Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7./8. März 2026, Nr. 55, Seite 56
DEM GEHEIMNIS AUF DER SPUR
Von Josef Scheppach
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Diese Abschrift des Zentralbuches des muslimischen Glaubens wurde mit dem Blut des irakischen Diktators Saddam Hussein geschrieben - so zumindest stand es im offiziellen Regierungsbulletin. Die Geschichte dieses Dokuments begann am frühen Abend des 12. Dezember 1996. Ein Porsche röhrte durch den wohlhabenden Stadtteil al-Mansour in Bagdad. Am Steuer: der damals 32-jährige Udai, Husseins ältester Sohn. Seine Verbrechen - Vergewaltigungen, Folter, Morde - hatten so großen Hass im Volk geschürt, dass ihm nun Attentäter auflauerten: 37 Schüsse wurden abgefeuert, mindestens sieben fanden ihr Ziel.
Aber Udai überlebte. Zwar steckten weiterhin zwei Kugeln in seiner Wirbelsäule. Doch wie durch ein Wunder blieb nur ein starkes Humpeln zurück. Für die Genesung seines Sohns und für sein eigenes Überleben im Ersten Golfkrieg wollte Hussein dem Allmächtigen danken - auf denkbar makabre Weise: Gottes Wort sollte mit seinem eigenen Blut niedergeschrieben werden. Für das Vorhaben wählte der Diktator Abbas Shaker al-Baghdadi aus.
„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin darüber fast blind geworden", klagte der renommierte Kalligraf später in einem TV-Interview im saudischen Fernsehen. Zwei Jahre lang schrieb er die rund 323 670 Buchstaben des Korans nie-der: jeder zwei Zentimeter hoch und ebenso breit. Auch die Ränder der Seiten verzierte er dekorativ. 27 Liter Blut sollen dem Diktator Saddam Hussein für dieses Werk abgenommen worden sein; also mehr als viermal die Menge seines gesamten Bluthaushalts.
„Eine so enorme Blutspende in so kurzer Zeit ist aller Voraussicht nach nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich", sagt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich Institut - zuständig für die Überwachung von Blutspenden. Es drohe eine Anämie (Blutarmut) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.
Ob Hussein dieses Risiko trotzdem eingegangen ist? Zumal für einen Sohn, der 1995 Husseins Halbbruder zum Krüppel geschossen und 1988 den Vorkoster und Lieblingsleibwächter seines Vaters mit einem elektrischen Messer abgeschlachtet hatte? Wie viel eigenes Blut war ihm so ein gewissenloser Sohn wert? Wie sicher kann man sein, dass sich in den Blutkonserven nicht das Blut der Opfer von Husseins zahllosen Gewalttaten be-fand? Es gibt zwar Fotos, die zeigen, wie Saddam Blut abgenommen wird, aber war das mehr als nur Propaganda?
Kaum ausgestellt, wurde das Werk von vielen Gelehrten in unterschiedlichen Ländern als unzulässig verurteilt. „Schließlich gilt Blut laut dem Koran nur so lange als halal (rein), als es im jeweiligen Kreislauf von Mensch oder Tier fließt. Wird es vergossen, gilt es als harām, also verboten oder unrein", erklärt Islamkenner Ahmad Mansour.
„Kein Muslim käme auf die Idee, die heilige Schrift absichtlich mit Blut zu beschmutzen." Mit einem Trick versuchte Saddam, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das Blut wurde an der Bagdader Universität mit einer Chemikalie versetzt, die es in eine Art von Tinte verwandeln sollte", erklärte der Kalligraf „Es wurde wohl mit EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) versetzt”, vermutet der Forensiker Mark Benecke. „Dann klumpt es nicht, und die Schrift bleibt jahrelang lesbar”.
605 lose Blutseiten im A3-Format wurden im September 2000 mit großem Pomp im Komplex der Umm-al-Ma'arik-Moschee (Mutter-aller-Schlachten-Moschee) ausgestellt: in einer meterlangen Glasvitrine in einem sechseckigen Marmorgebäude, das auf seiner Spitze ein Minarett in Form einer Scud-Rakete trägt.
Eine Besichtigung war nur besonderen Besuchern erlaubt. 2003 wurde Hussein gestürzt, wenige Monate später von US-Soldaten mit wirrem Haar und irrem Blick in einem Erdloch aufgefunden und gefangen genommen. Und der Blutkoran? Während der US-Invasion nahm Scheich Ahmed al-Samar-rai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Irak, einzelne Koranseiten mit nach Hause. „Ich wusste, dass intensiv nach dem Blutkoran gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen", erklärte er einem Reporter des Guardian.
Samarrai zufolge wurden die anderen Seiten des Blutkorans in der Moschee in einer kugelsicheren Kiste hinter drei Türen aufbewahrt. Für eine Tür habe er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte sei der Schlüssel irgendwo in Bagdad versteckt worden. Doch als 2018 ein Reporter des Guardian die Moschee aufsucht, versichert der Imam: Der Koran ist verschwunden." Über den Verbleib wisse er nichts. Später will ihn ein anderer Reporter in einem Museum gesehen haben. Aber dort ist er nicht mehr.
Dass seit Jahrzehnten über den Aufbewahrungsort dieses bizarren Relikts gerätselt wird, dürfte jenen im Irak ganz recht sein, die der Ansicht sind, dass alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt werden sollte.
Auch deutsche Muslimvertreter kritisieren das Werk. „Hussein galt als nicht religiös", erklärt Professor Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie. „Sein Werk wurde von vielen als politisch motiviert und als Verunglimpfung des Koran betrachtet."
Wo auch immer der „Saddam-Koran" verborgen sein mag - er ist ein Mahnmal des blutrünstigen Diktators und er hat ihm kein Glück gebracht. Saddams Söhne Udai und Qusai wurden im Juli 2003 in einem Feuergefecht mit amerikanischen Soldaten getötet. Im Dezember wurde Saddam selbst gefangen genommen und drei Jahre später verurteilt und hingerichtet wegen zahlloser Verbrechen, unter anderem den Massakern an Schiiten und Kurden.
