Quelle: Sonic Seducer, 2/2026
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B I A N C A S T Ü C K E R & M A R K B E N E C K E
Von Christoph Kutzer | Fotos: Chelsea B.
Mark Benecke promovierte über genetische Fingerabdrücke. Bianca Stücker, ebenfalls Doktorin und Inhaberin eines Kirchenmusikexamens, hinterlässt entsprechende Spuren auf Tasten- und Blasinstrumenten. Die EPs des Duos genießen Kultstatus. Gespräche wie das Folgende über den jüngsten Output „Abysmal Affairs“ sind immer zu schnell vorbei. Lehnt euch zurück und genießt.
Ihr habt ein Video zum Einstürzende-Neubauten-Cover „Sabrina“ veröffentlicht. Ich dachte erst, die Location sei ein altes Schwimmbad. Es scheint sich aber um einen anderen Ort zu handeln ...
Bianca: Ja. Und er war sehr weitläufig! Von der Schwarzkaue einer alten Zeche aus haben wir uns durch haufenweise andere, sehr lost-place-mäßig und surreal wirkende Flure und Räume vorgearbeitet – das ganze Gebäude erschien von innen fast größer als von außen und es war gar nicht so leicht, die besten Drehorte auszusuchen, weil alles interessant, erstaunlich und zum Teil auch etwas verstörend aussah. Und das Verrückteste war: Draußen fand gerade bei idyllischstem Sommerwetter eine Zusammenkunft von Autoliebhabern statt. Wenn man sich hinaus bewegte oder aus den Fenstern blickte: Autoliebhaber und ihre Gefährte, so weit das Auge reichte!
Meine Vision ging weiter: Ich dachte, dass ihr in öligem, schwarzem Wasser endet. Es gibt Filmszenen, die sich auf ewig in die Hirnrinde einbrennen. Für mich ist eine davon jene, wenn der Bösewicht in „Der Schatz im Silbersee“ im Morast versinkt. Das fand ich als Kind gruselig. Könnt ihr das nachvollziehen?
Bianca: Unbedingt! Ich habe das Gefühl, dass sich sämtliche Dinge aus Filmen oder Büchern, die ich lieber schnell wieder vergessen hätte, für immer und vermutlich noch darüber hinaus eingebrannt haben wie ein Souvenir aus dem Höllenschlund.
Mark: Bei mir brennen sich vorwiegend die schönen Dinge ein, zum Glück, beispielsweise wie toll Bianca tanzt, flötet und sich gewandet. Sie kann – bei TikTok vielfach zu bestaunen – auf einer schwankenden Halbkugel musizieren, auf einem Bein!
Eine einbeinige Flötistin. Zauberhaft. Was hat euch als Kinder medial verstört?
Bianca: „Tarantula“. Aber nicht die Spinne, sondern der Mann, dessen verformte Finger urplötzlich und in meiner Erinnerung komplett vorwarnungslos auf dem Bildschirm erschienen, danach blickte er den Zuschauer an, und es stimmte etwas ganz erheblich mit seinem Gesicht nicht. Erheblich! Schlimm.
Mark: Batman hatte mal einen Gegner, der meiner Erinnerung nach vorher und nachher nie in den Berichten aus Gotham City vorkam. Der Übeltäter versuchte, unseren eh schon grundtraumatisierten Helden gefesselt in einen Tank mit einer offenbar schlecht gelaunten Riesen-Tintenschnecke zu versenken. Warum? Und was wurde aus dem Bösewicht?
Wir sprachen zuletzt über die Pläne des Universums. Mir hat der Kosmos neue Informationen zu Kasimir Malewitsch und seinem schwarzen Quadrat ins Hirn gespült, das in „Sabrina“ erwähnt wird. Würdet ihr euch dieses Werk aufhängen?
Bianca: Ach. Ich jetzt nicht unbedingt. Vielleicht, wenn es ein Glitzerquadrat wäre. Oder ein Holo-quadrat. Chelsea, meine beste Freundin und die Schöpferin der Fotos für unsere Platte, erinnert mich regelmäßig daran, dass ich nicht mal ins Van-Gogh-Museum gehen würde, wenn ich dafür fünf Euro bekäme. Leider.
Mark: Mir ist es nicht schwarz genug. Daher heißt unsere erste gemeinsame Platte ja auch „We Want It Darker“.
Viele Musiker oder Autoren zeichnen oder malen insgeheim. Wann erscheint der erste Band mit bildnerischem Output der Doktoren Stücker und Benecke?
Bianca: Das wäre was! Ich bin dafür! Ich male sehr gern Quatschfiguren. Ansonsten zeichne ich nur Entwürfe für Tattookunden. In meiner Freizeit zeichne ich nicht, denn ich habe keine Freizeit, da ich sämtliche Hobbys sofort zu Berufen mache. Ich habe also auch keine Hobbys.
Mark: Doch, mich! Ich bin dein Hobby, sagen wir es, wie es ist. Wenn ich mir was wünsche, kriege ich es sogar, beispielsweise durchsichtige Kleider beim Videodreh oder Hackbrett- und Flöten-Musique.
Zum Zeichnen: Wir haben eine sehr knorke Fangruppe mit mehr als 1000 Menschen, die meine Zeichnungen als Tätowierung tragen, darunter Einhörner, Fledermäuse und Bienen. Also, die Tattoos stellen diese Tiere dar, tätowiert werden die menschlichen Fan:innen.
Im Video singt ihr ansehnlich zusammen. Habt ihr da gemeinsam gesungen oder gelipsynct, oder wie das heißt, wenn man seine Lippen zum Playback bewegt?
Bianca: Also, beim Videomachen lilpsynce ich immer. Ich meine nämlich, dass es sonst weniger synchron zur Aufnahme gerät. Aber für die Aufnahme haben wir natürlich gemeinsam gesungen, sonst würde da ja was fehlen! (lächelt gewinnend)
Mark: Ich singe immer, weil ich finde, dass nur echt echt ist. Die Querflöte habe ich auch echt gespielt. Bianca singt beim Dreh nur nicht, um das Team nicht versehentlich zu verzaubern. Das hat sie schon bei mir getan und es soll nicht zur Gewohnheit werden.
Mark, du trägst auffällig oft Sonnenbrille. Den Vampir-Jokus spare ich mir mal. Ist das ein Signum erwartbarer Coolness oder unerwarteter Schüchternheit? Mir hat einst ein Musiker gestanden, er trage Sonnenbrille, weil er so das Publikum im Club nicht mehr sehe.
Bianca: Er ist einfach eine Stilikone, so sieht es doch aus.
Mark: Wer, der Musiker oder ich? Also ich bin tatsächlich Licht-Hasser von Herzen. In meiner Bühnenanweisung steht sogar wörtlich: „Bitte keine Spots/Verfolger/Scheinwerfer auf mich. Keine Ausnahmen. Nein! Kein Licht auf mich! Wir können den Saal dimmen und dort schön gedämpftes Licht lassen. Keine Scheinwerfer auf mich. Nein heißt nein: Keine Spots oder Headlights auf mich. NEIN!“ Das ist kein Scherz, ich habe es aus meiner Technikanleitung, auch als „Rider“ bekannt, wörtlich herauskopiert. Ach so, und: nix gegen Vampire. Mein Frau und ich haben die größte europäische Studie über diese scheuen Wesen verfasst.
Hat die Wahl von „Henry Lee“ mit einer grundsätzlichen Liebe zu Nick Caves „Murder Ballads“ zu tun? Mark, du hast schon zusammen mit Sara Noxx „Where The Wild Roses Grow“ gecovert. Mit wem würdest du das Marianne-Faithfull / Nick-Cave- Duett „The Gypsy Faeri Queen“ aufnehmen?
Mark: Extrem gute Idee, mega-niederdrückend, sehr gut. Ich mache es aber wie Marianne Faithfull und singe das dann mit gebrochener Stimme kurz vor meinem Tod ein. Bis dahin bin ich vorsichtig, weil meine Frau ein von Feen vertauschtes Kind ist und ich mich daher vorläufig nicht mit diesen Wesen anlegen möchte.
Bianca: Ach, schade! Ich finde die Idee auch gut! Ich kannte das Lied gar nicht, Ihr habt meinenHorizont erweitert!
Gerüchten zufolge hat Mark das mörderische „The Curse Of Millhaven“ von Nick Cave Studierenden vorgespielt. Was war der pädagogische Hintergedanke?
Mark: Pädagogik und ich – zwei für immer getrennte Welten. Meine Studentin Lottie aus New York trug denselben Namen wie das anstrengende Mädchen aus dem Lied. Da musste der ganze Kurs sieben Minuten lang dem Lied lauschen. War aber abends in meiner Bibliothek auf dem Teppichboden und ich reichte dazu Getränke. Ich find das Lied nach wie vor erstklassig. Die „Murder Ballads“ kann ich auswendig, da ich die Platte bestimmt schon 2000-mal gehört habe. Kein Scherz.
Vögel im Aufnahmeraum. Fauchschaben im Eigenheim. Wäre es nicht an der Zeit, die animalischen Mitbewohner in einen Song einzubauen? Ich mache mal einen radikalen Covervorschlag: Erinnert ihr euch an den MTVFilm „Joes Apartment – Das große Krabbeln“? Da gab es tolle Songs wie „Funky Towel“.
Mark: Sicher, Küchenschaben, die Walzer tanzen und synchron schwimmen, das gefällt Bianca und mir natürlich. Im Video handelt es sich um eine andere Art als meine Fauchschaben, aber why not? Sie sind ja auch schon auf unserer neuen CD – aus irgendeinem Grund in oder über einer Teetasse – zu sehen. Next stop: Biancas Sittiche, die eine düstere Polonaise zu Mollklängen vorführen. Wenn sie nur besser auf Menschen geprägt wären!
Bianca: Das ist eine schöne Idee. Ich sehe ganz deutliches Potenzial in uns für das Wasserballett. Die Sittiche jedoch leben bei uns zu Hause als radikale, wändezerknabbernde Parallelgesellschaft. Sie scheißen auf Fame. Chelsea schlägt übrigens jedes Mal genauso radikal „Der Hund von Baskerville“ von Cindy & Bert vor. Ich ahne, dass sich die Dinge irgendwann schicksalhaft zusammenfügen werden.
Mark: Bin dabei.
Lasst mich raten: Es liefe wieder auf eine EP hinaus …
Bianca: Für umfassendere Werke würden wir wahrscheinlich so um die zwölf Jahre brauchen. Wir gehen da also pragmatisch vor.
