Nerds, Neurodivergente und Neugierige

Quelle: Ox-Fanzine, #184 1/2026, Seiten 36 bis 40

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VON JOACHIM HILLER

Unser Erstkontakt liegt schon viele Jahre zurück, hatte damals was mit einer Verquickung unserer Interessengebiete zu tun: Der in Köln lebende Dr. Mark Benecke beschäftigt sich als Kriminalbiologie mit der Aufklärung von Todesumständen und weiß deshalb viel über das, was mit dem Gewebe von Säugetieren (was Menschen inkludiert) und wirbellosen Tieren nach deren Tod geschieht. Und ich interessiere mich dafür, was der Mensch mit nichtmenschlichen Tieren anstellt, propagiere vehement, dass diese eben nicht existieren, um vom Menschen ausgebeutet und getötet (und verspeist) zu werden. Konsequenz daraus ist die vegane Lebensweise, für die sich auch Mark Benecke entschieden hat.

Im Kontext von einem seiner Vorträge, mit denen er seit vielen Jahren landesweit jeweils hunderte Zuhörende begeistert, ging es um das, was selbsternannte „Fleischsommeliere“ in schöne Worte kleiden: Das Verwesen von Fleisch nennen sie „reifen“, wohingegen Dr. Benecke sich unter anderem damit beschäftigt, was mit menschlichen Körpern nach deren Tod geschieht, wenn diese ... reifen. Beneckes Neugier geht aber weit darüber hinaus, wie ein Blick auf seine zahlreichen Buchver-öffentlichungen verrät sowie seine enorm zahlreichen Videos und Social-Media-Posts vor einer in die Hunderttausende gehenden Schar von ... ja, Fans. Der Mann (und mit ihm seine Partnerin Ines) ist ein Popstar, und ja, Musik macht er auch, und Politik – 2025 wollte er für Die PARTEI Oberbürgermeister von Köln werden. Ende 2025 erreichte ich ihn nicht dort, sondern via Zoom in einer Bäckerei namens „Backstube“ in Tromsö, Norwegen. Worüber wir irgendwie vergessen haben zu sprechen? Über Musik! Mark besucht seit vielen Jahren schon das Leipziger Goth-Treffen WGT und macht selbst Musik. Aktuell ist unter dem Titel „Abysmal Affairs“ eine EP seiner Zusammenarbeit mit Bianca Stücker erschienen, dunkler Electro-Goth-Folk.

Mark, was führt euch im Winter nach Tromsö? Polarlichter gucken, wie alle anderen auch?

Unter anderem. Und wir wollen uns die Temperatur- und Umweltbedingungen mal anschauen, die hier herrschen, nachdem jetzt alles auftaut.

Eine Frage, die ich mir gestellt habe, nachdem ich deine Social-Media-Kanäle durchgegangen bin: Was interessiert dich explizit nicht?

Fragen wir mal meine Frau ... Mythologie, Religionen und so was, sagt sie. Ja, ich bin Dudeist und das reicht mir auch. Mein Bedarf an Mythologie und Religion ist damit abgedeckt. Und an Schlagermusik bin ich sehr begrenzt interessiert, obwohl ich backstage bei Talkshows schon sehr nette Menschen getroffen habe, die Schlager singen. Oder Fernsehköche. Ich gucke ja nie Fernsehen, ich habe noch nie ferngesehen. Es ist aber trotzdem interessant, mal mit den echten Menschen zu reden, also nicht mit dem, was sie da präsentieren oder deren öffentliche Figuren. Neulich war ich mit Howard Carpendale in einer Sendung, das war super-interessant.

Auch wenn mich der Content nicht interessiert, ist es so, dass die Menschen interessant sind. Und wovon würdest du spontan sagen, darüber weiß ich nichts, davon habe ich überhaupt keine Ahnung?

Zauberwürfel lösen. Ich habe für Ines einen eigenen Kanal eingerichtet, wo wir vorstellen, was sie für neue Zauberwürfel hat und wie sie diese teilweise monatelang löst. Das wäre dann der Satz, den du von mir auch in diesen Videos hörst: „Davon habe ich keine Ahnung. Die Ines erklärt euch das jetzt mal.“ Und ich habe keine Ahnung von allem, was mehr als vier Dimensionen hat. Ines will immer darüber reden, wie das ist bei der Stringtheorie und Raum-Quanten, aber ab der vierten Dimension bin ich raus, echt.

Zu gefühlt allem anderen weißt du aber irgendwas und kannst Fragen dazu beantworten.

Geht so. Ich habe zumindest den Willen, es so nachzuprüfen, dass ich eine originale Studie dazu finde und diese dann in einfachen Worten erkläre. Ich habe das ja 25 Jahre lang ohne Pause für radioeins gemacht, daraus wurde dann ein Podcast. Da habe ich das gelernt, denn damals gab es ja noch diese psychologischen Studien, die hauptsächlich mit Psychologie-Studierenden, mit hellhäutigen Frauen in den USA im Alter zwischen 18 und 23 oder so gemacht wurden. So was habe ich mir angeschaut daraufhin, ob die Studie gut oder nicht gut ist.

Ich bin auch Referee für viele rechtsmedizinisch-kriminalbiologische Zeitschriften, wo ich beurteilen muss, was die da noch verbessern könnten. Da bin ich super nett, weil ich sage, die allerkleinste Maschineneinstellung, die ihr da in irgendeinem Gerät vorgenommen habt, dazu will ich jetzt mal nichts zu sagen, vielleicht habt ihr ja eure Gründe dafür. Aber guckt mal hier, eure Abbildung, da kann ich den Text nicht richtig lesen. Da bekomme ich manchmal Feedback, ich solle ein bisschen strenger sein, doch mir geht es eher darum zu verstehen, was die Leute da gemacht haben. Deswegen würde ich nicht sagen, ich habe Ahnung davon, sondern ich versuche einfach nur zu begreifen, was sie gemacht haben. Ein aktuelles Beispiel: Der Gesundheitsminister der USA hat gesagt, die größte Studie, die jemals zu Impfnebenwirkungen durchgeführt wurde und mit der in Dänemark gezeigt wurde, dass Aluminium in Impfstoffen nichts mit Autismus und anderen Erkrankungen zu tun haben kann, die entspräche nicht dem „Goldstandard“. Und dann habe ich gedacht, komisch, wieso sagt er das? Klar, er lügt natürlich, aber vielleicht steckt ja irgendwas dahinter. Und dann habe ich nachgeschaut und es ist tatsächlich so, es gibt keine echte Vergleichsgruppe im Sinne einer randomisierten, verblindeten Studie, wo man gesagt hat, manche erhalten den Impfstoff, manche nicht. Dann habe ich noch weiter in die Originalveröffentlichung geschaut, weil ich mir gedacht habe, das Verblinden ist manchmal schwierig bei Impfstoffen. Du willst ja bei Kindern nicht sagen, du kriegst Polio, du kriegst kein Polio. Die echte Lüge ist aber: Es waren verschiedene Mengen Aluminium in diesen Impfstoffen über die lange Zeit, die das verfolgt wurde. Das heißt, es gibt sehr wohl Vergleichs- und Kontrollgruppen. Zu sagen, das ist kein Goldstandard, stimmt überhaupt nicht. Ich will nicht sagen, dass ich mega viel Ahnung davon habe, aber ich habe genug Ahnung, um es zu lesen, zu begreifen und mit einfachen Worten für Achtjährige zu erklären.

Du schaust dir Studien an, vergleichst Studien. Bis vor drei Jahren war jemand wie du das Superbrain, da brauchte es menschliche Intelligenz. Nun gibt es genau für solche Dinge künstliche Intelligenz. Wo vorher Typen wie du gefühlt alles im Blick haben konnten, setzt man nun auf KI – kann die es besser?

Ich komme gerade von einer Fachtagung in Köln, wo wir genau darüber geredet haben, wie wir das gutachterlich vor Gericht machen. Da war ein Richter, ein Rechtsanwalt und ein KI-Programmierer. Und die haben alle was dazu gesagt, natürlich mit verschiedenen Wertungen. Es ging darum, wie wir als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige eine Materialprüfung oder in meinem Fall einen super komplizierten Kriminalfall angehen, mit allen möglichen Einflüssen wie Luftfeuchte, Drogen, ob das Schloss nach links oder nach rechts aufgeht, was für ein Material der Kissenbezug hat – super viele Einflüsse. Und alle kamen, ohne sich abzusprechen, zum selben Ergebnis: Das Problem ist, dass ausnahmslos jede KI so programmiert ist, dass sie im Zweifel halluziniert.

Und erst seit kurzem kann zumindest ChatGPT, wenn man das zu KI zählen möchte, überhaupt erst sagen, dass es etwas nicht weiß, wenn man entsprechend promptet. „Sage bitte dazu, wenn du es nicht weißt, und halluziniere nicht.“ Nur hast du damit eigentlich nichts gewonnen, meiner Meinung nach. Denn da kann ich es ja gleich selber machen. Das zweite Problem ist, dass die Quellen, die eine KI sucht, derzeit noch völlig zufällig sind.

Das sehe ich bei meiner Arbeit als Referee für Wissenschaftsveröffentlichungen. Die Jüngeren unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fangen jetzt an, KI-generierte Arbeiten einzureichen, meistens Übersichtsarbeiten. Also so was in der Art wie „20 Jahre Ox-Magazin. Suche mir alle Highlights raus und gib mir immer die Quellen dazu.“ Und was da dann kommt, ist erstaunlich zufällig. Und es ist im Moment noch sehr stark US-lastig, da die KIs hauptsächlich USA-Quellen besuchen. Was etwa bei Rechtsfragen wegen des grundsätzlich anderen deutschen Rechtssystems Quatsch ist. Das war ein riesiges Nerd-Meeting, und die Erkenntnis war, man könnte KI benutzen zur Herstellung von Vorschaubildern für Internet-Seiten, aber nicht für unsere Gutachten. Und du kannst mit der KI versuchen herauszufinden, was diese spezielle KI für Quellen heranziehen würde, und so einen ersten Eindruck dazu gewinnen. Das ist so, als ob du mit Leuten redest, so wie du jetzt gerade ein Interview mit mir machst: einfach mal Eindrücke sammeln. Das ist aber nur ein winziger Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Ach ja, und zur Textverbesserung kann man KI nehmen, wenn Leute nicht gut schreiben können – in diesem Nerd-Bereich gibt es viele Leute mit Schreibschwäche. Und das war’s! Ich war darüber wirklich total erstaunt.

Worin besteht die Problematik?

Wenn du als Sachverständiger arbeiten willst, sieht das Gesetz vor, dass du alle „Hilfskräfte“ angeben musst und du musst verstehen und kontrolliert haben, was die Hilfskräfte machen. Das ist bei KI nicht vorstellbar. Deswegen setzen wir zum Beispiel im Labor überhaupt keine KI ein. Für mich ist das komplette Zeitverschwendung. Ob KI etwas bringt, hängt sehr von dem Fachgebiet ab, in dem du arbeitest. Du machst ja immer diese super langen Interviews mit Musikern und Musikerinnen. Ich glaube, dass das im Grunde genommen auch eine Sachverständigentätigkeit ist. Und wenn du daran mit KI arbeiten würdest, bekommt die KI dieses feine, polarlichtartig Wabernde nicht hin. Erstens haben die derzeitigen KIs Programmierfehler mit der genannten Folge der Halluzination. Das zweite Problem ist, dass du ja noch keine richtig autonome KI hast. ChatGPT ist gerade mal Stufe 3 oder 4 von 10 der Selbständigkeit. Und die nächste große Frage ist: Wer möchte die KI für was benutzen? Die meisten geldbringenden KIs werden auf bestimmte Ziele besonders stark trainiert sein, die sind aber für dich und deine Leser und Leserinnen vermutlich relativ bedeutungslos. Und ein weiteres Thema ist diese Chip-Firma Nvidia, wo auch auf dem Aktienmarkt entschieden wird, wer kriegt die Chips für welche KI, wer braucht die Chips, wer stellt die Energie her, wer verbraucht die Energie.

Am Ende wird es eine marktwirtschaftliche Frage sein, welche Schwerpunkte und Quellen man mit KI sinnvoll auswerten möchte und kann. In meinem Sachverständigenbereich sieht es nicht so aus, als ob man KI für die eigentliche Prüfung von Quellen und das Zusammenstellen der Informationen zu Tatorten in den nächsten fünf Jahren verwenden kann.

Du hast gerade ein gutes Stichwort verwendet: Tatort. Gerade lief ein „Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller. Und da gab es im Labor einen „Dr. Made“ – es ging um Fliegenlarven an einer Leiche im Sommer und die Bestimmung des Todeszeitpunkts dadurch. Das ist der Punkt, über den wir uns mal kennengelernt haben, als du noch in den Medien als „Dr. Made“ herumgereicht wurdest. Und direkt danach, im zweiten Sonntagabendkrimi, ging es um eine Kriminalbotanikerin und darum, wie Brombeersträucher wachsen und wie man darüber ermittelt, wann die Leiche abgelegt wurde. Direkt nacheinander deine Hausthemen.

Der Dr. Made, das ist schon Ende der 1990er entstanden. Das kam vom Focus, das war damals noch eine viel gelesene Zeitschrift. Die haben das erfunden, glaube ich. Oder vielleicht sogar die Bild oder der Express hier aus Köln. Diesen Titel „Dr. Made“ gibt es irgendwie schon immer, seit ich in dem Beruf arbeite. In den 1990ern hat sich das in die Krimis eingearbeitet, weil das halt mal was anderes war. Und von da aus hat sich das ein bisschen verselbstständigt. Ich sammle die gedruckten Artikel dazu und es ist lustig, wie es neuerdings manchmal zu „Dr. Tod“ wechselt, dann aber doch wieder weniger gruselig „Dr. Made“ wird.

Das Thema mit Insekten in dem Bereich kam wohl mit dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ in die Popkultur. Plötzlich haben Menschen ein Thema wahrgenommen, das vorher wirklich nur Nerds in dem Bereich und Wissenschaftler wahrgenommen hatten.

Thomas Harris hat das mit seiner Romanvorlage sehr gut gemacht, denn er hat das nicht über Labortechnik oder eine rechnerische Technik umgesetzt. Er hat die Insekten als klassische kriminalistische Spur angelegt: Der Täter benutzt die Tiere, was eine sehr tiefe symbolische Aufladung hat, weil auch er eine körperliche Umwandlung durchführen möchte. Dass er dann diese Tiere benutzt und in die Opfer reinsteckt, das ist eine normale Spur, das könnte auch Konfetti sein. Dass auf dem Poster die Motte so groß zu sehen war und niemand die Szene vergessen hat, wo die so rum"iegen, trug zur Wahrnehmung bei. Der Film ist wirklich sehr gut gemacht, auch aus heutiger Sicht. Ebenfalls für die Wahrnehmung des Themas wichtig war die Serie „CSI“, Crime Scene Investigation. Da gab es mehrere, Las Vegas, Miami, New York oder so. Die Serie hat das Thema komplett in die Alltagswahrnehmung reingespült. Heute ist das so profaniert von den Krimiautor:innen, das ist nur noch Quatsch gewesen und weiter geworden, das ist bestenfalls eine Ausschmückung, aber ohne die schöne Aufladung, die Thomas Harris vorgenommen hat. Also dieses elegante, tiefe, gruselige, man kann schon fast sagen Edgar Allen Poe-artige, das fehlt derzeit.

Das ist aber im Kern immer noch deine berufliche Haupttätigkeit, oder? Die natürlich heutzutage hinter sehr vielen anderen Dingen, die man von dir sieht, beinahe in den Hintergrund gerückt ist.

Unsere Hauptaufgabe im Labor sind Complex Cases. In den letzten Tagen war ich mit einem Fall beschäftigt, wo eine Person in einer scheinbar geschlossenen Wohnung zu Tode kam. Darin ist Blut von der Person und die Angehörigen glauben nicht, dass das ein Unfall war. Sie glauben nicht, dass die Person da alleine drin gewesen ist, sondern dass da was anderes passiert ist. Das ist ein typischer Fall, der ist nicht super komplex im eigentlichen Sinne eines Complex Case, aber man muss immer aufpassen, weil die Informationen oft extrem gefiltert sind: Die Rechtsmedizin sagt in dem Fall, es gibt keinen Hinweis auf Einwirkung von außen. Die Person hat aber Platzwunden. Jetzt lautet die Frage: Was wurden die Leute aus der Rechtsmedizin überhaupt gefragt? Die Polizei sagt: Der Raum war verschlossen. Ein klassisches kriminalistisches Problem: Haben sie das überhaupt geprüft? Du kannst viele Doppelschlösser in Deutschland, obwohl sie von innen abgeschlossen sind, trotzdem von außen aufschließen. Das sind die alten Doppelzylinderschlösser. Es hängt auch manchmal davon ab, wie der Schlüssel steht, ob der hoch steht oder zur Seite steht, solche Schlösser gibt es auch. Wurde das überhaupt geprüft? Ob der Nachbar schon drin war oder der Hausmeister, die Hausmeisterin oder irgendjemand, das weiß man ja bei solchen „Unfällen“ alles nicht, weil es niemand offiziell aufschreibt. Und dann kommt noch die Frage, wem hat die Person vielleicht einfach die Tür aufgemacht? In solchen Fällen geht es wirklich um jede Blutspur. Wenn du mehrere Blutspuren findest, die überhaupt nicht mit dem zusammenpassen, was die anderen sagen, dann muss man mit den Angehörigen auch mal ein Gespräch führen.

Und was sagen die?

Die Angehörigen sagen immer, das war ein guter Junge, der würde nicht unter Substanzeinfluss ausrutschen und sich den Kopf einschlagen, der würde sich nicht töten. Wir sagen: Die Spuren stehen tatsächlich nicht im Einklang mit dem, was sie bisher gehört haben von den zuständigen Stellen. Aber was da passiert ist, können wir auch noch nicht sagen. Wir bitten sie, Zusatzinformationen von den Behörden zu bekommen. Und so entfaltet sich das nach und nach. Wenn in anderen Fällen noch Aussagen von Angeklagten oder Verdächtigem hinzukommen, dann blüht so ein Fall fast schon fraktal auf in alle Richtungen. Je mehr Spuren wir kriegen, umso interessanter wird es. Und unsere Aufgabe ist dann, grundannahmenfrei den Fall immer weiter rein spurenkundlich zu bearbeiten, egal wie deutlich irgendwas scheinbar wird. Wir sind leider die Einzigen, die das machen, als öffentlich bestelltes, vereidigtes Labor, weil das sonst keiner machen möchte. Und oft stellt sich heraus, es gibt doch einen Schurken hier in diesem immer größer werdenden Geflecht aus Personen, Nachbarn, Spuren, Ereignissen und Motiven. Wir müssen dann oft sagen, ja, okay, aber egal: Nur weil die Nachbarn sich zu Tode gehasst haben, heißt das nicht, dass das nur das Geringste mit den Ereignissen zu tun hat. Also kümmern wir uns besser nur um die Spuren, und das ist der Hauptjob, den wir seit fast zehn Jahren nur noch machen.

Es können aber auch mal wesentlich grimmigere Fälle sein als „nur“ eine tote Person im “geschlossenen“ Raum. Zum Beispiel hatte ich Enthauptungsfälle, wo eine bestimmte Gruppe vor laufender Kamera Leute geköpft hat. Da war es sehr anstrengend, annahmenfrei zu bleiben, weil sozusagen alle auf dich einbrüllen und dir sagen, was da angeblich passiert ist. Und dann sagt man, ja, okay, ihr könnt auch leise und ruhig sprechen, wir gucken uns die Spuren so oder so an.

Hat es dich nie gereizt, war das nie ein Thema für dich, das, was du machst, in dem klassischen, institutionellen Rahmen zu machen? Sprich: bei der Kriminalpolizei, weil die macht ja typischerweise das, was du machst.

Also zum Glück hat das nicht geklappt. Ich habe mich damals von New York aus, wo ich früher gearbeitet habe, beim Bundeskriminalamt beworben. Ich kannte den Leiter der entsprechenden Abteilung. Die haben die Stelle aber dann verklüngelt. Das war insofern gut, weil die ihre Arbeit sehr stark auf Erbgut umgestellt haben – wäre ich da gelandet, wäre ich jetzt ein reiner Erbgutsachbearbeiter.

Dann habe ich bei der Kölner Kriminalpolizei gefragt. Es war auch gut, dass das nicht geklappt hat. Die haben gesagt, du bist leider promoviert und hast schon in New York in der Rechtsmedizin einer städtischen Behörde gearbeitet. Deine Besoldungsgruppe dürfen wir nicht vergeben für den Job, den du kriegen würdest, das ist nach irgendeinem Beamtenrecht verboten. Man darf nicht mit einer höheren Qualifikation in einen niederqualifizierten Job gehen, weil dann die Niederqualifizierten keinen Job mehr kriegen. Und dass das nicht geklappt hat, war auch deswegen gut, weil die polizeilichen Kolleginnen und Kollegen immer mehr Regulierung bekommen haben, so dass die spurenkundliche Abteilung, wo ich hinwollte, überhaupt keine komplizierten Fälle mehr bearbeitet so wie ich heute. Ich hatte auch mal bei zwei Instituten für Rechtsmedizin angefragt, aber auch da muss ich sagen, bin ich ganz froh, weil die ebenfalls sehr stark in die Erbgutroutine reingekommen sind, weil es so eine Schwemme von Erbgutuntersuchungsanfragen gab.

Deshalb bin ich wirklich dankbar, dass ich diesen Weg genommen habe, denn wie gesagt, in Deutschland ist unser Labor das einzige dieser Art. Es ist die einzige Möglichkeit, diese schwierigen, sehr verästelten Fälle zu bearbeiten. Das wäre mir in allen genannten Dienststellen verboten worden.

Als ich zum Beispiel Insekten gezüchtet habe in Köln in der Rechtsmedizin und in New York, da wurden mir die weggeworfen. Da ist wirklich jemand hingegangen und hat gesagt, jetzt reicht’s, hat sie genommen und weggeworfen. Ich habe das zweimal erlebt, und in einem Institut mit Leuten, die mehr zu sagen haben als man selbst, kann natürlich so eine Anordnung getroffen werden. Aber da habe ich natürlich überhaupt keinen Bock drauf. Ich möchte, dass mir gar keiner irgendwas sagt.

Ich glaube, in der Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich. Eine recht anarchistische Attitüde.

Das ist eine Eigenschaft von allen Nerds, also auch von den Sachverständigen-Nerds. Ich würde das gar nicht mal anarchistisch nennen. Bei dieser Sachverständigen-Tagung, wo ich wie beschrieben gerade war, habe ich festgestellt, dass die meisten eigentlich eher „eingenischt“ und angepasst sind. Sie wollen hauptsächlich ihre Ruhe haben. Sie würden sich auch gar wie wir jetzt hier durch einen frechen Spruch ungewollt ins Licht stellen. Sie setzen eher auf Rückzug ins rein Fachliche, das finde ich ganz interessant. Ich habe im Laufe meines Lebens gesehen, dass die kauzigen, spezialisierten, nerdigen Menschen einerseits ihre Ruhe haben wollen und sich andererseits nichts sagen lassen – auch die unauffälligen, eingenischten.

Der Begriff Nerd ist popkulturell in den 1990ern aus den USA zu uns geschwappt. Du benutzt den und siehst den für dich als positiv besetzt an.

Ja. Ich fasse darunter alles zusammen, was ich so mache. Ich mache viel im Bereich von neurodivergenten Leuten, da haben wir beispielsweise die größte Studie, die es jemals weltweit gab, mit Schulkindern gemacht. Es ging darum, wie man die Kids so unterstützen kann, dass sie nicht die Lust an der Schule verlieren. Und jetzt machen wir gerade die größte Studie für Kindergartenkinder, die weltweit je gemacht wurde. Mit „wir“ meine ich unseren Forschungszusammenschluss White Unicorn e.V. Das ist ein Verein, der sich mit Menschen beschäftigt, die nach der neuen Liste der Besonderheiten, die Menschen haben können, hauptsächlich mit ADHS, ADS und Autismus diagnostiziert wurden. Eigentlich ist es ein Autismusverband. Für die Schulstudie waren die Partner das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Goethe-Universität Frankfurt und die Humboldt-Universität Berlin. Für die Kindergartenstudie sind es Aktion Mensch und die Evangelische Hochschule Berlin. Ich bin technisch gesehen der Forschungsleiter von der Seite der Autisten und Autistinnen. Um auf deine Frage zurückzukommen mit den Nerds: Wir waren auf der größten erziehungswissenschaftlichen Tagung, die es gibt auf der Welt. Da haben wir unsere Ergebnisse vorgestellt und dort ist mir aufgefallen, dass immer mehr von den Forschern und Forscherinnen zu uns kamen und gesagt haben: „Wir sehen so viele Ähnlichkeiten zu dem, was ihr da rausgekriegt habt in der Studie ... vielleicht gehören wir auch dazu.“

Inwiefern?

Ich sage immer, ja, das ist kein großes Wunder. Weil Forschen, Messen, Zählen, Sortieren ... kann sein, wenn die Merkmale für Autismus alle zutreffen. Die Forschenden in dem Bereich haben angeregt, dass Autismus und ADHS keine Ausschlussdiagnosen mehr sind – man kann beides haben. Und damit bin ich wieder zurück beim Begriff Nerd. Dadurch, dass sich da sehr viel im positiven Sinne tut, was die Feststellung der Merkmale von neurodivergenten Besonderheiten angeht, finde ich den Begriff okay. Es gab da zwischenzeitlich den Begriff „neurodivergent umbrella“, unter diesem Schirm wurde das noch mit Farben kodiert und blablabla. Da sagte ich: Leute, das können wir jetzt kompliziert machen – oder einfach. Nennen wir das einfach Nerd, dann haben wir’s. Ohne Farben, ohne Regenschirm. Und es fühlen sich alle angesprochen. Wenn der Begriff abgelehnt würde in der Neurodivergenten-Community, würde ich ihn natürlich nicht verwenden.

Und du schließt dich in diese Beschreibung mit ein, bist also ein Nerd?

Die anderen schließen mich ein. Ich ordne mich nicht ein. Mir ist es egal, wer ich bin. Ich habe mir noch nie in meinem Leben Gedanken darüber gemacht, wer bin ich, was will ich. Ist mir alles total egal. Das mit dem Nerdling an mit dem Verband für hoch- und höchstbegabte Kinder, wo ich manchmal bei Summer Schools für Kids mitmache. Die sind angekommen und dann habe ich gesagt, ich glaube, ich kann euch nichts beibringen, ich bin ein bisschen hohl und so. Und dann haben die gesagt, ist egal, mach einfach mal. Und das funktionierte auch. Und dann kamen die Menschen von Mensa e.V. an, und dann kamen die Autisten und da habe ich mir gedacht, irgendwie wird das schon passen, wie ich mich fühle. Also wenn die anderen die Diagnosen haben oder das getestet haben, wenn die alle sagen, passt schon, ja gut, dann spiele ich gerne bei euch mit. Wenn wir das dann Nerds nennen oder Spezialisten oder Experten – egal. Eine bessere Beschreibung wäre vielleicht „Menschen, die sich sehr stark in etwas vertiefen und dann vieles andere ausblenden, besonders soziale Dinge“. Auf so ein Verhalten treffe ich übrigens auch oft bei Musikern, nur hat das lange gedauert, bis ich das geschnallt habe, warum das so ist, dass sie sich so perfekt in ihr Instrument reinfuchsen, schon in jüngsten Jahren.

Ich dachte immer, das wäre so ein Gegensatz, aber ganz im Gegenteil. Genau wie Maler und Malerinnen, die Farben sehr gut wahrnehmen können, die sehr expressionistisch sind und so weiter. Und natürlich auch die ganzen Schaltplattensammler:innen und sonstigen Spezialistinnen und Spezialisten. Die gehören alle dazu.

Du hast dich 2025 in eine noch ganz andere Sache vertieft, die dann leider nicht hingehauen hat. Hätte es geklappt mit deiner Wahl, wärst du der erste vegane Oberbürgermeister von Köln geworden für Die PARTEI.

Das wird schon noch. Es gab da so ein Stillhalteabkommen, aber das habe ich erst hinterher erfahren. Wegen einer bestimmten politischen Partei, die alle anderen nicht mochten, gab es ein Abkommen, dass sich deswegen die anderen Parteien alle nicht gegenseitig dissen. Wusste ich nicht. Ich dachte nur, ach, das ist aber alles freundlich dieses Mal. Warum sind die eigentlich alle so nett? Da gibt es großartige Videos, wo ich wirklich die irrsten und vollkommen bizarre Forderungen stelle.

Und der jetzige Bürgermeister, der sitzt zehn Minuten lang neben mir und nickt. Und ich dachte mir, was ist denn hier los? Irgendwas stimmt hier nicht. Also das war wirklich super geil. Der Vorteil war, dass dadurch, dass alle jetzt so super brav waren und wir sehr, sehr viele Kandidaten und Kandidatinnen hatten, die ganz kleinen Verbände und Organisationen Gehör gefunden haben für ihre Anliegen.

Zum Beispiel Empowerment für Mädchen oder so was. Dadurch haben alle Kandidat:innen tatsächlich diese ganzen kleinen Termine wahrgenommen. Das hat zwar für das Vegane nicht gereicht, aber es hat zumindest dafür gereicht, dass keiner von denen auch nur eine einzige dumme oder peinliche Anmerkung zu diesen sozialen Themen gemacht hat. Das war wirklich, wirklich angenehm. Alle haben sich von ihrer besten Seite gezeigt. Bei einer Organisation ging es darum, wie es Kindern geht, wenn sie in schlechten häuslichen Bedingungen leben, aber nicht aus der Familie rausgenommen werden. Da haben die Kinder zu Politiker:innen gesagt, jetzt erzählt ihr doch mal, was schlimm bei euch in der Kindheit war. Und ich dachte schon, da kommt irgendeine schleimige Scheiße, irgendein Märchen. Aber weit gefehlt: Jede einzelne Person, die da saß, hat wirklich eine krasse, glaubwürdige, nicht klebrige, harte Aktion erzählt, die ihr widerfahren ist. Das war bemerkenswert.

Wärst du OB geworden, hättest du in einer illustren Tradition gestanden.

Ja, man sollte nicht vergessen, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wurde später Bundeskanzler und der erfand ...

... die Soja-Wurst!

Genau.

Nun, du wärst ein würdiger Nachfolger geworden.

Es gibt ein paar Sachen, die echt vorbildlich an ihm sind. Aber klar, der war natürlich ein erzkonservativer Katholik. Zwei interessante Sätze hat der Adenauer gesagt: Auf die Frage eines TV-Journalisten hat er nur eine ganz kurze Antwort gegeben. „Es hätte auch eine einsame Entscheidung sein dürfen.“ Da steckt sehr viel in einem Satz drin. Er hat damit gesagt, die Ziele, für die ich stehe, würde ich auch alleine vertreten. Das ist aus heutiger Sicht sehr merkwürdig, aber aus damaliger Sicht interessant. Nach dem Krieg musste er alles in engster Abstimmung mit den US-Amerikanern machen. Und dann zu sagen, ja, diese Entscheidung hätte ich auch einsam getroffen, das fand ich interessant. Der zweite bemerkenswerte Satz fiel in dem Zusammenhang, dass damals noch viele Nazis in der Regierung und den hohen Ämtern wären. Da hat er im rheinischem Dialekt gesagt, dass, wenn man nur schmutziges Wasser hat zum Putzen, dann muss man halt mit diesem putzen. Klar, das ist aus heutiger Sicht sehr schwer verständlich. Diese Oberbürgermeister aus Köln, das sind interessante Figuren. Kurz vor der Wahl wurde ich eingeladen zu einem Treffen bei der Oberbürgermeisterin, das war eine Ehrung für Menschen mit bürgerschaftlichem Engagement. Da war auch ein ehemaliger Bürgermeister dabei, und ich fand es interessant, die mal so „in freier Wildbahn“ zu beobachten, also wenn sie sich in Sicherheit fühlen. Das sind korrekte Leute. Da habe ich wieder mal erlebt, dass man an Stellen, wo man es gar nicht meinen würde, korrekte Leute erlebt, das ist so ähnlich wie bei den Schlagersängern, was ich vorhin erzählt habe.

Nach außen hin sind der Content und das Auftreten für mich uninteressant, dazu habe ich keine Meinung. Aber wenn du sie dann in so einer gesicherten, geschützten Umgebung triffst, dann sind sie total korrekt und auf ihre Art auch weise, das ist crazy. Klar, sie machen den ganzen Tag Erfahrungen, die wir nicht machen. So gesehen kann ich das mit dieser Bürgermeisterkandidatur jedem nur empfehlen. Besonders, weil sie sich neuerdings auch mega schämen, wenn es mal wieder nichts Veganes gibt. Ich habe natürlich bei jeder Veranstaltung – das hab ich ja von dir gelernt – gefragt: „Gibt’s auch was Veganes?“ Und dann gab es natürlich nicht ein einziges Mal was Veganes.

Reden wir mal über soziale Medien. Bei allem, was du da machst, wirkst du immer sehr positiv. Nun sind da draußen aber auch eine Menge Hater unterwegs, und für jedes Statement zu vegan bekommt man es mit söderisch-pathologischen Wurstfressern zu tun. Wie gehst du damit um, dass wahrscheinlich immer wieder ordentlich an dich rangekoffert wird?

Also wenn das einen Inhalt hat, wie zum Beispiel bei dieser vorhin erwähnten dänischen Studie mit dem Aluminium, höre ich den Leuten durchaus zu. Wenn das was Widerlegtes ist, sage ich, zeig mir doch mal bitte die Studie, auf die du dich da beziehst – aber die gibt es dann meistens nicht. Der Klassiker ist: „Wir leben gerade am Ende einer Eiszeit und deswegen wird alles immer wärmer auf der Erde.“ Dann sage ich: „Kannst du mir mal deine Studie zeigen?“ Denn in dem Moment, wo sie sich die Studie anschauen, sehen die selber, was da steht. Da muss man gar nicht streiten. Und wenn sie es nicht nachschauen, weil es sie nicht interessiert, brauche ich auch nicht zu diskutieren. Die erste und unterste Stufe ist immer: „Zeig mir mal die Studie.“ Da kommt dann in der Regel nichts mehr, nur ganz selten schicken sie mal was zurück. Die nächste Stufe ist dann eigentlich schon blockieren. Sobald auch nur eine Beleidigung drin ist, blockiere ich die sofort. Im persönlichen Gespräch auch: „Ich verstehe, was du sagst: Ich bin hässlich und dumm, kein Problem, aber das Thema der Veranstaltung war doch was anderes, oder?“ Ich hatte mal eine Fernsehsendung, da ist das Ganze regelrecht explodiert, so dass ich sozusagen in den tierschützerischen Bereich gedrängt wurde. Da saß ein sehr bekannter Fernsehmoderator neben mir in der Talkshow, und er hat gesagt, ich lasse mir das und das Essen nicht wegnehmen. Damals war es die Bratwurst, heute wäre es das Schnitzel. Und dann habe ich gesagt: „Da brauche ich jetzt gar nicht darauf zu antworten, weil die nimmt Ihnen keiner weg.“ Oft kann man so was also ganz niederschwellig lösen. Die Fleischliebhaber haben sich in der Sendung selbst bloßgestellt.

Und bei Social Media?

Schon seit langem ist es häufig so, dass Leute was inhaltlich Interessantes aufbringen, was sie tatsächlich nicht so leicht selber prüfen können. Zum Beispiel wenn es um riesige Datenmengen geht, die recht neu erhoben worden sind. Aktuell ist das Methan hier oben in der Arktis, wo ich gerade bin, ein Thema. Da könnte es zu schlagartiger Methanfreisetzung kommen, was die meisten Leute aber nur von Permafrostböden kennen, und dann wird behauptet, das beweise aber das und das. Ich sage dann, wir schauen uns die neuen Messungen jetzt mal ganz genau und in Ruhe an, und dann sehen wir, was da wirklich los ist. Danach können wir über den Rest reden, nämlich was du meinst, was das bedeutet. Und das war’s dann meist eigentlich schon.

Welche Medien nutzt du?

Ich hatte bis vor kurzem noch die Washington Post abonniert, aber die ist mir zu doppelzüngig. Sie gehört Jeff Bezos, aber gleichzeitig möchte sie liberal sein. Das ist ganz interessant. Ohne Quatsch: Ich nutze kein einziges klassisches Informationsmedium. Radio und Fernsehen hatte ich noch nie, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin. Und im Internet funktioniert das auch gut: Ich sehe einfach, was es mir so reinspült bei Insta und Facebook oder so, meist sind es Beiträge über Pilze oder Tauben oder Züge. Twitter hatte ich nie. Deswegen habe ich eine super angenehme Umgebung. Manchmal schreiben mir Leute auch E-Mails, weil sie wissen, dass ich nur auf E-Mails antworte. Wenn ich merke, dass eine Person rumhaten will, nur um zu haten, dann schicke ich ihr kommentarlos ein Danke. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass Leute, die geifernden Hass ausgegossen haben per E-Mail, einfach so, dass die, wenn ich denen dann zurückschreibe „Okay, habe ich gelesen, danke, Mark“, dass die tatsächlich wieder ankommen. Weil sie den Eindruck haben, dass ich der Einzige bin, der ihnen überhaupt antwortet. Auf diese Weise habe ich schon viele interessante Infos erhalten, weil diese Leute mir von einer Seite her berichten, die ich normalerweise überhaupt nicht erlebe. Ganz aktuell kam da diese UFO-Ablenkungssache aus den USA. Das habe ich von den Leuten „auf der anderen Straßenseite“, wie man sie früher immer genannt hat, sofort erfahren und konnte direkt schauen, was da schon wieder los ist.

Ich habe den großen Vorteil gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen, die sich daran aufreiben und beleidigt sind und traurig und sich rumärgern und Kommentare schreiben, dass ich denen oft in der Zeit ein bisschen voraus bin und schon weiß, was als Nächstes kommt. Ich bin durch die teils irren E-Mails schon drauf eingestellt, das ist auch ganz angenehm.

Wieso nutzt du immer noch Social Media? Viele Leuten sind schon raus, weil sie sagen, ich ertrag’s nicht mehr, es macht mich fertig. Du bespielst das mit einem stoischen, freudigen Eifer, möchte man beinahe sagen.

Das hast du perfekt formuliert. Ich habe Facebook, Insta, TikTok, sonst nichts, und bin immer spät reingegangen – also wenn irgendwer gesagt hat, Mark, du musst das machen, du kannst nicht wie ein Opa leben. Ich liefere zu 100% nur, was ich will. Ich lösche sofort alle Kooperationsanfragen von Firmen, die manchmal auch sehr clever sind. Es gibt Firmen, die überhaupt nichts mit Verbrechensaufklärung oder sozialen Belangen zu tun haben, und die machen dann solche Outreach-Programme und suchen sich irgendwas, das sehr sozial wirkt. Da sind Kriminalfälle und die Lösung von Kriminalfällen natürlich nicht schlecht. Denen erkläre ich dann: „Ich weiß nicht, wer du genau bist, ich weiß nicht, aus welcher Abteilung du bist, ich weiß nicht, warum du fragst, aber ich will es dir kurz erklären. Was du da machst, hat überhaupt keinen Bezug zu meiner Arbeit. Keinen einzigen. Und das brauchen wir jetzt auch nicht zu diskutieren.“ Ich nehme mal ein Beispiel, das ich erzählen kann, weil das schon etwas her ist. Das war eine Firma, die Matratzen herstellt. Da habe ich gesagt, das Problem ist, wir haben viele Sexualdelikte und Matratzen kommen da manchmal vor. Diese Leute aus der Marketingabteilung sehen das in der Regel natürlich nicht ein. Oft sind die sehr jung und haben schon diese Marketing-Schwurbelsprache drauf. Davon halte ich mich also schon mal komplett fern. Auf Social Media folgen mir über eine Million Leute – nur mir alleine, ohne Ines. Und die wissen, ich lasse mich nicht kaufen oder einspannen. Wenn das jemand behauptet: Zeige mir eine Quelle dafür.

Du reist bevorzugt per Bahn. Glaubwürdig hätte ich es gefunden, wenn du angesichts unzähliger Posts aus Zügen und Bahnhöfen für die Werbung machen würdest.

Ich muss jetzt sehr vorsichtig formulieren ... Ich hatte Kontakte zur Bahn, weil die wissen, dass ich halt dauernd was poste. Ich soll nichts darüber sagen. Ich formuliere es daher mal anders: Ich poste ja eh dauernd was dazu. Wenn dann jemand sagt, ich bin in irgendeiner Weise von der Bahn beeinflusst oder bezahlt, dann sage ich nur, zeig mir bitte mal die Postings. Die gibt es nicht. Das ist nur in deinem Kopf. So gesehen ist das mit der Bahn eigentlich ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich hätte etwas machen können, aber die Marketing-Menschen dort sind einfach zu verstrahlt. Die Menschen in den Klimaaktivist:nnengruppen, die haben halt immer irgendwas Interessantes zu berichten, aber das ist logischerweise nie bezahlt. Und die ganz extrem linken Gruppen, die sind der Meinung, ich solle stärker fordern, dass es politische Umwälzungen gibt, und nicht immer nur sagen, dass der einzelne Mensch sich p"anzlich ernähren, weniger Kleidung verbrauchen, ÖPNV benutzen soll und so weiter. Und je weiter das dann in die Mitte rückt von der Organisation her, umso mehr finden sie es wiederum suspekt mit der pflanzlichen Ernährung, zu der ich was sage. Jeder hat irgendwas, wo er sagen könnte, ich sei doch von dem und dem beeinflusst. Dann sage ich: Schau dir meine Vorträge an. Warum sagst du das? Das sagst du doch nur, weil ich etwas gesagt habe, das dir nicht gefällt, politisch oder sozial oder kulturell. Wir können gerne weitersprechen, wenn du mir eine Quelle für deine Aussage zeigst. Und noch nie, nicht ein einziges Mal, ist jemand mit einer Quelle gekommen, die irgendeine Beeinflussung zeigt. Ich glaube, das hat den Vorteil, dass sich das herumspricht: Ich poste nur, was ich will, und arbeite nie mit Geldgebern zusammen und „monetarisiere“ nie. Und dann sagen sie, okay, der ist echt ein bisschen stumpf und hohl, der ist tatsächlich nicht beeinflusst.

Du warst neulich beim Konzert von Kim Wilde. Und es war gut, sagst du.

Auch Chris de Burgh war sehr gut. Ich war beim 75. Geburtstag von Chris de Burgh und beim 65. Geburtstag von Kim Wilde. Dass ich diesen Satz mal sagen darf, auch noch im Ox-Magazin, hätte ich nicht gedacht.

Eigentlich müsstest du WDR 4-Hörer sein. Das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern.

Ja, zu meinem Schrecken war ich bei Kim Wilde das erste Mal in meinem Leben auf einem Konzert, wo WDR 4 der Kooperationspartner war. Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich war schon ganz früh bei DEPECHE MODE, MARILLION und so, sogar bei PINK FLOYD. Weil wir wussten, wie man durch den Hintereingang reinkommt, denn wir konnten uns das natürlich nicht leisten als Schüler und Studierende. Bei Chris de Burgh und Kim Wilde merkt man, die können ohne Bühne nicht leben. Die brauchen das Geld nicht. Wie sie mit dem Publikum umgehen, das ist wirklich total interessant – auch was zum Thema Nerds. Chris de Burgh ist der totale Nerd, ganz viele Sachen macht er immer gleich, das ist total auffällig. Das nervt auch die Fans, die zu jedem Konzert gehen, das sind meistens so ältere Frauen, die zumindest beim Konzert auch niemanden dabei haben. Das ist ein recht interessantes Publikum. Ich war letztes Mal bei ihm auf Platz 1, Reihe 1.

Sitzplatz bestuhlt?

Sitzplatz bestuhlt, Reihe 1, Platz 1. Da merkte man richtig, dass er stark versucht, möglichst vielen Leuten in die Augen zu schauen im Publikum und möglichst viele Reaktionen zu bekommen. Bei Kim Wilde war es so, dass sie auch sehr nah am Publikum war und ganz offen und ehrlich ihre eigene Stimmung gezeigt hat. Weil es ihr Geburtstag war, hat sie von den Fans die ganze Zeit Geschenke bekommen. Die Musik ist bei ihr ja eine Familienangelegenheit, ihr Bruder ist der Produzent und der Texter und ihre Nichte Scarlett ist auch dabei. Während des Auftritts ist sie zu jeder einzelnen Person hingegangen und hat jedes Geschenk angenommen und sich sichtlich gefreut. Wohingegen Chris de Burgh Geburtstage hasst. Da haben alle gesungen „Happy birthday to you“ und das fand er erkennbar scheiße. Ich habe von den beiden wirklich was über Auftritte gelernt. Nämlich, wenn du keinen Bock hast, lass es sein. Aber wenn du Bock hast, dann mach’s ehrlich und direkt. Ich sehe bei manchen Bands, dass die das so aus der Gewohnheit heraus machen. Die ewige Stadiontour, die nie mehr endet und so. Ich weiß nicht, ob sie da wirklich jeden Tag Bock haben. Aber bei diesen beiden „Veteranen“, da hat man wirklich gemerkt, dass sie genau das machen, was sie wollen.

Und wie ist das bei dir?

Wir müssen jetzt viel weniger Veranstaltungen machen, weil die Bahn nicht fährt, also es geht nicht mehr wie früher. Und dann habe ich mir auch überlegt, habe ich eigentlich noch Bock, so viel Zeit mit Reisen zu verbringen. Und deshalb habe ich mir gedacht, mach’s doch wie die beiden. Überleg dir, ob du Bock hast, welches Publikum das ist. Ich habe Bock und ich liebe meine Zuhörerinnen und die – wenigen – Zuhörer. Aber wir haben die Größe verringert. Kleinere Säle. Da fühle ich mich am wohlsten.

Du, oder besser ihr, also Ines und du, ihr zeigt doch sehr vieles bei Social Media, wo man sagen kann, das ist recht nah am Menschen dran. Wie kommt das?

Ich trenne das gar nicht, das habe ich noch nie gemacht. Ich kenne einige Leute, die auch im Musikbereich sehr bekannt sind und sich privat stark abschirmen. Dass wir das alles offen machen, kommt auch ein bisschen von Ines. Sie sagt: „Wahrheit ist Wahrheit, aber manches möchte ich nicht zeigen. Zum Beispiel das Umziehen am Hotelfenster: Mach die Vorhänge zu!“ Ich sage, wenn die Leute reinglotzen wollen, sollen sie das halt tun. Die haben bestimmt schon mal einen nackten Hintern gesehen. Wir besprechen das dann und unsere Grenzen sind uns auch gegenseitig sehr klar, deswegen können wir das alles persönlich und entspannt machen. Was sehr beliebt ist, erstaunlicherweise, ist das Kochen, wobei man das Ganze bei uns ja nicht wirklich kochen nennen kann. Extrem beliebt ist auch, wenn wir Fragen aus dem Netz an uns beantworten. Zum Beispiel haben wir neulich ein Autismus-Video online gestellt und da haben wir auf Fragen aus einem Autismus-Forum geantwortet, das bekam sehr viele Klicks. Instagram und TikTok funktionieren total unterschiedlich, das ist merkwürdig. Da gehen manchmal Sachen durch die Decke, die tatsächlich cool sind, dann wieder nicht. YouTube machen wir natürlich auch noch. Da ist eines der meistgeschauten Videos das, wo ich erkläre, warum es keine Menschenrassen gibt. Ein total unaufgeregtes, nebenbei gemachtes Video, ohne jeden Gedanken an eine Zielgruppe. Das hat schon über eine Million Views.

Interessanterweise sind bei Facebook die Autismus-Inhalte sehr verbreitet, weil die Autist:innen kein Interesse an diesem Glitzerblingbling von Insta und TikTok haben. Und bei Insta erreiche ich komischerweise öfter auch mal Leute mit den Umweltthemen. Privat und öffentlich habe ich aber wie gesagt nie getrennt. Wovon aber, glaube ich, andere Lieferant:innen von Inhalten aufgefressen werden, die zu private Sachen zeigen, weil die viele Klicks bringen, ist, wenn sie sich keine klar definierten Grenzen auferlegen. Das siehst du zum Beispiel bei den Leuten, die irgendwann nach OnlyFans gehen. Entweder versuchen sie dann die Fans zu melken, indem sie gar keinen Content liefern und immer nur versprechen, wenn du genug zahlst, kriegst du irgendwas zu sehen. Oder sie rutschen krass in Sachen rein, von denen sie laut gesagt hatten, das werden sie niemals machen. Das kann bei uns nicht passieren, weil wir gegenseitig ehrlich und immer auf unsere durchaus verschiedenen Grenzen achten.