"Eine Leiche verlangt nichts, ..."

Quelle: Forum Wissenschaft, Nr. 4, Dezember 2025, 42. Jahrgang

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Ein Gespräch über die Disziplin der Kriminalbiologie

Bei Todesfällen, wo Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen, werden die Leichen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Die Untersuchung der Todesumstände ist Aufgabe der forensischen Biologie. Die bekannten Darstellungen im Fernsehkrimi am Sonntagabend haben aber nur wenig mit der realen Praxis zu tun, wie Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview mit Yannick Borkens erläutert.

Forum Wissenschaft (Yannick Borkens, im Folgenden FW): Gerade für unsere nicht-naturwissenschaftlichen Leserinnen und Leser ist es spannend und interessant zu erfahren, was die Kriminalbiologie als Disziplin ist und mit was sie sich beschäftigt. Was ist Kriminalbiologie? In welchen Situationen kommt sie zum Einsatz?

Foto: Mark Benecke

Mark Benecke (MB): Forensisch heißt eigentlich vor Gericht/für das Gericht; diese Bedeutung ist in Deutschland aber nicht so eng und spiegelt die weit gefächerte Arbeitsweise auch nicht wider.

Als Wort aus dem Englischen ist es aber über TV und Kino wieder in seiner nicht ganz richtigen Bedeutung nach Europa gelangt. Ganz egal, hier der vereinheitlichte Vorschlag: Forensik ist eine Mischung aus Kriminalistik, Rechtsmedizin und Naturwissenschaften. Die Zusammenarbeit führt dabei zu einem weiten Blick. Solche umfassenden Untersuchungen waren bei uns im Labor beispielsweise ein Blutspuren-Muster nach einer Doppel-Tötung. Wir untersuchten dabei dieselben Blut-Spuren auf DNS (Naturwissenschaften), Schleuder-Richtung (Kriminalistik) und Verbringung durch Fliegen (forensische Entomologie). Die Leiche selbst wurde natürlich von Fachärztinnen für Rechtsmedizin beurteilt. Dieser auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorgestellte Fall zeigt, wie ein Einzelner viele Verfahren verknüpft anwendet. Ich habe für den Stern auch mal mit langen Zähnen zwei C. S. I.-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamtinnen, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht.

FW: Welche Beiträge kann sie leisten, um Umstände eines Todesfalles zu ermitteln? Und was kann sie nicht leisten?

MB: Mein Team und ich schauen uns jeden Fall unbefangen an. Daher passiert im kriminalbiologischen Alltag jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blutspuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen. Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen.

Alle Fälle sind super herausfordernd. Wir behandeln auch alle Fälle gleich. Ich bin nicht für die Gefühle verantwortlich, sondern für die messbare Wahrheit. Wenn es etwas ist, das therapeutisch behandelt werden muss, dann müssen Leute ran, die sich mit der »Seele« auskennen. Oder wenn es politische Folgen hat, dann muss es politisch gelöst werden. Das hat auch etwas Kulturelles: Bilder von Tatorten können wissenschaftlich herausgegeben werden, aber teilweise sind sie so episch und eindrucksvoll, dass sie — wie soll ich sagen — Wellen und Fahrwasser entwickeln. Dem kann man nicht ausweichen. Und dann muss man sich überlegen, wie man damit arbeitet. Der Kollege aus Österreich zum Beispiel. (Otto) Prokop, Leiter der Ost-Berliner Rechtsmedizin, hat sehr bildlich gearbeitet und ist mit seinem »Atlas« gegen seinen Willen im damaligen Westdeutschland unter Künstlerinnen, Künstlern bekannt geworden — also nicht wissenschaftlich. Das Buch ist erst nach dem Mauerfall in Deutschland wissenschaftlich wahrgenommen worden, obwohl es ein rein wissenschaftliches Werk ist. Prokop hat genau das gemacht, wovor ich gewarnt wurde: Er suchte Bilder aus, die so eindrucksvoll waren, dass sie ihr Eigenleben entwickelt haben. Wir achten seither darauf, dass das nicht passiert, denn wenn die Angehörigen 20 Jahre später auf irgendeinem Umweg wieder damit in Berührung kommen, dann lässt man es besser sein.

FW: Welche Rolle spielen Exhumierungen? Wann und wie werden sie durchgeführt?

MB: Wir hatten mal den Auftrag einer Familie, die Akten im Fall ihres verstorbenen Sohns zu sichten. Sie versprach sich Hinweise darauf, dass er nicht — wie von der Polizei angenommen — tödlich verunglückt, sondern Opfer einer Tötung war. Im Juni 2006 war die Leiche des Jungen nach sechsmonatiger Vermisstenzeit in Österreich in einem Bachbett gefunden worden. Er hatte während der Wintersaison an einem Skilift gearbeitet und mit seinem Kollegen und dessen Mutter eine kleine Abstellkammer direkt an der Liftanlange bewohnt. Die Eltern befragten die beiden Mitbewohner erneut zum Verschwinden. Beide beharrten darauf, dass er eines Nachts mit einem ihnen unbekannten Mädchen verabredet gewesen war und mit diesem durchgebrannt sei. Diese Version zum Verschwinden des Jungen erschien auch der Polizei plausibel. Auf dem Parkplatz der Liftanlange entdeckten die Eltern jedoch das unverschlossene Auto ihres Sohnes, in dem sich seine gesamten privaten Dokumente wie Führerschein und Pass sowie ein einzelner Socken befanden. Die Polizei stellte das Auto daraufhin sicher. Eine spurenkundliche Untersuchung blieb aus. Als später in einem dem Skilift nahe gelegenen Bachlauf Müll aufgesammelt wurde, fand man seinen Parka sowie eine Matratze, die aus der Unterkunft des Kollegen stammte. Außerdem entdeckten Passanten die teilskelettierte Leiche des Jungen mit stark zersetzter Bekleidung. Der Leichenfundort lag 2,5 km von der Lift-Anlage entfernt. Die Sektion ergab aufgrund der fehlenden Weichteile keine Auskunft darüber, ob Fremdeinwirkung (Verletzungen an den Weichteilen) vorgelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur der Kollege und Mitbewohner zu dem Vorfall polizeilich befragt worden, nicht jedoch die Mutter.

Die Eltern gaben sich damit jedoch nicht zufrieden und hatten selbst Suchen durchgeführt. Nach vielen Beiträgen, in denen die Familie die Vorgehensweise der Polizei anprangerte, wurden im Januar 2008 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die Mutter des Kollegen belastete ihren Sohn und sagte aus, er habe das Opfer erstochen. Bei der Tat sei sie nicht anwesend gewesen, jedoch habe sie bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Die österreichischen Behörden begingen daraufhin den Tatort mit einem Blutspürhund. Die Eltern hatten bei einem ihrer Besuche in der Unterkunft einige Holzdielen aus dem Boden gebrochen. Auf diesen hatten sie nicht untersuchte, an Blut erinnernde Flecken gesichtet. Einige dieser Stücke brachten sie zu einer Besprechung in unser Labor.

Der Blutschnelltest zeigte an mehreren Stellen auf den Holzstücken eine positive Reaktion. Aus dem darauf folgenden Gutachten des LKA Thüringen ging jedoch hervor, dass an den blutverdächtigen Anhaftungen der eingesandten Holzstücke kein Blut nachweisbar war.

Aus der molekulargenetischen Untersuchung der Materialproben war die Bestimmung eines DNS-Identifizierungsmusters nicht möglich. Die Schlussfolgerung: Es konnten keine weiteren Hinweise zum Verletzungs-Ort des Geschädigten gegeben werden. Die Exhumierung und anschließende Sektion im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Jena im November 2008 ergaben an Brustbein sowie der 6. und 7. Rippe des Leichnams gradlinige, glattrandige Knochenverletzungen (Stich-Schnitt-Verletzungen). Das Gutachten bestätigt, dass für die Beibringung der Rippenverletzungen ein spitz zulaufendes scharfes Messer in Betracht komme. Diese drei — wegen der Knochendefekte einzigen noch sichtbaren — Stichverletzungen waren nicht todesursächlich: Es konnten weder stark blutende Gefäße noch Brustorgane verletzt werden, da die Knochen jeweils nicht durchstochen wurden. Nach Einschätzung der Rechtsmediziner erfolgte die Verletzungsbeibringung am liegenden Opfer. Im Dezember 2008 wurde der Kollege/Mitbewohner von der Skiliftstation wegen Totschlags angeklagt. Die Verhandlungen fanden in Deutschland statt. Die beragte Rechtsmedizinerin erklärte, es sei aufgrund des Stichmusters nicht auszuschließen, dass weitere Stiche ausgeführt wurden, die nicht auf Knochen trafen, sondern Lunge oder Herz tödlich verletzten. Aufgrund des Zersetzungszustandes der Leiche konnte das aber naturgemäß nicht belegt werden. Ende Dezember 2008 wurde der Angeklagte nach einem Indizien-Prozess wegen Totschlags verurteilt.

FW: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kriminalbiologie und der forensischen Biologie?

MB: Keine.

FW: Welche Rolle spielt die Molekularbiologie innerhalb der Kriminalbiologie? Und welche Methoden kommen besonders häufig zum Einsatz?

MB: Aufgrund einer Flut von Serien wie C. S. /. in den 1990er Jahren und vielenweiteren, die sich später gerne mit Labortechniken in Kriminalfällen befass-ten, erwarten die Öffentlichkeit und (wo vorhanden) die Geschworenen in Kriminalfällen, dass alle Tatorte einer genetischen Fingerabdruckanalyse unterzogen werden müssten — der »CSI-Effekt«. Bald wurde daraus ein »umgekehrter CSI-Effekt«, das heißt, »während Geschworene aufgrund von CSI-ähnlichen Serien möglicherweise Hightech-forensische Beweise in Strafsachen erwarten und bei Fehlen solcher Beweise unangemessener Weise einen Freispruch sprechen, messen dieselben Geschworenen aufgrund derselben CSI-ähnlichen Serien forensischer Beweise oft zu viel Gewicht bei, wenn solche Beweise tatsächlich von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden, was zu Verurteilungen in Fällen führt, in denen der Angeklagte wahrscheinlich hätte freigesprochen werden müssen. «

Genetische Fingerabdrücke sind eigentlich wie ein normaler Hautabdruck. Es entsteht in beiden Fällen ein Barcode-Muster, das nichts über den Körper oder den Geist der Person aussagt. Wenn man grundsätzlich gegen die Verwendung von eindeutigen Merkmalen in Strafsachen ist, blieben ja als einzige Beweise nur Zeugenaussagen übrig. In vielen Tests wurde aber gezeigt, dass solche Aussagen nicht zuverlässig sind und von den Überzeugungen der Zeuginnen und Zeugen beeinflusst werden. Im Gegensatz dazu sind Beweise wie genetische Fingerabdrücke zuverlässiger.

Noch besser daran ist, dass DNS-Beweise immer wieder getestet werden können. Wenn ein Experte über die objektiven Beweise aus seinem Labor lügt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein unabhängiger Test die Lüge aufdeckt.

FW: Spielt die Forensik auch bei geistlichen oder kirchlichen Fragen eine Rolle?

MB: Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin hatten vor unserer Untersuchung manchmal Zweifel erregt. Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche mittlerweile genauer wissen. Darum konnten beispielsweise Blut- und Speichelproben von »Therese von Konnersreuth« in München untersucht werden. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der »Therese von Lisieux«, konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung. Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur »Therese von Konnersreuth«, weil sie die Leiden Christi so stark erlebte, dass mehrere Wunden an ihrem Körper bluteten. Die Kolleginnen und Kollegen konnten Erbgut-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut einer aufbewahrten, durchbluteten Verbandskompresse gewonnen hatten, mit Erbgut aus dem Speichel an Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person- und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte das gleiche Mitochondrien-Erbgut wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte. Was das religiös bedeutet, geht uns aber nichts an.

FW: Wie interdisziplinär ist die Kriminalbiologie? Ist sie eine reine Naturwissenschaft? Oder spielen auch Geisteswissenschaften wie die Soziologie oder die Kriminologie eine wichtige Rolle?

MB: Sie spielen keine Rolle, allerdings reden wir miteinander. So beschrieb zum Beispiel der kanadische Soziologe Neil Gerlach vor vielen Jahren in seinem Buch The Genetic lmaginary: DNA in the Canadian Criminal Justice System 2004 verschiedene mögliche Ängste der Gesellschaft hinsichtlich der Entwicklung und Ergebnisse der Biotechnologie, genetisch veränderte Lebensmittel, mögliche Forderungen nach einem Recht auf Normalität (»neue Eugenik«), Patentierung von Genen und »charismatische Wissenschaft«. Auch die »Kultur der Spur« und der DNS-Fingerabdruckmethode im Hinblick auf ihre Anwendung der Kriminalistik und ihre Auswirkungen auf Gerichtsverfahren werden diskutiert.

Neil Gerlach argumentiert, dass die Verwendung von DNS in rechtlichen Kontexten zu einer »Überwachungsgesellschaft« führen kann. Meiner Meinung nach wird die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Soziologie manchmal unnötig vergrößert, wie es auch bei Gerlachs Werk der Fall ist. Er prägt den Begriff »Biogovernance«, um zu beschreiben, wie DNS-Typisierung und andere genetische Methoden zu einem Regime der Praxis werden. Seiner Meinung nach ist dies das Ergebnis eines Machtgefüges namens »Social Governance«, das sich der Menschen befasst als mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Es ist in Ordnung, eine solche politische Aussage zu treffen und es dabei zu belassen. Allerdings vermischt Gerlach viele Dinge, die getrennt werden sollten — und tatsächlich auch getrennt sind. Angesichts meiner internationalen Erfahrung war ich überrascht, dass die Kanadier solche Angst vor der nicht-kodierenden DNS-Typisierung haben, und ich frage mich, warum das so ist. Die sehr liberalen Niederlande hatten ungefähr zeitgleich als erstes Land ein Gesetz verabschiedet, das sogar die Typisierung von Augen- und Haarfarben in Strafsachen erlaubt, und in England wird die DNS-Probe einer Person in die Datenbank aufgenommen, wenn sie eine Straftat begeht (praktisch schon ab Trunkenheit am Steuer). In beiden Ländern wurde die erweiterte Verwendung der DNS-Typisierung weder zur Herstellung »genetischer Gerechtigkeit« noch gegen den Willen der Öffentlichkeit durchgeführt. Ganz im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde gehört und stimmte zu. Außerdem ist »genetische Gerechtigkeit« unmöglich, da niemand allein auf der Grundlage eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Es muss immer andere wichtige Hinweise geben, die eine Person mit einer Straftat in Verbindung bringen, nicht nur das Erbgut allein. Der Grund dafür ist einfach: Wenn ich eine Zigarette an einem Ort fallen lasse, der 15 Minuten später zum Tatort wird, wird mich niemand bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft beschuldigen, wenn ich kein Motiv, keinen möglichen Nutzen und keine andere Verbindung zum Opfer oder zum Tatort habe.

FW: Kommt die Kriminalbiologie bzw. die Forensik auch bei archäologischen Fragestellungen zum Einsatz? Waren Sie selbst schon an archäologischen Ausgrabungen beteiligt?

MB: Ja. Hier kann zum Beispiel die forensische Entomologie (Insektenkunde) helfen. Die Besiedlung von Leichen durch Insekten und andere Gliederfüßer ist seit Jahrtausenden bekannt. Forensisch-entomologische Untersuchungen, also die Begutachtung der an oder auf Leichen lebenden Insekten hinsichtlich ihrer Systematik und Artbestimmung, ihrer Entwicklungsbiologie und ihrer Lebensweise, gehören heute in vielen Ländern zum bekannten Werkzeug der Rechtsmedizin und Kriminalistik. In der Archäologie hat die Entomologie in den letzten Jahrzehnten vorwiegend im Bereich der Umwelt-Untersuchungen der weiten Vergangenheit bzw. der Umweltarchäologie Eingang gefunden und neben der Untersuchung von uralten Pflanzenresten neue Wege zur Ermittlung des ursprünglichen ökologischen Umfeldes archäologischer Fundplätze eröffnet.

Vergleichsweise selten wurden dagegen bisher Insektenreste bei der Beurteilung archäologischer Leichen- bzw. Grabfunde berücksichtigt. Dabei sind Leichen für weit über hundert Gliederfüßerarten — insbesondere Fliegen und Käfer — Brutstätte, Nahrungsquelle und Lebensraum. Da Gliedertiere die mit Abstand artenreichste und größte Gruppe aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind sie auch in scheinbar unwirtlichen Lebensräumen noch an Leichen anzutreffen. Mit den Veränderungen eines Leichnams nach dem Tod gehen zeitlich sich überlappende Gliedertierbesiedlungswellen einher, die als Besiedlungswellen bezeichnet werden. Anhand dieser spezifischen Besiedlungswellen lassen sich oft Rückschlüsse auf die Liegezeit und die Todesumstände einer Leiche ziehen. In der Archäologie fanden die Erkenntnisse der forensischen Entomologie erst recht spät Eingang: Eine der frühesten Beschreibungen von Insektenresten aus einer archäologisch untersuchten Bestattung stammt aus dem Jahr 1836. Bei Ausgrabungen in Wymondham Abbey in Norfolk stieß man im Chor der Klosterkirche in einer Backsteingruft auf zwei Bleisärge. In einem der Särge fand sich die gut erhaltene, mumifizierte Leiche einer Frau, auf der der Ausgräber S. Woodwards Reste eines Käferinsektes sowie zahlreiche lebende Maden beobachtete. Anfang des 20. Jahrhunderts rückten Insekten aus archäologischen Grabfunden stärker in das Blickfeld der Wissenschaft. Während zunächst Befunde aus Ägypten im Vordergrund standen, lassen sich seit den 1930er Jahren auch einzelne Arbeiten zu europäischen Fundstellen anführen.

Meine Mitarbeiterin Tina und ich haben auch schon Nächte im größten Mumien-Keller der Welt verbracht und dort die Insekten angesehen. Nach zehn Jahren hatten wir sie alle auseinander gepuzzelt und bestimmt und konnten zeigen, was sich im Laufe der Jahrhunderte im Keller wie zersetzte.

FW: Passend zum archäologischen Thema sollte hier auch die anatomische Provenienzforschung erwähnt werden. In letzter Zeit sind viele Institute und Museen bemüht, ihre Kunst- und Kulturgüter aus Übersee zu katalogisieren und gegebenenfalls an die ursprünglichen Herkunftsländer zurück zu geben. Auch anatomische Sammlungen schließen sich diesem Bestreben an. Diese Arbeit ist insofern besonders, weil es sich hierbei um menschliche Überreste handelt. Wie kann die Kriminalbiologie oder die forensische Biologie hier helfen?

MB: Ja. Durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Knochen von Tätowierungen und so weiter. Lars Krutak, ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller, beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen. Er nennt sich »Tattoo Hunter«. Eine seiner Tätigkeiten ist es, Skelette und schamanische Ritualgegenstände der alaskischen Ureinwohner, die im Smithsonian Museum in Wahington DC liegen, zurück an ihren Ursprung zu geben. Seine eigenen Tätowierungen helfen ihm dabei, nach eigener Aussage, mit der örtlichen Indigenen Bevölkerung in Kontakt zu kommen: »Meine rituellen Narbenmuster und Tätowierungen helfen mir sehr. Die Menschen vor Ort sehen sofort, dass ich – ein Mensch aus einer total anderen Kultur — durch Schmerzen und Körperveränderungen meine Transformation durchgemacht habe, genau wie viele von ihnen. Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Tätowierungen, die mit jeder auf der Erde bekannten Methode gestochen wurden: japanisch, von Hand, mit Tierzähnen, elektrisch — und oben drauf über tausend Narben. So eine Mischung hat kaum jemand.«

FW: Forum Wissenschaft betrachtet oft auch kritische Aspekte der verschiedenen wissenschaftlichen und akademischen Disziplinen. Gibt es solche kritischen Betrachtungen auch bei der Kriminalbiologie bzw. auch bei den forensischen Wissenschaften?

MB: Ja, besonders zu »Rassen«. So gab es recht lange Schädelvermessungen, auch, weil man diese gut transportieren konnte. Weichteile zersetzen sich mit der Zeit und sind daher deutlich schwerer zu untersuchen. So hat man angefangen Knochen zu vermessen. Viele Museen haben zum Beispiel geguckt, ob es Unterschiede zwischen den sogenannten Ureinwohnern oder früheren Bewohnern und den später gekommenen Europäern. Das hat man in Nordamerika wie auch in Südamerika gemacht. An Knochen kann man sehr viele Sachen ablesen bzw. spiegeln sich viele Dinge in den Knochen wider: Krankheiten, Körpergröße, welche Muskelansatzstellen wo dran sind und so weiter. Irgendwann hat man dann gemerkt, das bringt nichts außer, dass wir feststellen, dass die genetischen Wirkungen, die häufig durch zufällige Begebenheiten entstehen, stattgefunden haben. Es hat also überhaupt keinen praktischen Nutzen, wie man früher dachte, in Bezug auf irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale. Teilweise konnten durch Schädelvermessungen zwar ganz brauchbare Vaterschaftsfeststellungen machten. Doch durch modernere Verfahren wie den genetischen Fingerabdruck wurde diese Methode komplett überflüssig.

Ähnlich sieht es auch bei der Hautfarbe aus. Hautfarben sind so unbedeutend. Würde man Albinos aus den unterschiedlichsten Bereichen der Welt (Europa, Afrika, Südamerika etc.) miteinander vergleichen, könnten wahrscheinlich 90 % der Menschen diese Albinos nicht ihrer Herkunftsregion zuordnen. Wahrscheinlich wären jetzt selbst liberale Menschen geneigt zu sagen »hey, das kann man doch wohl nicht sein. Die müssen doch eine total platte Nase haben oder irgendwelche auffallenden Augen«. Nein, es gibt alle möglichen Übergänge. Und bei Hautfarben ist das genauso. Klar gibt es Mikrounterschiede.

Aber wenn du mit einem Fahrrad durch die Welt fahren oder zu Fuß gehen würdest würde dir von Tag zu Tag der Unterschied überhaupt nicht auffallen. Kurz gesagt, es spielt überhaupt keine Rolle, es hat überhaupt keine Aussage. Wie nicht weniges resultiert dies wahrscheinlich aus einer kolonialistisch geprägten Problematik.

FW: Könnte die Kriminalbiologie dazu beitragen, künftig Todesfälle zu verhindern?

MB: Ja. Das gilt auch für die Rechtsmedizin. Vor wenigen Tagen haben die beiden Präsidentinnen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der auch ich seit dreißig Jahren angehöre, und des Berufsverbandes schön geschrieben: »Rechtsmedizinische Obduktionen liefern darüber hinaus unverzichtbare Daten für die Mortalitätsstatistik und damit für Prävention und Gesundheitsplanung. Erkenntnisse aus Todesfallanalysen (z.B. zum Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizide) fließen unmittelbar in gesundheitspolitische Maßnahmen ein. Durch die rechtsmedizinische Aufarbeitung von potentiellen Behandlungsfehlervorwürfen wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und Qualitätssicherung im Gesundheitssystem geleistet. Rechtsmediziner haben durch Forschung zu den Risikofaktoren für einen Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu dessen Inzidenzrückgang aktiv beigetragen.« In meinen Fall gilt auch für Täter aller Art, auch Serientäter, mit denen ich spreche: Wenn wir verstehen, wie und warum sie die Taten durchgeführt haben, dann können wir sie gemeinsam hoffentlich künftig leichter verhindern.

FW: Gleichberechtigung und Feminismus sind Themen, welche auch in der Wissenschaft und dem akademischen Bereich immer wichtiger werden. Während gerade die Naturwissenschaften früher Männerdomänen waren und Frauen der Weg an die Hochschulen erschwert wurde, ist es heute glücklicherweise anders. Wie sieht die Geschlechterverteilung in der Forensik aus? Und wie wird diese sich in den nächsten Jahren entwickeln?

MB: Das Fach wird von Frauen schon immer bevorzugt, weltweit.

FW: Wie sieht die Altersverteilung aus? Leidet auch die Forensik unter dem demografischen Wandel? Oder kommen genug junge Akademiker nach?

MB: Es kommen genug nach, da viele Menschen durch Krimis, Filme, Serien, Podcasts und dergleichen angezogen werden. Sie bleiben aber nicht im Fach, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

FW: Wenn ich Interesse an einer Tätigkeit in der Kriminalbiologie hätte, was wäre mein Eintritt? Was müsste ich studieren? Und wo? Uni oder FH? Gibt es bestimmte Hochschulen mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich?

MB: Du kannst tatsächlich jedes technische oder naturwissenschaftliche Fach kriminalistisch einsetzen: Lacke, Handy-Daten, Insekten auf Leichen, Blutspuren, Erd-Körnchen. es gibt nichts, was nicht auch in der Kriminalistik von Nutzen sein könnte. Jedes entsprechende Studium passt also.

FW: Wo könnten sich Interessierte weiter Informieren? Und gibt es bestimmte Bücher oder andere Texte, die Sie für die die Vorstellung, dass es rein gute oder weitere Lektüre (unbedingt) empfehlen würden?

MB: Die Websites der Unis, Behörden, Firmen, Arbeitgeber:innen und so weiter sind natürlich immer gute Adressen. Wenn ihr Interesse an meinen Lebensweg habt, empfehle ich euch mein Buch Mein Leben nach dem Tod.

FW: Die Informatik wird auch in der Biologie immer wichtiger. Einige sagen, dass das Fach / Modul »Bioinformatik« mittlerweile eigentlich ein verpflichtendes Modul im Grundstudium jedes biologischen Studienganges sein sollte. Gerade die Künstliche Intelligenz ist das Stichwort der aktuellen Zeit. Welche Entwicklungsperspektiven ergeben sich innerhalb der Kriminalbiologie und der Forensik aus der Digitalisierung bzw. dem Einsatz von KI?

MB: Du kannst damit alle Massendaten untersuchen, beispielsweise Verwandtschafts-Datenbanken oder Handy-Daten.

FW: Und wo liegen die Gefahren?

MB: Dass Daten in unsozialer Weise verwendet — vor allem verknüpft — werden.

FW: Was hat Sie motiviert in die Kriminalbiologie zu gehen? Und was motiviert Sie noch heute? Ist es die akademische Forschung? Die Lehre? Oder der Beitrag beim Aufklären von Straftaten und beim Helfen, Gerechtigkeit zu bringen?

MB: Gerechtigkeit zu bringen? Gerechtigkeit gibt es nicht, das kannst du leicht messen. Urteile sind je nach Tagesform oder Ort eines Gerichtes sehr unterschiedlich. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche zudem, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass manche Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden. Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen und Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen. Die Vorstellung, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und waren oder sind. Wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht. Nur messbare Spuren helfen dann dabei, zu erkennen, ob die Stories stimmen, was wirklich wann und wo geschehen ist und wie wir darauf gründend weitere Taten verhindern können. Am liebsten sind mir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die, die eigentlich nur zählen, messen und sortieren wollen.

Anmerkungen

1) Otto Prokop (1921-2009) war ein österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner und forensischer Serologe. Ab 1956 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig.

2) Mark Benecke 2006: »Wer's glaubt, ist selig...«. in: Der Stern, online: https://www.stern.de/kultu r/tv/csi—wer-s-glaubt—ist-selig---3320558.html.

3) Mark Benecke 2014: »Tattoos für die Völkerverständigung«. In: Tätowiermagazin 5/2014: 144.

4) Mark Benecke 2018: Menschenrassen. You-Tube: Dr. Mark Benecke's Official Youtube Channel.

5) Ritz S, Germerott T. 2025. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) und den Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner (BDRM) zu den »Empfehlungen zur fachlichen Entwicklung der Medizin mit einem Fokus auf vorklinische und klinisch-theoretische Fächer« des Wissenschaftsrates vom 31.10.2025. https://www.med.uni-wuerzburg.de/fileadmin/03230000/2025/2025-11-10_Stellungnahme_VVR_Bericht_-_signed_final.pdf.

6) Mark Benecke, Hock A 2019: Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann.

Die Aussagekraft fehlender biologischer Spuren

Quelle: Kriminalistik, 12/2025, Seiten 670 bis 676

Kristina Baumjohann & Mark Benecke

Der Artikel kann hier in einem Jahr vollständig gelesen werden. Bis dahin liegen die Rechte beim Herausgeber.

Artikel auf englisch

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

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Zusammenfassung

Auf einem Autobahnparkplatz wurde ein blutverschmierter, im Kopfbereich schwer verletzter und auf dem Boden liegender Mann gefunden. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmiert war. Er wurde von der Polizei verdächtigt, Verursacher dieser Verletzungen zu sein, verneinte dies jedoch. Wir wurden damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen und diese mit seinen Aussagen und den Blutspuren am Opfer abzugleichen. Experimente mit menschlichem Blut ermöglichten uns Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf.

1 Einleitung

Die Untersuchung von Blutspuren wird seit über einhundert Jahren zur Rekonstruktion von Tatabläufen und Unfällen, aber auch zur Überprüfung von Aussagen zu Tatgeschehen genutzt (Pietrowski 1895).

Blutspuren können Momente des Tatablaufes schlaglichtartig abbilden oder aber erst nachträglich erzeugt worden sein (durch den Rettungsdienst, Schmeißfliegen oder ähnliches, s.u.). Oft können teils genaue Bewegungsbilder gewonnen werden (Benecke 2019, Benecke & Benecke 2018, Benecke & Barksdale 2003, Bevel & Gardener 2008, Buck et al. 2006, Donaldson et al. 2010, James & Eckert 1998, James et al. 2005, Karger et al. 2008, Mishra et al. 2024, Rivers & Vega 2025).

Abb. 1: Der Faltenwurf lässt Rückschlüsse auf die Körperhaltung des Opfers während der Tatausübung zu (Wonder 2001)

Einfluss auf Formenmerkmale von Blutspuren und -tropfen nehmen beispielsweise die Beschaffenheit des Untergrunds bzw. der (bebluteten) Oberfläche, die Höhe der Blutungsquelle, die Geschwindigkeit des beschleunigten Blutes und das Volumen des Blutstropfens (Benecke et al. 2005B, 2012).

Auch Fliegen können Blutspuren „verursachen“ oder Blutspuren nachträglich verändern, wenn die Tiere das zuvor aufgenommene Blut auswürgen oder als Kotspur absetzen (Benecke & Barksdale 2003, Fujikawa et al. 2011, Striman et al. 2011).

Auf Oberflächen können Blutspuren verschiedene Muster abbilden: Beispielsweise kann der Faltenwurf in Kleidungsstücken Blutaussparungen aufweisen und so Rückschlüsse auf die Haltung der Kleidungsträger während der Blutung(en) geben. Wonder (2001) gibt hierzu ein typisches Beispiel: Eine erschossene Frau liegt in ausgestreckter Position auf dem Boden (Abb. 1). Der Täter hatte behauptet, das Opfer habe bei Schussabgabe gestanden. Das Blut-Faltenmuster der Hose (Abschattung, Faltenwurf) der toten Frau zeigt hingegen, dass das Blutmuster in sitzender und nicht in stehender Position entstanden sein muss.

Blutaussparungen können Hinweise auf den zeitlichen Ablauf einer Tat geben (Abb. 2).

Von Bedeutung ist gelegentlich, dass auf trockene textile Oberflächen auftreffendes Blut (kurzzeitig) nicht aufgesogen wird: Laut Wonder (2001) soll das daran liegen, dass die roten Blutkörperchen nicht durch die Textilfasern hindurch wandern können; sie müssen zunächst ihre Form verändern und können erst dann um die Fasern herumlaufen und in das (Stoff-)Gewebe eindringen. Die übrigen Blutbestandteile (Plasma) durchdringen hingegen problemlos den Stoff.

Treffen Blutstropfen auf feuchte textile Oberflächen, soll sich die Hülle der roten Blutkörperchen umgehend auflösen und den roten Blutfarbstoff sofort in den übrigen Teil des Blutes (Plasma) freigeben. In Folge erscheinen solche Blutspuren heller, größer und unregelmäßiger als Blutspuren auf trockenen Textilien (Wonder 2001).

Abb. 3: Die Blutspuren im Bild wurden zunächst wegen der zahlreichen Messerstiche als “gegeben” angesehen. Sie bilden bei genauer Vermessung aber Teile des Tatgeschehens ab: Durchtrennung des Halses mit Aushusten von Blut (Foto: Archiv Benecke)

Trifft Blut auf ein trockenes Kleidungsstück und kann dort trocknen, bevor es Feuchtigkeit bzw. Wasser ausgesetzt wird, sind die Blutspuren schwerer zu entfernen (Wonder 2001).

Die Bearbeitung von Blutspurenmustern setzt eine gute fotografische Dokumentation vor Ort voraus, insbesondere dann, wenn das Vorhandensein von Blut als durch die vorliegenden Verletzungen als selbstverständlich oder „naheliegend“ angesehen wird, wie dies etwa bei (Auto-)Unfällen leider oft der Fall ist (Benecke 2005a, 2007). Dasselbe trifft für schwere Verletzungen (Halsschnitte, massive Gewalteinwirkung etc.) zu, bei denen die teils reichlichen Blutspuren sehr wohl den räumlich-zeitlichen Verlauf abbilden (Abb. 3); nur erfordert ihre Auswertung viele Messungen der verschiedenen Blutspuren-Gruppen und damit viel Zeit. Oft sind auch Versuche erforderlich.

2 Fallbericht

Der hier vorgestellte Fall ereignete sich abends an einem Autobahnparkplatz in Österreich. Die Polizei fand das Opfer blutverschmiert und im Kopfbereich schwer verletzt auf dem Boden liegend. Neben dem Opfer stand der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmierte Angeklagte.

Das Opfer zeigte Zeichen stumpfer und scharfer Gewalteinwirkung, u.a. ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bruch des linken Felsenbeins, diverse Einblutungen im Schädelbereich, Prellungszonen am Dickdarm mit diffusen Einblutungen, eine geringe Milzverletzung, streifige Oberhautabtragungen der Brustkorbvorderseite, ein an einen Schuhabdrucke erinnerndes Einblutungsmuster am Kinn und eine Schnittwunde am Hals, die rechtsmedizinisch mit dem Einwirken durch eine abgebrochene Flasche in Einklang gebracht wurde.

Der Angeklagte gab an, nichts mit den Verletzungen zu tun zu haben. Er habe von einer unbekannten Person einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, der ihn zunächst benommen machte. Wenig später habe er das blutüberströmte Opfer auf dem Rücken liegend am Boden bemerkt und habe ihm helfen wollen. Dabei seien seine Blutantragungen entstanden: Er sei mit dem rechten Fuß über den Oberkörper des Verletzten gestiegen und habe ihn Mund-zu-Mund beatmet. Sein rechtes Knie sei dabei etwa auf Hüfthöhe des Opfers auf dem Asphalt gelegen, sein Oberkörper sei über den Oberkörper des Opfers gebeugt gewesen. Er habe sich beim Rettungsversuch das Blut des Opfers wohl ins Gesicht und an seine Kleidung geschmiert.

Der Angeklagte hatte u.a. Hautabschürfungen an den Knievorderseiten und wies eine stumpfmechanische Gewalteinwirkung gegen die rechte Hinterkopfhälfte auf.

Hinter dem Fahrzeug des Angeklagten sicherte die Polizei eine Mineralwasserflasche mit Blutantragungen. Die Polizei vermutete, dass sich der Angeklagte mit dem Wasser die Blutantragungen von der Hose und aus dem Gesicht habe waschen wollen. Der Angeklagte konnte sich daran nicht erinnern und gab an, sich während der Hilfeleistung die Hände an seiner Jogginghose getrocknet bzw. abgewischt zu haben.

Abb. 4: Jogginghosen für die Versuche

Das Opfer und der Angeklagte waren zum Zeitpunkt des Geschehens alkoholisiert (Opfer: 2,47 g/l Blutalkohol = 2,47 Promille, Angeklagter: 0,80 mg/l Atemalkohol = 1,6 Promille).

Wir wurden u.a. damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen. Dabei haben wir zu Folgendem Experimente durchgeführt und anhand der Ergebnisse geprüft, ob die Blutspuren mit den Schilderungen des Angeklagten in Einklang zu bringen sind:

1. Trocknen von Blutspritzern auf der Jogginghose

2. Mögliches Abwaschen von Blutspuren

3. Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

4. Hocken, Knien

Unsere experimentelle Fallbearbeitung fußte auf folgenden Grundannahmen:

- Die auf den Fotos erkennbaren rötlich-braunen Spuren im direkten Tat-Umfeld stellen Blut dar.

- Diese Blutspuren stammen vom Opfer.

Da das Opfer des Angriffs sofort in ärztliche Behandlung übergeben werden musste, wurde unter den Fingernägeln des Opfers keine Erbsubstanz abgerieben.

3 Material & Methoden

3.1 Kleidung

Im polizeilich-spurenkundlichen Labor des Auftraggebers wurden die bebluteten Spurenträgergesichtet und die textile Zusammensetzung der sichergestellten Kleidungsstücke festgestellt.

Für die Versuchsreihen wurden Jogginghose gekauft, die der Original-Jogginghose farblich und in ihrer stofflichen Zusammensetzung hinreichend entsprachen.

Vor Versuchsdurchführung wurden die Hosen bei 40 °C mit Color-Waschmittel ohne Weichspüler gewaschen (Abb. 4).

Die Experimente wurden mit frischem menschlichem Blut in unserem spurenkundlichen Labor durchgeführt.

3.2 Blutabnahme

Abb. 6 (oben): Jogginghose des Verdächtigen.

Abb. 7 (unten): Feine Blutspritzer in einem verwaschenen, breit rötlich-braun gefärbtem Feld.

Es fanden zwei Experimentier-Reihen im Abstand von acht Tagen statt: R1 und R2. In R1 wurde das im Zentrifugenröhrchen gewonnene menschliche Blut schonend mit 2 mL 1,15 % Na2-EDTA-Lösung pro 50 mL Vollblut versetzt, während in R2 aus Gründen der höchstmöglichen Genauigkeit betreffs kleiner Tropfen das auf dieselbe Weise gewonnene Blut ohne den Gerinnungshemmer EDTA benutzt wurde (Abb. 5).

Vor der Blutgewinnung waren die Experimente bereits aufgebaut, so dass das Blut sofort verwendet werden konnte.

4 Ergebnisse

4.1. Trocknen von Blutspritzern auf grauer Jogginghose

Die Jogginghose des Verdächtigen zeigt von oben nach unten verlaufende Spritzspuren, die in einem wässrig-blutigen Bereich der Hose liegen (Abb. 6); die Spritzspuren haben sich in diesem Bereich nicht aufgelöst (Abb. 7).

Dies weist darauf hin, dass die Jogginghose des Verdächtigen bereits getrocknete Blutstropfen aufwies, als sie mit Wasser und/oder einem Blut-Wasser-Gemisch in Kontakt kam: Kleine Blutspuren bleiben auf der Oberfläche eines trockenen Stoffs erhalten; sie verschwimmen oder lösen sich beim Auftreffen auf feuchten Oberflächen auf (Abb. 8) (Wonder 2001). Weiter folgt daraus, dass die Wunden des Opfers spritzend bluteten als der Verdächtige Kontakt mit dem Opfer hatte; seine Jogginghose war zu diesem Zeitpunkt laut Aussage des Verdächtigen trocken.

Befindet sich zuerst frisches Blut ohne Wasser auf der Hose, so trocknet dieses sehr schnell „fest“ (nach zwei Minuten bei Raumtemperatur) (Abb. 9). Dieses „alte“ Blut verläuft danach nicht mehr vollständig durch Befeuchtung mit Wasser. Auch beim Hineinknien in ein Blut-Wasser-Gemisch mit bereits blutbespritzter Hose lösen sich die ursprünglichen Spritzer nicht vollständig auf (Abb. 10). In beiden Fällen bleiben die ursprünglichen, zuvor in kurzer Zeit bereits getrockneten Spuren je nach Menge der verdünnenden Flüssigkeit und je nach Trocknungszeit umrissartig dauerhaft oder zeitweilig erhalten.

Dies zeigt, dass auf den Knie-Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch trockenen Jogginghose des Verdächtigten auch Tropfen eines Blut-Wasser-Gemisches gelangt waren.

Abb. 14: Abdrücke im Gesäßbereich: Derart breit verlaufen, wenn / weil die Hose vorher wässrig war bzw. vorher kein Blutfleck dort trocknete. Hocken (statt Knien) in Blut: Aussparungen wie in Abb. 11.

Die Blut-Spritzspuren auf der Rückseite der Jogginghose deuten auf ein Spritzen des Blutes von einer Stelle über Bodenhöhe hin und nicht auf eine sich flach am Boden befindliche Quelle (Abb. 11). Dabei gelangte das Blut nicht durch die Schwerkraft von oben nach unten tropfend auf die Hose des Verdächtigen, sondern durch beschleunigtes Blut des sitzenden oder stehenden Opfers.

Dass das Blut durch Aushusten des Verletzten an die Hose des Verdächtigten gelangt ist, erscheint unwahrscheinlich: Der Teil der Hose des Verdächtigen, der die betreffenden Spuren aufweist, war bei einer möglichen, versuchten Rettung des schon liegenden Verletzten abgeschirmt.

Gelangte das Blut im Stehen an die Hose des Verdächtigten, dann durch Spritzen von oben her und nicht während der versuchten Rettung des Opfers.

Auch ein "Hände Aus- oder Abschütteln" nach erfolgter Rettungsmaßnahme durch den Verdächtigten kommt für die Entstehung der Blutspritzer nicht in Betracht: Die kleinen Spritzer wären sonst sehr stark verlaufen oder unsichtbar.

4.2 Mögliches Abwaschen des Verdächtigen vs. Begießen des Verletzten

Die Aussage des Verdächtigen, dass er sich nicht nennenswert abgewaschen habe, kann stimmen. Unsere Versuche zeigen, dass er sich stattdessen eher in ein bereits vorhandenes Blut-Wasser-Gemisch gekniet hat. In Hinblick auf die uns bekannten Informationen kann dieses durch Begießen der verletzten, blutenden Person mit Wasser entstanden sein.

Die Hände und das Gesicht des Verdächtigen waren bei Eintreffen der Polizei noch beblutet: Die leicht angerundeten, recht scharfen Blut-Ränder in der Gesichts-Beblutung stehen in Einklang mit einem "eigene-Hände-ins-Gesicht-schlagen" (Abb. 12) und dann folgendem Trocknen der dünnen Blutschicht im Gesicht.

Nach Beblutung und Trocknung des Blutes in seinem Gesicht kann sich der Verdächtige (später) Wasser ins Gesicht gebracht haben; dies lassen die Aussparungen um seine Augen, die er dabei wohl geschlossen hatte, vermuten.

4.3 Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

Eine Mund-zu-Mund-Beatmung erscheint im vorliegenden Fall zunächst nicht ausgeschlossen. Aus blutspurenkundlicher Sicht ist aber bedeutsam, welche Körperhaltung der Verdächtige einnahm (Abb. 13): Auffällig ist, dass der Schritt seiner Hose nicht beblutet war: Eine Mund-zu-Mund-Beatmung wäre so wenn, dann vollständig von der Seite aus ausgeführt worden (Abb. 19). Diese Spurenlage steht nicht in Einklang mit seiner gegenüber der Polizei gemachten Aussage, dass er bei Rettungsgriffen o.ä. den liegenden Mann mit mindestens einem Bein überstiegen und dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgeführt habe: Bei einer solchen Haltung "über" dem Körper des Verletzten wäre Blut des Opfers an den Bereich des Schrittes der Hose gelangt.

4.4 Hocken, Knien

Am unteren, hinteren Hosenbein (auf dem Übergang zwischen Hose und Abschluss-“Bündchen“ der Jogginghose) des Verdächtigen ist eine „Abschattung“ in Form einer Unterbrechung der Blutantragung zu erkennen. Diese Blutspur-Aussparung lässt erkennen, dass und wie der Angeklagte zwischenzeitlich gehockt oder gekniet hat (Abb. 11, 14).

Bei dieser Aussparung kann und dürfte sich um eine Übertragung des Blutes von den Schuhen des Verdächtigen auf seine Hose handeln: Die Rückseiten seiner Schuhe weisen Blutantragungen auf; von hier ist das Blut wohl an den Saum der Hose gelangt (Abb. 15).

Abb. 15: Blutspuren auf Schuhe der verdächtigen Person (Foto: Auftraggeber)

Dies zeigt auch unsere Nachstellung: Die Aussage des Verdächtigten, er sei (zwischenzeitlich) mit einem Knie auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft und beiden Füßen auf dem Boden über das Opfer gebeugt gewesen, kann richtig sein (Abb. 13).

Die bloße Mund-zu-Mund-Beatmung eines überraschend angetroffenen Verletzten erklärt die Beblutung der Rückseiten der Schuhe des verdächtigen Manns auf deren Außen- und Rückseiten jedoch nicht (in diesem Maße).

Der Kontakt zwischen beiden Männern kann sich nicht ausschließlich am Boden abgespielt haben: Sofern sie miteinander gekämpft haben, müssten sie auch im Stehen Gewalt ausgesetzt gewesen sein bzw. ausgeübt haben. Wäre der Verdächtigte unbeblutet und aus seiner Ohnmacht soeben erwacht zum am Boden liegenden verletzten Mann gelangt und hätte ihn gem. seiner Aussage mit einem Bein überstiegen, ließen sich weder das fehlende Blut im Schritt der Jogginghose des Verdächtigen noch die zuvor auf seiner grauen Jogginghose getrockneten Blutspritzer erklären.

5 Zusammenfassung

Es handelt sich hier um eine kritische Einzelfallbetrachtung. Wir konnten mittels der durchgeführten Blutspur-Experimenten zeigen, dass

- der Verdächtige mit der stehenden oder sitzenden, jedenfalls nicht nur liegenden Person Kontakt hatte, als diese spritzend blutete oder der Verdächtige Schwingbewegungen mit der Hand oder einem Gegenstand machte.

- die verletzte Person auf die trockene Hose des Verdächtigen blutete, auf die erst später Wasser gelangte.

Die Aussagen des Angeklagten stehen damit mit den blutspurenkundlichen Befunden überwiegend nicht in Einklang.

Die Durchführung der Experimente erlaubte die Überprüfung von Aussagen vom Täter im Sinne des Ein- oder Ausschluss-Verfahrens. Die Ergebnisse hätten durch reines Nachdenken nicht gewonnen werden können.

Wichtig bei einer experimentellen Überprüfung ist grundsätzlich, originale oder original-nahe Objekte und Spurenträger eines Falls zu verwenden sowie möglichst viele gute Fotos mit Maßstab zu erhalten.

Experimente stellen Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf und damit schlaglichtartig Teile des Messbaren dar. Sie erzielen bei einem adäquaten Aufbau und exakter Durchführung eine hohe Aussagekraft. Wie die Ergebnisse dieses Beispielfalles zeigen, ist der Aufwand der experimentellen Überprüfung gerechtfertigt.

Literatur

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Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 1

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In einer Wohnung war der Vormieter verstorben, dessen Verwesungsflüssigkeit über längere Zeit in die Holzdielen des Altbaus gesickert. Der Nachmieter sandte uns Proben des Holzes und verschiedener Insekten zu, die aus der Wohnung stammten.

In der Wohnung sei ein auffälliger Leichengeruch wahrzunehmen. Wir wurden damit beauftragt zu klären, ob die Verfärbungen im Holzboden durch eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen. Die Art-Zusammensetzung der Insekten und ein Ammoniak-Test deuteten sicher auf das längere Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin.

1 Einleitung/Fallbeschreibung

Unser Auftraggeber hatten eine Wohnung gemietet, in der der Vormieter verstorben war. Dieser lag über längere Zeit unentdeckt tot in der Wohnung auf dem Holzfußboden. Dort waren die Holzdielen verfärbt. In der Wohnung war ein auffallender Leichengeruch vorhanden. In der jetzt leeren Wohnung fand der Auftraggeber immer wieder verschiedene Insekten.

Der Vermieter wollte, wie in der betreffenden Großstadt wegen Wohnungs-Knappheit üblich, keine aufwendigen Renovierungsarbeiten in Auftrag geben und die Wohnung umgehend wieder vermieten. Er gab an, dass:

  • kein Leichengeruch vorläge; nur der Geruch abgeschliffenen Holzes sei wahrnehmbar.

  • die sichtbaren Flecken von jeder möglichen Flüssigkeit stammen könnten, z.B. auch von Kaffee.

  • die in der Wohnung vorgefundenen Fliegen zufällig von außerhalb gekommen seien, sich auch nicht in der Wohnung entwickelt hätten und keinem Leichengeruch gefolgt seien.

Zur Klärung, ob die Verfärbungen im Holzboden durch dort eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen, erhielten wir Insekten- und Holzproben. Wir konnten einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Tiere und der ausgetretenen und in den Holzfußboden (und weit darunter) gesickerten Leichenflüssigkeit feststellen.

2 Material und Methoden

2.1 Insekten

Die Insekten wurden mit einem Stereomikroskop Binokular (Leica MZ12.5, maximal 100x) und ausgewählter Bestimmungsliteratur untersucht (Hackston 2014, 2018, 2019a, 2019b, Szpila 2010).

2.2 Dielenbretter/Geruch

Wegen des Zeit- und Leidensdrucks der Betroffenen war vor Ort keine Begehung und Probennahme durch uns möglich.

Uns lagen jedoch Fotos und ein Video der Wohnung in sehr guter Qualitat vor.

Die Proben der Holzdielen wurden uns in Gläsern mit Schraubverschluss zugesandt. In den Gläsern waren die Holzstücke mehrfach in Ziploc-Druckverschluss-Beuteln ummantelt.

Die Proben waren dabei jeweils in den originalen drei Lagen Zi-plock-Beuteln luftdicht verpackt (Abb. 1) ganz innen befand sich je einmal ein weiterer kleiner luftdichter Beutel mit Holzmaterial.

Das Holzmaterial wies teils eine deutlich dunkle, wie verkohlt wirkende, Verfärbung auf (Abb. 2). Die Holz-Proben bestanden aus kleineren und etwas größeren Holzstücken (Abb. 3).

2.3 Ammoniak-Test

Um einen Ammoniak-Schnelltest (Fa. Bosike/Like Sun, Essen) zum Ausschluss von Kaffee und als Hinweis auf Fäulnisflüssig-keit (Patel et al. 2023, Van en Oever 1978) durchzuführen wurde ein kleines Stück einer dunkel verfärbten Stelle des Holzbodens in 3 ml sterilem Wasser (Einweg-Ampulle, Fa. Addi-Pak) in einem sterilen, DNA-freien Zentrifugen-Röhrchen (Fa. Greiner) einige Minuten geschwenkt (Abb. 4) und anschließend der Ammoniak-Teststreifen hineingetaucht.

3 Ergebnisse

3.1 Insekten

Die Proben enthielten folgende Insekten(gruppen):

Fleischfliegen der Gattung Sarcophaga spec. (Abb. 5)

  • Schmeißfliege der Art Calliphora vicina (Abb. 6)

  • Teppichkäfer (Speckkäfer), vermutlich der Gattungen Attagenus spec.und Anthrenus spec. (Dermestidae) (Abb. 7)

  • Speckkäferlarven (Abb. 8)

  • Erzwespen, vermutlich der Familie Torymidae (Chalcidoidea) (Abb. 9)

Auffallend war, dass in den Proben Fleischfliegen mit 56 Tieren am stärksten vertreten sind, gefolgt von Teppichkäfern (n = 41) und Erzwespen (n = 9), während nur eine Schmeißfliege enthalten war (Tabelle 1). Die Speckkäferlarven waren zahlreich und wurden nicht gezählt.

Abgesehen von den Erzwespen treten sämtliche in den Proben vorgefundene Insekten in Verbindung mit Verwesungsprozes-sen menschlicher und tierischer Körper auf (Al-Khalifa et al. 2020, Diaz-Aranda et al. 2018, Farrell et al. 2015, Ren et al. 2017). Während Schmeißfliegen tote Körper in früheren Verwesungsstadien aufsuchen (Bugelli et al. 2015, Byrd & Castner 2001a), besiedeln Fleischfliegen Leichname während des gesamten Verwesungsprozesses (Afifi et al. 2022, Barbosa et al. 2021, Battan-Horrenstein et al. 2020, Bonacci et al. 2014, Byrd & Castner 2001b, Cherix et al. 2012, Gunn 2020, Hediye-loo et al. 2024, Pinto Vairo et al. 2017). Dies gilt in Großstädten besonders für Wohnungsleichen. Teppich- bzw. Speckkäfer und deren Larven treten in späteren Verwesungsstadien (Austrocknung) auf und bevorzugen vertrocknendes organisches Gewebe (auch Mumien, ausgestopfte Tiere usw.), von dem sie sich ernähren (Byrd & Castner 2001c, Charabidze et al. 2013, Gunn 2018, Kadej et al. 2020). Erzwespen leben räuberisch (auch) von anderen leichenbesiedelnden Insekten wie den hier in den Proben vorkommenden Schmeiß- und Fleischfliegen (Frederickx et al. 2013). Sie treten erst später im Zuge der Leichenbesiedlung auf, da sie nicht die Leiche als solche, sondern auf der Leiche lebende Tiere besiedeln.

Einzelne erwachsene, tote Fliegen wiesen Löcher und Ausfres-sungen auf, die von Speckkäfern und Erzwespen stammen können. Dies ist ein weiterer Hinweis auf eine länger bestehende Besiedlung bzw. das längere Vorhandensein der leichenbesie-delnden und vom Leichengeruch angezogenen Tiere (Abb. 10).

3.2 Geruch

Bereits beim Öffnen der Glasdeckel (also der äußersten Verpackungshülle der mehrfach verpackten Proben) war der Raum des Labors sofort von typischem Zersetzungsgeruch erfüllt. Alle Proben verströmten durch die geschlossenen Tüten hindurch bereits deutlichen Fäulnisgeruch.

Kaffee-Geruch oder ähnliche Gerüche waren in keinen der zwei Proben - auch beim Öffnen der Holzproben-Beutel und direktem Geruchs-Test mit der Nase - wahrzunehmen.

3.3 Ammoniak

Der Ammoniak-Schnelltest schlug bereits nach wenigen Sekunden des Eintauchens deutlich an; normalerweise dauert dies laut Hersteller eine halbe Minute (Abb. 11).

4 Zu den Aussagen des Vermieters

4.1 Leichengeruch und „Flecken"

Laut Auftraggeber teilten „sämtliche Mitarbeitende ... [des Vermieters], die in der Wohnung waren sowie der ... [vom Vermieter] beauftragte Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer [...] mit, es läge kein Leichengeruch vor, sondern nur der Geruch nach abgeschliffenem Holz." Dies ist für das verfärbte Holz nicht richtig: Dieses roch sehr deutlich wahrnehmbar nach Leiche. Unabhängig davon mag ein starker Geruch nach abgeschliffenem Holz oder sonstiger Geruch in der Wohnung vorgelegen haben. In direkter Nähe des Holzes muss der Leichengeruch jedoch wahrnehmbar gewesen sein.

4.2 Fliegen

Die Auftraggeber teilen mit: „Der Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer hat bei seinem zweiten Besuch der Wohnung ca. 3 - 5 Exemplare der Fliegen aus dem großen Zimmer mitgenommen, um sie von einem befreundeten Biologen bestimmen zu las-sen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden uns nicht mit-geteilt. „Der Vermieter soll angegeben haben: „Ein Experte hat uns bestätigt, dass diese Fliegen von außerhalb gekommen sein müssen und sich nicht in der Wohnung entwickelt haben können.”

Diese Aussage ist teils richtig: Die Insekten können von draußen in die Wohnung geflogen sein, da sie vom für die Insekten attraktiven Leichen-Geruch angezogen wurden. Sie müssen sich nicht zwingend dort entwickelt haben. Sie können sich am verfaulenden Gewebe auch „nur" nähren bzw. Eier ablegen.

Das Vorhandensein der Speckkäfer und erwachsenen Fliegen weist darauf hin, dass die Besiedlung/das Hineinfliegen von Insekten in die entweder mit Tier-Fleisch vermüllte oder eine menschliche Leiche aufweisende Wohnung schon seit längerer Zeit stattgefunden hat: Es handelt sich um sog. späte Leichenbesiedler. Sämtliche von uns untersuchten Insekten treten nur an Leichen-Fundorten mit zerfließenden Leichen oder in Umgebungen mit hohem Fleisch-Anteil in altem Müll (tierische oder menschliche Leichenteile) auf.

5 Diskussion

Die hier untersuchten Insekten sind entweder Leichenbesiedler oder stehen eindeutig mit Verwesungsprozessen bzw. davon angelockten Tieren in Verbindung.

Uns ist kein Geruch bekannt, der ähnlich wie die hier vorliegende Art des Leichengeruches zusammengesetzt ist. Ein ähnlicher Geruch kann hin und wieder durch Berge von Müll entstehen, der dann aber vorwiegend aus Fleischresten bestehen muss. Nur dann entwickelt sich dieser Geruch, und dann nur nach ausreichend langer „Reifung". Die dazu benötigte Zeit ist temperaturabhängig: Je wärmer, desto schneller. Da die Wohnung auf dem uns übersendeten Video nicht vermüllt, sondern leer wirkt, müsste es sich hier vormals um große Mengen Mülls mit hohem Fleisch-Anteil gehandelt haben.

Der Ammoniak-Test schlägt bei Vorliegen zersetzlicher Stoffe an, nicht bei „normalen" Holz Böden oder -Stücken. Dies zeigt, dass in die Dielenbretter Verwesungsflüssigkeit eingedrungen sein muss (und kein Kaffee).

Uns liegt ein Video aus der Wohnung vor, auf dem zu erkennen ist, dass die Zwischenräume des Fußbodens Risse aufweisen, auch dort, wo der Leichnam gelegen haben soll. Durch diese Risse können Verwesungsflüssigkeit und Gewebestücke des

Leichnams in den Bereich unter den Dielen gelangt sein (Pfütze). Leichenflüssigkeit kann in das eigentliche Holz nicht ver-siegelter Böden eindringen und verbleibt dann wegen der Klebe-Eigenschaften des halb verflüssigten Leichen-Materials dort oder unter den Holz-Dielen.

Hin und wieder werden derart belastete Böden versiegelt, um den Geruch „einzukapseln" oder mit Chemikalien behandelt, die den Geruch lösen oder überdecken sollen (beispielsweise durch den (Himbeer-Geruch von Maskomal oder ähnlichem).

Sinnvoller ist aber die Beseitigung der Geruchs-Quelle; dies ist vergleichbar mit benutzten Baby-Windeln, die auch weggeworfen oder gereinigt und nicht mit Geruchs-Überdeckung versehen werden.

Das gemeinsame Auftreten der Insekten aus den Wohnungs-Proben deutet sicher auf das Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin, deren Geruch die Tiere angelock hat. Die Fäulnisflüssigkeit muss in genügender Menge und vermutlich über einen längeren Zeitraum im Holzboden gewesen sein, andernfalls wären nur Schmeißfliegen anzutreffen, die Leichen früh besiedeln. Speckkäfer und Erzwespen treten als spätere Leichenbesiedler auf (Benecke & Baumjohann 2014): Teppichkäfer und deren Larven dienen vertrocknetes organisches Gewebe und auch tote Insekten (wie beispielsweise Fliegen) als Nahrungsquelle. Gerade bei Wohnungsleichen und Müllbergen sind sie jedoch seltener anzutreffen, da meist rasch eine Räumung und Säuberung der verschmutzten Bereiche stattfindet. Besonders Erzwespen werden dann naturgemäß nicht mehr angelockt: Sie besiedeln Jugend-Stadien anderer Insekten.

Das Fehlen von Schmeißfliegenlarven und deren Puppen in den Proben und auf den Fotos geben einen Hinweis darauf, dass nunmehr kein frisches, neues organisches Material vorhanden ist, von dem sich die Schmeißfliegenlarven ernähren können.

Da Schmeißfliegenlarven zur Verpuppung meist dunkle und enge „Verstecke" aufsuchen, könnten sich Fliegenpuppen und -larven auch unter den Dielenböden und hinter Teppichleisten befinden. Dies ist hin und wieder der Fall und führt teils zu für die Bewohner:innen nicht nachvollziehbarem Fliegenvorkommen. Beispielsweise kann eine Wohnung geräumt und gereinigt werden, die Puppen der Fliegen sind aber noch in Ritzen versteckt und die Fliegen schlüpfen dann später aus den Puppen (vergleiche Fall Nr. 2 „Leere Wohnung" in Benecke 1996).

Die „Mischung" toter Fliegen, Käfer und Erzwespen in der hier betroffenen Wohnung bedeutet, dass die Tiere vom Leichengeruch angelockt wurden und in der Wohnung verstarben bzw. dort genügend Nahrung (auch Leichenflüssigkeit) vorhanden war. Dabei ist es unwesentlich, ob diese Fliegen sich in der Wohnung (aus Larven) entwickelt haben oder erwachsene In-sekten in die Wohnung geflogen sind. Wesentlich ist der Grund für ihr Erscheinen: der für sie anziehende Verwesungsgeruch.

Literatur

siehe .pdf


Auf falscher Fährte: Leichenerscheinungen und Fehlinterpretationen

Fehlinterpretationen und damit nicht beachtete Einflussfaktoren können kriminalistische Ermittlungen auf die falsche Fährte führen und Sachbeweise unberücksichtigt lassen.

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