Die Totenmaske Martin Luthers

Quelle: Archiv für Kriminologie

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Von Mark Benecke

Fallbericht

Abb. 1: Übersicht über die Totenmaske im Aufbewahrungs-Raum der Marienkirche in Halle/Saale (Foto: Mark Benecke)

Zusammenfassung

Wir untersuchten ein Wachsgesicht, das als Totenmaske des Theologen Martin Luther (1483-1546) gilt und in der Marienkirche in Halle/Saale lagert. Zuvor war es lange in einer Figur eingebaut, die unter anderem in der Marienbibliothek ausgestellt war. Die physikalische Untersuchung von vier Wachsproben ergab, dass es sich nicht um Wachs handelte, das erst bei einer Bearbeitung der Maske über hundert Jahre nach Luthers Tod hergestellt worden war. Das Wachs war älter, so dass die Echtheit der Maske zumindest nicht ausgeschlossen werden konnte.

Schlüsselworte: Totenmaske, Martin Luther, Radiocarbon-Datierung, Kulturgeschichte, forensische Untersuchung

Summary

We examined a wax face believed to be the death mask of theologian Martin Luther (1483–1546). It is kept in St. Mary’s Church in Halle/Saale. Previously, it had long been incorporated into a figure that was exhibited, among other places, in the St. Mary’s Library. Physical analysis of four wax samples showed that the wax was not produced during the known processing of the mask more than one hundred years after Luther‘s death. The wax was mostly older, so the authenticity of the mask cannot be ruled out.

Key words: Death mask, Martin Luther, Carbon dating, cultural history, forensic examination

Abb. 6: Starr, aber eher lebhaft wirkendes Antlitz Luthers mit Mimik-Falten (Foto: Mark Benecke)

1. Einleitung

Die Marktkirche St. Marien „Unser Lieben Frauen“ in Halle an der Saale entstand zwischen 1529 und 1554 aus den viel älteren Vorgängerkirchen St. Gertruden aus dem 11. Jahrhundert (Kirche der Salinenarbeiter) und St. Marien aus dem 12. Jahrhundert (Kirche der Handwerker und Kaufleute).

In dieser Kirche wird die mögliche Totenmaske des Theologen Martin Luther (1483-1546) aufbewahrt. Sie besteht nicht nur oberflächlich aus Wachs, sondern ist auch mit Wachs gefüllt (Abb. 1). Nach Angabe der Marktkirchen-Gemeinde wurde die Maske ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in einer lebensgroßen Lutherfigur verwendet, „um dem Bedürfnis nachzukommen, Luthers Authentizität zu erhöhen und dessen Tätigkeit als Autor und Übersetzer zu würdigen (...) Diese Figur wurde, bekleidet mit Talar und Barett, mit Hilfe der Wachsmaske und Wachshänden auf einem Stuhl sitzend vor einem Tisch arrangiert“ [1] (Abb. 2).

Auf dem Tisch vor der Figur lag die Erstausgabe der Lutherbibel von 1534 mit Luthers handschriftlichem Schenkungsvermerk für die Hallenserin Felicitas von Selmenitz (1488-1558) (Abb. 3). Gesichert bis Anfang der 1920er Jahre saß die Figur in der Marienbibliothek, einer wissenschaftlichen – auch naturwissenschaftlich-medizinischen –, evangelischen Kirchenbibliothek, die 1552 gegründet wurde und in unmittelbarer Nähe der Marienkirche im historischen Stadtkern von Halle liegt [2]. Nach Angabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde während der sehr langen Ausstellung der Figur (auch) die Maske beziehungsweise das Gesicht regelmäßig von Besucherinnen und Besuchern berührt.

Abb. 7: Hände der Figur, farblich und materialtechnisch der Maske stark ähnelnd (Foto: Mark Benecke)

Die Figur wurde gemäß Nachforschungen der heutigen Bibliothekarin Anke Fiebinger „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den Kriegsjahren im Zuge der Auslagerung 1943 abgebaut. Am 15. März 1943 gab es einen Beschluss des Gemeindekirchenrates, wonach die Luthermaske im Safe der Sparkasse sichergestellt wurde.“ Maske und Hände wurden nach dem Krieg in einem getrennten Bereich der Marktkirche sorgsam in eigens angefertigten Schränken und Laden aufbewahrt. Das Aufsteckholz zur Montage am „Körper“ der Figur befindet sich noch fest verbunden an der Maske (Abb. 4 und 5).

Vor Ort stellte sich die Frage, ob oder in welcher Weise die Maske echt sei, zumal sie im Gegensatz zu bekannten Totenmasken wie mit einem frischeren Gesichtsausdruck überformt wirkt (Abb. 6).

2. Herkunft

Bei Luthers Tod am 18. Februar 1546 in Eisleben war sein enger Freund Justus Jonas, der erste evangelische Pfarrer an der Marktkirche, anwesend. Am 19. Februar zeichnete Lukas Furtenagel (1505 bis ca. 1550), der aus Halle angereist war, das Gesicht des Toten. Ob dabei ein Gips-Abdruck zur Herstellung einer Totenmaske genommen wurde, ist unbekannt. Luthers Sarg wurde geschlossen und vom 20. bis 21. Februar in der Sakristei der Marktkirche in Wittenberg aufbewahrt [1]. In Betracht zu ziehen wäre, dass die Totenmaske erst am 20. Februar 1546 bei der Überführung des Leichnamns von Eisleben nach Wittenberg, während einer Zwischenstation in Halle, abgenommen wurde [3, 4].

Abb. 8: Spätere Gips-Abformungen der Maske (Foto: Mark Benecke)

Über hundert Jahre später findet sich erstmals der Nachweis der Totenmaske Luthers im Kirchenrechnungsbuch der Marktkirchengemeinde: Am 19. November 1663 quittierte Lukas Schöne dem Kirchenvorsteher Peter Untzer 10 Taler für die „Wiederherstellung des Antlitz Luthers“. Dies war ein Geldbetrag, der weit über eine Gefälligkeits-Entlohnung hinaus ging [1]. Bisher war unklar, ob mit dem Begriff „Wiederherstellung“ eine Neuanfertigung, Reparatur oder Überarbeitung der Maske gemeint war. Interessanterweise finden die Hände, deren Verarbeitung und Färbung der Maske stark ähneln, in den uns vorliegenden Unterlagen keine Erwähnung (Abb. 7).

Ab 1891, als die Marienbibliothek in einen Neubau zog, wurden im Auftrag der Kirchengemeinde auch Gips-Abdrücke der Maske (Abb. 8) und der Hände hergestellt.

3. Befunde und Bewertung

Die Frage, ob es sich um die echte, also ursprüngliche Totenmaske Luthers handeln kann, konnte bisher nicht geklärt werden. DNA-Analysen waren wegen der Vielzahl der Berührungen der Maske sowie fehlender Vergleichs-DNA der Beteiligten nicht geeignet. Deshalb entschieden wir uns für eine physikalische Alters-Bestimmung des Materials. Dies hatte sich bereits in anderen Fällen als hilfreich erwiesen [5-7].

Abb. 10: Beschaffenheit des Wachses nach Probennahme (Foto: Mark Benecke)

Dazu entnahmen wir zwei Proben als Wachsflocken sehr nah am eigentlichen Gesichtsbereich der Maske, um zu vermeiden, dass wegen Nachbearbeitungen des Wachses durch spätere Reparaturen eine sachfehlerhaft zu frühe oder zu späte Datierung erfolgt (Abb. 9 und 10). Wir gingen davon aus, dass Bereiche so nah am eigentlichen Gesichtsbereich (also nicht der Füllung) die ursprünglichsten Zonen der Maske sind. Von der Gesichts-Außenseite der Maske entnahmen wir aus Gründen der Erhaltung und der Außenwirkung bei Ausstellungen kein Material. Obzwar im protestantischen, anders als im katholischen Glauben Reliquien keine Rolle spielen [8, 9], wollten wir museale oder restauratorische Unstimmigkeiten verhindern.

Wir entnahmen aus beiden Proben je zwei Mengen, um mögliche Wachs-Vermischungen aus verschiedenen Zeiten besser unterscheiden zu können. Diese 4 Proben wurden im Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie vollständig mit HCl, NaOH und noch einmal HCl (ABA-Methode: Acid/Base/Acid) behandelt. Der Probenrest wurde in einem Elementaranalysator mit Verbrennung zu CO2 katalytisch zu Graphit reduziert. Der 14C-Gehalt wurde mit einem Mini-Carbon-Dating-Atommassenspektrometer (MICADAS) gemessen. Die Isotopenverhältnisse 14C/12C und 13C/12C der 4 Proben, Eichstandards (Oxalsäure-II), Blindkontrollen sowie von Kontrollstandards wurden zeitgleich im Atommassenspektrometer gemessen. Die ermittelten 14C-Alter sind auf δ13C=-25 ‰ normiert [10] und wurden mit dem Datensatz IntCal20 und der Software SwissCal (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) sowie OxCal zu Kalenderaltern kalibriert und in Kalibrationsgrafiken dargestellt (Abb. 11). Anhand dieser Ergebnisse konnte ausgeschlossen werden, dass das Wachs erst aus der Zeit der schriftlichen Ersterwähnung der Totenmaske im Jahr 1663, also über hundert Jahre nach Luthers Tod, stammt. Dies hätte bedeutet, dass keine Original-Maske vorliegen kann. Es ist somit möglich, dass es sich um die echte, über hundert Jahre vor der Ersterwähnung hergestellte Totenmaske Luthers handelt.

Abb. 11: Kohlenstoff-Datierungs-Ergebnisse aller vier Proben mit direkt ablesbaren („kalibrierten“) Jahreszahlen

Angesichts zweier deutlich getrennter Haupt-Ausschläge der Radiocarbon-Messungen in allen vier Proben neigen wir zu der Ansicht, dass es sich um die echte Totenmaske Luthers handeln kann, welche 1663, unter Verwendung älteren Wachses oder des originalen Wachses der Totenmaske überarbeitet wurde. Hier ist vor allem an eine mögliche Umgestaltung des Gesichtes, mit lebendiger aussehenden Gesichtszügen, zu denken. Tatsächlich weist das Gesicht der Maske deutlich skulpturierte Züge auf, darunter Mimikfalten und ausgearbeitete Ohren.

Auch kriminalistisch und überlieferungsgeschichtlich finden sich keine Hinweise auf eine grundlegende oder „totale“ Fälschung. Interessant wäre noch die mikroskopische und DNA-Untersuchung der faserigen Anteile, hier im Kopfhaar-Bereich der Maske, die sich bereits in anderen schwierigen Spurenlagen bewährt hat [12] (Abb. 12).

Wir wurden weiterhin gefragt, ob altes, entweder aufbewahrtes oder zur Herstellung der Maske eigens eingeschmolzenes Wachs entweder gleich nach dem Tod Luthers oder erst im 17. Jahrhundert verwendet wurde. Beides ist nicht auszuschließen, da Wachs zur Herstellung von Totenmasken oder Toten-Figuren schon seit Jahrtausenden verwendet wird [9]. Solches könnte selbstverständlich eingeschmolzen und wieder verwendet worden sein. Im kirchlichen Umfeld ist Wachs besonders für Kerzen in stetigem Gebrauch; für die Herstellung von Masken und Moulagen zur Darstellung von Verletzungen und Krankheiten werden andere Wachs-Mischungen verwendet [11].

Spurenkundlich können Totenmasken grundsätzlich hilfreich sein, da sie kaum der Zerstörung und Zerteilung ausgesetzt sind. Das wirkt sich vorwiegend im katholischen Bereich aus, wo nicht nur aus Körpergewebe, sondern auch aus Tuch, Holz und dergleichen, welche den Körper einer Person berührt haben, Reliquien gewonnen und die Spuren, auch ganze Skelette, dabei meist sehr stark, bis hin zu so genannten „Partikeln“, zerteilt werden [13, 14].

Literatur

1. Marienbibliothek Halle (2023) Informations- und Flugblatt „Die Totenmaske Martin Luthers“. Eigendruck, Halle/Saale

2. Marienbibliothek Halle (2023) Die Marienbibliothek zu Halle an der Saale, gegründet im Jahre 1552. Eigendruck, Halle/Saale

3. Kornmeier U (2002) Luther in effigie, oder: Das „Schreckgespenst von Halle“. In: Laube S, Fix K (Hrsg) Lutherinszenierung und Reformationserinnerung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, S 343–370

4. Benkard E (1926/7) Das ewige Antlitz. Eine Sammlung von Totenmasken. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, S 55–57

5. Benecke M (2011) Käferfunde und weitere biologische Spuren aus dem Holzschrein des hl. Severin. Stud Kölner Kirchengesch 40: 183-190

6. Benecke M (2021) Eine Kunstfälschungsaffäre von unvorstellbarem Ausmaß. Arch Kriminol 247: 66-76

7. Tegtmeier U, van der Berg K, de Jong A, Grootes PM, Nadeau MJ (2011) Die AMS-Datierungen an Materialien aus dem Holzschrein des hl. Severin. Stud Kölner Kirchengesch 40: 127-155

8. Benecke M (2004) Das Blutwunder von Neapel. Skeptiker Magazin 3/2004:114-117;123

9. Benecke M (2018) Heilige Tränen? Skeptiker Magazin 1/2018: 31-35

10. McNichol AP, Jull AJT, Burr GS (2001) Converting AMS data to radiocarbon values: Considerations and conventions. Radiocarbon 43: 313-320

11. Schnalke T (1995) Diseases in wax. The history of the Medical Moulage. Translated by Kathy Spatschek. Quintessence, Berlin

12. Benecke M, Trommer A, Stenzel S, Baumjohann K, Kirsten H (2025) The lampshades and pocket knife pouch from the Buchenwald concentration camp are made from human skin, the shrunken head is not. Proc 77th Conf Am Acad Forensic Sci: 964

13. Oepen J, Päffgen B, Schrenk S, Tegtmeier U (Hrsg) (2011) Der hl. Severin von Köln: Verehrung und Legende, Befunde und Forschungen zur Schreinsöffnung von 1999. Schmitt, Siegburg

14. Grimm T, Prokop O (1996) Mozarts Tod und die großen Schwindel: Erlebnisse eines Gerichtsmediziners. Frankfurter Oder Editionen, Frankfurt (Oder)

Experteninterview: Felix Altenbach

Datum: 11. März 2008
Uhrzeit: 18.30 bis 19.00 Uhr
Ort: Aula am Aasee, Münster
Beteiligte Personen:

Dr. Mark Benecke Kriminalbiologe, Köln
Daniela Eschkotte Redakteurin Antenne Münster, Münster
Felix Altenbach Schüler der Ludgerusschule Münster-Hiltrup, Klasse 4a
Marcel Sablotny Lehramtsstudent im Forder-Förder-Projekt zur Begabtenförderung im Drehtürmodell (Praktikum ICBF, VVWU Münster, Ludgerusschule)

Experteninterview, durchgeführt im Rahmen des Forder-Förder-Projektes
Wissenschaftliche Begleitung: Prof. Dr. Christian Fischer
Internationales Centrum für Begabungsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Schule: Ludgerusschule Münster-Hiltrup
Schulleiterin: Gabriele Langkamp
Stellvertretender Schulleiter: Martin Nielebock
Klassenlehrerinnen: Claudia Sander-Braunert, Maria Kerkmann, Claudia Thies
Projektleiterin: Monika Kaiser-Haas
Studierende: Marcel Sablotny, Daniel Bublitz, Nadine Wrocklage, Andreas Micke, Antje Depping

Von Felix Altenbach

Frage: Wie viel Prozent der Kriminalfälle können durch solche Untersuchungen endgültig geklärt werden?

Antwort: Endgültig ... , na ja, was endgültig ist, entscheidet der Richter. Ich würd' mal sagen, durch genetische Fingerabdrücke kannst Du viel mehr Fälle als früher sehr schnell lösen.

Und insgesamt?

Durch alle forensischen und kriminalbiologischen Untersuchungen? So viel man weiß, bei Tötungsdelikten, also bei Mord und Totschlag und so werden dadurch angeblich 95 % der Fälle gelöst. Aber wir wissen ja gar nicht, wie viele Fälle wir gar nicht erst entdecken; das heißt, die sogenannte Dunkelziffer. Wir glauben, dass wir 95 % der Fälle lösen, aber in Wirklichkeit sind es viel weniger, weil wir nicht die anderen Fälle haben.

Kann es sein, dass es dann nur 50 % der Fälle sind?

Ja, könnte sein. Aber ich glaub', es sind nicht ganz so viele, weil manchmal entdeckt man ja zufällig ein Verbrechen und dann stellt man fest, dass da nur irgendetwas Bestimmtes übersehen wurde. Aber es kann sein. Ich halt's nicht für sehr wahrscheinlich, aber möglich ist es, ja.

Was ist eine forensische Untersuchung?

Forensische Untersuchung ist alles, was man vor Gericht macht. Es gab früher bei den Griechen ein Scherbengericht. Da haben sich alle Leute auf den Marktplatz gestellt und da wurde dann eine Gerichtsverhandlung gemacht. Auf dem Forum, dem Marktplatz. In foro = vor der Öffentlichkeit. Und dann haben die in die Scherben geritzt, ob sie geglaubt haben, ob derjenige schuldig ist oder nicht. Also Gerichtsverhandlungen sind theoretisch öffentlich, also wenn man nicht arbeiten müsste - die meisten müssen zwar arbeiten - und Zeit hätte, könnte man dahin gehen. Gut.

Jede Untersuchung, die einen Sachbeweis darstellt, ist dann forensisch. Das heißt, wenn ein Arzt zum Beispiel sagt, diese Verletzung kommt von einem Messer, dann ist das forensisch. Oder wenn ein Giftkundler sagt, man kriegt nur ein blaue Zunge von dem und dem Gift. Oder ich als Kriminalbiologe sage zum Beispiel, das Tier da lebt normalerweise nur in einem Mangofeld. Jetzt haben wir die Leiche aber im Wasser gefunden, da wachsen aber keine Mangos. So was. Also alles, was Expertenwissen darstellt.

Es gibt auch andere Fälle, wie ein Techniker. Oder hier, Tätowierer. Mein Tätowierer war mal ein forensischer Tätowierer, weil er vor Gericht sagen musste, wie schlecht das Tattoo von dem Mann ist, der gesagt hat: Mein Tattoo ist so schlecht, ich will jetzt Schmerzensgeld oder so was dafür. Oder Du, Du hast ja Lehrer. Dann könnte man Dich als Experten befragen und sagen: Findest Du, dass Deine Lehrer nett sind oder nicht nett sind, oder, ob die was können oder nicht können. Dann bist du auch ein Experte, nicht forensisch, aber Experte bist Du dann.

Gibt es eigentlich viele Lehrlinge in Ihrem Beruf, also Menschen, die das lernen?

Ja, wir haben ganz viele Studenten. Ja, wir machen auf der ganzen Welt Kurse und dann sind das Studenten. Übrigens, das mit dem "Lehrling" ist auch eine gute Frage. Wir sagen auch, das ist wie ,Lehrlingsein' und später, wenn Du das ein bisschen kannst, ist das wie beim Gesellen im Handwerk. Und wenn Du das richtig lange machst, bist Du ein Meister, wie zum Beispiel ein Bäckermeister oder ein Fliesenlegermeister oder so was. Da muss man es aber länger machen und mehr Erfahrung haben.

Welche Methoden zur Aufklärung eines Verbrechens sind in letzter Zeit neu hinzugekommen?

Also 1985 - was für mich eine kurze Zeit und für Dich 'ne lange Zeit ist - sind die genetischen Fingerabdrücke erfunden worden. Das war eine sehr neue Methode. Und jetzt, in allerneuester Zeit gibt's noch so Spezialmethoden, wo alles viel schneller geht. Das, was sonst ein Mensch machen musste und ganz lange dauerte, machen jetzt Roboter. Das geht schneller, denn da kann man Tag und Nacht die Maschinen laufen lassen, sogenannte Hochdurchsatzgeräte zur DNA-Typisierung.

Und was auch noch besser geworden ist, sind die Gifte. Früher musste man alle Gifte einzeln untersuchen. Zum Beispiel, wenn man eine Gewebeprobe aus einem Muskel oder vom Urin einer Leiche oder von einem lebenden Menschen hatte, dann musstest Du alles einzeln machen. Jetzt können die Maschinen das alles gleichzeitig machen. Das geht dann 1000 oder 5000 mal schneller als vorher.

Warum wird die DNA in Streifen gedruckt und nicht, wie sie wirklich ist?

Weil das nicht geht. Also, das ist eine gute Frage. Ne bessere Frage als von der Frau ...

Die hat ja keine Ahnung.

Ja, genau! Weil die DNA, wenn sie wirklich ist, ist sie ein langer Faden. Also, das ist so ein 2 Meter langer Faden in jeder Zelle. Da kannst Du nicht die Unterschiede sehen. Wenn ich zum Beispiel aus Deinen Zellen die DNA herausziehe und aus meinen Zellen die DNA herausziehe, dann sehen die gleich aus. Man muss das ganz ganz stark vergrößern, um die Unterschiede zu sehen. Und deswegen nimmt man diese Balken und die sind bei Dir, bei einer Frau und bei mir verschieden groß. Deswegen muss man das so machen.

Wie lange werden die Untersuchungsergebnisse aufbewahrt und wo?

Bei DNA? Auch sehr gute Frage! Alles gute Fragen.

Nein überall.

Von den genetischen Fingerabdrücken?

Alle Untersuchungsergebnisse.

Also, es kommt darauf an, die Gerichtsmediziner bewahren das, glaube ich, so 10 bis 20 Jahre auf in so Papierordner. Und die Polizei, da hängt's davon ab, was es für ein Verbrechen war. Zum Beispiel Mord: da bewahren die das so 50 Jahre oder so auf, aber beispielsweise bei Verkehrsunfällen dann nicht so lange. Wir bewahren die auch so mindestens 10 bis 20 Jahre auf. Bei genetischen Fingerabdrücken kommt's darauf an, ob die Person etwas getan hat oder nicht. Wenn die Person nix getan hat, müssen die Daten sofort gelöscht werden.

Mit welchen Mitteln wird die DNA in kleinere Stücke geschnitten?

Also, Du musst heutzutage die DNA gar nicht mehr zerschneiden. Man hat sie früher mit so ganz kleinen Teilen wie Scheren zerschnitten. Aber das war keine Schere aus Metall, sondern ist ein Molekül, so wie eins aus Deiner Haut, Deinem Blut oder Deinen Haaren. Das ist eine biologische Substanz, die ist so klein, dass sie eine ganz ganz kleine Schere ist und dann kann die den Faden, der ja - wie gesagt 2 m lang in jeder Zelle ist zerschneiden, weil sie dann bestimmte Stellen erkennt. Eine Schere, also wenn Du zu Hause eine Schere hast, die kann das dann nicht. Die weiß ja nicht, wo sie schneiden muss. Die schneidet ja nur da, wo Du sie hinhältst.

Aber diese biologischen Moleküle die können das besser, die wissen das. Die schneiden nur da. So, als ob die Schere wissen würde, wo man den Faden durchschneiden möchte. Und das macht man dann so. Das sieht aus wie ein Röhrchen, ein ganz kleines Röhrchen. Und Du hast ein Gefäß, das ist ungefähr so groß wie Deine Fingerkuppe und mit dem kleinen Röhrchen kannst Du es da reintropfen. Und dann erkennt es das und zerschneidet es an den Stellen. Aber heutzutage braucht's man nicht mehr.

Weil heute macht man es so, dass man die Stellen, die man haben will, die schneidet man nicht mehr aus, sondern die kopiert man mit einem anderen Molekül. Also statt des Rausschneidens nimmt das Molekül nur noch diese Stellen und kopiert sie einfach. Das ist wie beim Kopieren. Du hast ein Buch mit 500 Seiten, legst es darauf und dann wird immer nur diese eine Seite kopiert.

Diese Schere kann also ganz viel. Dann müsste es doch möglich sein, die DNA so zu anzuzeigen. wie sie wirklich aussieht?

Ja, das geht auch. Ich verstehe. Du kannst sie, wenn Du willst mit einem ziemlich teuren Gerät sehen. Die DNA besteht ja aus vier einzelnen Teilen und die kann man auch darstellen. Da hast Du recht, das würde gehen. Aber ist ein bisschen teuer, kann man aber machen. Aber der Unterschied ist das Sehen. Wenn ich Dich von da hinten aus sehe, dann kann ich die Deine Brille sehen, aber nicht, welche Farbe sie hat. Gesehen hab ich Dich aber trotzdem. Oder, wenn ich ganz nahe dran gehe, dann kann ich die Farbe Deiner Brille auch nicht sehen, weil ich nur die Farbe Deiner Wimpern sehe. Man muss den richtigen Abstand finden.

Also man könnte die DNA schon sichtbar machen, aber meistens ist das eine sinnlose Information. Etwa so: wenn die Frau da mich fragen würde, welche Farbe hat denn die Brille. Wenn ich hinten stehe, bin ich zu weit weg, wenn ich ganz nahe stehe, kann ich die Brille auch nicht sehen. Sehe ich nur die Wimpern, dann stehe ich zu nahe dran. Haste Recht! Wenn man den Abstand richtig einstellt, dann könnte man die DNA sichtbar machen. Okay!