Bianca Stücker & Mark Benecke

Quelle: Orkus! Juli 2023, Seiten 59 bis 61

Von Claudia Zinn-Zinnenburg

Der Artikel als .pdf

Trauer & Flöten?

Fotos: Chelsea B.

Orkus: Wie kam es zum vielversprechenden Titel von „Songs of Love and Sorrow“?

Mark Benecke: Bianca wollte was noch Niederdrückenderes als unsere Leonard-Cohen-Cover-Platte machen und es wurde auch Zeit für neue, todtraurige Videos.

Bianca Stücker: Und ich war dran mit dem Auswählen der zu covernden Lieder! (lächelt)

O: Wie geht es euch mit den doch sehr dicht beieinanderstehenden Gefühlen Liebe und Leid?

MB: Ich schaue einfach zu, wie Bianca leidet, beispielweise, wie sie nie pünktlich zu den Tanz- und Flötenkursen kommt, die sie leitet, weil sie mir vorher noch zehn Fassungen des neuen Liedes senden musste. Das ist natürlich liebenswert, so dass ich gut mit diesen Gefühlen klarkomme und meine Königin so gut es geht unterstütze.

BS: Ich setze Prioritäten! (lächelt) Mark wünschte sich „I Am Stretched on Your Grave“ z. B. „etwas verrückter“, so entstanden dann einige verschiedene Vorschläge. Die Flötenkurse sind bisher allerdings nur Marks Wunschvorstellung, aber wer weiß, ob sie sich nicht tatsächlich eines Tages ereignen werden! (grinst) Erahne ich da eigentlich etwas Grausames, wenn du zuschaust, wie ich leide?

MB: Ich helfe dir ja, bevor es unschön werden würde. Der Vorschlag, dein fingerdick verstaubtes Hackbrett mal abzustauben, kam von mir! Ergebnis: Du hast keine Staub-Lunge, kannst weiter singen, tanzen und flöten.

BS: Das ist richtig. Das war ein schöner Ratschlag. Mein Lieblingsratschlag von dir war allerdings, beim Haarefärben einfach eine zweite Einwegduschhaube aufzusetzen, wenn unter der ersten während der Einwirkzeit noch Farbe rausläuft. Ich befolge ihn bis heute! Nur diese Fixierung auf Flöten macht mir etwas Sorgen.

O: Was waren die schönsten Momente eurer Leben?

MB: Wunderschön war beispielsweise das Lichtermeer im „Henkelmännchen“, einer riesigen, geschlossenen, steil ansteigenden Halle beim VNV-Konzert auf dem Amphi, außerdem ein fantastischer Regenfall, den ich von meinem Hinterzimmer in New York belauschen durfte, während das Wasser in den schrottigen Innenhof prasselte und natürlich, als meine kauzige Frau Ines zum ersten Mal ihre Hand in meine gelegt hat.

BS: Auf Anhieb fällt mir das WGT vom letzten Jahr ein: Da habe ich mit den Bruxas Solis, die live mit mir unterwegs sind, im Schauspielhaus gespielt, und die Atmosphäre war ganz besonders. Die Menschen waren unglaublich warmherzig und haben uns hinterher in Scharen am Merch umringt, als schon längst nichts mehr da war, was wir noch hätten verkaufen können. Das gemeinsam in der Gruppe zu erleben, war wirklich toll.

Selbstmord zum Karneval?

O: Mit „Gloomy Sunday“ fangt ihr ganz schön heavy an. Der ursprünglich ungarische Song ist auch als „Hungarian Suicide Song“ bekannt und es geht sogar das Gerücht um, dass sich einige Menschen, nachdem sie das Lied gehört haben, das Leben genommen haben … Wie kam es zu der Wahl dieses Stücks?

BS: Ich habe es zuallererst in einer Version von Gitane Demone kennengelernt, die damals meine große Heldin war. (lächelt) Und es ist einfach ein wunderschönes und abgründiges Stück!

MB: Viele Selbsttötungen finden bei traurigen, aber auch frohen Liedern statt. Das hat mit dem jeweiligen Lied wenig zu tun, denn eine traurige Melodie kann Trost spenden, während ein fröhliches Lied bedeuten kann, dass andere Spaß haben, während ich nicht mehr aus dem schwarzen Loch herauskomme, das mich verschlingt. Wir hatten schon Suizide mitten in Karnevals-Sitzungen auf der Toilette. Alleine in Deutschland töten sich pro Jahr um die zehntausend Menschen – mehr als vierzigmal mehr als von anderen getötet werden. Hinzu kommt, dass Dichter:innen und Sänger:innen häufiger niedergedrückt sind als Menschen in anderen Berufen, dazu gab es ja auch in der Orkus! schon viele gute Interviews. Ich denke, dass Musik tröstet: ‚Da hat jemand meine Stimmung aufgefasst, ich bin damit nicht alleine.‘

BS: Das denke ich auch. Allerdings kann genau das ja auch ein Trigger sein. Die ungarische ‚Gloomy Sunday‘-Version soll übrigens aus Liebeskummer entstanden sein (zumindest der Überlieferung nach). Ob die Suizide, die mit dem Lied in Verbindung gebracht wurden, tatsächlich stattgefunden haben, während oder nachdem es gespielt wurde, ist, soweit ich weiß, nicht gesichert, diese Legenden sind aber ganz bestimmt verantwortlich für seine Bekanntheit. Eine neue Kombination?

O: An der englischen Version haben sich schon viele Künstler versucht. Welche Versionen waren euch außer Gitane Demones bekannt, gab es ein „Vorbild“, an das ihr euch gehalten habt?

BS: Ich kannte eine ganze Menge Versionen, von Heather Nova über Sinéad O’Connor bis natürlich zu Billie Holiday. Ein Vorbild gab es aber nicht: Wenn ein Cover ansteht, versuche ich im Gegenteil eher etwas zu tun, was es bisher noch nicht gab. Das ist gar nicht so leicht, aber nachdem sich die elektronische Grundlage fast von selbst ergeben hat, kamen recht schnell die kurze Hackbrettmelodie dazu und ein minibisschen Nyckelharpa … Diese Kombination gibt es so vielleicht ja tatsächlich noch nicht.

Noch nie gesprochen über…?

O: Bianca, du hattest ja auch erst letztes Jahr Gedanken dazu im Buch „Sein oder Nichtsein“ geteilt. – Wie geht es euch mit dem Thema Suizid?

BS: Für den Beitrag im Buch habe ich sehr lange gebraucht – obwohl ich ansonsten ein eher mitteilungsfreudiger Mensch bin, fehlten mir regelrecht die Worte. Es ist mir sehr schwergefallen, den kurzen Text zu schreiben, aber ich glaube, es war richtig; schwierige Erfahrungen zu teilen, kann ja eigentlich nur gut sein, wenn jemand vielleicht etwas Ähnliches erlebt hat.

MB: Bianca drückt sich musikalisch leichter aus als in Gesprächen oder Buch-Texten. Thank you for the music!

BS: Nein, nicht grundsätzlich. Eigentlich sind Texte eher der Weg für mich, etwas Persönliches auszudrücken, Musik ist oft einfach eine Art kreative Spielwiese. Aber in dem Fall war es schwer, ich hatte tatsächlich keine Worte dafür, weil ich noch nie in der Form darüber gesprochen habe. (Und wer mich kennt, weiß: Ich spreche viel.) (lächelt)

Verwunderung über Chris von LORD OF THE LOST

O: Bianca, deine Stimme weiß immer, was sie tut und transportiert die Gefühle sehr gut, aber ich habe auch das Gefühl, das Mark von EP zu EP besser und „sicherer“ wird und sich auf seine Stärken besinnt. Wie haben sich die Aufnahmen gestaltet?

BS: Genau, ich finde auch, er wird immer besser! Obwohl, besonnen hat er sich eigentlich nicht, er war albern wie immer und sprach auf die Aufnahme, wenn er gerade nicht mit Singen dran war: „Pack einfach alles übereinander! Alle Instrumente mit rein!“ (lacht) Mark ist immer super selbstkritisch, dabei klingt es doch wirklich richtig gut!

MB: Ich lach mich tot: Wenn ich was singen muss, kriege ich gar nix mehr mit, ich mache nur noch, was Bianca sagt. Schrecklich ist das! Ich bewundere alle Berufs-Musiker:innen, echt. Chris von Lord of the Lost kann sich sogar gleichzeitig filmen, das Publikum bespaßen und sehr fein abgestimmt singen. Wie geht das?

Keine Chipstüten? Dead, Mark & Bianca Can Dance

O: „I Am Stretched on Your Grave“ ist ein Song aus dem 17. Jahrhundert. Bekannt vielleicht aus unserer Szene am ehesten durch Dead Can Dance? Was war euer Zugang?

MB: Ich werde mich auch beim letzten Atemzug noch an das Konzert in der Kölner Philharmonie von Dead Can Dance erinnern, 2005. Da haben sie dieses traurige Lied zwar nicht gespielt, ich spielte aber wie schon seit mehreren Jahren vorher und bis heute die Platte dazu: „Towards the Within“. Da ist der Grabes-Song drauf. Zum leichenliedverfestigenden Konzert gibt es immer noch schöne Besprechungen im Internet, bei der Rolling Stone etwa diese: „Ich bin durchaus kein Dead-Can-Dance-Fan, ich bin meiner Frau zuliebe mit nach Köln gefahren. Das Konzert in der ausverkauften Philharmonie war ein echter Ohrenschmaus. Das Publikum sah überwiegend aus wie einem Nightwish-Cover entsprungen. Die Farbe des Abends war schwarz. Stimmung während der Stücke: Musik pur, kein Flüstern, Hüsteln oder gar Chipstüten-Knistern. Zwischen den Stücken: Pure Euphorie inkl. Standing Ovations. Setlist? Keine Ahnung. Gut zwei Stunden prima Musik – dominiert von zwei unglaublichen Stimmen.“ Genau so war es!

Dankbarkeit?

O: Was fasziniert euch daran am meisten?

MB: Unter anderem, dass sehr viele Musikerinnen und Musiker sich früher nicht als depressiv geoutet haben und den Welt- und Seelenschmerz nur in ihre Musik oder ihr Weinglas gegossen haben. Das Ganze lässt sich besser im Kreise gleich gesinnter, freundlicher Seelen ertragen.

BS: Der Text ist wirklich so traurig, dass es kaum auszuhalten ist. Abgesehen davon, dass Menschen auf diese Weise ihren Schmerz teilen und verarbeiten, hat es auch etwas Positives: Wenn man solch einem Text zuhört, wird man zwangsläufig dankbar für die Partner, Familienmitglieder und Freunde, mit denen man das Leben teilen darf – die also nicht fehlen.

Bezirzt und der Sinne beraubt?

O: Musikalisch habt ihr ein wunderschön melancholisches, folk-artiges Stück gemacht. Wie ist das entstanden?

MB: Weil ich es liebe, wenn Bianca wieder eine neue Fiedel herauszieht, die aussieht, als könnte damit niemand auch nur einen geraden Ton erzeugen. Ich liebe ihr Hackbrett, die Flöten in zwanzig Größen und Tonfarben, ihr Geklimper mit den Tribal-Fusion-Klamotten, für mich gehört der Folk-Einschlag daher dazu. Ihr müsst das auch mal live erleben, neulich hat sie in einer unterirdischen Eishöhle gespielt und der Wärter war so verzaubert, dass er Bianca und ihre Damen in der Höhle vergessen hat. Kein Scherz! Er war bezirzt und seiner Sinne beraubt. So soll es auch bei unseren Stücken sein.

BS: Das hast du aber schön gesagt! (lächelt) Es war übrigens eine Tropfsteinhöhle, die Dechenhöhle in Iserlohn, in der wir am 21. Oktober noch einmal zu Gast sein dürfen. Die „I Am Stretched on Your Grave“-Version ist tatsächlich einfach durch Ausprobieren entstanden – die Melodie und die Struktur mit den Taktwechseln war ja vorgegeben, alles andere habe ich einfach nach und nach intuitiv hinzugefügt, und heraus kam nun dies. Es war allerdings zu Anfang noch ruhiger, bis es durch Marks Wunsch nach „etwas Verrücktem“ dann etwas dynamischer geworden ist. (lacht)

Amy Winehouse klanglich in neuem Gewand?

O: Ich liebe auch eure Version von „Back to Black“. Ich stell mir vor, dass vielleicht gerade die Entscheidung, wie ihr beim Gesang vorgeht – der bei Amy Winehouse ja einzigartiges Markenzeichen war – etwas schwieriger war. Wo lagen die Herausforderungen dieses Songs?

MB: Haben wir eiskalt beiseitegelassen. Wir machen ja Tribute-Dinge und wollen uns an niemandem messen. Das Lied hat ein Eigenleben und Amy war eines der Gefäße dafür, wir sind nun auch eines. Ich sehe das wie Johnny Cash: Er hat seine öfters ja auch schon längst vorher von anderen veröffentliche Lieder so gesungen, wie er wollte und zack. Wem es gefällt, prima, wer die vorigen Fassungen erkunden möchte: Noch besser.

BS: Da schließe ich mich ganz genauso an! Ich habe tatsächlich etwas gehadert, weil es sicher das bekannteste der drei Stücke ist, aber es passte einfach so perfekt in den Kontext und macht auch noch ziemlich Spaß (wenn man das so sagen kann). Und mit Cembalo statt Klavier usw. hat es natürlich auch wieder ein ganz anderes Gewand bekommen.

In weitere Hände gegeben?

O: Abgerundet werden die „regulären“ Songs noch vom Bishop- und Form-Follows-Function-Remix. Wie sind diese beiden Kooperationen entstanden?

BS: Bishop ist ein Musiker, den ich im letzten Jahr kennengelernt habe, und dessen Arbeit mir sehr gefallen hat. Wir haben ein gemeinsames Stück aufgenommen („Dark // Light“) und ich wollte gern einen Remix von ihm. Mark war auch ganz begeistert! (lächelt) Form Follows Function – als mein Lieblingsnebenprojekt – hat ein paar Jahre Pause gemacht (zuerst bedingt durch Corona), und das ist nun wieder ein Lebenszeichen.

Verwüstung?

O: Nach welchen Kriterien habt ihr diese drei Stücke für „Songs of Love & Sorrow“ eigentlich ausgewählt?

MB: Es sollte noch finsterer werden als auf unserer Platte „We Want It Darker“.

BS: Inhaltlich hat das ja schon mal gut geklappt … (lächelt) Aber es war dann noch mal eine Gratwanderung, dass es nicht zu verwüstend wurde, die Stücke aber auch nicht ihre Tiefe verloren.

MB: Verwüstend?

BS: Verwüsten dich die Texte etwa nicht?

Mit geheimen Gastgesang?

O: Was waren diesmal die vielleicht ungewöhnlichsten Instrumente, die hier verwendet wurden?

MB: Wie immer haben die Wellensittiche von Bianca fröhlichstens herumgepfiffen, während wir sangen. Da Bianca das nicht beunruhigte, dachte ich mir, dass es dann wohl so passt. Meine Frau Ines war hingegen totenstill, und als wir nachschauten, was da los war, saß der älteste, kränkeste weiße Sittich, der angeblich gar nicht mehr fliegen konnte, bei ihr auf der Schulter und schlief an Ines‘ Ohr gelehnt, während wir rumtobten. Hört mal genau hin, vielleicht entdeckt ihr Sittich-Getratsche im Hintergrund unserer Lieder.

O: Zum Abschluss: Ist auch geplant, die Stücke auf die Bühne zu bringen?

MB: Einhundert Prozent bei einem sehr großen Gothic-Festival diesen Sommer. Spitzt schon mal Eure Fledermaus-Ohren, wir dürfen es noch nicht verraten, haben die Veranstalter:innen uns verboten. Aber ihr ahnt vielleicht schon, welches Festival es sein könnte, oder?


Songs of Love and Sorrow

Ein musikalischer Kurztrip durch die Finsternis


Mark Benecke und Bianca Stücker

Sonic Seducer / Interview


Lichtstrahlen in Moll

Sonic Seducer / Interview