Gleichgültigkeit trifft Wahn: "Serienmörder haben das Gefühl für ihre Umgebung verloren"

Quelle: ntv.de, 20.Dez. 2025, 17:35 Uhr

Von Anna Kriller

Seit mehr als 20 Jahren ist der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke in wissenschaftlichen Forensik aktiv. (Foto: Benecke.Com)

Foto: Mark Benecke

Serienmörderinnen und Serienmörder schockieren mit ihren grausamen Taten und fesseln gleichzeitig die Öffentlichkeit. Doch was verbindet Täter wie Ted Bundy, Charles Manson und Jeffrey Dahmer? Kriminalbiologe Mark Benecke über die Psyche von Serienkillern.

Sie jagen, foltern, vergewaltigen und töten ihre Opfer, essen sie teilweise sogar - und das reihenweise: Serienmörderinnen und Serienmörder faszinieren, und das nicht erst, seit True-Crime-Podcasts die Spotify-Charts anführen und Netflix Dokuserien aus den Horrortaten von Ted Bundy oder Jeffrey Dahmer macht. 

Wie sehr die schockierenden Fälle rund um Serienmorde der vergangenen Jahrzehnte Menschen weiterhin in ihren Bann ziehen, zeigt die wegen hoher Nachfrage kürzlich verlängerte Ausstellung "Serial Killer" in Berlin. Hier erhalten Besucher seltene, wissenschaftlich fundierte Einblicke in die Arbeit internationaler Ermittlungsbehörden sowie psychologische Hintergründe zu den Täterinnen und Tätern. Kuratiert wurde die Ausstellung unter der Leitung von Forensiker und Kriminalist Dr. Mark Benecke. Sein Ziel: die Mechanismen hinter schweren Gewaltverbrechen zu ergründen, denn: "Wenn wir Serienmorden vorbeugen wollen, müssen wir die Täterinnen und Täter verstehen".

Blickt man beispielsweise auf die Serienmörder Jürgen Bartsch, Charles Manson und Ted Bundy, scheint es — abgesehen vom schlussendlichen Tod ihrer Opfer — keine allzu großen Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihres Vorgehens und ihrer Motivation zu geben: Während der deutsche "Kirmesmörder" Jürgen Bartsch in den 1960er Jahren vier Jungen missbrauchte und sie anschließend tötete, gab der Sektenführer Charles Manson im Sommer 1969 offenbar lieber Morde bei seinen Anhängern in Auftrag. Der charismatische Serienmörder Ted Bundy täuschte sein Umfeld jahrelang und konnte so zwischen 1974 und 1978 mindestens 30 junge Frauen in mehreren US-Bundesstaaten ermorden. 

Was also verbindet sogenannte "Serienmörder", abgesehen von dem Begriff selbst? "Serienmörderinnen und Serienmörder haben das 'gute Gefühl' für ihre Umgebung verloren", sagt Mark Benecke im Vorwort zur "Serial Killer"-Ausstellung. "Sie sind einsam, jedoch nie verrückt. Sie können klar und ehrlich sein in dem, was sie zu wollen glauben - zu sich und zu anderen. Doch sich unsozial ausprägende Persönlichkeitsstörungen plus Geradlinigkeit: Das ist eine fiese Mischung."

Dass es überhaupt zu diesem Verlust des Gefühls für die Umgebung kommen könne, sei bereits im Gehirn von Serienmörderinnen und Serienmördern angelegt, erklärt Benecke im Interview mit ntv.de. "Da sie nicht den Schutz einer liebevollen Umgebung als Kind erfahren, 'blüht' ihre unsoziale Persönlichkeit vollends auf: Sie denken nur an sich, fühlen nur für sich. Andere sind bloß 'für sie' auf dieser Welt. Da die Täterinnen und Täter bindungsgestört sind, wird es nicht besser: Sie erleben keine schönen Momente gemeinsam mit anderen, sondern nur mit Opfern."

In seinem Vorwort zur "Serial Killer"-Ausstellung nennt Benecke dazu ein Beispiel: "Wie sehr die Täter mehr als alles andere beziehungsgestört sind, zeigt sich am deutschen Jungenmörder Jürgen Bartsch. Er hatte Kerzen nicht etwa stets im Gepäck, um seine Opfer zu foltern. Nein, Bartsch wollte seinen Opfern ein Lichtlein in der Dunkelheit gegen ihre kindliche Todesangst geben. Bei den Befragungen wollte Bartsch zunächst nicht zuzugeben, seine toten Opfer geküsst zu haben oder gar nekrophil zu sein, bis die Bindungsstörung ungewollt aus ihm herausplatzte: Er hatte sich sehr wohl an den Leichen der von ihm zu Tode gefolterten Kinder zu schaffen gemacht, aber nur, weil diese Art der schlimmst möglichen Bindung für ihn so unendlich angenehm war. Er wollte den für ihn schönen, befreienden und beruhigenden Moment genießen."

Der Grundstein für die gestörte Persönlichkeit von Serienmörderinnen und Serienmördern werde bereits früh gelegt. "Alles im Gehirn verändert und entwickelt sich in der Kindheit und Jugend, auch durch die Umgebung: Die Nerven werden beim Wachstum je nach Erbgut und Erfahrungen mit der Umwelt 'verdrahtet'", sagt Benecke. 

Die für Serienmörderinnen und Serienmörder typischen selbstbezogenen und unsozialen Persönlichkeitsmerkmale seien also von Anfang an da, können aber auch durch gute Erfahrungen abgeschwächt werden. Es gebe laut dem Kriminalisten zum Beispiel auch Berufe, in denen Menschen mit diesen Merkmalen arbeiten können, "etwa als knallharter Boss in einem durch und durch gruseligen Arbeitsfeld".

Das passt auch zum Unrechtsbewusstsein von Serienmörderinnen und Serienmördern. Sie haben es Benecke zufolge zwar, es sei ihnen aber völlig egal. "Unrecht gegen andere wirkt nicht unangenehm auf sie, es hält sie nicht vom Lügen, Töten, Brandschatzen oder Foltern ab." In Gesprächsaufzeichnungen etwa mit Ed Kemper, Richard Ramirez, Luis Garavito oder Jeffrey Dahmer lasse sich dies gut erkennen. "Die Täter reden darin ganz ehrlich, solange sie möchten, und beschreiben sachlich, wahr und manchmal sogar mit einem gewissen Staunen, was sie so alles 'geschafft' haben." Unaussprechliche Handlungen werden dabei fast alltäglich und selbstverständlich geschildert. "Das ist vermutlich auch der Hauptgrund, warum sie so gehasst werden.

Dieser Hass dürfte den meisten Serienmörderinnen und Serienmördern allerdings völlig egal sein. Etwas, das diese laut Benecke nämlich ebenfalls gemeinsam haben, sei zum einen "eine vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem, was ihre Opfer fühlen und wünschen". Und zum anderen - und da wird ihnen die Faszination der Öffentlichkeit vermutlich gut gefallen — "glühender Größenwahn". 

Was Mark Benecke zum Thema Blut zu sagen hat

Quelle: Gießener Allgemeine, Gießen, 7. März 2025

Von Barbara Czernek

Gießen (bac). Wer es wenig blutig mag, der ist bei Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Autor, Politiker und Schauspieler an der richtigen Adresse. Er gehört zu den bekannten Gesichtern, wenn es um Fragen der Forensik geht. Mit seinen Wissenschafts-Programmen »Insekten auf Leichen« oder »Blutspuren« füllt er große Säle, so auch am Donnerstagabend die beiden Säle der Kongresshalle.

In der Reihe »Blutspuren« geht es darum, welche Aussagen man anhand von Blutspuren treffen kann: Passt die vorgefundene Spurenlage zu den weiteren Informationen und Aussagen der Beteiligten Personen oder nicht? Seine Maxime lautet: »Nicht meinen, sondern messen« Benecke geht rein wissenschaftlich vor, die entsprechenden Beurteilungen und Auslegungen überlässt er seinen Auftraggebern. Daher bekam das Publikum von den vorgestellten Fällen auch nur die Informationen mitgeteilt, die für die Erläuterung und Spurenlage notwendig waren. Das mag enttäuschend für einige gewesen sein, die sich vielleicht mehr Crime-Stories erhofft hatten. Jedenfalls verließen immer wieder Personen den Saal.

Die Bilder, die er zeigte, waren jedenfalls nichts für schwache Nerven. Ob ein großer Blutfleck an einem Bretterzaun, ein blutverschmiertes Bad oder Blutspuren im Flur: Anhand dessen deckte er auf, ob die Behauptungen der Täter oder Opfer zutreffen oder nicht.

Zwei spektakuläre Fälle hatte er im Gepäck: 2004 wurde der 26-jährige Amerikaner Nick Berg vor laufenden Kameras von Mitgliedern von Al-Kaida enthauptete. Benecke sollte prüfen, ob dieses Video echt oder fake sei. Er suchte nach entsprechenden Quellen von Enthauptungen, um zu prüfen, ob die gefilmten Bewegungen der Person realistisch seien. »Da muss man einfach mal Leute fragen, die sich mit so etwas auskennen«, meinte er trocken. Da es diese Hinrichtungsmethode in Deutschland nicht mehr gibt, hat er sich umgeschaut, wie in anderen Ländern und Religionen Tiere geschlachtet werden und wurde fündig. Ergebnis war, dass die gefilmten Vorgänge der Hinrichtung realistisch waren. Der zweite bekannte Fall war die Ermordung von Nicole Brown, der Ex-Frau von O.J. Simpson. Er zeigte auf, wie Simpson zwar anhand der Spurenlage überführt wurde, jedoch von der Jury freigesprochen wurde.

»Wir kämpfen nicht für eine Seite, sondern nur für die messbare Wahrheit«. Damit räumte er zugleich auch mit gewissen Mythen auf, die sich um seinen Beruf als Forensiker ranken. »Zum Feststellen, wie der Blutverlauf war, nehmen wir keinen Laser, sondern Wollfäden und Tesa-Film«, sagte er. Für andere Ausrüstungsdinge fehlten die Geldmittel. Da dieser Beruf längst nicht so spannend sei, wie in Krimi-Serien wie »CSI« dargestellt, fehle auch der Nachwuchs.

Dr. Benecke ist ein besonderer Mensch. Er ist bekannt durch seine zahlreichen Fernsehauftritte wie »Autopsie - Mysteriöse Todesfälle«, »Akte Mord« (RTL II) und »Medical Detective«s (VOX), dennoch macht er kein besonders Aufheben um seine Person. Er saß neben der großen Bühne vor seinem Laptop und warf die Bilder auf die beiden Leinwände. Wer ihn nicht kannte, der konnte diesen dunkel gekleideten Menschen leicht mit einem Technikmitarbeiter verwechseln. Seine Präsentation gestaltete er wie einen Vortrag vor Studenten ohne Schnickschnack, aber mit strikten Vorgaben. Er mochte keinerlei Störungen und forderte die volle Aufmerksamkeit seines Publikums. Wenn jemand den Saal verlassen wollte, dann stoppte er (»Wir machen jetzt eine kurze Pause, kein Problem«) und er begann erst wieder, wenn die Personen den Saal verlassen hatten. Darauf hatte er zu Beginn aufmerksam gemacht. Strenge Regeln, die er durchzog.

Interview: Serienmörder Luis Alfredo Garavito Cubillos (1957—2023)

Quellen: Meldung aus web.de vom 28. Oktober 2024 und Bonus-Interview, das die Grundlage für den Text war

Wenn Du den Fall Garavito in drei Wörter beschreiben müsstest - welche wären das? Und warum?

Da reicht ein Wort: Apokalyptisch.

Wenn man einem Serienmörder gegenübersitzt - wie fühlt sich das an, was strahlt er (anders als andere Menschen) eventuell aus?

Sie sind eitel, das heißt, sie versuchen, sich im Knast gut darzustellen. Die Ausstrahlung der meisten ist ruhig, ehrlich und offen. Das ist gut zu erkennen auf Videos beispielsweise von Jeff Dahmer und Samuel Little, die im Internet zu finden sind. 

Abgesehen von der immensen Anzahl an Opfern: Was machte Garavito als Serienmörder so einzigartig? Weshalb hat er dein Interesse geweckt? Was hat dich dazu gebracht ihn persönlich kennenlernen zu wollen?

Niemand wollte mit ihm reden. Meine Kolleginnen und Kollegen in Bogotá meinten zu mir, er sei ein Monster, kein Mensch, und Monstern nehmen sie weder Blut ab noch reden sie mit ihnen. 

Hattest du auch Kontakt zu direkt Betroffenen, wie den Familien seiner Opfer, oder ermittelnden Beamten? Wenn ja, was haben sie dir über ihre Perspektive auf die Morde und ihre Aufklärung erzählt?

Es war wegen der Entführungen zu gefährlich, ins ländliche Kolumbien zu reisen. Sogar von meinem Patenkind in Kolumbien habe ich seit langem nichts mehr gehört, es ist wirklich nicht einfach dort. Auch die Polizei konnte mich kaum schützen. In Villavicencio haben mein Übersetzer Miguel, der heute Richter ist, und ich alleine in einem riesigen Raum gefrühstückt, bewacht von zwei Menschen mit Maschinengewehren im Anschlag neben uns. Ich habe versucht, mit der Polizei eine Art Fonds für die Opfer-Familien einzurichten, das war wegen der vollständigen Bestechlichkeit der Behörden aber unmöglich. Den Müttern der verschwundenen Kinder hat die Polizei anfangs auch oft nicht geglaubt. Das war sehr hart für alle, im Nachhinein auch für die Polizistinnen und Polizisten, die schwere Schuld-Gefühle haben.

Schwer traumatisiert ist auch der Staatsanwalt des Falles. Ich habe zuletzt nicht mehr mit ihm gesprochen, da er echt "weg" war, wenn er vom Fall berichtete. Das letze, was er mir sagt, war, dass ihn vermutlich Gott ausgewählt hat, diese Sache zu bearbeiten, anders konnte er damit nicht mehr leben. Er war auch nicht mehr zu stoppen, wenn er anfing, darüber zu sprechen. 

Letztlich wurde das ganze Land schwer mitgenommen. Die beteiligten Polizistinnen und Polizisten in einerm abgelegenen Gebiet, Garavito selbst, ein befreundeter Priester, der selbst mal Kokain-Schmuggler und im Knast war und ich waren vielleicht die einzigen, die völlig offen miteinander über die Sache geredet haben.

Garavito wird in Berichten als kooperationsbereit bei der Aufklärung bezeichnet. Ich hatte beim Lesen der Nachrichten von damals den Eindruck, dass er nicht wirklich Reue für die Morde gezeigt hat? Wie hast du ihn erlebt?

Antisoziale Narzissen haben im Gehirn eine Veränderung, die es ihnen unmöglich macht, Reue zu empfinden, wie sie "normale" Menschen kennen. Garavito hat sich selbst — teils zurecht, er hatte eine Kindheit und Jugend, die ich niemandem wünsche — bemitleidet. Er hat mir berichtet, dass ein Junge, der ihm erzählte, sexuell missbraucht worden zu sein, ihm leid tat. Das erinnerte ihn an seine Kindheit. Er hat das Kind danach tot gefoltert.

Wie hast du seine Situation im Gefängnis wahrgenommen? Er hatte offenbar Kaffee in Haft, wie ich in einem Instagram-Post von dir gelesen habe, das erscheint mir ungewöhnlich. Wer hat ihm diese Dinge besorgt? Meinst du er wollte etwas damit bezwecken, dir etwas "rares" anzubieten?

Er hatte Geld. In deutschen Knästen kannst du auch Handies und Drogen haben, soviel du willst, wenn du genügend Verbindungen hast. Da Garavito ein Muster-Häftling war und zusätzlich Geld hatte, lief das problemlos. Als ich das letzte Mal bei ihm war, wurde ich komplett (ganz komplett, hüstel) durchsucht. Ich durfte nichts mitbringen. Er wusste das und hatte alles vorbereitet, samt Aufnahme-Gerät, Stiften, Papier und Ersatz-Batterien. 

Wie war deine Reaktion auf eine mögliche Freilassung auf Bewährung? Wäre er eine erneute Gefahr gewesen? Wäre eine Rehabilitation realistisch gewesen?

Er hatte sicher keine Lust, nochmal in den Knast zu gehen. Bewährung ist in seinem Fall sinnlos, da er sich unmöglich irgendwo hätte eingliedern können. 

Niemand hätte ihm geholfen oder helfen können: Er wäre draußen in Tagesfrist tot gewesen, wenn er erkannt worden wäre. 

Vermutlich wäre er blitzschnell abgetaucht. Darin war er sehr gut und es ist in Kolumbien wegen der weiten Gebiete und des Chaos auch einfach. 

Es ist zwar möglich, dass er wie Dennis Rader einfach aufgehört hätte. Allerdings — das ist aber nie öffentlich berichtet worden — hat Garavito auch mögliche Zeuginnen und Zeugen getötet. Könnte also sein, dass er noch aus anderen Gründen als den klassisch-serienmördermäßigen weiter getötet hätte. 

Am ehesten hätte man ihn mit Bildung "rehabilitieren" können, denn die hat er wirklich ersehnt.

Unabhängig davon: Was soll ein Serienmörder tun, um das Leid der Familien auch nur ansatzweise wieder gut zu machen? Damit tun sich ja schon Allerwelts-Mörder so schwer, dass die meisten niemals mit den Opfer-Familien reden. Soweit ich es beurteilen kann, ist Wiedergutmachung für Menschen wie Garavito schon rein sachlich unmöglich. Viele der Mütter haben auch erfahren, wie er die Kinder getötet hat. Da gibt es endgültig nichts mehr zu verzeihen.  

Garavito wusste das vermutlich. Im Gefängnis ist er Christ geworden und hat auf den jüngsten Tag und göttliche Vergebung gehofft — das habe ich von ihm schriftlich. Er hat mir sogar einmal geschrieben, dass er hofft, dass Gott auch mich beschützt. Tja.

Die Zahl seiner Opfer wurde immer wieder unterschiedlich angegeben (oft zwischen 170 und 190)- du gehst in deinen Texten von einer deutlich höheren Zahl aus, worin begründet sich deine Annahme?

Aus den polizeilichen Akten. Es ist normal, dass nur das angeklagt wird, was vor Gericht gut darzulegen ist. Das hat aber — in allen Ländern — nicht immer etwas mit der echten Opfer-Zahl zu tun. Die Polizei stand zudem eh schon in ungutem Licht da, weil sie Garavito nicht früher erkannt hatte. Er ist ja nur durch Zufall im Knast aufgeflogen, wo er unter falschem Namen saß.

Hast du seine Angst davor im Gefängnis vergiftet zu werden als realistische Angst wahrgenommen?

Nein. Wir haben uns wirklich gut verstanden. Er war der einzige Experte für seinen Fall, daran habe ich keinen Zweifel gelassen. Wir haben uns ernst genommen. 

Wurde dir etwas zum Tod Garavitos mitgeteilt? Ich habe nur etwas zu "gesundheitlichen Problemen" gefunden.

Ja, er hatte Blutkrebs. Ich bin bis heute mit den Polizisten in Verbindung. Sie hatten viele Fragen und sind auch nach wie vor schockiert.

Warum denkst du haben die Behörden ihn bei seiner Verhaftung im April 1999 nicht direkt mit den Morden in Verbindung gebracht?

Weil es wie eine Sexualstraftat mit überlebendem Kind aussah. Das ist in armen Ländern leider nichts allzu ungewöhnliches.

Wann hast du Garavito das letzte Mal gesehen/Kontakt zu ihm gehabt?

Vor ein paar Jahren über seinen Neffen, mit dem ich Briefe und Mails geschrieben habe.

Warum meinst du hat er Jahre nach deiner ersten Anfrage doch mit dir sprechen wollen?

Er hat sehr schnell mit mir gesprochen. Wir mussten nur die Reise klären, mit der Staatsanwaltschaft reden, eine Unterkunft im Nichts besorgen und natürlich Übersetzer. Miguel hatte nach einem Treffen mit Garavito geschworen, nie wieder eine Zehenspitze nach Kolumbien zu bewegen (seine Worte). Zudem brauchte ich jemanden, der den starken örtlichen Dialekt verstehe, alles mitschreiben konnte und sich von Garavito nicht einwickeln liess.  

Anhand der Verbrechen möchte man sagen: Garavito war ein Monster. War er das?

Ist mir egal, denn die Bewertung hilft niemandem. Wichtiger ist, dass er ehrlich geredet hat und wir dadurch etwas für die Vorbeugung kommender Taten durch ähnliche Menschen lernen konnten. Die Toten werden nicht mehr lebendig. Aber es gibt vielleicht auch durch seine Hilfe weniger neue Tote. Mehr kann ich von einem Serienmörder nicht erwarten, der sich normalerweise für nichts außer sich selbst interessiert.