Quelle: musikmag.de, 26. Juni 2026
DR. MARK BENECKE GEGEN DAS POSTMORTALE HERUMKLUGSCHEISSERN – 26.06.26 IM THEATER AM AEGI.
Von Isabelle Hannemann
Von Prokops „Atlas der gerichtlichen Medizin“ bis zu verschwundenen Kälberstricken und dem schönen Tod im D-Körbchen: Mark Benecke zeigte in Hannover, warum Kriminalfälle nicht an fehlender Dramatik scheitern, sondern an Wahrnehmung, Annahmen und dem Mangel an unabhängigen Beweisen.
Bei Benecke glitzert nichts, nur weil das Publikum es gern so hätte. Nicht einmal Glassplitter, auf die Blut tropft. Im Theater am Aegi führt der Kriminalbiologe am 26. Juni 2026 durch Kriminalfälle am Rande des Möglichen. Genauigkeit statt Grusel. Messen, nicht Mutmaßen. Kurzum, weder Menschen noch der eigenen Wahrnehmung ist zu trauen und genau darum geht es an diesem Abend.
Dr. Benecke kennt man. Als Moderator des Amphi-Festivals oder des WGT, als Musiker, Donaldist, Bahnfahrer oder Autor. Seine öffentliche Rolle changiert zwischen Wissenschaft, Tatortanalyse, Popkultur und Aufklärung. Im Theater am Aegi ist er heute in seiner Rolle als Kriminalbiologe. Es geht um Rechtsmedizin, die Bedeutung der Fotografie für die Rechtsmedizin, freie Beweiswürdigung, die Freiheit der Judikative und ganz nebenbei um antifaschistische Bildungsarbeit. Wer einen Abend voller Schauer erwartet, bekommt etwas Besseres: eine Schule des genauen Hinsehens.
Benecke führt das Publikum durch einen Exkurs zu Otto Prokop und der Bedeutung der Fotografie in die Anfänge der Rechtsmedizin ein. Als Beispiel dient der Fall der Frau Gierth, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung starb, obwohl das Verhalten des Verdächtigen, einzelne Spuren und die gerichtliche Prosa aus heutiger Sicht schnell als Hinweise auf die Vertuschung eines Sexualdelikts gelesen werden könnten. Deutung, Scham oder Ekel sind hier fehl am Platz; stattdessen besticht er durch Präzision, Einfühlungsvermögen und Humor. Anders als so manches True-Crime-Format arbeitet diese Form der Wissenschaftskommunikation nicht mit Schocklust, sondern mit Verantwortung: Es geht um reale Gewaltdelikte, reale Tote und reale Ermittlungen. Und – für die Jüngeren – werden mal eben der Ost-West-Konflikt sowie die Prüderie des Westens im Kalten Krieg aufgedröselt.
Freud, Kinsey, Masters und Johnson applaudieren spontan, bevor es in die Pause geht. Pause – oder eher ein Meet and Greet auf Augenhöhe. Mark Benecke signiert Bücher, nimmt sich Zeit für Fans, Fragen und Selfies.
Beneckes Welt ist nicht die von Gut und Böse.
Sie ist die Welt der messbaren Wahrheit. Während die Täterforschung nach dem Warum fragt, konzentriert sich die Benecke auf die naturwissenschaftliche Spurenauswertung: Blut, Gewebe, Insekten, biologische Rückstände, Verwesungsprozesse, DNA-nahe Fragestellungen. Und wenn es sein muss, geht man eben ins Bordell, legt sich eine Kundenkarte vom Dessousfachgeschäft zu oder führt Erstickungsexperimente mit Frauen verschiedener Körbchengrößen durch, statt dem Mythos von der friedfertigen Frau zu erliegen und sich der Idee hinzugeben, Brustgewebe tauge nicht als Mordwerkzeug.
Es gibt bei Dr. Mark Benecke kein Gut und Böse, keine erlösende Gerechtigkeit, keinen dramatischen Glanz der Gewalt. Es gibt nur Spuren, Messbarkeit und die unbequeme Frage, ob die eigene Wahrnehmung überhaupt etwas taugt.
Und wenn diese Wahrheit Entscheider*innen nicht interessiert, kann man das nicht ändern. Die gute Nachricht, so Mark Benecke: „Das ist eine entspannte Art zu leben.“
Am Ende gibt’s doch noch etwas Glitzer – und tosenden Applaus.
— Danke an die schon immer großartige Isabelle für die Erlaubnis zur Verwendung —
