Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

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Zusammenfassung

Auf einem Autobahnparkplatz wurde ein blutverschmierter, im Kopfbereich schwer verletzter und auf dem Boden liegender Mann gefunden. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmiert war. Er wurde von der Polizei verdächtigt, Verursacher dieser Verletzungen zu sein, verneinte dies jedoch. Wir wurden damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen und diese mit seinen Aussagen und den Blutspuren am Opfer abzugleichen. Experimente mit menschlichem Blut ermöglichten uns Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf.

1 Einleitung

Die Untersuchung von Blutspuren wird seit über einhundert Jahren zur Rekonstruktion von Tatabläufen und Unfällen, aber auch zur Überprüfung von Aussagen zu Tatgeschehen genutzt (Pietrowski 1895).

Blutspuren können Momente des Tatablaufes schlaglichtartig abbilden oder aber erst nachträglich erzeugt worden sein (durch den Rettungsdienst, Schmeißfliegen oder ähnliches, s.u.). Oft können teils genaue Bewegungsbilder gewonnen werden (Benecke 2019, Benecke & Benecke 2018, Benecke & Barksdale 2003, Bevel & Gardener 2008, Buck et al. 2006, Donaldson et al. 2010, James & Eckert 1998, James et al. 2005, Karger et al. 2008, Mishra et al. 2024, Rivers & Vega 2025).

Abb. 1: Der Faltenwurf lässt Rückschlüsse auf die Körperhaltung des Opfers während der Tatausübung zu (Wonder 2001)

Einfluss auf Formenmerkmale von Blutspuren und -tropfen nehmen beispielsweise die Beschaffenheit des Untergrunds bzw. der (bebluteten) Oberfläche, die Höhe der Blutungsquelle, die Geschwindigkeit des beschleunigten Blutes und das Volumen des Blutstropfens (Benecke et al. 2005B, 2012).

Auch Fliegen können Blutspuren „verursachen“ oder Blutspuren nachträglich verändern, wenn die Tiere das zuvor aufgenommene Blut auswürgen oder als Kotspur absetzen (Benecke & Barksdale 2003, Fujikawa et al. 2011, Striman et al. 2011).

Auf Oberflächen können Blutspuren verschiedene Muster abbilden: Beispielsweise kann der Faltenwurf in Kleidungsstücken Blutaussparungen aufweisen und so Rückschlüsse auf die Haltung der Kleidungsträger während der Blutung(en) geben. Wonder (2001) gibt hierzu ein typisches Beispiel: Eine erschossene Frau liegt in ausgestreckter Position auf dem Boden (Abb. 1). Der Täter hatte behauptet, das Opfer habe bei Schussabgabe gestanden. Das Blut-Faltenmuster der Hose (Abschattung, Faltenwurf) der toten Frau zeigt hingegen, dass das Blutmuster in sitzender und nicht in stehender Position entstanden sein muss.

Blutaussparungen können Hinweise auf den zeitlichen Ablauf einer Tat geben (Abb. 2).

Von Bedeutung ist gelegentlich, dass auf trockene textile Oberflächen auftreffendes Blut (kurzzeitig) nicht aufgesogen wird: Laut Wonder (2001) soll das daran liegen, dass die roten Blutkörperchen nicht durch die Textilfasern hindurch wandern können; sie müssen zunächst ihre Form verändern und können erst dann um die Fasern herumlaufen und in das (Stoff-)Gewebe eindringen. Die übrigen Blutbestandteile (Plasma) durchdringen hingegen problemlos den Stoff.

Treffen Blutstropfen auf feuchte textile Oberflächen, soll sich die Hülle der roten Blutkörperchen umgehend auflösen und den roten Blutfarbstoff sofort in den übrigen Teil des Blutes (Plasma) freigeben. In Folge erscheinen solche Blutspuren heller, größer und unregelmäßiger als Blutspuren auf trockenen Textilien (Wonder 2001).

Abb. 3: Die Blutspuren im Bild wurden zunächst wegen der zahlreichen Messerstiche als “gegeben” angesehen. Sie bilden bei genauer Vermessung aber Teile des Tatgeschehens ab: Durchtrennung des Halses mit Aushusten von Blut (Foto: Archiv Benecke)

Trifft Blut auf ein trockenes Kleidungsstück und kann dort trocknen, bevor es Feuchtigkeit bzw. Wasser ausgesetzt wird, sind die Blutspuren schwerer zu entfernen (Wonder 2001).

Die Bearbeitung von Blutspurenmustern setzt eine gute fotografische Dokumentation vor Ort voraus, insbesondere dann, wenn das Vorhandensein von Blut als durch die vorliegenden Verletzungen als selbstverständlich oder „naheliegend“ angesehen wird, wie dies etwa bei (Auto-)Unfällen leider oft der Fall ist (Benecke 2005a, 2007). Dasselbe trifft für schwere Verletzungen (Halsschnitte, massive Gewalteinwirkung etc.) zu, bei denen die teils reichlichen Blutspuren sehr wohl den räumlich-zeitlichen Verlauf abbilden (Abb. 3); nur erfordert ihre Auswertung viele Messungen der verschiedenen Blutspuren-Gruppen und damit viel Zeit. Oft sind auch Versuche erforderlich.

2 Fallbericht

Der hier vorgestellte Fall ereignete sich abends an einem Autobahnparkplatz in Österreich. Die Polizei fand das Opfer blutverschmiert und im Kopfbereich schwer verletzt auf dem Boden liegend. Neben dem Opfer stand der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmierte Angeklagte.

Das Opfer zeigte Zeichen stumpfer und scharfer Gewalteinwirkung, u.a. ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bruch des linken Felsenbeins, diverse Einblutungen im Schädelbereich, Prellungszonen am Dickdarm mit diffusen Einblutungen, eine geringe Milzverletzung, streifige Oberhautabtragungen der Brustkorbvorderseite, ein an einen Schuhabdrucke erinnerndes Einblutungsmuster am Kinn und eine Schnittwunde am Hals, die rechtsmedizinisch mit dem Einwirken durch eine abgebrochene Flasche in Einklang gebracht wurde.

Der Angeklagte gab an, nichts mit den Verletzungen zu tun zu haben. Er habe von einer unbekannten Person einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, der ihn zunächst benommen machte. Wenig später habe er das blutüberströmte Opfer auf dem Rücken liegend am Boden bemerkt und habe ihm helfen wollen. Dabei seien seine Blutantragungen entstanden: Er sei mit dem rechten Fuß über den Oberkörper des Verletzten gestiegen und habe ihn Mund-zu-Mund beatmet. Sein rechtes Knie sei dabei etwa auf Hüfthöhe des Opfers auf dem Asphalt gelegen, sein Oberkörper sei über den Oberkörper des Opfers gebeugt gewesen. Er habe sich beim Rettungsversuch das Blut des Opfers wohl ins Gesicht und an seine Kleidung geschmiert.

Der Angeklagte hatte u.a. Hautabschürfungen an den Knievorderseiten und wies eine stumpfmechanische Gewalteinwirkung gegen die rechte Hinterkopfhälfte auf.

Hinter dem Fahrzeug des Angeklagten sicherte die Polizei eine Mineralwasserflasche mit Blutantragungen. Die Polizei vermutete, dass sich der Angeklagte mit dem Wasser die Blutantragungen von der Hose und aus dem Gesicht habe waschen wollen. Der Angeklagte konnte sich daran nicht erinnern und gab an, sich während der Hilfeleistung die Hände an seiner Jogginghose getrocknet bzw. abgewischt zu haben.

Abb. 4: Jogginghosen für die Versuche

Das Opfer und der Angeklagte waren zum Zeitpunkt des Geschehens alkoholisiert (Opfer: 2,47 g/l Blutalkohol = 2,47 Promille, Angeklagter: 0,80 mg/l Atemalkohol = 1,6 Promille).

Wir wurden u.a. damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen. Dabei haben wir zu Folgendem Experimente durchgeführt und anhand der Ergebnisse geprüft, ob die Blutspuren mit den Schilderungen des Angeklagten in Einklang zu bringen sind:

1. Trocknen von Blutspritzern auf der Jogginghose

2. Mögliches Abwaschen von Blutspuren

3. Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

4. Hocken, Knien

Unsere experimentelle Fallbearbeitung fußte auf folgenden Grundannahmen:

- Die auf den Fotos erkennbaren rötlich-braunen Spuren im direkten Tat-Umfeld stellen Blut dar.

- Diese Blutspuren stammen vom Opfer.

Da das Opfer des Angriffs sofort in ärztliche Behandlung übergeben werden musste, wurde unter den Fingernägeln des Opfers keine Erbsubstanz abgerieben.

3 Material & Methoden

3.1 Kleidung

Im polizeilich-spurenkundlichen Labor des Auftraggebers wurden die bebluteten Spurenträgergesichtet und die textile Zusammensetzung der sichergestellten Kleidungsstücke festgestellt.

Für die Versuchsreihen wurden Jogginghose gekauft, die der Original-Jogginghose farblich und in ihrer stofflichen Zusammensetzung hinreichend entsprachen.

Vor Versuchsdurchführung wurden die Hosen bei 40 °C mit Color-Waschmittel ohne Weichspüler gewaschen (Abb. 4).

Die Experimente wurden mit frischem menschlichem Blut in unserem spurenkundlichen Labor durchgeführt.

3.2 Blutabnahme

Abb. 6 (oben): Jogginghose des Verdächtigen.

Abb. 7 (unten): Feine Blutspritzer in einem verwaschenen, breit rötlich-braun gefärbtem Feld.

Es fanden zwei Experimentier-Reihen im Abstand von acht Tagen statt: R1 und R2. In R1 wurde das im Zentrifugenröhrchen gewonnene menschliche Blut schonend mit 2 mL 1,15 % Na2-EDTA-Lösung pro 50 mL Vollblut versetzt, während in R2 aus Gründen der höchstmöglichen Genauigkeit betreffs kleiner Tropfen das auf dieselbe Weise gewonnene Blut ohne den Gerinnungshemmer EDTA benutzt wurde (Abb. 5).

Vor der Blutgewinnung waren die Experimente bereits aufgebaut, so dass das Blut sofort verwendet werden konnte.

4 Ergebnisse

4.1. Trocknen von Blutspritzern auf grauer Jogginghose

Die Jogginghose des Verdächtigen zeigt von oben nach unten verlaufende Spritzspuren, die in einem wässrig-blutigen Bereich der Hose liegen (Abb. 6); die Spritzspuren haben sich in diesem Bereich nicht aufgelöst (Abb. 7).

Dies weist darauf hin, dass die Jogginghose des Verdächtigen bereits getrocknete Blutstropfen aufwies, als sie mit Wasser und/oder einem Blut-Wasser-Gemisch in Kontakt kam: Kleine Blutspuren bleiben auf der Oberfläche eines trockenen Stoffs erhalten; sie verschwimmen oder lösen sich beim Auftreffen auf feuchten Oberflächen auf (Abb. 8) (Wonder 2001). Weiter folgt daraus, dass die Wunden des Opfers spritzend bluteten als der Verdächtige Kontakt mit dem Opfer hatte; seine Jogginghose war zu diesem Zeitpunkt laut Aussage des Verdächtigen trocken.

Befindet sich zuerst frisches Blut ohne Wasser auf der Hose, so trocknet dieses sehr schnell „fest“ (nach zwei Minuten bei Raumtemperatur) (Abb. 9). Dieses „alte“ Blut verläuft danach nicht mehr vollständig durch Befeuchtung mit Wasser. Auch beim Hineinknien in ein Blut-Wasser-Gemisch mit bereits blutbespritzter Hose lösen sich die ursprünglichen Spritzer nicht vollständig auf (Abb. 10). In beiden Fällen bleiben die ursprünglichen, zuvor in kurzer Zeit bereits getrockneten Spuren je nach Menge der verdünnenden Flüssigkeit und je nach Trocknungszeit umrissartig dauerhaft oder zeitweilig erhalten.

Dies zeigt, dass auf den Knie-Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch trockenen Jogginghose des Verdächtigten auch Tropfen eines Blut-Wasser-Gemisches gelangt waren.

Abb. 14: Abdrücke im Gesäßbereich: Derart breit verlaufen, wenn / weil die Hose vorher wässrig war bzw. vorher kein Blutfleck dort trocknete. Hocken (statt Knien) in Blut: Aussparungen wie in Abb. 11.

Die Blut-Spritzspuren auf der Rückseite der Jogginghose deuten auf ein Spritzen des Blutes von einer Stelle über Bodenhöhe hin und nicht auf eine sich flach am Boden befindliche Quelle (Abb. 11). Dabei gelangte das Blut nicht durch die Schwerkraft von oben nach unten tropfend auf die Hose des Verdächtigen, sondern durch beschleunigtes Blut des sitzenden oder stehenden Opfers.

Dass das Blut durch Aushusten des Verletzten an die Hose des Verdächtigten gelangt ist, erscheint unwahrscheinlich: Der Teil der Hose des Verdächtigen, der die betreffenden Spuren aufweist, war bei einer möglichen, versuchten Rettung des schon liegenden Verletzten abgeschirmt.

Gelangte das Blut im Stehen an die Hose des Verdächtigten, dann durch Spritzen von oben her und nicht während der versuchten Rettung des Opfers.

Auch ein "Hände Aus- oder Abschütteln" nach erfolgter Rettungsmaßnahme durch den Verdächtigten kommt für die Entstehung der Blutspritzer nicht in Betracht: Die kleinen Spritzer wären sonst sehr stark verlaufen oder unsichtbar.

4.2 Mögliches Abwaschen des Verdächtigen vs. Begießen des Verletzten

Die Aussage des Verdächtigen, dass er sich nicht nennenswert abgewaschen habe, kann stimmen. Unsere Versuche zeigen, dass er sich stattdessen eher in ein bereits vorhandenes Blut-Wasser-Gemisch gekniet hat. In Hinblick auf die uns bekannten Informationen kann dieses durch Begießen der verletzten, blutenden Person mit Wasser entstanden sein.

Die Hände und das Gesicht des Verdächtigen waren bei Eintreffen der Polizei noch beblutet: Die leicht angerundeten, recht scharfen Blut-Ränder in der Gesichts-Beblutung stehen in Einklang mit einem "eigene-Hände-ins-Gesicht-schlagen" (Abb. 12) und dann folgendem Trocknen der dünnen Blutschicht im Gesicht.

Nach Beblutung und Trocknung des Blutes in seinem Gesicht kann sich der Verdächtige (später) Wasser ins Gesicht gebracht haben; dies lassen die Aussparungen um seine Augen, die er dabei wohl geschlossen hatte, vermuten.

4.3 Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

Eine Mund-zu-Mund-Beatmung erscheint im vorliegenden Fall zunächst nicht ausgeschlossen. Aus blutspurenkundlicher Sicht ist aber bedeutsam, welche Körperhaltung der Verdächtige einnahm (Abb. 13): Auffällig ist, dass der Schritt seiner Hose nicht beblutet war: Eine Mund-zu-Mund-Beatmung wäre so wenn, dann vollständig von der Seite aus ausgeführt worden (Abb. 19). Diese Spurenlage steht nicht in Einklang mit seiner gegenüber der Polizei gemachten Aussage, dass er bei Rettungsgriffen o.ä. den liegenden Mann mit mindestens einem Bein überstiegen und dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgeführt habe: Bei einer solchen Haltung "über" dem Körper des Verletzten wäre Blut des Opfers an den Bereich des Schrittes der Hose gelangt.

4.4 Hocken, Knien

Am unteren, hinteren Hosenbein (auf dem Übergang zwischen Hose und Abschluss-“Bündchen“ der Jogginghose) des Verdächtigen ist eine „Abschattung“ in Form einer Unterbrechung der Blutantragung zu erkennen. Diese Blutspur-Aussparung lässt erkennen, dass und wie der Angeklagte zwischenzeitlich gehockt oder gekniet hat (Abb. 11, 14).

Bei dieser Aussparung kann und dürfte sich um eine Übertragung des Blutes von den Schuhen des Verdächtigen auf seine Hose handeln: Die Rückseiten seiner Schuhe weisen Blutantragungen auf; von hier ist das Blut wohl an den Saum der Hose gelangt (Abb. 15).

Abb. 15: Blutspuren auf Schuhe der verdächtigen Person (Foto: Auftraggeber)

Dies zeigt auch unsere Nachstellung: Die Aussage des Verdächtigten, er sei (zwischenzeitlich) mit einem Knie auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft und beiden Füßen auf dem Boden über das Opfer gebeugt gewesen, kann richtig sein (Abb. 13).

Die bloße Mund-zu-Mund-Beatmung eines überraschend angetroffenen Verletzten erklärt die Beblutung der Rückseiten der Schuhe des verdächtigen Manns auf deren Außen- und Rückseiten jedoch nicht (in diesem Maße).

Der Kontakt zwischen beiden Männern kann sich nicht ausschließlich am Boden abgespielt haben: Sofern sie miteinander gekämpft haben, müssten sie auch im Stehen Gewalt ausgesetzt gewesen sein bzw. ausgeübt haben. Wäre der Verdächtigte unbeblutet und aus seiner Ohnmacht soeben erwacht zum am Boden liegenden verletzten Mann gelangt und hätte ihn gem. seiner Aussage mit einem Bein überstiegen, ließen sich weder das fehlende Blut im Schritt der Jogginghose des Verdächtigen noch die zuvor auf seiner grauen Jogginghose getrockneten Blutspritzer erklären.

5 Zusammenfassung

Es handelt sich hier um eine kritische Einzelfallbetrachtung. Wir konnten mittels der durchgeführten Blutspur-Experimenten zeigen, dass

- der Verdächtige mit der stehenden oder sitzenden, jedenfalls nicht nur liegenden Person Kontakt hatte, als diese spritzend blutete oder der Verdächtige Schwingbewegungen mit der Hand oder einem Gegenstand machte.

- die verletzte Person auf die trockene Hose des Verdächtigen blutete, auf die erst später Wasser gelangte.

Die Aussagen des Angeklagten stehen damit mit den blutspurenkundlichen Befunden überwiegend nicht in Einklang.

Die Durchführung der Experimente erlaubte die Überprüfung von Aussagen vom Täter im Sinne des Ein- oder Ausschluss-Verfahrens. Die Ergebnisse hätten durch reines Nachdenken nicht gewonnen werden können.

Wichtig bei einer experimentellen Überprüfung ist grundsätzlich, originale oder original-nahe Objekte und Spurenträger eines Falls zu verwenden sowie möglichst viele gute Fotos mit Maßstab zu erhalten.

Experimente stellen Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf und damit schlaglichtartig Teile des Messbaren dar. Sie erzielen bei einem adäquaten Aufbau und exakter Durchführung eine hohe Aussagekraft. Wie die Ergebnisse dieses Beispielfalles zeigen, ist der Aufwand der experimentellen Überprüfung gerechtfertigt.

Literatur

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Mark Benecke über das WGT in Leipzig: „Es gibt keine andere Stadt, die das leisten kann“

Quelle: Leipziger Volkszeitung (online), Zeitungs-Artikel vom 6. Juni 2025, Seite 18

Der Kriminologe und Szene-Star Mark Benecke spricht im Interview über die Philosophie der Gothic-Kultur und außergewöhnliche Erlebnisse beim WGT.

Von Christian Neffe

Leipzig. Er ist Kriminologe, Autor, Schauspieler, Tierrechtler – und Dauergast beim Wave-Gotik-Treffen (WGT). Dr. Mark Benecke sprach vor dem WGT mit der LVZ über die Philosophie und Anziehungskraft der Gothic-Szene und die Besonderheiten des Leipziger Festivals.

Wie sind Sie eigentlich zur schwarzen Szene gekommen?

Das passiert einfach. So wie man zum Bartträger wird, einfach weil er gewachsen ist.

Kam das über Ihren Beruf?

Nein, und ich kenne in diesem Bereich weltweit auch nur noch eine einzige andere Person, die Gothic ist. Das ist also durch eine sehr große Stichprobe widerlegt und hat damit überhaupt nichts zu tun. Es ist nicht wie im Kino, dass Gothics besonders gern mit Leichen arbeiten. Ich bin da ein Ausnahmefall.

Foto: Mark Benecke

Beruflich haben Sie mit dem Tod im ernsten Sinne zu tun, aber beim WGT wird der Tod ästhetisch zelebriert, quasi zu Entertainment gemacht. Wie passt das zusammen?

Mit Entertainment hat das nicht zu tun. Die Gothics sagen einfach: Ich kenne mich in der Dunkelheit, den Abstufungen von Grau aus und fühle mich da wohler als in der Welt der Farben, des Geschwätzes und der Lügen. Das wird sehr ernst genommen, und das ist wie in jeder Szene, jeder Gemeinschaft natürlich auch mit einem gewissen Maß an Unterhaltung verbunden. Aber der Tod selbst dient nicht als Entertainment-Gegenstand. Er ist eine Klammer, innerhalb derer sich alle Mitglieder wohlfühlen: das Düstere, das Langsame, das Finstere, die Moll-Akkorde. So wie jeder Mensch seine eigenen Vorlieben bei Musik oder Essen hat. Aber natürlich kann es da auch mal sehr lustig werden.

In einem Beitrag über die Anfänge des WGT schrieben Sie mal: „Alles war schwarz, alles war erlaubt, alle waren völlig gestört, und das Chaos war völlig unübersehbar.“ Ist diese Anarchie ein wenig verloren gegangen?

Überhaupt nicht. Bei Konzerten der Toten Hosen oder auch Udo Jürgens – wirklich wahr – ging es früher noch wirklich anarchisch zu, und da verliert sich das tatsächlich, je größer es wird und je älter die Leute werden. Aber nicht beim WGT. Wenn man nur von außen draufblickt, kann man diesen Eindruck bekommen. Wenn man aber tiefer drinsteckt, bekommt man diese Wildheit noch mit. Zumal sich die Szene mit neuen Stilen und Genres immer wieder selbst erneuert. Klar, ihr als Berichterstatter interessiert euch jedes Jahr für das Viktorianische Picknick, aber das ist nur ein Tausendstel von dem, was hier stattfindet. Ich habe beim WGT jedes einzelne Jahr so viel wilden Scheiß gesehen wie sonst nirgendwo auf dem Planeten. Es ist das einzige Festival – und ich gehe wirklich auf viele –, wo so viel irrer Wahnsinn und Unerwartetes passiert.

Welche Bedeutung hat Leipzig innerhalb der Szene?

Foto: Mayla Lüst

Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Es gibt zunehmend mehr kleine Festivals, die noch örtlicher und hochgradig spezialisiert sind. Die gehen gern mal nur einen Tag, und da spielen dann auch fünf oder sechs Bands. Aber Leipzig ist weltweit die einzige Anlaufstelle, auf die man sich immer verlassen kann. Andere Festivals kommen und gehen oder fallen wegen des Wetters ins Wasser. Aber das WGT ist so demokratisiert und findet an so vielen Orten statt, dass es einfach nicht schiefgehen kann. Wir waren zum Beispiel auch während Corona da und haben Party an der Agra gemacht, auch wenn keiner da war. Es gibt keine andere Stadt, die das leisten kann, allein weil überall sonst die Clubs zumachen. Und wo die Veranstalter auch halboffizielle Veranstaltungen zulassen. Dass ich bei einer Lesung zur Hälfte Menschen mit Bändchen und zur anderen Hälfte ohne reinlasse – sowas gibtʼs anderswo nicht.

Sie sind dieses Jahr bei der Eröffnung dabei und halten Vorträge über Kannibalismus. Aber wie sieht Ihr privates WGT-Programm aus?

Wir machen immer das, was gerade passiert. Wir haben einen – nicht ganz so – geheimen Vampirtreff Ines [Benecke, Ehefrau, Anm.d.Red] schaut schon seit Wochen ganz akribisch, auf welche Konzerte wir gehen können. Und zwischendurch trinken wir auch mal einfach einen Tee. Es läuft wohl auch „Phantom der Oper“, das schauen wir uns vielleicht an. Aber so wirklich „privat“ gibtʼs hier nicht – ich mache immer mal wieder Bandansagen oder unterstütze spontan auf der Bühne. In der Vergangenheit zum Beispiel, indem ich die Leute per Rohr mit Bier abfülle oder mich kurzfristig ans Keyboard setze. Oder eine Band verklickert mir kurz vorm Auftritt, dass sie sich gleich auf der Bühne prügeln werden. Natürlich nur gespielt.

Da erübrigt sich die Frage, ob Sie hier noch Dinge erleben, die Sie überraschen, wenn das quasi ständig passiert …

Das ist tatsächlich so, kann man auch in meinen WGT-Tagebüchern nachlesen. Man stolpert von einem Wahnsinn in den nächsten. Man muss aber offen dafür sein und nicht den alten Zeiten nachweinen. Sich nicht immer nur mit den gleichen Leuten treffen, sondern auch die neuen Sachen suchen und erleben.

Und diese Offenheit haben Sie sich bewahrt? Oder gibtʼs einige Entwicklungen, bei denen auch Sie sagen: „Versteh ich nicht“?

Ich verstehe überhaupt nichts, hab ich noch nie getan (lacht). Ich fühle mich hier einfach wohl, Ines plant ganz akribisch unser Programm, und der Rest schwappt einfach über uns rüber. Da lernt man dann auch neue Bands ganz automatisch kennen, etwa Lord of the Lost oder Rabengott, bei denen ich seit der ersten Sekunde dabei war. Letztlich bin ich einfach nur Fan.

Abschließend noch die Frage: Gibt es eigentlich irgendwas, das Sie eklig finden?

Da kann ich für mein ganzes Team sprechen: Wir verstehen einfach nicht, warum Menschen nicht die Wahrheit sagen. Immer dieses Rumlabern, Rumschleimen, Rumlügen … Das führt zu allem, was auf dieser Welt unangenehm ist, und ist super befremdlich. Aber so wirklich eklig … (denkt nach) Ich findʼs hochgradig unverständlich und unsozial, Tierprodukte zu verwenden. Denn das ist letztendlich eine Lüge: „Ich mag Tiere, weil ich meine Katze streichle.“ Ja, aber gleichzeitig Schnitzel und Joghurt essen – offensichtlich hasst du Tiere doch.

Nichts ekelt Sie im klassischen Sinne? Irgendwelche irrationalen Trigger, die eine körperliche Reaktion auslösen?

Ich findʼ das meiste eigentlich eher interessant. Aber die Spinne im Zimmer muss schon Ines raustragen.

Wave Gotik Treffen 2025 (WGT Leipzig) 🦇

Fotos: Mark Benecke. Verwendung nur mit schriftlicher Erlaubnis. / Use only with written permission.

Danke, liebe fantastische Zuschauer:innen beim WGT 2025

Star-Gäste unter anderem: Sadgoth, Bricabracomania, Schnittmuskel und Sebastian Fitzek sowie K.I.Z.E. & Finja

WGT 2026

WGT 2024 (Tagebuch)

WGT 2024 (Orkus!)

WGT 2023

WGT 2022

WGT 2022 (Tagebuch)

WGT 2021

WGT 2020 (Orkus!)

WGT 2020

Nicht glauben, messen.

→ bitte neue seite WGT LEIPZIG (normale seite)

→ bitte hin und her zum zeitungs-artikel dazu aus der lpzgr volkszeitung

→ und hin und her zu alten gothic-sachen und WGTs und AMPHIs

alle Videos vom WGT

Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (ehemalige Blinden-Bibliothek) 📚

German Central Library for the Blind :: Deutsches Zentrum für Barrierefreies Lesen

Mit Mark & Ines Benecke

Star-Gästinnen: Amy Zayed & Jennifer Sonntag ✨ nebst dem knorken Team des Zentrums (danke schön!) in der Druckerei, der Direktorin, dem Hörbuchstudio, den handgemachten Büchern mit Knister-Schnee, der Lese-Leiste und echt superviel mehr interessanten Dingen und Menschen 🤝

Uni Köln: Dr. Mark Benecke spricht zu „Time is up: Hitze, Fluten, Artenschwund“

25. Juni 2025,  17:30 Uhr 

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung zu den „Tagen der Nachhaltigkeit 2025“ konnte die AG Nachhaltigkeit einen ganz besonderen Speaker gewinnen: Dr. Mark Benecke, der als  Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Autor, Schauspieler und Speaker bekannt ist. Save the Date am 25. Juni 2025 um 17:30 Uhr.

Dr. Mark Benecke ist nicht nur als Experte für forensische Entomologie sowie als Kriminalbiologe, Autor und Schauspieler bekannt, sondern engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für Themen wie Tier-, Arten- und Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. In seinem Vortrag wird es genau um diesen Themenkreis gehen.

Dr. Mark Benecke hält seit zehn Jahren Vorträge zum Artensterben und Umweltveränderungen und begeistert mit seinem anschaulichen und lebendigen Vortragsstil.

Einladung zum Vortrag von Dr. Mark Benecke

Time is up (Juni 2025): Hitze und Fluten“ Im Rahmen der Auftaktveranstaltung zu den „Tagen der Nachhaltigkeit 2025“ der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln

Wann: 25. Juni 2025

Uhrzeit: 17:30 Uhr

Wo: im Hauptgebäude der Universität zu Köln

Raum: 100 Aula 1/2 (1034 Sitzpl.) I Albertus-Magnus-Platz 1 I 50931 Köln

Was können die Maddie-Ermittler nach 18 Jahren eigentlich noch finden?

Quelle: rtl.de. 9. Juni 2025

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt‘s

18 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann laufen in Portugal erneut großangelegte Suchaktionen. Es ist womöglich der letzte Versuch, doch noch Beweise zu finden. Denn der einzige Tatverdächtige, Christian B., könnte schon bald aus dem Gefängnis freikommen – mangels belastbarer Spuren. Doch was lässt sich nach so langer Zeit überhaupt noch finden? RTL hat den renommierten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke gefragt und zusätzlich mit einem Journalisten gesprochen, der den Fall seit Tag eins begleitet.

Drei Orte im Fokus – deutsche Ermittler in Portugal

Die Suche konzentriert sich auf drei Gebiete im Süden Portugals, rund um Praia da Luz, Lagos und Atalaia. In diesem Umfeld wohnte und arbeitete Christian B. zur Tatzeit. Auch ein Haus, in dem der Maddie-Verdächtige lebte, soll nun erneut durchsucht werden. Genauso wie das Gelände, auf dem damals größere Erdarbeiten stattfanden.

Spuren am Schlafanzug?

Benecke ist kein Romantiker. Er arbeitet faktenbasiert, schnörkellos. Oft an Fällen, die andere längst abgehakt haben. Und genau deshalb lohnt sich seine Sicht auf den Fall Maddie. Aber was genau könnte heute, 18 Jahre später, überhaupt noch da sein?

„Das hängt davon ab, wie viele Menschen den Schlafanzug zwischendurch angefasst haben. Grundsätzlich würde ich auf dem Schlafanzug an Hautzellen auch von einem möglichen Täter oder einer Täterin oder Speichelspuren oder Spermaspuren oder Haare denken. Diese Spuren halten sich sehr lange, wenn allerdings viele Menschen ein Kleidungsstück bereits angefasst haben, können natürlich auch Spuren dieser Personen auf der Bekleidung anzutreffen sein.”

Es sei eine Frage der Sorgfalt, nicht der Zeit. Kleidung kann auch Fasern anderer Personen enthalten, die sich chemisch und strukturell klar zuordnen lassen. – manchmal sogar über Jahrzehnte.

Lohnt sich die Grabung nach 18 Jahren überhaupt noch?

„Ja”, sagt Benecke. „Sofern die Möglichkeit besteht, dass Spuren mit einer neuen Technik und oder aus anderen Gründen besser untersucht werden können dann lohnt es sich immer eine Nachuntersuchung zu machen.”

Benecke begleitete selbst Fälle über Jahrzehnte hinweg. Oft werden Proben gezielt konserviert, um sie später mit besseren Methoden und Technik erneut zu analysieren. Manchmal mit bahnbrechenden Erkenntnissen.

„Bei den von mir untersuchten Lampenschirmen und dem Taschenmesser-Etui aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich auch erst 80 Jahre später herausgestellt, dass es sich wirklich um Menschenhaut handelt.” Dadurch wurde erst klar: Die Nazis haben Alltagsgegenstände aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt.

Forensik 2025: Hightech oder Handarbeit?

Was vielleicht überrascht: Die spektakulärsten Funde entstehen oft nicht durch Hightech-Geräte, sondern durch schlichte Gründlichkeit. „Ich bevorzuge das klassische Abschichten, das heißt jede Schicht wird einzeln in Tüten gepackt, gesiebt und untersucht. (...) Auch die Suche nach Hautschuppen auf Kleidung ist im Grunde handwerkliche Arbeit, weil sie unter dem Vergrößerungsgerät von einzelnen Menschen durchgeführt werden muss.”

Hightech kommt erst später dazu, etwa wenn DNA vervielfältigt oder automatisiert abgeglichen wird. Der Anfang bleibt jedoch oft vermeintlich unspektakulär, dafür präzise. Und wenn man doch noch etwas findet? „Auch ein Haar oder eine Hautschuppe kann heute noch problemlos auf ihr Erbgut und weitere Eigenschaften untersucht werden. Ob das gelingt, hängt natürlich von der Lagerung der Spuren ab und davon, ob sie überhaupt gesehen werden.”

Pinkfarbener Pyjama und ein Haar aus Maddies Bürste

Auch der britische Investigativjournalist Jon Clarke, der den Fall seit 2007 intensiv begleitet und schon oft zum mutmaßlichen Tatort nach Portugal reiste, glaubt an die Bedeutung kleinster Funde. Im Gespräch mit RTL berichtet er von früheren Suchen, bei denen Materialreste gefunden, aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten – möglicherweise sogar aus Maddies pinkfarbenem Pyjama.

Clarke sagt, die Ermittler glauben inzwischen, dass Christian B. so ortskundig war, dass er sogar in der Nähe seines eigenen Hauses eine Leiche abgelegt haben könnte. „Direkt vor der Nase von Polizei und Familie”. Jetzt werde genau dort erneut gesucht.

Doch am Ende sind es eben nicht die großen Maschinen, sondern die kleinen Beweise, die vielleicht endlich den Durchbruch bringen. Für Benecke ist klar: „Hoffnung spielt meiner Auffassung nach keine Rolle, sondern gute Spurenarbeit.” Und dass man die Möglichkeit nutzt, wenn sie sich bietet.

ADHS & Autismus: Netzhaut-Erkennung

Kleine Teile des Textes wurden verwendet auf → https://www.gamestar.de/artikel/adhs-diagnose-ki-netzhautbilder-auge-neurodivergenz,3432156.html 

1. Warum ausgerechnet die Netzhaut? Können Sie unseren Lesern in einfachen Worten erklären, warum sich gerade die Retina eignet, um neurodivergente von neurotypischen Menschen zu unterscheiden?

Es war eine wirklich abgefahrene Idee der Kolleginnen und Kollegen, in die Augen zu schauen. Uns ist klar, dass das Gehirn unsere Persönlichkeit ist. Dazu gibt es massenhaft Studien, auch unter Autistinnen und Autisten. Als nun die Augen von Autistinnen und Autisten angesehen wurden (klick hier und hier) fanden das besonders meine ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zunächst "umstrtitten", obwohl die künstliche Intelligenz ja eine supergenaue Trefferzahl hinlegte. Aber es hätte ja an fehlenden Massen-Tests gelegen haben können.

Biologisch fand ich es nicht so merkwürdig, denn "die Dicke der ellipsoiden Zone (EZ) mit Zapfen-Photorezeptoren war bei ASD signifikant erhöht; die großkalibrigen arteriovenösen Gefäße der inneren Netzhaut waren bei ASD signifikant reduziert; diese Veränderungen in der EZ und den arteriovenösen Gefäßen waren am linken Auge signifikanter als am rechten Auge" — das ist ja schon deutlich.

In der ganz neuen ADHS-Studie, in der über dreihundert Erwachsene und Kinder untersucht wurden, war die Idee, dass sich Dopamin, das ja viele "seelische" Wirkungen hat, auch auf das Entstehen und Wachsen der Netzhaut im Auge auswirkt. Vermutlich hängt das mit der durch Dopamin veränderten Durchfluss-Menge von Blut, vielleicht auch mit der ebenfalls von Dopamin beeinflussten Durchlässigkeit der Butgefäße zusammen. 

Da die Dopamin-Sache noch untersucht wird, haben sich die Kolleginnen und Kollegen gesagt: Warum nicht einfach schauen, was wie im Auge sehen? Die genaue Entstehungsgeschichte der möglichen Netzhaut-Veränderungen können wir ja auch später untersuchen. 

Hinzu kommt, dass gerade im Berich von Künstlicher Intelligenz, Deep Learning, in Laboren und der Wissenschaft überhaupt superviele Autistinnen und Autisten arbeiten. Das mag ein weiterer Anreiz gewesen sein, einfach mal zu gucken anstatt zu denken.

 2. Wie würden Sie den derzeitigen Standard zur Diagnose von Autismus und ADHS beschreiben? 

Es gibt derzeit keinen Standard. Das ist sehr gute Forschung, keine allgemein zugelassene Anwendung.

Was kann ein solches, auf Biomarkern basierendes Verfahren, für die Diagnostik für potenziell Neurodivergente verändern?

Dass ihnen endlich — wie auch den ME/CFS-Patientinnen und -Patienten — nicht mehr von Menschen, die nichts davon verstehen, aber auch die Messungen nicht anschauen, gesagt wird, dass sie sich das alles einbilden oder, noch beknackter, es eine Mode-Erscheinung sei. 

3. Sehen Sie ein generelles Potential in solchen neuen Verfahren, unseren gesellschaftlichen Blick auf Autismus und ADHS zu verändern?

Auf den Autismus-Vorträgen und -Kanälen von meiner Frau und mir ist richtig was los, wenn es um die Eigenschaften und die Erkennung von Neurodiversität geht. Ich finde es daher gut, dass die saubere Erkennung immer besser gelingt. 

Der nächste Schritt ist, die Trennung zwischen angeblich normalen und dazu so verschieden dazu wirkenden Menschen aufzugeben. Nicht nur Autismus und ADHS sind ein Spektrum, wie es in der neuesten Fassung der Liste von Krankheiten (ICD-11) auch super dargestellt ist, sondern auch die angebliche Normalität. Wie wir in Köln sagen: "Mer sin all Mische": Wir sind alle Menschen mit Stärken und Schwächen. 

Gerade Autistinnen und Autisten sind überstark in Computerzeugs, Ingenieurs- und Natur-Wissenschaften vertreten, ADHSler:innen in der Bühnen-Kunst und AuDHSlerinnen vielleicht noch in vielem mehr. Das hat schon Hans Asperger gewusst, ich habe das in den Tiefen der Autismus-Bibliothek in London selbst ergründet. 

Es ist also schon mal prima, wenn Menschen mit Spezial-Interessen das in Ruhe machen können, was sie eben können. Hilft allen. 

Außerdem können die Angehörigen lernen, nicht das Kind so zu biegen, wie die Nachbarn es gerne hätten, sondern es leben zu lassen, wie es möchte. Das macht auch den Angehörigen das Leben leichter, die oft tausendmal verzweifelter sind als die Autistinnen und Autisten, weil sie irgendwas erzwingen möchten, was nicht geht und nicht sinnvoll ist. 

Unser Forschungs-Team hat in den letzten sieben Jahren schon heraus gefunden, wie wir es den Schülerinnen und Schülern leichter machen. jetzt führen wir eine fette Untersuchung mit Kindergarten-Kids dazu durch.

Und: Wer stärkere Schwierigkeiten hat, erhält mehr Unterstützung. So wie bei Knochenbrüchen oder Grippe auch.

Ray Martin: U-Comix

Mini-Interview mit Ray Martin zum Comic-Festival in München (2025) & langes Interview aus den U-Comix (2016) mit dem damaligen Herausgeber Steff Murschetz

Mark: Lieber Ray, was hat dir an deinen U-Comix besonders gefallen? 

Ray: Das Geld, welches ich damit verdient habe.

Es gibt ja bis heute deinen Shop mit wilden Dingen. Wenn du heute in die Welt schaust: Ist etwas vom anarchischen, wilden Getümmel von damals übrig geblieben? Falls ja, was?

Links ist das erste U-COMIX-Heft aus dem Sommer 1969, rechts das letzte von Ray herausgegebene U-Comix-Heft (Mai 1986) (Foto: Jutta Hoffmann).

Ja, die Trump-Administration.

Was denkst du über Comic-Messen und -Börsen? Warst du mit den U-Comix auf Messen? Erlebnisse, Erinnerungen? 

Na klar, ich war auf allen möglichen Messen. Vor 35 Jahren sogar in Köln. Über die Begegnung mit Ralf König auf dem Erlanger Comic-Salon 2018 habe ich in einem meiner Online-Workshops geschrieben. Der Text sagt viel über meine Lebenseinstellung.

Okay. Dann schauen wir doch mal in einen deinen Text von damals.

Zum Glück holt mich meine Vergangenheit nicht all zu oft ein. Das liegt zum einen daran, dass viele Menschen in meinem Alltag meine Vergangenheit nicht kennen und ich ihnen auch nichts davon erzähle.

Meine engen Freunde (& siehe oben) und Verwandte wiederum haben alle unglaublichen Geschichten schon zehn mal gehört und sprechen mich auch nicht mehr darauf an. Dennoch gibt es immer mal wieder kleine Einbrüche der Vergangenheit in die Neuzeit. 

So waren wir im vergangenen Jahr auf einer Anti-Nazi Demo in Scheinfeld, haben einen kleinen Stand aus Partyzelt und Tapeziertischen aufgebaut und sehr erfolgreich T-Shirts, Caps, Buttons und Stickers (Gegen Nazis, Gebt Nazis keine Chance, Solidarität gegen Rassismus etc) verkauft. Alles Restbestände aus den 1980 und 1990er Jahren, die ich nie weggeworfen habe.

Ray auf der Comic-Messe (Comic-Salon) Erlangen 2018 (Foto: Archiv Ray Martin).

Oder unser Auftritt auf einer 'Legalize Cannabis'-Demo vor ein paar Wochen in Nürnberg, die vom örtlichen Cannabis Social Club veranstaltet wurde. Dort verkauften wir mehr oder weniger aus der Hand bzw. mit einem Bauchladen T-Shirts, Caps und Buttons von den Legalize-Kampagnen der 1980er und 1990er Jahre. Das lief nicht schlecht, obwohl nur ca. 200 total witzige, punkige und bekiffte junge Menschen da waren. Ich glaube, ich war der einzige Alte auf dem Platz.

Richtig ausgeflippt ist meine Jutta aber erst, als sie das Plakat (Anhang 1) mit der Ankündigung für U-COMIX Nr. 194 sah: „Wow, meine beiden liebsten Männer auf einem Plakat - Mark Benecke und Raymond Martin.“ Ich wusste erst gar nicht wer das ist, bin aber nun aufgeklärt: Eine Art Leichenbeschauer, der in einer Fernsehserie mitspielt und ein Heer von Fans unter SM-Mädels und Menschen mit einer leichten Störung aus dem nekrophilen Themenbereich hat. Führwahr ein guter Kontrast zu einem esoterischen Alt-Hippie.

Dazu muss man wissen, dass ich das Comic-Magazin U-COMIX schon vor 46 Jahren gegründet und 1986 damit aufgehört habe. In den besten Zeiten verkauften wir fast 30.000 Exemplare im Monat und wenn ich dabei geblieben wäre und nicht auch noch SCHWERMETALL, PILOT, VAMPIRELLA, HINZ & KUNZ, WITZBOLD etc. gemacht hätte, würde ich wohl nun selbst die Ausgabe 194 herausgeben. Die neuen Männer um den begnadeten Comic-Zeichner Steff Murschetz machen seit ein paar Jahren alle drei Monate ein Heft, dass nicht mal 3000 Exemplare verkauft. Sie zahlen sich alle keinen Lohn aus und leben teilweise von Harz 4. 

Als ich nach einem Interview gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt, dass nun in der Ausgabe vom am 25. Mai 2016 erschienen ist.

Interview aus den U-Comix (Mai 2016)

Ray auf dem Comic-Salon Erlangen 2016 (Foto: Archiv Ray Martin).

In den 1970er und 80er Jahre hat ein junger Verleger mit seinen Comics und Büchern zu Drogen, Ökologie und Bewusstseinserweiterung die alternative Presselandschaft nachhaltig geprägt. Mit seinen erfolgreichen Comic-Magazinen U-Comix und Schwermetall brachte er erstmals junge Deutsche in Kontakt mit Comiczeichnern wie Robert Crumb, Richard Corben, Moebius oder Gilbert Shelton. Was Comics betrifft, hat er den Rock ‘n’ Roll nach Deutschland gebracht.

Steff Murschetz stellt für U-Comix 12 Fragen an Raymond Martin

Steff: Du wurdest 1953 geboren. Es war die Zeit der Piccolo-Comics. Viele Deines Jahrgangs verehren ja noch immer Hans Rudi Wäscher, der kürzlich verstarb. Hast Du diese Comics auch gelesen und was hast Du als Kind getrieben?

Ray: Ich bin in Berlin Neukölln in eine eher bildungsferne Familie hineingeboren. In diesen Kreisen stand man den Comic-Heftchen nicht so kritisch gegenüber wie das Bildungsbürgertum. Meiner jetzigen Freundin z.B. war es vor 40 Jahren noch untersagt, Comics zu lesen. Ich wuchs eher antiautoritär und selbstbestimmt auf und war früh eher an allen möglichen Comics, als an Schulbüchern interessiert: Kauka, Disney, Akim, Tibor, Falk etc., aber auch „Illustrierte Klassiker“ eigentlich fast alle Comics außer „Nick im Weltraum“. Mit der Pubertät verlor ich Interesse daran und wand mich den Mädchen zu. 

Mit 15 Jahren half ich ein bisschen bei der Entstehung einer unabhängigen Schülerzeitung (Paradox) und gründete mit 16 eine kleine Zeitschrift für Amateur-Lyrik, -Prosa und –Grafik (ex-libris), mit der ich allerdings nach der zweiten Ausgabe meine erste Pleite hinlegte.

Bereits mit 16 Jahren hast Du 1969 das Underground-Comicmagazin U-Comix gegründet und 1970 das bis 1976 erschienene Untergrund-Volksblatt Päng. Vor der allgemein bekannten U-Comix Magazinserie, gab es ja bereits 17 Nummern. Kannst Du Finanzierung, Herstellung, Vertrieb und Inhalt dieser ersten Hefte kurz beschreiben?

Das ist nicht ganz richtig, die erste Ausgabe von PÄNG kam schon 1969 heraus, die erste Ausgabe von U-COMIX kam erst 1970. Auflage 1000 Stück , 16 Seiten schwarz/weiße Comix von Crumb, Shelton, S. Clay Wilson und ein paar anderen aber auch eine Seite Little Nemo von Windsor McCay. Die Herstellung war damals sehr einfach, man klebte die deutschen Sprechblasen auf die Originale und machte davon Repros und Druckplatten. Der Druck wurde erst nach dem Verkauf der halben Auflage bezahlt. Am Anfang haben wir alle Blätter selbst zusammengetragen und gefaltet, um die Buchbinderkosten zu sparen. 

Wenn von einer Auflage soviel verkauft war, dass der Druck bezahlt werden konnte, wurde das nächste Heft gemacht. Das dauerte damals oft Monate. Ich kümmerte mich dann nach und nach um immer mehr Zeichner, aus der ganzen Welt, die bei uns veröffentlichen wollten. Alles per Brief oder Telefon, mehr gab es damals nicht. Irgendwann haben wir auch mal einen Seitenpreis bezahlt aber es wurde erst ein Geschäft, von dem man leben konnte, als wir in den bürgerlichen Pressevertrieb eindrangen.

Im Januar diesen Jahres verstarb der Künstler und Verleger Bernd Brummbär. Erst durch Deinen Artikel über ihn wurde mir klar, dass auch Du “Vorbilder” hattest. Wie hat Bernd Brummbär Dich inspiriert und wer gehörte damals noch zu jungen Undergroundcomix-Szene?

Ich habe zwar 1970 die erste Ausgabe von dem Heftchen U-COMIX herausgegeben, doch Bernd Brummbär hat die ersten Comic-Bücher mit diesen Zeichnern gemacht. Zusammen mit dem Verleger Abraham Melzer wurden eine unlizensierte deutschsprachige Ausgaben von Robert Crumbs HEAD COMIX und danach eine Buchreihe mit dem Titel BRUMM COMICS veröffentlicht. 

Steff Murschetz besucht Mark Benecke (U-Comix 194; im selben Heft erschien das Interview mit Ray Martin). Im Heft zuvor (also Nr. 193) gab es ein Interview mit Mark (Foto: Mark Benecke).

Dadurch wurde der deutsche Comic-Markt mit Fritz The Cat, Mr. Natural oder auch mit Anne & Hans bekannt gemacht. Letzteres ist ein legendärer Aufklärungs-Comic von Theo van den Boogaard, der ziemlich schnell auf den Index für verbotene Bücher wanderte. Da die Brumm Comics sehr gut liefen und man keine Royalties bezahlte, verdienten sich BB und Abi eine goldene Nase damit. 

Ich lernte also als Comic-Fan den Übersetzer und Letterer der Brumm-Comics kennen, der auch plante eine Underground-Zeitung herauszugeben..

1971 erschien ein Bericht im Spiegel über Deine Kommune in Kucha. Da musst Du etwa 18 gewesen sein. Im spießigen Stil eines 50er Relikts echauffierte sich der Autor in den Artikel über Eure Ideale. Worum ging es Euch wirklich?

Der Spiegel schrieb am 9. August 1971: „Raymond Martin aus Nürnberg kennt ähnliche Nachbarlichkeit von den Bauern im mittelfränkischen Dorf Kucha, wo er seit dem Winter mit einer 20köpfigen Kommune von ehemaligen Anarchisten, Schülerinnen und Opfern der deutschen Fürsorge-Erziehung für 300 Mark im Monat das Obergeschoß der Zwergschule bewohnt. Einen großen Acker bekamen die ausgeflippten Kommunarden umsonst. Ein motorisierter Bauer war so freundlich und pflügte. 

Zwar hält sich auf den Wangen dieser jungen Leute die Blässe ungezählter Trips. Doch auf ihrer Schulter tragen sie rührend entschlossen die Harke. Sie trinken viel Milch, der drogengereizten Leber wegen. Da lohnte sich für einen Nachbarn der Ankauf einer weiteren

Kuh. Der reinen Luft, der reinen Nahrung, des eigenen Hanfs im eigenen Garten sich zu freuen, werden diese Stadtkinder nimmer müde. Die Bauernkinder zieht es in Richtung Industrie. Zum Zeichen ihrer Seelenverwandtschaft beschlossen die Kommunarden, sich fortan "Sippe" zu nennen. Die Leute vom Dorf vergessen gerade, was dieses Wort bei ihnen bedeutete.“ 

Das klingt wirklich köstlich, wenn man das 44 Jahre später wieder liest. Wir waren am Anfang alles andere als Romantiker, sondern wollten einfach nur zusammen wohnen. Da wir die Mieten für große Wohnungen in der Stadt nicht bezahlen konnten, gingen wir aufs Land. Dort bekam man dreimal soviel Wohnraum zum gleichen Preis. Und man konnte nächtelang durchfeiern, Musik machen, einfach Partytime ohne das sich Nachbarn gestört fühlen. Unser Haus hatte ca. 20 Meter im Abstand zum nächsten, das war wichtig. Wir sind im Frühling 1971 eingezogen und haben schon im Herbst eine 3 Meter hohe Hanfplantage im Garten gehabt, einsehbar von allen Seiten. Keiner der Nachbarn wusste, was das ist.

Links: Das angeblich allerletzte Heft der U-Comix von Steff Murschetz. Rechts: Zwei Hefte später erschienen U-Comix dann mit 3D-Bildern (Foto: Mark Benecke).

Du sollst auf Kucha mit vielen Frauen dem lockeren Leben gefrönt haben, sozusagen als Hahn im Korb und hast auch den Foto-Bildband “Mädels” mit Schönheiten der deutschen Freakszene gemacht und verlegt. Viele Comicfans sind Eigenbrödler und kommen mit Frauen gar nicht klar, denn vor dem Manga-Boom gab es in der deutschen Comicszene ja kaum Frauen. Hast Du einen Tipp für uns Dilletanten im Umgang mit Frauen? Was ist das Geheimnis Deines Erfolges beim anderen Geschlecht? Vorzeige-Hippie Rainer Langhans soll mal gesagt haben: “Jeden Tag Sex, ich fand es schrecklich!” Erging es Dir ähnlich?

Ich bin in Berlin Neukölln geboren, aber sozialisiert in Tempelhof, einem armen Bezirk neben Kreuzberg. Dort bin ich nur mit meiner Mutter und großen Schwester, also ohne Vater, aufgewachsen. Bei Familienfesten trafen sich noch drei Tanten zwei Cousinen und nur ein Onkel, der aber kaum auffiel. Alles wurde beherrscht von schnell und viel quatschenden Berliner Frauen und deren zickigen Töchtern. Ich war der einzige Mann und dazu auch noch der kleinste. Was blieb mir also anderes übrig, als mir mit Charme, Liebreiz und Humor Aufmerksamkeit zu verschaffen. 

Das hat dazu geführt, dass ich geistreich und witzig aber auch freundlich und zärtlich wurde, was sich bei den meisten Frauen später ausgezahlt hat. Ich hatte schon in der ersten Klasse der Grundschule eine süße blonde Freundin, mit der ich Hand in Hand in die Schule ging, wir waren beide 6 Jahre alt. Als ich 12 Jahre alt war, hat meine Mutter dann doch einen Mann geheiratet und wir sind nach Nürnberg gezogen. Das war für mich ein Kulturschock, zu dessen Überwindung ich viele Jahre brauchte.

Mein Alltag mit meiner Straßengang im Berliner Armenviertel (ca. 20 Jungs von 11 bis 16 Jahren alt), das war meine Welt, meine Familie. Da herausgerissen und nach Nürnberg verschleppt zu werden war so traumatisierend, wie man es sich kaum vorstellen kann. Zum Glück haben die Mädchen sich schnell für mich interessiert, weil ich so anders war. Damals kamen die Beatles auf und ich ließ mir eine Beatles-Frisur wachsen. Ich war nicht nur der erste im Block, sondern der erste Langhaarige in der ganzen Südstadt. Heutzutage würde man sagen, ich hatte damals viele Matchpoints für Partner-Sites: Groß (über 1,80), attraktiv, humorvoll, charmant, intelligent und großzügig. Wenn man also nicht alles davon hat, kann man zumindest witzig, charmant und großzügig sein. 

Eine meiner Frauen hat mal in Anspielung an eine Mitbewohnerin gesagt: „Wenn man dumm ist, sollte man wenigstens lustig sein.“ Das hat viel philosophische Essenz, finde ich.

Männer wollen ficken und Frauen wollen einkaufen, das ist eine simple aber zutreffende Formel. Die Frauen tauschen ihren Sex also gegen die Ressourcen der Männer. Meist sind es materielle Ressourcen, viele Frauen wollen aber auch geistige. Man kann das aber nicht strategisch angehen, sondern muss die Dinge geschehen lassen und sich versuchen in den energetischen Strom einzufügen. Man kann nicht sagen, ich will mal zwei Freundinnen haben und dann losziehen und versuchen Mädels dazu zu überreden. Das klappt nicht, da machen die nicht mit. 

Bei mir lief das so, dass ich in der Schule zwar der beliebteste Junge war (nur bei den Mädchen, die Jungs haben mich vielleicht bewundert aber die Lehrer haben mich alle gehasst) aber mit keiner Mitschülerin „gegangen“ bin. Ich lernte damals zwei Mädchen von anderen Schulen kennen, Rosi und Uschi, die mich nach dem ersten Kennenlernen angerufen und mir mitgeteilt haben, dass sie beide mit mir gehen wollen und ich mich für eine entscheiden soll. Beim nächsten Treffen habe ich geantwortet, dass ich mich nicht entscheiden kann, also beschlossen wir zu dritt „ miteinander zu gehen“. 

Ich hatte ja auch zwei Hände, also konnte ich eine rechts und eine links an die Hand nehmen, wenn wir weggegangen sind. Bei meinen Freunden war ich ab dann unten durch. Ich bin aus dem Fußballverein Jahn 93 ausgestiegen, von meiner kleinen Kumpelcique verstoßen worden und ein Jahr später dann in der Nürnberger Drogen-Scene abgetaucht und ohne jeglichen Abschluss aus der Schule geflogen. Aber ich bin danach mit fast allen schönen Blondinen des Englischen Fräulein-Gymnasiums gegangen und habe gemerkt, dass ich beliebt bin beim anderen Geschlecht.

Auch Ralf König, den Ray wie auch 'Werner' nicht verlegte, war einst umstritten (Foto: Mark Benecke).

In die Kommune bin dann, kurz bevor ich 18 wurde, nur mit einer Freundin eingezogen. Über die Jahre kamen aber immer wieder neue Mitglieder dazu, auch über 1000 Besucher/innen (in 30 Jahren), die manchmal nur Tage, manche aber auch Wochen und Monate dablieben und mitmachten. Da hat man dann automatisch mehr sexuelle Kontakte als in der „normalen Welt“.

Und die Frauen haben mich einfach geliebt und wollten mit mir zusammen sein. Aber sie wären sich blöd vorgekommen, zu verlangen, dass die anderen schönen, schlauen und sensiblen Frauen an meiner Seite verschwinden müssen. In meinem Dorf hatte ich lange Zeit des Spitznamen „Scheich“, was mir egal war. Ich habe mich nie um gesellschaftliche Konventionen gekümmert. 

Ich bin niemals „fremd gegangen“, sondern habe meine Freundinnen alle miteinander bekannt gemacht, mit ihnen zusammen gelebt und gearbeitet, teilweise viele Jahre lang. Daraus sind sogar tolle bildschöne Kinder entstanden. 

Ich erfinde neben IQ-Text-Fragen auch gerne Witze: Mein Lieblingswitz geht so: Mein Sohn Dianus steht 12 Jahre alt mit zwei Kumpels auf dem Schulhof. „Wir sind zuhause drei Kinder und haben jedes sein eigenes Zimmer“, sagt der eine. Darauf der andere, „das ist doch gar nichts. Wir sind zuhause vier Kinder und jedes hat seinen eigenen Computer.“ Darauf sagt mein Sohn: „Das ist überhaupt noch nix. Wir sind zuhause fünf Kinder und jedes hat seine eigene Mama.“

Haussuchungen, Indizierungen von Comix und Büchern, Geldstrafen wegen des Comicalbums “Nachahmungen” von Roger Brunel, das etablierte Comicfiguren großer Verlage verwurstete — Mit dem deutschen Gesetz gab es einige Reibereien und einige Male hast Du es geschickt ausgetrickst, wie es scheint. Du hast Restbestände von U-Comix zu Weihnachten an Häftlinge verschenkt, Flüchtigen Unterschlupf gewährt u.s.w. Hattest Du jemals Angst vor der Staatsgewalt?

Du weißt ja ganz schön viel. Sogar ein Mitglied von den damals gesuchten RAF-lern war mal in meiner Küche gesessen, aber Flüchtlingen Unterschlupf gewähren klingt schon sehr heroisch. Vielleicht mal 15 jährige Runaways aus Erziehungsheimen oder desertierten Soldaten (BW und US-Army!), aber Flüchtlinge nicht. Damals gab es so etwas nicht. Angst vor der Staatsgewalt nach 42 Verfahren vor dem Amts- oder Landgericht? Da ist man nach einer Weile selbst ein kleiner Rechtsanwalt. Ich mache schon seit 20 Jahren alles selbst, schreibe alle Schriftsätze selbst und nehme nur einen Anwalt, wo Anwaltszwang herrscht. Der macht dann aber, was ich sage. 

Ich habe fast alle Verfahren gewonnen, vor allem das wichtigste „Raymond Martin gegen die Bundesrepublik Deutschland (Verwaltungsgericht). Allein das ist eine lange spannende Geschichte. Auch die über 24 Hausdurchsuchungen aus verschiedensten Gründen sind bestimmt gut für einen Eintrag im Guinnes Buch der Rekorde. Die haben in den 70gern sogar den entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer bei uns gesucht. Ich hatte auch schon unzählige Autodurchsuchungen, an einem Tag sogar zweimal hintereinander in zwei Bundsländern. Aber Angst hatte ich nie vor den Beamten, die waren immer sehr respektvoll und höflich zu mir, weil auch ich immer so zu ihnen bin.

Heutzutage möchte die Piraten-Partei das Urheberrecht kippen und Raubkopien im Internet sind ein großes Thema, nicht nur für Plattenfirmen und Filmverleiher sondern auch für den netten Cartoonisten von nebenan. Wie stehst Du heute zu Raubkopien?

Robert Crumb war ein Star der U-Comix (Foto: Mark Benecke).

Solange man selbst vom Verkauf von Bootlegs-Schallplatten und Raubdrucken von Büchern, Poster, T-Shirts etc. leben muss, wie ich viele Jahre lang, dann hat man ein eindeutiges Verhältnis dazu: Es ist überlebenswichtig. Wenn man als Künstler oder Verleger dann selbst davon betroffen ist, findet man es nicht so lustig, zumal wenn es zu einer materiellen Bedrohung wird. 

Ich habe also ein sehr ambivalentes Verhältnis zu dem Thema, sowohl als auch, wie der Zustand von Schrödingers Katze. Ganz schlimm ist es natürlich, wenn die große Industrie alles raubt oder alles noch billiger nachmacht (Asien) und kleine Produzenten untergehen. Dann würde ich mit allen rechtlichen Mitteln dagegen vorgehen.

Es kursiert ein altes Schreiben der Staatsanwaltschaft, in dem angeprangert wird, die Freak Brothers böten ein schlimmes Rollenvorbild. Wenn ich meine Kumpels und mich so anschaue, muss ich grinsend eingestehen, da ist was dran. Leider sind auch einige Freunde nicht gut mit den Substanzen klar gekommen. Heute sind ganz andere Drogen im Umlauf, Crystal Meth und Ähnliches. Welchen Rat würdest Du “Neueinsteigern” an die Hand geben?

Ich sage zu meinen Kindern immer, laßt die Finger weg von synthetischen Nahrungsmitteln und Medikamenten, nehmt nur natürliche Nahrung und nur Naturmedizin. 

Wenn man aber seiner Neugier nicht standhalten kann und auch mal was „böses“ probieren will, nimmt man nur ¼ der dir angebotenen Dosis. Ich kenne natürlich alles aus den wilden Zeiten, war aber niemals auf irgendwas süchtig, außer Sex. Zum Thema Meth, das in den 70ern schon als Speed bekannt war, hier ein schlaues Zitat.“They say it’s for horses but not for men. And they say it will kill you, but they don’t say when.“

Rand Holmes prächtiges Comicalbum “Hitlers Kokain” wurde durch Dich angestoßen. Zum Gratis Comic Tag 2016 verschenkst Du 500 Comic-Alben von Rand Holmes, einem meiner Lieblingszeichner, der leider viel zu früh starb. Man erzählt, er habe durch die Verkäufe seines Anti-Walfang-Poster maßgeblich die damals gegründete Organisation Greenpeace mit finanziert. Habt Ihr Euch mal getroffen und in wie weit hast Du auf den Inhalt von “Hitlers Kokain” Einfluss genommen?

Das Album „Hitlers Kokain“ ist mit 42.000 Stück eins der meist verkauften meines damaligen Verlags. Rand Holmes hat es damals extra für unser neues U-COMIX als Serie gezeichnet, weil ich ihm darum gebeten habe. Ich hatte zu den meisten Zeichnern (außer Robert Crumb, der mal in München öffentlich zugegeben hat, dass er eifersüchtig auf meine vielen Mädels war) ein gutes persönliches Verhältnis. Ich habe gut bezahlt und sehr gute Produktionen abgeliefert. 

Jean Giraud hat mir in Paris persönlich bestätigt, dass ich seine Arbeiten sehr authentisch veröffentliche. Der Herausgeber von METAL HURLANT Jean-Pierre Dionnet hat mir sogar schriftlich gegeben, dass ihm SCHWEMETALL besser gefällt, als sein eigenes Magazin. „Du hast mich überholt!“ Das war mein Ritterschlag, haha! 

Getroffen habe ich Rand Holmes nie, aber wir haben uns viel geschrieben. Auf der hinteren Umschlagseite von „Hitlers Kokain“ habe ich das Poster abgedruckt, welches Rand 1975 für eine kleine lokale Umweltschützergruppe aus Vancouver gemalt hat, damit die sich durch den Verkauf ein bisschen Geld für Aktionen verdienen können. Die Gruppe nannte sich GREENPEACE und aus dem Haufen Kiffer-Freaks wurde tatsächlich irgendwann die weltberühmte Organisation, die wir alle bewundern. So läuft manchmal das Leben!

In Deinem Blog schreibst Du, Deine Lieblingsthemen seien Sex, Natur und der Tod. Kannst Du Deine Erkenntnisse dazu für uns auf wenige Zeilen verdichten?

Das kann kein Mensch auf wenige Zeilen verdichten. Das wären nur Kalendersprüche. Ich könnte zu den Themen ein dickes Buch schreiben, bzw. schreibe seit ca. 10 Jahren immer mal wieder Beiträge in meinem kleinen Blog. Wer die Beiträge kostenlos gemailt bekommen möchte, kann einfach eine Anfrage senden an heartland@t-online.de und eine Aufnahme in den Verteiler erbitten.

Wie lebst Du heute, was machst Du so und was hast Du noch vor? Würdest Du rückblickend etwas anders machen?

Sogar Little Nemo — unfreiwillig psychedelisch und immer traumhaft (1905—1913) — erschien in den U-Comix (Foto: Mark Benecke).

Auch das ist einfach zu komplex und interessiert die Leser eines Comic-Magazines nicht. Wer sich wirklich dafür interessiert, kann mich gerne mal besuchen und sehen, was ich so mache und was ich jetzt so denke. Und natürlich würde ich einiges anders machen, aber im großen Ganzen war mein Leben eine Aneinanderreihung von sogenannten Wundern. Das kann man nur geschehen lassen und voller Dankbarkeit feststellen: Mein Leben war so toll, das hätte leicht das Leben von zehn Männern füllen können!

Ich kann mich noch heute an den Moment erinnern, wie ich mit 14 nach Donald Duck, Spinne, Hulk und den Fantastischen Vier das allererste Schwermetall in einer Monatanus-Filiale entdeckte. Ich wage zu sagen, es hat mich stärker umgehauen, als später mein erster LSD-Trip und tatsächlich mein Leben verändert. Der Zeichner Bert Henning prägte das Wort: Die Leser von damals sind die Zeichner von heute. Ich traue mich kaum zu fragen, wie findest Du das neue U-Comix und seine Künstler, die ebenfalls zum großen Teil durch Deine Publikationen auf den Weg gebracht wurden?

Ich weiß schon, was du meinst. Ich habe auch viel Menschen durch meine Magazine PÄNG und LIEBE „angetörnt“, weit mehr als nur die ca. 20.000 Leser. Das waren nämlich oft junge progressive Lehrer, Journalisten und sonstige Verteiler.

Unter meinen alten treuen Lesern waren auch Daniel Cohn Bendit und Joschka Fischer, die dann selbst eine Kommune gegründet, eine Zeitung (Pflasterstrand) herausgegeben und eine Partei (Die Grünen) mitgegründet haben. Ich finde nicht alles gut, was die Ökobewegung auf den Weg gebracht hat und finde auch nicht alle Underground-Comics gut, die nach mir veröffentlicht wurden.

Aber wie mit der Öko-Energie aus den schrecklichen Windkraftanlagen (Thema: Infraschall) oder die Dächer der Dörfer verschandelnden Solar-Anlagen, die ich nicht brauche, geht es mir auch mit den neuen Comics: die werden nicht für mich gezeichnet und gedruckt. Ich habe schon Jahrzehnte keinen Comic mehr gekauft, lese nur die Sachen, die man mir schenkt. Und für die Kunden, die das kaufen, ist es dann scheinbar richtig, weil sie es gut finden. In dem neuen U-COMIX-Heft fehlen mir Crumb, Shelton, Edika und Gotlib oder überhaupt große internationale Zeichner. 

Auch fände ich gut, wenn man in Deutschland ein Magazin macht mit den Arbeiten von Röttger „Brösel“ Feldmann, Walter Moers und Ralf König herausgeben würde . Die haben sich übrigens alle drei bei mir beworben, weil sie im Volksverlag veröffentlicht werden wollten. Ich habe die damals alle abgelehnt (zu Brösel mit der Begründung: Dein Alkohol-Humor passt nicht zu uns) was mein größter Fehler was, weil ich mehrfacher Millionär hätte werden können. Es sollte scheinbar nicht sein. 

Mark Benecke signiert U-Comix-Poster (Comic-Festival München 2019) (Foto: Mark Benecke).

Zum Schluss noch eine wirklich witzige wahre Episode von unserem kurzen Aufenthalt am letzten Samstag nachmittag in Nürnberg. Jutta und ich waren ein bisschen Shoppen bei C & A, die seit Jahren schon Kleidung in Bio-Baumwolle anbieten. Zum Bezahlen an den langen Kassentisch ging ich zu einer jungen Aushilfe mit einem schwarzen T-Shirt auf dem in riesigen weißen Lettern stand WHO RULES THIS WORLD? Weil mir spontan keine Antwort einfiel und Jutta sicher wieder genörgelt hätte, ich soll nicht immer junge Mädchen anmachen, habe ich nichts zu ihr gesagt, obwohl mich die Frage richtig provoziert hat. Wir gingen dann in eine andere Abteilung und Jutta suchte sich irgend einen Fummel, während ich meine Augen mäandern ließ. Da viel mir ein junges Mädchen mit einem frustrierten Gesichtsausdruck auf, die auf ihrem grauen T-Shirt ganz groß die weißen Buchstaben RESPECT gedruckt hatte. Ich sprach sie leise an aber sie ging einfach weiter. Dann rief ich laut: „ Hey!“

Sie drehte sich erschrocken um. „Weißt du was, ich habe oben eine Verkäuferin mit einem T-Shirt gesehen, darauf stand riesengroß die Frage WHO RULES THE WORLD, also wer regiert diese Welt. Ich habe lange nach der Antwort gesucht, aber du hast sie auf dem T-Shirt: RESPECT! Respect rules the world!“ 

Sie hat total schön gelächelt und Jutta hat mich am Ärmel gezupft, „Komm wir gehen, die Leute schauen schon.“


Juni 2026

Erst wenn es soweit ist, merken wir, dass wir uns unser Leben lang für unsterblich hielten. 

— Mario Adorf

Hallo Leute,

ich habe mir sehr lange darüber Gedanken gemacht, ob ich euch zum wiederholten Male mit dem Thema "Ernährung und Gesundheit" behelligen sollte. Das wissen doch ohnehin schon alle und dennoch ernähren sich die meisten unzureichend oder falsch, war ein Gedanke. Oder: wahrscheinlich liest das die Empfängerschaft meiner Rundmails einfach ungern, weil sie in Gewohnheiten und Süchten festhängen. Aber nachdem ich in den letzten Tagen gehört und gelesen habe, dass die Hälfte aller Deutschen übergewichtig ist, habe ich mich entschlossen, diesen kleinen "Online-Workshop" zusammenzustellen.

Wie einige von euch vielleicht noch wissen, habe ich 1968 im Alter von 15 Jahren eine kleine Underground-Zeitung mit dem Namen PÄNG gegründet (Auflage 1000 Stück, verkauft über Straßenhändler, Festivals oder alternative Buchläden). In der Ausgabe Nr. 3 von 1970 habe ich eine ganze Seite zum Thema gesunde Ernährung veröffentlich (Anhang 1) die die Überschrift "Du bist was du isst!" trug. Der Satz war nicht von mir, sondern von dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach (1804–1872), ein wahrer Pionier der Ernährungslehre.

Meine damaligen Informationen waren natürlich noch sehr minimal und unzureichend. Ihr könnt die Schrift wahrscheinlich kaum lesen, ich hatte keine Satzmaschine sondern habe die ganze Zeitung mit der Hand geschrieben. Was ich aber als erwähnenswert erachte, sind die letzten Sätze:

Essen um sich zu ernähren und nicht 

- um wahllos zu verarbeiten, was uns ein korruptes System zum Verbrauch vorsetzt,

- um sich mit der Droge Zucker zu befriedigen, wo andere Mittel effektvoller, gesünder, natürlicher sind,

- um Langeweile zu töten, die entsteht, weil alles fixfertig gesiebt und raffiniert zu kaufen ist,

- um sich sogenannte Zivilisationsschäden zuzuziehen.

Beobachtet eure liebe Umwelt! Macht eure Ernährung zu einem natürlichen, reinen Akt.

Ich weiß, das klingt reichlich idealistisch und unwissenschaftlich aber es war mir vor 56 Jahren ein Anliegen. Sozusagen als der einsame Rufer im Wald. Es hat fast 10 Jahre gedauert, bis "gesunde Ernährung" ein erkennbarer gesellschaftlicher Trend und zum Inhalt jeder Frauenzeitschrift wurde. Ich hatte inzwischen das Interesse an dem immer wiederkehrenden Thema verloren, weil es längst zu meinem Lebensstil gehörte und mich das Schreiben über das Alltägliche langweilte. Also wurde ich Comic-Verleger - aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Um sich mit einem weiten Spektrum an gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen, sollte man wenn möglich einen eigenen Garten mit Gemüsen, Kräutern und Obst bestellen. Weiterhin sollte man einige Dinge im Web bestellen (z.B. Vitam R Klassik) im örtlichen Bio-Handel und bei den Ketten DM, Aldi, Rewe und Kaufland einkaufen. Denn es gibt einige der Sachen eben nur da oder dort. 

(...)

Genmai-Miso wird aus fermentierten Sojabohnen und Getreide hergestellt. Durch den Fermentationsprozess entwickelt Miso probiotische Eigenschaften, da es lebende Bakterien enthält, die positiv auf die Darmgesundheit wirken. Noch besser ist Hatcho-Miso, welches ich seit Jahrzehnten täglich zu mir nehme. Es hat einen kräftigeren Geschmack und besteht nur aus Soja, welches nach traditionellen japanischen Verfahren bis zu 2 Jahre lang fermentiert wird. Ich bin seit über 50 Jahren Anhänger der makrobiotischen Ernährungslehre nach Georges Oshawa (der eigentlich Sakurazawa Yukikazu hieß) der von 18.10.1893 bis 23.4.1966  (auch in Europa) lebte und ein japanischer Philosoph und bedeutendster Vertreter der makrobiotischen Ernährungslehre war. Er gilt als Erfinder von Kokkoh (Reismilch).

Und wenn jemand von euch einen Beweis für den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit braucht, hier ist er: ich werde nie krank, bin gegen nichts geimpft und meine alle zwei Jahre ermittelten Blutwerte sind immer optimal. Allerdings sitze ich auch höchstens 1-2 Stunden am Tag vor dem Bildschirm und  bewege mich sehr viel, bin dadurch fast fettfrei, muskulös und fit. Außerdem schlafe ich immer aus und lebe einen vollkommen stressfreien Alltag. Nach dem Motto der 95-Jährigen Carmen Dell'Orefice: "Jeder Tag ist für mich wie ein Geschenk. Es wartet nur darauf ausgepackt zu werden."

Zum Ausklang ein wenig Poesie, die ich in einer Traueranzeige gefunden habe:

 Wir haben keine andre Zeit als diese,

die uns betrügt mit halbgefüllter Schale.

Wir müssen trinken, den zum zweiten Male füllt sie sich nicht.


Kein Morgen bringt das Heute uns zurück.

Wir haben keine andre Zeit als diese.

— Mascha Kaléko

 

Bis zum nächsten Mal

Ray


Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 2

Quelle: Kriminalistik, 5/2025, Seiten 271 bis 276

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 2: (GEwalt-) Spuren im Gewebe

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Zusammenfassung

Ein Obdachloser erlitt bei einem Angriff durch zwei Männer drei tödliche Bruststichverletzungen. Da die ein- und zweischneidigen Tatmesser aufgrund ihrer Klingenlängen nicht den Stichkanaltiefen entsprachen und die Bruststichkanäle sowohl spitze als auch abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen, wurden wir damit beauftragt zu untersuchen, ob die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und ob anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können. Unsere Untersuchungen führten wir anhand einer ausführlichen Zusammenfassung der bekannten Quellen durch.

1 Einleitung

Zwei Männer griffen laut polizeilichen Kenntnissen einen Obdachlosen mit je einem Messer an. In Folge dessen erlitt das Opfer mehrere Stichverletzungen am Körper; drei Bruststichverletzungen waren für ihn tödlich.

Tabelle 1: Maße der tödlichen Bruststichverletzungen des Opfers

Im Zuge einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung wurden bei einem der Angreifer die Tat-Messer in dessen Küchen-Spülbecken gefunden. Die rechtliche Vertretung der Männer stellte uns die Frage, ob diese Messer die Wunden am Opfer verursachten haben könnten, da die Klingenmaße nicht den Maßen der Stichkanäle zu entsprechen schienen (Tabelle 1) und die Bruststichkanäle spitze und abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen. Dies sollte der Einordnung der rechtsmedizinischen Befunde dienen. Da wir auch blutspurenkundlich arbeiten (Benecke 2019, Benecke et al. 2012, Benecke & Barksdale 2003), erklärten wir uns zur Begutachtung bereit.

Die Messer, in der Akte als Dolche bezeichnet, wurden wie folgt beschrieben:

  • Dolch 1: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge beidseitig geschärft (zweischneidig)

  • Dolch 2: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge mit Wellenschliff und Messerrücken (einschneidig)

Abb. 1: Tatmesser (Foto Polizei)

Zur Breite der Messerklingen fanden sich in den Akten keine Angaben, auf unscharfen Fotos konnte eine Klingenbreite von ca. 1,2 cm geschätzt werden (Abb. 1).

In der vorliegenden Ausarbeitung beziehen wir uns auf die in Abb. 2 dargestellten Begriffe „Länge“, „Breite“ und „Tiefe“ einer Stichverletzung. So ist beispielsweise die Länge einer Stichverletzung nicht mit der Tiefe des Stichkanals zu verwechseln, sondern bezieht sich auf die Länge der Einstichwunde an der Haut- oder Organoberfläche.

Es sollte im Sinne eines Ein- oder Ausschlusses der gefundenen Messer hier geprüft werden, ob:

a. die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und

b. anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können.

Da für die Auftraggeber keine andere Beratungsmöglichkeit bestand und es sich um ein klassisches Thema der Kriminalistik handelt, stimmten wir einer Bearbeitung zu.

2 Begriffsdefinitionen & Informationen

2.1 Stichverletzung

Bei einer Stichverletzung kommt es zur Entstehung eines Stichkanals durch eine Gewebedurchtrennung mit einem spitzen oder spitz zulaufenden Werkzeug, das überwiegend senkrecht zur Oberfläche des Körpers geführt wird (Madea 2015).

2.2 Schnittverletzung

Bei einer Schnittverletzung entstehen längs verlaufende scharfe Gewebedurchtrennungen, bei denen ein Werkzeug parallel und/oder tangential zur Körperoberfläche geführt wird (Madea 2015).

2.3 Spaltbarkeitslinien/Spaltlinien

Abb. 3: Spaltbarkeitslinien der Haut (Cox 1941)

Spaltbarkeitslinien wurden 1861 von dem österreichischen Anatom Karl Langer mit Verweis auf eine Beobachtung des Mediziners Guillaume Dupuytren beschrieben; sie werden daher auch Langer’sche Linien genannt. Sie stimmen mit der natürlichen Ausrichtung der Kollagenfasern (elastischen Fasern) der Dermis (Lederhaut, direkt unter der Oberhaut gelegen) überein (Mueller 1953). Ihre Anordnung in einzelnen Hautpartien ist unterschiedlich; sie verlaufen in die Richtung der geringsten Dehnbarkeit der Haut (Abb. 3).

Die im Moment des Auftreffens erzeugte Form des Stichwerkzeuges in der Haut/dem Organ kann durch Hautspannung und die Richtung der Spaltbarkeitslinien verändert werden (Abb. 4): Verletzungen in Richtung der Spaltbarkeitslinien klaffen weniger auseinander, da parallel zum Verlauf der elastischen Fasern der Haut gestochen wird. Werden diese Fasern hingegen quer durchtrennt, kommt zu einer auseinanderklaffenden Wunde (Madea 2015). Durch die Abhängigkeit der Wundform von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien kann ein klaffender, schlitzförmiger Hautschnitt durchaus auch von einem runden Stichwerkzeug verursacht werden (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Byard et al. (2005) beschreiben hierzu zwei Fälle: In Fall 1 wird aufgrund einer rechteckigen Wundgestalt zunächst ein rechteckiges oder quadratisches Werkzeug als Verursacher der Wunden angenommen (Abb. 5a). Da nach Eintritt des Todes die Hautspannung entfiel, veränderten sich bei der Obduktion die Stichwunden und ähnelten „typischen“ Messerstichwunden (Abb. 5b). In Fall 2 bewirken die Oberflächenspannung und Spaltbarkeitslinien die Veränderung zunächst kreisförmiger Hautdefekte in schlitzartige, an typische Messerstiche erinnernde, Defekte (Abb. 6).

Drei- und vierkantige Gegenstände hingegen hinterlassen eher charakteristische, d.h. drei- oder vierkantige Wunden (Abb. 7,8) (Mueller 1953).

3 Rekonstruktionen und Zuordnungen zu Gegenständen

Die Zuordnung von einem verwendeten Werkzeug zu einer Verletzung ist schwierig und manchmal nicht eindeutig durchführbar. So ist die Annahme falsch, Stichwerkzeuge ohne schneidende oder scharfe Kante hinterließen an der Haut oder den Organen querschnittgetreue Wundöffnungen. Runde Werkzeuge hinterlassen beispielsweise nicht zwingend runde Verletzungsmuster: Ein rundes Instrument kann eine schlitzförmige Öffnung in der Haut hinterlassen, die zunächst nicht von einem Messerstich zu unterscheiden ist (s. Fallbeispiele von Byard et al. in Abb. 6). Dabei orientieren sich Form, Länge und Breite des Haut-Schlitzes an der Spaltbarkeit der Hautdurchtrennung und damit an der Ausrichtung der Spaltbarkeitslinien (s. auch Abb. 3,4) (Prokop 1960).

3.1 Rekonstruktion der Werkzeugform anhand der Wunde

Wundwinkel sind häufig charakteristisch ausgeformt (Abb. 9): Einschneidig-schneidwärts gelegene Wundwinkel laufen spitz zu.

Abb. 7: Die v-förmige Stichwunde auf dem Rücken des Opfers im oberen Bild wurde durch die Lanze mit aufgesetzem Dreikantschaber im unteren Bild verursacht (oben: Kiehne 1965, unten: Archiv Benecke

Messer mit einem rundlichen, kantigen oder V-förmigen Rücken hinterlassen häufig einen gegabelten Wundwinkel (Abb. 7,8,10) (Eisenmenger 2004).

Ein solch gegabelter Wundwinkel auf der Seite der Werkzeugschneide kann allerdings auch durch eine (schon leichte) Änderung der Klingenachse während des Stechens hervorgerufen werden, da sich das Messer beim Herausziehen in seiner Lage geändert hat. Damit ist es in diesen Fällen nicht mehr möglich, von der Stichwunde bzw. dem Wundwinkel auf die Form des Tatwerkzeuges zu schließen (Eisenmenger 2004, Madea 2015) (Abb. 10,11).

Ein und dasselbe Messer kann bei mehreren hintereinander ausgeführten Stichen einmal einen Stich und ein anderes Mal einen Schnitt in der Haut hinterlassen (Abb. 12). Auch das ganze Erscheinungsbild der Wunde kann variieren und hängt von dem Verlauf der Spaltbarkeitslinien ab (Abb. 4-6) (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Die Form einer Stichverletzung lässt unter Umständen Rückschlüsse darauf zu, ob das Messer eine oder zwei Schneiden besaß (Abb. 13). Kann dies anhand des Stichkanals und der Verletzung aber nicht eindeutig ermittelt werden, bedeutet dies nicht, dass das Messer nicht zwei- oder einschneidig war (Mueller 1953).

Einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten, die aber keine Schneiden sind, können Wunden verursachen, die nicht von Stichen zu unterscheiden sind, die durch mehrschneidige Stichwerkzeuge entstanden sind (Prokop 1960).

Ein breiter Messerrücken hinterlässt aufgrund seiner breiteren „Schnitt“-Seite einen eckigen bzw. stumpfen Wundwinkel und einen spitzen Winkel durch die eigentliche Schnittseite (Abb. 8, 12). Dabei kann der breite Wundwinkel bei einem sehr breiten Messerrücken zackenartig aufreißen. In einem solchen Fall wird der Rückschluss von der Form der Verletzung auf die Gestalt der Klinge bzw. das Stichwerkzeug erschwert (Abb. 10,14) (Mueller 1953).

Wird das Tat-Instrument nach dem Stechen gedreht oder in einer anderen Achse herausgezogen, wird der Rückschluss auf die Gestalt des Werkzeugs zusätzlich erschwert; die Wundränder können Zacken, dreieckige oder flügelähnliche Formen usw. aufweisen (Mueller 1953) (Abb. 11).

Messer mit Wellenschliff oder einer gegabelten Spitze hinterlassen an der Haut in der Regel selten eine eindeutig zuzuordnende Wundform. Verläuft die Stichführung beispielsweise entlang eines Knochen, so kann es zu auffälligen nebeneinander angeordneten kratzerartigen Schürfverletzungen mit gleichartigen Abständen kommen (Eisenmenger 2004). Verdeutlicht wird dies in Abb. 15: Hier wurde die Messerschneide parallel zu einem Rippenbogen geführt, so dass die Schneide des Messers die Rippe streifte und sich das wellenförmige Muster der Messerschneide auf der Rippe und auch in dem Gewebe abbildete.

Die exakte Form der Wundwinkel kann häufig nur während der Obduktion festgestellt werden, wenn die vorliegende Hautspannung durch Zusammenschieben entlastet und zusammengefügt wird (Eisenmenger 2004).

3.2 Rekonstruktion der Klingenbreite anhand der Länge des Einstichs

Abb. 12: Abweichung von Breite und Form eines Wundkanals durch die Messerführung während der Tat (verändert nach Prokop 1960 & Zimmer 2009)

Aus der gemessenen Länge des Einstichs an der Haut- oder Organoberfläche kann nicht zwingend auf die Breite der Messerklinge geschlossen werden (Abb. 16). Ursache dafür ist, dass der Eintritts-Winkel zum Einstich schräg als auch der Winkel der Spaltungslinien zum Einstich verschieden sein können (s.o.) (Mueller 1953). Bei festen Messern etwa ist die Stichwunde (der Hautschnitt) meist länger, kann aber gelegentlich auch schmaler erscheinen (Prokop 1960) (Abb. 12).

Wird beim Herausziehen des Messers aus der Wunde die Haut zusätzlich geschnitten – beispielsweise durch Bewegungen eines Körpers bzw. der Körper und/oder der Klinge während der Tathandlung –, ist die Stichwunde länger als die Breite der Klinge; genauere Hinweise kann die dreidimensionale (!) Form des Einstichkanals geben (Abb. 2) (Mueller 1953).

Wird das Stich-Instrument während des Stechens gedreht, kann dies die Länge der

Einstichöffnung verändern. Sie kann schwalbenschwanzähnlich, triangelförmig, bananen- oder bumerangförmig, vieleckig etc. sein (Abb. 10,11). Diese Formen können dann entstehen, wenn zu einem vertikalen Bewegungsablauf ein horizontaler hinzukommt (Abb. 12) (Eisenmenger 2004).

Eine spitz zulaufende Klinge weist unterschiedliche Breiten zwischen Spitze und Heft auf (Abb. 17).

Wird das Messer nicht in ganzer Länge in den Körper gestochen, wird die Länge des Einstichkanals nicht der maximalen Breite des Messers entsprechen (Abb. 16) (Eisenmenger 2004).

3.3 Rekonstruktion der Klingenlänge anhand der Länge des Stichkanals

Aufgrund der meist während der Tatausführung vollzogenen Bewegungen verläuft die Längsachse einer Stichwunde häufig nicht geradlinig. Die Klinge kann Gewebefasern benachbarter Muskelgruppen in zusammengezogenem Zustand durchtrennen: Das Gewebe klafft auseinander. Bei der Obduktion sind die ehemals zusammen gezogenen Fasern aber entspannt; der Wundkanal wird von intakten Gewebsschichten unterbrochen oder ist in seiner Längsachse unterbrochen (Eisenmenger 2004).

Auch die Fähigkeit der Haut, sich in den normalen Spannungs-Zustand (= Ruhe-Zustand) zurückzuziehen (sog. Retraktionsfähigkeit) muss berücksichtigt werden: Wird ein Messer aus einer Wunde herausgezogen, kann der Stichkanal wenige Millimeter kürzer sein als die Messerklinge. Das Zurückziehen ist erneut abhängig von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien und der Elastizität des Gewebes.

Abb. 18: Bei schnellem und kräftigem Zustechen wird das Gewebe zusammengedrückt; der Stichkanal ist länger als die eigentliche Messerklinge (Madea 2015)

Wird mit großer Wucht zugestochen, so kann der Stichkanal länger als die Klingenlänge des Tatwerkzeuges sein, da das Gewebe durch das kräftige und schnelle Zustechen eingedrückt und verformt wird (Mueller 1953, Prokop 1960, Eisenmenger 2004) (Abb. 18). Das gilt insbesondere für Stiche in der Bauchgegend (Mueller 1953, Eisenmenger 2004).

Berücksichtigt werden muss ebenfalls, dass das Messer nicht immer bis zum Heft hineingestoßen wird (Mueller 1953, Eisenmenger 2004). Hier wirkt der Stichkanal gegenüber der untersuchten Klinge dann verkürzt.

Der Stichkanal kann auch verwinkelt erscheinen, wenn sich Muskulatur und Bindegewebe während des Stechens verschieben; mitunter kann das Ende des Stichkanals nicht mehr festgestellt werden (Mueller 1953).

Da Stichkanäle während der Obduktion an Körpern in gerader, gestreckter, spannungs- und bewegungsloser Haltung gemessen werden, sind sie möglicherweise nicht mit der Körperhaltung während eines Tatgeschehens vergleichbar.

Aussagen über den Stichverlauf in Weichteilen (von oben nach unten, von unten nach oben etc.) sind aber abhängig von der Körperhaltung des Opfers und Täters zum Zeitpunkt des Einstichs (Mueller 1953). Häufig finden sich Stiche von oben nach unten überwiegend an Kopf, Schulter, Oberkörper oder Oberschenkel; Stiche von unten nach oben dagegen in der Bauch- und Leistenregion (Eisenmenger 2004).

4 Zusammenfassung

4.1 Können aus den Maßen eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen der Dolche gezogen werden?

Es ist manchmal möglich, von der Form der Stichverletzung auf die Anzahl der Klingen (hier: auf einer oder beiden Seiten geschliffen) eines Messers zu schließen. Sind Stichkanal und Verletzungen aber nicht hinreichend deutlich ausgeprägt, so kann nicht festgelegt werden, ob das Messer zweischneidig oder einschneidig war. Es kommen allerdings auch drei Klingen vor (Kiehne 1965).

Es gibt viele Einflüsse auf die Maße (Länge, Breite, Tiefe) eines Stichkanals nehmen. Zu diesen Faktoren zählen u.a. der Verlauf der Spaltbarkeitslinien am Einstichort, die Form des Werkzeuges, eine Änderung der Klingenachse während des Zustechens, Bewegungen der Körper von Opfer und/oder Täter, mehrfaches (Zu-)Stechen an einer Stelle, die Kombination aus Stechen und Schneiden bei der Stichausführung, der Spannungs- und Entspannungszustand der Haut/des Gewebes zu Lebzeiten und in totem Zustand sowie die Fähigkeit der Haut, sich zusammendrücken zu lassen und zu entspannen (Rückzugsfähigkeit).

Wunden durch einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten (die aber keine Schneiden sind), können Stichen von mehrschneidigen Stichwerkzeugen zu sehr ähneln. Dann ist nicht zu unterscheiden, welches Werkzeug mit wie vielen Klingen die Stichverletzung erzeugt hat.

Literatur

siehe .pdf


Comic Festival München: U-Comix Reloaded (2025)

...mit Dave Gibbons (Watchmen) & Denis Kitchen sowie Olivia Vieweg und Kinky Karrot (Marie Sann) 

Ich bin mal wieder am U-Comix-Stand ✍🏻 Wie beim letzten Mal gibt's Geschenke (garantiert: aussortierte Comics von mir; vermutlich: Poster von Steff Murschetz mit mir) und natürlich die Gäng der U-Comix zu bestaunen 🎨 sowie sehr wahrscheinlich ein druckfrisches, neues U-Comix-Heft 😍

Comic-Messe in München 2026 mit Dave Gibbons (Watchmen) & Denis Kitchen sowie Olivia Vieweg, Denis Kitchen, Dave Gibbons (Watchmen), der mit ein Hand-Tattoo verpasste (Ines hat es nachgestochen), Ulrich Schroder, dem fantastischen Team der U-Comix und jede Menge toller Menschen und Verlage

Dr. Made-Comic (Dahli)

Dreckecken Kölner OB-Kandidat mit irrer Idee: „Das lässt sich doch verticken“

Quelle: Express, 23. Mai 2025, 09:49 Uhr

Wie will die Politik das Kölner Müllproblem in den Griff bekommen? Nachdem sich die Kölner OB-Kandidaten von SPD und CDU bereits geäußert haben, wird es nun etwas kurioser.

von Matthias Trzeciak  (mt)

Das Müll-Problem in Köln ist ein Dauerthema. Seit Wochen schicken EXPRESS.de-Leser und -Leserinnen Fotos von Dreckecken in Köln.

Am 14. September 2025 wird in Köln ein neuer Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin gewählt. Wie will die Politik das Kölner Dauer-Ärgernis MÜLL in den Griff bekommen? EXPRESS.de hat bei den Parteien nachgefragt.

Kriminalbiologe tritt als Kölner OB-Kandidat an

Mit drei Fragen haben wir die Parteien/Kandidaten oder Kandidatinnen konfrontiert. In mehreren Folgen werden die Antworten hier veröffentlichen.

Den Anfang machten Torsten Burmester (62), OB-Kandidat der SPD, und der CDU-Kandidat Markus Greitemann (64). Im dritten Teil wird es etwas kurioser. Denn nun kommt der bekannte Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke zu Wort. Er wird als OB-Kandidat für die Satireparte „Die PARTEI“ ins Rennen gehen. Ganz ernst zu nehmen sind seine Antworten allerdings nicht.

Wie bekommt man das Müllproblem in Köln in den Griff?

Dr. Mark Benecke: „Die Bürgerinnen und Bürger sollen selbst sammeln. Am Ebertplatz haben wir neulich bei einer großen Sammelaktion jede Menge Kokain und 'ne Prothese gefunden. Das lässt sich doch verticken – und ich setze es dann für den Rückbau der Oper in ihren Grundzustand ein.“

Welche Schritte/Maßnahmen würden Sie einleiten, um die Stadt sauberer zu machen?

Dr. Mark Benecke: „Eine Sammelstelle für die ganzen Fundstücke vom Müllsammeln, die alles von einem Ort aus verkauft. Spart Zeit und Personal.“

Provokant gefragt: Ist Köln die dreckigste Stadt Deutschlands?

Dr. Mark Benecke: „Politisch schon. Ab Herbst ändere ich das als Oberbürgermeister aber. Ich gieße einfach über alles Glitzer.“

http://obmarky.koeln 

Plant Based Treaty 🪴

14. November 2021

Wir freuen uns, dass wir Dr. Mark Benecke @markito_benecke als Unterstützer für das Abkommen 'Plant Based Treaty' @plantbasedtreaty gewinnen konnten.

Das @climatesavemovement versucht mit dem #plantbasedtreaty Druck auf die Regierungen dieser Welt aufzubauen ein internationales Abkommen zu schließen, welches folgende Eckpunkte enthält:

1.) Keine Ausweitung der Tierindustrie. Keine neuen Schlachthäuser, Mastanlagen oder Naturzerstörung für die Tierindustrie.

2.) Aktive Transformation des Agrar- und Ernährungssektors hin zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem

3.) Renaturierung und Wiederaufforstung frei werdender Flächen um den Klimawandel und das Artensterben zu verlangsamen.

Auch DU kannst den Plant Based Treaty unterstützen. Als Einzelperson, Organisation, Unternehmen oder Kommune 🌎 ❤️ 🌱

Warum vegan?

Quelle: Das V-Heft – Tierisch gute Gründe für eine vegane Lebensweise, Animal Rights Watch e.V., Ausgabe 2025, 48 Seiten

Warum vegan?

Foto: Tomas Rodriguez

Tiere zu verwenden ist weder notwendig noch sinnvoll – egal ob es um Schweine, Hühner oder Heuschrecken geht. Pflanzliche Ernährung ist für die Umwelt, aber auch wirtschaftlich und gesundheitlich für Menschen am besten.”

Foto: Tomas Rodriguez

Morden im Verborgenen: Der stille Serienkiller im Krankenhaus — "Todes-Engel"

Quelle: web.de

Pflege und Palliativmedizin

Von Maria Berentzen

Ein Berliner Palliativarzt steht im Verdacht, mindestens 15 Menschen getötet zu haben. Das ist kein Einzelfall. Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt, was sogenannte Todesengel antreibt – und warum sie oft lange unentdeckt bleiben.

In Berlin ist ein Palliativarzt angeklagt, der mindestens 15 Menschen getötet haben soll. In weiteren 75 Fällen wird gegen ihn ermittelt. Der 40-Jährige soll seine Patienten getötet haben, während er für das Palliativ-Team eines Pflegedienstes arbeitete. Um die Taten zu vertuschen, legte er mehrere Brände, die schließlich zu den Ermittlungen gegen ihn führten.

Das ist kein Einzelfall: Immer wieder geraten Pflegekräfte oder Ärzte unter Verdacht, sogenannte Todesengel zu sein, die ihre Patienten absichtlich töten. Häufig geschieht das an Orten, an denen das Sterben gewissermaßen zum Alltag gehört, etwa in Kliniken, Pflegeheimen und Hospizen.

Einer der bekanntesten Fälle in Deutschland ist der des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel. Er tötete nachweislich mindestens 80 Menschen. Er beging diese Taten in verschiedenen Kliniken und über Jahre hinweg – bis gegen ihn ermittelt und er verurteilt wurde.

Was treibt solche Täter an? Und warum bleiben sie so lange unentdeckt? Der Kriminalbiologe und Forensiker Dr. Mark Benecke kennt die Motive hinter solchen Taten: Er hat mit mehreren Serienmördern und Todesengeln gesprochen und dabei bestimmte Muster erkannt.

"Viele von ihnen haben ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Aufregung – und wollen ein Teil davon sein", sagt Benecke. "Genau wie bei Brandstifterinnen und Brandstiftern, die das Feuer betrachten. Einige Täter bringen ihre Patienten absichtlich in Gefahr – nur um sie dann selbst wiederzubeleben, so etwa Niels Högel."

Dabei handelt es sich um ein makabres Spiel mit dem Tod, bei dem der Ausgang oft zweitrangig ist. Wichtig ist die Aufregung: Maschinen piepsen, das Personal rennt, es gibt hektische Wiederbelebungsversuche. "In diesen Momenten spüren die Täter die Aufregung", sagt der Forensiker.

Doch nicht immer geht es um Aufmerksamkeit: Hinter vielen Taten steckt auch ein Bedürfnis nach Macht und Kontrolle. "Die Täter oder Täterinnen entscheiden, wer stirbt – und wann", sagt Benecke. "Sie ziehen ihre Energie daraus oder füllen ihre innere Leere damit, dass sie anderen Menschen das Leben rauben."

Manche Täter sind zudem überzeugt davon, dass das Leben ihrer Opfer nichts mehr wert sei – und nutzen die Situation aus. "Ich habe Fälle erlebt, in denen sehr alte, schwerkranke Menschen geheiratet und dann getötet wurden, um ans Erbe zu kommen", sagt Benecke. Andere bestehlen ihre Opfer, bevor sie sie töten.

Wie Todesengel töten, unterscheidet sich von Fall zu Fall – und es sagt viel über ihre Persönlichkeit aus. "Die Vorgehensweise hängt stark von den Fantasien des Täters oder der Täterin ab", sagt Benecke. Manche suchen die große Bühne, wenn etwa im Krankenhaus der Alarm schrillt und Wiederbelebungsversuche starten. Andere dagegen töten Patienten still in ihrem Zuhause.

Auch die Mittel sind vielfältig, etwa Gifte, Medikamente und Betäubungsmittel. "Es gibt unzählige Möglichkeiten, Menschen in medizinischen Einrichtungen zu schwächen oder zu töten", sagt der Forensiker. Oft spiele der Zufall eine Rolle – oder das, was Täter zuvor gesehen, erlebt oder sich ausgemalt haben. "Eine Frau erzählte mir zum Beispiel, dass sie ihre Opfer mit Medikamenten vergiftet hat, die unter anderem Erbrechen auslösen. Die Spuren störten sie nicht." Ihre Opfer waren sehr alt, deshalb waren nach deren Ableben keine polizeilichen Ermittlungen zu befürchten.

Beängstigend ist: Viele Täter werden wohl niemals enttarnt. "Wenn jemand nur gelegentlich tötet, fällt das kaum auf", sagt Benecke. Das betrifft vor allem Bereiche und Abteilungen, in denen viele Menschen sterben, etwa in der Palliativmedizin. "Dort ist der Tod alltäglich, was die Aufdeckung erschwert."

Mathematische Analysen könnten helfen, den Tätern auf die Schliche zu kommen. So könnte man prüfen, wann welche Menschen wo und in welcher Zahl sterben – um dann Auffälligkeiten zu untersuchen. Doch solche Methoden scheitern häufig, wegen Bedenken beim Datenschutz, aus mangelnder Vorstellungskraft – oder auch aus der Angst vor dem, was man finden könnte. "Viele Einrichtungen halten es schlicht nicht für möglich, dass das eigene Personal zu so etwas fähig ist", sagt Benecke. "Überwachung wird als übergriffig empfunden."

Gelegentlich gibt es jedoch Hinweise, makabre Spitznamen zum Beispiel, wenn Pfleger in ihrer Einrichtung als "Todespfleger" bezeichnet werden, weil in ihren Schichten auffällig viele Personen sterben. Doch oft geschieht dem Forensiker zufolge auch dann nichts, sondern die Betroffenen bekommen gute Zeugnisse und werden regelrecht weggelobt – und können ihre Taten dann woanders fortsetzen. "Krankenhäuser und Pflegeheime haben kein Interesse daran, dass Untersuchungen zu Todesfällen sie in ein schlechtes Licht rücken."

So erhielt auch der Pfleger Niels Högel ein sehr gutes Arbeitszeugnis und konnte seine Mordserie zunächst unbehelligt in einer anderen Klinik fortsetzen. "Die Arbeitszeugnisse in Deutschland sind oft kaum aussagekräftig", sagt Benecke. "Niemand will einen Rechtsstreit riskieren. Also wird gelobt und nicht gewarnt."

Und selbst wenn Verdachtsmomente bestehen, schweigen die Einrichtungen meist, wenn sie zum Beispiel von einem potentiell neuen Arbeitgeber zu einer weggelobten Pflegekraft oder einem Arzt kontaktiert werden. "Kaum ein Krankenhaus würde zugeben, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Verdacht stand oder einen entsprechenden Spitznamen hatte", sagt Benecke. "Das würde sofort rechtliche Folgen nach sich ziehen – mindestens wegen Beleidigung, oft auch wegen anderer Straftatbestände."

Die Letzte Generation im Knast: Karl 🥦 (Teil 9)

»Nach fünf Monaten Gefängnis wird der 69-jährige Klimaaktivist Karl Braig am 15. Mai 2025 gegen 07:30 aus der JVA Kempten entlassen.  

Am 16. Dezember 2025 trat Braig als erster Unterstützer der ehemals Letzten Generation eine Haftstrafe in Folge zweier Straßenblockaden in Bayern an. Das Amtsgericht Passau hatte den zweifachen Vater und Rentner für in beiden Fällen kurze Unterbrechungen des Autoverkehrs zu 5 Monaten Haft wegen Nötigung verurteilt, ausgesetzt auf Bewährung.

"Klimanotstand mit all seinen Konsequenzen kann nicht weggesperrt werden. 5 Monate Freiheitsentzug hat mich nicht überzeugt, vom Protest und Widerstand gegen ein zerstörendes System, das so viel Leid für die Menschen und für die Natur verursacht, abzulassen. 'Diese Wirtschaft tötet', sagte der verstorbene Papst. Wir sollten erkennen, dass wir Menschen ein Teil der Natur sind und mit ihr Frieden schließen. Dafür brauchen wir ein fürsorgliches und gemeinwohlorientiertes Wirtschaftssystem. Soziale Gerechtigkeit schreit danach, die reichen Mitbürger*innen einzubinden in das demokratische Miteinander. Protest, Widerstand gegen die Zerstörung und Beteiligung an der Entwicklung von Lösungen sind für mich Teil des Menschseins."

Braig entschied sich dagegen, die 500 Euro Bewährungsauflage zu zahlen: Er habe sich sein Leben lang auf unterschiedlichen Wegen für Umweltschutz und Klimagerechtigkeit eingesetzt, saß dafür unter anderem im Zuge der Anti-Atom-Proteste der 80er Jahre im Gefängnis. Für dieses uneigennützige politische Engagement erneut inhaftiert zu werden, nahm er hin. In Deutschland ist er damit einer der ersten Klimaaktivisten der letzten Jahre, der eine rechtskräftige Haftstrafe antreten musste.

Karl Braig ernährt sich seit über 20 Jahren vegan. In der JVA Kempten wurde ihm keine vegane Ernährung ermöglicht. Durch die radikale und plötzliche Ernährungsumstellung litt er unter starken körperlichen Beschwerden. Auch litt einhergehend die psychische Gesundheit.

Auf einen Antrag auf veganes Essen an die Anstaltsleitung hin kam die Rückmeldung, dass dies nicht möglich sei. Lediglich konnten beim persönlichen Einkauf wenige Dinge wie Müsli und Reismilch gekauft werden. Das Hinzuziehen des Anstaltsarztes ermöglichte am Abend eine kleine Sonderration Obst.

Daraufhin wurde in Absprache von Braig bei der Amtsleitung Beschwerde (Art. 115 BaySt VollzG) eingelegt. Nachdem dem dieser nicht nachgekommen wurde, wurde beim Landgericht Kempten beantragt, über den Sachverhalt zu entscheiden (§109 StVollzG). Auch das Landgericht ist der Beschwerde nicht nachgekommen, weswegen beim Oberlandesgericht (OLG) Bayern Rechtsbeschwerde (§116 StVollzG) eingelegt wurde. Es gibt zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Entscheidung des OLGs. Sollte auch das OLG der Beschwerde nicht nachkommen, besteht noch die Möglichkeit eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht einzureichen. In Folge einer Klage aus der Schweiz stellte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fest, dass vegane Ernährung ein Menschenrecht sei und auch im Gefängnis ermöglicht werden müsse.

Mit diesem Verfahren wollten wir damit nicht nur Karl eine angemessene Ernährung ermöglichen, sondern auch alle zukünftig in Bayern Inhaftieren dabei unterstützen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine ausgewogene, vegane Ernährung im Strafvollzug einzufordern.« 

Letzte Generation – Teil 1

Letzte Generation – Teil 2

Letzte Generation – Teil 3

Letzte Generation – Teil 4

Letzte Generation – Teil 5

Letzte Generation – Teil 6

Letzte Generation – Teil 7

Letzte Generation – Teil 8

Letzte Generation – Teil 10

Experteninterview: Felix Altenbach

Datum: 11. März 2008
Uhrzeit: 18.30 bis 19.00 Uhr
Ort: Aula am Aasee, Münster
Beteiligte Personen:

Dr. Mark Benecke Kriminalbiologe, Köln
Daniela Eschkotte Redakteurin Antenne Münster, Münster
Felix Altenbach Schüler der Ludgerusschule Münster-Hiltrup, Klasse 4a
Marcel Sablotny Lehramtsstudent im Forder-Förder-Projekt zur Begabtenförderung im Drehtürmodell (Praktikum ICBF, VVWU Münster, Ludgerusschule)

Experteninterview, durchgeführt im Rahmen des Forder-Förder-Projektes
Wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. Christian Fischer
Internationales Centrum für Begabungsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Schule: Ludgerusschule Münster-Hiltrup
Schulleiterin: Gabriele Langkamp
Stellvertretender Schulleiter: Martin Nielebock
Klassenlehrerinnen: Claudia Sander-Braunert, Maria Kerkmann, Claudia Thies
Projektleiterin: Monika Kaiser-Haas
Studierende: Marcel Sablotny, Daniel Bublitz, Nadine Wrocklage, Andreas Micke, Antje Depping

Von Felix Altenbach

Frage: Wie viel Prozent der Kriminalfälle können durch solche Untersuchungen endgültig geklärt werden?

Antwort: Endgültig ... , na ja, was endgültig ist, entscheidet der Richter. Ich würd' mal sagen, durch genetische Fingerabdrücke kannst Du viel mehr Fälle als früher sehr schnell lösen.

Und insgesamt?

Durch alle forensischen und kriminalbiologischen Untersuchungen? So viel man weiß, bei Tötungsdelikten, also bei Mord und Totschlag und so werden dadurch angeblich 95 % der Fälle gelöst. Aber wir wissen ja gar nicht, wie viele Fälle wir gar nicht erst entdecken; das heißt, die sogenannte Dunkelziffer. Wir glauben, dass wir 95 % der Fälle lösen, aber in Wirklichkeit sind es viel weniger, weil wir nicht die anderen Fälle haben.

Kann es sein, dass es dann nur 50 % der Fälle sind?

Ja, könnte sein. Aber ich glaub', es sind nicht ganz so viele, weil manchmal entdeckt man ja zufällig ein Verbrechen und dann stellt man fest, dass da nur irgendetwas Bestimmtes übersehen wurde. Aber es kann sein. Ich halt's nicht für sehr wahrscheinlich, aber möglich ist es, ja.

Was ist eine forensische Untersuchung?

Forensische Untersuchung ist alles, was man vor Gericht macht. Es gab früher bei den Griechen ein Scherbengericht. Da haben sich alle Leute auf den Marktplatz gestellt und da wurde dann eine Gerichtsverhandlung gemacht. Auf dem Forum, dem Marktplatz. In foro = vor der Öffentlichkeit. Und dann haben die in die Scherben geritzt, ob sie geglaubt haben, ob derjenige schuldig ist oder nicht. Also Gerichtsverhandlungen sind theoretisch öffentlich, also wenn man nicht arbeiten müsste - die meisten müssen zwar arbeiten - und Zeit hätte, könnte man dahin gehen. Gut.

Jede Untersuchung, die einen Sachbeweis darstellt, ist dann forensisch. Das heißt, wenn ein Arzt zum Beispiel sagt, diese Verletzung kommt von einem Messer, dann ist das forensisch. Oder wenn ein Giftkundler sagt, man kriegt nur ein blaue Zunge von dem und dem Gift. Oder ich als Kriminalbiologe sage zum Beispiel, das Tier da lebt normalerweise nur in einem Mangofeld. Jetzt haben wir die Leiche aber im Wasser gefunden, da wachsen aber keine Mangos. So was. Also alles, was Expertenwissen darstellt.

Es gibt auch andere Fälle, wie ein Techniker. Oder hier, Tätowierer. Mein Tätowierer war mal ein forensischer Tätowierer, weil er vor Gericht sagen musste, wie schlecht das Tattoo von dem Mann ist, der gesagt hat: Mein Tattoo ist so schlecht, ich will jetzt Schmerzensgeld oder so was dafür. Oder Du, Du hast ja Lehrer. Dann könnte man Dich als Experten befragen und sagen: Findest Du, dass Deine Lehrer nett sind oder nicht nett sind, oder, ob die was können oder nicht können. Dann bist du auch ein Experte, nicht forensisch, aber Experte bist Du dann.

Gibt es eigentlich viele Lehrlinge in Ihrem Beruf, also Menschen, die das lernen?

Ja, wir haben ganz viele Studenten. Ja, wir machen auf der ganzen Welt Kurse und dann sind das Studenten. Übrigens, das mit dem "Lehrling" ist auch eine gute Frage. Wir sagen auch, das ist wie ,Lehrlingsein' und später, wenn Du das ein bisschen kannst, ist das wie beim Gesellen im Handwerk. Und wenn Du das richtig lange machst, bist Du ein Meister, wie zum Beispiel ein Bäckermeister oder ein Fliesenlegermeister oder so was. Da muss man es aber länger machen und mehr Erfahrung haben.

Welche Methoden zur Aufklärung eines Verbrechens sind in letzter Zeit neu hinzugekommen?

Also 1985 - was für mich eine kurze Zeit und für Dich 'ne lange Zeit ist - sind die genetischen Fingerabdrücke erfunden worden. Das war eine sehr neue Methode. Und jetzt, in allerneuester Zeit gibt's noch so Spezialmethoden, wo alles viel schneller geht. Das, was sonst ein Mensch machen musste und ganz lange dauerte, machen jetzt Roboter. Das geht schneller, denn da kann man Tag und Nacht die Maschinen laufen lassen, sogenannte Hochdurchsatzgeräte zur DNA-Typisierung.

Und was auch noch besser geworden ist, sind die Gifte. Früher musste man alle Gifte einzeln untersuchen. Zum Beispiel, wenn man eine Gewebeprobe aus einem Muskel oder vom Urin einer Leiche oder von einem lebenden Menschen hatte, dann musstest Du alles einzeln machen. Jetzt können die Maschinen das alles gleichzeitig machen. Das geht dann 1000 oder 5000 mal schneller als vorher.

Warum wird die DNA in Streifen gedruckt und nicht, wie sie wirklich ist?

Weil das nicht geht. Also, das ist eine gute Frage. Ne bessere Frage als von der Frau ...

Die hat ja keine Ahnung.

Ja, genau! Weil die DNA, wenn sie wirklich ist, ist sie ein langer Faden. Also, das ist so ein 2 Meter langer Faden in jeder Zelle. Da kannst Du nicht die Unterschiede sehen. Wenn ich zum Beispiel aus Deinen Zellen die DNA herausziehe und aus meinen Zellen die DNA herausziehe, dann sehen die gleich aus. Man muss das ganz ganz stark vergrößern, um die Unterschiede zu sehen. Und deswegen nimmt man diese Balken und die sind bei Dir, bei einer Frau und bei mir verschieden groß. Deswegen muss man das so machen.

Wie lange werden die Untersuchungsergebnisse aufbewahrt und wo?

Bei DNA? Auch sehr gute Frage! Alles gute Fragen.

Nein überall.

Von den genetischen Fingerabdrücken?

Alle Untersuchungsergebnisse.

Also, es kommt darauf an, die Gerichtsmediziner bewahren das, glaube ich, so 10 bis 20 Jahre auf in so Papierordner. Und die Polizei, da hängt's davon ab, was es für ein Verbrechen war. Zum Beispiel Mord: da bewahren die das so 50 Jahre oder so auf, aber beispielsweise bei Verkehrsunfällen dann nicht so lange. Wir bewahren die auch so mindestens 10 bis 20 Jahre auf. Bei genetischen Fingerabdrücken kommt's darauf an, ob die Person etwas getan hat oder nicht. Wenn die Person nix getan hat, müssen die Daten sofort gelöscht werden.

Mit welchen Mitteln wird die DNA in kleinere Stücke geschnitten?

Also, Du musst heutzutage die DNA gar nicht mehr zerschneiden. Man hat sie früher mit so ganz kleinen Teilen wie Scheren zerschnitten. Aber das war keine Schere aus Metall, sondern ist ein Molekül, so wie eins aus Deiner Haut, Deinem Blut oder Deinen Haaren. Das ist eine biologische Substanz, die ist so klein, dass sie eine ganz ganz kleine Schere ist und dann kann die den Faden, der ja - wie gesagt 2 m lang in jeder Zelle ist zerschneiden, weil sie dann bestimmte Stellen erkennt. Eine Schere, also wenn Du zu Hause eine Schere hast, die kann das dann nicht. Die weiß ja nicht, wo sie schneiden muss. Die schneidet ja nur da, wo Du sie hinhältst.

Aber diese biologischen Moleküle die können das besser, die wissen das. Die schneiden nur da. So, als ob die Schere wissen würde, wo man den Faden durchschneiden möchte. Und das macht man dann so. Das sieht aus wie ein Röhrchen, ein ganz kleines Röhrchen. Und Du hast ein Gefäß, das ist ungefähr so groß wie Deine Fingerkuppe und mit dem kleinen Röhrchen kannst Du es da reintropfen. Und dann erkennt es das und zerschneidet es an den Stellen. Aber heutzutage braucht's man nicht mehr.

Weil heute macht man es so, dass man die Stellen, die man haben will, die schneidet man nicht mehr aus, sondern die kopiert man mit einem anderen Molekül. Also statt des Rausschneidens nimmt das Molekül nur noch diese Stellen und kopiert sie einfach. Das ist wie beim Kopieren. Du hast ein Buch mit 500 Seiten, legst es darauf und dann wird immer nur diese eine Seite kopiert.

Diese Schere kann also ganz viel. Dann müsste es doch möglich sein, die DNA so zu anzuzeigen. wie sie wirklich aussieht?

Ja, das geht auch. Ich verstehe. Du kannst sie, wenn Du willst mit einem ziemlich teuren Gerät sehen. Die DNA besteht ja aus vier einzelnen Teilen und die kann man auch darstellen. Da hast Du recht, das würde gehen. Aber ist ein bisschen teuer, kann man aber machen. Aber der Unterschied ist das Sehen. Wenn ich Dich von da hinten aus sehe, dann kann ich die Deine Brille sehen, aber nicht, welche Farbe sie hat. Gesehen hab ich Dich aber trotzdem. Oder, wenn ich ganz nahe dran gehe, dann kann ich die Farbe Deiner Brille auch nicht sehen, weil ich nur die Farbe Deiner Wimpern sehe. Man muss den richtigen Abstand finden.

Also man könnte die DNA schon sichtbar machen, aber meistens ist das eine sinnlose Information. Etwa so: wenn die Frau da mich fragen würde, welche Farbe hat denn die Brille. Wenn ich hinten stehe, bin ich zu weit weg, wenn ich ganz nahe stehe, kann ich die Brille auch nicht sehen. Sehe ich nur die Wimpern, dann stehe ich zu nahe dran. Haste Recht! Wenn man den Abstand richtig einstellt, dann könnte man die DNA sichtbar machen. Okay!

Die Flatterhaftigkeit des Seins

Quelle: museen.köln – Das Magazin, Ausgabe 1/2025, Seiten 60 bis 63

Text: Mark Benecke | Illustrationen: Kat Menschik

Hier gibt es das gesamte Heft mit dem Artikel

Manche stören sich am krähenden Gesang der kölschen Sittiche. Ich hingegen liebe sie, wie sie sind. Abends fahre ich sie mit meinem Klapprad am Rheinufer besuchen, wenn sie lustig schaukelnd in den Bäumen zwischen Heumarkt und Dom ihr Nachtlager beziehen. Bei Tageslicht sind sie: unfütterbar, pfeilschnell, an Menschen nicht die Bohne interessiert. Sie machen ihr Ding. Auch eine Haltung.

Die Rede ist von Alexandersittichen, die meist in Schwärmen durch Köln rasen. Laut und lebenslustig wie diese bekloppte Stadt. Schon im 14. Jahrhundert zitiert der Weltgeistliche Konrad von Megenberg seinerseits Aristoteles in seinem »Buch der Natur« mit der Feststellung, »dass der Alexandersittich gerne Wein trinke und ein sehr unkeuscher Vogel« sei. »Der Wein«, so erklärt der Priester dazu, »ist die Ursache der Unkeuschheit, Aristoteles sagt, dass der Vogel, wenn er vom Wein trunken ist, gerne Jungfrauen ansehe und sich an ihrem Anblick erfreue.« Ein echt kölscher Charakter, dieser Sittich. Und da sich niemand einen Vogel zu Hause halten sollte, halten wir sie uns alle schön gemeinsam – in unserem Veedel, in den öffentlichen Parks.

Ursprünglich lebten die grünen Edelpapageien in Afrika, Indien und Asien. Halsbandsittiche und Alexandersittiche, die ich hier wegen ihrer nahen Verwandtschaft zusammenwerfe, waren dort schon lange in Käfigen gehalten worden. »Es gibt zahlreiche literarische und Bildbelege aus der Antike und aus dem byzantinischen Einflussgebiet«, berichtet mein tierkundlicher Kollege Ragnar Kinzelbach von der Uni Rostock. »Seit dem Feldzug Alexanders des Großen vom Frühjahr 334 bis März 324 vor unserer Zeitrechnung kamen Halsbandsittiche aus dem nördlichen Indien und dem Sudan vor allem nach Alexandria und Rom. Im Mittelalter tauchte der Halsbandsittich regelmäßig als ›der Papagei‹ in Büchern über alle möglichen interessanten Wesen auf.«

Verarbeitete Halsbandsittichhäute wurden als Kopfschmuck getragen, und es galt als schick, sich wie der Vogel zu nennen: Man hieß dann offiziell »Sittich« und verwendete sein Bild in Wappenbildern. Auch ich nutze ein solches Wappenbild mit Alexandersittich als jahreszeitlich wechselnden Anhang unter E-Mails: Mal sitzt mein Sittich auf einem beschneiten, mal auf einem erblühten Birnbaum mit Früchten. Die Liebe zum als Haustier gehaltenen Halsbandsittich währte bis ins 16. Jahrhundert. »Danach«, so Kollege Kinzelbach, »traten nach der Einfuhr amerikanischer Papageien durch Kolumbus auch alle anderen jeweils verfügbaren Papageienarten auf Altarbildern, besonders zusammen mit dem Jesuskind, auf.« Zur zeitlichen Einordnung: Die heute bekannten Wellensittiche kamen erst 300 Jahre später, Mitte des 19. Jahrhunderts, nach Deutschland. Alexandersittiche, die heute zu Tausenden frei im Rheinland leben, sind also die ursprünglichen und eigentlichen »bunten Vögel«. Die knallbunten Ara-Papageien, wie wir sie noch in meiner Kindheit auf der Schulter von Piraten und Seebären im Comic kannten, erschienen erst später.

In Köln wurden freilebende Alexandersittiche erstmals Ende der 1960er Jahre gesichtet. Sie tauchten nahe und auf dem Gelände des Zoologischen Gartens auf. »Ein neuseeländischer Pfleger«, fand meine Kollegin Ulrike Ernst in den 1990er Jahren heraus, »hatte 1967 sechs Alexandersittiche gezähmt und im Kölner Zoo frei fliegen lassen. Sie kehrten nur zur Fütterung in den offenen Käfig zurück.« Bis dahin hatte die Besiedlung Kölns durch den Alexandersittich ziemliche Umwege genommen. Die ersten Tiere waren zwischen 1901 und 1908 aus dem Zoo von Gizeh in Ägypten geflohen. Sie kamen dann aber nicht vom heißen Süden her ins warme Rheinland, sondern wanderten aus dem Norden hier ein. Vermutlich hatten Seeleute die grasgrünen Gesellen als Souvenir aus der tropischen Ferne in englische Hafenstädte mitgebracht. Das passt mit der Verbreitung der Alexandersittiche in Europa zusammen – die nämlich zunächst an britischen Küstenstreifen siedelten. Weitere Gruppen hatten derweil schon nach Belgien und in die Niederlande rübergemacht. 1975 sah und hörte man sie dann lautstark erstmals im rheinischen Brühl im Schlosspark. Wie schon erwähnt, sind die Tiere ohrenbetäubend laut.. Aber ich liebe ihr fröhliches Schreien schon allein deshalb, weil es der Sound meiner Heimat Köln ist. Heute gelten Alexandersittiche in Europa als typische Stadtbewohner. In Düsseldorf heißen sie nach der schnieken und baumbestandenen Königsallee, wo sie tagsüber oft anzutreffen sind, »Kö-Papageien«. In Köln lebten sie in den 2010er Jahren in der Südstadt im Trude-Herr-Park, benannt nach der in Köln geborenen Volksschauspielerin, die um die Ecke des Parkes ihr eigenes Theater betrieb. Ich war bei Trude Herrs Trauerfeier in ihrem ehemaligen Theater, das heute ein Kino ist: Die Anwesenheit der wilden Vögel dort hätte ihr, die selber einer war, sicher gefallen.

Wie die meisten Kölner*innen verschwenden Alexandersittiche alles Mögliche, besonders ihr Futter. Das passt schon wieder, denn im katholisch gefärbten, rheinischen Karneval werfen die an den Umzügen (»Zööch«) teilnehmenden Jecken tonnenweise Süßigkeiten in die Menge. Schokolade, Bonbons, früher sogar das Duftwasser 4711. Mehr Verschwendung geht nicht.

Die Freude am Verschenken teilen Kölner*innen wirklich mit den Sittichen. Besonders, wenn die grünen Vögel verliebt sind, schenken sie sich gegenseitig Futter. Während das Füttern von Partner*innen auch bei menschlichen Tieren verbreitet ist – man denke nur an die aussterbende, bei Älteren aber noch weit verbreitete Sitte, dass Männer im Restaurant möglichst die Rechnung zahlen wollen und sollen –, geht die Nahrungsmittelverteilung bei den Sittichen deutlich weiter. Sie verstreuen die Nahrung nämlich auch in der Gegend. Weshalb die Fachliteratur Alexandersittiche als »Schlemmer und Schlamper« beschreibt.

Das finde ich lustig. Denn Alexandersittiche haben sich ausgerechnet entlang des römischen Straßennetzes verteilt, wo schmausende Lebenslust ihre Blüte erlebte. Krüge mit Fischsauce, der damaligen Entsprechung unseres heutigen Ketchups (»passt zu allem«), gelangten deswegen hunderttausendfach an den Rhein. »Schiffsladungsweise wurden die Delikatessen in Amphoren angelandet«, so das Römisch-Germanische Museum. »Die Tonbehälter, die man als antike Einwegverpackungen bezeichnen kann, wurden später zerschlagen und entsorgt. Wein kam aus Kleinasien, Griechenland und Südfrankreich, Olivenöl bezog man aus Südspanien, Portugal und Tunesien, und Garum, die beliebte salzige Fischsauce, wurde aus Spanien, Portugal und Süditalien beschafft.« Die sogenannte appische Straße der Römer*innen führte in ihren Verlängerungen aus Italien über Rom und Innsbruck (Veldidena) auch nach Wiesbaden (Aquae Mattiacorum), Köln (Colonia Agrippina) und London (Lundinium). Allsamt Orte, an denen heute Sittiche vergnügt leben.

Ob die identischen Verbreitungslinien der verschwenderischen Vögel, Römer*innen Zufall sind oder nicht – das können Sie gerne selbst entscheiden. Mir gefällt die Idee. Schließlich bin ich von Herzen Kölner und halte es mit der Lebenslust der Sittiche.

Facharbeit: Ein Vergleich von Körperflüssigkeiten und -geweben mit entomologischen Untersuchungsmaterialien in der chemisch-toxikologischen Analyse

Facharbeit von Margarethe Ellke (klick für das .pdf)

Gymnasium Luisenstift Radebeul
Klasse: 10/1 
Betreuender Lehrer: Herr Reichel 
Fach: Biologie 
Abgabetermin: 03.03.2025 

Interview mit Dr. Mark Benecke

M. Ellke: Ich habe ein paar allgemeine Fragen und auch ein paar, die spezifisch zu meiner Facharbeit sind. Ein Entomologe wird ja jetzt nicht zu jedem Tatort gerufen, denn es gibt ja auch nur ganz wenige in Deutschland. Wann ist denn so ein spezifischer Fall, wo ein Ento-mologe gerufen wird? 

Dr. Benecke: Ein Entomologe wird gerufen, wenn die Polizei oder die Staatsanwaltschaft das gerade für gut hält. Das kann sein, weil die dich kennen und halt wissen, dass das eine Technik ist, die verfügbar ist. Oder weil sie es grade cool finden und mal sehen wollen, ob es was nützt. Also mehr so als Test. Oder weil gerade z. B. im Landeskriminalamt eine solche Abteilung eingerichtet werden soll und da wollen die sich das mal angucken. Einfach, um zu schauen, wie das funktioniert. Oder weil es in den USA gemacht wird z. B, wenn die eine Seite jemanden hat, der das macht und dann will die andere Seite das selber auch machen, um ein Gegengutachten zu haben. Das gibt es in Deutschland ja nicht. Also, das kann viele Gründe haben. Oder weil die Zusammenarbeit sowieso schon vorher besteht, bspw. weil in der Rechtsmedizin einer dabei war, der die ganze Zeit die Insekten eingesammelt hat, dann kennen die sich schon und dann sagen die, ach, wenn du jetzt eh da bist, dann sammele die schnell ein und vielleicht, wenn wir das Gutachten brauchen, kannst du dann später ein Gut-achten machen. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. 

Man tötet dann manche dieser Insekten ab und manche zieht man weiter auf, um die Art zu erkennen. Kann man die Abgetöteten dann zusammenmixen, wenn man sie auf eine toxische Substanz untersuchen will oder untersucht man jede einzelne Art? 

Das Auszüchten brauchst du eigentlich heute nicht mehr machen. Wenn du ein Naturkundemuseum in der Nähe oder selber die Primer dafür hast, um die PCR zu machen, dann kann man das heutzutagee auch genetisch bestimmen. Also ich mach das noch gerne, mir die erwachsenen Tiere anzugucken, weil ich das noch gut kann. Meine Mitarbeiterin auch. Aber ehrlich gesagt, wenn du das jetzt machen wölltest, könntest du das auch genetisch machen. Die Datenbanken sind mittlerweile auch gut. Früher waren in den Datenbanken auch falsch bestimmte Tiere eingespeist. Heute sind die aber richtig bestimmt, da geht das alles. Ich würde auch nie was zusammenschmeißen, nie. Ich würde grundsätzlich, wenn du was getrennt gesammelt hast, es auch getrennt lassen. Sobald du was zusammenschmeißt, verlierst du Informationen. Wo das gesammelt wurde, oben, unten, an den Füßen, hinten, innen, klebend oder krabbelnd, unten am Baum, wo die Leiche hing, in der Hose, in welcher Schicht von den Klamotten, in der Tasche, z. B. bei Schnecken wichtig, nicht bei Insekten. Also, ich würde immer alles getrennt lassen. 

Ich habe die Frage, ob man vorher vielleicht auch schon an dem Verhalten der Insekten sehen könnte, ob die tote Person sich vielleicht vergiftet hat? 

Gute Frage! Aber nein, so hohe Konzentrationen erreichst du normalerweise nicht. Bei Kokain ist es ja z. B. so, da wachsen die Insekten dann verschieden schnell. Da ändert sich die Wachstumsge-schwindigkeit, was man aber natürlich nicht sieht, wenn man da einfach so draufguckt am Fundort. Also, ich denke nein. Höchstens, wenn jetzt jemand irgendwas drübergekippt hat über die Leiche oder sie in irgendwas reingelegt hat, z. B. in eine Tonne mit irgendwelchen Chemikalien, dann schon. Nehmen wir jetzt z. B. mal Insek-tengift. Das ist jetzt zwar total abwegig.

Aber mal angenommen, du hättest jetzt ein super-krasses Insektengift und die Leiche würde in einem Sack gelagert, der durchlässig ist, Kar-toffelsack oder Baumwolle. Und da wären jetzt Bettwanzen drin, die jetzt zufällig da dran sind und dir nur sagen, der Sack lag jetzt in der Nähe von Insektengift, denn dann gehen die Wanzen so ganz komisch, wie auf Stelzen. Die machen dann ihre Beine so ganz grade und dann gehe die auf so langen Beinen, wie sie halt normalerweise überhaupt nicht gehen. So-was würdest du dann sofort sehen. Und das wäre dann ein Insektengift, also auch ein Wanzengift.

Ich erfinde jetzt mal: in einem Hochhaus würdest du den Sack unten im Müllschluckerbereich finden und da würdest du die Wanzen rumstelzen sehen. Jetzt benutzen die da unten aber kein Insektengift, weil die höchstens ein Rattenproblem haben. Aber aus der Wohnung, aus der der Sack kam, hat jemand so was benutzt. Also in solchen Fällen, könnte man das schon mal sehen. Aber Schwermetalle oder normale Medikamente, die wirken jetzt nicht so stark auf die Insekten, dass du denen das sofort ansiehst. Und wenn sie tot sind, die Insekten, weißt du ja nicht, woran sie gestorben sind. Sie könnten ja auch einfach daran gestorben sein, weil jemand den Plastiksack zugezogen hat und alle erstickt sind.

Ja, verständlich. Wenn man die Insekten auf Drogen untersucht, gibt es ja verschiedene Analysemethoden, denen man die Insekten unterziehen kann. Welche wäre die beste Methode? 

Das kannst du frei entscheiden. Wenn du ein Naturmassenabsorptionsspektro-meter hast, würde ich das nehmen. Was es halt nicht immer gibt, ist HPLC und GC-MS. Also Gaschromatographie mit Massenspektrometrie. Das ist so was ähnliches wie ein Naturmassenabsorptionsspektrometer, aber das ist dann da zusammengefasst. Es hängt eigentlich von der Substanz ab. In der kriminalistischen Chemie benutzt man sehr gerne HPLC. Aber es gibt auch andere Verfahren. Also, wir waren mal in einem Labor, das geheime Labor vom Zoll, die haben da die abgefahrensten Geräte stehen gehabt. Wirklich. Das hängt auch ein bisschen davon ab, in welche Richtung du gehen willst. Gifte in Insekten… da werden die Gifte ja wahrscheinlich auch in ziemlich großer Menge vorliegen. Z. B. Haare fressen ja Insekten nicht, da würden sich jetzt Schwermetalle ablagern. Da würdest du kleine Mengen finden. Aber das, was jetzt tatsächlich in die Insekten übergeht, also was du bei einer ver-faulten Leiche in Insekten findest, müsste schon ziemlich hoch konzentriert sein. Da brauchst du jetzt nicht so was ultrafeines. Die Geräte sind heute alle super, ultrafein, aber da brauchst du nicht so was ganz Spezielles. Ich denke, mit solchen Sachen, wie gerade genannt, kommst du auf jeden Fall klar. 

Also kann man z. B. eine Gaschromatographie mit Massenspektrometrie machen? 

Ja, genau. GC-MS. Das steht in jedem Institut für Rechtsmedizin, wenn die eine giftkundliche Abteilung haben. Aber, wie gesagt, HPLC kann auch ganz gut sein. Es hängt wirklich davon ab, welche Menge das ist und welche Stoffgruppe. 

Hängt dann auch die Probenvorbereitung von dem Material ab? Oder von der Methode, die man dann anwendet? 

Nun, ich bin Biologe. Eine Chemikerin oder ein Chemiker wird das jetzt vielleicht anders beantworten. Aber ich würde sagen, ob das jetzt menschliches Material ist oder Insektenmaterial, das spielt nicht so eine große Rolle, denk ich mal. Du könntest jetzt aber einen Spezialfall haben, z. B. ausgetrocknete Puppen in einem archäologischen Umfeld. Wir hatten ja schon 1600 Jahre alte Käferflügel oder so. Da würdest du sicher ganz genau überlegen, welche Vorbereitungsreaktion du machst. Denn da kann es natürlich sein, dass ganz bestimmte Stoffe dann gar nicht mehr nachgewiesen werden können, andere können aber nachgewiesen werden. Da würde man sich dann zusammensetzen. Nehmen wir an, das wäre jetzt ein Kriminalfall, dann würde sich am besten eine Rechtsmedizinerin/ein Rechtsmedi-ziner, eine Chemikerin/ein Chemiker und eine Biologin/ein Biologe zusammensetzen und man würde anfangen zu überlegen. Ich als Biologe würde überlegen, was frisst das Tier überhaupt. Dann wird der Chemiker/die Chemikerin sagen, naja, wenn sich das im Fettgewebe des Insekts ablagert oder im Insektenflügel, wo überhaupt kein Fettgewebe ist, hat das dann bestimmte chemische Eigenschaften. Und der Rechtsmediziner/die Rechtsmedizinerin wird sagen, vor Gericht werden wir aber nach dem oder dem gefragt. … Das wird man zu dritt besprechen. 

Ich versuche ja in meiner Facharbeit, die Aussagekraft der körpereigenen Stoffe und der Insekten in der toxikologischen Analyse zu vergleichen. Ich habe schon herausgefunden, dass sich natürlich körpereigene Stoffe besser eignen, als die Insekten. Auch weil die ja nicht zum Körper gehören. Aber könnte man da durch Forschung noch mehr erreichen oder eher nicht? 

Nehmen wir mal an, du hättest jetzt ein Labor, wo du genau das vergleichen würdest. Dann wäre natürlich die Frage, reichert sich das in Insekten an oder ist das Gegenteil der Fall? Das haben wir auch schon mal gemacht. Da könntest du verschiedene Organe nehmen, z. B. Lebern, wo du dann bei manchen Stoffen viel drin hast oder Abbauprodukte von der Droge und dann ist die Frage a) verstoffwechselt das Insekt das, b) reichert es sich im Insekt überhaupt an oder nicht, c) rutscht das durch das Insekt durch, sodass a) und b) überhaupt gar keine Rolle mehr spielen. Und das könntest du dann für verschiedene Stoffgruppen erforschen und für verschiedene Insekten. Auf jeden Fall! Das ist schon sinnvoll

Wird eigentlich immer – egal bei welchem Material – wenn man auf eine oder mehrere toxische Substanzen untersucht, eine „general unknown Analysis“ durchgeführt oder kann man schon, wenn man einen spezifischen Verdacht hat, gleich zur GC-MS übergehen? 

Beides stimmt. Weder ja noch nein, sondern das ist so ein Zwischending. Du kannst natürlich, z. B. wenn du jetzt Schnelltests machst, den Schnelltest nur auf Opiat, nur Cannabioide, nur Sperma oder was auch immer machen. Das ist klar, das ist die Natur des Schnelltests. Das sind so Equalizer meistens, die funktionieren so ähnlich wie Coronatests oder Schwangerschaftstests. Dann hast du halt eine Farbanzeige oder eben nicht auf diesem Strich, mit Kontrolle und mit Positivbalken, wenn’s geht. Also negativ, positiv usw. Aber wenn du eine bestimmte Stoffgruppe im Auge hast, kann sich das schon über die von dir bereits angesprochene Probenvorbereitung auswirken. Das macht einen großen Unterschied. Da kann es passieren, dass du gar nicht die anderen Stoffe siehst. Aber wenn du jetzt so eine durchschnittliche HPLC mal machst oder GC-MS, mit der Gewinnungstechnik, die du angewendet hast, um den Stoff da herauszulösen, siehst du mehr. Natürlich kannst du bestimmte Voreinstellungen machen, um z. B. was anzureichern. Wenn du jetzt einen bestimmten Verdacht hast, kannst du natürlich sagen, es ist nicht schlimm, wenn ich ganz viel verliere, ich will ja nur nach der einen Sache gucken. Als Biologe würde ich natürlich gern breit gucken.

Als Biologe würde ich sagen, wenn du genug Probenmaterial hast, lass uns erst einmal ein Zehntel von dem gewonnenen, also von dem, was wir aus der Probe genommen haben, nehmen und in dem Zehntel gucken wir erst einmal, was drin ist. Wenn jetzt aber der Chemiker oder die Chemikerin sagt, nein, dann handelst du dir ein mörderisches Hintergrundrauschen ein, da sehen wir nicht vernünftig was… und dann könnten auch die Kollegen aus der Rechtsmedizin sagen, uns interessiert rechtlich oder gerichtlich oder medizinisch eh nur die oder die Stoffgruppe. Da sind wir halt alle völlig verschieden. Ich würde jedenfalls alles dafür tun, dass man möglichst die Breite sieht, die aber dann verrauschen kann, wenn du Pech hast. Der Chemiker/die Chemikerin wird dagegen sehr viel Wert auf die Probenvor-bereitung legen, weil die sagen, das ist hier so wenig Material, das ist uns zu gefährlich, da verlieren wir vielleicht viel, wenn wir einen Fehler machen. Oder wenn das jetzt von der Staatsanwaltschaft käme, da könnte es sein, dass die sagen, passen Sie auf, für diesen spezi-ellen Einzelfall interessieren uns jetzt meinetwegen nur Opiate. Der Rest ist uns absolut egal. Und selbst wenn Sie was anderes finden würden, wäre es uns immer noch egal. Ein Beispiel wäre Fentanyl. Wenn die den Verdacht haben, dass jemand mit Fentanyl getötet wurde, dann sagt die Staatsanwaltschaft, wenn Sie ganz sicher Betäubungsmittel, ohne dass wir von un-serer eigentlichen Frage nach Fentanyl abweichen, mit nachweisen können, alles klar. Oder wenn die chemisch ähnlich genug sind. Aber wenn auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass wir jetzt hier Material verlieren und die ganze Frage nicht mehr prüfen können, die rechtlich für uns für die Anklage wichtig ist, dann lassen Sie es, dann gucken Sie nur nach Fentanyl und der Rest ist uns egal. 

Wird vom Gericht ein Kostenaufwand festgelegt bei der Untersuchung oder ist der frei? 

Das ist nicht so. Wenn Du öffentlich bestellt und vereidigt bist, so wie ich, also ein freier Sachverständiger, da wird auf jeden Fall ein Kostenrahmen festgelegt. Der ergibt sich entweder aus dem Gesetz, weil ich nach gesetzlichen Honorarvorgaben arbeite. Es ist aber so, dass die Kripoleute schon ein bisschen Erfahrung haben, gerade bei Brandbeschleunigern zum Beispiel, da wissen die schon, was das kosten darf und was nicht. Das Gericht kann Aufträge erteilen, aber auch Privatleute. Die werden natürlich irgendeine Kostendeckelung haben. Privatleute haben sowieso nie Geld.

Ich mach das ja jetzt seit 32 Jahren, da hat noch nie Einer Geld gehabt. Dann sagst du halt, wieviel haben Sie denn oder wieviel ist Ihnen das wert, innerhalb der Familie, wie wichtig ist die Information für Sie, ob das jetzt ein Suizid oder ein Unfall oder ein Tötungsdelikt war, ohne dass das rechtlich jetzt verhandelt wird. Und da kann alles passieren. Da kommen Leute, die sagen 10 €. Sowas gibt’s. Und dann sagt man, ja okay, das wird schwierig. Dann können wir nicht nach Gesetz abrechnen, weil dann dürfte ich nur 4 Minuten mit ihm reden. Das ist sinnentleert. Die Staatsanwaltschaft kann sehr nasty werden. Eine Staatsanwaltschaft hat mal gesagt, dieses Jahr haben wir Haushaltsperre. Für Sachen, die wir intern brauchen (also nicht für die Fälle), für Anschaffungen von Literatur usw., haben wir kein Geld und deshalb geben wir auch kein Geld für Sachverständige mehr aus. Einfach aus Trotz. Habe ich selbst persönlich erlebt. Oder es ist limitless. Also wenn jetzt irgendwelche reichen und schönen Leute sterben, dann gibt es natürlich kein Limit, dann ist das egal. Sowohl auf staatsanwaltlich, gerichtlicher Seite. Es kann aber auch passieren, dass die dann sagen, wissen Sie was, dann machen wir noch einen Privatauftrag, falls das erlaubt ist. Das ist immer alles Verhandlungssache, das merkst du schon. Aber sagen wir mal so… in der Praxis gibt es immer strengste Kostenrahmen, besonders bei den ganzen Wohnungsleichen. Also die ganzen Verfaulten aus Wohnungen, die einsam, traurig, psychisch krank oder so waren, da brauchst du jetzt nicht glauben, dass da ernsthaft Geld dafür ausgegeben wird. Das erzählen zwar alle, aber das stimmt überhaupt nicht. Da wird keine Giftkunde gemacht, obwohl das sehr interessant wäre. Aber es gibt praktisch Kostenrahmen und die können sehr, sehr tight sein. 

Wird dann auch auf die Zeitspanne geachtet, in der diese Analyse stattfindet? Wird auch ein zeitlicher Rahmen gesetzt? 

Kann sein, kann nicht sein. Also in New York haben die das so gemacht, weil einfach viel zu viele Fälle reinkamen. Das hätte einen backlog gegeben, also so einen Rückstau. Und der Rückstau wird ja logischerweise immer größer, das ist ja wie so eine Kurve in der Mathematik, die dann immer steiler wird.

Für genetische Fingerabdrücke in dem Fall hatten wir 2 Wochen. Die haben gesagt, nach 2 Wochen gebt ihr die Akte raus. Sonst bricht hier alles zusammen. Die Tox-Leute können jetzt sagen, 2 Wochen geht nicht, weil wir die Probenaufbereitung nicht schaffen. Oder wenn man Roboter hat, da möchte man erstmal viele Proben zusammenfassen, die ähnlich sind. Blutproben, Urinproben, Gewebeproben, wir haben aber nur 1 oder 2 Geräte. Dann dauert es halt 4 Wochen oder 8 Wochen oder ein halbes Jahr oder so. Das ist dann begrenzt. Bei freien Sachverständigen spielt das eine größere Rolle. Von uns gibt es ja so wenige. Ich bin bspw. der Einzige in ganz Deutschland, der überhaupt bestellt und öffentlich vereidigt für mein Fach ist. Es gibt aber auch andere Sachen, z. B. bei Immobiliensachen, was jetzt mit Giften nichts zu tun hat. Da kann es sein, dass der Sachverständige keine Zeit hat. Der sagt dann, ich habe in 1 Jahr wieder Zeit. Und dann sagt das Gericht, nee, dann nicht. Wir können uns das aus rechtlichen, verfahrensrechtlichen Gründen nicht gönnen, können nicht so lange warten. Also, das ist so ähnlich, wie mit den Kosten. Das wird in der Wirklichkeit verhandelt. Du kannst aber auch die Situation haben, dass das Innenministerium sagt oder das Justizministerium, das wird jetzt alles nur noch vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt (erfinde ich jetzt mal) gemacht. Die sagen dann, wir haben aber überhaupt kein Personal mehr, wir kriegen gar keinen Nachwuchs mehr, wir haben kein Geld, wir haben gar nichts. Sorry. Wir sind jetzt politisch verpflichtet, den Fall anzunehmen, das dauert dann halt so lange, wie es dauert. Das können auch 2 Jahre sein oder so.

Also es ist alles möglich. Es wurde auch mal überlegt, z. B. in Köln, dass man verstärkt externe Labore einbindet. Die hätten das dann teilweise mit einer Garantie gemacht, auch wenn sie Tag und Nacht arbeiten müssten, wie im Krankenhauslabor. Das ist dann halt so, es ist deren Problem, dass es dann innerhalb von – ich erfinde jetzt mal – 48 Stunden fertig ist mit dem Schnellgutachten, was aber schon verbindlich ist. Und dann das Endgutachten in einem Monat. Aber die Staatsanwaltschaft oder die Privatleute wissen aufgrund der Verbindlichkeit dann schon, dass das Vorab- oder Kurzgutachten gilt. Das wäre z. B. kein Problem. Da kann man auf das Hauptgutachten ruhig einen Monat warten. Oder zwei. Das wurde dann aber nie gemacht. In England haben sie es mal versucht mit einem „Forensic Science Service“. Da haben sie es komplett ausgelagert. Der ist aber auch eingegangen, weil diese Reibung zwischen dem, was politisch gefordert und erwünscht ist – für die Privatleute interessiert sich ja meistens keiner - und dem, was machbar ist, zu groß war. Dann hat man gesagt, dann machen das wieder unsere staatlichen Organisationen und dann dauert es halt so lange, wie es dauert. Obwohl der Forensic Science Service eigentlich - so ich nenn es mal - halbstaatlich war. Die hätten dann mit normalen DIN/ISO-Vorgaben arbeiten können. Die hätten sagen können, gucken Sie mal, wir wollen mit den ISO 9002 arbeiten, wir wollen alles dokumentieren, wir wollen alles ordentlich machen, jeder soll zu jedem Zeitpunkt wis-sen, wo, wer, wann was gesagt hat, wo die Probe ist, wer sie angefasst hat usw. Das System müssen wir dann aber auch bedienen und das kostet Zeit. Das hätten die schon problemlos sagen können. Aber dann sagt man, das wird uns alles zu viel und zu teuer, lassen Sie uns das lieber so machen, ohne chain of custody. Dann weiß man zwar nicht genau, wo, wann, was das ist. Wir glauben das dann einfach. Ja, wenn das im Tresor von der Polizei liegt oder im Tresor vom Institut für kriminalbiologische Untersuchungen auf der 7. Etage, dann glau-ben wir das einfach. Also das ist total von Raum und Zeit, Politik und Geld abhängig. 

Ist in den letzten Jahren die Fallquote gestiegen, bei denen Entomologen gerufen wurden? 

Nein. Das ist wirklich etwas ganz Spezielles. Manche gehen hin, manche Unis, um das sexy für die Bachelors zu machen. Und kleinere Unis, die gehen hin und sagen, wir haben aber auch Forensik mit Insekten auf Leichen. Und dann sagen die Studierenden, ja okay, da gehen wir hin. Z. B. in Huddersfield, das ist mitten in England, da habe ich das lange gemacht. Stell dir so eine ländliche… nein, das ist der falsche Begriff … abgelegene industrielle Region vor, wo aber jetzt keiner freiwillig hingehen würde zum Studieren. Da hatten die aber eine ganz gute chemische Abteilung wegen der industriellen Anbindung, um möglichst viele Chemiker und Chemikerinnen auszubilden. Und da bin ich dann immer mit meiner Mitarbeiterin hingefahren, einmal im Jahr oder so, und habe da so einen Kurs ge-macht. Das war hauptsächlich, um die Uni sexy zu machen für die Bachelorstudiengänge, nicht mal für Master. Da gehen viele mit Bachelor ab, die machen gar keinen Master. Das wäre so das eine Ende und das andere Ende wäre, dass die Uni hingeht und sagt, das wollen wir wegen der Forschung nach vorne bringen, weil wir hier die Verbundprojekte brauchen, wo viele mitmachen, also Biologie, Chemie, Medizin. Dann ist das natürlich ein Traum, das beste Projekt, was du machen kannst. Das muss die Uni aber wollen, denn du kriegst halt kein Geld dafür. Wenn du das bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder Forschungs-trägern, die dir Geld geben – sogenannte Drittmittel – beantragst, kriegen die einen Lachkrampf. Soll das jetzt ein Witz sein, wen interessiert das? Wir wollen was über schwarze Löcher hören oder über Krebsmedikamente, was wollen Sie denn mit Ihren Giften in Insekten von Leichen? Können Sie doch nebenher machen, das kostet doch nichts. Das habe ich schon erlebt, ist jetzt nicht erfunden. Und deswegen hängt es von der Einrichtung ab. Wenn du Glück hast, geht auch mal ein Innenministerium oder Justizministerium hin und sagt, ja, das finanzieren wir schon, beim Landeskriminalamt oder Bundeskriminalamt. Und dann ist aber das Endergebnis meistens, dass gesagt wird, ist das nicht ein Biologe oder eine Biologin? Da sollen die doch Erbgut machen, wenn wir jetzt schon eine Stelle haben. Oder wenn es eine Chemikerin oder ein Chemiker ist, heißt es, ist das nicht eine Chemikerin oder ein Chemiker? Können die nicht in die Abteilung für KO-Tropfen und date rape gehen? Da brauchen wir unbedingt Leute in der Abteilung. Und jetzt ist da gerade die Stelle bezahlt. Nee, das wird auf keinen Fall mehr! 

Macht dich das traurig? 

Es ist, wie es ist! 

Hättest du es gern, dass sich mehr Leute für die forensische Entomologie interessieren würden? 

Nein, das ist mir egal. Jeder soll machen, was er will und jede soll machen, was sie will. Das irgendwie zu wünschen oder zu hoffen oder traurig zu sein, das bringt nichts. Die Menschen machen, was sie wollen. Wirklich. Von der Firma, die Zoom betreibt, oder die den Rechner hergestellt hat, haben wir beide wahrscheinlich so gut wie null Ahnung. Und die machen halt ihr Ding, ohne die könnten wir jetzt nicht reden. Weiß der Teufel, was gut und schlecht und besser und schlechter für irgendwas ist. I don’t care! 

Ich wollte noch mal spezifischer auf die Gifte in Insekten eingehen bzw. auf die Analyse der Drogen, mit denen ich mich befasse. Bei den Extraktionsverfahren aus den Proben werden ja verschiedene Lösungsmittel verwendet. Weißt du, welche da verwendet werden oder wie spezifisch die verwendet werden? 

Das kann super spezifisch sein. Das kann ich dir aber im Moment nicht sagen, weil ich nicht weiß, auf welchem Stand die forensischen Toxikologinnen und Toxikologen jetzt gerade sind. Seit etwa 10 Jahren bin ich eher auf der Ergebnisseite. Wenn wir jetzt eine Konferenz haben, dann reden wir jetzt beispielsweise bei date rape, also KO-Tropfen, welche Stoffe das waren. Aber die Toxikologen sagen dann vielleicht noch, welche grundsätzliche Art der Analyse sie verwendet haben, aber diese Einzelheiten verraten sie nur auf den rein toxikologischen Meetings, weil das im Allgemeinen keinen interessiert. Da kann ich dir das leider nicht sagen. Das kriegst du aber sehr leicht raus, wenn dich das wirklich interessiert und du dich da reinfuchsen willst. Wobei… bei den Insekten weiß ich jetzt auch nicht, ob du da so leicht jemanden findest, der dir das ausführlich sagen kann. Wenn du die Extrak-tionsverfahren in so einem forensischen Labor sehen willst, ist das für eine Facharbeit viel zu weit. Aber wenn du das aus privaten Gründen mal wissen willst, kann ich dich gern an ein Labor/ eine Toxikologie vermitteln. Da kannst du mit denen mal reden. Auf Anhieb finde ich hier schon 2 Videos für Flüssigextraktion. Die schicke ich dir schon mal. Flüssigextraktion ist ja bei uns am bedeutsamsten. Man kann sagen, kristallografische Verfahren werden gar nicht angewandt, das ist zu aufwändig. Wenn du z. B. mit den Leuten im LKA, im toxikologischen Labor, sprichst, die werden extrem stark auf Feststoffuntersuchung gehen. Gegebenenfalls machen die auch Flüssigextraktionsverfahren, aber das hat dann mit forensischer Entomotoxikologie eigentlich gar nichts mehr zu tun. Deswegen könntest du dich vielleicht leichter durch die Extraktionsmethoden in der forensischen Toxikologie durcharbeiten für so eine Facharbeit. Aber kannst ja mal Bescheid sagen, wenn es dir nicht reicht. 

Danke! Wenn man eine Leiche findet und den Entomologen dazu holt, dann nimmt man ja nicht nur die Insekten vom Körper, sondern auch aus der Umgebung. Gibt es da Dinge, wonach man genau sucht und in welchem Umkreis ungefähr? 

Die Wahrheit ist ja, dass das leider sehr oft aus den genannten Gründen der Zeit- und Geldersparnis von der Rechtsmedizin gemacht wird. Da werden die Tiere dann durch die Rechtsmedizin von der Leiche geholt, was biologisch betrachtet nur so mittelcool ist. Und wenn du das am Fundort machst, dann suchst du einfach rum, suchst alles ab, so gut das geht. Und dann guckst du in allen Ritzen, auch unterm Teppich. Im Wald guckst du unter Ästen, Röhren, in der obersten Erdschicht. So gut es halt geht. Das Ziel wäre, alles zu durch-suchen. Im Freien kriechen die Maden, wenn sie sich verpuppen wollen, superweit. Auf dem Dach der Rechtsmedizin in Kolumbien haben wir tote Schweine rausgelegt, da waren die Maden 15 Meter weit gekrochen, obwohl da gleißende Sonne war und es ziemlich warm war, was die eigentlich überhaupt nicht mögen. Die haben sich dann unter Rohren, die keiner mehr brauchte, verkrochen. Wenn es regnet, können die z. B. auch hochkriechen. Also wenn du auf dem Bauernhof so ein Törchen hast, können die auch tatsächlich das Tor hochkriechen und sind dann auf der anderen Seite. Das musst du sehr biologisch angehen. Wie feucht ist es hier? Wie trocken ist es hier? Liegen hier viele Tannennadeln? Können die darüber kriechen oder nicht? Wie hart ist die Erde? Ist sie lehmig, da gehen sie nicht rein, packen sie nicht, außer es ist superfeucht. Das ist eine rein biologische Frage. 

Und werden dann alle Insekten mitgenommen, die man finden kann? 

Wenn’s geht schon. Also alles getrennt. Wenn Du im Tatortkoffer nur 20 Gläschen hast, dann kannst du eben nur von 20 Orten nehmen. Dann kannst du sagen, die Leiche sieht mir superseltsam aus … die liegt in einer Tonne oder in einer Tasche, scheint aber ausgepackt zu sein oder Tiere haben den Sack aufgerissen und haben an der Leiche gefressen… Dann würdest du vielleicht sagen: ok, der Analbereich sieht total ausgefressen aus, was normalerweise nicht passiert, da sollten wir mal rausfinden, ob das das von einem Tier stammt oder ein Sexualdelikt war. Ist das durch Sonne oder Trockenheit entstanden? Dann würde ich dort schon mal 3 Proben nehmen. Dann würde ich auf jeden Fall Mund, Ohren, Nase, Haare und meinetwegen unter den Achseln, Schultern, … oh, jetzt habe ich schon 12 Gläschen verbraucht, jetzt habe ich noch 8 Gläschen übrig… Was ist es mir wert, das getrennt einzusammeln oder lieber alles einzusammeln. Das ist dann eine Einzelfallentscheidung. Aber wenn es geht, sammelst du natürlich alles ein. Aber du musst dann halt auch wissen, was du getan hast. Z. B. in New York hatten wir das anfangs, da sind die Polizisten und Polizistinnen teilweise etwas überenthusiastisch geworden. Da gab es eine Krimiserie, die hieß CSI – Crime Scene Investigation. Und dann haben die uns wirklich komplette Woh-nungseinrichtungen gebracht ins Labor. Und der Laborspace war vielleicht 1,20 m, wenn‘s hochkommt. Und da saßen wir so und ich sage, ich glaube es wäre besser, ihr sagt vorher, was ihr braucht. Blutspuren. Ach, dann lass uns doch erst einmal nach Blutspuren gucken, dann könnt ihr den Rest nämlich wieder mitnehmen. Da brauchen wir vielleicht nur diese Seite vom Telefonbuch und diesen Hammer. Und einen Schuh. Und so ist das bei Insekten genauso. Also das habe ich schon zweimal selber erlebt. Da haben die wirklich alles auf den Lastwagen geschaufelt und kamen mit einer Lastwagenladung Erde an. Das ist gut gedacht, aber leider gab‘s keine Garage und keine Halle, nichts. Hätte ich gerne, würde ich dann auch gerne machen, aber geht nicht. Plus, es kann auch alles durcheinander sein. Wenn du sehr, sehr viel einsammelst, wie gerade angedeutet, kannst du auch mehr Chaos erzeugen. Heute findest du ja kaum noch Insekten. Aber sagen wir mal, vor 10 oder 20 Jahren … wenn du da in einen Wald reingegangen wärst, kannst dir nicht vorstellen, wie viele Tiere da in und um einer Leiche waren. Das ist wie ein Disneymärchen. Da war alles voll, alles! Und da ist es besser gewesen, gezielt an den Orten was einzusammeln. Oder auch gar nicht einsammeln. Bei vielen Käfern reicht es, wenn du die fotografierst. Die brauchst du gar nicht umbringen. Also Ufertotengräber oder so ein wespenartig gestreifter Totenkäfer oder Kurzflügelkäfer oder Mistkäfer, die Bälle rollen, die brauchst du nicht, die fotografierst du. Die tragen eh jetzt keine so starke, supergenaue Leichenliegezeitinformation. 

Wenn man eine skelettierte Leiche findet, kann man dann auch darauf schließen, wie viele Generationen von Fliegen darauf schon gelebt haben? 

Ja, nur Biologinnen und Biologen können das. Klar! Also die Leiche verwest und abhängig davon gehen ja andere Tiere dran, andere Leicheninsekten sozusagen. Oder die nisten da nur oder suchen Schutz vor Regen, es müssen ja keine Leicheninsekten sein. Und das ändert sich, das wäre sozusagen der Stundenzeiger, bildlich gesprochen. Und dann hast du noch so einen Minutenzeiger, das wäre die eigentliche Leichenliegezeit. Die Gene-rationen sind eigentlich nicht so kritisch. Am Anfang kommen, oder sind bis vor 5 oder 10 Jahren gekommen, die schwangeren erwachsenen Schmeißfliegen. Die haben dann eigentlich, wenn es feucht war, schon vieles zerfressen. Und wenn es trocken war, sind sie nicht gekommen, weil sie nicht viel fressen konnten. Oder sind gekommen, konnten sich aber nicht groß auf der Leiche ausbreiten. Dann sind halt Tiere gekommen, die was Trockenes fressen. Also wenn du keine berufliche Erfahrung vor Ort hast, kannst du das nicht so gut abschätzen. Außer bei früher Leichenbesiedlung, die aber für die Polizei meistens am wichtigsten ist. Deshalb ist das nicht so schlimm. Wenn du einen Madenteppich hast, also ganz viele Larven, dann nimmst du halt die ältesten Tiere, wenn die nicht schon weggekrochen sind zum Verpuppen. Aber in einer Wohnung siehst du das ja, ob unter der Teppichleiste schon super viele Fliegen sind. So gesehen, würde ich die Frage eher dahingehend beant-worten, dass es in der Praxis meistens egal ist. Denn die späteren Generationen oder Stadien der Insekten werden gar nicht mehr herangezogen, sondern die Polizei fragt, war das Diens-tagnacht oder Dienstagabend, als die Leiche besiedelt wurde. Und da spielen die verschiedenen Generationen noch keine Rolle, weil du dann eh noch nah an der Leichenbesiedelung bist. 

Und rein theoretisch … wenn man eine skelettierte Leiche findet, welche Verfahren werden dann allgemein angestrebt, die man einerseits zur Identifikation benutzen könnte oder zur Beantwortung der Frage, wie die Leiche gestorben ist? 

Wenn du nur ein Skelett hast, kannst du nur die Knochen untersuchen. Du kannst Gifte, die in Knochen oder Knochenmark sind, angucken. Haare liegen manchmal auch noch rum, wenn du ein Skelett hast. Hautstücke auch. Da guckst du halt nach den Giften. Dann guckst du nach kleinen Ritzern an den Knochen, Knochenscharten, Löchern, Brüche, ob die vor oder nach dem Tod entstanden sind. Du kannst ruhig auch mit Insekten gucken. Es ist ja noch Fett in den Knochen drin, Haut- und Haarreste. Da können ja Speckkäfer oder Museums- oder Pelzkäfer rangehen. Das ist auch kein Zufall. Also wenn die da sind, dann weißt du, dass die Leiche aus biologischer Sicht noch recht frisch ist. Also nicht archäologisch, 10 oder 100 oder 1000 Jahre da liegt. Sondern dass das gerade noch etwas aktiv in Zersetzung Befindliches ist. 

Sucht man auch nach Puppenhüllen? 

Ja, das kannst du machen. Aber du musst halt schon erst mal einordnen, wie lange die Leiche da liegt. Die Puppenhülle allein verrät dir nicht so viel. Wenn du ein Skelett hast und du hast da lauter Puppenhüllen, dann weißt du ja nur, da waren mal Schmeißfliegen und die Tiere sind schon umgewandelt zu erwachsenen Fliegen, sind geschlüpft und weggeflogen. Das Alter von denen kannst du ja so nicht bestimmen. Interessanter ist es, wenn du eine Mischung hast. Wenn du noch Weichgewebe dran hast und da sind noch Maden dran und du hast schon leere Puppenhüllen, die eindeutig zu Leiche gehören, also nicht von anderen Dingen stammen, Müll oder so, der an der Autobahnraststätte rumliegt, oder in einer vermüllten Wohnung, die sowieso schon vermüllt war. Dann können die Puppenhüllen auch noch mal interessant sein. Mitnehmen würde ich sie auf jeden Fall oder fotografieren. Aber welche Aussagekraft das hat, hängt vom Einzelfall ab. 

Und wie gravierend sind Temperaturunterschiede bezüglich der Entwicklung von Larven? 

Das ist allesentscheidend. Ohne Temperatur brauchst du gar nichts machen. Wenn du die Temperatur nicht kennst oder grob kennst, brauchst du gar nicht anfangen zu arbeiten. Das wäre völlig sinnentleert, weil sich Bakterien und Insekten immer abhängig von der Temperatur entwickeln. 

Vielen Dank! Das wären erst einmal alle meine Fragen gewesen. 

Ja, sehr gerne! 

Autisten können meist eins: sich unsichtbar machen

Quelle: t-online, 1. April 2025

Sechsjähriger seit einer Woche vermisst

Wie sucht man ein autistisch veranlagtes Kind, das sich vermutlich versteckt hält? Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt, warum die Suche schwierig ist, und spricht über mögliche Gefahren.

Seit Dienstag, 14 Uhr, sucht ein Eurofighter der Bundeswehr nach dem seit einer Woche vermissten Sechsjährigen aus Weilburg. Pawlos war am Dienstag, dem 25. März, aus seiner Förderschule davongelaufen. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke sagt, die Wahrscheinlichkeit, den Jungen noch lebendig zu finden, lasse sich nicht einschätzen.

Wenn Kinder weglaufen, sind sie den unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt, die für sie tödlich enden können. Tödlich seien vor allem Verdursten, Erkrankungen, seltener auch Erfrieren, Ertrinken oder Autounfälle, erklärte Benecke t-online. Ob autistisch veranlagte Kinder im Fall von Hunger oder Durst um Hilfe bitten würden, sei schwer einzuschätzen. Manche Autisten sprächen sehr ungern. In ungewohnten Umgebungen sprächen sie womöglich gar nicht.

"Irgendwann wird es ihnen zu viel"

Die Behörden gehen aktuell davon aus, dass der Kleine sich bewusst versteckt. "Austistinnen und Autisten können meist eins: sich unsichtbar machen. Das lernen sie ihr Leben lang, weil ihre Umgebung sie oft nicht versteht und dadurch laufend in schwierige Lagen bringt." Doch wie sucht man ein autistisches Kind, das nicht gefunden werden will? "Autistinnen und Autisten nehmen sehr viel wahr, viel mehr, als es manchmal scheinen mag. Daher können sie sich oft gut verstecken", sagt Benecke. Es wurde bereits versucht, Pawlos mit in der Stadt aufgehängten bunten Luftballons aus seinem Versteck zu locken. Bislang ohne Erfolg. Da helfe nur, wie bei einer Spurensuche alles haarklein zu durchkämmen, sagt Benecke, auch Wärmebildkameras können manchmal helfen.

Laut dem Kriminalbiologen besteht die Möglichkeit, dass der Junge nicht in seine frühere Umgebung zurückkehren möchte, weil sie ihm vielleicht unangenehm ist.

"Wir haben in einer großen Studie zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Goethe-Universität in Frankfurt/Main, der Humboldt-Universität in Berlin und dem Verein White Unicorn gezeigt, dass Autistinnen und Autisten in der Schule zwar oft sagen, was sie stört (Licht, Gerüche, Ordnung), aber es sehr oft nicht ernst genommen wird. Irgendwann wird es ihnen dann zu viel."

Autismus-Kindergarten-Studie

Mai 2025

Wir haben in den letzten Jahren zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Goethe-Uni Frankfurt und der Humbodt-Universität in Berlin siebenundzwanzig neurobiologisch bedingte Hindernisse erkannt, denen Autistinnen und Autisten in der Schule gegenüberstehen. 

Beispielsweise wissen wir, dass viele Autist:innen Reize stark wahrnehmen, also sind Lautstärke und Licht sehr häufig eine Störung. 

Was genau nun im Kita-Alter stört — der Hall in den Räumen oder Gewusel beim Frühstück —, das finden wir heraus.

Wer dabei vor Ort durch Befragung der Kids mitmachen möchte, besonders natürlich Erzieherinnen und Erzieher aus Kindergärten: Meldet euch bitte bei stephanie.fuhrmann@white-unicorn.org

Danke schön!