Mark & Ines (NDR NJOY): ADHS, Autismus…: Warum sind auf einmal alle neurodivergent?

Quelle: NRD (N-JOY, ARD), 14. April 2026, Flexikon-Podcast #119 mit Steffi Banowski & Anna Raddatz

Neurodiversitäts-Podcast (N-Joy)

Text des NDR:

»Gefühlt fast über Nacht haben die Stressigen eine Diagnose bekommen: ADHS.

Und jetzt? Ist eine ADHS-Diagnose sowas wie die Bahncard 100 fürs Dazwischenreden und alles liegenlassen?

Eine Ausrede für unbezahlte Rechnungen und die nächste 5 in Mathe?

Na, wenn wir das hier so provokant fragen, wahrscheinlich nicht. 

Eine Diagnose ist schon einmal eine Erleichterung. Viele neurodivergente Menschen fühlen sich ständig fehl am Platz und scheitern beim Versuch sich anzupassen.

Leute mit ADHS gelten als faul, Autist:innen als kalt und unempathisch.

Turns out: Das Gegenteil ist der Fall.

Kaum jemand entspricht den ADHS-Klischees so wenig wie Judith Holofernes: Die „Wir sind Helden“-Sängerin ist so ziemlich der liebenswerteste, unkomplizierteste, bodenständigste Popstar unter Gottes Sonne. Sie hat scheinbar alles im Griff. Aber seit ihrer Kindheit muss sie sich ihr ihr unkompliziertes Auftreten hart erarbeiten.

Vor 4 Jahren hat Judith ihre Diagnose bekommen. Seitdem ist sie viel nachsichtiger mit sich selbst und findet: Auch die anderen können sich mal anpassen!

Ihre ADHS-Geschichte erzählt sie nah wie selbstironisch in ihrem Roman „Hummelhirn“. Aber beim Schreiben sind auch schon einige Tränen geflossen, erzählt Judith in dieser Flexikonfolge.

Mark und Ines Benecke setzen sich für ein Autismus-freundliches Umfeld ein. Der Kriminalbiologe verortet sich selbst im Autismus-Spektrum, seine Frau ist diagnostizierte Autistin. 

Ines zieht einem Vorurteil schon mal zu Beginn des Gesprächs den Stecker: Autist:innen seien gefühlskalt. Im Gegenteil, sagt sie. Sie sind sogar außergewöhnlich gefühlsbetont. Sie bauen nicht selten sogar Bindung zu einem Gegenstand auf, und kaufen die letzte Dose Tomatenmark damit sie nicht so einsam ist.

Prof. Dr. André Frank Zimpel von der Universität Hamburg kann diese Einschätzung nur unterschreiben. Autist:innen sind nach dem aktuellen Forschungsstand sehr wohl empathisch, sagt der Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Uni Hamburg.

Es ist nur diese ständige Reizüberflutung, die viele autistische Menschen dazu zwingt, sich zurückzuziehen.

In neurodivergenten Menschen steckt so viel Potential, die meiste Kraft verschwenden sie allerdings dabei, sich an gesellschaftliche Normen anzupassen.

Es lohnt sich, mal darüber nachzudenken, ob es nicht deutlich besser wäre, wenn sich die Gesellschaft an die Neurodivergenten anpasst.

Auf diesem Wege ist immerhin schon mal die Linkshänderschere erfunden worden.« 

Prominenter Halle-Fan

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Lokales, 7. April 2026, Seite 12

Stadtwappen tätowiert: Mark Beneckes Liebe für Halle geht unter die Haut

Er ist Deutschlands bekanntester Forensiker und eine vielfach interessierte und umtriebige Person noch dazu. In Halle fühlt Mark Benecke sich derweil pudelwohl.

Von Denny Kleindienst, Halle (Saale)/MZ.

Die Stadt Halle hatte dieser Tage einen prominenten Besucher. Mark Benecke war zu Gast in der Stadt. Deutschlands bekanntester Forensiker dokumentierte seinen Aufenthalt unter anderem über seinen Instagram-Account, der 274.000 Follower zählt. Eines der zahlreichen dort geteilten Bilder fällt dabei ganz besonders ins Auge.

Man sieht Mark Benecke vor dem „Verliebt in Halle“ Herzen auf dem Marktplatz stehen. Den Ärmel seiner Jacke streift er ein Stückchen zurück und legt den Blick frei auf ein Tattoo an seiner Hand: Es handelt sich um das Stadtwappen von Halle mit dem liegenden, nach oben geöffneten roten Halbmond zwischen zwei roten Sternen. Nun trägt Benecke Tattoos auf dem ganzen Körper. Das er sich aber ausgerechnet das hallesche Stadtwappen als weiteres Motiv ausgesucht hat, überrascht dann schon. Ist das ein Scherz?

„Das Tattoo ist echt“, erklärt Benecke auf MZ-Nachfrage. Und er macht deutlich: Er ist ein Fan von Halle. „Am meisten mag ich die superfreundlichen Menschen hier.“

In der Stadt sei er schon sehr oft gewesen, so Benecke gegenüber der MZ. Zum Beispiel um Vorträge im Steintor-Varieté zu halten. Auch liebe er die vielen wissenschaftlichen Sammlungen in Halle. „Ich bin der Buch-Pate des berühmten Vesalius-Anatomie-Buches in der Marienbibliothek, dessen Wiederherstellung ich bezahlt habe.“ Dafür wurde ihm von der Marienbibliothek nun auch eine Paten-Urkunde übergeben. Zu seiner großen Freude erhielt er obendrein „ein Exlibris der Bibliothek aus Hadern-Papier“. Bei einem Exlibris handelt es sich um einen Zettel in Büchern zur Kennzeichnung des Eigentümers.

Zum Hintergrund: Der Anatomie-Atlas von Andreas Vesalius (1514–1564) erschien erstmals 1543 in Basel und nannte sich auf Deutsch „Vom Bau des menschlichen Körpers in sieben Büchern“. Vesalius hatte darin neue, authentische Ansichten des menschlichen Körpers präsentiert, wie er sie direkt bei öffentlichen Sektionen von Leichen in Italien hatte gewinnen können.

Da wäre außerdem noch Martin Luthers Totenmaske in der Marktkirche. „Ich habe das Alter der Luther-Totenmaske mit Radiokarbontechnik sicher geklärt“, sagt Benecke. Dazu gebe es gerade eine Veröffentlichung.

Bei seinem jüngsten Aufenthalt — begleitet wurde Mark Benecke von seiner Frau Ines — war der Forensiker auch in den Franckeschen Stiftungen, „in denen ich während Corona auch eine Ausstellung eröffnet habe“. Über das „Kuriositätenkabinett“ — die Kunst- und Naturalienkammer der Stiftungen — habe er einst bei der ältesten biologischen Fachgesellschaft, der Linnean Society of London, berichtet. „Natürlich liebe ich aber auch die anatomische und zoologische Sammlung“, merkt Benecke an.

Über sich selbst merkt Benecke noch an, dass er sowohl Forensiker, als auch Kriminalbiologe und Sachverständiger für biologische Spuren  ist. Was er hingegegen nicht sei, ist Rechtsmediziner, Pathologe und Polizist. Dann wäre das ja geklärt. Was er kurzerhand unterschlägt: Für die Satirepartei Die Partei trat Benecke in der Vergangenheit schon als Kandidat fürs EU-Parlament sowie als Oberbürgermeisterkandidat in Köln an.

Autismus-Podcast "Neurodivergent"

Unser Podcast im Rahmen des Forschungsprojektes "Förderung von autistischen Kindern im Kita-Alter" mit Prof. Michael Komorek von der Evangelischen Hochschule Berlin sowie Dr. Mark Benecke & Stephanie Fuhrmann vom White Unicorn. Folge 1:

Wahrnehmung neurotypisch und neurodivergent (Beispiele) Begriffe zum Thema Autismus und Inklusion Kita als zentraler Ort für Kinder im Alter von 1-6 Jahren

"Eine Leiche verlangt nichts, ..."

Quelle: Forum Wissenschaft, Nr. 4, Dezember 2025, 42. Jahrgang

Hier gibt es den Artikel als .pdf

Ein Gespräch über die Disziplin der Kriminalbiologie

Bei Todesfällen, wo Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen, werden die Leichen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Die Untersuchung der Todesumstände ist Aufgabe der forensischen Biologie. Die bekannten Darstellungen im Fernsehkrimi am Sonntagabend haben aber nur wenig mit der realen Praxis zu tun, wie Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview mit Yannick Borkens erläutert.

Forum Wissenschaft (Yannick Borkens, im Folgenden FW): Gerade für unsere nicht-naturwissenschaftlichen Leserinnen und Leser ist es spannend und interessant zu erfahren, was die Kriminalbiologie als Disziplin ist und mit was sie sich beschäftigt. Was ist Kriminalbiologie? In welchen Situationen kommt sie zum Einsatz?

Foto: Mark Benecke

Mark Benecke (MB): Forensisch heißt eigentlich vor Gericht/für das Gericht; diese Bedeutung ist in Deutschland aber nicht so eng und spiegelt die weit gefächerte Arbeitsweise auch nicht wider.

Als Wort aus dem Englischen ist es aber über TV und Kino wieder in seiner nicht ganz richtigen Bedeutung nach Europa gelangt. Ganz egal, hier der vereinheitlichte Vorschlag: Forensik ist eine Mischung aus Kriminalistik, Rechtsmedizin und Naturwissenschaften. Die Zusammenarbeit führt dabei zu einem weiten Blick. Solche umfassenden Untersuchungen waren bei uns im Labor beispielsweise ein Blutspuren-Muster nach einer Doppel-Tötung. Wir untersuchten dabei dieselben Blut-Spuren auf DNS (Naturwissenschaften), Schleuder-Richtung (Kriminalistik) und Verbringung durch Fliegen (forensische Entomologie). Die Leiche selbst wurde natürlich von Fachärztinnen für Rechtsmedizin beurteilt. Dieser auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorgestellte Fall zeigt, wie ein Einzelner viele Verfahren verknüpft anwendet. Ich habe für den Stern auch mal mit langen Zähnen zwei C. S. I.-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamtinnen, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht.

FW: Welche Beiträge kann sie leisten, um Umstände eines Todesfalles zu ermitteln? Und was kann sie nicht leisten?

MB: Mein Team und ich schauen uns jeden Fall unbefangen an. Daher passiert im kriminalbiologischen Alltag jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blutspuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen. Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen.

Alle Fälle sind super herausfordernd. Wir behandeln auch alle Fälle gleich. Ich bin nicht für die Gefühle verantwortlich, sondern für die messbare Wahrheit. Wenn es etwas ist, das therapeutisch behandelt werden muss, dann müssen Leute ran, die sich mit der »Seele« auskennen. Oder wenn es politische Folgen hat, dann muss es politisch gelöst werden. Das hat auch etwas Kulturelles: Bilder von Tatorten können wissenschaftlich herausgegeben werden, aber teilweise sind sie so episch und eindrucksvoll, dass sie — wie soll ich sagen — Wellen und Fahrwasser entwickeln. Dem kann man nicht ausweichen. Und dann muss man sich überlegen, wie man damit arbeitet. Der Kollege aus Österreich zum Beispiel. (Otto) Prokop, Leiter der Ost-Berliner Rechtsmedizin, hat sehr bildlich gearbeitet und ist mit seinem »Atlas« gegen seinen Willen im damaligen Westdeutschland unter Künstlerinnen, Künstlern bekannt geworden — also nicht wissenschaftlich. Das Buch ist erst nach dem Mauerfall in Deutschland wissenschaftlich wahrgenommen worden, obwohl es ein rein wissenschaftliches Werk ist. Prokop hat genau das gemacht, wovor ich gewarnt wurde: Er suchte Bilder aus, die so eindrucksvoll waren, dass sie ihr Eigenleben entwickelt haben. Wir achten seither darauf, dass das nicht passiert, denn wenn die Angehörigen 20 Jahre später auf irgendeinem Umweg wieder damit in Berührung kommen, dann lässt man es besser sein.

FW: Welche Rolle spielen Exhumierungen? Wann und wie werden sie durchgeführt?

MB: Wir hatten mal den Auftrag einer Familie, die Akten im Fall ihres verstorbenen Sohns zu sichten. Sie versprach sich Hinweise darauf, dass er nicht — wie von der Polizei angenommen — tödlich verunglückt, sondern Opfer einer Tötung war. Im Juni 2006 war die Leiche des Jungen nach sechsmonatiger Vermisstenzeit in Österreich in einem Bachbett gefunden worden. Er hatte während der Wintersaison an einem Skilift gearbeitet und mit seinem Kollegen und dessen Mutter eine kleine Abstellkammer direkt an der Liftanlange bewohnt. Die Eltern befragten die beiden Mitbewohner erneut zum Verschwinden. Beide beharrten darauf, dass er eines Nachts mit einem ihnen unbekannten Mädchen verabredet gewesen war und mit diesem durchgebrannt sei. Diese Version zum Verschwinden des Jungen erschien auch der Polizei plausibel. Auf dem Parkplatz der Liftanlange entdeckten die Eltern jedoch das unverschlossene Auto ihres Sohnes, in dem sich seine gesamten privaten Dokumente wie Führerschein und Pass sowie ein einzelner Socken befanden. Die Polizei stellte das Auto daraufhin sicher. Eine spurenkundliche Untersuchung blieb aus. Als später in einem dem Skilift nahe gelegenen Bachlauf Müll aufgesammelt wurde, fand man seinen Parka sowie eine Matratze, die aus der Unterkunft des Kollegen stammte. Außerdem entdeckten Passanten die teilskelettierte Leiche des Jungen mit stark zersetzter Bekleidung. Der Leichenfundort lag 2,5 km von der Lift-Anlage entfernt. Die Sektion ergab aufgrund der fehlenden Weichteile keine Auskunft darüber, ob Fremdeinwirkung (Verletzungen an den Weichteilen) vorgelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur der Kollege und Mitbewohner zu dem Vorfall polizeilich befragt worden, nicht jedoch die Mutter.

Die Eltern gaben sich damit jedoch nicht zufrieden und hatten selbst Suchen durchgeführt. Nach vielen Beiträgen, in denen die Familie die Vorgehensweise der Polizei anprangerte, wurden im Januar 2008 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die Mutter des Kollegen belastete ihren Sohn und sagte aus, er habe das Opfer erstochen. Bei der Tat sei sie nicht anwesend gewesen, jedoch habe sie bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Die österreichischen Behörden begingen daraufhin den Tatort mit einem Blutspürhund. Die Eltern hatten bei einem ihrer Besuche in der Unterkunft einige Holzdielen aus dem Boden gebrochen. Auf diesen hatten sie nicht untersuchte, an Blut erinnernde Flecken gesichtet. Einige dieser Stücke brachten sie zu einer Besprechung in unser Labor.

Der Blutschnelltest zeigte an mehreren Stellen auf den Holzstücken eine positive Reaktion. Aus dem darauf folgenden Gutachten des LKA Thüringen ging jedoch hervor, dass an den blutverdächtigen Anhaftungen der eingesandten Holzstücke kein Blut nachweisbar war.

Aus der molekulargenetischen Untersuchung der Materialproben war die Bestimmung eines DNS-Identifizierungsmusters nicht möglich. Die Schlussfolgerung: Es konnten keine weiteren Hinweise zum Verletzungs-Ort des Geschädigten gegeben werden. Die Exhumierung und anschließende Sektion im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Jena im November 2008 ergaben an Brustbein sowie der 6. und 7. Rippe des Leichnams gradlinige, glattrandige Knochenverletzungen (Stich-Schnitt-Verletzungen). Das Gutachten bestätigt, dass für die Beibringung der Rippenverletzungen ein spitz zulaufendes scharfes Messer in Betracht komme. Diese drei — wegen der Knochendefekte einzigen noch sichtbaren — Stichverletzungen waren nicht todesursächlich: Es konnten weder stark blutende Gefäße noch Brustorgane verletzt werden, da die Knochen jeweils nicht durchstochen wurden. Nach Einschätzung der Rechtsmediziner erfolgte die Verletzungsbeibringung am liegenden Opfer. Im Dezember 2008 wurde der Kollege/Mitbewohner von der Skiliftstation wegen Totschlags angeklagt. Die Verhandlungen fanden in Deutschland statt. Die beragte Rechtsmedizinerin erklärte, es sei aufgrund des Stichmusters nicht auszuschließen, dass weitere Stiche ausgeführt wurden, die nicht auf Knochen trafen, sondern Lunge oder Herz tödlich verletzten. Aufgrund des Zersetzungszustandes der Leiche konnte das aber naturgemäß nicht belegt werden. Ende Dezember 2008 wurde der Angeklagte nach einem Indizien-Prozess wegen Totschlags verurteilt.

FW: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kriminalbiologie und der forensischen Biologie?

MB: Keine.

FW: Welche Rolle spielt die Molekularbiologie innerhalb der Kriminalbiologie? Und welche Methoden kommen besonders häufig zum Einsatz?

MB: Aufgrund einer Flut von Serien wie C. S. /. in den 1990er Jahren und vielenweiteren, die sich später gerne mit Labortechniken in Kriminalfällen befass-ten, erwarten die Öffentlichkeit und (wo vorhanden) die Geschworenen in Kriminalfällen, dass alle Tatorte einer genetischen Fingerabdruckanalyse unterzogen werden müssten — der »CSI-Effekt«. Bald wurde daraus ein »umgekehrter CSI-Effekt«, das heißt, »während Geschworene aufgrund von CSI-ähnlichen Serien möglicherweise Hightech-forensische Beweise in Strafsachen erwarten und bei Fehlen solcher Beweise unangemessener Weise einen Freispruch sprechen, messen dieselben Geschworenen aufgrund derselben CSI-ähnlichen Serien forensischer Beweise oft zu viel Gewicht bei, wenn solche Beweise tatsächlich von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden, was zu Verurteilungen in Fällen führt, in denen der Angeklagte wahrscheinlich hätte freigesprochen werden müssen. «

Genetische Fingerabdrücke sind eigentlich wie ein normaler Hautabdruck. Es entsteht in beiden Fällen ein Barcode-Muster, das nichts über den Körper oder den Geist der Person aussagt. Wenn man grundsätzlich gegen die Verwendung von eindeutigen Merkmalen in Strafsachen ist, blieben ja als einzige Beweise nur Zeugenaussagen übrig. In vielen Tests wurde aber gezeigt, dass solche Aussagen nicht zuverlässig sind und von den Überzeugungen der Zeuginnen und Zeugen beeinflusst werden. Im Gegensatz dazu sind Beweise wie genetische Fingerabdrücke zuverlässiger.

Noch besser daran ist, dass DNS-Beweise immer wieder getestet werden können. Wenn ein Experte über die objektiven Beweise aus seinem Labor lügt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein unabhängiger Test die Lüge aufdeckt.

FW: Spielt die Forensik auch bei geistlichen oder kirchlichen Fragen eine Rolle?

MB: Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin hatten vor unserer Untersuchung manchmal Zweifel erregt. Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche mittlerweile genauer wissen. Darum konnten beispielsweise Blut- und Speichelproben von »Therese von Konnersreuth« in München untersucht werden. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der »Therese von Lisieux«, konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung. Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur »Therese von Konnersreuth«, weil sie die Leiden Christi so stark erlebte, dass mehrere Wunden an ihrem Körper bluteten. Die Kolleginnen und Kollegen konnten Erbgut-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut einer aufbewahrten, durchbluteten Verbandskompresse gewonnen hatten, mit Erbgut aus dem Speichel an Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person- und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte das gleiche Mitochondrien-Erbgut wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte. Was das religiös bedeutet, geht uns aber nichts an.

FW: Wie interdisziplinär ist die Kriminalbiologie? Ist sie eine reine Naturwissenschaft? Oder spielen auch Geisteswissenschaften wie die Soziologie oder die Kriminologie eine wichtige Rolle?

MB: Sie spielen keine Rolle, allerdings reden wir miteinander. So beschrieb zum Beispiel der kanadische Soziologe Neil Gerlach vor vielen Jahren in seinem Buch The Genetic lmaginary: DNA in the Canadian Criminal Justice System 2004 verschiedene mögliche Ängste der Gesellschaft hinsichtlich der Entwicklung und Ergebnisse der Biotechnologie, genetisch veränderte Lebensmittel, mögliche Forderungen nach einem Recht auf Normalität (»neue Eugenik«), Patentierung von Genen und »charismatische Wissenschaft«. Auch die »Kultur der Spur« und der DNS-Fingerabdruckmethode im Hinblick auf ihre Anwendung der Kriminalistik und ihre Auswirkungen auf Gerichtsverfahren werden diskutiert.

Neil Gerlach argumentiert, dass die Verwendung von DNS in rechtlichen Kontexten zu einer »Überwachungsgesellschaft« führen kann. Meiner Meinung nach wird die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Soziologie manchmal unnötig vergrößert, wie es auch bei Gerlachs Werk der Fall ist. Er prägt den Begriff »Biogovernance«, um zu beschreiben, wie DNS-Typisierung und andere genetische Methoden zu einem Regime der Praxis werden. Seiner Meinung nach ist dies das Ergebnis eines Machtgefüges namens »Social Governance«, das sich der Menschen befasst als mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Es ist in Ordnung, eine solche politische Aussage zu treffen und es dabei zu belassen. Allerdings vermischt Gerlach viele Dinge, die getrennt werden sollten — und tatsächlich auch getrennt sind. Angesichts meiner internationalen Erfahrung war ich überrascht, dass die Kanadier solche Angst vor der nicht-kodierenden DNS-Typisierung haben, und ich frage mich, warum das so ist. Die sehr liberalen Niederlande hatten ungefähr zeitgleich als erstes Land ein Gesetz verabschiedet, das sogar die Typisierung von Augen- und Haarfarben in Strafsachen erlaubt, und in England wird die DNS-Probe einer Person in die Datenbank aufgenommen, wenn sie eine Straftat begeht (praktisch schon ab Trunkenheit am Steuer). In beiden Ländern wurde die erweiterte Verwendung der DNS-Typisierung weder zur Herstellung »genetischer Gerechtigkeit« noch gegen den Willen der Öffentlichkeit durchgeführt. Ganz im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde gehört und stimmte zu. Außerdem ist »genetische Gerechtigkeit« unmöglich, da niemand allein auf der Grundlage eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Es muss immer andere wichtige Hinweise geben, die eine Person mit einer Straftat in Verbindung bringen, nicht nur das Erbgut allein. Der Grund dafür ist einfach: Wenn ich eine Zigarette an einem Ort fallen lasse, der 15 Minuten später zum Tatort wird, wird mich niemand bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft beschuldigen, wenn ich kein Motiv, keinen möglichen Nutzen und keine andere Verbindung zum Opfer oder zum Tatort habe.

FW: Kommt die Kriminalbiologie bzw. die Forensik auch bei archäologischen Fragestellungen zum Einsatz? Waren Sie selbst schon an archäologischen Ausgrabungen beteiligt?

MB: Ja. Hier kann zum Beispiel die forensische Entomologie (Insektenkunde) helfen. Die Besiedlung von Leichen durch Insekten und andere Gliederfüßer ist seit Jahrtausenden bekannt. Forensisch-entomologische Untersuchungen, also die Begutachtung der an oder auf Leichen lebenden Insekten hinsichtlich ihrer Systematik und Artbestimmung, ihrer Entwicklungsbiologie und ihrer Lebensweise, gehören heute in vielen Ländern zum bekannten Werkzeug der Rechtsmedizin und Kriminalistik. In der Archäologie hat die Entomologie in den letzten Jahrzehnten vorwiegend im Bereich der Umwelt-Untersuchungen der weiten Vergangenheit bzw. der Umweltarchäologie Eingang gefunden und neben der Untersuchung von uralten Pflanzenresten neue Wege zur Ermittlung des ursprünglichen ökologischen Umfeldes archäologischer Fundplätze eröffnet.

Vergleichsweise selten wurden dagegen bisher Insektenreste bei der Beurteilung archäologischer Leichen- bzw. Grabfunde berücksichtigt. Dabei sind Leichen für weit über hundert Gliederfüßerarten — insbesondere Fliegen und Käfer — Brutstätte, Nahrungsquelle und Lebensraum. Da Gliedertiere die mit Abstand artenreichste und größte Gruppe aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind sie auch in scheinbar unwirtlichen Lebensräumen noch an Leichen anzutreffen. Mit den Veränderungen eines Leichnams nach dem Tod gehen zeitlich sich überlappende Gliedertierbesiedlungswellen einher, die als Besiedlungswellen bezeichnet werden. Anhand dieser spezifischen Besiedlungswellen lassen sich oft Rückschlüsse auf die Liegezeit und die Todesumstände einer Leiche ziehen. In der Archäologie fanden die Erkenntnisse der forensischen Entomologie erst recht spät Eingang: Eine der frühesten Beschreibungen von Insektenresten aus einer archäologisch untersuchten Bestattung stammt aus dem Jahr 1836. Bei Ausgrabungen in Wymondham Abbey in Norfolk stieß man im Chor der Klosterkirche in einer Backsteingruft auf zwei Bleisärge. In einem der Särge fand sich die gut erhaltene, mumifizierte Leiche einer Frau, auf der der Ausgräber S. Woodwards Reste eines Käferinsektes sowie zahlreiche lebende Maden beobachtete. Anfang des 20. Jahrhunderts rückten Insekten aus archäologischen Grabfunden stärker in das Blickfeld der Wissenschaft. Während zunächst Befunde aus Ägypten im Vordergrund standen, lassen sich seit den 1930er Jahren auch einzelne Arbeiten zu europäischen Fundstellen anführen.

Meine Mitarbeiterin Tina und ich haben auch schon Nächte im größten Mumien-Keller der Welt verbracht und dort die Insekten angesehen. Nach zehn Jahren hatten wir sie alle auseinander gepuzzelt und bestimmt und konnten zeigen, was sich im Laufe der Jahrhunderte im Keller wie zersetzte.

FW: Passend zum archäologischen Thema sollte hier auch die anatomische Provenienzforschung erwähnt werden. In letzter Zeit sind viele Institute und Museen bemüht, ihre Kunst- und Kulturgüter aus Übersee zu katalogisieren und gegebenenfalls an die ursprünglichen Herkunftsländer zurück zu geben. Auch anatomische Sammlungen schließen sich diesem Bestreben an. Diese Arbeit ist insofern besonders, weil es sich hierbei um menschliche Überreste handelt. Wie kann die Kriminalbiologie oder die forensische Biologie hier helfen?

MB: Ja. Durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Knochen von Tätowierungen und so weiter. Lars Krutak, ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller, beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen. Er nennt sich »Tattoo Hunter«. Eine seiner Tätigkeiten ist es, Skelette und schamanische Ritualgegenstände der alaskischen Ureinwohner, die im Smithsonian Museum in Wahington DC liegen, zurück an ihren Ursprung zu geben. Seine eigenen Tätowierungen helfen ihm dabei, nach eigener Aussage, mit der örtlichen Indigenen Bevölkerung in Kontakt zu kommen: »Meine rituellen Narbenmuster und Tätowierungen helfen mir sehr. Die Menschen vor Ort sehen sofort, dass ich – ein Mensch aus einer total anderen Kultur — durch Schmerzen und Körperveränderungen meine Transformation durchgemacht habe, genau wie viele von ihnen. Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Tätowierungen, die mit jeder auf der Erde bekannten Methode gestochen wurden: japanisch, von Hand, mit Tierzähnen, elektrisch — und oben drauf über tausend Narben. So eine Mischung hat kaum jemand.«

FW: Forum Wissenschaft betrachtet oft auch kritische Aspekte der verschiedenen wissenschaftlichen und akademischen Disziplinen. Gibt es solche kritischen Betrachtungen auch bei der Kriminalbiologie bzw. auch bei den forensischen Wissenschaften?

MB: Ja, besonders zu »Rassen«. So gab es recht lange Schädelvermessungen, auch, weil man diese gut transportieren konnte. Weichteile zersetzen sich mit der Zeit und sind daher deutlich schwerer zu untersuchen. So hat man angefangen Knochen zu vermessen. Viele Museen haben zum Beispiel geguckt, ob es Unterschiede zwischen den sogenannten Ureinwohnern oder früheren Bewohnern und den später gekommenen Europäern. Das hat man in Nordamerika wie auch in Südamerika gemacht. An Knochen kann man sehr viele Sachen ablesen bzw. spiegeln sich viele Dinge in den Knochen wider: Krankheiten, Körpergröße, welche Muskelansatzstellen wo dran sind und so weiter. Irgendwann hat man dann gemerkt, das bringt nichts außer, dass wir feststellen, dass die genetischen Wirkungen, die häufig durch zufällige Begebenheiten entstehen, stattgefunden haben. Es hat also überhaupt keinen praktischen Nutzen, wie man früher dachte, in Bezug auf irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale. Teilweise konnten durch Schädelvermessungen zwar ganz brauchbare Vaterschaftsfeststellungen machten. Doch durch modernere Verfahren wie den genetischen Fingerabdruck wurde diese Methode komplett überflüssig.

Ähnlich sieht es auch bei der Hautfarbe aus. Hautfarben sind so unbedeutend. Würde man Albinos aus den unterschiedlichsten Bereichen der Welt (Europa, Afrika, Südamerika etc.) miteinander vergleichen, könnten wahrscheinlich 90 % der Menschen diese Albinos nicht ihrer Herkunftsregion zuordnen. Wahrscheinlich wären jetzt selbst liberale Menschen geneigt zu sagen »hey, das kann man doch wohl nicht sein. Die müssen doch eine total platte Nase haben oder irgendwelche auffallenden Augen«. Nein, es gibt alle möglichen Übergänge. Und bei Hautfarben ist das genauso. Klar gibt es Mikrounterschiede.

Aber wenn du mit einem Fahrrad durch die Welt fahren oder zu Fuß gehen würdest würde dir von Tag zu Tag der Unterschied überhaupt nicht auffallen. Kurz gesagt, es spielt überhaupt keine Rolle, es hat überhaupt keine Aussage. Wie nicht weniges resultiert dies wahrscheinlich aus einer kolonialistisch geprägten Problematik.

FW: Könnte die Kriminalbiologie dazu beitragen, künftig Todesfälle zu verhindern?

MB: Ja. Das gilt auch für die Rechtsmedizin. Vor wenigen Tagen haben die beiden Präsidentinnen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der auch ich seit dreißig Jahren angehöre, und des Berufsverbandes schön geschrieben: »Rechtsmedizinische Obduktionen liefern darüber hinaus unverzichtbare Daten für die Mortalitätsstatistik und damit für Prävention und Gesundheitsplanung. Erkenntnisse aus Todesfallanalysen (z.B. zum Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizide) fließen unmittelbar in gesundheitspolitische Maßnahmen ein. Durch die rechtsmedizinische Aufarbeitung von potentiellen Behandlungsfehlervorwürfen wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und Qualitätssicherung im Gesundheitssystem geleistet. Rechtsmediziner haben durch Forschung zu den Risikofaktoren für einen Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu dessen Inzidenzrückgang aktiv beigetragen.« In meinen Fall gilt auch für Täter aller Art, auch Serientäter, mit denen ich spreche: Wenn wir verstehen, wie und warum sie die Taten durchgeführt haben, dann können wir sie gemeinsam hoffentlich künftig leichter verhindern.

FW: Gleichberechtigung und Feminismus sind Themen, welche auch in der Wissenschaft und dem akademischen Bereich immer wichtiger werden. Während gerade die Naturwissenschaften früher Männerdomänen waren und Frauen der Weg an die Hochschulen erschwert wurde, ist es heute glücklicherweise anders. Wie sieht die Geschlechterverteilung in der Forensik aus? Und wie wird diese sich in den nächsten Jahren entwickeln?

MB: Das Fach wird von Frauen schon immer bevorzugt, weltweit.

FW: Wie sieht die Altersverteilung aus? Leidet auch die Forensik unter dem demografischen Wandel? Oder kommen genug junge Akademiker nach?

MB: Es kommen genug nach, da viele Menschen durch Krimis, Filme, Serien, Podcasts und dergleichen angezogen werden. Sie bleiben aber nicht im Fach, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

FW: Wenn ich Interesse an einer Tätigkeit in der Kriminalbiologie hätte, was wäre mein Eintritt? Was müsste ich studieren? Und wo? Uni oder FH? Gibt es bestimmte Hochschulen mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich?

MB: Du kannst tatsächlich jedes technische oder naturwissenschaftliche Fach kriminalistisch einsetzen: Lacke, Handy-Daten, Insekten auf Leichen, Blutspuren, Erd-Körnchen. es gibt nichts, was nicht auch in der Kriminalistik von Nutzen sein könnte. Jedes entsprechende Studium passt also.

FW: Wo könnten sich Interessierte weiter Informieren? Und gibt es bestimmte Bücher oder andere Texte, die Sie für die die Vorstellung, dass es rein gute oder weitere Lektüre (unbedingt) empfehlen würden?

MB: Die Websites der Unis, Behörden, Firmen, Arbeitgeber:innen und so weiter sind natürlich immer gute Adressen. Wenn ihr Interesse an meinen Lebensweg habt, empfehle ich euch mein Buch Mein Leben nach dem Tod.

FW: Die Informatik wird auch in der Biologie immer wichtiger. Einige sagen, dass das Fach / Modul »Bioinformatik« mittlerweile eigentlich ein verpflichtendes Modul im Grundstudium jedes biologischen Studienganges sein sollte. Gerade die Künstliche Intelligenz ist das Stichwort der aktuellen Zeit. Welche Entwicklungsperspektiven ergeben sich innerhalb der Kriminalbiologie und der Forensik aus der Digitalisierung bzw. dem Einsatz von KI?

MB: Du kannst damit alle Massendaten untersuchen, beispielsweise Verwandtschafts-Datenbanken oder Handy-Daten.

FW: Und wo liegen die Gefahren?

MB: Dass Daten in unsozialer Weise verwendet — vor allem verknüpft — werden.

FW: Was hat Sie motiviert in die Kriminalbiologie zu gehen? Und was motiviert Sie noch heute? Ist es die akademische Forschung? Die Lehre? Oder der Beitrag beim Aufklären von Straftaten und beim Helfen, Gerechtigkeit zu bringen?

MB: Gerechtigkeit zu bringen? Gerechtigkeit gibt es nicht, das kannst du leicht messen. Urteile sind je nach Tagesform oder Ort eines Gerichtes sehr unterschiedlich. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche zudem, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass manche Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden. Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen und Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen. Die Vorstellung, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und waren oder sind. Wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht. Nur messbare Spuren helfen dann dabei, zu erkennen, ob die Stories stimmen, was wirklich wann und wo geschehen ist und wie wir darauf gründend weitere Taten verhindern können. Am liebsten sind mir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die, die eigentlich nur zählen, messen und sortieren wollen.

Anmerkungen

1) Otto Prokop (1921-2009) war ein österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner und forensischer Serologe. Ab 1956 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig.

2) Mark Benecke 2006: »Wer's glaubt, ist selig...«. in: Der Stern, online: https://www.stern.de/kultu r/tv/csi—wer-s-glaubt—ist-selig---3320558.html.

3) Mark Benecke 2014: »Tattoos für die Völkerverständigung«. In: Tätowiermagazin 5/2014: 144.

4) Mark Benecke 2018: Menschenrassen. You-Tube: Dr. Mark Benecke's Official Youtube Channel.

5) Ritz S, Germerott T. 2025. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) und den Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner (BDRM) zu den »Empfehlungen zur fachlichen Entwicklung der Medizin mit einem Fokus auf vorklinische und klinisch-theoretische Fächer« des Wissenschaftsrates vom 31.10.2025. https://www.med.uni-wuerzburg.de/fileadmin/03230000/2025/2025-11-10_Stellungnahme_VVR_Bericht_-_signed_final.pdf.

6) Mark Benecke, Hock A 2019: Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann.

Pflanzliches Essen (vegan)

Manhuas (Comics) aus Taiwan in Dortmund 🇹🇼

24 März 2026

Dufte Manhua-Comic-Lesung nebst Interviews im Dortmunder U der Stadt Dortmund mit den Zeichnerinnen RiceDumpling & Wu Yishan aus Taiwan und dem schauraum: comic + cartoon nebst 德國臺灣心協會  

»Wu Shi-shans BL-Manhua 'Cupid Coworkers' erzählt die Geschichte von Wu You, der früher der Mittelpunkt jeder Schulklasse war und heute ein zurückgezogenes Leben als Büroangestellter führt. Als ihm schmerzlich bewusst wird, wie einsam er ist, beschließt er, sein Liebesleben aktiv anzugehen. Doch ausgerechnet sein junger Kollege Chiang Kin-Fan gesteht ihm völlig überraschend seine Liebe. Überfordert reagiert Wu You zunächst zu heftig. Als er sich später entschuldigen will, nehmen die Ereignisse eine unerwartete Wendung. 

RiceDumplings erfolgreicher Manhua 'Sexsurfing in Japan' ist ein provokantes, autobiografisch inspiriertes Webcomic-Reisetagebuch. Statt Reiseführern nutzt Protagonistin Miss T Dating-Apps, um ihre Japanreise zu planen. Ihr erklärtes Ziel ist der perfekte One-Night-Stand. Zwischen ständigem Swipen begegnet sie einer schillernden Parade potenzieller Dates und einer Vielzahl unvorhergesehener Probleme.«  

吳懿姍

Herzlich euer: Markito aka 馬良 / Maliang


与RiceDumpling和吴诗珊共同参与的漫画朗读会

报名请访问:comic@stadtdo.de

建议18岁以上观看

本活动由台湾之心与台湾文化部联合举办。

所有漫画、漫画、网络漫画和BL粉丝的必备之选:

2026年3月24日,台湾漫画家RiceDumpling和吴诗珊将造访多特蒙德,并介绍她们以德语出版的作品《日本性冲浪》和《丘比特同事》。

朗读会和座谈会结束后,观众将有机会与艺术家们交流,并请她们为自己的书籍签名。活动将以中文进行,并配有德语口译。

吴世山创作的BL漫画《爱神同事》讲述了吴悠的故事。他曾是校园里的风云人物,如今却作为一名办公室职员过着隐居般的生活。当他痛切地意识到自己的孤独时,决定主动出击,改善自己的感情生活。然而,出乎意料的是,他的年轻同事蒋健凡竟向他表白了爱意。 措手不及的吴悠起初反应过于激烈。当他后来想道歉时,事情却发生了意想不到的转折。这是一个既细腻又幽默的BL故事,讲述了亲密、不安与第二次机会。

RiceDumpling在日本大获成功的网络漫画《Sexsurfing》是一部充满挑逗性、受自传体启发的网络漫画旅行日记。女主角Miss T没有使用旅游指南,而是通过约会软件来规划她的日本之旅。她公开宣称的目标是寻找完美的“一夜情”。在不停滑动屏幕的过程中,她遇到了形形色色的潜在约会对象,同时也遭遇了各种意想不到的麻烦。 《RiceDumplings》以坦率、真诚且充满幽默的笔触,探讨了现代女性如何才能获得满足。这部大胆直率、毫无禁忌的作品已在国际上引起广泛关注。


Mark in Vietnam

Mark in Vietnam & den Philippinen

Mark in China

Transgressive Body Reincarnated Flesh Berlin

Mark bei Radio Essen

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke besucht Radio Essen mitten in der Innenstadt (25. März 2026)

Radio Essen

V 10 „Asservate“ aus Buchenwald: Lampenschirm, Herz und Taschenmesser-Etui aus Menschenhaut, Schrumpfkopf aus Tier-Haut und -Haaren

5. Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, 21. März 2026

Institut für Rechtsmedizin der Goethe-Universität Frankfurt/M.

Mark Benecke | International Forensic Research & Consulting

Hier gibt es das Abstract als .pdf

Ein Schrumpfkopf, ein Herz (in Flüssigkeit), ein Taschenmesser-Etui und zwei Lampenschirme – einer vollständig erhalten, vom anderen als Teil eines Beweis-Stückes an englische Alliierte übergeben – aus dem ehemaligen KZ in Buchenwald stammend, wurden bislang als nicht menschlichen Ursprungs gedeutet. Wir untersuchten die Spuren mikroskopisch, mittels nested PCR sowie kriminalistisch vergleichenden Techniken und berücksichtigten Hinweise aus dem Archiv der Gedenkstätte Buchenwald.

Da zuvor ein in den Vereinigten Staaten gefundener und untersuchter Lampenschirm aus Rinderhaut gefertigt war, prüften wir unsere Spuren in verschiedenen Fach-Laboren, die keine Informationen zur Herkunft hatten. Mikroskopisch konnte zunächst nicht ausgeschlossen werden, dass die Haare des Schrumpfkopfes aus Pferdehaar bestanden; die DNA-Analyse ergab, dass es sich um Ziegenhaut und -haar handelt. Die aus zwei Lampenschirmen und dem Taschenmesseretui herausgeschnittenen Stücke ähnelten mikroskopisch verlederter menschlicher Haut aus einer Vergleichs-Sammlung; sie enthielten zudem menschliche DNA (CO1-Barcoding). Da die DNA-Menge gering war, wurde eine nested PCR durchgeführt. Sequenzierung und BLAST ergaben eine 99%ige Übereinstimmung mit Homo sapiens sapiens. Das Herz wurde durch fotografische Merkmals-Vergleiche mit alten Sammlungs-Fotos als menschlich erkannt.

Politisch „aufgeladene“ Sammlungs-Stücke werden von Gedenkstätten ungern zur spurenkundlichen Untersuchung freigegeben. Im vorliegenden Fall zeigt sich, dass die Zusammenarbeit zwischen Historikern und Spurenkundlern entscheidende Informationen lieferte, und die Spuren zugleich hinreichend schonend behandelt wurden.

forensic@benecke.com

Leben nach dem Tod

Einfluss synthetischer Drogen auf die Schmeißfliegenentwicklung an Leichen

Abschließende Arbeit von Clio Ayleen Ebner

Klasse 8D / Schuljahr 2025/26 / Wien, Februar 2026

Die vollständige Arbeit gibt es hier als .pdf

Expert*innenbefragung Benecke

Antworten des Experten wurden in den Fragebogen integriert, obwohl sie ursprünglich per E-Mail gegeben wurden.

Allgemeine Angaben Name: Dipl.-Biol. Dr. rer. medic. Mark Benecke, MSc, Ph.D.

Name darf angegeben werden: ja (Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass meine abschließende Arbeit z.B. auf der Schulhomepage veröffentlicht wird)

Berufliche Position/Tätigkeit: Kriminalbiologe - Forensische Entomologie

Institution/Einrichtung: International

2. Einfluss auf Entwicklungszyklus und Verhalten

2.4 Haben Sie in Ihrer Arbeit jemals Verhaltensänderungen bei Schmeißfliegen in Zusammenhang mit bestimmten toxischen Substanzen beobachtet (z. B. Abneigung gegenüber kontaminiertem Gewebe, Paarungsverhalten, Besiedelungsverzögerung)?

Nein, aber das ist auch schwierig zu sehen. Die Tiere sind gegen alles mögliche empfindlich und du kriegst oft nicht raus, auch nicht bei Versuchen, warum die eine Ecke des Geländes jetzt so viel anders als die andere Ecke ist und verschiedene Besiedlungs-Muster dort vorkommen. Die Insekten sind sehr "vorsichtig" und legen die Eier oder Brut-Höhlen nur da an, wo es passt. Ich vermute, dass die Drogen dabei das kleinere Problem sind. Sehr wichtig ist ihnen beispielsweise der Fäulnis- und Trocknungs-Grad. Mittlerweile gibt es aber eh kaum noch Insekten. Die Anzahl hat in den letzten knapp dreißig Jahren um drei Viertel abgenommen

4. Relevanz für die forensische Praxis

4.2 Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Anwendung entomologischer Methoden in Fällen mit Drogeneinfluss?

Bisher haben wir nichts Auffälliges bemerkt. Die Menge der üblichen Drogen in den Körpern ist vergleichsweise klein. Durch die Fäulnis zersetzt sich vermutlich auch manches an Stoffen und wandelt sich um. Zudem arbeiten wir bei der Liegezeitbestimmung auch nicht auf die Minute genau. Es gibt ja immer Einwirkungen aus der Umwelt, etwa Temperatur-Schwankungen, Feuchte, Tiere, die andere Tiere fressen und vieles mehr. Da lassen wir also eh etwas Spielraum für mögliche Unsicherheiten bei der Berechnung.

Plant Based Treaty

Forensic biologist Dr Mark Benecke for Plant Based Treaty

What is the Plant Based Treaty?

We are urging individuals, groups, businesses and cities to endorse this call to action and put pressure on national governments to negotiate an international Plant Based Treaty as a companion to the UNFCCC Paris Agreement.

The treaty would put food systems at the heart of combating the climate crisis, aiming to halt the widespread degradation of critical ecosystems caused by animal agriculture, to promote a shift to more healthy, sustainable plant-based diets and to actively reverse damage done to planetary functions, ecosystem services and biodiversity.

The Plant Based Treaty has three core principles:

Redirect

An active transition away from animal-based food systems to plant-based systems

Relinquish

No land use change, ecosystem degradation or deforestation for animal agriculture

Restore

Actively restoring key ecosystems, particularly restoring forests and rewilding landscapes

Saddams Koran

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7./8. März 2026, Nr. 55, Seite 56

DEM GEHEIMNIS AUF DER SPUR

Von Josef Scheppach

Hier gibt es den Artikel als .pdf

Diese Abschrift des Zentralbuches des muslimischen Glaubens wurde mit dem Blut des irakischen Diktators Saddam Hussein geschrieben - so zumindest stand es im offiziellen Regierungsbulletin. Die Geschichte dieses Dokuments begann am frühen Abend des 12. Dezember 1996. Ein Porsche röhrte durch den wohlhabenden Stadtteil al-Mansour in Bagdad. Am Steuer: der damals 32-jährige Udai, Husseins ältester Sohn. Seine Verbrechen - Vergewaltigungen, Folter, Morde - hatten so großen Hass im Volk geschürt, dass ihm nun Attentäter auflauerten: 37 Schüsse wurden abgefeuert, mindestens sieben fanden ihr Ziel.

Aber Udai überlebte. Zwar steckten weiterhin zwei Kugeln in seiner Wirbelsäule. Doch wie durch ein Wunder blieb nur ein starkes Humpeln zurück. Für die Genesung seines Sohns und für sein eigenes Überleben im Ersten Golfkrieg wollte Hussein dem Allmächtigen danken - auf denkbar makabre Weise: Gottes Wort sollte mit seinem eigenen Blut niedergeschrieben werden. Für das Vorhaben wählte der Diktator Abbas Shaker al-Baghdadi aus.

„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin darüber fast blind geworden", klagte der renommierte Kalligraf später in einem TV-Interview im saudischen Fernsehen. Zwei Jahre lang schrieb er die rund 323 670 Buchstaben des Korans nie-der: jeder zwei Zentimeter hoch und ebenso breit. Auch die Ränder der Seiten verzierte er dekorativ. 27 Liter Blut sollen dem Diktator Saddam Hussein für dieses Werk abgenommen worden sein; also mehr als viermal die Menge seines gesamten Bluthaushalts.

„Eine so enorme Blutspende in so kurzer Zeit ist aller Voraussicht nach nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich", sagt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich Institut - zuständig für die Überwachung von Blutspenden. Es drohe eine Anämie (Blutarmut) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.

Ob Hussein dieses Risiko trotzdem eingegangen ist? Zumal für einen Sohn, der 1995 Husseins Halbbruder zum Krüppel geschossen und 1988 den Vorkoster und Lieblingsleibwächter seines Vaters mit einem elektrischen Messer abgeschlachtet hatte? Wie viel eigenes Blut war ihm so ein gewissenloser Sohn wert? Wie sicher kann man sein, dass sich in den Blutkonserven nicht das Blut der Opfer von Husseins zahllosen Gewalttaten be-fand? Es gibt zwar Fotos, die zeigen, wie Saddam Blut abgenommen wird, aber war das mehr als nur Propaganda?

Kaum ausgestellt, wurde das Werk von vielen Gelehrten in unterschiedlichen Ländern als unzulässig verurteilt. „Schließlich gilt Blut laut dem Koran nur so lange als halal (rein), als es im jeweiligen Kreislauf von Mensch oder Tier fließt. Wird es vergossen, gilt es als harām, also verboten oder unrein", erklärt Islamkenner Ahmad Mansour.

„Kein Muslim käme auf die Idee, die heilige Schrift absichtlich mit Blut zu beschmutzen." Mit einem Trick versuchte Saddam, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das Blut wurde an der Bagdader Universität mit einer Chemikalie versetzt, die es in eine Art von Tinte verwandeln sollte", erklärte der Kalligraf „Es wurde wohl mit EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) versetzt”, vermutet der Forensiker Mark Benecke. „Dann klumpt es nicht, und die Schrift bleibt jahrelang lesbar”.

605 lose Blutseiten im A3-Format wurden im September 2000 mit großem Pomp im Komplex der Umm-al-Ma'arik-Moschee (Mutter-aller-Schlachten-Moschee) ausgestellt: in einer meterlangen Glasvitrine in einem sechseckigen Marmorgebäude, das auf seiner Spitze ein Minarett in Form einer Scud-Rakete trägt.

Eine Besichtigung war nur besonderen Besuchern erlaubt. 2003 wurde Hussein gestürzt, wenige Monate später von US-Soldaten mit wirrem Haar und irrem Blick in einem Erdloch aufgefunden und gefangen genommen. Und der Blutkoran? Während der US-Invasion nahm Scheich Ahmed al-Samar-rai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Irak, einzelne Koranseiten mit nach Hause. „Ich wusste, dass intensiv nach dem Blutkoran gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen", erklärte er einem Reporter des Guardian.

Samarrai zufolge wurden die anderen Seiten des Blutkorans in der Moschee in einer kugelsicheren Kiste hinter drei Türen aufbewahrt. Für eine Tür habe er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte sei der Schlüssel irgendwo in Bagdad versteckt worden. Doch als 2018 ein Reporter des Guardian die Moschee aufsucht, versichert der Imam: Der Koran ist verschwunden." Über den Verbleib wisse er nichts. Später will ihn ein anderer Reporter in einem Museum gesehen haben. Aber dort ist er nicht mehr.

Dass seit Jahrzehnten über den Aufbewahrungsort dieses bizarren Relikts gerätselt wird, dürfte jenen im Irak ganz recht sein, die der Ansicht sind, dass alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt werden sollte.

Auch deutsche Muslimvertreter kritisieren das Werk. „Hussein galt als nicht religiös", erklärt Professor Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie. „Sein Werk wurde von vielen als politisch motiviert und als Verunglimpfung des Koran betrachtet."

Wo auch immer der „Saddam-Koran" verborgen sein mag - er ist ein Mahnmal des blutrünstigen Diktators und er hat ihm kein Glück gebracht. Saddams Söhne Udai und Qusai wurden im Juli 2003 in einem Feuergefecht mit amerikanischen Soldaten getötet. Im Dezember wurde Saddam selbst gefangen genommen und drei Jahre später verurteilt und hingerichtet wegen zahlloser Verbrechen, unter anderem den Massakern an Schiiten und Kurden.

Nerds, Neurodivergente und Neugierige

Quelle: Ox-Fanzine, #184 1/2026, Seiten 36 bis 40

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VON JOACHIM HILLER

Unser Erstkontakt liegt schon viele Jahre zurück, hatte damals was mit einer Verquickung unserer Interessengebiete zu tun: Der in Köln lebende Dr. Mark Benecke beschäftigt sich als Kriminalbiologie mit der Aufklärung von Todesumständen und weiß deshalb viel über das, was mit dem Gewebe von Säugetieren (was Menschen inkludiert) und wirbellosen Tieren nach deren Tod geschieht. Und ich interessiere mich dafür, was der Mensch mit nichtmenschlichen Tieren anstellt, propagiere vehement, dass diese eben nicht existieren, um vom Menschen ausgebeutet und getötet (und verspeist) zu werden. Konsequenz daraus ist die vegane Lebensweise, für die sich auch Mark Benecke entschieden hat.

Im Kontext von einem seiner Vorträge, mit denen er seit vielen Jahren landesweit jeweils hunderte Zuhörende begeistert, ging es um das, was selbsternannte „Fleischsommeliere“ in schöne Worte kleiden: Das Verwesen von Fleisch nennen sie „reifen“, wohingegen Dr. Benecke sich unter anderem damit beschäftigt, was mit menschlichen Körpern nach deren Tod geschieht, wenn diese ... reifen. Beneckes Neugier geht aber weit darüber hinaus, wie ein Blick auf seine zahlreichen Buchver-öffentlichungen verrät sowie seine enorm zahlreichen Videos und Social-Media-Posts vor einer in die Hunderttausende gehenden Schar von ... ja, Fans. Der Mann (und mit ihm seine Partnerin Ines) ist ein Popstar, und ja, Musik macht er auch, und Politik – 2025 wollte er für Die PARTEI Oberbürgermeister von Köln werden. Ende 2025 erreichte ich ihn nicht dort, sondern via Zoom in einer Bäckerei namens „Backstube“ in Tromsö, Norwegen. Worüber wir irgendwie vergessen haben zu sprechen? Über Musik! Mark besucht seit vielen Jahren schon das Leipziger Goth-Treffen WGT und macht selbst Musik. Aktuell ist unter dem Titel „Abysmal Affairs“ eine EP seiner Zusammenarbeit mit Bianca Stücker erschienen, dunkler Electro-Goth-Folk.

Mark, was führt euch im Winter nach Tromsö? Polarlichter gucken, wie alle anderen auch?

Unter anderem. Und wir wollen uns die Temperatur- und Umweltbedingungen mal anschauen, die hier herrschen, nachdem jetzt alles auftaut.

Eine Frage, die ich mir gestellt habe, nachdem ich deine Social-Media-Kanäle durchgegangen bin: Was interessiert dich explizit nicht?

Fragen wir mal meine Frau ... Mythologie, Religionen und so was, sagt sie. Ja, ich bin Dudeist und das reicht mir auch. Mein Bedarf an Mythologie und Religion ist damit abgedeckt. Und an Schlagermusik bin ich sehr begrenzt interessiert, obwohl ich backstage bei Talkshows schon sehr nette Menschen getroffen habe, die Schlager singen. Oder Fernsehköche. Ich gucke ja nie Fernsehen, ich habe noch nie ferngesehen. Es ist aber trotzdem interessant, mal mit den echten Menschen zu reden, also nicht mit dem, was sie da präsentieren oder deren öffentliche Figuren. Neulich war ich mit Howard Carpendale in einer Sendung, das war super-interessant.

Auch wenn mich der Content nicht interessiert, ist es so, dass die Menschen interessant sind. Und wovon würdest du spontan sagen, darüber weiß ich nichts, davon habe ich überhaupt keine Ahnung?

Zauberwürfel lösen. Ich habe für Ines einen eigenen Kanal eingerichtet, wo wir vorstellen, was sie für neue Zauberwürfel hat und wie sie diese teilweise monatelang löst. Das wäre dann der Satz, den du von mir auch in diesen Videos hörst: „Davon habe ich keine Ahnung. Die Ines erklärt euch das jetzt mal.“ Und ich habe keine Ahnung von allem, was mehr als vier Dimensionen hat. Ines will immer darüber reden, wie das ist bei der Stringtheorie und Raum-Quanten, aber ab der vierten Dimension bin ich raus, echt.

Zu gefühlt allem anderen weißt du aber irgendwas und kannst Fragen dazu beantworten.

Geht so. Ich habe zumindest den Willen, es so nachzuprüfen, dass ich eine originale Studie dazu finde und diese dann in einfachen Worten erkläre. Ich habe das ja 25 Jahre lang ohne Pause für radioeins gemacht, daraus wurde dann ein Podcast. Da habe ich das gelernt, denn damals gab es ja noch diese psychologischen Studien, die hauptsächlich mit Psychologie-Studierenden, mit hellhäutigen Frauen in den USA im Alter zwischen 18 und 23 oder so gemacht wurden. So was habe ich mir angeschaut daraufhin, ob die Studie gut oder nicht gut ist.

Ich bin auch Referee für viele rechtsmedizinisch-kriminalbiologische Zeitschriften, wo ich beurteilen muss, was die da noch verbessern könnten. Da bin ich super nett, weil ich sage, die allerkleinste Maschineneinstellung, die ihr da in irgendeinem Gerät vorgenommen habt, dazu will ich jetzt mal nichts zu sagen, vielleicht habt ihr ja eure Gründe dafür. Aber guckt mal hier, eure Abbildung, da kann ich den Text nicht richtig lesen. Da bekomme ich manchmal Feedback, ich solle ein bisschen strenger sein, doch mir geht es eher darum zu verstehen, was die Leute da gemacht haben. Deswegen würde ich nicht sagen, ich habe Ahnung davon, sondern ich versuche einfach nur zu begreifen, was sie gemacht haben. Ein aktuelles Beispiel: Der Gesundheitsminister der USA hat gesagt, die größte Studie, die jemals zu Impfnebenwirkungen durchgeführt wurde und mit der in Dänemark gezeigt wurde, dass Aluminium in Impfstoffen nichts mit Autismus und anderen Erkrankungen zu tun haben kann, die entspräche nicht dem „Goldstandard“. Und dann habe ich gedacht, komisch, wieso sagt er das? Klar, er lügt natürlich, aber vielleicht steckt ja irgendwas dahinter. Und dann habe ich nachgeschaut und es ist tatsächlich so, es gibt keine echte Vergleichsgruppe im Sinne einer randomisierten, verblindeten Studie, wo man gesagt hat, manche erhalten den Impfstoff, manche nicht. Dann habe ich noch weiter in die Originalveröffentlichung geschaut, weil ich mir gedacht habe, das Verblinden ist manchmal schwierig bei Impfstoffen. Du willst ja bei Kindern nicht sagen, du kriegst Polio, du kriegst kein Polio. Die echte Lüge ist aber: Es waren verschiedene Mengen Aluminium in diesen Impfstoffen über die lange Zeit, die das verfolgt wurde. Das heißt, es gibt sehr wohl Vergleichs- und Kontrollgruppen. Zu sagen, das ist kein Goldstandard, stimmt überhaupt nicht. Ich will nicht sagen, dass ich mega viel Ahnung davon habe, aber ich habe genug Ahnung, um es zu lesen, zu begreifen und mit einfachen Worten für Achtjährige zu erklären.

Du schaust dir Studien an, vergleichst Studien. Bis vor drei Jahren war jemand wie du das Superbrain, da brauchte es menschliche Intelligenz. Nun gibt es genau für solche Dinge künstliche Intelligenz. Wo vorher Typen wie du gefühlt alles im Blick haben konnten, setzt man nun auf KI – kann die es besser?

Ich komme gerade von einer Fachtagung in Köln, wo wir genau darüber geredet haben, wie wir das gutachterlich vor Gericht machen. Da war ein Richter, ein Rechtsanwalt und ein KI-Programmierer. Und die haben alle was dazu gesagt, natürlich mit verschiedenen Wertungen. Es ging darum, wie wir als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige eine Materialprüfung oder in meinem Fall einen super komplizierten Kriminalfall angehen, mit allen möglichen Einflüssen wie Luftfeuchte, Drogen, ob das Schloss nach links oder nach rechts aufgeht, was für ein Material der Kissenbezug hat – super viele Einflüsse. Und alle kamen, ohne sich abzusprechen, zum selben Ergebnis: Das Problem ist, dass ausnahmslos jede KI so programmiert ist, dass sie im Zweifel halluziniert.

Und erst seit kurzem kann zumindest ChatGPT, wenn man das zu KI zählen möchte, überhaupt erst sagen, dass es etwas nicht weiß, wenn man entsprechend promptet. „Sage bitte dazu, wenn du es nicht weißt, und halluziniere nicht.“ Nur hast du damit eigentlich nichts gewonnen, meiner Meinung nach. Denn da kann ich es ja gleich selber machen. Das zweite Problem ist, dass die Quellen, die eine KI sucht, derzeit noch völlig zufällig sind.

Das sehe ich bei meiner Arbeit als Referee für Wissenschaftsveröffentlichungen. Die Jüngeren unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fangen jetzt an, KI-generierte Arbeiten einzureichen, meistens Übersichtsarbeiten. Also so was in der Art wie „20 Jahre Ox-Magazin. Suche mir alle Highlights raus und gib mir immer die Quellen dazu.“ Und was da dann kommt, ist erstaunlich zufällig. Und es ist im Moment noch sehr stark US-lastig, da die KIs hauptsächlich USA-Quellen besuchen. Was etwa bei Rechtsfragen wegen des grundsätzlich anderen deutschen Rechtssystems Quatsch ist. Das war ein riesiges Nerd-Meeting, und die Erkenntnis war, man könnte KI benutzen zur Herstellung von Vorschaubildern für Internet-Seiten, aber nicht für unsere Gutachten. Und du kannst mit der KI versuchen herauszufinden, was diese spezielle KI für Quellen heranziehen würde, und so einen ersten Eindruck dazu gewinnen. Das ist so, als ob du mit Leuten redest, so wie du jetzt gerade ein Interview mit mir machst: einfach mal Eindrücke sammeln. Das ist aber nur ein winziger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Ach ja, und zur Textverbesserung kann man KI nehmen, wenn Leute nicht gut schreiben können – in diesem Nerd-Bereich gibt es viele Leute mit Schreibschwäche. Und das war’s! Ich war darüber wirklich total erstaunt.

Worin besteht die Problematik?

Wenn du als Sachverständiger arbeiten willst, sieht das Gesetz vor, dass du alle „Hilfskräfte“ angeben musst und du musst verstehen und kontrolliert haben, was die Hilfskräfte machen. Das ist bei KI nicht vorstellbar. Deswegen setzen wir zum Beispiel im Labor überhaupt keine KI ein. Für mich ist das komplette Zeitverschwendung. Ob KI etwas bringt, hängt sehr von dem Fachgebiet ab, in dem du arbeitest. Du machst ja immer diese super langen Interviews mit Musikern und Musikerinnen. Ich glaube, dass das im Grunde genommen auch eine Sachverständigentätigkeit ist. Und wenn du daran mit KI arbeiten würdest, bekommt die KI dieses feine, polarlichtartig Wabernde nicht hin. Erstens haben die derzeitigen KIs Programmierfehler mit der genannten Folge der Halluzination. Das zweite Problem ist, dass du ja noch keine richtig autonome KI hast. ChatGPT ist gerade mal Stufe 3 oder 4 von 10 der Selbständigkeit. Und die nächste große Frage ist: Wer möchte die KI für was benutzen? Die meisten geldbringenden KIs werden auf bestimmte Ziele besonders stark trainiert sein, die sind aber für dich und deine Leser und Leserinnen vermutlich relativ bedeutungslos. Und ein weiteres Thema ist diese Chip-Firma Nvidia, wo auch auf dem Aktienmarkt entschieden wird, wer kriegt die Chips für welche KI, wer braucht die Chips, wer stellt die Energie her, wer verbraucht die Energie.

Am Ende wird es eine marktwirtschaftliche Frage sein, welche Schwerpunkte und Quellen man mit KI sinnvoll auswerten möchte und kann. In meinem Sachverständigenbereich sieht es nicht so aus, als ob man KI für die eigentliche Prüfung von Quellen und das Zusammenstellen der Informationen zu Tatorten in den nächsten fünf Jahren verwenden kann.

Du hast gerade ein gutes Stichwort verwendet: Tatort. Gerade lief ein „Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller. Und da gab es im Labor einen „Dr. Made“ – es ging um Fliegenlarven an einer Leiche im Sommer und die Bestimmung des Todeszeitpunkts dadurch. Das ist der Punkt, über den wir uns mal kennengelernt haben, als du noch in den Medien als „Dr. Made“ herumgereicht wurdest. Und direkt danach, im zweiten Sonntagabendkrimi, ging es um eine Kriminalbotanikerin und darum, wie Brombeersträucher wachsen und wie man darüber ermittelt, wann die Leiche abgelegt wurde. Direkt nacheinander deine Hausthemen.

Der Dr. Made, das ist schon Ende der 1990er entstanden. Das kam vom Focus, das war damals noch eine viel gelesene Zeitschrift. Die haben das erfunden, glaube ich. Oder vielleicht sogar die Bild oder der Express hier aus Köln. Diesen Titel „Dr. Made“ gibt es irgendwie schon immer, seit ich in dem Beruf arbeite. In den 1990ern hat sich das in die Krimis eingearbeitet, weil das halt mal was anderes war. Und von da aus hat sich das ein bisschen verselbstständigt. Ich sammle die gedruckten Artikel dazu und es ist lustig, wie es neuerdings manchmal zu „Dr. Tod“ wechselt, dann aber doch wieder weniger gruselig „Dr. Made“ wird.

Das Thema mit Insekten in dem Bereich kam wohl mit dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ in die Popkultur. Plötzlich haben Menschen ein Thema wahrgenommen, das vorher wirklich nur Nerds in dem Bereich und Wissenschaftler wahrgenommen hatten.

Thomas Harris hat das mit seiner Romanvorlage sehr gut gemacht, denn er hat das nicht über Labortechnik oder eine rechnerische Technik umgesetzt. Er hat die Insekten als klassische kriminalistische Spur angelegt: Der Täter benutzt die Tiere, was eine sehr tiefe symbolische Aufladung hat, weil auch er eine körperliche Umwandlung durchführen möchte. Dass er dann diese Tiere benutzt und in die Opfer reinsteckt, das ist eine normale Spur, das könnte auch Konfetti sein. Dass auf dem Poster die Motte so groß zu sehen war und niemand die Szene vergessen hat, wo die so rum"iegen, trug zur Wahrnehmung bei. Der Film ist wirklich sehr gut gemacht, auch aus heutiger Sicht. Ebenfalls für die Wahrnehmung des Themas wichtig war die Serie „CSI“, Crime Scene Investigation. Da gab es mehrere, Las Vegas, Miami, New York oder so. Die Serie hat das Thema komplett in die Alltagswahrnehmung reingespült. Heute ist das so profaniert von den Krimiautor:innen, das ist nur noch Quatsch gewesen und weiter geworden, das ist bestenfalls eine Ausschmückung, aber ohne die schöne Aufladung, die Thomas Harris vorgenommen hat. Also dieses elegante, tiefe, gruselige, man kann schon fast sagen Edgar Allen Poe-artige, das fehlt derzeit.

Das ist aber im Kern immer noch deine berufliche Haupttätigkeit, oder? Die natürlich heutzutage hinter sehr vielen anderen Dingen, die man von dir sieht, beinahe in den Hintergrund gerückt ist.

Unsere Hauptaufgabe im Labor sind Complex Cases. In den letzten Tagen war ich mit einem Fall beschäftigt, wo eine Person in einer scheinbar geschlossenen Wohnung zu Tode kam. Darin ist Blut von der Person und die Angehörigen glauben nicht, dass das ein Unfall war. Sie glauben nicht, dass die Person da alleine drin gewesen ist, sondern dass da was anderes passiert ist. Das ist ein typischer Fall, der ist nicht super komplex im eigentlichen Sinne eines Complex Case, aber man muss immer aufpassen, weil die Informationen oft extrem gefiltert sind: Die Rechtsmedizin sagt in dem Fall, es gibt keinen Hinweis auf Einwirkung von außen. Die Person hat aber Platzwunden. Jetzt lautet die Frage: Was wurden die Leute aus der Rechtsmedizin überhaupt gefragt? Die Polizei sagt: Der Raum war verschlossen. Ein klassisches kriminalistisches Problem: Haben sie das überhaupt geprüft? Du kannst viele Doppelschlösser in Deutschland, obwohl sie von innen abgeschlossen sind, trotzdem von außen aufschließen. Das sind die alten Doppelzylinderschlösser. Es hängt auch manchmal davon ab, wie der Schlüssel steht, ob der hoch steht oder zur Seite steht, solche Schlösser gibt es auch. Wurde das überhaupt geprüft? Ob der Nachbar schon drin war oder der Hausmeister, die Hausmeisterin oder irgendjemand, das weiß man ja bei solchen „Unfällen“ alles nicht, weil es niemand offiziell aufschreibt. Und dann kommt noch die Frage, wem hat die Person vielleicht einfach die Tür aufgemacht? In solchen Fällen geht es wirklich um jede Blutspur. Wenn du mehrere Blutspuren findest, die überhaupt nicht mit dem zusammenpassen, was die anderen sagen, dann muss man mit den Angehörigen auch mal ein Gespräch führen.

Und was sagen die?

Die Angehörigen sagen immer, das war ein guter Junge, der würde nicht unter Substanzeinfluss ausrutschen und sich den Kopf einschlagen, der würde sich nicht töten. Wir sagen: Die Spuren stehen tatsächlich nicht im Einklang mit dem, was sie bisher gehört haben von den zuständigen Stellen. Aber was da passiert ist, können wir auch noch nicht sagen. Wir bitten sie, Zusatzinformationen von den Behörden zu bekommen. Und so entfaltet sich das nach und nach. Wenn in anderen Fällen noch Aussagen von Angeklagten oder Verdächtigem hinzukommen, dann blüht so ein Fall fast schon fraktal auf in alle Richtungen. Je mehr Spuren wir kriegen, umso interessanter wird es. Und unsere Aufgabe ist dann, grundannahmenfrei den Fall immer weiter rein spurenkundlich zu bearbeiten, egal wie deutlich irgendwas scheinbar wird. Wir sind leider die Einzigen, die das machen, als öffentlich bestelltes, vereidigtes Labor, weil das sonst keiner machen möchte. Und oft stellt sich heraus, es gibt doch einen Schurken hier in diesem immer größer werdenden Geflecht aus Personen, Nachbarn, Spuren, Ereignissen und Motiven. Wir müssen dann oft sagen, ja, okay, aber egal: Nur weil die Nachbarn sich zu Tode gehasst haben, heißt das nicht, dass das nur das Geringste mit den Ereignissen zu tun hat. Also kümmern wir uns besser nur um die Spuren, und das ist der Hauptjob, den wir seit fast zehn Jahren nur noch machen.

Es können aber auch mal wesentlich grimmigere Fälle sein als „nur“ eine tote Person im “geschlossenen“ Raum. Zum Beispiel hatte ich Enthauptungsfälle, wo eine bestimmte Gruppe vor laufender Kamera Leute geköpft hat. Da war es sehr anstrengend, annahmenfrei zu bleiben, weil sozusagen alle auf dich einbrüllen und dir sagen, was da angeblich passiert ist. Und dann sagt man, ja, okay, ihr könnt auch leise und ruhig sprechen, wir gucken uns die Spuren so oder so an.

Hat es dich nie gereizt, war das nie ein Thema für dich, das, was du machst, in dem klassischen, institutionellen Rahmen zu machen? Sprich: bei der Kriminalpolizei, weil die macht ja typischerweise das, was du machst.

Also zum Glück hat das nicht geklappt. Ich habe mich damals von New York aus, wo ich früher gearbeitet habe, beim Bundeskriminalamt beworben. Ich kannte den Leiter der entsprechenden Abteilung. Die haben die Stelle aber dann verklüngelt. Das war insofern gut, weil die ihre Arbeit sehr stark auf Erbgut umgestellt haben – wäre ich da gelandet, wäre ich jetzt ein reiner Erbgutsachbearbeiter.

Dann habe ich bei der Kölner Kriminalpolizei gefragt. Es war auch gut, dass das nicht geklappt hat. Die haben gesagt, du bist leider promoviert und hast schon in New York in der Rechtsmedizin einer städtischen Behörde gearbeitet. Deine Besoldungsgruppe dürfen wir nicht vergeben für den Job, den du kriegen würdest, das ist nach irgendeinem Beamtenrecht verboten. Man darf nicht mit einer höheren Qualifikation in einen niederqualifizierten Job gehen, weil dann die Niederqualifizierten keinen Job mehr kriegen. Und dass das nicht geklappt hat, war auch deswegen gut, weil die polizeilichen Kolleginnen und Kollegen immer mehr Regulierung bekommen haben, so dass die spurenkundliche Abteilung, wo ich hinwollte, überhaupt keine komplizierten Fälle mehr bearbeitet so wie ich heute. Ich hatte auch mal bei zwei Instituten für Rechtsmedizin angefragt, aber auch da muss ich sagen, bin ich ganz froh, weil die ebenfalls sehr stark in die Erbgutroutine reingekommen sind, weil es so eine Schwemme von Erbgutuntersuchungsanfragen gab.

Deshalb bin ich wirklich dankbar, dass ich diesen Weg genommen habe, denn wie gesagt, in Deutschland ist unser Labor das einzige dieser Art. Es ist die einzige Möglichkeit, diese schwierigen, sehr verästelten Fälle zu bearbeiten. Das wäre mir in allen genannten Dienststellen verboten worden.

Als ich zum Beispiel Insekten gezüchtet habe in Köln in der Rechtsmedizin und in New York, da wurden mir die weggeworfen. Da ist wirklich jemand hingegangen und hat gesagt, jetzt reicht’s, hat sie genommen und weggeworfen. Ich habe das zweimal erlebt, und in einem Institut mit Leuten, die mehr zu sagen haben als man selbst, kann natürlich so eine Anordnung getroffen werden. Aber da habe ich natürlich überhaupt keinen Bock drauf. Ich möchte, dass mir gar keiner irgendwas sagt.

Ich glaube, in der Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich. Eine recht anarchistische Attitüde.

Das ist eine Eigenschaft von allen Nerds, also auch von den Sachverständigen-Nerds. Ich würde das gar nicht mal anarchistisch nennen. Bei dieser Sachverständigen-Tagung, wo ich wie beschrieben gerade war, habe ich festgestellt, dass die meisten eigentlich eher „eingenischt“ und angepasst sind. Sie wollen hauptsächlich ihre Ruhe haben. Sie würden sich auch gar wie wir jetzt hier durch einen frechen Spruch ungewollt ins Licht stellen. Sie setzen eher auf Rückzug ins rein Fachliche, das finde ich ganz interessant. Ich habe im Laufe meines Lebens gesehen, dass die kauzigen, spezialisierten, nerdigen Menschen einerseits ihre Ruhe haben wollen und sich andererseits nichts sagen lassen – auch die unauffälligen, eingenischten.

Der Begriff Nerd ist popkulturell in den 1990ern aus den USA zu uns geschwappt. Du benutzt den und siehst den für dich als positiv besetzt an.

Ja. Ich fasse darunter alles zusammen, was ich so mache. Ich mache viel im Bereich von neurodivergenten Leuten, da haben wir beispielsweise die größte Studie, die es jemals weltweit gab, mit Schulkindern gemacht. Es ging darum, wie man die Kids so unterstützen kann, dass sie nicht die Lust an der Schule verlieren. Und jetzt machen wir gerade die größte Studie für Kindergartenkinder, die weltweit je gemacht wurde. Mit „wir“ meine ich unseren Forschungszusammenschluss White Unicorn e.V. Das ist ein Verein, der sich mit Menschen beschäftigt, die nach der neuen Liste der Besonderheiten, die Menschen haben können, hauptsächlich mit ADHS, ADS und Autismus diagnostiziert wurden. Eigentlich ist es ein Autismusverband. Für die Schulstudie waren die Partner das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Goethe-Universität Frankfurt und die Humboldt-Universität Berlin. Für die Kindergartenstudie sind es Aktion Mensch und die Evangelische Hochschule Berlin. Ich bin technisch gesehen der Forschungsleiter von der Seite der Autisten und Autistinnen. Um auf deine Frage zurückzukommen mit den Nerds: Wir waren auf der größten erziehungswissenschaftlichen Tagung, die es gibt auf der Welt. Da haben wir unsere Ergebnisse vorgestellt und dort ist mir aufgefallen, dass immer mehr von den Forschern und Forscherinnen zu uns kamen und gesagt haben: „Wir sehen so viele Ähnlichkeiten zu dem, was ihr da rausgekriegt habt in der Studie ... vielleicht gehören wir auch dazu.“

Inwiefern?

Ich sage immer, ja, das ist kein großes Wunder. Weil Forschen, Messen, Zählen, Sortieren ... kann sein, wenn die Merkmale für Autismus alle zutreffen. Die Forschenden in dem Bereich haben angeregt, dass Autismus und ADHS keine Ausschlussdiagnosen mehr sind – man kann beides haben. Und damit bin ich wieder zurück beim Begriff Nerd. Dadurch, dass sich da sehr viel im positiven Sinne tut, was die Feststellung der Merkmale von neurodivergenten Besonderheiten angeht, finde ich den Begriff okay. Es gab da zwischenzeitlich den Begriff „neurodivergent umbrella“, unter diesem Schirm wurde das noch mit Farben kodiert und blablabla. Da sagte ich: Leute, das können wir jetzt kompliziert machen – oder einfach. Nennen wir das einfach Nerd, dann haben wir’s. Ohne Farben, ohne Regenschirm. Und es fühlen sich alle angesprochen. Wenn der Begriff abgelehnt würde in der Neurodivergenten-Community, würde ich ihn natürlich nicht verwenden.

Und du schließt dich in diese Beschreibung mit ein, bist also ein Nerd?

Die anderen schließen mich ein. Ich ordne mich nicht ein. Mir ist es egal, wer ich bin. Ich habe mir noch nie in meinem Leben Gedanken darüber gemacht, wer bin ich, was will ich. Ist mir alles total egal. Das mit dem Nerdling an mit dem Verband für hoch- und höchstbegabte Kinder, wo ich manchmal bei Summer Schools für Kids mitmache. Die sind angekommen und dann habe ich gesagt, ich glaube, ich kann euch nichts beibringen, ich bin ein bisschen hohl und so. Und dann haben die gesagt, ist egal, mach einfach mal. Und das funktionierte auch. Und dann kamen die Menschen von Mensa e.V. an, und dann kamen die Autisten und da habe ich mir gedacht, irgendwie wird das schon passen, wie ich mich fühle. Also wenn die anderen die Diagnosen haben oder das getestet haben, wenn die alle sagen, passt schon, ja gut, dann spiele ich gerne bei euch mit. Wenn wir das dann Nerds nennen oder Spezialisten oder Experten – egal. Eine bessere Beschreibung wäre vielleicht „Menschen, die sich sehr stark in etwas vertiefen und dann vieles andere ausblenden, besonders soziale Dinge“. Auf so ein Verhalten treffe ich übrigens auch oft bei Musikern, nur hat das lange gedauert, bis ich das geschnallt habe, warum das so ist, dass sie sich so perfekt in ihr Instrument reinfuchsen, schon in jüngsten Jahren.

Ich dachte immer, das wäre so ein Gegensatz, aber ganz im Gegenteil. Genau wie Maler und Malerinnen, die Farben sehr gut wahrnehmen können, die sehr expressionistisch sind und so weiter. Und natürlich auch die ganzen Schaltplattensammler:innen und sonstigen Spezialistinnen und Spezialisten. Die gehören alle dazu.

Du hast dich 2025 in eine noch ganz andere Sache vertieft, die dann leider nicht hingehauen hat. Hätte es geklappt mit deiner Wahl, wärst du der erste vegane Oberbürgermeister von Köln geworden für Die PARTEI.

Das wird schon noch. Es gab da so ein Stillhalteabkommen, aber das habe ich erst hinterher erfahren. Wegen einer bestimmten politischen Partei, die alle anderen nicht mochten, gab es ein Abkommen, dass sich deswegen die anderen Parteien alle nicht gegenseitig dissen. Wusste ich nicht. Ich dachte nur, ach, das ist aber alles freundlich dieses Mal. Warum sind die eigentlich alle so nett? Da gibt es großartige Videos, wo ich wirklich die irrsten und vollkommen bizarre Forderungen stelle.

Und der jetzige Bürgermeister, der sitzt zehn Minuten lang neben mir und nickt. Und ich dachte mir, was ist denn hier los? Irgendwas stimmt hier nicht. Also das war wirklich super geil. Der Vorteil war, dass dadurch, dass alle jetzt so super brav waren und wir sehr, sehr viele Kandidaten und Kandidatinnen hatten, die ganz kleinen Verbände und Organisationen Gehör gefunden haben für ihre Anliegen.

Zum Beispiel Empowerment für Mädchen oder so was. Dadurch haben alle Kandidat:innen tatsächlich diese ganzen kleinen Termine wahrgenommen. Das hat zwar für das Vegane nicht gereicht, aber es hat zumindest dafür gereicht, dass keiner von denen auch nur eine einzige dumme oder peinliche Anmerkung zu diesen sozialen Themen gemacht hat. Das war wirklich, wirklich angenehm. Alle haben sich von ihrer besten Seite gezeigt. Bei einer Organisation ging es darum, wie es Kindern geht, wenn sie in schlechten häuslichen Bedingungen leben, aber nicht aus der Familie rausgenommen werden. Da haben die Kinder zu Politiker:innen gesagt, jetzt erzählt ihr doch mal, was schlimm bei euch in der Kindheit war. Und ich dachte schon, da kommt irgendeine schleimige Scheiße, irgendein Märchen. Aber weit gefehlt: Jede einzelne Person, die da saß, hat wirklich eine krasse, glaubwürdige, nicht klebrige, harte Aktion erzählt, die ihr widerfahren ist. Das war bemerkenswert.

Wärst du OB geworden, hättest du in einer illustren Tradition gestanden.

Ja, man sollte nicht vergessen, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wurde später Bundeskanzler und der erfand ...

... die Soja-Wurst!

Genau.

Nun, du wärst ein würdiger Nachfolger geworden.

Es gibt ein paar Sachen, die echt vorbildlich an ihm sind. Aber klar, der war natürlich ein erzkonservativer Katholik. Zwei interessante Sätze hat der Adenauer gesagt: Auf die Frage eines TV-Journalisten hat er nur eine ganz kurze Antwort gegeben. „Es hätte auch eine einsame Entscheidung sein dürfen.“ Da steckt sehr viel in einem Satz drin. Er hat damit gesagt, die Ziele, für die ich stehe, würde ich auch alleine vertreten. Das ist aus heutiger Sicht sehr merkwürdig, aber aus damaliger Sicht interessant. Nach dem Krieg musste er alles in engster Abstimmung mit den US-Amerikanern machen. Und dann zu sagen, ja, diese Entscheidung hätte ich auch einsam getroffen, das fand ich interessant. Der zweite bemerkenswerte Satz fiel in dem Zusammenhang, dass damals noch viele Nazis in der Regierung und den hohen Ämtern wären. Da hat er im rheinischem Dialekt gesagt, dass, wenn man nur schmutziges Wasser hat zum Putzen, dann muss man halt mit diesem putzen. Klar, das ist aus heutiger Sicht sehr schwer verständlich. Diese Oberbürgermeister aus Köln, das sind interessante Figuren. Kurz vor der Wahl wurde ich eingeladen zu einem Treffen bei der Oberbürgermeisterin, das war eine Ehrung für Menschen mit bürgerschaftlichem Engagement. Da war auch ein ehemaliger Bürgermeister dabei, und ich fand es interessant, die mal so „in freier Wildbahn“ zu beobachten, also wenn sie sich in Sicherheit fühlen. Das sind korrekte Leute. Da habe ich wieder mal erlebt, dass man an Stellen, wo man es gar nicht meinen würde, korrekte Leute erlebt, das ist so ähnlich wie bei den Schlagersängern, was ich vorhin erzählt habe.

Nach außen hin sind der Content und das Auftreten für mich uninteressant, dazu habe ich keine Meinung. Aber wenn du sie dann in so einer gesicherten, geschützten Umgebung triffst, dann sind sie total korrekt und auf ihre Art auch weise, das ist crazy. Klar, sie machen den ganzen Tag Erfahrungen, die wir nicht machen. So gesehen kann ich das mit dieser Bürgermeisterkandidatur jedem nur empfehlen. Besonders, weil sie sich neuerdings auch mega schämen, wenn es mal wieder nichts Veganes gibt. Ich habe natürlich bei jeder Veranstaltung – das hab ich ja von dir gelernt – gefragt: „Gibt’s auch was Veganes?“ Und dann gab es natürlich nicht ein einziges Mal was Veganes.

Reden wir mal über soziale Medien. Bei allem, was du da machst, wirkst du immer sehr positiv. Nun sind da draußen aber auch eine Menge Hater unterwegs, und für jedes Statement zu vegan bekommt man es mit söderisch-pathologischen Wurstfressern zu tun. Wie gehst du damit um, dass wahrscheinlich immer wieder ordentlich an dich rangekoffert wird?

Also wenn das einen Inhalt hat, wie zum Beispiel bei dieser vorhin erwähnten dänischen Studie mit dem Aluminium, höre ich den Leuten durchaus zu. Wenn das was Widerlegtes ist, sage ich, zeig mir doch mal bitte die Studie, auf die du dich da beziehst – aber die gibt es dann meistens nicht. Der Klassiker ist: „Wir leben gerade am Ende einer Eiszeit und deswegen wird alles immer wärmer auf der Erde.“ Dann sage ich: „Kannst du mir mal deine Studie zeigen?“ Denn in dem Moment, wo sie sich die Studie anschauen, sehen die selber, was da steht. Da muss man gar nicht streiten. Und wenn sie es nicht nachschauen, weil es sie nicht interessiert, brauche ich auch nicht zu diskutieren. Die erste und unterste Stufe ist immer: „Zeig mir mal die Studie.“ Da kommt dann in der Regel nichts mehr, nur ganz selten schicken sie mal was zurück. Die nächste Stufe ist dann eigentlich schon blockieren. Sobald auch nur eine Beleidigung drin ist, blockiere ich die sofort. Im persönlichen Gespräch auch: „Ich verstehe, was du sagst: Ich bin hässlich und dumm, kein Problem, aber das Thema der Veranstaltung war doch was anderes, oder?“ Ich hatte mal eine Fernsehsendung, da ist das Ganze regelrecht explodiert, so dass ich sozusagen in den tierschützerischen Bereich gedrängt wurde. Da saß ein sehr bekannter Fernsehmoderator neben mir in der Talkshow, und er hat gesagt, ich lasse mir das und das Essen nicht wegnehmen. Damals war es die Bratwurst, heute wäre es das Schnitzel. Und dann habe ich gesagt: „Da brauche ich jetzt gar nicht darauf zu antworten, weil die nimmt Ihnen keiner weg.“ Oft kann man so was also ganz niederschwellig lösen. Die Fleischliebhaber haben sich in der Sendung selbst bloßgestellt.

Und bei Social Media?

Schon seit langem ist es häufig so, dass Leute was inhaltlich Interessantes aufbringen, was sie tatsächlich nicht so leicht selber prüfen können. Zum Beispiel wenn es um riesige Datenmengen geht, die recht neu erhoben worden sind. Aktuell ist das Methan hier oben in der Arktis, wo ich gerade bin, ein Thema. Da könnte es zu schlagartiger Methanfreisetzung kommen, was die meisten Leute aber nur von Permafrostböden kennen, und dann wird behauptet, das beweise aber das und das. Ich sage dann, wir schauen uns die neuen Messungen jetzt mal ganz genau und in Ruhe an, und dann sehen wir, was da wirklich los ist. Danach können wir über den Rest reden, nämlich was du meinst, was das bedeutet. Und das war’s dann meist eigentlich schon.

Welche Medien nutzt du?

Ich hatte bis vor kurzem noch die Washington Post abonniert, aber die ist mir zu doppelzüngig. Sie gehört Jeff Bezos, aber gleichzeitig möchte sie liberal sein. Das ist ganz interessant. Ohne Quatsch: Ich nutze kein einziges klassisches Informationsmedium. Radio und Fernsehen hatte ich noch nie, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin. Und im Internet funktioniert das auch gut: Ich sehe einfach, was es mir so reinspült bei Insta und Facebook oder so, meist sind es Beiträge über Pilze oder Tauben oder Züge. Twitter hatte ich nie. Deswegen habe ich eine super angenehme Umgebung. Manchmal schreiben mir Leute auch E-Mails, weil sie wissen, dass ich nur auf E-Mails antworte. Wenn ich merke, dass eine Person rumhaten will, nur um zu haten, dann schicke ich ihr kommentarlos ein Danke. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Leute, die geifernden Hass ausgegossen haben per E-Mail, einfach so, dass die, wenn ich denen dann zurückschreibe „Okay, habe ich gelesen, danke, Mark“, dass die tatsächlich wieder ankommen. Weil sie den Eindruck haben, dass ich der Einzige bin, der ihnen überhaupt antwortet. Auf diese Weise habe ich schon viele interessante Infos erhalten, weil diese Leute mir von einer Seite her berichten, die ich normalerweise überhaupt nicht erlebe. Ganz aktuell kam da diese UFO-Ablenkungssache aus den USA. Das habe ich von den Leuten „auf der anderen Straßenseite“, wie man sie früher immer genannt hat, sofort erfahren und konnte direkt schauen, was da schon wieder los ist.

Ich habe den großen Vorteil gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen, die sich daran aufreiben und beleidigt sind und traurig und sich rumärgern und Kommentare schreiben, dass ich denen oft in der Zeit ein bisschen voraus bin und schon weiß, was als Nächstes kommt. Ich bin durch die teils irren E-Mails schon drauf eingestellt, das ist auch ganz angenehm.

Wieso nutzt du immer noch Social Media? Viele Leuten sind schon raus, weil sie sagen, ich ertrag’s nicht mehr, es macht mich fertig. Du bespielst das mit einem stoischen, freudigen Eifer, möchte man beinahe sagen.

Das hast du perfekt formuliert. Ich habe Facebook, Insta, TikTok, sonst nichts, und bin immer spät reingegangen – also wenn irgendwer gesagt hat, Mark, du musst das machen, du kannst nicht wie ein Opa leben. Ich liefere zu 100% nur, was ich will. Ich lösche sofort alle Kooperationsanfragen von Firmen, die manchmal auch sehr clever sind. Es gibt Firmen, die überhaupt nichts mit Verbrechensaufklärung oder sozialen Belangen zu tun haben, und die machen dann solche Outreach-Programme und suchen sich irgendwas, das sehr sozial wirkt. Da sind Kriminalfälle und die Lösung von Kriminalfällen natürlich nicht schlecht. Denen erkläre ich dann: „Ich weiß nicht, wer du genau bist, ich weiß nicht, aus welcher Abteilung du bist, ich weiß nicht, warum du fragst, aber ich will es dir kurz erklären. Was du da machst, hat überhaupt keinen Bezug zu meiner Arbeit. Keinen einzigen. Und das brauchen wir jetzt auch nicht zu diskutieren.“ Ich nehme mal ein Beispiel, das ich erzählen kann, weil das schon etwas her ist. Das war eine Firma, die Matratzen herstellt. Da habe ich gesagt, das Problem ist, wir haben viele Sexualdelikte und Matratzen kommen da manchmal vor. Diese Leute aus der Marketingabteilung sehen das in der Regel natürlich nicht ein. Oft sind die sehr jung und haben schon diese Marketing-Schwurbelsprache drauf. Davon halte ich mich also schon mal komplett fern. Auf Social Media folgen mir über eine Million Leute – nur mir alleine, ohne Ines. Und die wissen, ich lasse mich nicht kaufen oder einspannen. Wenn das jemand behauptet: Zeige mir eine Quelle dafür.

Du reist bevorzugt per Bahn. Glaubwürdig hätte ich es gefunden, wenn du angesichts unzähliger Posts aus Zügen und Bahnhöfen für die Werbung machen würdest.

Ich muss jetzt sehr vorsichtig formulieren ... Ich hatte Kontakte zur Bahn, weil die wissen, dass ich halt dauernd was poste. Ich soll nichts darüber sagen. Ich formuliere es daher mal anders: Ich poste ja eh dauernd was dazu. Wenn dann jemand sagt, ich bin in irgendeiner Weise von der Bahn beeinflusst oder bezahlt, dann sage ich nur, zeig mir bitte mal die Postings. Die gibt es nicht. Das ist nur in deinem Kopf. So gesehen ist das mit der Bahn eigentlich ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich hätte etwas machen können, aber die Marketing-Menschen dort sind einfach zu verstrahlt. Die Menschen in den Klimaaktivist:nnengruppen, die haben halt immer irgendwas Interessantes zu berichten, aber das ist logischerweise nie bezahlt. Und die ganz extrem linken Gruppen, die sind der Meinung, ich solle stärker fordern, dass es politische Umwälzungen gibt, und nicht immer nur sagen, dass der einzelne Mensch sich p"anzlich ernähren, weniger Kleidung verbrauchen, ÖPNV benutzen soll und so weiter. Und je weiter das dann in die Mitte rückt von der Organisation her, umso mehr finden sie es wiederum suspekt mit der pflanzlichen Ernährung, zu der ich was sage. Jeder hat irgendwas, wo er sagen könnte, ich sei doch von dem und dem beeinflusst. Dann sage ich: Schau dir meine Vorträge an. Warum sagst du das? Das sagst du doch nur, weil ich etwas gesagt habe, das dir nicht gefällt, politisch oder sozial oder kulturell. Wir können gerne weitersprechen, wenn du mir eine Quelle für deine Aussage zeigst. Und noch nie, nicht ein einziges Mal, ist jemand mit einer Quelle gekommen, die irgendeine Beeinflussung zeigt. Ich glaube, das hat den Vorteil, dass sich das herumspricht: Ich poste nur, was ich will, und arbeite nie mit Geldgebern zusammen und „monetarisiere“ nie. Und dann sagen sie, okay, der ist echt ein bisschen stumpf und hohl, der ist tatsächlich nicht beeinflusst.

Du warst neulich beim Konzert von Kim Wilde. Und es war gut, sagst du.

Auch Chris de Burgh war sehr gut. Ich war beim 75. Geburtstag von Chris de Burgh und beim 65. Geburtstag von Kim Wilde. Dass ich diesen Satz mal sagen darf, auch noch im Ox-Magazin, hätte ich nicht gedacht.

Eigentlich müsstest du WDR 4-Hörer sein. Das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern.

Ja, zu meinem Schrecken war ich bei Kim Wilde das erste Mal in meinem Leben auf einem Konzert, wo WDR 4 der Kooperationspartner war. Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich war schon ganz früh bei DEPECHE MODE, MARILLION und so, sogar bei PINK FLOYD. Weil wir wussten, wie man durch den Hintereingang reinkommt, denn wir konnten uns das natürlich nicht leisten als Schüler und Studierende. Bei Chris de Burgh und Kim Wilde merkt man, die können ohne Bühne nicht leben. Die brauchen das Geld nicht. Wie sie mit dem Publikum umgehen, das ist wirklich total interessant – auch was zum Thema Nerds. Chris de Burgh ist der totale Nerd, ganz viele Sachen macht er immer gleich, das ist total auffällig. Das nervt auch die Fans, die zu jedem Konzert gehen, das sind meistens so ältere Frauen, die zumindest beim Konzert auch niemanden dabei haben. Das ist ein recht interessantes Publikum. Ich war letztes Mal bei ihm auf Platz 1, Reihe 1.

Sitzplatz bestuhlt?

Sitzplatz bestuhlt, Reihe 1, Platz 1. Da merkte man richtig, dass er stark versucht, möglichst vielen Leuten in die Augen zu schauen im Publikum und möglichst viele Reaktionen zu bekommen. Bei Kim Wilde war es so, dass sie auch sehr nah am Publikum war und ganz offen und ehrlich ihre eigene Stimmung gezeigt hat. Weil es ihr Geburtstag war, hat sie von den Fans die ganze Zeit Geschenke bekommen. Die Musik ist bei ihr ja eine Familienangelegenheit, ihr Bruder ist der Produzent und der Texter und ihre Nichte Scarlett ist auch dabei. Während des Auftritts ist sie zu jeder einzelnen Person hingegangen und hat jedes Geschenk angenommen und sich sichtlich gefreut. Wohingegen Chris de Burgh Geburtstage hasst. Da haben alle gesungen „Happy birthday to you“ und das fand er erkennbar scheiße. Ich habe von den beiden wirklich was über Auftritte gelernt. Nämlich, wenn du keinen Bock hast, lass es sein. Aber wenn du Bock hast, dann mach’s ehrlich und direkt. Ich sehe bei manchen Bands, dass die das so aus der Gewohnheit heraus machen. Die ewige Stadiontour, die nie mehr endet und so. Ich weiß nicht, ob sie da wirklich jeden Tag Bock haben. Aber bei diesen beiden „Veteranen“, da hat man wirklich gemerkt, dass sie genau das machen, was sie wollen.

Und wie ist das bei dir?

Wir müssen jetzt viel weniger Veranstaltungen machen, weil die Bahn nicht fährt, also es geht nicht mehr wie früher. Und dann habe ich mir auch überlegt, habe ich eigentlich noch Bock, so viel Zeit mit Reisen zu verbringen. Und deshalb habe ich mir gedacht, mach’s doch wie die beiden. Überleg dir, ob du Bock hast, welches Publikum das ist. Ich habe Bock und ich liebe meine Zuhörerinnen und die – wenigen – Zuhörer. Aber wir haben die Größe verringert. Kleinere Säle. Da fühle ich mich am wohlsten.

Du, oder besser ihr, also Ines und du, ihr zeigt doch sehr vieles bei Social Media, wo man sagen kann, das ist recht nah am Menschen dran. Wie kommt das?

Ich trenne das gar nicht, das habe ich noch nie gemacht. Ich kenne einige Leute, die auch im Musikbereich sehr bekannt sind und sich privat stark abschirmen. Dass wir das alles offen machen, kommt auch ein bisschen von Ines. Sie sagt: „Wahrheit ist Wahrheit, aber manches möchte ich nicht zeigen. Zum Beispiel das Umziehen am Hotelfenster: Mach die Vorhänge zu!“ Ich sage, wenn die Leute reinglotzen wollen, sollen sie das halt tun. Die haben bestimmt schon mal einen nackten Hintern gesehen. Wir besprechen das dann und unsere Grenzen sind uns auch gegenseitig sehr klar, deswegen können wir das alles persönlich und entspannt machen. Was sehr beliebt ist, erstaunlicherweise, ist das Kochen, wobei man das Ganze bei uns ja nicht wirklich kochen nennen kann. Extrem beliebt ist auch, wenn wir Fragen aus dem Netz an uns beantworten. Zum Beispiel haben wir neulich ein Autismus-Video online gestellt und da haben wir auf Fragen aus einem Autismus-Forum geantwortet, das bekam sehr viele Klicks. Instagram und TikTok funktionieren total unterschiedlich, das ist merkwürdig. Da gehen manchmal Sachen durch die Decke, die tatsächlich cool sind, dann wieder nicht. YouTube machen wir natürlich auch noch. Da ist eines der meistgeschauten Videos das, wo ich erkläre, warum es keine Menschenrassen gibt. Ein total unaufgeregtes, nebenbei gemachtes Video, ohne jeden Gedanken an eine Zielgruppe. Das hat schon über eine Million Views.

Interessanterweise sind bei Facebook die Autismus-Inhalte sehr verbreitet, weil die Autist:innen kein Interesse an diesem Glitzerblingbling von Insta und TikTok haben. Und bei Insta erreiche ich komischerweise öfter auch mal Leute mit den Umweltthemen. Privat und öffentlich habe ich aber wie gesagt nie getrennt. Wovon aber, glaube ich, andere Lieferant:innen von Inhalten aufgefressen werden, die zu private Sachen zeigen, weil die viele Klicks bringen, ist, wenn sie sich keine klar definierten Grenzen auferlegen. Das siehst du zum Beispiel bei den Leuten, die irgendwann nach OnlyFans gehen. Entweder versuchen sie dann die Fans zu melken, indem sie gar keinen Content liefern und immer nur versprechen, wenn du genug zahlst, kriegst du irgendwas zu sehen. Oder sie rutschen krass in Sachen rein, von denen sie laut gesagt hatten, das werden sie niemals machen. Das kann bei uns nicht passieren, weil wir gegenseitig ehrlich und immer auf unsere durchaus verschiedenen Grenzen achten.

Giftmischerei und galaktische Klänge

Quelle: Sonic Seducer, 12/2025, Seite 26 & 27

BIANCA STÜCKER & MARK BENECKE

Von Christoph Kutzer | Fotos: Chelsea B.

Auf ihrer neuen EP „Abysmal Affairs" covern die Musikwissenschaftlerin und der Forensiker die Einstürzenden Neubauten und Hank Williams. Ein erfreulicher Anlass, sich in Ruhe über kosmische Fügungen, Country und Busenwunder zu unterhalten.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Zu-sammenstellung von Songs?

Mark: Ich höre ja dauernd dieselbe Musik. Die Lieder auf unserer neuen Schallplatte—sie glitzert, kein Witz! — gehören dazu. Und weil Bianca mich immer fragt, was wir mal gemeinsam singen und verfilmen können, greife ich auf mir bekanntes Liedgut zurück.

Bianca: Richtig, richtig, ich sage immer: Lass mal was Eigenes machen, Brudi, aber nein. Vielleicht werde ich mich ja eines Tages durchsetzen! Bis es soweit ist, ist immer abwechselnd einer von uns dran mit Aussuchen.

Mark: Ich möchte nicht Biancas Brudi sein, lieber ihr schwarzer Prinz, der sie, in Sammet gekleydth, umschwärmt.

Ist die Entstehung einer EP eine spontane Sache, oder folgt ihr kosmischen Plänen?

Mark: Das ist reiner Zufall, nämlich wann und wenn es zwischen unseren vielen kleinen Vorhaben passt. Die sind teils Jahre im Voraus geplant. Ich habe vor einigen Monaten schon das kommende Video mit einer Freundin aus London in Berlin „angedreht", aber es erscheint erst in ein bis zwei Jahren.

Bianca: Insgesamt würde ich schon behaupten, dass wir kosmischen Plänen folgen. Doch kosmische Pläne sind wankelmütig. Und das Universum rechnet in ganz anderen zeitlichen Dimensionen. Es raunt uns etwa bisweilen zu: Was ist das Problem daran, wenn wir in circa 400 Jahren die nächsten Musiktipps in euch einfahren lassen? Das Universum spricht übrigens von sich selbst ständig im majestätischen Plural, das ist ganz normal.

Mark: Bianca siezt mich meistens. Ist das auch ein majestätischer Plural?

Bianca: Nein, Eure Majestät. Ebenfalls kein majestätischer Plural: Er singe bitte! Ich könnte auch sagen: Er sieze mich bitte! Ich glaube, das gewöhne ich mir an, es gefällt mir. Er reiche mir den Sonic Seducer!

„Sabrina" ist ein Neubauten-Song. Ich dachte den-noch: Haben die jetzt „Boys Boys Boys" gecovert? Würdet ihr euer Kind oder einen Song Sabrina nennen?

Mark: Ich würde mein Kind und meinen Song Sabrina nennen, weil die Neubauten den Namen bei mir und vielen anderen Menschen an eines der traurigsten Videos geknüpft haben. Mehr gothic geht nicht als weinend in einer kaum beleuchteten Keller-Toilette vor einem Spiegel zu stehen, von dem das verkeimte Wasser tropft, während ich mir so fremd bin, dass ich mich nicht wieder erkenne. Dagegen ist unser Video zum Lied fast schon fröhlich.

Bianca: Wir sind ja manchmal auch ziemlich fröhliche Typen. Und jetzt folgt ein Geständnis: Ich liebte als Kind „Boys, Boys, Boys", ich liebte Sabrina! Ich hatte Sabrina-Poster in meinem Kinderzimmer hängen. Und ich hatte die Kassette, auf der „Boys, Boys, Boys" mit drauf war. Irgendwie hat dieser Sabrina-Sabrina-Zusammenhang schon wieder was Kosmisches.

Mark: Gut, dass Bianca nie das neue 4K-Video dieses Liedes sah. Von Kosmos keine Spur! Nebenbei: Sandra hatte auch was.

Bianca: Au ja! Maria Magdalena!

Wie ist es, einen vertrauten Song wie „Henry Lee" plötzlich mit der eigenen Stimme zu hören?

Mark: Zum Glück hat Bianca den ursprünglichen Klangteppich unter den Liedern und aus meinen Ohren weggezogen. Durch die Studio-Umgebung— dort leben Wellensittiche! — nebst Hackbrett, Spinett, Schalmei und was sie sonst noch alles einspielt, wird das Ganze neu. Ich habe mich anfangs tatsächlich nicht getraut, unsere Lieder anzuhören, aber je öfter ich sie höre und die sau-sau-saugeilen Videos dazu anschaue, die teils ohne Schnitt in einem durch gedreht sind, umso mehr verstehe ich denn Sinn von Coverversionen.

Bianca: Ich habe jedes Mal Respekt vor dem Anfang. Ist der gemacht, fügt es sich. Bei „Henry Lee" ging das recht leicht. Wir haben die Struktur beibehalten und bei den Backings habe ich mich am Original orientiert. Den Unterschied machen tatsächlich die Instrumente, wobei das Spinett eigentlich ein Clavichord ist und die Schalmei ist eine Rauschpfeife.

Ich saß voller Vorfreude auf das „Linie pen knife" vor dem Clip. Dann tötet Bianca mit Gift ...

Mark: Bianca ist halt eine Dame, eine Prinzessin auf der Erbse, meine Kaiserin. Da wählt sie natürlich eine Todesart mit abgespreiztem kleinem Finger.

Bianca: Die Idee mit dem vergifteten Tee hatte Chelsea, unsere hervorragende Fotografin! Gut, nä?

Mark: Ich werde in Videos öfters mal von den Ladys vergiftet, weiß der Scheitan, warum. In „Vampire" endet es genauso. Schlimm.

Bianca: Es ist erfreulich, dass deine Gesundheit langfristig nicht darunter zu leiden scheint, wir können diese schöne Tradition also bedenkenlos so beibehalten.

„I'm So Lonesome I Could Cry" haben auch Johnny Cash und —schon wieder—Nick Cave gesungen. Neubauten-Verbindungen gibt es bei Cave ebenfalls. Huch ...

Bianca: Das Universum wieder! Mir wurde die Johnny-Cash-und-Nick-Cave-Version ganz zufälligvordie Nase gespült. Wie hätten wir da schon widerstehen können? (Das Universum, aus dem Off: Gar nicht! Logisch! Wir wollten es euch auch schon vorschlagen, aber erst so circa 26780!)

Mark: Bianca besitzt zahlreiche Tarot-Sets, ich denke, sie kann das Universum tatsächlich und weitgehend überblicken.

Was haltet ihr von einer Aufklärungskampagne über echte Countrymusik?

Mark: Korrekter Gedanke. Country Music, auch in Lateinamerika, kann sehr finster sein und sie findet mitten zwischen den Menschen statt. Selbst meine Studierenden in Kolumbien schämen sich fremd, weil ich immer örtliche Country Music kaufe. Die Polizei in Armenia hat mich bei einem Serienmord-Fall sogar mal gefragt, ob der Täter, der über 300 Kinder zu Tode gefoltert hat, das unter dem Einfluss der örtlichen Country-Musik gemacht haben könnte. So viel dazu, dass Country weichgespült und stets fröhlich sein muss.

Angesichts des Solar-Fake-Remixes wäre ich doch auf ein Cover von „Boys Boys Boys" gespannt. Vielleicht auf der nächsten EP?

Mark: Ich lege beim WGT und im Kitkat ja nur allerneueste Dinge auf. Daher würde ich klassisches Achtziger-Material erstmal beiseitelassen, bis es genügend gereift ist für düstere Neuauflagen.

Bianca: Ach, Unsinn! Das Thema der nächsten EP könnte doch „Die Busenwunder der Achtziger" sein, dann hätten wir außer Sabrina zum Beispiel schon mal Samantha Fox am Start. Ich bin innerlich bereit, habe ich das Gefühl!

Mark: Wer von uns beiden wird dann das Busenwunder der 2020er Jahre, Bianca?

Bianca: Na, Ines! Wer sonst? Wir zwei sind ja im Grunde eine Person, wie Google mal irgendwann behauptete, Ines ist ein Teil von dir, also passt das schon.

Sind die Plejaden im Remix-Titel eine Anspielung auf die Sternschnup-pe im Text von „I'm So Lonesome I Could Cry"?

Bianca: Es ist eine Anspielung auf das Effektgerät, das ich beim Pleiades Remix für die Instrumente benutzt habe. Die klingen damit auf einmal gar nicht mehr akustisch, sondern eher galaktisch. Mark hat auf „Sabrina" übrigens Querflöte gespielt!

Mark: Ist auch im komplett wahnsinnigen Video zu sehen und zu hören. Nichts im Video ist CGI, das ist alles wirklich echt genau so gewesen, wie ihr es darin seht.

Bianca: Und zwar ab dem 12. Dezember!

Eine Fortsetzung des so anregenden wie amüsanten Gesprächs mit oBianca Stücker und Mark Benecke lest Ihr in unserer Februar-Ausgabe!

Tiefgang und Wasserballett

Quelle: Sonic Seducer, 2/2026

Hier ist der Artikel als .pdf

B I A N C A S T Ü C K E R & M A R K B E N E C K E

Von Christoph Kutzer | Fotos: Chelsea B.

Mark Benecke promovierte über genetische Fingerabdrücke. Bianca Stücker, ebenfalls Doktorin und Inhaberin eines Kirchenmusikexamens, hinterlässt entsprechende Spuren auf Tasten- und Blasinstrumenten. Die EPs des Duos genießen Kultstatus. Gespräche wie das Folgende über den jüngsten Output „Abysmal Affairs“ sind immer zu schnell vorbei. Lehnt euch zurück und genießt.

Ihr habt ein Video zum Einstürzende-Neubauten-Cover „Sabrina“ veröffentlicht. Ich dachte erst, die Location sei ein altes Schwimmbad. Es scheint sich aber um einen anderen Ort zu handeln ...

Bianca: Ja. Und er war sehr weitläufig! Von der Schwarzkaue einer alten Zeche aus haben wir uns durch haufenweise andere, sehr lost-place-mäßig und surreal wirkende Flure und Räume vorgearbeitet – das ganze Gebäude erschien von innen fast größer als von außen und es war gar nicht so leicht, die besten Drehorte auszusuchen, weil alles interessant, erstaunlich und zum Teil auch etwas verstörend aussah. Und das Verrückteste war: Draußen fand gerade bei idyllischstem Sommerwetter eine Zusammenkunft von Autoliebhabern statt. Wenn man sich hinaus bewegte oder aus den Fenstern blickte: Autoliebhaber und ihre Gefährte, so weit das Auge reichte!

Meine Vision ging weiter: Ich dachte, dass ihr in öligem, schwarzem Wasser endet. Es gibt Filmszenen, die sich auf ewig in die Hirnrinde einbrennen. Für mich ist eine davon jene, wenn der Bösewicht in „Der Schatz im Silbersee“ im Morast versinkt. Das fand ich als Kind gruselig. Könnt ihr das nachvollziehen?

Bianca: Unbedingt! Ich habe das Gefühl, dass sich sämtliche Dinge aus Filmen oder Büchern, die ich lieber schnell wieder vergessen hätte, für immer und vermutlich noch darüber hinaus eingebrannt haben wie ein Souvenir aus dem Höllenschlund.

Mark: Bei mir brennen sich vorwiegend die schönen Dinge ein, zum Glück, beispielsweise wie toll Bianca tanzt, flötet und sich gewandet. Sie kann – bei TikTok vielfach zu bestaunen – auf einer schwankenden Halbkugel musizieren, auf einem Bein!

Eine einbeinige Flötistin. Zauberhaft. Was hat euch als Kinder medial verstört?

Bianca: „Tarantula“. Aber nicht die Spinne, sondern der Mann, dessen verformte Finger urplötzlich und in meiner Erinnerung komplett vorwarnungslos auf dem Bildschirm erschienen, danach blickte er den Zuschauer an, und es stimmte etwas ganz erheblich mit seinem Gesicht nicht. Erheblich! Schlimm.

Mark: Batman hatte mal einen Gegner, der meiner Erinnerung nach vorher und nachher nie in den Berichten aus Gotham City vorkam. Der Übeltäter versuchte, unseren eh schon grundtraumatisierten Helden gefesselt in einen Tank mit einer offenbar schlecht gelaunten Riesen-Tintenschnecke zu versenken. Warum? Und was wurde aus dem Bösewicht?

Wir sprachen zuletzt über die Pläne des Universums. Mir hat der Kosmos neue Informationen zu Kasimir Malewitsch und seinem schwarzen Quadrat ins Hirn gespült, das in „Sabrina“ erwähnt wird. Würdet ihr euch dieses Werk aufhängen?

Bianca: Ach. Ich jetzt nicht unbedingt. Vielleicht, wenn es ein Glitzerquadrat wäre. Oder ein Holo-quadrat. Chelsea, meine beste Freundin und die Schöpferin der Fotos für unsere Platte, erinnert mich regelmäßig daran, dass ich nicht mal ins Van-Gogh-Museum gehen würde, wenn ich dafür fünf Euro bekäme. Leider.

Mark: Mir ist es nicht schwarz genug. Daher heißt unsere erste gemeinsame Platte ja auch „We Want It Darker“.

Viele Musiker oder Autoren zeichnen oder malen insgeheim. Wann erscheint der erste Band mit bildnerischem Output der Doktoren Stücker und Benecke?

Bianca: Das wäre was! Ich bin dafür! Ich male sehr gern Quatschfiguren. Ansonsten zeichne ich nur Entwürfe für Tattookunden. In meiner Freizeit zeichne ich nicht, denn ich habe keine Freizeit, da ich sämtliche Hobbys sofort zu Berufen mache. Ich habe also auch keine Hobbys.

Mark: Doch, mich! Ich bin dein Hobby, sagen wir es, wie es ist. Wenn ich mir was wünsche, kriege ich es sogar, beispielsweise durchsichtige Kleider beim Videodreh oder Hackbrett- und Flöten-Musique.

Zum Zeichnen: Wir haben eine sehr knorke Fangruppe mit mehr als 1000 Menschen, die meine Zeichnungen als Tätowierung tragen, darunter Einhörner, Fledermäuse und Bienen. Also, die Tattoos stellen diese Tiere dar, tätowiert werden die menschlichen Fan:innen.

Im Video singt ihr ansehnlich zusammen. Habt ihr da gemeinsam gesungen oder gelipsynct, oder wie das heißt, wenn man seine Lippen zum Playback bewegt?

Bianca: Also, beim Videomachen lilpsynce ich immer. Ich meine nämlich, dass es sonst weniger synchron zur Aufnahme gerät. Aber für die Aufnahme haben wir natürlich gemeinsam gesungen, sonst würde da ja was fehlen! (lächelt gewinnend)

Mark: Ich singe immer, weil ich finde, dass nur echt echt ist. Die Querflöte habe ich auch echt gespielt. Bianca singt beim Dreh nur nicht, um das Team nicht versehentlich zu verzaubern. Das hat sie schon bei mir getan und es soll nicht zur Gewohnheit werden.

Mark, du trägst auffällig oft Sonnenbrille. Den Vampir-Jokus spare ich mir mal. Ist das ein Signum erwartbarer Coolness oder unerwarteter Schüchternheit? Mir hat einst ein Musiker gestanden, er trage Sonnenbrille, weil er so das Publikum im Club nicht mehr sehe.

Bianca: Er ist einfach eine Stilikone, so sieht es doch aus.

Mark: Wer, der Musiker oder ich? Also ich bin tatsächlich Licht-Hasser von Herzen. In meiner Bühnenanweisung steht sogar wörtlich: „Bitte keine Spots/Verfolger/Scheinwerfer auf mich. Keine Ausnahmen. Nein! Kein Licht auf mich! Wir können den Saal dimmen und dort schön gedämpftes Licht lassen. Keine Scheinwerfer auf mich. Nein heißt nein: Keine Spots oder Headlights auf mich. NEIN!“ Das ist kein Scherz, ich habe es aus meiner Technikanleitung, auch als „Rider“ bekannt, wörtlich herauskopiert. Ach so, und: nix gegen Vampire. Mein Frau und ich haben die größte europäische Studie über diese scheuen Wesen verfasst.

Hat die Wahl von „Henry Lee“ mit einer grundsätzlichen Liebe zu Nick Caves „Murder Ballads“ zu tun? Mark, du hast schon zusammen mit Sara Noxx „Where The Wild Roses Grow“ gecovert. Mit wem würdest du das Marianne-Faithfull / Nick-Cave- Duett „The Gypsy Faeri Queen“ aufnehmen?

Mark: Extrem gute Idee, mega-niederdrückend, sehr gut. Ich mache es aber wie Marianne Faithfull und singe das dann mit gebrochener Stimme kurz vor meinem Tod ein. Bis dahin bin ich vorsichtig, weil meine Frau ein von Feen vertauschtes Kind ist und ich mich daher vorläufig nicht mit diesen Wesen anlegen möchte.

Bianca: Ach, schade! Ich finde die Idee auch gut! Ich kannte das Lied gar nicht, Ihr habt meinenHorizont erweitert!

Gerüchten zufolge hat Mark das mörderische „The Curse Of Millhaven“ von Nick Cave Studierenden vorgespielt. Was war der pädagogische Hintergedanke?

Mark: Pädagogik und ich – zwei für immer getrennte Welten. Meine Studentin Lottie aus New York trug denselben Namen wie das anstrengende Mädchen aus dem Lied. Da musste der ganze Kurs sieben Minuten lang dem Lied lauschen. War aber abends in meiner Bibliothek auf dem Teppichboden und ich reichte dazu Getränke. Ich find das Lied nach wie vor erstklassig. Die „Murder Ballads“ kann ich auswendig, da ich die Platte bestimmt schon 2000-mal gehört habe. Kein Scherz.

Vögel im Aufnahmeraum. Fauchschaben im Eigenheim. Wäre es nicht an der Zeit, die animalischen Mitbewohner in einen Song einzubauen? Ich mache mal einen radikalen Covervorschlag: Erinnert ihr euch an den MTVFilm „Joes Apartment – Das große Krabbeln“? Da gab es tolle Songs wie „Funky Towel“.

Mark: Sicher, Küchenschaben, die Walzer tanzen und synchron schwimmen, das gefällt Bianca und mir natürlich. Im Video handelt es sich um eine andere Art als meine Fauchschaben, aber why not? Sie sind ja auch schon auf unserer neuen CD – aus irgendeinem Grund in oder über einer Teetasse – zu sehen. Next stop: Biancas Sittiche, die eine düstere Polonaise zu Mollklängen vorführen. Wenn sie nur besser auf Menschen geprägt wären!

Bianca: Das ist eine schöne Idee. Ich sehe ganz deutliches Potenzial in uns für das Wasserballett. Die Sittiche jedoch leben bei uns zu Hause als radikale, wändezerknabbernde Parallelgesellschaft. Sie scheißen auf Fame. Chelsea schlägt übrigens jedes Mal genauso radikal „Der Hund von Baskerville“ von Cindy & Bert vor. Ich ahne, dass sich die Dinge irgendwann schicksalhaft zusammenfügen werden.

Mark: Bin dabei.

Lasst mich raten: Es liefe wieder auf eine EP hinaus …

Bianca: Für umfassendere Werke würden wir wahrscheinlich so um die zwölf Jahre brauchen. Wir gehen da also pragmatisch vor.

„Erzähl deine Ausreden deinem Spiegelbild“

Quelle: URSACHE \ WIRKUNG No 135, Seiten 17 und 18

Hier gibt es den Artikel als .pdf (klick)

Dr. Mark Benecke ist ein deutscher Kriminalbiologe, spezialisiert auf forensische Entomologie. Er ist als Sachverständiger und Ausbilder tätig sowie als Autor.

Von Hendrik Hortz

Zu den Themen Tierwohl, Klima und Veganismus ist Mark Benecke stark engagiert – und kompromisslos: Er lebt vegan, um Umwelt und Tiere zu schützen. Benecke betont die Bedeutung der Artenvielfalt für das Ökosystem. Er ist Kritiker der industriellen Massentierhaltung, in der er eine der Hauptursachen für Umweltprobleme und Klimawandel sieht. Mark Benecke spricht sich für die drastische Reduzierung von Konsum aus, insbesondere tierischer Produkte und aller kurzlebigen Waren. Er appelliert dringend, nachhaltige Lebensweisen sofort umzusetzen.

U\W: Sie sind vor allem als Kriminalbiologe bekannt. Was hat Sie zu Ihrem Engagement für Tierschutz, Umwelt und eine vegane Lebensweise gebracht?

Mark Benecke: Also, ich fand das schon immer bescheuert, wie mit Tieren umgegangen wird. Als Kind sind wir oft mit dem Auto nach Bayern gefahren, und da sah ich dann die Tiertransporte. Das konnte ich einfach nicht verstehen, wie das irgendjemand nicht unangenehm finden kann. Und immer, wenn ich mit diesen Themen Berührung hatte … im Studium habe ich mit Tintenfischen gearbeitet – die haben wir halt wie Menschen behandelt. Ich habe nie verstanden, wie man das anders sehen kann. Ich fand es immer rätselhaft, mit welcher Gelassenheit Tiere getötet werden. Immer. Das ist meine Wesensart.

Sie haben sich also früh vegetarisch, später vegan ernährt?

Ja, auf jeden Fall. Das war kein Bruch. Das habe ich einfach gemacht. Sie bewegen sich mit Ihrem Engagement an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Mitgefühl.

Wie verbinden Sie diese beiden Welten?

Ich halte mich aus ethischen Diskussionen komplett raus. Mich interessiert nur: Was hast du gestern getan? Ich fordere Mitgefühl gar nicht so stark. Viele Leute stellen eher auf Umweltschutz ab, andere eher auf das einzelne Tier. Mir ist das egal. Hauptsache, du tust messbar was. Irgendwelche Selbstverpflichtungserklärungen oder ein Ethikkodex – das interessiert mich überhaupt nicht. Entweder du machst was nachweislich oder nicht.

Wo beginnt für Sie Aktivismus?

Da, wo man selber was tut. Alle, die nur rumlabern, interessieren mich nicht. Ein Beispiel: Ich kannte mal jemanden aus einer der Tierschutzparteien, der sich öfters Tierprodukte gekauft hat. Ich habe dann einfach mit dem nichts mehr zu tun gehabt. Ich möchte ausschließlich von Leuten umgeben sein, die das tun, was sie sagen. Das ist für mich Aktivismus. Und mir reicht es auch, wenn jemand nur handelt und nichts sagt.

Welche Handlungen sind für Sie zwingend notwendig?

Keine Tierprodukte verwenden ist zwingend, weil es das Einfachste, Schnellste und Wirksamste ist. Von den einfachen, schnellen Sachen ist es das, was sofort wirksam wird. Bei anderem muss man abwägen. Unterhalb dieser Schwelle braucht man kein Gespräch mehr führen.

Ist Aktivismus im besten Sinn eine Form gelebten Mitgefühls?

Ja, das gibt es auf jeden Fall. Besonders bei Tierrechtsaktionen vor Zoos, in Nürnberg oder Berlin zum Beispiel. Das sind mitgefühlgeleitete Aktivistinnen und Aktivisten. Der schwungvollste Aktivismus entsteht tatsächlich aus dem Mitgefühl.

Viele Menschen fühlen sich angesichts der Klimakrise ohnmächtig. Was raten Sie diesen Menschen?

Ich halte das für eine Ausrede. Die meisten bleiben in dieser Einstellung hängen wie nach einer schlechten Nachricht. Wenn du etwas machen möchtest, fang mit einer dieser fünf Sachen an: Ab heute pflanzlich ernähren, ohne Ausrede. Öffentlichen Personennahverkehr nutzen, ausnahmslos. Wenig verbrauchen: Kleidung extrem lange benutzen, Essen niemals wegwerfen. Und wähle Parteien, die mit diesen Zielen übereinstimmen. Und erzähl deine Ausreden deinem Spiegelbild.

Manche fühlen sich durch Aktivismus angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Ist mir egal. Wenn sich jemand angegriffen fühlt, weil ich eine Möhrensuppe esse, ist das nicht mein Problem. Ich spreche niemanden an. Ich halte sachliche Vorträge. Wer es nicht hören will, kann ja was anderes machen. Wer sagt, es sei spalterisch, sich lebensfreundlich zu verhalten, betreibt Zersetzung.

Kann echter Wandel durch individuelle Entscheidungen von einzelnen Personen eintreten – also Konsumverhalten, Konsumverzicht – oder eher durch politische Strukturen?

Jede deiner Handlungen ist Politik. Wo du atmest, ist Politik. Was du kaufst, ist Politik.

Wenn Sie an die kommenden Generationen denken, was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was wir ihnen schulden?

Den Kindern zutrauen, dass sie aus vielen Informationen eigene Schlussfolgerungen ziehen. Dass sie sich auf echte Messungen, echte Daten, eigene Erfahrungen verlassen. Das ist das Einzige, was wir ihnen mitgeben können.

Und wie blicken Sie auf die Zukunft des Klimas, ist sie düster?

Düsternis ist kein Begriff mehr. Es sieht sehr, sehr, sehr schlecht aus. Wir gehen in den Untergang.

Wenn Sie eine einzige Einsicht weitergeben könnten, die Menschen zu einem achtsameren Leben inspiriert, welche wäre das?

Tu es oder lass es.

Romantisierung von Verbrechen. Eine Marketing-Strategie des Streaming-Anbieters Netflix

Masterarbeit | Studiengang: Public Relations und digitales Marketing

Die komplette Arbeit gibt es hier als .pdf

Von Felix Rasten

Mit Gesprächs-Beiträgen von Dr. Mark Benecke

Zusammenfassung

Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Romantisierung von Verbrechen am Beispiel der Netflix-Produktion „Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ und behandelt die Frage, inwiefern die Darstellungsweise in der besagten Produktion als strategische Marketingmaßnahme verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Kritik, dass True-Crime-Formate Täterfiguren ästhetisieren, Empathie hervorrufen und dadurch ihre Verbrechen verharmlosen.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde ein Mixed-Methode-Ansatz gewählt, bestehend aus einer qualitativen Inhaltsanalyse der Serie und zwei Experteninterviews mit dem Kriminalbiologen Mark Benecke sowie dem Regisseur Florian Schwarz. Die Analyse zeigt, dass Romantisierung weniger durch eine bewusste Attraktivitäts-steigerung erfolgt, sondern vor allem durch empathiefördernde Erzählstrategien, den gezielten Einsatz von Musik, Kameraperspektiven und Rückblenden sowie die ambivalente moralische Bewertung der Täterfigur.

Fiktionale Elemente verstärken zusätzlich diese Emotionalisierung. Opferperspektiven sind zwar vorhanden, werden jedoch durch die dominante Täterdarstellung in der Wahrnehmung verdrängt. In den sozialen Medien wird diese Inszenierung der Figur häufig aufgegriffen, wodurch eine gewisse Eigendynamik entsteht, die Netflix aus marketingstrategischer Sicht nutzen kann. Die Ergebnisse legen nahe, dass Romantisierung in solchen True-Crime-Formaten nicht nur ein erzählerischer Effekt, sondern auch ökonomisch höchst profitabel für Streaming-Anbieter ist.

Damit trägt diese Forschung zur medienethischen Debatte über die Grenzen zwischen Aufklärung, Unterhaltung und Vermarktung im True-Crime-Genre bei.

Conference “Beliefs and Behaviours in Education and Culture”

Source: Vampire Empire Newsletter (Jeanne Youngson), New York, End 2015

at West University of Timișoara, Romania, June, 25-27, 2015

BY MARK BENECKE
(Transylvanian Society of Dracula / Vampire Empire)

n the past two years, two romanian books about the cultural history of vampires, Romania and the alleged relation to Vlad Țepeș (at least alleged by Florescu & McNally, both from the U.S. East Coast), were published: Searching For Dracula In Romania: What About Dracula? Romania's Schizophrenic Dilemma (Romania Explained To My Friends Abroad) by Catalin Gruia, 2014, ISBN 978-1495471216, and the ongoing studies of Marius Crișan under the tile of his Ph.D. thesis Imagining Transylvania: The Construction of a Mythical Space from Stoker's Predecessors to Dracula.

Before, quite often, Raymond McNallys work set a certain standard. As a reminder: “Dr. McNally”, wrote the New York times in his obituary (2002), “a professor at Boston College specializing in Russian intellectual life, began his odyssey as he was reading ‘Dracula' by Bram Stoker, and noticed that many places in the book were real. Because Transylvania and Borgo Pass existed and the train schedules in the book were accurate down to the minute, he reasoned that Dracula might have been based on a real person. He headed for Transylvania, part of present-day Romania, talked to peasants in the mountains and studied monastery records, Russian tales and Byzantine manuscripts. The result was his contention, still a matter of debate among academics but heartily endorsed by Romanian tourism officials, that a 15th-century nobleman, Vlad Tepes, was the basis for the fictional Dracula.“

Probably inspired by this, yet also inspired by modern studies into vampyre subcultures, the ‘Twilight' movies, and gender studies, all of which did not exist in the 1970s, a quite exquisit crowd of vampyre and vampire researchers now met — below radar level since the conference was sponsored by the orthodox church — for a workshop that lasted one day for those who took part in the university lectures, yet much longer for those who chose to take a cultural tour on the next day. (The tour proceeded on Romanian schedule, i.e., it lasted from 9 in the morning until 2 a.m. even though it was considered to end five hours earlier.)

The actual seminar on June 26 was delivered be the following international speakers (in order of appearance which was quite different from the order in the program):

  • Sam George — Representation of the Pied Piper and Dracula Myth in Germany and England

  • Marius Crișan — Deconstructing the Transylvanian Stereotype

  • Kaja Franck — Dracula, the Big Bad Wolf, and the myth of Gothic transylvania

  • Hans de Roos — Count Dracula’s Adress

  • Kristin Bone — The Impact of Fictional Stories upon associated locations

  • Nancy Schuman — Emotion and Identity in Vampyre literature

  • Mark Benecke & Ines Fischer (double feature) — (1) Large subculture study into a Central European contemporary vampyre group (the word “contemporary” substituted the original “blood drinking” since it was considered too hot to handle on site) and (2) Statistical details concerning the study above (European Real-Life Vampyre group)

  • Magdalena Grabias-Zurek — Gothic and Horror in Contemporary Cinema

  • Raphael de Boer — (Gendered) Vampires Lecter and Bill ('Silence of the Lambs')?

Since the abstracts are available online at http://tsdracula.org/, I just briefly want to mention that the connections to German myths like the ‘Rattenfänger von Hameln’ as well as to Hannibal Lecter were most delighting, some photos about real places that become fictional in the ‘Twilight’ movies and then, due to the demand of tourists (like “Castle Dracula” in Romania) a mixture of both, was pleasant, and the fact that the address of the Count is now known after meticulous research of Hans de Roos is more than satisfying. It was a lot of work for everyone — in a field, that apart from professor for gothic studies William Hughes who luckily was also present, is probably far beyond funding for most of us.

I all seriousness, we cannot thank conference co-organizer Marius Crișan enough for sneaking all of the speakers, i.e., a whole parallel conference, into the rather conservative environment of this education (and educational) conference. Like I said, our meeting was co-sponsored by the church and embedded into an university environment — both is usually neither the case in the European Transylvanian Society of Dracula meetings that focus on small groups discussing topics on site nor in the more scholastic speeches about genealogy or historic events that I heard before. Many of the authors published articles and books that I strongly recommend. Our own conference contribution (Fischer & Benecke) was published as “Vampyres among us!” (ISBN 978-3-939459-95-8) and released just a few days after the conference.

Mord-Fall Amy Lopez: Festnahme im ehemaligen Cold Case (RPR1)

Ohne die Erbgut-Probe des mutmaßlichen Mörders von Amy Lopez hätte es den Durchbruch bei den Ermittlungen nach gut dreißig Jahren nicht gegeben. Kriminal-Biologe Dr. Mark Benecke berichtet über genetische Finger-Abdrücke in der RPR1-Morgenshow.

Mordfall Amy Lopez

Quelle: 25. Februar 2026 | Staatsanwaltschaft Koblenz

Folgemitteilung zur Pressemitteilung vom 24.02.2026 – 2101 Js 14178/96 (vormals 2131 UJs 26352/94)

Der 81-jährige Beschuldigte, dem zur Last gelegt wird, am 26.09.1994 in Koblenz die 24-jährige amerikanische Touristin Amy Lopez ermordet zu haben, befindet sich wegen des dringenden Tatverdachts eines heimtückischen und zur Befriedigung des Geschlechtstriebs begangenen Mordes zwischenzeitlich in Untersuchungshaft in einer Justizvollzugsanstalt in Rheinland-Pfalz. Ihm wird zur Last gelegt, seinerzeit die unterhalb der Festung Ehrenbreitstein zufällig mit ihm zusammengetroffene arg- und wehrlose junge Frau aus einer sexuellen Motivlage heraus vorsätzlich getötet zu haben.

Amy Lopez machte 1994 eine Europareise, die sie unter anderem nach Koblenz führte. Am Morgen des 26.09.1994 wollte sie die Festung Ehrenbreitstein besichtigen, fuhr mit dem Stadtbus auf die andere Rheinseite und wollte über den Fußweg im Steilhang zur Festung gelangen. Vermutlich zwischen 9 Uhr und 10 Uhr ist sie dort – höchstwahrscheinlich zufällig – auf den Täter getroffen. Tatort war das sog. General-von-Aster-Zimmer, ein damals frei zugängliches Gemäuer etwas unterhalb der oberen Festungsanlage.

Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen ist davon auszugehen, dass der Täter aus einer sexuellen Motivation heraus gehandelt hat. Das Opfer war im unteren Körperbereich vollständig entkleidet und - nach dem Ergebnis der seinerzeitigen pathologisch-forensischen Untersuchung - bei der Tat sexuell missbraucht worden. Das Opfer wurde stranguliert, mit einem Stein gegen den Kopf geschlagen und mit mehreren Messerstichen traktiert, die letztlich zum Tod führten.

Eine zur Aufklärung der Tat bei der Kriminaldirektion Koblenz eingerichtete Sonderkommission hatte in der Folgezeit mehrere hundert Spuren und eine Vielzahl an Personen überprüft. Bis zuletzt gelang es jedoch trotz intensiver und langjähriger Ermittlungen nicht, einen Tatverdächtigen zu identifizieren. Zuletzt wurde der Fall als so genannter „Cold Case“ in der Sendung Aktenzeichen XY am 17.09.2025 vorgestellt.

Die Ermittlungen führten nun nach über 30 Jahren zur Identifizierung und Festnahme des Beschuldigten, bei dem es sich um einen zuletzt im Raum Koblenz wohnhaften deutschen Staatsangehörigen handelt.

Maßgeblich für die Tataufklärung waren sehr aufwändige und zeitintensive nochmalige Untersuchungen der sichergestellten Kleidung des Opfers und der seinerzeit von den Kriminalbeamten zur Spurensicherung am Tatort und am Leichnam eingesetzten Klebefolien. Es wurden ca. 1600 Proben präpariert und mittels modernster Analysetechniken ausgewertet. Die Untersuchungen wurden auf Bitten der Kriminaldirektion Koblenz durch Experten des hessischen Landeskriminalamts im Wege der Amtshilfe durchgeführt.

Hierbei konnten aufgrund verbesserter kriminaltechnischer Untersuchungsmöglichkeiten an Hautschuppenfragmenten DNA-Spuren gesichert werden, die mutmaßlich vom Täter stammen mussten.

Daraufhin veranlasste das zuständige Fachkommissariat des Polizeipräsidiums Koblenz eine erneute Überprüfung aller seinerzeit im Verlauf der intensiven Ermittlungen angelegten über 200 Spurenakten. Im Zuge dessen wurde im Januar 2026 auch bei dem zur Tatzeit in der Nähe von Koblenz wohnhaften Beschuldigten auf freiwilliger Basis eine Speichelprobe für DNA-Untersuchung entnommen. Aufgrund einer Verurteilung des Beschuldigten wegen einer einschlägigen Sexualstraftat durch das Landgericht Koblenz im Jahr 1999 war dieser bereits damals in den Blick der Ermittlungsbehörden geraten. Mangels einer geeigneten DNA-Spur aus dem „Amy-Lopez-Fall“ konnte damals ein Zusammenhang zur Tat von 1994 noch nicht hergestellt werden.
Durch die nunmehr detektierte DNA-Spur aus dem Mordfall „Amy Lopez“ war erstmals ein Abgleich mit der DNA des Beschuldigten möglich. Dieser ergab bei einer Spur eine eindeutige Übereinstimmung.

Leitender Oberstaatsanwalt Mannweiler äußerte hierzu: „Die unermüdliche Ermittlungsarbeit der Koblenzer Polizei dürfte einen wesentlichen Schritt zur Tataufklärung erbracht haben. Der Fall sollte allen deutlich machen, dass die Strafverfolgungsbehörden nicht ruhen, solange ein schweres Verbrechen unaufgeklärt ist. Solche Fälle werden nicht vergessen. Auch nach 32 Jahren nicht.“

Der Beschuldigte hat im Rahmen seiner Vorführung bei der Haftrichterin von seinem gesetzlichen Schweigerecht Gebrauch gemacht. Ihm wurde ein Verteidiger beigeordnet.

Die Ermittlungen dauern an.

Rechtliche Hinweise:

Wegen Mordes gemäß § 211 Absatz 2 StGB macht sich u.a. strafbar, wer einen Menschen heimtückisch zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs tötet.

Unabhängig von der Beweislage gilt im gesamten Ermittlungsverfahren weiterhin die Unschuldsvermutung. 

Beschuldigte gelten solange als unschuldig, solange sie nicht von einem Gericht verurteilt sind. Dies gilt auch im Falle der Anordnung der Untersuchungshaft. Wenn Untersuchungshaft angeordnet ist, besteht allerdings ein dringender Tatverdacht. Ein dringender Tatverdacht besteht, wenn aufgrund bestimmter Tatsachen die Wahrscheinlichkeit der Täterschaft des Beschuldigten groß ist.

Wurde Kurt Cobain getötet? Mark Benecke äußert sich

Quelle: t-online.de, 11. Februar 2026

Mit neuen Untersuchungen rückt der Tod von Kurt Cobain erneut in den Fokus. Forensiker Mark Benecke sagt: Nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen.

Seit mehr als 30 Jahren ist Kurt Cobain tot. Im April 1994 war der Sänger der Band Nirvana leblos in seinem Haus in Seattle aufgefunden worden. Die Behörden kamen zu dem Schluss, dass er sich mit einer Flinte das Leben genommen habe. An dieser Bewertung hält das zuständige King County Medical Examiner's Office im US-Bundesstaat Washington bis heute fest. Doch private Forensiker haben den damaligen Autopsiebericht erneut ausgewertet – und erheben Zweifel an der Todesursache von Kurt Cobain.

Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Nirvana-Sängers werden die Annahmen zu den Todesumständen auf den Kopf gestellt. Das Team um Forensiker Brian Burnett und Forscherin Michelle Wilkins kommt zu dem Ergebnis, dass Cobain zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses bereits handlungsunfähig gewesen sei. Im "International Journal of Forensic Sciences" (IJFSC) legen sie das auf 35 Seiten in ihrem Beitrag "A Multidisciplinary Analysis of the Kurt Cobain Death" dar.

Wilkins verweist auf die im Bericht dokumentierte Nekrose von Gehirn und Leber, also das Absterben von Zellen noch vor Eintritt des Todes. Diese deute eher auf Sauerstoffmangel infolge einer Heroinüberdosis hin als auf einen sofortigen Tod durch eine Schussverletzung. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: "Dies ist ein Homizid" – also ein Mord oder ein Totschlag.

Der Kriminalbiologe Mark Benecke befasst sich schon länger mit dem Todesfall der Musiklegende: Er habe in der Vergangenheit schon beklagt, es müsse mal das Material ordentlich zusammengestellt werden: wie eine Akte, gut aufgebaut, mit Bildern in entsprechender Qualität. Der Artikel in dem Magazin sei wie eine Antwort darauf.

Obwohl es heißt, der Beitrag sei peer-reviewed, also von Wissenschaftlern mit der entsprechenden Qualifikation geprüft, sieht Benecke darin keine klassische wissenschaftliche Veröffentlichung: Es würden einige Begriffe genutzt, die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als Wertungen unangebracht seien, etwa eine Aussage, dass eine Tötung mit einer Langwaffe "unnecessary" sei, da der Tod durch Heroin ebenso möglich gewesen sei. "Eine Vermutung, die nichts mit Spuren zu tun hat."

Das sei auch an anderen Stellen festzustellen: Vielfach werde auf Meinungen und Vermutungen verwiesen, beispielsweise auf die Dokumentation "Kurt & Courtney", auf Aussagen von Menschen, "die ohne Angabe von wissenschaftlichen Gründen etwas meinen, was natürlich trotzdem stimmen kann".

Im Grunde sei es ein journalistischer Text mit vielen technischen Einzelheiten, die von Dutzenden Menschen sorgfältig zusammengetragen worden seien, aber nicht immer die Eigenheiten von Leichenfundorten und Ermittlungen berücksichtigten, so Benecke, der Forensiker und Sachverständiger für biologische Spuren ist.

"Einer der Kernpunkte ist, dass Cobain unter Drogeneinfluss die Waffe nicht mehr betätigen konnte, die Blutspuren anders aussehen müssten und dass das Heroin in der Dose nicht verpackt ist." Für klare Aussagen fehlten hochauflösende Fotodokumentation und entsprechende Auswertung der Blutspuren. In der Veröffentlichung werde teilweise auch gesagt: "Wenn etwas im Bericht der Polizei nicht erwähnt ist, dann ist es auch nicht vorhanden gewesen." "Das kann stimmen, kann aber auch nicht stimmen", so Benecke.

"Menschen, die schon einmal völlig betrunken waren, wissen sicher, dass sie trotz komplettem Alkohol-Filmriss nach Hause gefunden haben, über Treppen gestiegen oder mit der Bahn gefahren sind." Cobain habe in depressivem Zustand vielleicht auch andere Gedanken gehabt, als sein Heroin wieder zu verpacken. Solche Punkte zusammengenommen stoße er in Veröffentlichungen und Gesprächen mit Forschenden aus diesem Feld regelmäßig an eine Grenze: "Kann sein, kann auch nicht sein. Dazu müssten wir bessere Fotos haben, und dazu müssten wir Versuche machen."

Benecke führt nach seinen Angaben seit mehr als 30 Jahren Fall-Nachstellungen durch, und das auch zum Teil lange nach dem Tatgeschehen. "Ich kenne die Schwierigkeiten aller Beteiligten." Er sei auch kein Gegner davon, den Fall wieder aufzuwärmen. "Man müsste mal eine zweitägige Konferenz machen, auf der mal alle kurz, knackig und klar alles aussortieren, was einfach unklar oder von Meinungen abhängig ist." Er habe das schon angeboten.

Die Autoren des aktuellen Beitrags sind aus Beneckes Sicht insgesamt zu voreingenommen. Das hätten sie aber auch gemeinsam mit denen, die sich sofort auf Suizid festgelegt hätten. In dem neuen Beitrag werde eine Selbsttötung grundsätzlich ausgeschlossen, mit Argumenten wie dem, kaum jemand spritze Heroin in die Muskeln. "Das ist nicht falsch, aber wer sagt, dass Cobain, falls er depressiv und ohnehin unter Drogen war – was beides vollkommen möglich ist – sich nicht anders verhalten hat als die meisten?"

"Das Ganze ist eine schöne Übung darin, dass nur Spuren entscheiden, niemals Meinungen, Lebensnähe oder gesunder Menschenverstand", sagt der Kriminalbiologe. "Die drei letztgenannten Dinge spielen vor Gericht eine Rolle, aber niemals in einer naturwissenschaftlich‑kriminalistischen Spurenuntersuchung."