und Kollegen konnten Erbgut-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut einer aufbewahrten, durchbluteten Verbandskompresse gewonnen hatten, mit Erbgut aus dem Speichel an Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person- und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte das gleiche Mitochondrien-Erbgut wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte. Was das religiös bedeutet, geht uns aber nichts an.

FW: Wie interdisziplinär ist die Kriminalbiologie? Ist sie eine reine Naturwissenschaft? Oder spielen auch Geisteswissenschaften wie die Soziologie oder die Kriminologie eine wichtige Rolle?

MB: Sie spielen keine Rolle, allerdings reden wir miteinander. So beschrieb zum Beispiel der kanadische Soziologe Neil Gerlach vor vielen Jahren in seinem Buch The Genetic lmaginary: DNA in the Canadian Criminal Justice System 2004 verschiedene mögliche Ängste der Gesellschaft hinsichtlich der Entwicklung und Ergebnisse der Biotechnologie, genetisch veränderte Lebensmittel, mögliche Forderungen nach einem Recht auf Normalität (»neue Eugenik«), Patentierung von Genen und »charismatische Wissenschaft«. Auch die »Kultur der Spur« und der DNS-Fingerabdruckmethode im Hinblick auf ihre Anwendung der Kriminalistik und ihre Auswirkungen auf Gerichtsverfahren werden diskutiert.

Neil Gerlach argumentiert, dass die Verwendung von DNS in rechtlichen Kontexten zu einer »Überwachungsgesellschaft« führen kann. Meiner Meinung nach wird die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Soziologie manchmal unnötig vergrößert, wie es auch bei Gerlachs Werk der Fall ist. Er prägt den Begriff »Biogovernance«, um zu beschreiben, wie DNS-Typisierung und andere genetische Methoden zu einem Regime der Praxis werden. Seiner Meinung nach ist dies das Ergebnis eines Machtgefüges namens »Social Governance«, das sich der Menschen befasst als mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Es ist in Ordnung, eine solche politische Aussage zu treffen und es dabei zu belassen. Allerdings vermischt Gerlach viele Dinge, die getrennt werden sollten — und tatsächlich auch getrennt sind. Angesichts meiner internationalen Erfahrung war ich überrascht, dass die Kanadier solche Angst vor der nicht-kodierenden DNS-Typisierung haben, und ich frage mich, warum das so ist. Die sehr liberalen Niederlande hatten ungefähr zeitgleich als erstes Land ein Gesetz verabschiedet, das sogar die Typisierung von Augen- und Haarfarben in Strafsachen erlaubt, und in England wird die DNS-Probe einer Person in die Datenbank aufgenommen, wenn sie eine Straftat begeht (praktisch schon ab Trunkenheit am Steuer). In beiden Ländern wurde die erweiterte Verwendung der DNS-Typisierung weder zur Herstellung »genetischer Gerechtigkeit« noch gegen den Willen der Öffentlichkeit durchgeführt. Ganz im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde gehört und stimmte zu. Außerdem ist »genetische Gerechtigkeit« unmöglich, da niemand allein auf der Grundlage eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Es muss immer andere wichtige Hinweise geben, die eine Person mit einer Straftat in Verbindung bringen, nicht nur das Erbgut allein. Der Grund dafür ist einfach: Wenn ich eine Zigarette an einem Ort fallen lasse, der 15 Minuten später zum Tatort wird, wird mich niemand bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft beschuldigen, wenn ich kein Motiv, keinen möglichen Nutzen und keine andere Verbindung zum Opfer oder zum Tatort habe.

FW: Kommt die Kriminalbiologie bzw. die Forensik auch bei archäologischen Fragestellungen zum Einsatz? Waren Sie selbst schon an archäologischen Ausgrabungen beteiligt?

MB: Ja. Hier kann zum Beispiel die forensische Entomologie (Insektenkunde) helfen. Die Besiedlung von Leichen durch Insekten und andere Gliederfüßer ist seit Jahrtausenden bekannt. Forensisch-entomologische Untersuchungen, also die Begutachtung der an oder auf Leichen lebenden Insekten hinsichtlich ihrer Systematik und Artbestimmung, ihrer Entwicklungsbiologie und ihrer Lebensweise, gehören heute in vielen Ländern zum bekannten Werkzeug der Rechtsmedizin und Kriminalistik. In der Archäologie hat die Entomologie in den letzten Jahrzehnten vorwiegend im Bereich der Umwelt-Untersuchungen der weiten Vergangenheit bzw. der Umweltarchäologie Eingang gefunden und neben der Untersuchung von uralten Pflanzenresten neue Wege zur Ermittlung des ursprünglichen ökologischen Umfeldes archäologischer Fundplätze eröffnet.

Vergleichsweise selten wurden dagegen bisher Insektenreste bei der Beurteilung archäologischer Leichen- bzw. Grabfunde berücksichtigt. Dabei sind Leichen für weit über hundert Gliederfüßerarten — insbesondere Fliegen und Käfer — Brutstätte, Nahrungsquelle und Lebensraum. Da Gliedertiere die mit Abstand artenreichste und größte Gruppe aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind sie auch in scheinbar unwirtlichen Lebensräumen noch an Leichen anzutreffen. Mit den Veränderungen eines Leichnams nach dem Tod gehen zeitlich sich überlappende Gliedertierbesiedlungswellen einher, die als Besiedlungswellen bezeichnet werden. Anhand dieser spezifischen Besiedlungswellen lassen sich oft Rückschlüsse auf die Liegezeit und die Todesumstände einer Leiche ziehen. In der Archäologie fanden die Erkenntnisse der forensischen Entomologie erst recht spät Eingang: Eine der frühesten Beschreibungen von Insektenresten aus einer archäologisch untersuchten Bestattung stammt aus dem Jahr 1836. Bei Ausgrabungen in Wymondham Abbey in Norfolk stieß man im Chor der Klosterkirche in einer Backsteingruft auf zwei Bleisärge. In einem der Särge fand sich die gut erhaltene, mumifizierte Leiche einer Frau, auf der der Ausgräber S. Woodwards Reste eines Käferinsektes sowie zahlreiche lebende Maden beobachtete. Anfang des 20. Jahrhunderts rückten Insekten aus archäologischen Grabfunden stärker in das Blickfeld der Wissenschaft. Während zunächst Befunde aus Ägypten im Vordergrund standen, lassen sich seit den 1930er Jahren auch einzelne Arbeiten zu europäischen Fundstellen anführen.

Meine Mitarbeiterin Tina und ich haben auch schon Nächte im größten Mumien-Keller der Welt verbracht und dort die Insekten angesehen. Nach zehn Jahren hatten wir sie alle auseinander gepuzzelt und bestimmt und konnten zeigen, was sich im Laufe der Jahrhunderte im Keller wie zersetzte.

FW: Passend zum archäologischen Thema sollte hier auch die anatomische Provenienzforschung erwähnt werden. In letzter Zeit sind viele Institute und Museen bemüht, ihre Kunst- und Kulturgüter aus Übersee zu katalogisieren und gegebenenfalls an die ursprünglichen Herkunftsländer zurück zu geben. Auch anatomische Sammlungen schließen sich diesem Bestreben an. Diese Arbeit ist insofern besonders, weil es sich hierbei um menschliche Überreste handelt. Wie kann die Kriminalbiologie oder die forensische Biologie hier helfen?

MB: Ja. Durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Knochen von Tätowierungen und so weiter. Lars Krutak, ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller, beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen. Er nennt sich »Tattoo Hunter«. Eine seiner Tätigkeiten ist es, Skelette und schamanische Ritualgegenstände der alaskischen Ureinwohner, die im Smithsonian Museum in Wahington DC liegen, zurück an ihren Ursprung zu geben. Seine eigenen Tätowierungen helfen ihm dabei, nach eigener Aussage, mit der örtlichen Indigenen Bevölkerung in Kontakt zu kommen: »Meine rituellen Narbenmuster und Tätowierungen helfen mir sehr. Die Menschen vor Ort sehen sofort, dass ich – ein Mensch aus einer total anderen Kultur — durch Schmerzen und Körperveränderungen meine Transformation durchgemacht habe, genau wie viele von ihnen. Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Tätowierungen, die mit jeder auf der Erde bekannten Methode gestochen wurden: japanisch, von Hand, mit Tierzähnen, elektrisch — und oben drauf über tausend Narben. So eine Mischung hat kaum jemand.«

FW: Forum Wissenschaft betrachtet oft auch kritische Aspekte der verschiedenen wissenschaftlichen und akademischen Disziplinen. Gibt es solche kritischen Betrachtungen auch bei der Kriminalbiologie bzw. auch bei den forensischen Wissenschaften?

MB: Ja, besonders zu »Rassen«. So gab es recht lange Schädelvermessungen, auch, weil man diese gut transportieren konnte. Weichteile zersetzen sich mit der Zeit und sind daher deutlich schwerer zu untersuchen. So hat man angefangen Knochen zu vermessen. Viele Museen haben zum Beispiel geguckt, ob es Unterschiede zwischen den sogenannten Ureinwohnern oder früheren Bewohnern und den später gekommenen Europäern. Das hat man in Nordamerika wie auch in Südamerika gemacht. An Knochen kann man sehr viele Sachen ablesen bzw. spiegeln sich viele Dinge in den Knochen wider: Krankheiten, Körpergröße, welche Muskelansatzstellen wo dran sind und so weiter. Irgendwann hat man dann gemerkt, das bringt nichts außer, dass wir feststellen, dass die genetischen Wirkungen, die häufig durch zufällige Begebenheiten entstehen, stattgefunden haben. Es hat also überhaupt keinen praktischen Nutzen, wie man früher dachte, in Bezug auf irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale. Teilweise konnten durch Schädelvermessungen zwar ganz brauchbare Vaterschaftsfeststellungen machten. Doch durch modernere Verfahren wie den genetischen Fingerabdruck wurde diese Methode komplett überflüssig.

Ähnlich sieht es auch bei der Hautfarbe aus. Hautfarben sind so unbedeutend. Würde man Albinos aus den unterschiedlichsten Bereichen der Welt (Europa, Afrika, Südamerika etc.) miteinander vergleichen, könnten wahrscheinlich 90 % der Menschen diese Albinos nicht ihrer Herkunftsregion zuordnen. Wahrscheinlich wären jetzt selbst liberale Menschen geneigt zu sagen »hey, das kann man doch wohl nicht sein. Die müssen doch eine total platte Nase haben oder irgendwelche auffallenden Augen«. Nein, es gibt alle möglichen Übergänge. Und bei Hautfarben ist das genauso. Klar gibt es Mikrounterschiede.

Aber wenn du mit einem Fahrrad durch die Welt fahren oder zu Fuß gehen würdest würde dir von Tag zu Tag der Unterschied überhaupt nicht auffallen. Kurz gesagt, es spielt überhaupt keine Rolle, es hat überhaupt keine Aussage. Wie nicht weniges resultiert dies wahrscheinlich aus einer kolonialistisch geprägten Problematik.

FW: Könnte die Kriminalbiologie dazu beitragen, künftig Todesfälle zu verhindern?

MB: Ja. Das gilt auch für die Rechtsmedizin. Vor wenigen Tagen haben die beiden Präsidentinnen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der auch ich seit dreißig Jahren angehöre, und des Berufsverbandes schön geschrieben: »Rechtsmedizinische Obduktionen liefern darüber hinaus unverzichtbare Daten für die Mortalitätsstatistik und damit für Prävention und Gesundheitsplanung. Erkenntnisse aus Todesfallanalysen (z.B. zum Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizide) fließen unmittelbar in gesundheitspolitische Maßnahmen ein. Durch die rechtsmedizinische Aufarbeitung von potentiellen Behandlungsfehlervorwürfen wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und Qualitätssicherung im Gesundheitssystem geleistet. Rechtsmediziner haben durch Forschung zu den Risikofaktoren für einen Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu dessen Inzidenzrückgang aktiv beigetragen.« In meinen Fall gilt auch für Täter aller Art, auch Serientäter, mit denen ich spreche: Wenn wir verstehen, wie und warum sie die Taten durchgeführt haben, dann können wir sie gemeinsam hoffentlich künftig leichter verhindern.

FW: Gleichberechtigung und Feminismus sind Themen, welche auch in der Wissenschaft und dem akademischen Bereich immer wichtiger werden. Während gerade die Naturwissenschaften früher Männerdomänen waren und Frauen der Weg an die Hochschulen erschwert wurde, ist es heute glücklicherweise anders. Wie sieht die Geschlechterverteilung in der Forensik aus? Und wie wird diese sich in den nächsten Jahren entwickeln?

MB: Das Fach wird von Frauen schon immer bevorzugt, weltweit.

FW: Wie sieht die Altersverteilung aus? Leidet auch die Forensik unter dem demografischen Wandel? Oder kommen genug junge Akademiker nach?

MB: Es kommen genug nach, da viele Menschen durch Krimis, Filme, Serien, Podcasts und dergleichen angezogen werden. Sie bleiben aber nicht im Fach, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

FW: Wenn ich Interesse an einer Tätigkeit in der Kriminalbiologie hätte, was wäre mein Eintritt? Was müsste ich studieren? Und wo? Uni oder FH? Gibt es bestimmte Hochschulen mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich?

MB: Du kannst tatsächlich jedes technische oder naturwissenschaftliche Fach kriminalistisch einsetzen: Lacke, Handy-Daten, Insekten auf Leichen, Blutspuren, Erd-Körnchen. es gibt nichts, was nicht auch in der Kriminalistik von Nutzen sein könnte. Jedes entsprechende Studium passt also.

FW: Wo könnten sich Interessierte weiter Informieren? Und gibt es bestimmte Bücher oder andere Texte, die Sie für die die Vorstellung, dass es rein gute oder weitere Lektüre (unbedingt) empfehlen würden?

MB: Die Websites der Unis, Behörden, Firmen, Arbeitgeber:innen und so weiter sind natürlich immer gute Adressen. Wenn ihr Interesse an meinen Lebensweg habt, empfehle ich euch mein Buch Mein Leben nach dem Tod.

FW: Die Informatik wird auch in der Biologie immer wichtiger. Einige sagen, dass das Fach / Modul »Bioinformatik« mittlerweile eigentlich ein verpflichtendes Modul im Grundstudium jedes biologischen Studienganges sein sollte. Gerade die Künstliche Intelligenz ist das Stichwort der aktuellen Zeit. Welche Entwicklungsperspektiven ergeben sich innerhalb der Kriminalbiologie und der Forensik aus der Digitalisierung bzw. dem Einsatz von KI?

MB: Du kannst damit alle Massendaten untersuchen, beispielsweise Verwandtschafts-Datenbanken oder Handy-Daten.

FW: Und wo liegen die Gefahren?

MB: Dass Daten in unsozialer Weise verwendet — vor allem verknüpft — werden.

FW: Was hat Sie motiviert in die Kriminalbiologie zu gehen? Und was motiviert Sie noch heute? Ist es die akademische Forschung? Die Lehre? Oder der Beitrag beim Aufklären von Straftaten und beim Helfen, Gerechtigkeit zu bringen?

MB: Gerechtigkeit zu bringen? Gerechtigkeit gibt es nicht, das kannst du leicht messen. Urteile sind je nach Tagesform oder Ort eines Gerichtes sehr unterschiedlich. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche zudem, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass manche Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden. Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen und Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen. Die Vorstellung, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und waren oder sind. Wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht. Nur messbare Spuren helfen dann dabei, zu erkennen, ob die Stories stimmen, was wirklich wann und wo geschehen ist und wie wir darauf gründend weitere Taten verhindern können. Am liebsten sind mir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die, die eigentlich nur zählen, messen und sortieren wollen.

Anmerkungen

1) Otto Prokop (1921-2009) war ein österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner und forensischer Serologe. Ab 1956 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig.

2) Mark Benecke 2006: »Wer's glaubt, ist selig...«. in: Der Stern, online: https://www.stern.de/kultu r/tv/csi—wer-s-glaubt—ist-selig---3320558.html.

3) Mark Benecke 2014: »Tattoos für die Völkerverständigung«. In: Tätowiermagazin 5/2014: 144.

4) Mark Benecke 2018: Menschenrassen. You-Tube: Dr. Mark Benecke's Official Youtube Channel.

5) Ritz S, Germerott T. 2025. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) und den Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner (BDRM) zu den »Empfehlungen zur fachlichen Entwicklung der Medizin mit einem Fokus auf vorklinische und klinisch-theoretische Fächer« des Wissenschaftsrates vom 31.10.2025. https://www.med.uni-wuerzburg.de/fileadmin/03230000/2025/2025-11-10_Stellungnahme_VVR_Bericht_-_signed_final.pdf.

6) Mark Benecke, Hock A 2019: Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann.

Saddams Koran

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7./8. März 2026, Nr. 55, Seite 56

DEM GEHEIMNIS AUF DER SPUR

Von Josef Scheppach

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Diese Abschrift des Zentralbuches des muslimischen Glaubens wurde mit dem Blut des irakischen Diktators Saddam Hussein geschrieben - so zumindest stand es im offiziellen Regierungsbulletin. Die Geschichte dieses Dokuments begann am frühen Abend des 12. Dezember 1996. Ein Porsche röhrte durch den wohlhabenden Stadtteil al-Mansour in Bagdad. Am Steuer: der damals 32-jährige Udai, Husseins ältester Sohn. Seine Verbrechen - Vergewaltigungen, Folter, Morde - hatten so großen Hass im Volk geschürt, dass ihm nun Attentäter auflauerten: 37 Schüsse wurden abgefeuert, mindestens sieben fanden ihr Ziel.

Aber Udai überlebte. Zwar steckten weiterhin zwei Kugeln in seiner Wirbelsäule. Doch wie durch ein Wunder blieb nur ein starkes Humpeln zurück. Für die Genesung seines Sohns und für sein eigenes Überleben im Ersten Golfkrieg wollte Hussein dem Allmächtigen danken - auf denkbar makabre Weise: Gottes Wort sollte mit seinem eigenen Blut niedergeschrieben werden. Für das Vorhaben wählte der Diktator Abbas Shaker al-Baghdadi aus.

„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin darüber fast blind geworden", klagte der renommierte Kalligraf später in einem TV-Interview im saudischen Fernsehen. Zwei Jahre lang schrieb er die rund 323 670 Buchstaben des Korans nie-der: jeder zwei Zentimeter hoch und ebenso breit. Auch die Ränder der Seiten verzierte er dekorativ. 27 Liter Blut sollen dem Diktator Saddam Hussein für dieses Werk abgenommen worden sein; also mehr als viermal die Menge seines gesamten Bluthaushalts.

„Eine so enorme Blutspende in so kurzer Zeit ist aller Voraussicht nach nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich", sagt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich Institut - zuständig für die Überwachung von Blutspenden. Es drohe eine Anämie (Blutarmut) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.

Ob Hussein dieses Risiko trotzdem eingegangen ist? Zumal für einen Sohn, der 1995 Husseins Halbbruder zum Krüppel geschossen und 1988 den Vorkoster und Lieblingsleibwächter seines Vaters mit einem elektrischen Messer abgeschlachtet hatte? Wie viel eigenes Blut war ihm so ein gewissenloser Sohn wert? Wie sicher kann man sein, dass sich in den Blutkonserven nicht das Blut der Opfer von Husseins zahllosen Gewalttaten be-fand? Es gibt zwar Fotos, die zeigen, wie Saddam Blut abgenommen wird, aber war das mehr als nur Propaganda?

Kaum ausgestellt, wurde das Werk von vielen Gelehrten in unterschiedlichen Ländern als unzulässig verurteilt. „Schließlich gilt Blut laut dem Koran nur so lange als halal (rein), als es im jeweiligen Kreislauf von Mensch oder Tier fließt. Wird es vergossen, gilt es als harām, also verboten oder unrein", erklärt Islamkenner Ahmad Mansour.

„Kein Muslim käme auf die Idee, die heilige Schrift absichtlich mit Blut zu beschmutzen." Mit einem Trick versuchte Saddam, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das Blut wurde an der Bagdader Universität mit einer Chemikalie versetzt, die es in eine Art von Tinte verwandeln sollte", erklärte der Kalligraf „Es wurde wohl mit EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) versetzt”, vermutet der Forensiker Mark Benecke. „Dann klumpt es nicht, und die Schrift bleibt jahrelang lesbar”.

605 lose Blutseiten im A3-Format wurden im September 2000 mit großem Pomp im Komplex der Umm-al-Ma'arik-Moschee (Mutter-aller-Schlachten-Moschee) ausgestellt: in einer meterlangen Glasvitrine in einem sechseckigen Marmorgebäude, das auf seiner Spitze ein Minarett in Form einer Scud-Rakete trägt.

Eine Besichtigung war nur besonderen Besuchern erlaubt. 2003 wurde Hussein gestürzt, wenige Monate später von US-Soldaten mit wirrem Haar und irrem Blick in einem Erdloch aufgefunden und gefangen genommen. Und der Blutkoran? Während der US-Invasion nahm Scheich Ahmed al-Samar-rai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Irak, einzelne Koranseiten mit nach Hause. „Ich wusste, dass intensiv nach dem Blutkoran gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen", erklärte er einem Reporter des Guardian.

Samarrai zufolge wurden die anderen Seiten des Blutkorans in der Moschee in einer kugelsicheren Kiste hinter drei Türen aufbewahrt. Für eine Tür habe er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte sei der Schlüssel irgendwo in Bagdad versteckt worden. Doch als 2018 ein Reporter des Guardian die Moschee aufsucht, versichert der Imam: Der Koran ist verschwunden." Über den Verbleib wisse er nichts. Später will ihn ein anderer Reporter in einem Museum gesehen haben. Aber dort ist er nicht mehr.

Dass seit Jahrzehnten über den Aufbewahrungsort dieses bizarren Relikts gerätselt wird, dürfte jenen im Irak ganz recht sein, die der Ansicht sind, dass alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt werden sollte.

Auch deutsche Muslimvertreter kritisieren das Werk. „Hussein galt als nicht religiös", erklärt Professor Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie. „Sein Werk wurde von vielen als politisch motiviert und als Verunglimpfung des Koran betrachtet."

Wo auch immer der „Saddam-Koran" verborgen sein mag - er ist ein Mahnmal des blutrünstigen Diktators und er hat ihm kein Glück gebracht. Saddams Söhne Udai und Qusai wurden im Juli 2003 in einem Feuergefecht mit amerikanischen Soldaten getötet. Im Dezember wurde Saddam selbst gefangen genommen und drei Jahre später verurteilt und hingerichtet wegen zahlloser Verbrechen, unter anderem den Massakern an Schiiten und Kurden.

Die Aussagekraft fehlender biologischer Spuren

Quelle: Kriminalistik, 12/2025, Seiten 670 bis 676

Kristina Baumjohann & Mark Benecke

Der Artikel kann hier in einem Jahr vollständig gelesen werden. Bis dahin liegen die Rechte beim Herausgeber.

Artikel auf englisch

Der Herr der Fliegen

Quelle: Tätowiermagazin 4/2005

Oder: Die Suche nach der Wahrheit

VON DIRK-BORIS RÖDEL
(Der folgende Text ist die Rohfassung des später gedruckten und dabei etwas etwas veränderten Textes)

Ein Akademiker, ein forensischer Biologe und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Gerichtsbiologie, mit ausgedehnter Tattoo-Sammlung? Da steckt eine ungewöhnliche Geschichte dahinter, dachten wir uns, als wir Dr. Mark Benecke in seiner Wohnung in Köln besuchten - und sollten recht behalten...

Dipl.-Biol. Dr. rer. medic. Mark Benecke, das ist sein kompletter Titel. Die Berufsangabe auf seiner Visitenkarte lautet: Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung und Auswertung biologischer Spuren. Certified Forensic Biologist. Das hört sich verdammt wissenschaftlich an, und wer soviel Zeugs auf seiner Karte stehen hat, muss wohl mindestens 70 Jahre alt sein, lichtes Haupthaar und schlohweißen Bart haben. Irrtum; Dr. Mark Benecke ist gerade mal 34 Jahre alt, mit seinem jugendlichen Alter bereits einer der weltweit angesehensten Kriminalbiologen und tätowiert - und zwar nicht zu knapp. Aber was genau macht eigentlich ein Kriminalbiologe?

Als ich zum ersten Mal von Marks Arbeit hörte, hatte ich Bilder im Kopf von Gerichtsmediziner Quincy, dieser TV-Serie aus den 80ern, von Ulrich Tukur in "Der letzte Zeuge" aus dem ZDF oder auch von Professor Börne, der im "Tatort" aus Münster von Jan Josef Liefers gespielt wird. Männer, die im weißen oder grünen Kittel in der Pathologie an Edelstahltischen stehen und an blassen Leichen von Mordopfern Untersuchungen vornehmen. Ganz falsch. "Damit haben wir gar nichts zu tun" erklärt Mark; das "wir", das ist er zusammen mit Assistentin Saskia, 23 Jahre, Biologie-Studentin und ebenfalls Tattoo-Fan.

"Wir arbeiten nicht im gekachelten Sezierraum", führt er weiter aus, "wir wühlen im Dreck." Das hört sich krass an. Um mir einen Eindruck von seiner Arbeit zu geben, erläutert mir Mark anhand von Bildern einige seiner letzten Fälle. Jetzt verstehe ich ziemlich genau, was er meint. Einige der Bilder verschlagen mir die Sprache, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Natürlich hat man im Fernsehen schon Bilder von Toten gesehen, auch vielleicht von in Verwesung übergegangenen Leichen. Aber die menschlichen Überreste, die Mark mir teilweise zeigt, sind kaum noch als Körper zu identifizieren.

Verwesung, Blut und Maden: Marks Job ist nichts für zart Besaitete

Selbst in Horror-Filmen habe ich sowas noch nicht gesehen. Ich werde die Bilder nicht näher beschreiben, vielleicht nur so viel: Ich hätte Mühe gehabt zu erkennen, wo genau die Leiche aufhört... "Das ist auch das Problem, die Sachen auseinanderzuhalten." führt Mark aus, "Schau mal diese schwarzen Pünktchen," (mit dem Laser-Pointer deutet er auf ein vergrößertes Bild einer Nahaufnahme der Leiche, die er an die Wand projiziert) "das sind Puppen, ein Zwischenstadium zwischen der Larve und dem Insekt, das später daraus schlüpft. Die meisten halten das für Schmutz, für Erdkrümelchen, spülen das vielleicht sogar weg."

Dabei sind genau diese biologischen Spuren von großer Wichtigkeit, um beispielsweise fest zu stellen, seit wann ein Toter an einem bestimmten Platz liegt, ob er zuvor in einer anderen Umgebung gelegen hat und so weiter. "Und wir müssen das im Zusammenhang untersuchen, wir müssen sehen, wo hat das Opfer gelegen, in der Sonne, im Schatten, in einer Wohnung mit geöffneten oder geschlossenen Fenstern - in der Rechtsmedizin kann man das nicht mehr erkennen." Dass das, worauf sich Puppen und Insektenlarven befinden, mal ein Mensch war, scheint Mark nicht im mindesten zu berühren. Auch Assistentin Saskia macht der Umgang mit Toten, die sich oft schon im stark verwesten Zustand befinden, nichts auszumachen.

"Es würde mich mehr mitnehmen, wenn ich Rettungssanitäter wäre, schnell Entscheidungen treffen müsste, die über ein Menschenleben entscheiden" erklärt sie. Aber verspürt man da nicht automatisch Ekel und Widerwillen? Mark erklärt mir seine Einstellung dazu anhand eines praktischen Beispiels: "Wenn ich beim Schlachter für Experimente mit Blutspritzern ein paar Liter Blut haben will, sagt der mir auch, das sei ja eklig - da denke ich mir "Hallo!? Sie stehen hier zwischen Bergen von Tierleichenteilen, und erklären mir, dass Experimente mit Blutspritzern eklig sind?"

Schön und gut - aber der Geruch, der ja, wie Mark mir selbst versichert, gerade bei Leichenfunden in verschlossenen Räumen sehr stark ist? "Alles eine Frage der Wahrnehmung," erwidert der Wissenschaftler, "ich konzentriere mich auf Spuren, die ich auswerten muss, auf Details. Den Geruch nehme ich wahr, und er ist nicht angenehm, aber er steht nur im Hintergrund." Und der Tod an sich? "Tod ist ein Programm, um der nachkommenden Generation Platz zu machen, die sich in möglichst vielen Variationen immer neu an die Umwelt anpassen kann. Der einzelne Mensch, das Individuum, ist scheißegal. Also für die Natur jedenfalls, unserer persönlichen Auffassung nach ist das Individuum unheimlich wichtig, aber für die Natur ist der Einzelne ziemlich Wurst." Und nach dem Tod, was kommt da? "Nichts. Da kommt nichts." erklärt mir Mark, der die Leichen scheinbar völlig aus seiner Wahrnehmung ausblendet: "Ich arbeite ja auch so gesehen gar nicht mit toten Menschen. Ich arbeite mit dem, was darauf lebt. Der Kreislauf des Lebens ist das, was mich interessiert, wie aus dem Tod wieder etwas entsteht."

Aber warum ekeln sich manche Menschen vor zerfallenden Leichen, andere nicht? Was ist das Abstoßende an Tod und Verwesung? - ein Thema, das natürlich im Gespräch mit Mark einen großen Raum einnimmt. Ist es das Auslöschen der Identität und Individualität, was uns so schockiert? "Solange wir leben, möchten wir Individuen sein, uns unterscheiden. Wenn man stirbt, werden die individuellen Merkmale ausradiert. Und vielleicht ekelt man sich weniger vor dem, der da liegt, als vor dem Wissen und der Erkenntnis, dass einem das auch bevorsteht." Klingt logisch, denn das, was uns hauptsächlich ausmacht, unsere Gesichtszüge, Augen, Mund, Nase, das wird als erstes von Insekten "aufgelöst", unkenntlich gemacht, sozusagen biologisch "verpixelt": schon nach kurzer Zeit sind keine individuellen Gesichtszüge mehr erkennbar.

Ein Akademiker mit Faible für Tattoos ungewöhnlich oder "völlig normal"?

Marks Einstellung zu seiner Arbeit ist extrem wissenschaftlich, technisch, sachlich, emotionslos. Trotzdem ist er alles andere als ein verknöcherter, dröger Akademiker, ganz im Gegenteil. Sich mit Mark zu unterhalten, ist extrem kurzweilig. Eine Frage drängt sich natürlich auf: Sind denn für den Wissenschaftler, der Mordopfer kaum als Individuen, sondern mehr als Nährboden für Insekten sieht, nicht die eigenen Tattoos doch ein Mittel, um sich selbst individueller zu gestalten? "Nö. Individualisierung ist für mich nicht das Thema. Die Sachen haben für mich einfach eine Bedeutung, und ich will sie bei mir haben, nicht als Bild an der Wand sondern als Tätowierung. Ich zeig die auch niemandem - also dir natürlich schon, du bist ja schließlich vom TätowierMagazin, aber ich würde nie auf die Idee kommen, mich extra so anzuziehen, dass man meine Tattoos sieht, das ist mir total egal, ob das jemand mitkriegt oder nicht."

Für Mark haben Tattoos auch absolut nichts damit zu tun "anders" zu sein - ganz im Gegenteil: "Ich finde tätowiert sein normaler als nicht tätowiert zu sein. Ihr zeigt das ja auch im TM immer, dass das bei vielen Kulturen völlig selbstverständlich ist: Sobald man erwachsen ist, lässt man sich tätowieren oder lässt sich Narbenmuster schneiden - also wenn auch hier jeder Erwachsene tätowiert wäre, fände ich das völlig normal, als Zeichen des Erwachsenseins. Das Tätowieren an und für sich ist für mich also gar nicht das Thema, die Frage ist eher: Welches Motiv?, und da ist es eben naheliegend, Motive zu wählen, die einem etwas bedeuten. Aber dass Erwachsene an sich selbst Körperveränderungen vornehmen, ist doch völlig logisch, oder?"

Mark definiert Tattoos als Zeichen dafür, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, das eigene Leben mit Sinn zu füllen. "Damit mein ich nicht irgendeinen gesellschaftlich anerkannten Sinn, den man eben übernimmt - es kann einer nach Irland gehen und sich in einer einsamen Hütte einschließen - wenn er das gut findet ist das doch OK. Und wenn einer heiratet und die Kehrwoche macht, weil er das toll findet und ihn das ausfüllt ist das auch in Ordnung. Nur wenn einer heiratet und die Treppe putzt, nur weil er nichts anderes mit seinem Leben anzufangen weiß und es den anderen eben nachmacht, weil alle das machen, dann ist es sinnlos."

Insofern bewundert Mark auch Tom Leopard, den schottischen Freak, der sich am ganzen Körper mit einem Leoparden-Muster tätowieren ließ. "Wenn ich für den die Grabrede halten müßte, würde ich sagen: Wenigstens hat er die Eier gehabt, zu machen, was er wollte, ohne das groß zu begründen. Ob ich das scheiße finde oder nicht ist eine ganz andere Frage, aber er hat es durchgezogen.”

Eine ganz persönliche Sammlung und die Suche nach der letzten Wahrheit

Mark ist ganz offensichtlich ein Sammler - ein durchgehender Stil ist bei seinen Tattoos nicht auszumachen. Einige der Bilder haben Sinn und tiefergehende Bedeutungen, andere entstanden eher aus der Situation heraus, wie zum Beispiel die etwas grottige Fledermaus am unteren Rücken. "Ich hatte nach einem Seminar noch etwas Zeit, und in der Nähe des Bahnhofs war ein Tattoo-Studio" erklärt Mark, "Wir hatten uns lediglich auf eine Fledermaus als Motiv geeinigt. Als ich es mir nachher im Spiegel angeschaut habe, konnte ich erst gar nicht erkennen, was das sein soll." Besonders schön finde ich persönlich die Nebelschwaden, die hinter (!) dem Mond verschwinden - ein echter Klassiker! Dass er damit keine Preise abräumen wird, stört Mark nicht im Geringsten - es ist halt Teil seiner Sammlung.

Ansonsten legt er aber schon Wert auf Qualität, die meisten seiner Hautbilder stammen von der Belegschaft von "Elektrische Tätowierungen". Von Studio-Betreiber Dieter stammen zum Beispiel der Erzengel Michael auf der Brust (nach einem Stich von Dürer) und der abstrahierte Frosch am linken Bizeps ("Ich hab ja doch Muskeln!" erkennt Mark verwundert, als er während der Foto-Session für ein paar Minuten ein schweres Buch hält...). Der Frosch ist eigentlich erst in zweiter Linie ein Frosch, eigentlich ist das nämlich ganz einfach ein Relief, dass die Gulli-Deckel der Stadt Bogota in Kolumbien schmückt (wo Mark neulich zu Vorträgen und Seminaren eingeladen war - fürs TM schrieb er einen Artikel über die Tattoo-Szene in Medellin (siehe TM 2/2005). "Der Gullideckel passt gut zu unserer Arbeit," meint Mark, "wir müssen ja auch in unteren Ebenen forschen und im Dreck wühlen."

Der Oktopus auf dem linken Oberarm und der Totenkopf auf der Brust stammen von Cappucchino & Tattoo "... oder so ähnlich, ein Laden in Manhattan, East Village - ich hab da mal um die Ecke gewohnt." Der Totenkopf, Marks Logo, steht ebenfalls in Bezug zu seiner Arbeit. "Der Schädel schaut nicht nur nach vorn, auf das Offensichtliche, sondern auch in alle anderen Richtungen." Auch in Marks Arbeit ist es von allergrößter Wichtigkeit, kein Detail zu übersehen - kleinste Hinweise können in einem Kriminalfall bereits ein völlig neues Bild ergeben. Die Dotwork-Fliegen am Unterarm sind geklaut, wie er unumwunden eingesteht. "Ich wollte von diesem Tätowierer in Medellin ein Tattoo, aber hatte überhaupt keine Vorlage - da haben wir auf ein Bild aus dem TätowierMagazin zurückgegriffen, das ein Tattoo des britischen Hand-Tätowierers Pier Makanda zeigt." Immerhin eine schöne Kopie.

Die Makrelenhaut am rechten Oberarm ist sicher Marks ungewöhnlichstes Motiv. "Jeder kennt Makrelen in der Dose, aber über das Tier an sich ist praktisch nichts bekannt!" begeistert sich der Biologe. Als Vorlage diente Tom von "Elektrische Tätowierungen" eine echte Makrelenhaut. Tom hat auch das Seemanns-Traditional auf Marks Rücken gestochen, das vielleicht bedeutungsschwangerste Teil der Sammlung. "Sailing for Truth", also "Segeln nach der Wahrheit" ist im Spruchband zu lesen ("...und nicht etwa Sailing for T. Ruth, wie meine Gattin zunächst eifersüchtig zu lesen glaubte", fügt Mark grinsend hinzu).

Das ist eigentlich das Wichtigste an der Arbeit von Mark und Saskia: Die Wahrheit herauszufinden, nackte Tatsachen erheben, beschränkt auf ihren Arbeitsbereich, ohne jegliche emotionale Beteiligung oder Wertung der Befunde. Wie nüchtern und sachlich er dabei vorgeht - oder besser: vorgehen muss - erklärt Mark an einem Beispiel: "Es kommt auch vor, dass ein Verbrecher aufgrund unserer Arbeit vielleicht wieder aus der Haft entlassen wird, der vielleicht alles mögliche angestellt hat, aber eben nicht das, was ihm in dem Fall vorgeworfen wird. Finde ich das gut? Nein, aber geht es mich was an? Nein. Ich befasse mich nur mit der Wahrheit, nicht damit, welche Folgen sie hat." Dass Wahrheit auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, erläutert Mark an einem anderen Fall.

"Was hier gerecht ist, ist noch lange nicht in Puerto Rico gerecht oder in Russland. Ich hab mal auf den Philippinen bei einem Vaterschaftsstreit die Vaterschaft eines Mannes mit einer DNA-Untersuchung belegt. Der Richter befand aber, dass er nicht der Vater sei. Als ich nachfragte hieß es: "Der Beklagte ist älter als Sie. Deshalb hat er Recht." Wir empfinden das natürlich als ungerecht, aber nach philippinischem Recht geht das völlig in Ordnung. Recht ist überall auf der Welt etwas anderes, aber Wahrheit ist immer und überall wahr." Aber welchen Wert hat dann Wahrheit, wenn sie zu völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ergebnissen führen kann?

"Die Wahrheit ist einfach nur da. Und für mich bleibt das einfach so stehen. Wahrheit hat keinen Sinn, keine Bedeutung. Sie ist einfach da und ich finde sie schön. Ich als Naturwissenschaftler darf das: ich darf sagen "es interessiert mich nicht, was die Wahrheit gesellschaftlich bedeutet, was sie für Folgen hat". Ich erhebe einfach die reine, kristalline Wahrheit - wenn die vor einem ungerechten Richter, in einem totalitären Staat oder einfach nur bei Leuten, die sie nicht verstehen, jeweils zu anderen Ergebnissen führt, da kann ich dann auch nichts dran machen."

Was vom Führer übrig blieb: Hitler-Reste in der Plastik-Box

Leichenteile der besonderen Art sollte Dr. Mark Benecke vor einiger Zeit in Moskau untersuchen: In den Archiven des Geheimdienstes war eine eher unscheinbare Disketten-Box aufgetaucht, darin: Teile eines menschlichen Gebisses (mit massiven Zahnschäden) und ein Schädel-Fragment mit Austrittsöffnung eines Schusses sowie ein Zettel, auf dem der Name des angeblichen ehemaligen Besitzers dieser Knochenfragmente vermerkt war: Adolf Hitler. Auf bislang nicht eindeutig geklärten Kanälen hatten die Fragmente nach dem Krieg ihren Weg in die Lager des ehemaligen KGB gefunden, der seinerzeit verbreitet hatte, Hitler habe sich feige vergiftet, anstatt den "mannhaften Offizierstod" durch Erschießen zu wählen. Dass zumindest das äußerst schadhafte Gebiss tatsächlich einst des Führers Physiognomie verunzierte, ist anhand alter Röntgenbilder und zahnärztlicher Aufzeichnungen schnell geklärt. Auch durch Filmdokumente, in denen Hitler bei Reden mit hassverzerrtem Gesicht sein lädiertes Gebiss in die Kamera reckt, lässt sich belegen, dass er das Konzept von "Reinheit", das er so gern auf die Rassenideologie anwandte, für seine Zahnhygiene offenbar weitestgehend ausgeklammert hatte.

Ob die Schädeldecke dagegen wirklich vom Diktator stammt, konnte Mark auch in Zusammenarbeit namhafter Kollegen nicht eindeutig klären. Als eine Ironie der Geschichte könnte man ansehen, dass Hitler (oder zumindest Teile von ihm) posthum selbst zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen wurde; unter seinem Regime wurden Untersuchungen wie Schädel- und Gesichtsvermessungen durchgeführt, mithilfe derer anhand biologischer und genetischer Merkmale die angebliche Minderwertigkeit so genannter nicht-arischer Völker "bewiesen" werden sollte. "Die Wissenschaftler zu der Zeit wussten alle - und das weiss man aus ihren eigenen Berichten - dass es eben nicht stimmt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen genetisch minderwertig sind, das wussten die ganz genau - im Gegensatz zu Hitler, der das ja wirklich geglaubt hatte. Und trotzdem haben die sich dieser bekloppten Rassenlehre angeschlossen." kommentiert Mark die pseudo-wissenschaftliche Arbeit seiner damaligen "Kollegen".

Die Mumie des Hausmeisters - Liebe zum Arbeitsplatz über den Tod hinaus

Ist es eine Moorleiche? Eine Mumie aus irgendeiner Kirchen-Gruft? "Ach, Du meinst den Hausmeister!" meint Mark. Ich schaue verständnislos. "Das ist der Hausmeister von der Rechtsmedizin in Bukarest. Dem gefiel es im rechtsmedizinischen Institut so gut - also das ist wirklich ein schönes Institut, muss man dazu sagen - dass er in seinem Testament verfügt hat, dass er auch nach seinem Tod da bleiben will und dass man ihn mumifizieren soll. Naja, dann haben die das eben gemacht, seitdem steht er da im Museum des Instituts. Die haben auch ein sehr gutes und lockeres Verhältnis zu ihrem ehemaligen Hausmeister, und wenn man die freundlich fragt, ob man ihn mal rausnehmen darf, klar, gar kein Problem. So was kann man sich hierzulande halt schlecht vorstellen." Womit Mark sicher Recht hat.

Vampire und Wiedergänger - ist mit dem Tod doch nicht alles vorbei?

Ungefähr vor einem Jahr erreichte Mark aus Rumänien, wo der Glaube an Vampire und "Wiedergänger" besonders im ländlichen Raum noch sehr verbreitet ist, eine gruselige Meldung: Ein Verstorbener, den man für einen Untoten gehalten hatte, war von seinen Verwandten exhumiert worden, sein Herz wurde auf einer Wegkreuzung verbrannt, die Überreste wurden von den Angehörigen in Wein aufgelöst getrunken. Dass diese grausige Zeremonie tatsächlich stattgefunden hat, belegt eine Videoaufzeichnung.

"Die Wiedergänger sind nach dem Aberglauben nicht wirklich böse; im Gegenteil lieben sie ihre Freunde und Verwandten so sehr, dass sie weiter mit ihnen zusammen sein wollen, deshalb machen sie diese krank, um sie zu sich in die Zwischenwelt von Leben und Tod zu holen. Deshalb muss man den Untoten dann eben das Herz, das Organ der Liebe, herausnehmen und zerstören." erklärt Mark das Verhalten der Dorfbevölkerung. Dafür, dass einige Tote allem Anschein nach wirklich ihr Grab wieder verlassen, sprechen verschiedene Hinweise: Einige Leichen scheinen, wenn man sie wieder ausgräbt, nicht verwest zu sein, sehen im Gegenteil sogar dicklich und wohlgenährt aus. Manchen läuft roter Saft aus den Mundwinkeln, ihre Zähne sind länger als zu Lebzeiten.

Die Arme, die bei der Beerdigung noch über der Brust verschränkt waren, liegen inzwischen in ganz anderer Haltung, sie haben oft auffallend lange Fingernägel. "Und das sind keine wilden Geschichten, das ist wirklich so!" verblüfft mich Mark, der das Phänomen untersuchen sollte, "schon aus preußischer Zeit gibt es solche Berichte, und die Preußen haben selbst nach unseren heutigen Standards sehr sauber gearbeitet. Nur die Erklärung stimmt halt nicht. Die Leichen sehen nicht so aus, weil sie nachts aus dem Grab aufsteigen, sich vom Blut der Lebenden ernähren und deshalb dick sind. Die innerlich verwesenden Körper sind einfach von Fäulnisgasen aufgetrieben, deshalb sind sie so dick. Die Gase drücken Körperflüssigkeit aus den Körperöffnungen, und durch den Auftrieb rutschen die Hände von der Brust zur Seite. Und Zähne und Fingernägel erscheinen einfach länger, weil Haut und Zahnfleisch mit dem Austrocknen des Körpers zurück weichen." Also gibt es eben doch keine Vampire. Irgendwie auch schade, wenn man alles wissenschaftlich erklären kann...

Die "Body Farm" - ein Park der ganz besonderen Art

Vor über dreißig Jahren entstand in Knoxville, Tenessee, eine "Farm" der ganz besonderen Art. Gegründet wurde die "Body Farm" von William Bass, einem forensischen Anthropologen, zum Zwecke den Zerfall menschlicher Leichen unter verschiedensten Bedingungen für kriminaltechnische Untersuchungen zu beobachten. In einem Waldstück mit der Fläche von ca. eineinhalb Fußballfeldern liegen ständig ungefähr 40 Leichen. Die Körper, welche von den Verstorbenen zu Lebzeiten der Wissenschaft vermacht worden waren, weisen unterschiedlichste Fäulnis- und Zersetzungsstadien auf. Einige liegen auf dem Waldboden, andere sind teilweise oder komplett vergraben. Manche sind in Plastik gehüllt, in Kofferräumen von Autos deponiert, unter Zweigen verborgen, liegen offen in der Sonne oder im Schatten - hier wird jedes nur denkbare Szenario eines Leichenfundes experimentell nachgestellt - in Deutschland völlig undenkbar.

Für Dr. Mark Benecke ein ideales Terrain, um zu untersuchen, welche Insekten eine Leiche in welchem Fäulnisstadium befallen - für jeden "normalen" Menschen dagegen einfach nur ein Alptraum auf 12.000 Quadratmetern. Alle paar Schritte stolpert man beinahe über eine verwesende oder schon halb skelettierte Leiche, das Szenario könnte aus einem Zombie-Horrorfilm stammen. Mark zeigt sich unbeeindruckt: "Wenn man sich vor so etwas ekelt, kann man den Job nicht machen, das kann man sich auch nicht abtrainieren oder so. Entweder man ekelt sich, dann bleibt das immer so, oder es macht einem eben nichts aus."

Leichen im Keller - der Tod verfolgt Mark bis nach Hause

Normalerweise ist es ja eher im übertragenen Sinne gemeint, wenn man von jemandem sagt, er habe "Leichen im Keller", also irgend etwas zu verbergen. Bei Dr. Mark Benecke dagegen darf man das ruhig wörtlich nehmen; wie es sich für die Unterkunft eines forensischen Gerichtsbiologen gehört, beherbergt das Haus, in dem Mark wohnt auch zwei Skelette. Um ganz präzise zu sein: Die gehören nicht wirklich Mark, geschweige denn, dass er in irgend einer Art für das Ableben der Beiden verantwortlich wäre. Und richtig im Keller liegen sie auch nicht, eher im Hof der Holzhandlung, die sich im Erdgeschoß befindet.

Denn dort stieß man bei Ausbauarbeiten auf Gräber aus der Römerzeit. Köln war ja um 38 v.Chr. als "Colonia Claudia Ara Agrippinensium" von den Römern gegründet worden und noch heute sind in der Domstadt viele Überbleibsel aus dieser Zeit zu finden - über- wie unterirdisch. Die beiden Römer, die in Marks Hinterhof entdeckt wurden, fanden ihre vermeintlich letzte Ruhestätte entlang der Nord-Süd Römerstraße Trier-Köln, bevor ihre Gebeine vor wenigen Jahren entdeckt wurden. Nach der wissenschaftlichen Untersuchung wurden die Skelette wieder an ihren ursprünglichen Ruheort zurückgelegt; allerdings nicht, wie zuvor, nebeneinander, denn da es sich um Männlein und Weiblein handelt, fand die Gattin des Holzhändlers es unschicklich, dass die beiden nebeneinander in einem Grab lägen.

Nun liegen sie im Hof der Holzhandlung (unter einer Plexiglas-Scheibe, für Interessierte jederzeit zu besichtigen) in zwei "Schubladen", übereinander angeordnet - ob das wohl weniger unschicklich ist? Wir wissen aber nicht, wer von den beiden oben liegen darf, oder ob ab und zu gewechselt wird...

Wie wird man überhaupt forensischer Biologe?

"Das war alles mehr ein Zufall" erzählt der junge Kölner, "ich wollte am Anfang nur genetische Fingerabdrücke machen. In den 80ern gab es den Film Blade Runner, wo nachgebaute Menschen auf die Erde gelangen, die sich äußerlich nicht von echten Menschen unterscheiden, und die Frage ist, wie kann man die auseinander halten? Mit genetischen Fingerabdrücken geht das, und das wollte ich machen. So kam ich während des Studiums in die Rechtsmedizin, und weil das Labor im Keller bei den Leichen war, kam ich überhaupt erst zu den Leichen.

Als Biologe interessierst du dich dann eben auch für die Tiere auf den Leichen, und Polizisten meinten dann, ihnen sei aufgefallen, dass da zu verschiedenen Zeiten verschiedene Insekten zu finden seien. "Klar", hab ich gesagt, "die sind ja auch auf unterschiedliche Fäulnisstadien spezialisiert." Dann hab ich angefangen, mich dafür zu interessieren, hab mir die gesamte Literatur zu dem Thema geholt, hab gesehen, dass diese Arbeit der Polizei nützt, für die die Kenntnis der Liegezeiten unheimlich wichtig ist, und so hat sich das entwickelt." Neben dem Rechtsmediziner, der sich lediglich dafür interessiert, welche Gewalt auf das Opfer eingewirkt hat und dem beispielsweise Insekten völlig egal sind, gibt es bei Kriminalfällen also auch für Wissenschaftler anderer Ausrichtungen ein reichliches Betätigungsfeld, beispielsweise auch für Physiker, die sich mit dem Verhalten von Tropfen auskennen - sehr wichtig beim Untersuchen von Blutspritzern, um Winkel oder Intensität von Schlägen oder Schüssen zu erkennen.

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

Der Artikel kann hier in einem Jahr vollständig gelesen werden. Bis dahin liegen die Rechte beim Herausgeber.

siehe auch Teil 1

siehe auch Teil 2

Erkenntnisgewinn durch Mageninhalt

Die Aussagekraft fehlender biologischer Spuren

Was Mark Benecke zum Thema Blut zu sagen hat

Quelle: Gießener Allgemeine, Gießen, 7. März 2025

Von Barbara Czernek

Gießen (bac). Wer es wenig blutig mag, der ist bei Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Autor, Politiker und Schauspieler an der richtigen Adresse. Er gehört zu den bekannten Gesichtern, wenn es um Fragen der Forensik geht. Mit seinen Wissenschafts-Programmen »Insekten auf Leichen« oder »Blutspuren« füllt er große Säle, so auch am Donnerstagabend die beiden Säle der Kongresshalle.

In der Reihe »Blutspuren« geht es darum, welche Aussagen man anhand von Blutspuren treffen kann: Passt die vorgefundene Spurenlage zu den weiteren Informationen und Aussagen der Beteiligten Personen oder nicht? Seine Maxime lautet: »Nicht meinen, sondern messen« Benecke geht rein wissenschaftlich vor, die entsprechenden Beurteilungen und Auslegungen überlässt er seinen Auftraggebern. Daher bekam das Publikum von den vorgestellten Fällen auch nur die Informationen mitgeteilt, die für die Erläuterung und Spurenlage notwendig waren. Das mag enttäuschend für einige gewesen sein, die sich vielleicht mehr Crime-Stories erhofft hatten. Jedenfalls verließen immer wieder Personen den Saal.

Die Bilder, die er zeigte, waren jedenfalls nichts für schwache Nerven. Ob ein großer Blutfleck an einem Bretterzaun, ein blutverschmiertes Bad oder Blutspuren im Flur: Anhand dessen deckte er auf, ob die Behauptungen der Täter oder Opfer zutreffen oder nicht.

Zwei spektakuläre Fälle hatte er im Gepäck: 2004 wurde der 26-jährige Amerikaner Nick Berg vor laufenden Kameras von Mitgliedern von Al-Kaida enthauptete. Benecke sollte prüfen, ob dieses Video echt oder fake sei. Er suchte nach entsprechenden Quellen von Enthauptungen, um zu prüfen, ob die gefilmten Bewegungen der Person realistisch seien. »Da muss man einfach mal Leute fragen, die sich mit so etwas auskennen«, meinte er trocken. Da es diese Hinrichtungsmethode in Deutschland nicht mehr gibt, hat er sich umgeschaut, wie in anderen Ländern und Religionen Tiere geschlachtet werden und wurde fündig. Ergebnis war, dass die gefilmten Vorgänge der Hinrichtung realistisch waren. Der zweite bekannte Fall war die Ermordung von Nicole Brown, der Ex-Frau von O.J. Simpson. Er zeigte auf, wie Simpson zwar anhand der Spurenlage überführt wurde, jedoch von der Jury freigesprochen wurde.

»Wir kämpfen nicht für eine Seite, sondern nur für die messbare Wahrheit«. Damit räumte er zugleich auch mit gewissen Mythen auf, die sich um seinen Beruf als Forensiker ranken. »Zum Feststellen, wie der Blutverlauf war, nehmen wir keinen Laser, sondern Wollfäden und Tesa-Film«, sagte er. Für andere Ausrüstungsdinge fehlten die Geldmittel. Da dieser Beruf längst nicht so spannend sei, wie in Krimi-Serien wie »CSI« dargestellt, fehle auch der Nachwuchs.

Dr. Benecke ist ein besonderer Mensch. Er ist bekannt durch seine zahlreichen Fernsehauftritte wie »Autopsie - Mysteriöse Todesfälle«, »Akte Mord« (RTL II) und »Medical Detective«s (VOX), dennoch macht er kein besonders Aufheben um seine Person. Er saß neben der großen Bühne vor seinem Laptop und warf die Bilder auf die beiden Leinwände. Wer ihn nicht kannte, der konnte diesen dunkel gekleideten Menschen leicht mit einem Technikmitarbeiter verwechseln. Seine Präsentation gestaltete er wie einen Vortrag vor Studenten ohne Schnickschnack, aber mit strikten Vorgaben. Er mochte keinerlei Störungen und forderte die volle Aufmerksamkeit seines Publikums. Wenn jemand den Saal verlassen wollte, dann stoppte er (»Wir machen jetzt eine kurze Pause, kein Problem«) und er begann erst wieder, wenn die Personen den Saal verlassen hatten. Darauf hatte er zu Beginn aufmerksam gemacht. Strenge Regeln, die er durchzog.

Mathematik in der Forensik

Inwiefern unterstützt Mathematik die Blutspurenmusteranalyse an einem Tatort?

Facharbeit am Burg-Gymnasium Bad Bentheim im Seminarfach Mathematische Wanderwege

Vorgelegt von: Sarah Sophie Thiemann

Fachlehrerin: Frau Lietz

Tag der Abgabe: 15.03.2023

Die ganze Arbeit gibt es hier als .pdf

5.2 Das Interview

Bei dem Interview, welches ich mit Dr. Benecke am 27.02.2023 geführt habe, entstanden folgende Aussagen.

Dr. Benecke bestätigte mir, dass der Auftreffwinkel mit der Breite und der Länge eines Bluttropfen berechnet werden kann. Dabei wird meiner Nachforschung ergänzt, wie man diesen abmisst, dabei nimmt man einen Faden und hält diesen an die Blutspur, wodurch man den Auftreffwinkel einfach mit einem Winkelmesser ablesen kann. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 38 – 54)

Zu meiner Frage, ob man die Körpergröße eines Täters anhand des Auftreffwinkels berechnen könne, antwortet mir Dr. Benecke, dass dies höchstens möglich sei, wenn der Täter sich selbst an der Hand verletzt habe. Ansonsten könne man hauptsächlich die Höhe der Blutungsquelle bestimmen. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 58 – 82)

Dr. Benecke erwähnte des Weiteren, dass sich eine Ungenauigkeit bei Blutspurenanalyse ergeben hätte. Seine Frau, Frau Fischer erläuterte daraufhin das Problem, welches daraus besteht, dass bei relativ senkrechten Bluttropfen, der Winkel nicht genau berechnet werden kann, da man Winkel von 80 bis 90 Grad kaum unterscheiden kann. Meistens kommt man dann auf einem Winkel von 90 Grad. Ebenfalls bei 70 bis 80 Grad, bei diesem Bereich wird der Winkel in 5 Grad Schritten angegeben. Jedoch betont Frau Fischer die große Genauigkeit, die bis zu einem Auftreffwinkel von 70 Grad möglich sei. Die Ursache für das Problem sei außerdem die Sinuskurve, welche am Bogen stark abflacht, wodurch die Werte dort schwer zu unterscheiden seien. (vgl. Abb. 9, Anhang) (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z.110 – 131)

Dr. Benecke erläuterte weiter, dass es möglich sei Blutspuren noch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung zu untersuchen, hierbei müsste man jedoch einige Faktoren beachten. Der Ort sollte wettergeschützt liegen. Die Oberfläche spielt eine Rolle dabei, wie sich die Ränder des Bluttropfen abzeichnen können. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 140 – 149) Ebenfalls sei ein Faktor, wo die Blutspur ist, ist sie an einem Ort, wo viel gelaufen wird, ist es schwerer, als wenn die Blutspur an einem Ort ist, wo eher seltener einer lang läuft, zum Beispiel eine Abstellkammer. Des Weiteren würden laut Dr. Benecke die Täter und Täterinnen oft Blut übersehen, vor allem Blut, welches von Objekten abgeworfen wird und an die Decke spritzt. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 149 –162)

Dr. Benecke vertritt außerdem die Meinung, dass das Zuordnen von Blutspuren in drei Kategorien nicht dazu beiträgt, sinnvolle Informationen zu erhalten. Er bleibe bei seinen Gerichtsgutachten bei einer Beschreibung vom Gesehenen und von seinen Messergebnissen, zusätzlich bemängelt er, dass sich irgendwann eine Gewohnheit einspielen würde, wenn man von bestimmten Blutspuren spreche, als Beispiel nennt er die beschleunigten Blutspuren, wo man nach einiger Zeit direkt an eine Schusswaffe denken würde. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 179 – 214) Auch führt er als Beispiel eine Auslöschung an. Eine Blutspur wird von einer anderen Blutspur überdeckt, wo man lange alles systematisch aufschreiben könne, ohne vernünftig über die Herkunft dieser zu schreiben. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 216 – 226)

Am Ende des Interviews erzählt Frau Fischer, wie Sie und Dr. Benecke zur Entwicklung einer Blutspurenmesssoftware, bloodonline.de, gekommen sind. Als Hauptgrund nennt Sie die Vereinfachung der Berechnung des Auftreffwinkel für Studenten und die Polizei. Sie betont, dass man jedoch trotzdem wissen müsse in welche Richtung der Auftreffwinkel geht und wie man die Fäden anlegt, um die Blutungsquelle zu bestimmen. (vgl. BENECKE, 2023, siehe Anhang 1: Z. 240 – 251)

Noble Blood Vampire Chronicles

Hardcover, 184 glossy pages, 16 vampire models + 10 victims, Book size: 24 x 36 cm,
ISBN: 978-3-00-043480-8, € 54,00 (D)

English version

Preface by Mark Benecke

Magic is something not to be dealt with lightly, and vampyrism even more so. Worst of all, both matters can hardly be poured into photos.

There is one being, however, who does have the inner glitter, strength and insight to understand fairies, wood elves, vampires and vampyres in a way that allows her to take meaningful photos of them. This being is, of course, Viona Ielegems.

For years, her photgraphs and projects brought joy into the brighter shades of forests, transformed a simple lawn in the city of Leipzig into one of the most peaceful and beautiful events of the already peaceful and beautiful annual gothic meeting and did a fairy calendar that, when I put it on stage at a gothic festival, was the number one must-have item there. In her new book, Viona delves even deeper.

When I saw her for the first time several years ago, I knew that she came from (or decided to live) in a very different world compared to the ugly and meaningless surroundigs that many worn-down regions in central europe force us to stay in. She loves cupcakes, for example, but not in the tattoo-and-rockabilly fashion that is just a transient trend but in a sweet, personal and fairytale way. She loves Victorian costumes but not in the Eyes Wide Shut sense but in a deeply romantic manner. She owned a pair of blue peafowls as if that was something normal, and now she lives in a castle. Whew!

This castle, a former hunting space, is so beautiful I won’t even start to describe it. We just had a real life vampyre meeting there, and everybody was sure they had found the one place where full acceptance for all creatures of the night -- with a positive light glowing inside of them I mean --, as well as all children of goddess Diana found their home and -- like i said -- peace and quiet.

Here, in Castle Heinrichshorst, in the middle of the German total nowhere, she chose the finest possible selection of models (some of them vampires, few of them vampyres, some of them just radiantly beautiful in the gloomy yet glowing spirit of phantastic fashion) to shoot a book that is certainly not from this world. Then again, how could it -- it was Viona who did it.

Please enjoy not only the brilliant pictures, the very cool, lovely and well chosen models as well as the atmosphere and deep vibe of the castle that is very much part of the photographs. Please also enjoy the fine, elegant, fashionable and sophisticated photographer who makes magic a fine thing to exist, and who certainly knows where vampires linger, lure and lark.

Come in, and come out, wherever you are. IF YOU WISH:

Mark Benecke

Forensic Biologist

President, Transylvanian Society of Dracula etc. etc. ;)


Deutsche Version

Vorwort von Mark Benecke

Die drei häufigsten Fragen an mich sind, ob mein Job nicht ekelig ist, wie man bei uns ein Praktikum machen kann und ob es Vampire wirklich gibt.

Natürlich gibt es sie. Sie laufen als Nervensägen durch die Gegend und stehlen uns Zeit und Energie. Sie lieben stärker, als das gottgefällig ist und bringen damit den ganzen Laden durcheinander. Sie fürchten das Helle, weil sie im Dunklen erst Schutz finden und darum später vor allem im Schatten klar sehen. Das ist oft genug auch eine Stärke.

Bis heute gibt es zudem eher tragikkomischen Fehldeutungen, wenn beispielsweise verfaulte Leichen ausgegraben werden, denen flüssiges Blut aus dem Mund läuft. Müsste es nicht eigentlich stocken? Und warum sind die Fingernägel so lang, die Augen so hell und klar? Dass da zwar alles stimmt, die meisten Menschen aber die Zersetzungsformen von Leichen nicht kennen und eh nur solche ausgraben, die vorher schon als Hexer, Vampire oder Nachzehrer galten, fällt unter den Tisch des gruseligen Glaubens.

Ich selbst mag eher Real Lifer, mit denen ich übrigens auch schon Gast auf Schloss Heinrichshorst war. Unter dem Fittich der dort beheimateten Göttin der Jagd haben wir friedliche, magische und erquickliche Tage und Nächte gelebt. Das einzige auffällige war, dass die Anwesenden, die sich selbst als Vampyre bezeichnen, einen tiefen Sinn für samtweiche Sonderlichkeit und einen erlesenen Kleidungsgeschmack hatten. I like!

Weil Viona wünscht, hier nicht über den schwarzen Klee gelobt zu werden, will ich zum vorliegenden Buch nur sagen, dass außer ihr niemand -- absolut niemand -- eine derart ausgesuchte Auswahl von Vampiren, Vampyren und Romantigoths vereinen und in blutrote Szene setzen konnte. Dafür hat sie den Preis der finsteren Lüste, fantastischen Fabeln und blutig-stylishen Hoffnungen verdient. Da es den Preis nicht gibt, bitte ich, die Künstlerin auf jede sonst mögliche Art zu ehren. Das einzige, was ich nicht ganz verstehe, ist die Tatsache, dass Victoria Frances und Father Sebastiaan im Buch vorkommen. Das klappte wohl nur, weil heutige Kameras meist keine Spiegel haben.

Wenn wir in hundertfünfzig Jahren auf die moderne, bis dahin historische, Vampirkultur zurückblicken, werden wir die fotografischen Gemälde aus diesem Buch verwenden. Das ist eine sehr beruhigende Aussicht.

Berlin, August 2013

Mark Benecke

Transylvanian Society of Dracula


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