Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 2

Quelle: Kriminalistik, 5/2025, Seiten 271 bis 276

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 2: (GEwalt-) Spuren im Gewebe

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Zusammenfassung

Ein Obdachloser erlitt bei einem Angriff durch zwei Männer drei tödliche Bruststichverletzungen. Da die ein- und zweischneidigen Tatmesser aufgrund ihrer Klingenlängen nicht den Stichkanaltiefen entsprachen und die Bruststichkanäle sowohl spitze als auch abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen, wurden wir damit beauftragt zu untersuchen, ob die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und ob anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können. Unsere Untersuchungen führten wir anhand einer ausführlichen Zusammenfassung der bekannten Quellen durch.

1 Einleitung

Zwei Männer griffen laut polizeilichen Kenntnissen einen Obdachlosen mit je einem Messer an. In Folge dessen erlitt das Opfer mehrere Stichverletzungen am Körper; drei Bruststichverletzungen waren für ihn tödlich.

Tabelle 1: Maße der tödlichen Bruststichverletzungen des Opfers

Im Zuge einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung wurden bei einem der Angreifer die Tat-Messer in dessen Küchen-Spülbecken gefunden. Die rechtliche Vertretung der Männer stellte uns die Frage, ob diese Messer die Wunden am Opfer verursachten haben könnten, da die Klingenmaße nicht den Maßen der Stichkanäle zu entsprechen schienen (Tabelle 1) und die Bruststichkanäle spitze und abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen. Dies sollte der Einordnung der rechtsmedizinischen Befunde dienen. Da wir auch blutspurenkundlich arbeiten (Benecke 2019, Benecke et al. 2012, Benecke & Barksdale 2003), erklärten wir uns zur Begutachtung bereit.

Die Messer, in der Akte als Dolche bezeichnet, wurden wie folgt beschrieben:

  • Dolch 1: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge beidseitig geschärft (zweischneidig)

  • Dolch 2: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge mit Wellenschliff und Messerrücken (einschneidig)

Abb. 1: Tatmesser (Foto Polizei)

Zur Breite der Messerklingen fanden sich in den Akten keine Angaben, auf unscharfen Fotos konnte eine Klingenbreite von ca. 1,2 cm geschätzt werden (Abb. 1).

In der vorliegenden Ausarbeitung beziehen wir uns auf die in Abb. 2 dargestellten Begriffe „Länge“, „Breite“ und „Tiefe“ einer Stichverletzung. So ist beispielsweise die Länge einer Stichverletzung nicht mit der Tiefe des Stichkanals zu verwechseln, sondern bezieht sich auf die Länge der Einstichwunde an der Haut- oder Organoberfläche.

Es sollte im Sinne eines Ein- oder Ausschlusses der gefundenen Messer hier geprüft werden, ob:

a. die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und

b. anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können.

Da für die Auftraggeber keine andere Beratungsmöglichkeit bestand und es sich um ein klassisches Thema der Kriminalistik handelt, stimmten wir einer Bearbeitung zu.

2 Begriffsdefinitionen & Informationen

2.1 Stichverletzung

Bei einer Stichverletzung kommt es zur Entstehung eines Stichkanals durch eine Gewebedurchtrennung mit einem spitzen oder spitz zulaufenden Werkzeug, das überwiegend senkrecht zur Oberfläche des Körpers geführt wird (Madea 2015).

2.2 Schnittverletzung

Bei einer Schnittverletzung entstehen längs verlaufende scharfe Gewebedurchtrennungen, bei denen ein Werkzeug parallel und/oder tangential zur Körperoberfläche geführt wird (Madea 2015).

2.3 Spaltbarkeitslinien/Spaltlinien

Abb. 3: Spaltbarkeitslinien der Haut (Cox 1941)

Spaltbarkeitslinien wurden 1861 von dem österreichischen Anatom Karl Langer mit Verweis auf eine Beobachtung des Mediziners Guillaume Dupuytren beschrieben; sie werden daher auch Langer’sche Linien genannt. Sie stimmen mit der natürlichen Ausrichtung der Kollagenfasern (elastischen Fasern) der Dermis (Lederhaut, direkt unter der Oberhaut gelegen) überein (Mueller 1953). Ihre Anordnung in einzelnen Hautpartien ist unterschiedlich; sie verlaufen in die Richtung der geringsten Dehnbarkeit der Haut (Abb. 3).

Die im Moment des Auftreffens erzeugte Form des Stichwerkzeuges in der Haut/dem Organ kann durch Hautspannung und die Richtung der Spaltbarkeitslinien verändert werden (Abb. 4): Verletzungen in Richtung der Spaltbarkeitslinien klaffen weniger auseinander, da parallel zum Verlauf der elastischen Fasern der Haut gestochen wird. Werden diese Fasern hingegen quer durchtrennt, kommt zu einer auseinanderklaffenden Wunde (Madea 2015). Durch die Abhängigkeit der Wundform von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien kann ein klaffender, schlitzförmiger Hautschnitt durchaus auch von einem runden Stichwerkzeug verursacht werden (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Byard et al. (2005) beschreiben hierzu zwei Fälle: In Fall 1 wird aufgrund einer rechteckigen Wundgestalt zunächst ein rechteckiges oder quadratisches Werkzeug als Verursacher der Wunden angenommen (Abb. 5a). Da nach Eintritt des Todes die Hautspannung entfiel, veränderten sich bei der Obduktion die Stichwunden und ähnelten „typischen“ Messerstichwunden (Abb. 5b). In Fall 2 bewirken die Oberflächenspannung und Spaltbarkeitslinien die Veränderung zunächst kreisförmiger Hautdefekte in schlitzartige, an typische Messerstiche erinnernde, Defekte (Abb. 6).

Drei- und vierkantige Gegenstände hingegen hinterlassen eher charakteristische, d.h. drei- oder vierkantige Wunden (Abb. 7,8) (Mueller 1953).

3 Rekonstruktionen und Zuordnungen zu Gegenständen

Die Zuordnung von einem verwendeten Werkzeug zu einer Verletzung ist schwierig und manchmal nicht eindeutig durchführbar. So ist die Annahme falsch, Stichwerkzeuge ohne schneidende oder scharfe Kante hinterließen an der Haut oder den Organen querschnittgetreue Wundöffnungen. Runde Werkzeuge hinterlassen beispielsweise nicht zwingend runde Verletzungsmuster: Ein rundes Instrument kann eine schlitzförmige Öffnung in der Haut hinterlassen, die zunächst nicht von einem Messerstich zu unterscheiden ist (s. Fallbeispiele von Byard et al. in Abb. 6). Dabei orientieren sich Form, Länge und Breite des Haut-Schlitzes an der Spaltbarkeit der Hautdurchtrennung und damit an der Ausrichtung der Spaltbarkeitslinien (s. auch Abb. 3,4) (Prokop 1960).

3.1 Rekonstruktion der Werkzeugform anhand der Wunde

Wundwinkel sind häufig charakteristisch ausgeformt (Abb. 9): Einschneidig-schneidwärts gelegene Wundwinkel laufen spitz zu.

Abb. 7: Die v-förmige Stichwunde auf dem Rücken des Opfers im oberen Bild wurde durch die Lanze mit aufgesetzem Dreikantschaber im unteren Bild verursacht (oben: Kiehne 1965, unten: Archiv Benecke

Messer mit einem rundlichen, kantigen oder V-förmigen Rücken hinterlassen häufig einen gegabelten Wundwinkel (Abb. 7,8,10) (Eisenmenger 2004).

Ein solch gegabelter Wundwinkel auf der Seite der Werkzeugschneide kann allerdings auch durch eine (schon leichte) Änderung der Klingenachse während des Stechens hervorgerufen werden, da sich das Messer beim Herausziehen in seiner Lage geändert hat. Damit ist es in diesen Fällen nicht mehr möglich, von der Stichwunde bzw. dem Wundwinkel auf die Form des Tatwerkzeuges zu schließen (Eisenmenger 2004, Madea 2015) (Abb. 10,11).

Ein und dasselbe Messer kann bei mehreren hintereinander ausgeführten Stichen einmal einen Stich und ein anderes Mal einen Schnitt in der Haut hinterlassen (Abb. 12). Auch das ganze Erscheinungsbild der Wunde kann variieren und hängt von dem Verlauf der Spaltbarkeitslinien ab (Abb. 4-6) (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Die Form einer Stichverletzung lässt unter Umständen Rückschlüsse darauf zu, ob das Messer eine oder zwei Schneiden besaß (Abb. 13). Kann dies anhand des Stichkanals und der Verletzung aber nicht eindeutig ermittelt werden, bedeutet dies nicht, dass das Messer nicht zwei- oder einschneidig war (Mueller 1953).

Einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten, die aber keine Schneiden sind, können Wunden verursachen, die nicht von Stichen zu unterscheiden sind, die durch mehrschneidige Stichwerkzeuge entstanden sind (Prokop 1960).

Ein breiter Messerrücken hinterlässt aufgrund seiner breiteren „Schnitt“-Seite einen eckigen bzw. stumpfen Wundwinkel und einen spitzen Winkel durch die eigentliche Schnittseite (Abb. 8, 12). Dabei kann der breite Wundwinkel bei einem sehr breiten Messerrücken zackenartig aufreißen. In einem solchen Fall wird der Rückschluss von der Form der Verletzung auf die Gestalt der Klinge bzw. das Stichwerkzeug erschwert (Abb. 10,14) (Mueller 1953).

Wird das Tat-Instrument nach dem Stechen gedreht oder in einer anderen Achse herausgezogen, wird der Rückschluss auf die Gestalt des Werkzeugs zusätzlich erschwert; die Wundränder können Zacken, dreieckige oder flügelähnliche Formen usw. aufweisen (Mueller 1953) (Abb. 11).

Messer mit Wellenschliff oder einer gegabelten Spitze hinterlassen an der Haut in der Regel selten eine eindeutig zuzuordnende Wundform. Verläuft die Stichführung beispielsweise entlang eines Knochen, so kann es zu auffälligen nebeneinander angeordneten kratzerartigen Schürfverletzungen mit gleichartigen Abständen kommen (Eisenmenger 2004). Verdeutlicht wird dies in Abb. 15: Hier wurde die Messerschneide parallel zu einem Rippenbogen geführt, so dass die Schneide des Messers die Rippe streifte und sich das wellenförmige Muster der Messerschneide auf der Rippe und auch in dem Gewebe abbildete.

Die exakte Form der Wundwinkel kann häufig nur während der Obduktion festgestellt werden, wenn die vorliegende Hautspannung durch Zusammenschieben entlastet und zusammengefügt wird (Eisenmenger 2004).

3.2 Rekonstruktion der Klingenbreite anhand der Länge des Einstichs

Abb. 12: Abweichung von Breite und Form eines Wundkanals durch die Messerführung während der Tat (verändert nach Prokop 1960 & Zimmer 2009)

Aus der gemessenen Länge des Einstichs an der Haut- oder Organoberfläche kann nicht zwingend auf die Breite der Messerklinge geschlossen werden (Abb. 16). Ursache dafür ist, dass der Eintritts-Winkel zum Einstich schräg als auch der Winkel der Spaltungslinien zum Einstich verschieden sein können (s.o.) (Mueller 1953). Bei festen Messern etwa ist die Stichwunde (der Hautschnitt) meist länger, kann aber gelegentlich auch schmaler erscheinen (Prokop 1960) (Abb. 12).

Wird beim Herausziehen des Messers aus der Wunde die Haut zusätzlich geschnitten – beispielsweise durch Bewegungen eines Körpers bzw. der Körper und/oder der Klinge während der Tathandlung –, ist die Stichwunde länger als die Breite der Klinge; genauere Hinweise kann die dreidimensionale (!) Form des Einstichkanals geben (Abb. 2) (Mueller 1953).

Wird das Stich-Instrument während des Stechens gedreht, kann dies die Länge der

Einstichöffnung verändern. Sie kann schwalbenschwanzähnlich, triangelförmig, bananen- oder bumerangförmig, vieleckig etc. sein (Abb. 10,11). Diese Formen können dann entstehen, wenn zu einem vertikalen Bewegungsablauf ein horizontaler hinzukommt (Abb. 12) (Eisenmenger 2004).

Eine spitz zulaufende Klinge weist unterschiedliche Breiten zwischen Spitze und Heft auf (Abb. 17).

Wird das Messer nicht in ganzer Länge in den Körper gestochen, wird die Länge des Einstichkanals nicht der maximalen Breite des Messers entsprechen (Abb. 16) (Eisenmenger 2004).

3.3 Rekonstruktion der Klingenlänge anhand der Länge des Stichkanals

Aufgrund der meist während der Tatausführung vollzogenen Bewegungen verläuft die Längsachse einer Stichwunde häufig nicht geradlinig. Die Klinge kann Gewebefasern benachbarter Muskelgruppen in zusammengezogenem Zustand durchtrennen: Das Gewebe klafft auseinander. Bei der Obduktion sind die ehemals zusammen gezogenen Fasern aber entspannt; der Wundkanal wird von intakten Gewebsschichten unterbrochen oder ist in seiner Längsachse unterbrochen (Eisenmenger 2004).

Auch die Fähigkeit der Haut, sich in den normalen Spannungs-Zustand (= Ruhe-Zustand) zurückzuziehen (sog. Retraktionsfähigkeit) muss berücksichtigt werden: Wird ein Messer aus einer Wunde herausgezogen, kann der Stichkanal wenige Millimeter kürzer sein als die Messerklinge. Das Zurückziehen ist erneut abhängig von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien und der Elastizität des Gewebes.

Abb. 18: Bei schnellem und kräftigem Zustechen wird das Gewebe zusammengedrückt; der Stichkanal ist länger als die eigentliche Messerklinge (Madea 2015)

Wird mit großer Wucht zugestochen, so kann der Stichkanal länger als die Klingenlänge des Tatwerkzeuges sein, da das Gewebe durch das kräftige und schnelle Zustechen eingedrückt und verformt wird (Mueller 1953, Prokop 1960, Eisenmenger 2004) (Abb. 18). Das gilt insbesondere für Stiche in der Bauchgegend (Mueller 1953, Eisenmenger 2004).

Berücksichtigt werden muss ebenfalls, dass das Messer nicht immer bis zum Heft hineingestoßen wird (Mueller 1953, Eisenmenger 2004). Hier wirkt der Stichkanal gegenüber der untersuchten Klinge dann verkürzt.

Der Stichkanal kann auch verwinkelt erscheinen, wenn sich Muskulatur und Bindegewebe während des Stechens verschieben; mitunter kann das Ende des Stichkanals nicht mehr festgestellt werden (Mueller 1953).

Da Stichkanäle während der Obduktion an Körpern in gerader, gestreckter, spannungs- und bewegungsloser Haltung gemessen werden, sind sie möglicherweise nicht mit der Körperhaltung während eines Tatgeschehens vergleichbar.

Aussagen über den Stichverlauf in Weichteilen (von oben nach unten, von unten nach oben etc.) sind aber abhängig von der Körperhaltung des Opfers und Täters zum Zeitpunkt des Einstichs (Mueller 1953). Häufig finden sich Stiche von oben nach unten überwiegend an Kopf, Schulter, Oberkörper oder Oberschenkel; Stiche von unten nach oben dagegen in der Bauch- und Leistenregion (Eisenmenger 2004).

4 Zusammenfassung

4.1 Können aus den Maßen eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen der Dolche gezogen werden?

Es ist manchmal möglich, von der Form der Stichverletzung auf die Anzahl der Klingen (hier: auf einer oder beiden Seiten geschliffen) eines Messers zu schließen. Sind Stichkanal und Verletzungen aber nicht hinreichend deutlich ausgeprägt, so kann nicht festgelegt werden, ob das Messer zweischneidig oder einschneidig war. Es kommen allerdings auch drei Klingen vor (Kiehne 1965).

Es gibt viele Einflüsse auf die Maße (Länge, Breite, Tiefe) eines Stichkanals nehmen. Zu diesen Faktoren zählen u.a. der Verlauf der Spaltbarkeitslinien am Einstichort, die Form des Werkzeuges, eine Änderung der Klingenachse während des Zustechens, Bewegungen der Körper von Opfer und/oder Täter, mehrfaches (Zu-)Stechen an einer Stelle, die Kombination aus Stechen und Schneiden bei der Stichausführung, der Spannungs- und Entspannungszustand der Haut/des Gewebes zu Lebzeiten und in totem Zustand sowie die Fähigkeit der Haut, sich zusammendrücken zu lassen und zu entspannen (Rückzugsfähigkeit).

Wunden durch einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten (die aber keine Schneiden sind), können Stichen von mehrschneidigen Stichwerkzeugen zu sehr ähneln. Dann ist nicht zu unterscheiden, welches Werkzeug mit wie vielen Klingen die Stichverletzung erzeugt hat.

Literatur

siehe .pdf