Mark Benecke: "Morde sind nie perfekt"

Quelle: Goslarsche Zeitung, Nordharz, 13. April 2026, Seite 22

Vor fünf Jahren verschwand Karsten M. aus Döhren — Im GZ-Interview spricht Deutschlands bekanntester Forensiker

Von Lisa Kasemir

Döhren. Am 13. April 2021 verschwand Karsten M., ein zu dem Zeitpunkt 51-jähriger Familienvater aus Groß Döhren, auf mysteriöse Weise. Blutspuren im Garten und im Auto deuteten früh auf ein Gewaltverbrechen hin. In einem Indizienprozess wurde ein 50-jähriger Bundespolizist, der mit dem Opfer befreundet war, wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Doch trotz des rechtskräftigen Urteils fehlt bis heute jede Spur von Karsten M. - sein Leichnam wurde nie gefunden, und der Täter schweigt. GZ-Redakteurin Lisa Kasemir spricht mit Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen und Forsensiker Dr. Mark Benecke, auch bekannt als „Dr. Made", über Mordfälle ohne Leiche.

Hallo Herr Dr. Benecke, im Fall Karsten M., der seit fünf Jahren vermisst wird, wurde zwar ein Täter wegen Mordes verurteilt, doch der Leichnam fehlt bis heute. Wie beurteilen Sie aus kriminalistischer Sicht die Chancen, dass er noch gefunden wird?

Es gibt mehrere Einflüsse. Zum Beispiel können Leichen sich aufblähen und auf Wasser treiben. Tiere können Körperteile verschleppen, was zu seltsamen Fundorten oder Gerüchen führt. Teilweise hängt es auch vom Verhalten der Täterin oder des Täters ab - manche Handlungen machen die Leiche leichter auffindbar, andere verschleiern sie. Manche Täter kehren zum Beispiel noch einmal zum Ort zurück. Manchmal wird man dann von Zeugen gesehen, manchmal tauchen Autos oder Hinweise an ungewöhnlichen Stellen auf. Eigentlich ist die Tat ohne Leiche ein Klassiker, der selten, aber regelmäßig in der Kriminalistik auftritt.

Wie ist es, wenn wie in diesem Fall fünf Jahre vergangen sind - ist dann überhaupt noch etwas forensisch zu finden?

Oft werden Spuren anfangs nur begrenzt untersucht. Gerade beim sogenannten „ersten Angriff" wissen die Menschen vor Ort ja noch gar nicht, was genau passiert ist. Deshalb werden Spuren manchmal nicht sofort in allen Einzelheiten aufgenommen. Dabei könnten sie oft und schnell Hinweise geben - zum Beispiel durch ständig abfallende Hautschuppen oder Haare.

Man könnte also sagen, dass ein Täter fast immer Spuren hinterlässt – selbst, wenn er glaubt, alles beseitigt zu haben?

Auch nach Jahren können Spuren erhalten sein. Kleidung, persönliche Gegenstände oder Mikrospuren wie Haare oder Hautzellen bleiben oft erhalten. Im Wasser zersetzen sich Körper und Spuren, aber bei der Bergung kann noch vieles gesichert, aber auch zerstört werden. Verbrennungen oder chemische Versuche zur Beseitigung einer Leiche hinterlassen ebenfalls Spuren, beispielsweise Hinweise auf den Brandbeschleuniger. Heutige forensische Techniken ermöglichen es, auch sehr kleine Spuren Jahrzehnte später auszuwerten.

Inwiefern ist es möglich, ein Tötungsdelikt so zu begehen, dass es dauerhaft unentdeckt bleibt? Oftmals wird in diesem Zusammenhang vom „perfekten Mord" gesprochen.

Morde sind nie perfekt, da sie immer unschön sind. Sie haben mit Hass, Dummheit, Wut und ähnlichen Gefühlen zu tun. Wenn die Leiche verschwunden bleibt, ist es meist eine Mischung aus Unwissenheit und Dreistigkeit der Täterin oder des Täters und ungünstigen Umständen für das Opfer.

Es gibt immer wieder Leute, die versuchen, die Leiche zu beseitigen oder Spuren zu verwischen. Manche orientieren sich dabei an dem, was sie im Internet gelesen haben, wissen aber überhaupt nicht, wie es in Wirklichkeit funktioniert. Beispiele sind etwa Versuche, eine Leiche in der Badewanne aufzulösen - das kommt tatsächlich manchmal vor. Dabei verletzt man sich aber wahrscheinlich selbst, beschädigt die Badewanne, macht die Leitungen kaputt. Es fällt möglicherweise auch auf, dass man sich die Chemikalien besorgt hat. Die Leute können damit auch nicht richtig umgehen. Man kann das auch clever machen, aber in der Regel wird das früher oder später auffallen. Selbst erfahrene Täter haben damit Probleme. Fritz Haarmann (Hannoveraner Serienmörder aus dem 19. Jahrhundert, Anm. d. Red.) etwa hat beim Zerteilen der Leichen Rückenschmerzen und Kopfschmerzen bekommen. Es ist also viel Arbeit, die viele Spuren erzeugt.

In der Schweiz hat mal jemand versucht, eine Leiche in einer selbst gebauten Betonbunkerkammer aufzulösen. Auffällig wurde es, weil er dahin gelatscht ist und dabei gesehen wurde.

Wie stark haben sich forensische Methoden in den letzten Jahren verbessert, und können dadurch alte, ungelöste Fälle heute neu aufgeklärt werden?

Erbgut-Vergleiche in der Verwandtschaft spielen eine zunehmende Rolle: Wenn man irgendwo ein kleines Stück Textil oder Ähnliches findet und gar nicht weiß, von wem das jetzt genau ist, kann man heute über Familiendatenbanken neue Hinweise bekommen.

Also kann man jetzt auch Täter finden, die vorher völlig unbekannt waren?

Ja, genau. Wir sind jetzt wirklich an diesem Punkt, im Frühjahr/Sommer 2026.

Der Fortschritt in unserem Fach verläuft insgesamt eher in Schlängellinien, aber die entscheidenden Entwicklungen sind jetzt alle da. Technisch kann man Massendaten auswerten, biologisch alle Spuren bis zur einzelnen Zelle analysieren und so weiter mehr geht eigentlich nicht. Früher gab es bodendurchdringende Sonare, um zu prüfen, ob die Erde bewegt wurde und damit mögliche Gräber zu finden. Heute gibt es modernere Geräte, die fast, wie Röntgen funktionieren, mit höherer Auflösung.

Man kann mittlerweile alle Gerüche wahrnehmen und erkennen, den Boden durchleuchten, Gebäude untersuchen, Wärmemessungen machen und alle Zellen untersuchen. Auch Handy-Daten und andere im Internet vorhandene Daten lassen sich auswerten.

Jetzt hängt alles nur noch davon ab, wie viel Geld und wie viele Fachkräfte man in solche Fälle steckt.

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

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Zusammenfassung

Auf einem Autobahnparkplatz wurde ein blutverschmierter, im Kopfbereich schwer verletzter und auf dem Boden liegender Mann gefunden. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmiert war. Er wurde von der Polizei verdächtigt, Verursacher dieser Verletzungen zu sein, verneinte dies jedoch. Wir wurden damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen und diese mit seinen Aussagen und den Blutspuren am Opfer abzugleichen. Experimente mit menschlichem Blut ermöglichten uns Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf.

1 Einleitung

Die Untersuchung von Blutspuren wird seit über einhundert Jahren zur Rekonstruktion von Tatabläufen und Unfällen, aber auch zur Überprüfung von Aussagen zu Tatgeschehen genutzt (Pietrowski 1895).

Blutspuren können Momente des Tatablaufes schlaglichtartig abbilden oder aber erst nachträglich erzeugt worden sein (durch den Rettungsdienst, Schmeißfliegen oder ähnliches, s.u.). Oft können teils genaue Bewegungsbilder gewonnen werden (Benecke 2019, Benecke & Benecke 2018, Benecke & Barksdale 2003, Bevel & Gardener 2008, Buck et al. 2006, Donaldson et al. 2010, James & Eckert 1998, James et al. 2005, Karger et al. 2008, Mishra et al. 2024, Rivers & Vega 2025).

Abb. 1: Der Faltenwurf lässt Rückschlüsse auf die Körperhaltung des Opfers während der Tatausübung zu (Wonder 2001)

Einfluss auf Formenmerkmale von Blutspuren und -tropfen nehmen beispielsweise die Beschaffenheit des Untergrunds bzw. der (bebluteten) Oberfläche, die Höhe der Blutungsquelle, die Geschwindigkeit des beschleunigten Blutes und das Volumen des Blutstropfens (Benecke et al. 2005B, 2012).

Auch Fliegen können Blutspuren „verursachen“ oder Blutspuren nachträglich verändern, wenn die Tiere das zuvor aufgenommene Blut auswürgen oder als Kotspur absetzen (Benecke & Barksdale 2003, Fujikawa et al. 2011, Striman et al. 2011).

Auf Oberflächen können Blutspuren verschiedene Muster abbilden: Beispielsweise kann der Faltenwurf in Kleidungsstücken Blutaussparungen aufweisen und so Rückschlüsse auf die Haltung der Kleidungsträger während der Blutung(en) geben. Wonder (2001) gibt hierzu ein typisches Beispiel: Eine erschossene Frau liegt in ausgestreckter Position auf dem Boden (Abb. 1). Der Täter hatte behauptet, das Opfer habe bei Schussabgabe gestanden. Das Blut-Faltenmuster der Hose (Abschattung, Faltenwurf) der toten Frau zeigt hingegen, dass das Blutmuster in sitzender und nicht in stehender Position entstanden sein muss.

Blutaussparungen können Hinweise auf den zeitlichen Ablauf einer Tat geben (Abb. 2).

Von Bedeutung ist gelegentlich, dass auf trockene textile Oberflächen auftreffendes Blut (kurzzeitig) nicht aufgesogen wird: Laut Wonder (2001) soll das daran liegen, dass die roten Blutkörperchen nicht durch die Textilfasern hindurch wandern können; sie müssen zunächst ihre Form verändern und können erst dann um die Fasern herumlaufen und in das (Stoff-)Gewebe eindringen. Die übrigen Blutbestandteile (Plasma) durchdringen hingegen problemlos den Stoff.

Treffen Blutstropfen auf feuchte textile Oberflächen, soll sich die Hülle der roten Blutkörperchen umgehend auflösen und den roten Blutfarbstoff sofort in den übrigen Teil des Blutes (Plasma) freigeben. In Folge erscheinen solche Blutspuren heller, größer und unregelmäßiger als Blutspuren auf trockenen Textilien (Wonder 2001).

Abb. 3: Die Blutspuren im Bild wurden zunächst wegen der zahlreichen Messerstiche als “gegeben” angesehen. Sie bilden bei genauer Vermessung aber Teile des Tatgeschehens ab: Durchtrennung des Halses mit Aushusten von Blut (Foto: Archiv Benecke)

Trifft Blut auf ein trockenes Kleidungsstück und kann dort trocknen, bevor es Feuchtigkeit bzw. Wasser ausgesetzt wird, sind die Blutspuren schwerer zu entfernen (Wonder 2001).

Die Bearbeitung von Blutspurenmustern setzt eine gute fotografische Dokumentation vor Ort voraus, insbesondere dann, wenn das Vorhandensein von Blut als durch die vorliegenden Verletzungen als selbstverständlich oder „naheliegend“ angesehen wird, wie dies etwa bei (Auto-)Unfällen leider oft der Fall ist (Benecke 2005a, 2007). Dasselbe trifft für schwere Verletzungen (Halsschnitte, massive Gewalteinwirkung etc.) zu, bei denen die teils reichlichen Blutspuren sehr wohl den räumlich-zeitlichen Verlauf abbilden (Abb. 3); nur erfordert ihre Auswertung viele Messungen der verschiedenen Blutspuren-Gruppen und damit viel Zeit. Oft sind auch Versuche erforderlich.

2 Fallbericht

Der hier vorgestellte Fall ereignete sich abends an einem Autobahnparkplatz in Österreich. Die Polizei fand das Opfer blutverschmiert und im Kopfbereich schwer verletzt auf dem Boden liegend. Neben dem Opfer stand der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmierte Angeklagte.

Das Opfer zeigte Zeichen stumpfer und scharfer Gewalteinwirkung, u.a. ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bruch des linken Felsenbeins, diverse Einblutungen im Schädelbereich, Prellungszonen am Dickdarm mit diffusen Einblutungen, eine geringe Milzverletzung, streifige Oberhautabtragungen der Brustkorbvorderseite, ein an einen Schuhabdrucke erinnerndes Einblutungsmuster am Kinn und eine Schnittwunde am Hals, die rechtsmedizinisch mit dem Einwirken durch eine abgebrochene Flasche in Einklang gebracht wurde.

Der Angeklagte gab an, nichts mit den Verletzungen zu tun zu haben. Er habe von einer unbekannten Person einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, der ihn zunächst benommen machte. Wenig später habe er das blutüberströmte Opfer auf dem Rücken liegend am Boden bemerkt und habe ihm helfen wollen. Dabei seien seine Blutantragungen entstanden: Er sei mit dem rechten Fuß über den Oberkörper des Verletzten gestiegen und habe ihn Mund-zu-Mund beatmet. Sein rechtes Knie sei dabei etwa auf Hüfthöhe des Opfers auf dem Asphalt gelegen, sein Oberkörper sei über den Oberkörper des Opfers gebeugt gewesen. Er habe sich beim Rettungsversuch das Blut des Opfers wohl ins Gesicht und an seine Kleidung geschmiert.

Der Angeklagte hatte u.a. Hautabschürfungen an den Knievorderseiten und wies eine stumpfmechanische Gewalteinwirkung gegen die rechte Hinterkopfhälfte auf.

Hinter dem Fahrzeug des Angeklagten sicherte die Polizei eine Mineralwasserflasche mit Blutantragungen. Die Polizei vermutete, dass sich der Angeklagte mit dem Wasser die Blutantragungen von der Hose und aus dem Gesicht habe waschen wollen. Der Angeklagte konnte sich daran nicht erinnern und gab an, sich während der Hilfeleistung die Hände an seiner Jogginghose getrocknet bzw. abgewischt zu haben.

Abb. 4: Jogginghosen für die Versuche

Das Opfer und der Angeklagte waren zum Zeitpunkt des Geschehens alkoholisiert (Opfer: 2,47 g/l Blutalkohol = 2,47 Promille, Angeklagter: 0,80 mg/l Atemalkohol = 1,6 Promille).

Wir wurden u.a. damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen. Dabei haben wir zu Folgendem Experimente durchgeführt und anhand der Ergebnisse geprüft, ob die Blutspuren mit den Schilderungen des Angeklagten in Einklang zu bringen sind:

1. Trocknen von Blutspritzern auf der Jogginghose

2. Mögliches Abwaschen von Blutspuren

3. Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

4. Hocken, Knien

Unsere experimentelle Fallbearbeitung fußte auf folgenden Grundannahmen:

- Die auf den Fotos erkennbaren rötlich-braunen Spuren im direkten Tat-Umfeld stellen Blut dar.

- Diese Blutspuren stammen vom Opfer.

Da das Opfer des Angriffs sofort in ärztliche Behandlung übergeben werden musste, wurde unter den Fingernägeln des Opfers keine Erbsubstanz abgerieben.

3 Material & Methoden

3.1 Kleidung

Im polizeilich-spurenkundlichen Labor des Auftraggebers wurden die bebluteten Spurenträgergesichtet und die textile Zusammensetzung der sichergestellten Kleidungsstücke festgestellt.

Für die Versuchsreihen wurden Jogginghose gekauft, die der Original-Jogginghose farblich und in ihrer stofflichen Zusammensetzung hinreichend entsprachen.

Vor Versuchsdurchführung wurden die Hosen bei 40 °C mit Color-Waschmittel ohne Weichspüler gewaschen (Abb. 4).

Die Experimente wurden mit frischem menschlichem Blut in unserem spurenkundlichen Labor durchgeführt.

3.2 Blutabnahme

Abb. 6 (oben): Jogginghose des Verdächtigen.

Abb. 7 (unten): Feine Blutspritzer in einem verwaschenen, breit rötlich-braun gefärbtem Feld.

Es fanden zwei Experimentier-Reihen im Abstand von acht Tagen statt: R1 und R2. In R1 wurde das im Zentrifugenröhrchen gewonnene menschliche Blut schonend mit 2 mL 1,15 % Na2-EDTA-Lösung pro 50 mL Vollblut versetzt, während in R2 aus Gründen der höchstmöglichen Genauigkeit betreffs kleiner Tropfen das auf dieselbe Weise gewonnene Blut ohne den Gerinnungshemmer EDTA benutzt wurde (Abb. 5).

Vor der Blutgewinnung waren die Experimente bereits aufgebaut, so dass das Blut sofort verwendet werden konnte.

4 Ergebnisse

4.1. Trocknen von Blutspritzern auf grauer Jogginghose

Die Jogginghose des Verdächtigen zeigt von oben nach unten verlaufende Spritzspuren, die in einem wässrig-blutigen Bereich der Hose liegen (Abb. 6); die Spritzspuren haben sich in diesem Bereich nicht aufgelöst (Abb. 7).

Dies weist darauf hin, dass die Jogginghose des Verdächtigen bereits getrocknete Blutstropfen aufwies, als sie mit Wasser und/oder einem Blut-Wasser-Gemisch in Kontakt kam: Kleine Blutspuren bleiben auf der Oberfläche eines trockenen Stoffs erhalten; sie verschwimmen oder lösen sich beim Auftreffen auf feuchten Oberflächen auf (Abb. 8) (Wonder 2001). Weiter folgt daraus, dass die Wunden des Opfers spritzend bluteten als der Verdächtige Kontakt mit dem Opfer hatte; seine Jogginghose war zu diesem Zeitpunkt laut Aussage des Verdächtigen trocken.

Befindet sich zuerst frisches Blut ohne Wasser auf der Hose, so trocknet dieses sehr schnell „fest“ (nach zwei Minuten bei Raumtemperatur) (Abb. 9). Dieses „alte“ Blut verläuft danach nicht mehr vollständig durch Befeuchtung mit Wasser. Auch beim Hineinknien in ein Blut-Wasser-Gemisch mit bereits blutbespritzter Hose lösen sich die ursprünglichen Spritzer nicht vollständig auf (Abb. 10). In beiden Fällen bleiben die ursprünglichen, zuvor in kurzer Zeit bereits getrockneten Spuren je nach Menge der verdünnenden Flüssigkeit und je nach Trocknungszeit umrissartig dauerhaft oder zeitweilig erhalten.

Dies zeigt, dass auf den Knie-Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch trockenen Jogginghose des Verdächtigten auch Tropfen eines Blut-Wasser-Gemisches gelangt waren.

Abb. 14: Abdrücke im Gesäßbereich: Derart breit verlaufen, wenn / weil die Hose vorher wässrig war bzw. vorher kein Blutfleck dort trocknete. Hocken (statt Knien) in Blut: Aussparungen wie in Abb. 11.

Die Blut-Spritzspuren auf der Rückseite der Jogginghose deuten auf ein Spritzen des Blutes von einer Stelle über Bodenhöhe hin und nicht auf eine sich flach am Boden befindliche Quelle (Abb. 11). Dabei gelangte das Blut nicht durch die Schwerkraft von oben nach unten tropfend auf die Hose des Verdächtigen, sondern durch beschleunigtes Blut des sitzenden oder stehenden Opfers.

Dass das Blut durch Aushusten des Verletzten an die Hose des Verdächtigten gelangt ist, erscheint unwahrscheinlich: Der Teil der Hose des Verdächtigen, der die betreffenden Spuren aufweist, war bei einer möglichen, versuchten Rettung des schon liegenden Verletzten abgeschirmt.

Gelangte das Blut im Stehen an die Hose des Verdächtigten, dann durch Spritzen von oben her und nicht während der versuchten Rettung des Opfers.

Auch ein "Hände Aus- oder Abschütteln" nach erfolgter Rettungsmaßnahme durch den Verdächtigten kommt für die Entstehung der Blutspritzer nicht in Betracht: Die kleinen Spritzer wären sonst sehr stark verlaufen oder unsichtbar.

4.2 Mögliches Abwaschen des Verdächtigen vs. Begießen des Verletzten

Die Aussage des Verdächtigen, dass er sich nicht nennenswert abgewaschen habe, kann stimmen. Unsere Versuche zeigen, dass er sich stattdessen eher in ein bereits vorhandenes Blut-Wasser-Gemisch gekniet hat. In Hinblick auf die uns bekannten Informationen kann dieses durch Begießen der verletzten, blutenden Person mit Wasser entstanden sein.

Die Hände und das Gesicht des Verdächtigen waren bei Eintreffen der Polizei noch beblutet: Die leicht angerundeten, recht scharfen Blut-Ränder in der Gesichts-Beblutung stehen in Einklang mit einem "eigene-Hände-ins-Gesicht-schlagen" (Abb. 12) und dann folgendem Trocknen der dünnen Blutschicht im Gesicht.

Nach Beblutung und Trocknung des Blutes in seinem Gesicht kann sich der Verdächtige (später) Wasser ins Gesicht gebracht haben; dies lassen die Aussparungen um seine Augen, die er dabei wohl geschlossen hatte, vermuten.

4.3 Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

Eine Mund-zu-Mund-Beatmung erscheint im vorliegenden Fall zunächst nicht ausgeschlossen. Aus blutspurenkundlicher Sicht ist aber bedeutsam, welche Körperhaltung der Verdächtige einnahm (Abb. 13): Auffällig ist, dass der Schritt seiner Hose nicht beblutet war: Eine Mund-zu-Mund-Beatmung wäre so wenn, dann vollständig von der Seite aus ausgeführt worden (Abb. 19). Diese Spurenlage steht nicht in Einklang mit seiner gegenüber der Polizei gemachten Aussage, dass er bei Rettungsgriffen o.ä. den liegenden Mann mit mindestens einem Bein überstiegen und dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgeführt habe: Bei einer solchen Haltung "über" dem Körper des Verletzten wäre Blut des Opfers an den Bereich des Schrittes der Hose gelangt.

4.4 Hocken, Knien

Am unteren, hinteren Hosenbein (auf dem Übergang zwischen Hose und Abschluss-“Bündchen“ der Jogginghose) des Verdächtigen ist eine „Abschattung“ in Form einer Unterbrechung der Blutantragung zu erkennen. Diese Blutspur-Aussparung lässt erkennen, dass und wie der Angeklagte zwischenzeitlich gehockt oder gekniet hat (Abb. 11, 14).

Bei dieser Aussparung kann und dürfte sich um eine Übertragung des Blutes von den Schuhen des Verdächtigen auf seine Hose handeln: Die Rückseiten seiner Schuhe weisen Blutantragungen auf; von hier ist das Blut wohl an den Saum der Hose gelangt (Abb. 15).

Abb. 15: Blutspuren auf Schuhe der verdächtigen Person (Foto: Auftraggeber)

Dies zeigt auch unsere Nachstellung: Die Aussage des Verdächtigten, er sei (zwischenzeitlich) mit einem Knie auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft und beiden Füßen auf dem Boden über das Opfer gebeugt gewesen, kann richtig sein (Abb. 13).

Die bloße Mund-zu-Mund-Beatmung eines überraschend angetroffenen Verletzten erklärt die Beblutung der Rückseiten der Schuhe des verdächtigen Manns auf deren Außen- und Rückseiten jedoch nicht (in diesem Maße).

Der Kontakt zwischen beiden Männern kann sich nicht ausschließlich am Boden abgespielt haben: Sofern sie miteinander gekämpft haben, müssten sie auch im Stehen Gewalt ausgesetzt gewesen sein bzw. ausgeübt haben. Wäre der Verdächtigte unbeblutet und aus seiner Ohnmacht soeben erwacht zum am Boden liegenden verletzten Mann gelangt und hätte ihn gem. seiner Aussage mit einem Bein überstiegen, ließen sich weder das fehlende Blut im Schritt der Jogginghose des Verdächtigen noch die zuvor auf seiner grauen Jogginghose getrockneten Blutspritzer erklären.

5 Zusammenfassung

Es handelt sich hier um eine kritische Einzelfallbetrachtung. Wir konnten mittels der durchgeführten Blutspur-Experimenten zeigen, dass

- der Verdächtige mit der stehenden oder sitzenden, jedenfalls nicht nur liegenden Person Kontakt hatte, als diese spritzend blutete oder der Verdächtige Schwingbewegungen mit der Hand oder einem Gegenstand machte.

- die verletzte Person auf die trockene Hose des Verdächtigen blutete, auf die erst später Wasser gelangte.

Die Aussagen des Angeklagten stehen damit mit den blutspurenkundlichen Befunden überwiegend nicht in Einklang.

Die Durchführung der Experimente erlaubte die Überprüfung von Aussagen vom Täter im Sinne des Ein- oder Ausschluss-Verfahrens. Die Ergebnisse hätten durch reines Nachdenken nicht gewonnen werden können.

Wichtig bei einer experimentellen Überprüfung ist grundsätzlich, originale oder original-nahe Objekte und Spurenträger eines Falls zu verwenden sowie möglichst viele gute Fotos mit Maßstab zu erhalten.

Experimente stellen Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf und damit schlaglichtartig Teile des Messbaren dar. Sie erzielen bei einem adäquaten Aufbau und exakter Durchführung eine hohe Aussagekraft. Wie die Ergebnisse dieses Beispielfalles zeigen, ist der Aufwand der experimentellen Überprüfung gerechtfertigt.

Literatur

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Was können die Maddie-Ermittler nach 18 Jahren eigentlich noch finden?

Quelle: rtl.de. 9. Juni 2025

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt‘s

18 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann laufen in Portugal erneut großangelegte Suchaktionen. Es ist womöglich der letzte Versuch, doch noch Beweise zu finden. Denn der einzige Tatverdächtige, Christian B., könnte schon bald aus dem Gefängnis freikommen – mangels belastbarer Spuren. Doch was lässt sich nach so langer Zeit überhaupt noch finden? RTL hat den renommierten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke gefragt und zusätzlich mit einem Journalisten gesprochen, der den Fall seit Tag eins begleitet.

Drei Orte im Fokus – deutsche Ermittler in Portugal

Die Suche konzentriert sich auf drei Gebiete im Süden Portugals, rund um Praia da Luz, Lagos und Atalaia. In diesem Umfeld wohnte und arbeitete Christian B. zur Tatzeit. Auch ein Haus, in dem der Maddie-Verdächtige lebte, soll nun erneut durchsucht werden. Genauso wie das Gelände, auf dem damals größere Erdarbeiten stattfanden.

Spuren am Schlafanzug?

Benecke ist kein Romantiker. Er arbeitet faktenbasiert, schnörkellos. Oft an Fällen, die andere längst abgehakt haben. Und genau deshalb lohnt sich seine Sicht auf den Fall Maddie. Aber was genau könnte heute, 18 Jahre später, überhaupt noch da sein?

„Das hängt davon ab, wie viele Menschen den Schlafanzug zwischendurch angefasst haben. Grundsätzlich würde ich auf dem Schlafanzug an Hautzellen auch von einem möglichen Täter oder einer Täterin oder Speichelspuren oder Spermaspuren oder Haare denken. Diese Spuren halten sich sehr lange, wenn allerdings viele Menschen ein Kleidungsstück bereits angefasst haben, können natürlich auch Spuren dieser Personen auf der Bekleidung anzutreffen sein.”

Es sei eine Frage der Sorgfalt, nicht der Zeit. Kleidung kann auch Fasern anderer Personen enthalten, die sich chemisch und strukturell klar zuordnen lassen. – manchmal sogar über Jahrzehnte.

Lohnt sich die Grabung nach 18 Jahren überhaupt noch?

„Ja”, sagt Benecke. „Sofern die Möglichkeit besteht, dass Spuren mit einer neuen Technik und oder aus anderen Gründen besser untersucht werden können dann lohnt es sich immer eine Nachuntersuchung zu machen.”

Benecke begleitete selbst Fälle über Jahrzehnte hinweg. Oft werden Proben gezielt konserviert, um sie später mit besseren Methoden und Technik erneut zu analysieren. Manchmal mit bahnbrechenden Erkenntnissen.

„Bei den von mir untersuchten Lampenschirmen und dem Taschenmesser-Etui aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich auch erst 80 Jahre später herausgestellt, dass es sich wirklich um Menschenhaut handelt.” Dadurch wurde erst klar: Die Nazis haben Alltagsgegenstände aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt.

Forensik 2025: Hightech oder Handarbeit?

Was vielleicht überrascht: Die spektakulärsten Funde entstehen oft nicht durch Hightech-Geräte, sondern durch schlichte Gründlichkeit. „Ich bevorzuge das klassische Abschichten, das heißt jede Schicht wird einzeln in Tüten gepackt, gesiebt und untersucht. (...) Auch die Suche nach Hautschuppen auf Kleidung ist im Grunde handwerkliche Arbeit, weil sie unter dem Vergrößerungsgerät von einzelnen Menschen durchgeführt werden muss.”

Hightech kommt erst später dazu, etwa wenn DNA vervielfältigt oder automatisiert abgeglichen wird. Der Anfang bleibt jedoch oft vermeintlich unspektakulär, dafür präzise. Und wenn man doch noch etwas findet? „Auch ein Haar oder eine Hautschuppe kann heute noch problemlos auf ihr Erbgut und weitere Eigenschaften untersucht werden. Ob das gelingt, hängt natürlich von der Lagerung der Spuren ab und davon, ob sie überhaupt gesehen werden.”

Pinkfarbener Pyjama und ein Haar aus Maddies Bürste

Auch der britische Investigativjournalist Jon Clarke, der den Fall seit 2007 intensiv begleitet und schon oft zum mutmaßlichen Tatort nach Portugal reiste, glaubt an die Bedeutung kleinster Funde. Im Gespräch mit RTL berichtet er von früheren Suchen, bei denen Materialreste gefunden, aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten – möglicherweise sogar aus Maddies pinkfarbenem Pyjama.

Clarke sagt, die Ermittler glauben inzwischen, dass Christian B. so ortskundig war, dass er sogar in der Nähe seines eigenen Hauses eine Leiche abgelegt haben könnte. „Direkt vor der Nase von Polizei und Familie”. Jetzt werde genau dort erneut gesucht.

Doch am Ende sind es eben nicht die großen Maschinen, sondern die kleinen Beweise, die vielleicht endlich den Durchbruch bringen. Für Benecke ist klar: „Hoffnung spielt meiner Auffassung nach keine Rolle, sondern gute Spurenarbeit.” Und dass man die Möglichkeit nutzt, wenn sie sich bietet.

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 1

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In einer Wohnung war der Vormieter verstorben, dessen Verwesungsflüssigkeit über längere Zeit in die Holzdielen des Altbaus gesickert. Der Nachmieter sandte uns Proben des Holzes und verschiedener Insekten zu, die aus der Wohnung stammten.

In der Wohnung sei ein auffälliger Leichengeruch wahrzunehmen. Wir wurden damit beauftragt zu klären, ob die Verfärbungen im Holzboden durch eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen. Die Art-Zusammensetzung der Insekten und ein Ammoniak-Test deuteten sicher auf das längere Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin.

1 Einleitung/Fallbeschreibung

Unser Auftraggeber hatten eine Wohnung gemietet, in der der Vormieter verstorben war. Dieser lag über längere Zeit unentdeckt tot in der Wohnung auf dem Holzfußboden. Dort waren die Holzdielen verfärbt. In der Wohnung war ein auffallender Leichengeruch vorhanden. In der jetzt leeren Wohnung fand der Auftraggeber immer wieder verschiedene Insekten.

Der Vermieter wollte, wie in der betreffenden Großstadt wegen Wohnungs-Knappheit üblich, keine aufwendigen Renovierungsarbeiten in Auftrag geben und die Wohnung umgehend wieder vermieten. Er gab an, dass:

  • kein Leichengeruch vorläge; nur der Geruch abgeschliffenen Holzes sei wahrnehmbar.

  • die sichtbaren Flecken von jeder möglichen Flüssigkeit stammen könnten, z.B. auch von Kaffee.

  • die in der Wohnung vorgefundenen Fliegen zufällig von außerhalb gekommen seien, sich auch nicht in der Wohnung entwickelt hätten und keinem Leichengeruch gefolgt seien.

Zur Klärung, ob die Verfärbungen im Holzboden durch dort eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen, erhielten wir Insekten- und Holzproben. Wir konnten einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Tiere und der ausgetretenen und in den Holzfußboden (und weit darunter) gesickerten Leichenflüssigkeit feststellen.

2 Material und Methoden

2.1 Insekten

Die Insekten wurden mit einem Stereomikroskop Binokular (Leica MZ12.5, maximal 100x) und ausgewählter Bestimmungsliteratur untersucht (Hackston 2014, 2018, 2019a, 2019b, Szpila 2010).

2.2 Dielenbretter/Geruch

Wegen des Zeit- und Leidensdrucks der Betroffenen war vor Ort keine Begehung und Probennahme durch uns möglich.

Uns lagen jedoch Fotos und ein Video der Wohnung in sehr guter Qualitat vor.

Die Proben der Holzdielen wurden uns in Gläsern mit Schraubverschluss zugesandt. In den Gläsern waren die Holzstücke mehrfach in Ziploc-Druckverschluss-Beuteln ummantelt.

Die Proben waren dabei jeweils in den originalen drei Lagen Zi-plock-Beuteln luftdicht verpackt (Abb. 1) ganz innen befand sich je einmal ein weiterer kleiner luftdichter Beutel mit Holzmaterial.

Das Holzmaterial wies teils eine deutlich dunkle, wie verkohlt wirkende, Verfärbung auf (Abb. 2). Die Holz-Proben bestanden aus kleineren und etwas größeren Holzstücken (Abb. 3).

2.3 Ammoniak-Test

Um einen Ammoniak-Schnelltest (Fa. Bosike/Like Sun, Essen) zum Ausschluss von Kaffee und als Hinweis auf Fäulnisflüssig-keit (Patel et al. 2023, Van en Oever 1978) durchzuführen wurde ein kleines Stück einer dunkel verfärbten Stelle des Holzbodens in 3 ml sterilem Wasser (Einweg-Ampulle, Fa. Addi-Pak) in einem sterilen, DNA-freien Zentrifugen-Röhrchen (Fa. Greiner) einige Minuten geschwenkt (Abb. 4) und anschließend der Ammoniak-Teststreifen hineingetaucht.

3 Ergebnisse

3.1 Insekten

Die Proben enthielten folgende Insekten(gruppen):

Fleischfliegen der Gattung Sarcophaga spec. (Abb. 5)

  • Schmeißfliege der Art Calliphora vicina (Abb. 6)

  • Teppichkäfer (Speckkäfer), vermutlich der Gattungen Attagenus spec.und Anthrenus spec. (Dermestidae) (Abb. 7)

  • Speckkäferlarven (Abb. 8)

  • Erzwespen, vermutlich der Familie Torymidae (Chalcidoidea) (Abb. 9)

Auffallend war, dass in den Proben Fleischfliegen mit 56 Tieren am stärksten vertreten sind, gefolgt von Teppichkäfern (n = 41) und Erzwespen (n = 9), während nur eine Schmeißfliege enthalten war (Tabelle 1). Die Speckkäferlarven waren zahlreich und wurden nicht gezählt.

Abgesehen von den Erzwespen treten sämtliche in den Proben vorgefundene Insekten in Verbindung mit Verwesungsprozes-sen menschlicher und tierischer Körper auf (Al-Khalifa et al. 2020, Diaz-Aranda et al. 2018, Farrell et al. 2015, Ren et al. 2017). Während Schmeißfliegen tote Körper in früheren Verwesungsstadien aufsuchen (Bugelli et al. 2015, Byrd & Castner 2001a), besiedeln Fleischfliegen Leichname während des gesamten Verwesungsprozesses (Afifi et al. 2022, Barbosa et al. 2021, Battan-Horrenstein et al. 2020, Bonacci et al. 2014, Byrd & Castner 2001b, Cherix et al. 2012, Gunn 2020, Hediye-loo et al. 2024, Pinto Vairo et al. 2017). Dies gilt in Großstädten besonders für Wohnungsleichen. Teppich- bzw. Speckkäfer und deren Larven treten in späteren Verwesungsstadien (Austrocknung) auf und bevorzugen vertrocknendes organisches Gewebe (auch Mumien, ausgestopfte Tiere usw.), von dem sie sich ernähren (Byrd & Castner 2001c, Charabidze et al. 2013, Gunn 2018, Kadej et al. 2020). Erzwespen leben räuberisch (auch) von anderen leichenbesiedelnden Insekten wie den hier in den Proben vorkommenden Schmeiß- und Fleischfliegen (Frederickx et al. 2013). Sie treten erst später im Zuge der Leichenbesiedlung auf, da sie nicht die Leiche als solche, sondern auf der Leiche lebende Tiere besiedeln.

Einzelne erwachsene, tote Fliegen wiesen Löcher und Ausfres-sungen auf, die von Speckkäfern und Erzwespen stammen können. Dies ist ein weiterer Hinweis auf eine länger bestehende Besiedlung bzw. das längere Vorhandensein der leichenbesie-delnden und vom Leichengeruch angezogenen Tiere (Abb. 10).

3.2 Geruch

Bereits beim Öffnen der Glasdeckel (also der äußersten Verpackungshülle der mehrfach verpackten Proben) war der Raum des Labors sofort von typischem Zersetzungsgeruch erfüllt. Alle Proben verströmten durch die geschlossenen Tüten hindurch bereits deutlichen Fäulnisgeruch.

Kaffee-Geruch oder ähnliche Gerüche waren in keinen der zwei Proben - auch beim Öffnen der Holzproben-Beutel und direktem Geruchs-Test mit der Nase - wahrzunehmen.

3.3 Ammoniak

Der Ammoniak-Schnelltest schlug bereits nach wenigen Sekunden des Eintauchens deutlich an; normalerweise dauert dies laut Hersteller eine halbe Minute (Abb. 11).

4 Zu den Aussagen des Vermieters

4.1 Leichengeruch und „Flecken"

Laut Auftraggeber teilten „sämtliche Mitarbeitende ... [des Vermieters], die in der Wohnung waren sowie der ... [vom Vermieter] beauftragte Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer [...] mit, es läge kein Leichengeruch vor, sondern nur der Geruch nach abgeschliffenem Holz." Dies ist für das verfärbte Holz nicht richtig: Dieses roch sehr deutlich wahrnehmbar nach Leiche. Unabhängig davon mag ein starker Geruch nach abgeschliffenem Holz oder sonstiger Geruch in der Wohnung vorgelegen haben. In direkter Nähe des Holzes muss der Leichengeruch jedoch wahrnehmbar gewesen sein.

4.2 Fliegen

Die Auftraggeber teilen mit: „Der Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer hat bei seinem zweiten Besuch der Wohnung ca. 3 - 5 Exemplare der Fliegen aus dem großen Zimmer mitgenommen, um sie von einem befreundeten Biologen bestimmen zu las-sen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden uns nicht mit-geteilt. „Der Vermieter soll angegeben haben: „Ein Experte hat uns bestätigt, dass diese Fliegen von außerhalb gekommen sein müssen und sich nicht in der Wohnung entwickelt haben können.”

Diese Aussage ist teils richtig: Die Insekten können von draußen in die Wohnung geflogen sein, da sie vom für die Insekten attraktiven Leichen-Geruch angezogen wurden. Sie müssen sich nicht zwingend dort entwickelt haben. Sie können sich am verfaulenden Gewebe auch „nur" nähren bzw. Eier ablegen.

Das Vorhandensein der Speckkäfer und erwachsenen Fliegen weist darauf hin, dass die Besiedlung/das Hineinfliegen von Insekten in die entweder mit Tier-Fleisch vermüllte oder eine menschliche Leiche aufweisende Wohnung schon seit längerer Zeit stattgefunden hat: Es handelt sich um sog. späte Leichenbesiedler. Sämtliche von uns untersuchten Insekten treten nur an Leichen-Fundorten mit zerfließenden Leichen oder in Umgebungen mit hohem Fleisch-Anteil in altem Müll (tierische oder menschliche Leichenteile) auf.

5 Diskussion

Die hier untersuchten Insekten sind entweder Leichenbesiedler oder stehen eindeutig mit Verwesungsprozessen bzw. davon angelockten Tieren in Verbindung.

Uns ist kein Geruch bekannt, der ähnlich wie die hier vorliegende Art des Leichengeruches zusammengesetzt ist. Ein ähnlicher Geruch kann hin und wieder durch Berge von Müll entstehen, der dann aber vorwiegend aus Fleischresten bestehen muss. Nur dann entwickelt sich dieser Geruch, und dann nur nach ausreichend langer „Reifung". Die dazu benötigte Zeit ist temperaturabhängig: Je wärmer, desto schneller. Da die Wohnung auf dem uns übersendeten Video nicht vermüllt, sondern leer wirkt, müsste es sich hier vormals um große Mengen Mülls mit hohem Fleisch-Anteil gehandelt haben.

Der Ammoniak-Test schlägt bei Vorliegen zersetzlicher Stoffe an, nicht bei „normalen" Holz Böden oder -Stücken. Dies zeigt, dass in die Dielenbretter Verwesungsflüssigkeit eingedrungen sein muss (und kein Kaffee).

Uns liegt ein Video aus der Wohnung vor, auf dem zu erkennen ist, dass die Zwischenräume des Fußbodens Risse aufweisen, auch dort, wo der Leichnam gelegen haben soll. Durch diese Risse können Verwesungsflüssigkeit und Gewebestücke des

Leichnams in den Bereich unter den Dielen gelangt sein (Pfütze). Leichenflüssigkeit kann in das eigentliche Holz nicht ver-siegelter Böden eindringen und verbleibt dann wegen der Klebe-Eigenschaften des halb verflüssigten Leichen-Materials dort oder unter den Holz-Dielen.

Hin und wieder werden derart belastete Böden versiegelt, um den Geruch „einzukapseln" oder mit Chemikalien behandelt, die den Geruch lösen oder überdecken sollen (beispielsweise durch den (Himbeer-Geruch von Maskomal oder ähnlichem).

Sinnvoller ist aber die Beseitigung der Geruchs-Quelle; dies ist vergleichbar mit benutzten Baby-Windeln, die auch weggeworfen oder gereinigt und nicht mit Geruchs-Überdeckung versehen werden.

Das gemeinsame Auftreten der Insekten aus den Wohnungs-Proben deutet sicher auf das Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin, deren Geruch die Tiere angelock hat. Die Fäulnisflüssigkeit muss in genügender Menge und vermutlich über einen längeren Zeitraum im Holzboden gewesen sein, andernfalls wären nur Schmeißfliegen anzutreffen, die Leichen früh besiedeln. Speckkäfer und Erzwespen treten als spätere Leichenbesiedler auf (Benecke & Baumjohann 2014): Teppichkäfer und deren Larven dienen vertrocknetes organisches Gewebe und auch tote Insekten (wie beispielsweise Fliegen) als Nahrungsquelle. Gerade bei Wohnungsleichen und Müllbergen sind sie jedoch seltener anzutreffen, da meist rasch eine Räumung und Säuberung der verschmutzten Bereiche stattfindet. Besonders Erzwespen werden dann naturgemäß nicht mehr angelockt: Sie besiedeln Jugend-Stadien anderer Insekten.

Das Fehlen von Schmeißfliegenlarven und deren Puppen in den Proben und auf den Fotos geben einen Hinweis darauf, dass nunmehr kein frisches, neues organisches Material vorhanden ist, von dem sich die Schmeißfliegenlarven ernähren können.

Da Schmeißfliegenlarven zur Verpuppung meist dunkle und enge „Verstecke" aufsuchen, könnten sich Fliegenpuppen und -larven auch unter den Dielenböden und hinter Teppichleisten befinden. Dies ist hin und wieder der Fall und führt teils zu für die Bewohner:innen nicht nachvollziehbarem Fliegenvorkommen. Beispielsweise kann eine Wohnung geräumt und gereinigt werden, die Puppen der Fliegen sind aber noch in Ritzen versteckt und die Fliegen schlüpfen dann später aus den Puppen (vergleiche Fall Nr. 2 „Leere Wohnung" in Benecke 1996).

Die „Mischung" toter Fliegen, Käfer und Erzwespen in der hier betroffenen Wohnung bedeutet, dass die Tiere vom Leichengeruch angelockt wurden und in der Wohnung verstarben bzw. dort genügend Nahrung (auch Leichenflüssigkeit) vorhanden war. Dabei ist es unwesentlich, ob diese Fliegen sich in der Wohnung (aus Larven) entwickelt haben oder erwachsene In-sekten in die Wohnung geflogen sind. Wesentlich ist der Grund für ihr Erscheinen: der für sie anziehende Verwesungsgeruch.

Literatur

siehe .pdf


A routine rape case that became tricky (and educational)

After attending this presentation, attendees will understand why it is important to listen to the victim and relatives, who do not fully understand the objective DNA evidence, but who point in a relevant direction relating to procedural failures of police and crime labs.

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