Wurde Kurt Cobain getötet? Mark Benecke äußert sich

Quelle: t-online.de, 11. Februar 2026

Mit neuen Untersuchungen rückt der Tod von Kurt Cobain erneut in den Fokus. Forensiker Mark Benecke sagt: Nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen.

Seit mehr als 30 Jahren ist Kurt Cobain tot. Im April 1994 war der Sänger der Band Nirvana leblos in seinem Haus in Seattle aufgefunden worden. Die Behörden kamen zu dem Schluss, dass er sich mit einer Flinte das Leben genommen habe. An dieser Bewertung hält das zuständige King County Medical Examiner's Office im US-Bundesstaat Washington bis heute fest. Doch private Forensiker haben den damaligen Autopsiebericht erneut ausgewertet – und erheben Zweifel an der Todesursache von Kurt Cobain.

Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Nirvana-Sängers werden die Annahmen zu den Todesumständen auf den Kopf gestellt. Das Team um Forensiker Brian Burnett und Forscherin Michelle Wilkins kommt zu dem Ergebnis, dass Cobain zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses bereits handlungsunfähig gewesen sei. Im "International Journal of Forensic Sciences" (IJFSC) legen sie das auf 35 Seiten in ihrem Beitrag "A Multidisciplinary Analysis of the Kurt Cobain Death" dar.

Wilkins verweist auf die im Bericht dokumentierte Nekrose von Gehirn und Leber, also das Absterben von Zellen noch vor Eintritt des Todes. Diese deute eher auf Sauerstoffmangel infolge einer Heroinüberdosis hin als auf einen sofortigen Tod durch eine Schussverletzung. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: "Dies ist ein Homizid" – also ein Mord oder ein Totschlag.

Der Kriminalbiologe Mark Benecke befasst sich schon länger mit dem Todesfall der Musiklegende: Er habe in der Vergangenheit schon beklagt, es müsse mal das Material ordentlich zusammengestellt werden: wie eine Akte, gut aufgebaut, mit Bildern in entsprechender Qualität. Der Artikel in dem Magazin sei wie eine Antwort darauf.

Obwohl es heißt, der Beitrag sei peer-reviewed, also von Wissenschaftlern mit der entsprechenden Qualifikation geprüft, sieht Benecke darin keine klassische wissenschaftliche Veröffentlichung: Es würden einige Begriffe genutzt, die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als Wertungen unangebracht seien, etwa eine Aussage, dass eine Tötung mit einer Langwaffe "unnecessary" sei, da der Tod durch Heroin ebenso möglich gewesen sei. "Eine Vermutung, die nichts mit Spuren zu tun hat."

Das sei auch an anderen Stellen festzustellen: Vielfach werde auf Meinungen und Vermutungen verwiesen, beispielsweise auf die Dokumentation "Kurt & Courtney", auf Aussagen von Menschen, "die ohne Angabe von wissenschaftlichen Gründen etwas meinen, was natürlich trotzdem stimmen kann".

Im Grunde sei es ein journalistischer Text mit vielen technischen Einzelheiten, die von Dutzenden Menschen sorgfältig zusammengetragen worden seien, aber nicht immer die Eigenheiten von Leichenfundorten und Ermittlungen berücksichtigten, so Benecke, der Forensiker und Sachverständiger für biologische Spuren ist.

"Einer der Kernpunkte ist, dass Cobain unter Drogeneinfluss die Waffe nicht mehr betätigen konnte, die Blutspuren anders aussehen müssten und dass das Heroin in der Dose nicht verpackt ist." Für klare Aussagen fehlten hochauflösende Fotodokumentation und entsprechende Auswertung der Blutspuren. In der Veröffentlichung werde teilweise auch gesagt: "Wenn etwas im Bericht der Polizei nicht erwähnt ist, dann ist es auch nicht vorhanden gewesen." "Das kann stimmen, kann aber auch nicht stimmen", so Benecke.

"Menschen, die schon einmal völlig betrunken waren, wissen sicher, dass sie trotz komplettem Alkohol-Filmriss nach Hause gefunden haben, über Treppen gestiegen oder mit der Bahn gefahren sind." Cobain habe in depressivem Zustand vielleicht auch andere Gedanken gehabt, als sein Heroin wieder zu verpacken. Solche Punkte zusammengenommen stoße er in Veröffentlichungen und Gesprächen mit Forschenden aus diesem Feld regelmäßig an eine Grenze: "Kann sein, kann auch nicht sein. Dazu müssten wir bessere Fotos haben, und dazu müssten wir Versuche machen."

Benecke führt nach seinen Angaben seit mehr als 30 Jahren Fall-Nachstellungen durch, und das auch zum Teil lange nach dem Tatgeschehen. "Ich kenne die Schwierigkeiten aller Beteiligten." Er sei auch kein Gegner davon, den Fall wieder aufzuwärmen. "Man müsste mal eine zweitägige Konferenz machen, auf der mal alle kurz, knackig und klar alles aussortieren, was einfach unklar oder von Meinungen abhängig ist." Er habe das schon angeboten.

Die Autoren des aktuellen Beitrags sind aus Beneckes Sicht insgesamt zu voreingenommen. Das hätten sie aber auch gemeinsam mit denen, die sich sofort auf Suizid festgelegt hätten. In dem neuen Beitrag werde eine Selbsttötung grundsätzlich ausgeschlossen, mit Argumenten wie dem, kaum jemand spritze Heroin in die Muskeln. "Das ist nicht falsch, aber wer sagt, dass Cobain, falls er depressiv und ohnehin unter Drogen war – was beides vollkommen möglich ist – sich nicht anders verhalten hat als die meisten?"

"Das Ganze ist eine schöne Übung darin, dass nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen, Lebensnähe oder gesunder Menschenverstand", sagt der Kriminalbiologe. "Die drei letztgenannten Dinge spielen vor Gericht eine Rolle, aber niemals in einer naturwissenschaftlich‑kriminalistischen Spurenuntersuchung."

Menschen sind halt seltsam

Quelle: Forum, das Wochenmagazin, 16. Januar 2026

„Menschen sind halt seltsam

Von Svenja Welsch

Er ist der bekannteste Kriminalbiologe Deutschlands: Dr. Mark Benecke arbeitet nicht nur im Labor, sondern teilt seine Expertise auch mit einer Vielzahl interessierter Forensik- und Krimi-Liebhaber. Ein Interview über seine Arbeit, den Hype um True Crime und umkippende Show-Besucher.

Herr Benecke, Sie arbeiten als Kriminalbiologe. Was ist das überhaupt?

In meinem Fall: Jemand, der in Verbrechens-Fällen beispielsweise Blut, Haare, Insekten, Kot, Erbgut, Urin, Speichel, Krümelchen und Leichen-Magen-Inhalte untersucht. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die nur im Labor mit Erbgut arbeiten, oder andere, die nur Pollen anschauen. Kommt immer drauf an.

Foto: Ines Fischer

Foto: Ines Fischer

Ist ja jetzt nicht unbedingt der typische Berufswunsch aus der Grundschule. Wie kamen Sie dazu?

Zufall. Ich habe im Institut für Rechtsmedizin in Köln als Student genetische Fingerabdrücke lernen dürfen. Ich fand die Idee spannend, auf diese Art vielleicht Bio-Androiden von echten Menschen zu unterscheiden. Da das Labor im Keller bei den Leichen war, bin ich dabei irgendwie hängen geblieben.

Das große Interesse an Ihrem Berufsfeld hat Sie nicht nur zu einem Podcast, sondern sogar vor Live-Publikum geführt. Wie kam es denn dazu?

Ich antworte, wenn Menschen mich etwas fragen, und suche die Studien dazu heraus. Für Radio Eins (rbb/ARD) habe ich fünfundzwanzig Jahre lang ohne irgendeine Pause jeden Samstagmorgen eine neue Forschungs-Studie live ohne Fremdworte vorgestellt. Als Kind habe ich manchmal keine Antworten erhalten, das hat mich mega genervt. Daher habe ich mir vorgenommen, als Erwachsener alle Fragen nachzuschlagen und klar, kurz und einfach zu erklären. Während Corona hatten meine Frau und ich den größten deutschsprachigen Corona-Kanal, vom ersten bis zum letzten Tag der Pandemie, ohne Fremdworte, ohne Gelaber, nur die jeweils neuesten Messungen.

Wie erklären Sie sich das Interesse an forensischer Arbeit?

Die meisten Menschen möchten schon gerne die gemessene Wahrheit wissen. Sie können aber nicht immer schwierig geschriebene Studien lesen.

True Crime boomt ohne Ende. Können Sie das verstehen?

War schon immer so, seit Erfindung des Buchdruckes. Das hat viele Gründe. Drei davon: Menschen ist langweilig, oder sie sind dem Tod zu nahe gekommen, oder sie rätseln gerne.

Wie stehen Sie selbst zu True Crime? Oder muss man nach dem Job auch einfach mal abschalten und etwas anderes sehen?

Ich habe jeden Tag mit echten Verbrechen zu tun. Das ist für mich normal.

Dieser Hype ist auch oft eine Gratwanderung. Wenn ich beispielsweise an Netflix-Produktionen wie „Monster“ denke, so werden die dort behandelten Täter auch gerne mal regelrecht glorifiziert vom Publikum. An die Opfer oder deren Hinterbliebene denkt da dann selten einer. Wo verläuft die Grenze?

Ich schaue so was grundsätzlich nie, daher kann ich dazu nichts sagen. Ich habe auch noch nie „Medical Detectives“, wo ich seit über zwanzig Jahren Spuren erkläre, gesehen und auch noch nie die Serie „Tatort“. Wie gesagt, wir haben genug echte Fälle, die echte Menschen mit den echten Beteiligten – oft auch Angehörigen oder Täterinnen und Tätern – bearbeiten.

Stichwort Serientäter: Diese faszinieren uns besonders stark. Warum – und was macht sie aus?

Kommt drauf an. Es können narzisstische Antisoziale sein oder Menschen, die mangels innerer Widerstände ins Verbrechen rutschen, oder beides. Ein gutes Interview dazu habe ich mit Nico Claux, Mörder und Kannibale, gerade auf der Serienmord-Ausstellung gemacht, ist bei Youtube zu sehen (Anm. d. Red., unter folgendem Link aufrufbar: https://youtu.be/O2u8bdJl5Lw)

Wie erklären Sie menschliche Grausamkeit, die in einem solchen Täter stecken muss?

Klassische Serien-Täter suchen eine zuverlässige Bindung. Leider haben sie null Ahnung und null inneres Vermögen, wie die aussehen könnte. Daher machen sie das Falschestmögliche, um „dauerhafte“ Erlebnisse zu erschaffen.

Nicht nur in Sachen True Crime, auch im fiktionalen Bereich sind Thriller- und Horror-Fans von besonders grausamen Verbrechen in den Bann gezogen. Was ist für Sie die Spitze aller Grausamkeit?

Sehr grausam ist es beispielsweise, Tiere oder deren Ausscheidungen zu essen und gleichzeitig zu behaupten, man oder frau sei Tier-Freundin oder -freund. Das ist nicht nur grausam gegenüber den gefolterten Tieren, sondern zudem Selbst- und Fremd-Betrug.

Einige Ihrer Kollegen zeigen in ihren Bühnenshows auch gern einmal Fotos von Leichen – egal, in welchem Zustand. Wie handhaben Sie das – und wie reagiert da das Publikum?

Ich zeige in mehreren Vorträgen keine einzige Leiche. Das spielt sich sehr oft im Kopf der Menschen ab. Es gibt zwei Vorträge, wo Menschen neuerdings öfter umkippen, das ist der über Blut-Spuren (ohne Leichen) und der über mittelalterliche, christliche Gemälde (Leichen vorwiegend auf den Gemälden zu sehen).

Nun sprechen wir hier nur von Vorträgen, Sie arbeiten tagtäglich ganz nah daran. Wie geht man damit um? Nimmt man da auch das ein oder andere Mal negative Emotionen mit nach Hause oder können Sie das trennen?

Ich nehme alle Handlungen so, wie sie sind. Menschen sind halt seltsam. War schon immer so, wird immer so sein. Wir können nur versuchen, aus den Taten zu lernen, wie künftige Taten zu verhindern sind. Wenn das aber keinen interessiert, können wir das als spurenkundliches Labor auch nicht ändern.

Gab es einen Fall, der Sie besonders beschäftigt hat?

Ich behandele alle Fälle und alle Menschen haargenau gleich. Mein Team auch.

Anders gefragt: Was macht für Sie einen wirklich spannenden Fall aus?

Mir ist egal, ob er spannend wirkt. Interessant ist für mein Team und mich, ob es messbare Spuren gibt. Wenn die vorhanden sind, dann geht es weiter.

Gibt es in Ihren Augen ein „unlösbares“ Verbrechen?

Alle, von denen niemand je etwas erfahren hat. 

Die Aussagekraft fehlender biologischer Spuren

Quelle: Kriminalistik, 12/2025, Seiten 670 bis 676

Kristina Baumjohann & Mark Benecke

Der Artikel kann hier in einem Jahr vollständig gelesen werden. Bis dahin liegen die Rechte beim Herausgeber.

Gelingt jetzt ein Durchbruch? Rebecca Reusch: Kriminalbiologe äußert sich

Quelle: 22.Okt. 2025 - 15:00 Uhr, t-online

Von Leon Pollok

"Es gibt kein spurenfreies Verbrechen", sagt Benecke. "Menschen verlieren laufend Haut und Haare, aber auch Kleidungsbestandteile und vieles mehr".

Benecke schränkt im Fall von Rebecca Reusch jedoch ein: "Die Frage ist halt nur, ob wir die Spuren finden." Wenn gewischt werde, wenn es regne, wenn eine Wand gestrichen worden sei: Immer dann könnten Spuren verloren gehen. Spuren, die den mutmaßlichen Tod von Rebecca Reusch aufklären könnten. Auch Staatsanwalt Michael Petzold betonte am Dienstag: "Eine der größten Herausforderungen ist der Zeitablauf." Knapp sechseinhalb Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens seien Beweismittel nur noch in begrenztem Umfang oder gar nicht mehr vorhanden.

Kriminalbiologe Benecke berichtet von erstaunlichen Entwicklungen 

Aus Sicht von Kriminalbiologe Mark Benecke lohnt es sich für die Ermittler dranzubleiben. Er habe schon die erstaunlichsten Entwicklungen bei Kriminalfällen erlebt. "Meine Kollegin Tina und ich saßen beispielsweise schon, ohne es zu wissen, auf der eingemauerten Leiche der Ehefrau eines Mannes, während wir ihn zum angeblichen Verschwinden seiner Frau befragt haben."

Was können die Maddie-Ermittler nach 18 Jahren eigentlich noch finden?

Quelle: rtl.de. 9. Juni 2025

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt‘s

18 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann laufen in Portugal erneut großangelegte Suchaktionen. Es ist womöglich der letzte Versuch, doch noch Beweise zu finden. Denn der einzige Tatverdächtige, Christian B., könnte schon bald aus dem Gefängnis freikommen – mangels belastbarer Spuren. Doch was lässt sich nach so langer Zeit überhaupt noch finden? RTL hat den renommierten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke gefragt und zusätzlich mit einem Journalisten gesprochen, der den Fall seit Tag eins begleitet.

Drei Orte im Fokus – deutsche Ermittler in Portugal

Die Suche konzentriert sich auf drei Gebiete im Süden Portugals, rund um Praia da Luz, Lagos und Atalaia. In diesem Umfeld wohnte und arbeitete Christian B. zur Tatzeit. Auch ein Haus, in dem der Maddie-Verdächtige lebte, soll nun erneut durchsucht werden. Genauso wie das Gelände, auf dem damals größere Erdarbeiten stattfanden.

Spuren am Schlafanzug?

Benecke ist kein Romantiker. Er arbeitet faktenbasiert, schnörkellos. Oft an Fällen, die andere längst abgehakt haben. Und genau deshalb lohnt sich seine Sicht auf den Fall Maddie. Aber was genau könnte heute, 18 Jahre später, überhaupt noch da sein?

„Das hängt davon ab, wie viele Menschen den Schlafanzug zwischendurch angefasst haben. Grundsätzlich würde ich auf dem Schlafanzug an Hautzellen auch von einem möglichen Täter oder einer Täterin oder Speichelspuren oder Spermaspuren oder Haare denken. Diese Spuren halten sich sehr lange, wenn allerdings viele Menschen ein Kleidungsstück bereits angefasst haben, können natürlich auch Spuren dieser Personen auf der Bekleidung anzutreffen sein.”

Es sei eine Frage der Sorgfalt, nicht der Zeit. Kleidung kann auch Fasern anderer Personen enthalten, die sich chemisch und strukturell klar zuordnen lassen. – manchmal sogar über Jahrzehnte.

Lohnt sich die Grabung nach 18 Jahren überhaupt noch?

„Ja”, sagt Benecke. „Sofern die Möglichkeit besteht, dass Spuren mit einer neuen Technik und oder aus anderen Gründen besser untersucht werden können dann lohnt es sich immer eine Nachuntersuchung zu machen.”

Benecke begleitete selbst Fälle über Jahrzehnte hinweg. Oft werden Proben gezielt konserviert, um sie später mit besseren Methoden und Technik erneut zu analysieren. Manchmal mit bahnbrechenden Erkenntnissen.

„Bei den von mir untersuchten Lampenschirmen und dem Taschenmesser-Etui aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich auch erst 80 Jahre später herausgestellt, dass es sich wirklich um Menschenhaut handelt.” Dadurch wurde erst klar: Die Nazis haben Alltagsgegenstände aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt.

Forensik 2025: Hightech oder Handarbeit?

Was vielleicht überrascht: Die spektakulärsten Funde entstehen oft nicht durch Hightech-Geräte, sondern durch schlichte Gründlichkeit. „Ich bevorzuge das klassische Abschichten, das heißt jede Schicht wird einzeln in Tüten gepackt, gesiebt und untersucht. (...) Auch die Suche nach Hautschuppen auf Kleidung ist im Grunde handwerkliche Arbeit, weil sie unter dem Vergrößerungsgerät von einzelnen Menschen durchgeführt werden muss.”

Hightech kommt erst später dazu, etwa wenn DNA vervielfältigt oder automatisiert abgeglichen wird. Der Anfang bleibt jedoch oft vermeintlich unspektakulär, dafür präzise. Und wenn man doch noch etwas findet? „Auch ein Haar oder eine Hautschuppe kann heute noch problemlos auf ihr Erbgut und weitere Eigenschaften untersucht werden. Ob das gelingt, hängt natürlich von der Lagerung der Spuren ab und davon, ob sie überhaupt gesehen werden.”

Pinkfarbener Pyjama und ein Haar aus Maddies Bürste

Auch der britische Investigativjournalist Jon Clarke, der den Fall seit 2007 intensiv begleitet und schon oft zum mutmaßlichen Tatort nach Portugal reiste, glaubt an die Bedeutung kleinster Funde. Im Gespräch mit RTL berichtet er von früheren Suchen, bei denen Materialreste gefunden, aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten – möglicherweise sogar aus Maddies pinkfarbenem Pyjama.

Clarke sagt, die Ermittler glauben inzwischen, dass Christian B. so ortskundig war, dass er sogar in der Nähe seines eigenen Hauses eine Leiche abgelegt haben könnte. „Direkt vor der Nase von Polizei und Familie”. Jetzt werde genau dort erneut gesucht.

Doch am Ende sind es eben nicht die großen Maschinen, sondern die kleinen Beweise, die vielleicht endlich den Durchbruch bringen. Für Benecke ist klar: „Hoffnung spielt meiner Auffassung nach keine Rolle, sondern gute Spurenarbeit.” Und dass man die Möglichkeit nutzt, wenn sie sich bietet.

Was Mark Benecke zum Thema Blut zu sagen hat

Quelle: Gießener Allgemeine, Gießen, 7. März 2025

Von Barbara Czernek

Gießen (bac). Wer es wenig blutig mag, der ist bei Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Autor, Politiker und Schauspieler an der richtigen Adresse. Er gehört zu den bekannten Gesichtern, wenn es um Fragen der Forensik geht. Mit seinen Wissenschafts-Programmen »Insekten auf Leichen« oder »Blutspuren« füllt er große Säle, so auch am Donnerstagabend die beiden Säle der Kongresshalle.

In der Reihe »Blutspuren« geht es darum, welche Aussagen man anhand von Blutspuren treffen kann: Passt die vorgefundene Spurenlage zu den weiteren Informationen und Aussagen der Beteiligten Personen oder nicht? Seine Maxime lautet: »Nicht meinen, sondern messen« Benecke geht rein wissenschaftlich vor, die entsprechenden Beurteilungen und Auslegungen überlässt er seinen Auftraggebern. Daher bekam das Publikum von den vorgestellten Fällen auch nur die Informationen mitgeteilt, die für die Erläuterung und Spurenlage notwendig waren. Das mag enttäuschend für einige gewesen sein, die sich vielleicht mehr Crime-Stories erhofft hatten. Jedenfalls verließen immer wieder Personen den Saal.

Die Bilder, die er zeigte, waren jedenfalls nichts für schwache Nerven. Ob ein großer Blutfleck an einem Bretterzaun, ein blutverschmiertes Bad oder Blutspuren im Flur: Anhand dessen deckte er auf, ob die Behauptungen der Täter oder Opfer zutreffen oder nicht.

Zwei spektakuläre Fälle hatte er im Gepäck: 2004 wurde der 26-jährige Amerikaner Nick Berg vor laufenden Kameras von Mitgliedern von Al-Kaida enthauptete. Benecke sollte prüfen, ob dieses Video echt oder fake sei. Er suchte nach entsprechenden Quellen von Enthauptungen, um zu prüfen, ob die gefilmten Bewegungen der Person realistisch seien. »Da muss man einfach mal Leute fragen, die sich mit so etwas auskennen«, meinte er trocken. Da es diese Hinrichtungsmethode in Deutschland nicht mehr gibt, hat er sich umgeschaut, wie in anderen Ländern und Religionen Tiere geschlachtet werden und wurde fündig. Ergebnis war, dass die gefilmten Vorgänge der Hinrichtung realistisch waren. Der zweite bekannte Fall war die Ermordung von Nicole Brown, der Ex-Frau von O.J. Simpson. Er zeigte auf, wie Simpson zwar anhand der Spurenlage überführt wurde, jedoch von der Jury freigesprochen wurde.

»Wir kämpfen nicht für eine Seite, sondern nur für die messbare Wahrheit«. Damit räumte er zugleich auch mit gewissen Mythen auf, die sich um seinen Beruf als Forensiker ranken. »Zum Feststellen, wie der Blutverlauf war, nehmen wir keinen Laser, sondern Wollfäden und Tesa-Film«, sagte er. Für andere Ausrüstungsdinge fehlten die Geldmittel. Da dieser Beruf längst nicht so spannend sei, wie in Krimi-Serien wie »CSI« dargestellt, fehle auch der Nachwuchs.

Dr. Benecke ist ein besonderer Mensch. Er ist bekannt durch seine zahlreichen Fernsehauftritte wie »Autopsie - Mysteriöse Todesfälle«, »Akte Mord« (RTL II) und »Medical Detective«s (VOX), dennoch macht er kein besonders Aufheben um seine Person. Er saß neben der großen Bühne vor seinem Laptop und warf die Bilder auf die beiden Leinwände. Wer ihn nicht kannte, der konnte diesen dunkel gekleideten Menschen leicht mit einem Technikmitarbeiter verwechseln. Seine Präsentation gestaltete er wie einen Vortrag vor Studenten ohne Schnickschnack, aber mit strikten Vorgaben. Er mochte keinerlei Störungen und forderte die volle Aufmerksamkeit seines Publikums. Wenn jemand den Saal verlassen wollte, dann stoppte er (»Wir machen jetzt eine kurze Pause, kein Problem«) und er begann erst wieder, wenn die Personen den Saal verlassen hatten. Darauf hatte er zu Beginn aufmerksam gemacht. Strenge Regeln, die er durchzog.

A routine rape case that became tricky (and educational)

After attending this presentation, attendees will understand why it is important to listen to the victim and relatives, who do not fully understand the objective DNA evidence, but who point in a relevant direction relating to procedural failures of police and crime labs.

Read More

Insect Traces and the Mummies of Palermo – a Status Report

In an interdisciplinary investigation of the mummies of the Capuchin Monastery in Palermo we made entomological findings with regards to the comparatively poor state of preservation of the deceased, to provide enlightenment about the process of natural mummification, as little is known about how the bodies were handled after death until they were laid out in the basement.

Read More

Insektenbefall am Leichnam als Wissensquelle in der Gerichtsmedizin

NaturwissenschaftlerInnen und GeisteswissenschaftlerInnen sprechen verschiedene Sprachen. Sie denken anders und arbeiten mit völlig verschiedenen Werkzeugen.

Read More

Auf falscher Fährte: Leichenerscheinungen und Fehlinterpretationen

Fehlinterpretationen und damit nicht beachtete Einflussfaktoren können kriminalistische Ermittlungen auf die falsche Fährte führen und Sachbeweise unberücksichtigt lassen.

Read More