Die 'Letzte Generation' im Knast (Teil 6): Caroline

Caroline Schmidt von der Letzten Generation hat sich gerade acht Monate Haft ohne Bewährung eingefangen, eine in Deutschland sehr hohe und strenge Strafe. Biologe Dr. Mark Benecke fragt bei Caroline nach, wie es weiter geht.

Mark: Liebe Caroline — acht Monate Knast ohne Bewährung fängt sich niemand in Deutschland so eben ein. Wie fühlst du dich gerade?

Caroline: Ich bin ziemlich irritiert. Ich habe friedlich protestiert, weil unsere Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält und soll dafür eingesperrt werden. Ich meine, es geht mir ja nicht darum, mit dem Protest für mich persönlich einen Vorteil zu erzielen, sondern darum, die Regierung aufzufordern, weitreichende Maßnahmen zum Klimaschutz umzusetzen.

Und dass es dieser Maßnahmen und einen Stop der fossilen Energien sofort braucht, sagen Wissenschafler*innen seit über 40 Jahren. In dieser ganzen Zeit haben wir noch keinen Protest oder Appell gefunden, der diesen zerstörerischen Kurs wirklich stoppen kann.

Da empfinde ich es als meine moralische Pflicht, den Weg des friedlichen Zivilen Ungehorsams zu versuchen, um Mensche und Politiker*innen zu alarmieren.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Urteil Bestand haben wird und ich dafür wirklich eingesperrt werden soll.

Niemand weiß im Moment, ob du endgültig "einfährst". Falls ja: Welche Pläne hast du für die Haft-Zeit? Das Essen soll im Knast laut Berichten deiner Vorgängerinnen unangenehm sein, es ist langweilig, bedrohlich und du bist vermutlich die einzige, die wegen Klima-Dingen dort sitzen wird.

Hmm, ich findes es äußerst schwierig, mir diese Situation konkret vorzustellen. Zum einen habe ich keinerlei Erfahrung mit Gefängnisaufenthalten und zum anderen möchte ich mir kein Bild malen, in dem ich Vorurteilen über inhaftierte Menschen Raum gebe.

Ich stelle  mir vor, dass ich sehr viel Zeit alleine verbringen werde und mich entsprechend disziplinieren müsste, regelmäßig Dinge wie Yoga, Mediation etc. zu tun, um nicht lethargisch zu werden. Ich hoffe, es gibt die Möglichkeit, viel zu lesen und zu lernen. Das Essen stelle ich mir lieber nicht vor.

Ich bin neugierig auf die Menschen, die ich dort treffen würde. Klar, dass wir alle auf kleinem Raum auskommen müssen, ist eine sehr strapaziöse Vorstellung. Zum Glück habe ich bisher keine Erfahrungen gemacht, die mich veranlassen, Angst vor anderen Menschen zu haben. 

Am schlimmsten finde ich, nicht mehr über mein Leben bestimmen zu können und mich über eine lange Zeit nicht frei zu bewegen. Doch weiß ich auch, dass das vorbei gehen wird.

Was denkst du über Menschen, die euch bei Blockaden angreifen?

Ich möchte sie in die Arme nehmen. In der Gastronomie habe ich festgestellt, dass Menschen, die sich aggressiv aufführen, häufig mit Zugewandtheit und Sanftmut zu besänftigen sind.

Die Leute tragen doch selber etwas in sich, dass sie sehr schmerzt und das in dieser Situation aus ihnen herausbricht.

Was wir vor den Menschen dann abkriegen, ist viel mehr, als sauer zu sein darüber aufgehalten zu werden und für eine halbe Stunde im Stau zu stehen.

Ich wünschte, wir hätten generell ein anderes Miteinander, dass sich in den Menschen gar nicht so viel Wut und Schmerz ansammeln muss.

Jeder Mensch hat 2023 erlebt, dass es krass heiß ist und die Lebewesen verschwinden. Warum handeln die "normalen" Menschen nicht? 

Wow, das ist eine sehr schwierige Frage, finde ich. Da kann ich nur mit meiner Küchenpsychologie um die Ecke kommen. Erst mal möchte ich sagen, dass wir in meinen Augen alle entweder gleich normal oder unnormal sind. Jedoch scheine wir unterschiedlich bereit und offen, uns mit den Privilegien die wir als Bürger*innen des globalen Westens haben, auseinanderzusetzen. Wie sind wir eigentlich dazu gekommen und was machen diese mit meinem eigenen Selbstverständnis und meinem Blick auf die Welt?

Ich denke, dass es zum einen sehr schwer zu greifen ist, trotz der schlimmen Wetterereignisse, die bereits stattfinden, was da tatsächlich noch  auf uns zukommen wird. Wenn mir Konsequenzen meines Handels also noch recht abstrakt vorkommen, wie kann ich mich dann dazu motivieren, mich und meine Lebensweise wirklich zu hinterfragen. Bzw. ist es unglaublich schwierig in Mitten von Familie, Arbeit, Rechnungen, Existenz- und Verlustängsten, dem Druck dem wir ausgesetzt sind, sich diesem Prozess zu stellen.

Sich den Raum dafür zu schaffen und Energie dafür aufzubringen. Denn sich selbst, die Werte, die wir gelernt haben, wofür mensch sein Leben lang gearbeitet hat, in Frage zu stellen, fühlt sich für einen selber mit aller Wahrscheinlichkeit sehr bedrohlich an.

Es ist verständlich, sich dagegen zu wehren, wenn dir die andere Seite der "Medaille", also die Chancen und schönen Seiten eines neuen Miteinander,  nicht bewusst sind.

Welche ist deine größte Sorge für das Jahr 2025?

Ich habe Angst, dass sich der Rechtsruck bis dahin weiter vollzogen hat und wir damit den Weg der Unmenschlichkeit ebnen und unsere Demokratie beginnen abzubauen.

Und ich habe Angst, dass fossile Konzerne ihre Macht und ihren Einfluss weiter geltend machen können, und die Gesellschaft nicht den Mut aufbringt, neue Wege zu gehen.


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