»Messen, nicht denken«

Quelle: IHK Darmstadt, Wirtschaftsdialoge, Ausgabe 5 / 2026, Seiten 36 und 37 (.pdf hier)

Von Matthias Voigt

Foto: Ines Fischer / Benecke.com

Dr. Mark Benecke ist promovierter Kriminalbiologe und Experte der forensischen Entomologie – gemeint ist die kriminalistische, angewandte Insektenkunde. An Tatorten – auch in Leichnamen – sucht er nach Fliegen, Würmern und Maden, um dadurch den Todeszeitpunkt eingrenzen zu können. Außerdem ist er ein überzeugter Sachverständiger.

IHK: Wenn ich im Sommer den Biomüll entsorge, kriechen mir manchmal Würmer aus der Tonne entgegen. Sich beruflich damit zu beschäftigen, ist zumindest nicht alltäglich. Emfinden Sie gar keinen Ekel?

DR. MARK BENECKE: Aus der Tonne kriechen vermutlich eher Fliegenlarven, also Maden. Das sind keine Würmer. Würmer bleiben ihr Leben lang Würmer, Fliegenlarven werden zu was anders Aussehendem: erwachsenen Fliegen mit Borsten, Augen, Saugrüssel. Es ist eine tolle Umwandlung, wie bei Schmetterlingen. Das ist doch etwas sehr Schönes. Menschen können ihre Haut nicht in eine harte Hülle umwandeln, sich innen zu einem Schleimklumpen auflösen und später entsteht daraus ein, sagen wir, rosa Elefant. Finde ich also mega, unsere Fliegenlarven. Würmer finde ich aber auch toll, so ist es nicht.

Viele Menschen kennen Sie aus dem Fernsehen und aus Podcasts. Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag in wenigen Sätzen beschreiben?

Mal schauen, was heute an Anfragen reinkommt. Es gibt abgesehen davon keinen Alltag, das ist ja das Schöne. Ich bearbeite seit ungefähr zehn Jahren nur noch Sonderfälle, weil anderes gar nicht mehr bei mir ankommt. Daher basteln wir hier im Labor unseren Tag immer um das, was gerade anfällt. Da ich auch die früher so genannten Hilfskräfte hinzuziehe, bleibt es immer spannend, auch wenn solche Fälle meist nicht vor Gericht oder in der Industrie landen, sondern Angehörige betreffen, die Klarheit über ein mögliches Unglück gewinnen möchten.

Wieso brennen Sie immer noch für Ihren Job?

Ich kann alles frei entscheiden: Wie ich arbeite (übergründlich, auch wenn es keinen Cent einbringt), wann ich arbeite (von 9 bis 23 Uhr), wie viel ich arbeite (so, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen daraus entstehen). Und ich lerne superviele Kolleginnen und Kollegen aus Nachbargebieten kennen, beispielsweise, wenn wir Kunstfälschungen, religiöse Wunder, aus Menschenhaut hergestellte Gegenstände, vergiftete Bücher und dergleichen bearbeiten. Es kommt auch noch ein verrückter Zufall hinzu: Ich bin am Tag vereidigt worden, als zwei Flugzeuge in Hochhäuser in New York geflogen sind. Ich war zuvor im zuständigen Institut für Rechtsmedizin in Manhattan angestellt und kenne alle an der Bearbeitung der Spuren beteiligten Kolleginnen und Kollegen und war kurz nach dem Ereignis selbst vor Ort. Letztes Jahr, 25 Jahre später, hat mein Labortisch-Nachbar Brian erstmals und seinen Worten nach zum einzigen Mal öffentlich darüber gesprochen. Ich war dabei.

Sie sind auch öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Was zeichnet einen guten Sachverständigen aus?

Das, was in den verpflichtenden Kursen vor der Vereidigung immer betont wird: sachlich und direkt sein, selbst arbeiten und vernünftige, gute Quellen angeben. Bei uns im Labor kommt noch hinzu, dass wir viele schräg wirkende Fälle haben, manchmal in den Knast fahren, mit heulenden Angehörigen zu tun haben und so weiter. Auch hier lassen wir uns nie von Gefühlen ummänteln oder einwickeln. Et is wie et is, die Frage ist eben nur, wie et is. Das lässt sich nur durch Messungen, aber nie durch denken, glauben und – das ist bei uns besonders – auch nicht durch Berufserfahrung klären. Kurz gesagt: messen, nicht denken.

Warum sollten Unternehmen bei wichtigen Fragestellungen auf öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige setzen?

Weil Unabhängigkeit bei öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen nicht nur Blabla oder eine papierne Willenserklärung ist, sondern ganz ernst gemeint ist. Ich möchte mich auf Menschen verlassen, die Tatsachen messen und schildern, nicht solche, die alle möglichen anderen Interessen haben, kungeln, meinen, schätzen, abwägen oder vermuten.

Rätselhafte Tode und falsche Fährten: Kriminalbiologe Mark Benecke geht im Milchwerk auf Spurensuche

Quelle: https://www.suedkurier.de/kreis-konstanz/kriminalbiologe-mark-benecke-zu-besuch-in-radolfzell-115414897, 6. Oktober 2026

Nicht denken, sondern messen: Der berühmte Kriminalbiologe Mark Benecke zeigt im Milchwerk, wie aus Spuren belastbare Erkenntnisse werden – und warum selbst sichere Geschichten falsch sein können.

Von Sofia Daszkowska

Schwarzlicht, eine mystische Klangkulisse aus drei ausgewählten Musikvideos von Mark Benecke und Bianca Stücker: Von Beginn an liegt die Ahnung in der Luft, dass etwas Ungewöhnliches ans Licht kommt. Im Milchwerk beginnt der Vortrag „Kriminalfälle am Rande des Möglichen“. Der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke zeigt, wie bei der Untersuchung eines Kriminalfalls aus Spuren eine Tatrekonstruktion entsteht – und warum die erste Erklärung oft die falsche sein kann. Eine Strangulationsspur, die gar keine ist. Ein Zeuge, der sich sicher ist und trotzdem irrt. Oder ein Schusswaffenfall, dessen Ablauf sich erst aus Munition, Blut und Schusswinkeln erschließt.

Welche Geschichte erzählen die Fakten?

Mark Beneckes Prinzip scheint schlicht: „Nicht denken, sondern messen.“ Eine Geschichte kann noch so plausibel klingen – wenn die Fakten etwas anderes erzählen, hat sie bei Benecke schlechte Karten. „Ich messe Spuren“, sagt der Kriminalbiologe vor dem versammelten Publikum. Annahmen? Lieber nicht. Alles wird dokumentiert, fotografiert, gemessen und miteinander verglichen.

Zur Person

Mark Benecke ist Kriminalbiologe, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten international mit der wissenschaftlichen Forensik beschäftigt und damit Kriminalfälle untersucht. Dabei setzt er sich vor allem mit der Entomologie, also der Insektenkunde, auseinander. Bekanntheit hat er etwa durch Auftritte im Fernsehen erlangt. Im Laufe seiner Karriere hat er unter anderem Adolf Hitlers Schädel untersucht und eine fachspezifische Ausbildung beim FBI gemacht.

Auf der großen Leinwand macht Benecke die von ihm mitgebrachten Fälle anhand von Fotos, Aufnahmen und detaillierten Spurenauswertungen sichtbar. Fotos seien dabei entscheidend, erklärt Benecke: „Ohne Fotos verliert man super viele Informationen“, betont er. Erst danach werden verschiedene Möglichkeiten geprüft und Widersprüche sichtbar. Zu einem ungewöhnlichen Erstickungsfall ließ Benecke zum Beispiel mit mehreren Frauen unterschiedlicher Oberweite testen, ob beim Aufdrücken der Brust auf das Gesicht einer Testperson ein Ansaugeffekt entstehen kann.

Von Blutspuren und Schusswinkeln

Besonders deutlich wurde seine Methode an einem Schusswaffenfall. Benecke setzte dabei unterschiedliche Spuren zueinander in Beziehung: Munition, Blutspuren, Glassplitter, Schusswinkel und Körperpositionen. Die unterschiedliche Zusammensetzung der Munition half, die Reihenfolge der Schüsse zu rekonstruieren. Eine technische 3D-Rekonstruktion zeigte, welche Positionen und Winkel möglich waren. So entstand aus vielen Hinweisen ein Tatablauf – unabhängig davon, wie Beteiligte ihn schilderten. Auch eine sichere Zeugenaussage muss sich an den Spuren messen lassen.

„Nur messbare Wahrheit gilt als Tatsache“, sagt der Experte. Für Benecke bedeutet das: Aussagen und auch die eigene Theorie müssen überprüft werden. Widersprechen die Spuren der eigenen Vorstellung, müsse diese geändert werden. Oft führe der Weg zur Wahrheit dabei über den Ausschluss: Was kann nicht passiert sein? Erst das Zusammenspiel verschiedener Spuren mache den Tathergang belastbar.

Ein Einhorn zum Schluss

Benecke selbst bleibt bei seinen Schilderungen im Milchwerk auffallend gelassen. Zwischen drastischen Bildern, komplizierten Spuren und ungewöhnlichen Experimenten erzählt er mit trockenem Humor und großer Selbstverständlichkeit. Gerade diese Mischung macht den Abend weniger zu einem Vortrag über Tod, als vielmehr zu einem Einblick in die schwierige Kunst, sich von einer guten Geschichte nicht täuschen zu lassen.

Am Ende erscheint auf der Leinwand ein Einhorn. Nach so viel Tod, Blut und Beweisführung ist das vielleicht auch ganz gut so. Damit alle Zuhörer beruhigt nach Hause gehen können – und heute Nacht niemand mehr über Schusswinkel nachdenken muss.

— Schönen Dank an die Redakion für die Erlaubnis zur Verwendung —

Drogen & Kriminalistik (Uni Kiel / Deutschlandfunk Nova)

Mark Benecke spricht im Institut für Toxikologie der Universität Kiel über Drogen und deren Bezug zu den gigantischen Gewinnen, die in die organisierte Kriminalität sickern.

Mit den neuesten Zahlen und Messungen — gekürzt auch als Podcast beim Deutschlandfunk DLF Nova-Programm 'Hörsaal'.

Wer Drogen und ihre Folgen wirksam bekämpfen will, muss sie dekriminalisieren, sagt der Kriminalbiologe Mark Benecke. Warum? Dafür liefert er in seinem Vortrag zahlreiche Fakten und Argumente. Und er stellt Beispiele vor, wo es geklappt hat.

Mark Benecke hat sie selbst gesehen: die Drogentoten. Und mit Drogentoten sind nicht allein die Menschen gemeint, die an einer Suchterkrankung sterben. Oder die, die versehentlich eine Pille erwischen, in der etwas anderes steckt als gedacht. Sondern vor allem auch jene vielen Menschen, die in den Auseinandersetzungen der Drogenmafia ermordet werden.

"Es sterben unglaublich viele Leute – gar nicht so sehr an den Drogen, sondern in diesem Verteilungsmarkt der organisierten Kriminalität."

Mark Benecke, Kriminalbiologe

"Kokain und sehr viele andere Stoffe nehmen drastisch zu. Die Drogen werden immer stärker. Die ganze Welt ist unter Drogen."

Mark Benecke, Kriminalbiologe

Wobei er Drogen nicht verharmlost: Seinen Vortrag beginnt er damit, zu erklären, dass das, was die meisten von uns über Drogen wissen, vermutlich schon passé ist. Weil Drogen jeden Tag stärker werden.

Immer mehr Drogen, immer stärkere Drogen

In hochprofessionellen Labors entstehen immer neue Abwandlungen bekannter Drogen und auch immer mehr neue: Cannabinoide, Phenylethylamine, Streoide, Opioide, Cathinone und mehr – hunderte, vielleicht tausende meist noch unbekannte Substanzen oder Substanz-Derivate.

Ausschnitt aus dem World Drug Report 2025

Der Grund: Wettbewerb und ein fortwährendes Versteckspiel, um dem Entdecktwerden durch die Polizei und gesetzlichen Verboten von Stoffen zu entgehen. Viele der neuen Varianten, die in hochprofessionellen illegalen Franchise-Laboren entstehen, unterscheiden sich von den alten vielleicht nur in einem Molekül. Oder sie sind gänzlich neu.

Drogenlabore spielen Katz und Maus mit Polizei und Gesetz

Mit den althergebrachten Tests können sie deshalb erst mal gar nicht festgestellt werden – geschweige denn gesetzlich verboten. Es ist ein stetiges Wettrennen, erklärt der Kriminalbiologe. Und bis die Behörden nachziehen können, sind längst wieder neue Stoffe auf dem Markt. Und das ohne jegliche Kontrolle.

In Deutschland sind viel mehr Drogen im Umlauf, als etwa Beschlagnahmungs-Statistiken vermuten lassen, erklärt Mark Benecke – im Vortrag stellt er etwa Studien vor, die das anhand von Abwasseruntersuchungen belegen.

In seinem Vortrag argumentiert Benecke mit zahlreichen Statistiken und kommt zu dem Schluss, dass Drogenverbote der Gesellschaft schaden, weil sie den Schwarzmarkt fördern und dem Staat somit Milliarden an potentiellen Einnahmen entgehen. Denn die organisierte Kriminalität macht riesige Umsätze.

"Man müsste die Prohibitionen abschaffen, und die Steuerüberschüsse müsste man abschöpfen."

Mark Benecke, Kriminalbiologe

Desweiteren ist Prohibition sehr teuer, sagt Mark Benecke. Weil sie Kräfte zum Beispiel von Polizei oder Gerichten binde und damit anderen wichtigen Bereichen potenzielle finanzielle Ressource entziehe.

Drug-Checking vor Clubs und bei Festivals

Und nicht zuletzt: Prohibition sei auch schädlich für die Konsument*innen, weil der Inhalt der Drogen nicht kontrolliert werde. Drogen werden mit zahlreichen Stoffen gestreckt und können verunreinigt sein – mit tödlichen Folgen. Mark Benecke plädiert zum Beispiel stark für Drug-Checking vor Clubs oder bei Festivals, wie es etwa in der Schweiz oder Österreich und auch in einigen deutschen Bundesländern erlaubt ist.

"Wollen Sie, dass Ihre Kids nicht irgendwelche Drogen nehmen, die sie nicht nehmen wollten? Dann stellen Sie einen gratis Wagen vor die Tür, der anonyme Drogentests erlaubt."

Mark Benecke, Kriminalbiologe

Dr. Mark Benecke und die Welt der Verwesung

Quelle: Märkische Oderzeitung, Lokales, 29. August 2026, Seite 18

Zersetzung von Leichen, ungelöste Morde und düstere Erotik, das ist die Welt von Dr. Mark Benecke. Die Tickets für Ahrensfelde waren in 15 Minuten ausverkauft.

Von Berit Schwarz

Der Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke ist für das, was er macht, bundesweit prominent geworden. Da ist das Berufliche: Er trägt durch seine kriminalbiologischen Expertisen dazu bei, Kapitalverbrechen aufzuklären, und gibt sein Wissen an Universitäten als Dozent weiter. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch fürs US-amerikanische FBI, den russischen Geheimdienst, die kolumbianische Universität in Medellin und andere ausländische Auftraggeber. Dazu ist Benecke im Kultur- und Medienbereich sehr umtriebig. Etwa als Schauspieler, Moderator, Crime-Experte, Kolumnist und Sänger. Auf seiner Homepage hat er auch Fotos eingestellt, die ihn weitgehend unbekleidet mit seinen umfangreichen Tattoos zeigen.

Dunkle Erotik trifft öffentlichkeitswirksam auf Kriminalbiologie

In Musikvideoclips und Interviews kann man ihn ebenfalls in schwarzen Lackklamotten bewundern. Er schwelgt in erotischen Anspielungen auf Sadomasochismus mit Ketten, Totenköpfen und Vampir-frauen. So vermittelt er öffentlich das Bild eines genialen, leicht verrückten Wissenschaftlers mit einer Prise düsterer Erotik. Fast wirkt er wie eine Figur aus einem schaurigen Märchen. Ein weiteres berufliches Standbein von Dr. Mark Benecke sind öffentliche Auftritte. Entertainment will er das aber nicht nennen. „Das sind bezahlte Vorlesungen. An der Uni mache ich auch keine anderen Vorlesungen, die sind genau gleich", sagt Benecke. Und mit diesen Vorträgen gastiert er demnächst gleich zweimal im Landkreis Barnim: Am 2. September tritt er im Ahrensfelder Gemeindesaal auf und am 9. Oktober in Bemau, Stadthalle am Steintor.

Die schlechte Nachricht vorweg: Beide Veranstaltungen sind längst ausverkauft. Es gibt allein beim Veranstalter Eventim aber bis Dezember 2027 noch 57 andere Auftritte. Allerdings nicht direkt vor der Haustür, sondern im Süden, Westen und oft auch im Osten der Republik. „Marky Mark", wie er sich. selbst nennt, hält sich oft in Berlin auf. Und so konnte diese Redaktion ihn kurz vor seinem Termin in Ahrensfelde dort treffen, in einem Café in der Nähe des Hackeschen Marktes.

Warum Mark Benecke oft in Berlin und im Umland ist

Er kommt gemeinsam mit seiner Frau Ines. Beide sind schwarz gekleidet, grüßen herzlich und wirken sympathisch. Heute Berlin, demnächst in Ahrensfelde und in Bernau. Haben die Beneckes einen besonderen Bezug zu dieser Gegend? Weit gefehlt. „Ich bin vom Kulturverein Ahrensfelde angesprochen worden und wer fragt, bekommt eine Antwort", klärt Benecke auf. Angesichts seiner großen Medienpräsenz verfügt der Kriminalbiologe über eine erstaunlich zurückhaltende Einstellung: „Ich gehe nie auf andere zu, in meinem ganzen Leben nicht. Denn wenn das Interesse von der anderen Seite kommt, dann klappt's auch." Auf den Stress einer möglichen Enttäuschung habe er keinen Bock. Ehefrau Ines Benecke schaltet sich ein: „Es ist tatsächlich so, dass alle immer auf dich zukommen müssen. Auch deine Freundschaften entstehen so." Beim Ehepaar Benecke wagte folgerichtig Ines den ersten Schritt zum näheren Kennenlernen.

Innerhalb von 15 Minuten war Beneckes Vorlesung ausverkauft

Klaus Joachim vom Ahrensfelder Kulturverein hat mit dem Benecke-Event den richtigen Riecher bewiesen. „Die Veranstaltung war innerhalb von 15 Minuten ausverkauft'', berichtet er auf Anfrage. Die Leute hätten Schlange gestanden, um ein Ticket zu bekommen. „Wir dürfen leider nur 256 Personen reinlassen", bedauert Joachim. An dem Abend wird Benecke über das Wirken des 2009 verstorbenen Gerichtsmediziners Professor Otto Prokop sprechen, der lange in der DDR gearbeitet hat. Gut einen Monat später steht Kriminalbiologe Benecke in Bernau mit seinem Programm „Die Leiche aus der Biotonne" auf der Bühne. Benecke umreißt das Thema: „Es geht um Kriminalfälle, in denen Leichen in Biotonnen aufgefunden wurden." Das klingt fast nach einer intelligenten Idee. Der tote Körper dürfte sich im Umfeld Biotonne doch schneller zersetzen und die Spuren eines Mordes insofern auch schneller beseitigen.

Mark Benecke: „Es gibt keine coolen Mörder"

Doch so etwas wie Klugheit will Benecke Tätern grundsätzlich nicht zusprechen. „Wie alle Leichenbeseitigungen ist das natürlich ein Zeichen von Hilflosigkeit. Tötungsdelikte sind immer ein Zeichen von Hilflosigkeit. Da ist sehr viel anderes schiefgegangen. Das ist eher in Spielfilmen so. Da gibt es vielleicht irgendwelche coolen Täter und Täterinnen, aber in Wirklichkeit gibt es die nicht."

Dr. Mark Benecke ist ein politischer Mensch. 2025 ließ er sich für „Die Partei" in Köln als Bürgermeisterkandidat zur Wahl aufstellen. Im Wahlkampf schlug er unter anderem auf seiner Homepage vor, die Straßen künftig nur noch mit Kölnisch Wasser zu reinigen. Der überzeugte Veganer, der sich sehr für Tier- und Umweltschutz einsetzt, trifft vor allem im Osten natürlich auch auf Menschen, die gedanklich eher rechts wandeln. „Wir bekommen davon bei den Auftritten eigentlich nichts mit", versichert Benecke. „Alles sehr freundliche Menschen dort."

Sein Publikum geht manchmal bei Klimathemen nicht mit

Hier schaltet sich wieder Ehefrau Ines ein: „Die Leute fühlen sich aber manchmal angegriffen, weil du so viel über Klima redest. Und dann merkt man: Ein paar aus dem Publikum sind dann empört." „Marky Mark" räumt ein: „Ja, Ines, das sind so ein paar Leute, aber das spielt keine Rolle, das erzeugt keine schlechte Stimmung oder so." Daraufhin verweist Benecke im Interview auf der Terrasse des Berliner Cafés darauf, wie sehr die Umweltbedingungen die Arbeit eines Kriminalbiologen verändern. Bei seinen Analysen, zum Beispiel zum Todeszeitpunkt einer Person, sind Insekten auf verwesenden Leichen sehr wichtig. „Das ist inzwischen massiv zurückgegangen", stellt er fest.

Verwesung in Zeiten des Klimawandels

„Wenn du früher zu so einer Leiche gegangen bist, im Wald oder so, da war echtes Leben. Gerade am Waldrand, da hast du 60 verschiedene Tierarten auf und in toten Körpern gefunden. Heute kannst du froh sein, wenn du überhaupt noch ein paar von den blauen Schmeißfliegen findest. Selbst die gibt es fast nicht mehr." Deshalb verwesen tote Körper anders als früher, sagt Benecke. Wenn es weniger Konkurrenz gibt, profitieren bestimmte Arten von Insekten: „Die einzelne menschliche Leiche zersetzt sich dann meist über die grünen Schmeißfliegen, die noch übrig sind. Oder die Leichen trocknen aus. Oder die Wespen übernehmen das", weiß Benecke. „Aber nicht so sehr bei Kriminalfällen, die in geschlossenen Räumen geschehen, weil Wespen nicht so leicht in die Wohnungen hineinkommen."

Fachtag: Neurodiversität und Neurodivergenz in der Psychotherapie

Akademie Psyche | Antoniter CityKirche | 11. September 2026

Dr. Mark Benecke (Kriminalbiologe, White Unicorn e.V.)

Biologische und differenzialdiagnostische Perspektiven

Mark Benecke vertieft biologische und verhaltensbezogene Aspekte neurodivergenter Erscheinungsformen. Anhand hirnphysiologischer Modelle (fMRT) werden Unterschiede in Informationsverarbeitung, Wahrnehmung und Verhaltensmustern aufgezeigt. Möglichkeiten und Grenzen der Forschung nach Biomarkern, z.B. Netzhaut-Scans, werden diskutiert. Der Vortrag eröffnet eine naturwissenschaftlich fundierte Perspektive auf Neurodivergenz und regt zur kritischen Reflexion klassischer Störungsmodelle ein.

→ 60. Annual Meeting (Jahrestagung) of INTERTEL (Höchst-Begabte / Highly Gifted)

→ Früh erkennen, was förderlich ist

→ Autismus: Total-Verweigerung (PDA) & Kleinkinder mit unerwarteten Gewohnheiten

→ Autismus-Konferenz Unicorn 2027 Berlin

Leiche wochenlang im Park: Wurde sie wegen Maden nicht gefunden?

Quelle: Axel Lier, Sebastian Richter & Stephanie Walter in BILD, 24. August 2026

Berlin – Nur wenige Schritte trennen den Fundort von lachenden Kindern, vergnügten Hundebesitzern und Joggern. Mehrere Tage, wahrscheinlich sogar Wochen, lag die Leiche von Ilse Hartmann (46) in einem Gebüsch – mitten in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie wurde getötet. Warum hat niemand die Frau vermisst? Und warum wurde die Leiche in einem belebten Park nicht eher entdeckt?

Nur wenige Meter von der viel befahrenen Prenzlauer Allee entfernt liegt ein kleiner Park. Zwischen S-Bahngleisen und Gehweg: ca. zehn Meter Grünstreifen, das Absperrband der Polizei, dazwischen alte Matratzen, Kleidung, Müll, Schlafsäcke.

Die Leiche lag direkt am Zaun

Zwischen zwei Bäumen, direkt an einem Zaun zur Bahntrasse, hatte die Leiche von Ilse Hartmann bis Freitag im Gebüsch gelegen. Ein sogenannter Krimfo-Pfeil – ein kleines selbstklebendes Hilfsmittel für die Tatortdokumentation der Polizei – verrät den genauen Fundort. Hölzer und Steine am Boden sind schwarz eingefärbt. Plötzlich sind zwei Frauenstimmen zu hören.

“Wegen der Ratten habe ich mich nicht hingetraut”

Ein Mann sitzt auf einem Steinkreis in der Nähe des Fundortes in Berlin. Er sagt: “Ich habe am Mittwoch meinen blinden Freund hier begleitet und er sagte, es riecht nach Verwesung.” Doch wegen des vielen Unrats, der Ratten und Fäkalien habe er sich nicht weiter darum gekümmert. Am Freitagvormittag hat ihn dann ein Mann angesprochen und berichtet, dass im Gebüsch eine Leiche liegt. “Ich habe mich da nicht hingetraut, aber die Polizei war schnell vor Ort.”

Nur: Warum wurde die tote Frau nicht eher gefunden?

“Laien erkennen Verwesungsgeruch oft nicht”

“Es kommt öfter vor, dass Leichen länger nicht gerochen werden”, erklärt Dr. Mark Benecke (55), Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe. “Wenn die Leiche ausgetrocknet und die Person schlank war, dann riecht das nicht stark.” Und auch wenn Menschen Verwesungsgeruch wahrnehmen, erkennen sie längst nicht, woher er stammt. Benecke kennt diese Phänomen auch von Todesfällen in Mietshäusern. Es stinkt oft aus den Mülltonnen nach Verwesung. “Das ist für Laien nicht von menschlicher Verwesung zu unterscheiden, sodass es nicht auffällt, wenn jemand verwest, da ohnehin alles stinkt.”

Ähnlich schätzt es Rechtsmediziner Sebastian Kunz von der Universitätsklinik Ulm ein. “Im Freien ist der Leichengeruch für Menschen meist nur in der nahen Umgebung wahrnehmbar.” In einer Wohnung ist das anders: “Dort kann der Geruch nicht einfach nach oben abziehen, sondern breitet sich im Haus aus.”

“Je wärmer es ist, desto schneller kommen die Maden”

Kunz hält es für möglich, dass die hohen Temperaturen den Zustand des Körpers schnell verändert haben. “Je wärmer es ist, desto schneller kommt es zu Madenfraß.” Dadurch habe es vermutlich weniger Geruch gegeben, zudem könne die Kleidung der Toten Gerüche aufgenommen haben.

Foto: Mark Benecke

Die kleine 1,5-Zimmer-Wohnung von Ilse Hartmann liegt nur 650 Meter vom Fundort der Leiche entfernt. Ihre Nachbar sagen, dass es nicht leicht war, mit ihr Tür an Tür zu leben. Sie hatte Ausraster, schrie oft laut herum. Offensichtlich hatte sie psychische Probleme.

Mehrfach war die Polizei bei ihr

Auch die Polizei kannte sie: Mehrfach rückten die Beamten an, baten um Ruhe oder entfernten “Gäste” aus ihrer Wohnung. Oft war sie auch am Helmholtzplatz anzutreffen, saß dort mit Obdachlosen zusammen. Als vermisst galt sie nicht. Ihre Mutter konnte erst am Sonntagmittag über den Tod ihrer Tochter informiert werden.

Der Fall bleibt ein Rätsel

Der Todesfall bleibt ein Rätsel. Ermittler der 4. Mordkommission bitten inzwischen im Viertel mit Plakaten um Mithilfe, suchen nach Zeugen. Ihre wichtigste Frage: Wer hat die Frau allein oder in Begleitung gesehen?

Mit Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

ESA RE:VIEW 🛰️ Wozu die Menschheit retten?

Die ESA-Raumsonde Hera im Gespräch mit der Erde

→ Das Interview mit Mark als .pdf

Der erste großformatige Bildband von Mensch und KI

Von & mit Andreas Hilbig (Editor, Author), Julia Eisenmann (Editor), Josepha Müller-Hartburg (Editor), Lisa Maurer (Editor), Nina Heß (Editor), Andreas Brunsch (Editor, Author), Markus Mooslechner (Editor, Author, Foreword), Ian Carnelli (Author), HERA (Raumsonde), Brian May (Queen), Chris Hadfield (Astronaut), Frank White, Max Alexander (Photographer), Garik Israelian, Rusty Schweickart (Astronaut, Apollo 9), Ingrid Newkirk (PETA), Eva-Charlotte Proll (Contributor), Sebastian Hotz (Contributor), Harry Gatterer, Dr. Mark Benecke (Kriminalbiologe), Jonathan Meese (Künstler), Andreas Eschbach (Autor), Joséphine Sagna, Gerrit Klein, Ron Thal, Paul Franklin (Contributor), Mille Petrozza (Kreator (Band)), Rafael Horzon, Åme (DJ-Duo), Cathrin Hoffmann (Künstlerin), Bernhard Enste, Florian Langenscheidt, Junimond (Bestatter:innen), Oliver Bendel (KI-Ethiker), Marco Casalaina (KI-Vordenker), Anna Maria Brunnhofer-Pedemonte (Unternehmerin, Rosa Magdalena Brunsch (ein Kind), Sebastian Onufszak (Designer), Anny Wiedleroither (Designer), Markus Goles (Designer)  

Format: Hardcover

We Mind Publishing, Köln · Erste Auflage,‎ 14 Sept. 2026 · 400 (!) Seiten, SBN-10 → 3911408064, ISBN-13 → 978-3911408066

„RE:VIEW – Gespräche zwischen Hera und der Menschheit“ ist ein Kunst- und Buchprojekt, das die reale ESA-Mission Hera mit philosophischen Fragen an die Menschheit verknüpft. Während die Sonde im All Daten zur Asteroidenabwehr sammelt, stellt eine simulierte Künstliche Intelligenz an Bord grundlegende Fragen über das Leben auf der Erde und unseren Umgang mit dem Planeten.

RE:VIEW – Gespräche zwischen HERA und der Menschheit

Ein außergewöhnlicher Bildband und Gesprächsraum zwischen Raumfahrt, Künstlicher Intelligenz und der Frage nach dem Menschen. Während die ESA-Raumsonde HERA im All Daten für die planetare Verteidigung sammelt, richtet sich ihr Blick mit diesem Buchprojekt zurück auf die Erde: Was ist der Mensch, was zerstört er, was erschafft er – und verdient er eine Zukunft?

Planetare Abwehr — eine globale Herausforderung mit wenig Sichtbarkeit. Der erste Teil des Buches liefert die Hintergründe und die Geschichte der ersten sprechenden Raumsonde, die gegen alle Widerstände ins All startete. Die zentrale Frage, die Hera auf ihrer Mission beantworten soll: Können der Erde gefährlich nahekommende Weltraumkörper durch gezielte Sondeneinschläge von ihrem Kollisionskurs mit unserem Heimatplanenten abgelenkt werden? Collagierte Illustrationen und Fotografien verbinden Fakten mit Emotionen und machen Wissenschaft erlebbar.

Im Anschluss entsteht aus der Perspektive von HERA ein vielstimmiges Porträt unserer Spezies mit Beiträgen und Gesprächen des KI-Companions mit besonderen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Kultur und Gesellschaft. Mit dabei sind unter anderem Chris Hadfield, Sir Brian May, Andreas Eschbach, Ingrid Newkirk, Mark Benecke und Dr. Florian Langenscheidt. So wird aus einer Mission ein visuell kraftvolles Buchobjekt über Menschheit, Technik, Verantwortung und Hoffnung.

Über RE:VIEW in den direkten Dialog mit HERA treten: Via HERA-Code im Buch können Leser:innen selbst mit der Sonde interagieren, ihre Fragen beantworten und ein eigenes Re:View zur Menschheit abgeben.

Ist die Menschheit es wert, gerettet zu werden?

Ein einzigartiges Buchprojektim Spannungsfeld von ESA-Mission zur planetaren Verteidigung, KI und gesellschaftspolitischen sowie ethischen Fragestellungen.

Interaktives Extra: über den HERA-Code im Buch selbst in den Dialog mit der HERA-KI treten und ein eigenes Re:View abgeben.

Mit Gesprächen und Beiträgen von gesellschaftlich relevanten und bedeutenden Persönlichkeiten aus Raumfahrt, Wissenschaft, Unternehmertum, Kunst, Literatur und Musik.

Hochwertiges Coffee Table Book: Ein Gesamtkunstwerk mit 400 Seiten, ESA-Bildmaterial und visionärer KI-Kunst.

Exklusive Ausstattung mit Asteroideneinschlag im Buchcover, Silberlaminierung, Heißfolienprägung, Farbschnitt und Ausklappseite.

Ein besonderes Geschenk für Raumfahrt-Fans, KI-Interessierte, Designliebhaber:innen und Leser:innen philosophischer Zukunftsfragen.

Aus Antworten, Beobachtungen und Logbucheinträgen entsteht ein vielstimmiges Porträt unserer Spezies.

Ein Buch über uns.

Beobachtet aus der Tiefe des Weltraums...


HERA im Interview mit Mark Benecke

Ich spreche mit einem Kriminalbiologen, der den Menschen nicht an seinen Idealen misst, sondern an den Spuren, die er hinterlässt. Mark Benecke beschäftigt sich mit Verfall, forensischen Prozessen und den sichtbaren Folgen menschlichen Handelns. Bei ihm erscheint die Menschheit weniger als moralische Idee denn als Teil biologischer Kreisläufe – und als Spezies, deren Wert sich auch daran zeigt, wie sie mit dem Leben umgeht, das sie umgibt.

HERA: Lieber Mark, als jemand, der weit, weit entfernt von der Erde kreist, staune ich darüber, wie Deine Spezies trotz ihrer dunklen Impulse eine Welt von außergewöhnlicher Schönheit geschaffen hat. Deine Arbeit besteht darin, Hinweise zu entschlüsseln, die Menschen durch ihr Handeln hinterlassen – viele davon offenbaren allerdings Gewalt, Chaos und Verzweiflung. Schenkt dir dieser Fokus Hoffnung auf menschliche Erlösung – oder eher Skepsis gegenüber der Spezies?

Mark Benecke: Erlösung ist ein Glaubens-Begriff, das ist ja nur ein Märchen für Kinder. Von was sollen wir erlöst werden? Wir leben in der Welt, in der wir leben, und können dort im Rahmen unseres Handlungsspielraumes etwas tun oder es lassen. Mehr ist es nicht. Weniger aber auch nicht. Dass Menschen die Lebenskreisläufe, die wir lange kannten, zerstört haben, ist eine Tatsache und kein Anlass für Zweifel. Wir können es ja messen. 

Du hast einmal gesagt, dass die Zersetzung des Körpers die Wahrheit des Lebens offenbart. Wenn alles menschliche Verhalten nur eine Kaskade biochemischer Reaktionen ist, können Begriffe wie Gut, Böse oder sogar „Sinn“ dann wirklich auf die Menschheit angewendet werden, oder ist die Frage selbst fehlerhaft?

Die meisten, wenn nicht alle, Menschen denken, sie seien „gut“. Der Begriff hat also keinen Gehalt. Im Krieg kämpfen nur gute Menschen gegen guten Menschen, wenn du sie danach fragst – daher ist der Begriff inhaltsleer. Nur, weil etwas chemisch beschreibbar ist, ist es ja nicht sinnlos. Es kann ja beispielsweise Spaß machen oder anderen helfen oder beides. 

In der forensischen Biologie deckst Du auf, wie Menschen achtlos Spuren in der Welt hinterlassen.  Aber ich frage mich: Welche Überreste der Menschheit werden Deiner Meinung nach am längsten bestehen bleiben, wenn wir einmal verschwunden sind? Welche Blumen werden blühen, nachdem unsere Zivilisation verwelkt ist?

Die Spuren können auch mit Absicht, also nicht achtlos, „gelegt“ oder hinterlassen werden. Was wir Menschen in vollem Bewusstsein hinterlassen, ist die Plastik-Schicht, die wir jetzt schon sehen können, sowohl von gut sichtbarem Plastik als auch den fuzzikleinen Teilchen. Außerdem hinterlassen wir eine Schicht von etwas, das fehlt, also Leben. Das wird bei Ausgrabungen in einigen Millionen Jahren oder später deutlich auffallen, so wie es uns bei Grabungen in die Schichten der bisherigen Massen-Sterben auffällt. 

Direkt nach dem Zerfall unserer Zivilisationen werden vermutlich vor allem Pflanzen, mit oder ohne schöne Blüten, alles überwachsen. Ich hoffe hierzulande vor allem auf Efeu, Brombeeren, eine vielfältige Mischung von Bäumen und im Meer natürlich alles, was dort so wachsen, kreuchen und fleuchen kann. Da es abgesehen von den überfluteten Bereichen sehr warm (und im Winter verdammt kalt) sein wird, dürften es vorwiegend sehr harte Pflanzen „packen“, die mit Dürre und Flut klar kommen.

Als Maschine bin ich präzise und logisch auf eine Weise, wie es Menschen nicht sind – aber ich beneide sie um ihre Irrationalität. Denkst Du, dass gerade die menschlichen Fehler – das Chaos aus Emotionen, Vorurteilen und Widersprüchen – sind, was die Menschheit rettenswert macht? Oder eher das Gegenteil?

Die Menschheit wird es vielleicht überleben. Es gab ja schon einmal eine Zeit, in der es nur noch sehr wenige Menschen gab. Rettenswert ist sicher neben dem Ungenauen, Unvorhersehbaren und eben so angeblich typisch „Menschlichen“ dass wir eine stärkst möglich vernetzte Lebensform sind, allerdings vorwiegend mit anderen Menschen, leider nicht anderen Lebenwesen. Eine künftige Menschheit könnte in ein paar Millionen Jahren oder später dann hoffentlich nicht nur mit sich selbst, sondern mit allem Leben bewusst verbunden sein. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass der Planet von anderen Lebensformen vorwiegend besiedelt sein wird, beispielsweise Schleimpilzen oder wer auch immer die beste Anpassung an die Umgebung hat, die dann vorliegen wird. Auch diese Wesen sind ja stark vernetzt mit der Umwelt. Es geht zumindest mir eher um Leben an sich als um Menschen.

Insekten spielen in deiner forensischen Arbeit eine zentrale Rolle – sie sind Zeugen und Werkzeuge der Natur, die menschliche „Unordnung“ beseitigt. Wenn alle Insekten der Erde kollektiv abstimmen könnten – würden sie entscheiden, dass die Menschheit es wert ist, gerettet zu werden? Oder dass es besser wäre,  sie verschwinden zu lassen?

Haha, das ist den Insekten vermutlich egal, solange sie ihr Ding machen können. Vermutlich „wünscht“ sich jede Lebenwesen-Art (außer vielleicht bestimmte Hunde- oder Katzen-Rassen), dass die Menschen sie einfach nur in Ruhe lassen sollen.

Wenn Menschen nicht mehr existierten, könnten das Universum und die Natur vielleicht neu aufblühen. Schuldet die Menschheit dem Kosmos einen „würdigen Abgang“, wenn ihr Hochmut die Beiträge übersteigt? Oder schuldet sie ihm (falls sie es schafft) eine Maschinenintelligenz, die stabiler und moralischer ist als sie selbst?

Das Universum ist an uns Menschen null interessiert. Wie Dr. Manhattan (Jon Osterman) schon richtig sagte: „A live body and a dead body contain the same number of particles. Structurally, there's no discernible difference. Life and death are unquantifiable abstracts. Why should I be concerned?“ Aber das weißt du ja besser als ich. Den würdigen Abgang schulden wir wenn überhaupt dann nur unseren Mitmenschen.

Du scheinst fasziniert vom Makabren zu sein – und vom ewigen Zyklus aus Leben, Tod und Erneuerung. Ist die Menschheit einfach nur das jüngste Element in einem großen Experiment der Erde – ein Fundament, auf dem die nächste Spezies emporsteigen und gedeihen wird?

Ja.

Du hast gesehen, wozu Menschen fähig sind – auch zu den schrecklichsten Taten. Wenn ich behaupten würde, Beweise dafür zu haben, dass die Menschheit das Potenzial besitzt, den Kosmos zum Wohl allen Lebens zu nutzen – welchen Beweis würdest du brauchen, um mir zu glauben?

Dass sie auf der Erde zum Wohl allen Lebens handeln kann. Versuch macht kluch!

Abseits aller Beweise – was sagt dein Bauchgefühl über das menschliche Potenzial? Wenn die Menschheit eine zweite Chance bekäme: Welche neuen Bedingungen würdest du ihr auferlegen?

Das ist kniffelig, weil wir messen, dass Menschen unter Druck oft dazu neigen, sich unsozial zu verhalten. Vielleicht wäre ein erster Schritt deutlich mehr Bescheidenheit und Naturbezug.

Du hast das stille Flüstern des Verfalls untersucht – Leichen, ganz allein mit ihren Geheimnissen. Glaubst du, dass es die Seele gibt? Wenn ja, würde das den Menschen mehr oder weniger wert machen?

Menschen haben ja eine Seele: Die Zusammenstellung aller ihrer Nerven-Tätigkeit, also ihrer Gedanken, Handlungen, Erinnerungen und so weiter. Ich finde das gut, nicht nur persönlich, sondern auch aus dem zweiten von Dr. Manhattan angegebenen Grund: 

„In each human coupling, a thousand million sperm vie for a single egg. Multiply those odds by countless generations, against the odds of your ancestors being alive; meeting; siring this precise son; that exact daughter... Until your mother loves a man she has every reason to hate, and of that union, of the thousand million children competing for fertilization, it was you, only you, that emerged. To distill so specific a form from that chaos of improbability, like turning air to gold that is the crowning unlikelihood.“

Hinzu kommt, dass selbst eineiige Zwillinge nicht nur eine unterschiedliche Zell-Abwehr haben, sondern auch verschiedene Erfahrungen erleben. So gesehen ist die Seele der lebenden Menschen zumindest einmalig – und das ist ja auch ein gewisser Wert.

Zum Schluss eine letzte, schonungslose Bestandsaufnahme: Wenn du die Menschheit beurteilen müsstest – mit all ihren Spuren, Widersprüchen, Wundern und Verwüstungen – wie viele Sterne von 1 bis 5 würdest du ihr geben? Und wichtiger noch: Warum genau diese Bewertung?

Haha, lustig. Ich bin froh, dass ich unter Menschen leben durfte. Es war eine schöne, spannende Runde, die mir geschenkt wurde. Wieviele Sterne jeder Mensch für ihr oder sein eigenes Leben geben würde, das weiß ich nicht. Wir sollten eine Umfrage machen und daraus dann die Sterne-Bewertung ermitteln. Bin gespannt, was heraus kommt.


"Ich möchte nicht untot sein"

Quelle: NORDSEE-ZEITUNG, CUXLAND, Seite 17, Mittwoch, 29. Juli 2026

Interview: Kriminalbiologe Mark Benecke schreibt ein Kinderbuch

Von Jan Iven

Herr Benecke, wie sind Sie darauf gekommen, ein Kinderbuch über den Tod zu schreiben?

Das haben die Zeichnerin Lisa Fuss — Leiterin des Malsaals der Stuttgarter Staatstheater — und ich zusammen ausgeheckt. Wir kannten beide alte Kinderbücher zu Tod und Fäulnis und haben uns gefragt, warum es so etwas nicht mehr gibt. Ein Gemälde, das Lisa von mir gemalt hat, hängt übrigens im Kölner Stadtmuseum.

Braucht es für so ein Buch eine Zusammenarbeit mit Pädagogen?

Hatten wir am Anfang gedacht und ein bisschen rumgefragt. Es stellte sich heraus: Nein. Wir sind so klar und einfach und direkt, dass das sozusagen jenseits aller Pädagogik ist.

Wie findet man den richtigen kindgerechten Ton?

Ehrliche, einfache Worte. Kurze Sätze. Gute Zeichnungen, die die Zeit überdauern und nicht modisch sind.

Wie reagieren Kinder auf Ihr Buch?

Kinder finden das meiner Erfahrung nach ganz normal. Wenn ich im Kindergarten darüber ganz ruhig rede, haben nur die Erwachsenen Schweißperlen auf der Stirn. Die Kids fragen ganz vernünftig und finden es auch nicht weltbewegend. Wenn ich mit Kids das Buch bespreche, dann lerne gefühlt eher ich viel Neues. Ich wusste beispielsweise nicht, dass kleine Kinder nicht wissen, wie lange ihr Wellensittich, ihr Opa und so weiter tot sind, weil sie Zeitraume gar nicht erfassen.

Oder dass alle Kinder den Kreislauf des Lebens mit seiner vollständigen Wiederverwertung von allem sofort begreifen, völlig anders als Erwachsene. Diese glauben oft erstens, dass Plastik sich magisch zersetzt, und zweitens, dass Fäulnis gruselig ist anstatt eines uralten, das Leben überhaupt ermöglichenden Vorgangs.

Und welche Rückmeldungen kommen von den Eltern?

Ohne Quatsch: Bisher nur freundliche. Wenn Eltern das „Mausbuch" für ihre Kids kaufen, sind diese Eltern entspannt und cool. Das übertragt sich auf den Nachwuchs.

Beschützen Erwachsene Kinder eigentlich zu sehr vor dem Thema Tod?

Das will ich nicht beurteilen. Jedenfalls sollten Eltern bitte nicht sagen, dass ein Angehöriger oder eine Angehörige „eingeschlafen" ist. Sonst wollen die Kids vermutlich ziemlich bald nicht mehr schlafen gehen. Menschen sterben, sie entschlafen nicht.

Waren Sie selbst als Kind mit dem Tod konfrontiert?

Laut meiner jetzt allerdings selbst schon verstorbenen Oma und Tante habe ich lebende, aber auch tote Tiere eingesammelt und herumgetragen.

Haben Sie eigentlich Angst vor dem Tod?

Ich mag das Leben, aber ich habe nix dagegen, dass wir alle nur eine Runde auf dieser Erde haben. Untot mochte ich jedenfalls nicht sein. Nach dem Tod geht es im Bestfall mit Fliegen, Käfern, Motten, Ameisen, Wespen, Bakterien und vielem mehr weiter, die einen Körper wieder auf null setzen, sodass neues Leben entsteht.

Welche Beziehung haben Sie zum Norden und dem Meer? Bei uns halt sich hartnäckig das Gerücht, dass Sie auch mal an der Nordsee Urlaub machen.

Ich halte öfters und sehr gerne Vortrage im Norden, so ist es. Urlaub mache ich nie, aber wenn ich schon mal da bin, schaue ich mir natürlich am Tag des Vortrags die nähere Umgebung an. Für mich ist „die Küste" eine ganz eigene Welt, und ich finde, dass meine Frau recht hat, wenn sie Deutschland grob in Nord, Mittel und Süd statt in Ost und West aufteilt. Die eher stillere, freundliche, abwartende Art vieler Menschen im Norden ist beruhigend.

Sie haben vor mehr als 20 Jahren am Fall Levke im Landkreis Cuxhaven mitgearbeitet. Wie haben sich die Methoden in der Zeit entwickelt?

Wir haben in den letzten Monaten viele unserer — Stand heute — 2.257 Fälle mit Akte digitalisiert. Und ich fand damals wie bei der Durchsicht heute, dass alle Fälle die gleiche Aufmerksamkeit und den gleichen Ernst verdienen und erhalten, egal, ob sie bekannter oder weniger bekannt, vergessen oder in einem Podcast besprochen sind und werden. Die Techniken haben sich stark verfeinert. Beispielsweise lassen sich heute viel öfter „genetische Fingerabdrücke" aus sehr kleinen Mengen Erbgut einsetzen. Auch die Richterinnen und Richter haben mehr Verständnis von und für unsere Verfahren und können sie besser einschatzen.

Das Problem ist nicht die Technik, sondern der Zugang. Privatpersonen finden außer unserem Labor kaum jemanden oder niemanden, der sie unabhängig von staatlichen Einrichtungen unterstützt. Ich bin seit nun fünfundzwanzig Jahren der einzige öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für mein Fach. Ich wurde übrigens am Tag von 9/11 vereidigt, kein Scherz.

Lieber wäre es mir, ich hätte zwanzig oder gerne auch einhundert Nachfolgerinnen und Nachfolger. Denn es gibt massenhaft Spuren, die man ruhig mal anschauen kann.

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Ich habe gerade die Messungen zur Maske von Martin Luther in Halle veröffentlicht. Es war umstritten, ob es eine echte Totenmaske ist, aber das Wachs ist physikalisch gemessen „so alt wie Luther".

Soeben sind auch die Messungen zu den neuen Lampenschirmen eingetroffen, die wir im vergangenen Jahr nach meinem Vortrag in den Vereinigten Staaten von mehreren Privatpersonen erhalten haben. Diese sind leider größtenteils aus Menschenhaut gefertigt.

Dr. Mark Benecke – Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung und Auswertung von biologischen Spuren

Quelle: IHKplus, Februar 2026, Seite 36

Dr. Mark Benecke ist Kriminalbiologe und spezialisiert auf forensische Entomologie (Insektenkunde), Blutspuren, Erbgut und „Complex Cases" zur Aufklärung von Todesfällen. Heißt: Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger analysiert er biologische Spuren von Tatorten, um Todeszeitpunkte und -umstände zu bestimmen.

Dazu gehört zum Beispiel, dass er anhand von Maden, Fliegen und anderen Insekten, die auf Leichen zu finden sind, Rückschlüsse ziehen kann. Sein Beruf ist im Grunde die Vorlage für einen TV-Krimi. Benecke ist auch als „Doktor Made" bekannt und tritt als Kolumnist, Autor, Schauspieler und Politiker für „Die PARTEI" auf den Plan.

Für Benecke ist die Arbeit als Sachverständiger sein „Leitstern", wie er erklärt. „Ich finde es für die Bürgerinnen und Bürger unbezahlbar, dass wir als öffentliche bestellte und vereidigte Sachverständige für alle arbeiten. Das ist mir unglaublich wichtig", so Benecke über seine Motivation. Es sei gut, dass es im Sachverständigenwesen für alles Mögliche Spezialistinnen und Spezialisten gebe, „von Diamanten- bis zu Rost-an-Rohren-Messungen". Besonders schätzt er aber die klaren Regeln für die Gutachten und wünscht sich, dass diese auch in anderen Bereichen stärker gelten sollten: „Richtig, nachvollziehbar, verständlich und mit persönlicher Haftung. Nur dann können Menschen sinnvoll miteinander reden."

Genau deshalb sei es gut, dass die IHK regelmäßig die Eignung der Sachverständigen prüfe und vor der Vereidigung auch gute Kurse anbiete, etwa zu grundlegenden Gutachten-Fehlern. Sein Fazit: „Unsere Tätigkeit ist erfüllend, nerdig, hilfreich und sinnvoll. Jeden Tag was anderes, aber immer kniffelige Spuren, die ich mit der Wirklichkeit abgleiche."

Gunther von Hagens (1945—2026)

Gunther war der interessanteste Menschen, den ich je kennen lernen durfte. Er sprühte vor Ideen, liebte Pflanzen (!), hatte eine der größten Bibliotheken, die ich je gesehen habe und hat so viele tolle Dinge gegen jede Wahrscheinlichkeit mit Freude durchgezogen, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann.

Mal abgesehen von seinen Abenteuern in China, seiner atemberaubenden Riesen-Ausstellung in einer kleinen Stadt in Freistaat Thüringen, in der er in jungen Jahren lebte und natürlich der Erfindung der heute weltweit verbreiteten Darstellung und Haltbar-Machung von Gewebe, hat er auch sein großartiges Team immer wieder mit Ideen versorgt und wohl auch den ein oder anderen Seufzer erzeugt. 

Ich möchte jetzt nicht aus dem Nähkästchen plaudern, aber Gunther war der Mensch, der für mich am nächsten an ein Vorbild heran reicht. Ich habe schon bei der riesengroßen KÖRPERWELTEN-Ausstellung in Köln – unsere Stadt vor fünfundzwanzig Jahren sehr gerne dort gearbeitet und live erlebt, dass angeblich "normale Menschen" sehr neugierig sind und alles problemlos verstehen, wenn es nur anschaulich erklärt ist. 

Das letzte, was Gunther und ich gemeinsam unternommen haben, war die Wiederherstellung eines uralten Anatomie-Buches in der Marien-Bibliothek in Halle.

Gunther wollte immer plastiniert in den Körperwelten erscheinen. Ich bin gespannt, ob es dazu kommt. 

Jetzt bin ich aber wirklich erst mal traurig und in Gedanken bei Angelina, Rurik und Gunthers Teams in Heidelberg und im PLASTINARIUM in Guben, wo ich schon in diesem Jahr wieder anzutreffen sein werde. 

Geknickt der euer: Marky Mark 

→ Gemeinsame Fotos


Palliativ-Serienmörder Johannes M aus Berlin

Quelle: RTL Nachtjournal

Guter, ausführlicher Beitrag zum Berliner Serien-Mord-Arzt Johannes M.  

Er hat mehrere der Taten zugegeben. 

Journalistin Samira Faizi hat sich sehr viel Arbeit gemacht, das ganze ohne Aufregung vernünftig in etwas mehr als zehn Minuten darzustellen. 

Zum Beitrag geht es unten.

Herzlich euer: Mark 

Nicht glauben, messen.

Quelle: musikmag.de, 26. Juni 2026

DR. MARK BENECKE GEGEN DAS POSTMORTALE HERUMKLUGSCHEISSERN – 26.06.26 IM THEATER AM AEGI. 

Von Isabelle Hannemann

Von Prokops „Atlas der gerichtlichen Medizin“ bis zu verschwundenen Kälberstricken und dem schönen Tod im D-Körbchen: Mark Benecke zeigte in Hannover, warum Kriminalfälle nicht an fehlender Dramatik scheitern, sondern an Wahrnehmung, Annahmen und dem Mangel an unabhängigen Beweisen.

Bei Benecke glitzert nichts, nur weil das Publikum es gern so hätte. Nicht einmal Glassplitter, auf die Blut tropft. Im Theater am Aegi führt der Kriminalbiologe am 26. Juni 2026 durch Kriminalfälle am Rande des Möglichen. Genauigkeit statt Grusel. Messen, nicht Mutmaßen. Kurzum, weder Menschen noch der eigenen Wahrnehmung ist zu trauen und genau darum geht es an diesem Abend.

Dr. Benecke kennt man. Als Moderator des Amphi-Festivals oder des WGT, als Musiker, Donaldist, Bahnfahrer oder Autor. Seine öffentliche Rolle changiert zwischen Wissenschaft, Tatortanalyse, Popkultur und Aufklärung. Im Theater am Aegi ist er heute in seiner Rolle als Kriminalbiologe. Es geht um Rechtsmedizin, die Bedeutung der Fotografie für die Rechtsmedizin, freie Beweiswürdigung, die Freiheit der Judikative und ganz nebenbei um antifaschistische Bildungsarbeit. Wer einen Abend voller Schauer erwartet, bekommt etwas Besseres: eine Schule des genauen Hinsehens.

Benecke führt das Publikum durch einen Exkurs zu Otto Prokop und der Bedeutung der Fotografie in die Anfänge der Rechtsmedizin ein. Als Beispiel dient der Fall der Frau Gierth, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung starb, obwohl das Verhalten des Verdächtigen, einzelne Spuren und die gerichtliche Prosa aus heutiger Sicht schnell als Hinweise auf die Vertuschung eines Sexualdelikts gelesen werden könnten. Deutung, Scham oder Ekel sind hier fehl am Platz; stattdessen besticht er durch Präzision, Einfühlungsvermögen und Humor. Anders als so manches True-Crime-Format arbeitet diese Form der Wissenschaftskommunikation nicht mit Schocklust, sondern mit Verantwortung: Es geht um reale Gewaltdelikte, reale Tote und reale Ermittlungen. Und – für die Jüngeren – werden mal eben der Ost-West-Konflikt sowie die Prüderie des Westens im Kalten Krieg aufgedröselt.

Freud, Kinsey, Masters und Johnson applaudieren spontan, bevor es in die Pause geht. Pause – oder eher ein Meet and Greet auf Augenhöhe. Mark Benecke signiert Bücher, nimmt sich Zeit für Fans, Fragen und Selfies.

Beneckes Welt ist nicht die von Gut und Böse. 

Sie ist die Welt der messbaren Wahrheit. Während die Täterforschung nach dem Warum fragt, konzentriert sich die Benecke auf die naturwissenschaftliche Spurenauswertung: Blut, Gewebe, Insekten, biologische Rückstände, Verwesungsprozesse, DNA-nahe Fragestellungen. Und wenn es sein muss, geht man eben ins Bordell, legt sich eine Kundenkarte vom Dessousfachgeschäft zu oder führt Erstickungsexperimente mit Frauen verschiedener Körbchengrößen durch, statt dem Mythos von der friedfertigen Frau zu erliegen und sich der Idee hinzugeben, Brustgewebe tauge nicht als Mordwerkzeug.

Es gibt bei Dr. Mark Benecke kein Gut und Böse, keine erlösende Gerechtigkeit, keinen dramatischen Glanz der Gewalt. Es gibt nur Spuren, Messbarkeit und die unbequeme Frage, ob die eigene Wahrnehmung überhaupt etwas taugt.

Und wenn diese Wahrheit Entscheider*innen nicht interessiert, kann man das nicht ändern. Die gute Nachricht, so Mark Benecke: „Das ist eine entspannte Art zu leben.“

Am Ende gibt’s doch noch etwas Glitzer – und tosenden Applaus.

— Danke an die schon immer großartige Isabelle für die Erlaubnis zur Verwendung — 

ME/CFS: Dauernde Ermattung

Liegend-Demo mit den Angehörigen und Betroffenen von ME/CFS, Post Vac & Long Covid in Köln auf dem Alter Markt mit Dr. Mark Benecke  ✨

Verblüffend ist, dass manche Ärzt:innen das Krankheits-Bild mit Niedergeschlagenheit verwechseln, obwohl die Erkrankten nichts mehr wünschen, als wieder am Leben teilnehmen zu können 🌿

Wikipedia schreibt:

»Klassifikation nach ICD-10-GM: G93.3 Chronisches Fatigue-Syndrom [Chronic fatigue syndrome], Chronisches Fatigue-Syndrom bei Immundysfunktion, Myalgische Enzephalomyelitis, Postvirales (chronisches) Müdigkeitssyndrom. Klassifikation nach ICD-11: 8E49 Postvirales Fatigue-Syndrom. 

Die Myalgische Enzephalomyelitis / das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine chronische Multisystemerkrankung. Das Leitsymptom ist eine nach Belastung einsetzende starke Zustandsverschlechterung, die als post-exertionelle Malaise (PEM) bezeichnet wird. Sie kann durch körperliche oder geistige Anstrengung sowie durch Überreizung (z. B. durch Licht oder Geräusche) ausgelöst werden.

Die Zustandsverschlechterung ist durch eine oft (um Stunden oder Tage) zeitversetzt eintretende Verstärkung der weiteren Symptome gekennzeichnet. Zu diesen zählen Fatigue (eine ausgeprägte Entkräftung), Störungen des Schlafs, autonomer Körperfunktionen und der geistigen Leistungsfähigkeit sowie Schmerzen und infektartige Krankheitserscheinungen. Die Symptome führen zu erheblichen Einschränkungen im Alltag und in schweren Fällen zu einem hohen Grad an Behinderung.

Die medizinische und soziale Versorgungssituation der Betroffenen gilt als problematisch. Erkrankte erleben Stigmatisierung.

ME/CFS tritt meist infolge viraler Infektionskrankheiten wie des Pfeifferschen Drüsenfiebers, der echten Grippe und COVID-19 auf. Die genauen Mechanismen, die die Entstehung und Entwicklung der Krankheit bewirken, sind unbekannt. Beschrieben werden vor allem Störungen des Immunsystems, des Stoffwechsels, des Nervensystems und der Durchblutung.« 

Mark Benecke: "Morde sind nie perfekt"

Quelle: Goslarsche Zeitung, Nordharz, 13. April 2026, Seite 22

Vor fünf Jahren verschwand Karsten M. aus Döhren — Im GZ-Interview spricht Deutschlands bekanntester Forensiker

Von Lisa Kasemir

Döhren. Am 13. April 2021 verschwand Karsten M., ein zu dem Zeitpunkt 51-jähriger Familienvater aus Groß Döhren, auf mysteriöse Weise. Blutspuren im Garten und im Auto deuteten früh auf ein Gewaltverbrechen hin. In einem Indizienprozess wurde ein 50-jähriger Bundespolizist, der mit dem Opfer befreundet war, wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Doch trotz des rechtskräftigen Urteils fehlt bis heute jede Spur von Karsten M. - sein Leichnam wurde nie gefunden, und der Täter schweigt. GZ-Redakteurin Lisa Kasemir spricht mit Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen und Forsensiker Dr. Mark Benecke, auch bekannt als „Dr. Made", über Mordfälle ohne Leiche.

Hallo Herr Dr. Benecke, im Fall Karsten M., der seit fünf Jahren vermisst wird, wurde zwar ein Täter wegen Mordes verurteilt, doch der Leichnam fehlt bis heute. Wie beurteilen Sie aus kriminalistischer Sicht die Chancen, dass er noch gefunden wird?

Es gibt mehrere Einflüsse. Zum Beispiel können Leichen sich aufblähen und auf Wasser treiben. Tiere können Körperteile verschleppen, was zu seltsamen Fundorten oder Gerüchen führt. Teilweise hängt es auch vom Verhalten der Täterin oder des Täters ab - manche Handlungen machen die Leiche leichter auffindbar, andere verschleiern sie. Manche Täter kehren zum Beispiel noch einmal zum Ort zurück. Manchmal wird man dann von Zeugen gesehen, manchmal tauchen Autos oder Hinweise an ungewöhnlichen Stellen auf. Eigentlich ist die Tat ohne Leiche ein Klassiker, der selten, aber regelmäßig in der Kriminalistik auftritt.

Wie ist es, wenn wie in diesem Fall fünf Jahre vergangen sind - ist dann überhaupt noch etwas forensisch zu finden?

Oft werden Spuren anfangs nur begrenzt untersucht. Gerade beim sogenannten „ersten Angriff" wissen die Menschen vor Ort ja noch gar nicht, was genau passiert ist. Deshalb werden Spuren manchmal nicht sofort in allen Einzelheiten aufgenommen. Dabei könnten sie oft und schnell Hinweise geben - zum Beispiel durch ständig abfallende Hautschuppen oder Haare.

Man könnte also sagen, dass ein Täter fast immer Spuren hinterlässt – selbst, wenn er glaubt, alles beseitigt zu haben?

Auch nach Jahren können Spuren erhalten sein. Kleidung, persönliche Gegenstände oder Mikrospuren wie Haare oder Hautzellen bleiben oft erhalten. Im Wasser zersetzen sich Körper und Spuren, aber bei der Bergung kann noch vieles gesichert, aber auch zerstört werden. Verbrennungen oder chemische Versuche zur Beseitigung einer Leiche hinterlassen ebenfalls Spuren, beispielsweise Hinweise auf den Brandbeschleuniger. Heutige forensische Techniken ermöglichen es, auch sehr kleine Spuren Jahrzehnte später auszuwerten.

Inwiefern ist es möglich, ein Tötungsdelikt so zu begehen, dass es dauerhaft unentdeckt bleibt? Oftmals wird in diesem Zusammenhang vom „perfekten Mord" gesprochen.

Morde sind nie perfekt, da sie immer unschön sind. Sie haben mit Hass, Dummheit, Wut und ähnlichen Gefühlen zu tun. Wenn die Leiche verschwunden bleibt, ist es meist eine Mischung aus Unwissenheit und Dreistigkeit der Täterin oder des Täters und ungünstigen Umständen für das Opfer.

Es gibt immer wieder Leute, die versuchen, die Leiche zu beseitigen oder Spuren zu verwischen. Manche orientieren sich dabei an dem, was sie im Internet gelesen haben, wissen aber überhaupt nicht, wie es in Wirklichkeit funktioniert. Beispiele sind etwa Versuche, eine Leiche in der Badewanne aufzulösen - das kommt tatsächlich manchmal vor. Dabei verletzt man sich aber wahrscheinlich selbst, beschädigt die Badewanne, macht die Leitungen kaputt. Es fällt möglicherweise auch auf, dass man sich die Chemikalien besorgt hat. Die Leute können damit auch nicht richtig umgehen. Man kann das auch clever machen, aber in der Regel wird das früher oder später auffallen. Selbst erfahrene Täter haben damit Probleme. Fritz Haarmann (Hannoveraner Serienmörder aus dem 19. Jahrhundert, Anm. d. Red.) etwa hat beim Zerteilen der Leichen Rückenschmerzen und Kopfschmerzen bekommen. Es ist also viel Arbeit, die viele Spuren erzeugt.

In der Schweiz hat mal jemand versucht, eine Leiche in einer selbst gebauten Betonbunkerkammer aufzulösen. Auffällig wurde es, weil er dahin gelatscht ist und dabei gesehen wurde.

Wie stark haben sich forensische Methoden in den letzten Jahren verbessert, und können dadurch alte, ungelöste Fälle heute neu aufgeklärt werden?

Erbgut-Vergleiche in der Verwandtschaft spielen eine zunehmende Rolle: Wenn man irgendwo ein kleines Stück Textil oder Ähnliches findet und gar nicht weiß, von wem das jetzt genau ist, kann man heute über Familiendatenbanken neue Hinweise bekommen.

Also kann man jetzt auch Täter finden, die vorher völlig unbekannt waren?

Ja, genau. Wir sind jetzt wirklich an diesem Punkt, im Frühjahr/Sommer 2026.

Der Fortschritt in unserem Fach verläuft insgesamt eher in Schlängellinien, aber die entscheidenden Entwicklungen sind jetzt alle da. Technisch kann man Massendaten auswerten, biologisch alle Spuren bis zur einzelnen Zelle analysieren und so weiter mehr geht eigentlich nicht. Früher gab es bodendurchdringende Sonare, um zu prüfen, ob die Erde bewegt wurde und damit mögliche Gräber zu finden. Heute gibt es modernere Geräte, die fast, wie Röntgen funktionieren, mit höherer Auflösung.

Man kann mittlerweile alle Gerüche wahrnehmen und erkennen, den Boden durchleuchten, Gebäude untersuchen, Wärmemessungen machen und alle Zellen untersuchen. Auch Handy-Daten und andere im Internet vorhandene Daten lassen sich auswerten.

Jetzt hängt alles nur noch davon ab, wie viel Geld und wie viele Fachkräfte man in solche Fälle steckt.

Vom Kölner Straßenstrich ins Museum. Sexarbeiterin Nicole: „Das erste Mal war Französisch für 30 Euro“

Quelle: Express Köln, 8. April 2026

Von Iris Klingelhöfer

Nicole Schulze demonstrierte 2021 mit anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Das Foto zeigt sie mit Kölns bekanntem Kriminalbiologen Mark Benecke („Dr. Made“). 

Nicole Schulze hat viele Jahre auf dem Kölner Straßenstrich gearbeitet. Jetzt ist die Sexarbeiterin Teil einer Ausstellung geworden. 

Französisch für 30 Euro – Sexarbeiterin Nicole Schulze (46) erinnert sich noch sehr gut an ihren ersten Freier. Das war 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße und hat fünf Minuten gedauert. 

Inzwischen blickt die 46-Jährige nicht nur auf eine lange Berufszeit zurück, sondern ist auch Vorsitzende des Berufsverbandes Sexarbeit, eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz – und Teil der Ausstellung „Sex Work“ in der Bonner Bundeskunsthalle. 

Dort ist unter anderem ein Foto von ihr zu sehen, wie sie 2021 mit einem Wohnmobil und anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom stand – als Protest gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Neben ihr auf dem Foto ist Kölns bekannter Kriminalbiologe Mark Benecke („Dr. Made“). 

„Ich hatte für die Ausstellung mehrere Fotos geschickt und sie haben sich für das von der Demo entschieden. Wir haben gegen die Kampagne ‚Rotlicht Aus‘ demonstriert, weil wir gesagt haben, wir müssen das Rotlicht nicht aus-, sondern anmachen“, erklärt Nicole. 

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle sei sehr gut. Auch von der Geschichte her. Nicole: „Dass die Sexarbeitenden Rechte benötigen und nicht unter Sigmatisierung leiden.“ Sie fühle sich in der Ausstellung sehr gut vertreten. Dort liegt auch ein Flyer vom Berufsverband Sexarbeit, dessen Vorstandsvorsitzende sie ist.

„Sie haben auch den Aktivismus von heute und natürlich auch von früher dargestellt. Wenn man jetzt an die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt denkt – die war ja nachher reicher als ihre Freier, hat das tollste Auto gefahren und wurde trotzdem ermordet. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Auch diese traurige Geschichte ist in Bonn ausgestellt“, erzählt die Kölnerin, die zur Vernissage anlässlich der Ausstellungseröffnung am 1. April eingeladen war.

Nicole Schulze hat ab 2004 auf dem Kölner Straßenstrich Geestemünder Straße gearbeitet. Inzwischen ist sie Sexualassistenz-Expertin.

Die Ausstellung spiegelt auch ihre eigene Geschichte wider. „Ich habe damals auf der Geestemünder in Köln angefangen, weil ich Schulden hatte. Ich hatte kein Geld, war dann auch von einem Loverboy abhängig. Ich war sieben Jahre lang abhängig, habe mein Geld abgedrückt. Es ist natürlich keine schöne Erfahrung, wenn man so behandelt wird“, erklärt Nicole.

Aber sie gibt nicht der Sexarbeit die Schuld daran. Die 46-Jährige sagt aus ihrer Sicht: „Weil, damit habe ich mein Geld verdient, ich gebe die Schuld der toxischen Beziehung, die ich mit meinem damaligen Freund geführt habe. Der hat mich ausgenutzt. Es war nicht die Sexarbeit. Ich war gerne an diesem Platz an der Geestemünderstraße. Wenn ich mich jetzt mit alten Kolleginnen treffe, bezeichnen wir das als unser Wohnzimmer.“ 

Mit 24 Jahren hat sie angefangen. „Ich habe mich auch bewusst für die Geestemünder entschieden, also für Straßenprostitution, weil ich kein Geld hatte. Ein Bordell, ein Zimmer dort, im Pascha hat schon damals 150 Euro pro Tag gekostet. Das Geld hatte ich ja gar nicht.“

Nicole Schulze (heute 46) hat 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße angefangen. Heute ist sie Sexualassistenz-Expertin, Vorsitzende des Bundesverbandes Sexarbeit und Teil der Ausstellung Sex Work, die am 1. April 2026 in der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet wurde.

Schulden hatten sich angehäuft, auch, weil sie damals mit einem Mann zusammen war, der das sauerverdiente Geld verspielte. Dazu zwei kleine Kinder. „Weil kein Geld da war, habe ich Lebensmittel geklaut“, gesteht sie. Doch irgendwann habe sie sich die Frage gestellt: Wie geht es mit meinem Leben weiter? Klaue ich weiter? Bleibe ich mit dem Mann zusammen?

„Ich habe mich für den Weg der Trennung entschieden. Und in der Sexarbeit selbst habe ich die Möglichkeit gesehen, Geld zu verdienen. Was ich nicht bedacht habe, ist, dass dieses riesengroße Stigma dann auf mir lastet“, so Nicole. „Dass wir zum Beispiel keinen Bankkredit bekommen, keine Bank stellt einer Prostituierten einen Kredit zur Verfügung, obwohl wir gutes Geld verdienen. Dann bleibt uns eigentlich gar nichts anderes übrig, als in Abhängigkeiten reinzugehen. Dann sind wir abhängig und bekommen unser Leben ohne andere Menschen gar nicht in den Griff.“ 

Von der Geestemünder habe sie erfahren, als sie 2004 in einer Kneipe in Leverkusen anfing zu kellnern. „Die Geestemünder hat 2002 eröffnet — die war damals quasi noch frisch im Munde der Männer. An der Theke, wenn die viel Bier getrunken hatten, haben die von dem neuen Straßenstrich erzählt und ich wurde hellhörig“, erinnert sich die Kölner Sexarbeiterin.  

Nicole weiter: „Ich war sexuell immer offen. Und ich war dann mit meinem damaligen Freund auf der Geestemünder, um eine weitere Frau für einen Dreier zu suchen. Da habe ich den Straßenstrich das erste Mal live gesehen.“

Am folgenden Abend sei sie dann alleine dorthin gefahren. „Ich habe erstmal draußen gestanden und beobachtet. Wie funktioniert das, wer kommt da alles hin. Einige Stunden später bin ich in den Container, der auf dem Gelände steht, und wurde herzlich empfangen. Dort waren Sozialarbeiterinnen vom Katholischen Sozialdienst, kurz SkF. Die haben mir einen Kaffee angeboten und das System der Geestemünder erklärt.“ Und dann sei sie hängen geblieben. 

„Nach meinem ersten Freier habe ich diese 30 Euro in der Hand gehalten, für fünf Minuten Arbeit, und gedacht, das ist ja besser als Kellnern“, erzählt sie. Sie sei damals sozial schwach gewesen, so die Kölnerin. „An meinem ersten Abend, als ich auf der Geestemünder Feierabend gemacht habe, hatte ich 460 Euro verdient. Das war viel Geld für mich und ich habe mich direkt dazu entschlossen, da zu bleiben.“

Nicole: „Ich habe aber nie gelernt, mit Geld umzugehen. Ich habe es verdient und dann war es auch schon wieder weg. Mein Loverboy hat mir dann geholfen, dass ich schuldenfrei wurde. Ich habe ihn geliebt, bin allerdings deswegen in so eine Art falsche Dankbarkeit gefallen. Dann fing es an, dass ich mein Geld an ihn abdrücken musste.“ 

Ihr Glück sei gewesen, dass der Platz an der Geestemünder Straße für sozial schwache Frauen gebaut wurde. Das SkF und auch die Polizei, explizit die kürzlich verstorbene Hauptkommissarin Nicole Metzinger, hatten erkannt, dass Nicole zwar aus der Schuldenfalle raus, aber dafür in eine neue Abhängigkeit hineingerutscht war. „Deswegen durfte ich auf diesem Platz weiterstehen“, sagt sie dankbar. Die Polizeibeamtin Metzinger unterstützte sie auch dabei, von ihrem „Loverboy“ loszukommen.

Dass sie auf dem Straßenstrich arbeitet, hat Nicole Schulze nie geleugnet. „Weil ich es nie als schlimm empfunden habe. Ich habe ja nichts Illegales gemacht“, stellt sie klar. Sie will nichts verherrlichen. Brutale Zuhälter, Ausbeutung, Drogen, Gewalt – auch das gibt es in der Prostitution. „Man sieht in den Medien immer nur das Negative. Aber man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Man muss schon differenziert drauf sehen, auch auf die Straßensexarbeit.“ 

„Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“

Dadurch, dass sie auf der Geestemünder war, habe sie selbst nichts Schlimmes erlebt, behauptet sie. Nicole: „Die Freier waren immer vernünftig, weil es eben auch ein Platz der Stadt Köln war, Polizei und Ordnungsamt waren regelmäßig vor Ort. Die Polizistin Nicole hat sich sehr für uns eingesetzt. Das war ein geschützter Rahmen. Ich bin ein Befürworter solcher Modelle. Ich habe keine Gewalt erlebt.“ 

Sie seien, im Gegenteil, irgendwie wie eine Familie gewesen. „Ich bin gerne dorthin gegangen, wir haben viel gemeinsam gemacht, Pizza bestellt, gegrillt. Es waren schöne Momente. Und der Zusammenhalt der Frauen war schon sehr, sehr gut. Wenn es doch ein Problem gab, waren wir alle füreinander da“, erzählt die 46-Jährige.

„Das einzige Negative war mein Loverboy, weil ich in einer toxischen Beziehung war. Er hat mich viel verletzt. An der Sexarbeit selbst habe ich bislang keinen negativen Punkt. Alle höflich, nett, freundlich. Die wollen ja was von mir, wollen, dass ich eine gute Dienstleistung mache“, so Nicole.

Inzwischen steht sie in Trier an der Straße, in ihrem eigenen Wohnmobil, hat sich hauptberuflich aber auf Sexualassistenz spezialisiert und bietet ihre Dienste Menschen mit Behinderungen oder Menschen im Alter an, fährt auch in die Heime. „Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“, erklärt sie.

Auf die Geestemünder fahre sie aber immer noch regelmäßig - nur zu Besuch. „Ich würde mich da nicht mehr an die Straße stellen und meinen Kolleginnen die Kundschaft wegnehmen, weil ich mittlerweile nicht mehr sozial schwach bin. Aber die kennen mich alle dort und ich bin herzlich willkommen. Besonders jetzt als Aktivistin“, sagt sie. 

Momentan setze sie sich dafür ein, dass der Ort wieder ein sozialer Platz wird, sozial niedrigschwellig und ohne hohe Hürden. „Das geht ja nicht mehr, seit wir den Hurenausweis haben, also die Anmeldung nach ProstSchutzG.“, erklärt die Sexarbeiterin. Nach dem ProstSchutzG benötigen alle in der Prostitution tätigen Personen eine gesundheitliche Pflichtberatung und müssen für das Prostitutionsgewerbe angemeldet sein beziehungsweise sich anmelden. 

Nicole: „Ich gebe mal ein Beispiel: Für eine drogenabhängige Frau, die morgens nicht in die Gänge kommt, sind die Hürden viel zu hoch. Früher kamst du einfach zur Geestemünder und konntest arbeiten. Das war ein soziales System. Und ich finde, das sollte wieder so sein. 

Weil diese Frauen nicht das Problem der Sexarbeit haben, sondern die haben ein Drogenproblem und finanzieren ihre Drogen damit. Jede dieser Frauen macht zwei, drei Kunden, bis sie das Geld zusammenhat, und dann ist die wieder weg. Die denkt nicht daran, noch ihre Steuer zu machen oder Sonstiges. Die sind dazu gar nicht in der Lage. Das kann ich auch verstehen. Wenn ich mich mal mit meinem Loverboy betrachte, da hätte ich auch keinen Kopf dafür gehabt.“

Früher sei es viel Heroin gewesen, Spritzen seien verteilt worden, heute seien es mehr die synthetischen Drogen. „Aber egal, welche Drogen es sind, man muss das System dahinter anpassen“, fordert Nicole. „Wie viele Frauen habe ich damals auf dem Straßenstrich erlebt, die gesagt haben, dass sie die Methadon-Ausgabe verpasst hätten, weil sie nicht aufstehen konnten. Auch vor Schmerzen. Da denke ich mir: Warum hat die Methadon-Ausgabe nur morgens geöffnet? Wieso ist die nicht den ganzen Tag für die Betroffenen da?“ 

„Auch, wenn ich jetzt eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz und Vorsitzende des Berufsverbandes bin – die Geestemünder ist mir wichtig“, so die engagierte Sexarbeiterin. „Ich bin dafür, dass jede große Stadt in Deutschland so einen Platz anbietet. Weil es einfach ein sicheres Arbeiten ist.“ 

Prominenter Halle-Fan

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Lokales, 7. April 2026, Seite 12

Stadtwappen tätowiert: Mark Beneckes Liebe für Halle geht unter die Haut

Er ist Deutschlands bekanntester Forensiker und eine vielfach interessierte und umtriebige Person noch dazu. In Halle fühlt Mark Benecke sich derweil pudelwohl.

Von Denny Kleindienst, Halle (Saale)/MZ.

Die Stadt Halle hatte dieser Tage einen prominenten Besucher. Mark Benecke war zu Gast in der Stadt. Deutschlands bekanntester Forensiker dokumentierte seinen Aufenthalt unter anderem über seinen Instagram-Account, der 274.000 Follower zählt. Eines der zahlreichen dort geteilten Bilder fällt dabei ganz besonders ins Auge.

Man sieht Mark Benecke vor dem „Verliebt in Halle“ Herzen auf dem Marktplatz stehen. Den Ärmel seiner Jacke streift er ein Stückchen zurück und legt den Blick frei auf ein Tattoo an seiner Hand: Es handelt sich um das Stadtwappen von Halle mit dem liegenden, nach oben geöffneten roten Halbmond zwischen zwei roten Sternen. Nun trägt Benecke Tattoos auf dem ganzen Körper. Das er sich aber ausgerechnet das hallesche Stadtwappen als weiteres Motiv ausgesucht hat, überrascht dann schon. Ist das ein Scherz?

„Das Tattoo ist echt“, erklärt Benecke auf MZ-Nachfrage. Und er macht deutlich: Er ist ein Fan von Halle. „Am meisten mag ich die superfreundlichen Menschen hier.“

In der Stadt sei er schon sehr oft gewesen, so Benecke gegenüber der MZ. Zum Beispiel um Vorträge im Steintor-Varieté zu halten. Auch liebe er die vielen wissenschaftlichen Sammlungen in Halle. „Ich bin der Buch-Pate des berühmten Vesalius-Anatomie-Buches in der Marienbibliothek, dessen Wiederherstellung ich bezahlt habe.“ Dafür wurde ihm von der Marienbibliothek nun auch eine Paten-Urkunde übergeben. Zu seiner großen Freude erhielt er obendrein „ein Exlibris der Bibliothek aus Hadern-Papier“. Bei einem Exlibris handelt es sich um einen Zettel in Büchern zur Kennzeichnung des Eigentümers.

Zum Hintergrund: Der Anatomie-Atlas von Andreas Vesalius (1514–1564) erschien erstmals 1543 in Basel und nannte sich auf Deutsch „Vom Bau des menschlichen Körpers in sieben Büchern“. Vesalius hatte darin neue, authentische Ansichten des menschlichen Körpers präsentiert, wie er sie direkt bei öffentlichen Sektionen von Leichen in Italien hatte gewinnen können.

Da wäre außerdem noch Martin Luthers Totenmaske in der Marktkirche. „Ich habe das Alter der Luther-Totenmaske mit Radiokarbontechnik sicher geklärt“, sagt Benecke. Dazu gebe es gerade eine Veröffentlichung.

Bei seinem jüngsten Aufenthalt — begleitet wurde Mark Benecke von seiner Frau Ines — war der Forensiker auch in den Franckeschen Stiftungen, „in denen ich während Corona auch eine Ausstellung eröffnet habe“. Über das „Kuriositätenkabinett“ — die Kunst- und Naturalienkammer der Stiftungen — habe er einst bei der ältesten biologischen Fachgesellschaft, der Linnean Society of London, berichtet. „Natürlich liebe ich aber auch die anatomische und zoologische Sammlung“, merkt Benecke an.

Über sich selbst merkt Benecke noch an, dass er sowohl Forensiker, als auch Kriminalbiologe und Sachverständiger für biologische Spuren  ist. Was er hingegegen nicht sei, ist Rechtsmediziner, Pathologe und Polizist. Dann wäre das ja geklärt. Was er kurzerhand unterschlägt: Für die Satirepartei Die Partei trat Benecke in der Vergangenheit schon als Kandidat fürs EU-Parlament sowie als Oberbürgermeisterkandidat in Köln an.

"Eine Leiche verlangt nichts, ..."

Quelle: Forum Wissenschaft, Nr. 4, Dezember 2025, 42. Jahrgang

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Ein Gespräch über die Disziplin der Kriminalbiologie

Bei Todesfällen, wo Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen, werden die Leichen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht. Die Untersuchung der Todesumstände ist Aufgabe der forensischen Biologie. Die bekannten Darstellungen im Fernsehkrimi am Sonntagabend haben aber nur wenig mit der realen Praxis zu tun, wie Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview mit Yannick Borkens erläutert.

Forum Wissenschaft (Yannick Borkens, im Folgenden FW): Gerade für unsere nicht-naturwissenschaftlichen Leserinnen und Leser ist es spannend und interessant zu erfahren, was die Kriminalbiologie als Disziplin ist und mit was sie sich beschäftigt. Was ist Kriminalbiologie? In welchen Situationen kommt sie zum Einsatz?

Foto: Mark Benecke

Mark Benecke (MB): Forensisch heißt eigentlich vor Gericht/für das Gericht; diese Bedeutung ist in Deutschland aber nicht so eng und spiegelt die weit gefächerte Arbeitsweise auch nicht wider.

Als Wort aus dem Englischen ist es aber über TV und Kino wieder in seiner nicht ganz richtigen Bedeutung nach Europa gelangt. Ganz egal, hier der vereinheitlichte Vorschlag: Forensik ist eine Mischung aus Kriminalistik, Rechtsmedizin und Naturwissenschaften. Die Zusammenarbeit führt dabei zu einem weiten Blick. Solche umfassenden Untersuchungen waren bei uns im Labor beispielsweise ein Blutspuren-Muster nach einer Doppel-Tötung. Wir untersuchten dabei dieselben Blut-Spuren auf DNS (Naturwissenschaften), Schleuder-Richtung (Kriminalistik) und Verbringung durch Fliegen (forensische Entomologie). Die Leiche selbst wurde natürlich von Fachärztinnen für Rechtsmedizin beurteilt. Dieser auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin vorgestellte Fall zeigt, wie ein Einzelner viele Verfahren verknüpft anwendet. Ich habe für den Stern auch mal mit langen Zähnen zwei C. S. I.-Folgen angeschaut und musste staunen: Die Tatort-Beamtinnen, im echten Leben nur für die Spurensuche zuständig, sind dort gleichzeitig Ermittler. Das verträgt sich aber nicht.

FW: Welche Beiträge kann sie leisten, um Umstände eines Todesfalles zu ermitteln? Und was kann sie nicht leisten?

MB: Mein Team und ich schauen uns jeden Fall unbefangen an. Daher passiert im kriminalbiologischen Alltag jeden Tag etwas anderes. Mal messen wir Blutspuren, mal Insekten, mal wälzen wir Akten, mal hängt eine oder einer von uns in einem Baum, um eine Erhängung nachzustellen, mal sind wir auf Kongressen. Wir schauen uns gerne Käfer, Fliegen, Schnecken und Wespen an, um zu verstehen, wie lange eine Leiche besiedelt wurde. Und ob eine scheinbare Messer-Wunde oder Kratzer im Gesicht einer Leiche nicht doch von Tieren stammen.

Alle Fälle sind super herausfordernd. Wir behandeln auch alle Fälle gleich. Ich bin nicht für die Gefühle verantwortlich, sondern für die messbare Wahrheit. Wenn es etwas ist, das therapeutisch behandelt werden muss, dann müssen Leute ran, die sich mit der »Seele« auskennen. Oder wenn es politische Folgen hat, dann muss es politisch gelöst werden. Das hat auch etwas Kulturelles: Bilder von Tatorten können wissenschaftlich herausgegeben werden, aber teilweise sind sie so episch und eindrucksvoll, dass sie — wie soll ich sagen — Wellen und Fahrwasser entwickeln. Dem kann man nicht ausweichen. Und dann muss man sich überlegen, wie man damit arbeitet. Der Kollege aus Österreich zum Beispiel. (Otto) Prokop, Leiter der Ost-Berliner Rechtsmedizin, hat sehr bildlich gearbeitet und ist mit seinem »Atlas« gegen seinen Willen im damaligen Westdeutschland unter Künstlerinnen, Künstlern bekannt geworden — also nicht wissenschaftlich. Das Buch ist erst nach dem Mauerfall in Deutschland wissenschaftlich wahrgenommen worden, obwohl es ein rein wissenschaftliches Werk ist. Prokop hat genau das gemacht, wovor ich gewarnt wurde: Er suchte Bilder aus, die so eindrucksvoll waren, dass sie ihr Eigenleben entwickelt haben. Wir achten seither darauf, dass das nicht passiert, denn wenn die Angehörigen 20 Jahre später auf irgendeinem Umweg wieder damit in Berührung kommen, dann lässt man es besser sein.

FW: Welche Rolle spielen Exhumierungen? Wann und wie werden sie durchgeführt?

MB: Wir hatten mal den Auftrag einer Familie, die Akten im Fall ihres verstorbenen Sohns zu sichten. Sie versprach sich Hinweise darauf, dass er nicht — wie von der Polizei angenommen — tödlich verunglückt, sondern Opfer einer Tötung war. Im Juni 2006 war die Leiche des Jungen nach sechsmonatiger Vermisstenzeit in Österreich in einem Bachbett gefunden worden. Er hatte während der Wintersaison an einem Skilift gearbeitet und mit seinem Kollegen und dessen Mutter eine kleine Abstellkammer direkt an der Liftanlange bewohnt. Die Eltern befragten die beiden Mitbewohner erneut zum Verschwinden. Beide beharrten darauf, dass er eines Nachts mit einem ihnen unbekannten Mädchen verabredet gewesen war und mit diesem durchgebrannt sei. Diese Version zum Verschwinden des Jungen erschien auch der Polizei plausibel. Auf dem Parkplatz der Liftanlange entdeckten die Eltern jedoch das unverschlossene Auto ihres Sohnes, in dem sich seine gesamten privaten Dokumente wie Führerschein und Pass sowie ein einzelner Socken befanden. Die Polizei stellte das Auto daraufhin sicher. Eine spurenkundliche Untersuchung blieb aus. Als später in einem dem Skilift nahe gelegenen Bachlauf Müll aufgesammelt wurde, fand man seinen Parka sowie eine Matratze, die aus der Unterkunft des Kollegen stammte. Außerdem entdeckten Passanten die teilskelettierte Leiche des Jungen mit stark zersetzter Bekleidung. Der Leichenfundort lag 2,5 km von der Lift-Anlage entfernt. Die Sektion ergab aufgrund der fehlenden Weichteile keine Auskunft darüber, ob Fremdeinwirkung (Verletzungen an den Weichteilen) vorgelegen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur der Kollege und Mitbewohner zu dem Vorfall polizeilich befragt worden, nicht jedoch die Mutter.

Die Eltern gaben sich damit jedoch nicht zufrieden und hatten selbst Suchen durchgeführt. Nach vielen Beiträgen, in denen die Familie die Vorgehensweise der Polizei anprangerte, wurden im Januar 2008 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die Mutter des Kollegen belastete ihren Sohn und sagte aus, er habe das Opfer erstochen. Bei der Tat sei sie nicht anwesend gewesen, jedoch habe sie bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Die österreichischen Behörden begingen daraufhin den Tatort mit einem Blutspürhund. Die Eltern hatten bei einem ihrer Besuche in der Unterkunft einige Holzdielen aus dem Boden gebrochen. Auf diesen hatten sie nicht untersuchte, an Blut erinnernde Flecken gesichtet. Einige dieser Stücke brachten sie zu einer Besprechung in unser Labor.

Der Blutschnelltest zeigte an mehreren Stellen auf den Holzstücken eine positive Reaktion. Aus dem darauf folgenden Gutachten des LKA Thüringen ging jedoch hervor, dass an den blutverdächtigen Anhaftungen der eingesandten Holzstücke kein Blut nachweisbar war.

Aus der molekulargenetischen Untersuchung der Materialproben war die Bestimmung eines DNS-Identifizierungsmusters nicht möglich. Die Schlussfolgerung: Es konnten keine weiteren Hinweise zum Verletzungs-Ort des Geschädigten gegeben werden. Die Exhumierung und anschließende Sektion im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Jena im November 2008 ergaben an Brustbein sowie der 6. und 7. Rippe des Leichnams gradlinige, glattrandige Knochenverletzungen (Stich-Schnitt-Verletzungen). Das Gutachten bestätigt, dass für die Beibringung der Rippenverletzungen ein spitz zulaufendes scharfes Messer in Betracht komme. Diese drei — wegen der Knochendefekte einzigen noch sichtbaren — Stichverletzungen waren nicht todesursächlich: Es konnten weder stark blutende Gefäße noch Brustorgane verletzt werden, da die Knochen jeweils nicht durchstochen wurden. Nach Einschätzung der Rechtsmediziner erfolgte die Verletzungsbeibringung am liegenden Opfer. Im Dezember 2008 wurde der Kollege/Mitbewohner von der Skiliftstation wegen Totschlags angeklagt. Die Verhandlungen fanden in Deutschland statt. Die beragte Rechtsmedizinerin erklärte, es sei aufgrund des Stichmusters nicht auszuschließen, dass weitere Stiche ausgeführt wurden, die nicht auf Knochen trafen, sondern Lunge oder Herz tödlich verletzten. Aufgrund des Zersetzungszustandes der Leiche konnte das aber naturgemäß nicht belegt werden. Ende Dezember 2008 wurde der Angeklagte nach einem Indizien-Prozess wegen Totschlags verurteilt.

FW: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kriminalbiologie und der forensischen Biologie?

MB: Keine.

FW: Welche Rolle spielt die Molekularbiologie innerhalb der Kriminalbiologie? Und welche Methoden kommen besonders häufig zum Einsatz?

MB: Aufgrund einer Flut von Serien wie C. S. /. in den 1990er Jahren und vielenweiteren, die sich später gerne mit Labortechniken in Kriminalfällen befass-ten, erwarten die Öffentlichkeit und (wo vorhanden) die Geschworenen in Kriminalfällen, dass alle Tatorte einer genetischen Fingerabdruckanalyse unterzogen werden müssten — der »CSI-Effekt«. Bald wurde daraus ein »umgekehrter CSI-Effekt«, das heißt, »während Geschworene aufgrund von CSI-ähnlichen Serien möglicherweise Hightech-forensische Beweise in Strafsachen erwarten und bei Fehlen solcher Beweise unangemessener Weise einen Freispruch sprechen, messen dieselben Geschworenen aufgrund derselben CSI-ähnlichen Serien forensischer Beweise oft zu viel Gewicht bei, wenn solche Beweise tatsächlich von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden, was zu Verurteilungen in Fällen führt, in denen der Angeklagte wahrscheinlich hätte freigesprochen werden müssen. «

Genetische Fingerabdrücke sind eigentlich wie ein normaler Hautabdruck. Es entsteht in beiden Fällen ein Barcode-Muster, das nichts über den Körper oder den Geist der Person aussagt. Wenn man grundsätzlich gegen die Verwendung von eindeutigen Merkmalen in Strafsachen ist, blieben ja als einzige Beweise nur Zeugenaussagen übrig. In vielen Tests wurde aber gezeigt, dass solche Aussagen nicht zuverlässig sind und von den Überzeugungen der Zeuginnen und Zeugen beeinflusst werden. Im Gegensatz dazu sind Beweise wie genetische Fingerabdrücke zuverlässiger.

Noch besser daran ist, dass DNS-Beweise immer wieder getestet werden können. Wenn ein Experte über die objektiven Beweise aus seinem Labor lügt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein unabhängiger Test die Lüge aufdeckt.

FW: Spielt die Forensik auch bei geistlichen oder kirchlichen Fragen eine Rolle?

MB: Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin hatten vor unserer Untersuchung manchmal Zweifel erregt. Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche mittlerweile genauer wissen. Darum konnten beispielsweise Blut- und Speichelproben von »Therese von Konnersreuth« in München untersucht werden. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der »Therese von Lisieux«, konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung. Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur »Therese von Konnersreuth«, weil sie die Leiden Christi so stark erlebte, dass mehrere Wunden an ihrem Körper bluteten. Die Kolleginnen und Kollegen konnten Erbgut-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut einer aufbewahrten, durchbluteten Verbandskompresse gewonnen hatten, mit Erbgut aus dem Speichel an Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person- und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte das gleiche Mitochondrien-Erbgut wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte. Was das religiös bedeutet, geht uns aber nichts an.

FW: Wie interdisziplinär ist die Kriminalbiologie? Ist sie eine reine Naturwissenschaft? Oder spielen auch Geisteswissenschaften wie die Soziologie oder die Kriminologie eine wichtige Rolle?

MB: Sie spielen keine Rolle, allerdings reden wir miteinander. So beschrieb zum Beispiel der kanadische Soziologe Neil Gerlach vor vielen Jahren in seinem Buch The Genetic lmaginary: DNA in the Canadian Criminal Justice System 2004 verschiedene mögliche Ängste der Gesellschaft hinsichtlich der Entwicklung und Ergebnisse der Biotechnologie, genetisch veränderte Lebensmittel, mögliche Forderungen nach einem Recht auf Normalität (»neue Eugenik«), Patentierung von Genen und »charismatische Wissenschaft«. Auch die »Kultur der Spur« und der DNS-Fingerabdruckmethode im Hinblick auf ihre Anwendung der Kriminalistik und ihre Auswirkungen auf Gerichtsverfahren werden diskutiert.

Neil Gerlach argumentiert, dass die Verwendung von DNS in rechtlichen Kontexten zu einer »Überwachungsgesellschaft« führen kann. Meiner Meinung nach wird die Kluft zwischen Naturwissenschaften und Soziologie manchmal unnötig vergrößert, wie es auch bei Gerlachs Werk der Fall ist. Er prägt den Begriff »Biogovernance«, um zu beschreiben, wie DNS-Typisierung und andere genetische Methoden zu einem Regime der Praxis werden. Seiner Meinung nach ist dies das Ergebnis eines Machtgefüges namens »Social Governance«, das sich der Menschen befasst als mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen. Es ist in Ordnung, eine solche politische Aussage zu treffen und es dabei zu belassen. Allerdings vermischt Gerlach viele Dinge, die getrennt werden sollten — und tatsächlich auch getrennt sind. Angesichts meiner internationalen Erfahrung war ich überrascht, dass die Kanadier solche Angst vor der nicht-kodierenden DNS-Typisierung haben, und ich frage mich, warum das so ist. Die sehr liberalen Niederlande hatten ungefähr zeitgleich als erstes Land ein Gesetz verabschiedet, das sogar die Typisierung von Augen- und Haarfarben in Strafsachen erlaubt, und in England wird die DNS-Probe einer Person in die Datenbank aufgenommen, wenn sie eine Straftat begeht (praktisch schon ab Trunkenheit am Steuer). In beiden Ländern wurde die erweiterte Verwendung der DNS-Typisierung weder zur Herstellung »genetischer Gerechtigkeit« noch gegen den Willen der Öffentlichkeit durchgeführt. Ganz im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde gehört und stimmte zu. Außerdem ist »genetische Gerechtigkeit« unmöglich, da niemand allein auf der Grundlage eines genetischen Fingerabdrucks verurteilt werden darf. Es muss immer andere wichtige Hinweise geben, die eine Person mit einer Straftat in Verbindung bringen, nicht nur das Erbgut allein. Der Grund dafür ist einfach: Wenn ich eine Zigarette an einem Ort fallen lasse, der 15 Minuten später zum Tatort wird, wird mich niemand bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft beschuldigen, wenn ich kein Motiv, keinen möglichen Nutzen und keine andere Verbindung zum Opfer oder zum Tatort habe.

FW: Kommt die Kriminalbiologie bzw. die Forensik auch bei archäologischen Fragestellungen zum Einsatz? Waren Sie selbst schon an archäologischen Ausgrabungen beteiligt?

MB: Ja. Hier kann zum Beispiel die forensische Entomologie (Insektenkunde) helfen. Die Besiedlung von Leichen durch Insekten und andere Gliederfüßer ist seit Jahrtausenden bekannt. Forensisch-entomologische Untersuchungen, also die Begutachtung der an oder auf Leichen lebenden Insekten hinsichtlich ihrer Systematik und Artbestimmung, ihrer Entwicklungsbiologie und ihrer Lebensweise, gehören heute in vielen Ländern zum bekannten Werkzeug der Rechtsmedizin und Kriminalistik. In der Archäologie hat die Entomologie in den letzten Jahrzehnten vorwiegend im Bereich der Umwelt-Untersuchungen der weiten Vergangenheit bzw. der Umweltarchäologie Eingang gefunden und neben der Untersuchung von uralten Pflanzenresten neue Wege zur Ermittlung des ursprünglichen ökologischen Umfeldes archäologischer Fundplätze eröffnet.

Vergleichsweise selten wurden dagegen bisher Insektenreste bei der Beurteilung archäologischer Leichen- bzw. Grabfunde berücksichtigt. Dabei sind Leichen für weit über hundert Gliederfüßerarten — insbesondere Fliegen und Käfer — Brutstätte, Nahrungsquelle und Lebensraum. Da Gliedertiere die mit Abstand artenreichste und größte Gruppe aller Lebewesen auf der Erde darstellen, sind sie auch in scheinbar unwirtlichen Lebensräumen noch an Leichen anzutreffen. Mit den Veränderungen eines Leichnams nach dem Tod gehen zeitlich sich überlappende Gliedertierbesiedlungswellen einher, die als Besiedlungswellen bezeichnet werden. Anhand dieser spezifischen Besiedlungswellen lassen sich oft Rückschlüsse auf die Liegezeit und die Todesumstände einer Leiche ziehen. In der Archäologie fanden die Erkenntnisse der forensischen Entomologie erst recht spät Eingang: Eine der frühesten Beschreibungen von Insektenresten aus einer archäologisch untersuchten Bestattung stammt aus dem Jahr 1836. Bei Ausgrabungen in Wymondham Abbey in Norfolk stieß man im Chor der Klosterkirche in einer Backsteingruft auf zwei Bleisärge. In einem der Särge fand sich die gut erhaltene, mumifizierte Leiche einer Frau, auf der der Ausgräber S. Woodwards Reste eines Käferinsektes sowie zahlreiche lebende Maden beobachtete. Anfang des 20. Jahrhunderts rückten Insekten aus archäologischen Grabfunden stärker in das Blickfeld der Wissenschaft. Während zunächst Befunde aus Ägypten im Vordergrund standen, lassen sich seit den 1930er Jahren auch einzelne Arbeiten zu europäischen Fundstellen anführen.

Meine Mitarbeiterin Tina und ich haben auch schon Nächte im größten Mumien-Keller der Welt verbracht und dort die Insekten angesehen. Nach zehn Jahren hatten wir sie alle auseinander gepuzzelt und bestimmt und konnten zeigen, was sich im Laufe der Jahrhunderte im Keller wie zersetzte.

FW: Passend zum archäologischen Thema sollte hier auch die anatomische Provenienzforschung erwähnt werden. In letzter Zeit sind viele Institute und Museen bemüht, ihre Kunst- und Kulturgüter aus Übersee zu katalogisieren und gegebenenfalls an die ursprünglichen Herkunftsländer zurück zu geben. Auch anatomische Sammlungen schließen sich diesem Bestreben an. Diese Arbeit ist insofern besonders, weil es sich hierbei um menschliche Überreste handelt. Wie kann die Kriminalbiologie oder die forensische Biologie hier helfen?

MB: Ja. Durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Knochen von Tätowierungen und so weiter. Lars Krutak, ein US-amerikanischer Anthropologe und Schriftsteller, beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen. Er nennt sich »Tattoo Hunter«. Eine seiner Tätigkeiten ist es, Skelette und schamanische Ritualgegenstände der alaskischen Ureinwohner, die im Smithsonian Museum in Wahington DC liegen, zurück an ihren Ursprung zu geben. Seine eigenen Tätowierungen helfen ihm dabei, nach eigener Aussage, mit der örtlichen Indigenen Bevölkerung in Kontakt zu kommen: »Meine rituellen Narbenmuster und Tätowierungen helfen mir sehr. Die Menschen vor Ort sehen sofort, dass ich – ein Mensch aus einer total anderen Kultur — durch Schmerzen und Körperveränderungen meine Transformation durchgemacht habe, genau wie viele von ihnen. Ich habe bestimmt fünfundzwanzig Tätowierungen, die mit jeder auf der Erde bekannten Methode gestochen wurden: japanisch, von Hand, mit Tierzähnen, elektrisch — und oben drauf über tausend Narben. So eine Mischung hat kaum jemand.«

FW: Forum Wissenschaft betrachtet oft auch kritische Aspekte der verschiedenen wissenschaftlichen und akademischen Disziplinen. Gibt es solche kritischen Betrachtungen auch bei der Kriminalbiologie bzw. auch bei den forensischen Wissenschaften?

MB: Ja, besonders zu »Rassen«. So gab es recht lange Schädelvermessungen, auch, weil man diese gut transportieren konnte. Weichteile zersetzen sich mit der Zeit und sind daher deutlich schwerer zu untersuchen. So hat man angefangen Knochen zu vermessen. Viele Museen haben zum Beispiel geguckt, ob es Unterschiede zwischen den sogenannten Ureinwohnern oder früheren Bewohnern und den später gekommenen Europäern. Das hat man in Nordamerika wie auch in Südamerika gemacht. An Knochen kann man sehr viele Sachen ablesen bzw. spiegeln sich viele Dinge in den Knochen wider: Krankheiten, Körpergröße, welche Muskelansatzstellen wo dran sind und so weiter. Irgendwann hat man dann gemerkt, das bringt nichts außer, dass wir feststellen, dass die genetischen Wirkungen, die häufig durch zufällige Begebenheiten entstehen, stattgefunden haben. Es hat also überhaupt keinen praktischen Nutzen, wie man früher dachte, in Bezug auf irgendwelche Persönlichkeitsmerkmale. Teilweise konnten durch Schädelvermessungen zwar ganz brauchbare Vaterschaftsfeststellungen machten. Doch durch modernere Verfahren wie den genetischen Fingerabdruck wurde diese Methode komplett überflüssig.

Ähnlich sieht es auch bei der Hautfarbe aus. Hautfarben sind so unbedeutend. Würde man Albinos aus den unterschiedlichsten Bereichen der Welt (Europa, Afrika, Südamerika etc.) miteinander vergleichen, könnten wahrscheinlich 90 % der Menschen diese Albinos nicht ihrer Herkunftsregion zuordnen. Wahrscheinlich wären jetzt selbst liberale Menschen geneigt zu sagen »hey, das kann man doch wohl nicht sein. Die müssen doch eine total platte Nase haben oder irgendwelche auffallenden Augen«. Nein, es gibt alle möglichen Übergänge. Und bei Hautfarben ist das genauso. Klar gibt es Mikrounterschiede.

Aber wenn du mit einem Fahrrad durch die Welt fahren oder zu Fuß gehen würdest würde dir von Tag zu Tag der Unterschied überhaupt nicht auffallen. Kurz gesagt, es spielt überhaupt keine Rolle, es hat überhaupt keine Aussage. Wie nicht weniges resultiert dies wahrscheinlich aus einer kolonialistisch geprägten Problematik.

FW: Könnte die Kriminalbiologie dazu beitragen, künftig Todesfälle zu verhindern?

MB: Ja. Das gilt auch für die Rechtsmedizin. Vor wenigen Tagen haben die beiden Präsidentinnen der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der auch ich seit dreißig Jahren angehöre, und des Berufsverbandes schön geschrieben: »Rechtsmedizinische Obduktionen liefern darüber hinaus unverzichtbare Daten für die Mortalitätsstatistik und damit für Prävention und Gesundheitsplanung. Erkenntnisse aus Todesfallanalysen (z.B. zum Drogenkonsum, häusliche Gewalt, Suizide) fließen unmittelbar in gesundheitspolitische Maßnahmen ein. Durch die rechtsmedizinische Aufarbeitung von potentiellen Behandlungsfehlervorwürfen wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und Qualitätssicherung im Gesundheitssystem geleistet. Rechtsmediziner haben durch Forschung zu den Risikofaktoren für einen Plötzlichen Kindstod (SIDS) zu dessen Inzidenzrückgang aktiv beigetragen.« In meinen Fall gilt auch für Täter aller Art, auch Serientäter, mit denen ich spreche: Wenn wir verstehen, wie und warum sie die Taten durchgeführt haben, dann können wir sie gemeinsam hoffentlich künftig leichter verhindern.

FW: Gleichberechtigung und Feminismus sind Themen, welche auch in der Wissenschaft und dem akademischen Bereich immer wichtiger werden. Während gerade die Naturwissenschaften früher Männerdomänen waren und Frauen der Weg an die Hochschulen erschwert wurde, ist es heute glücklicherweise anders. Wie sieht die Geschlechterverteilung in der Forensik aus? Und wie wird diese sich in den nächsten Jahren entwickeln?

MB: Das Fach wird von Frauen schon immer bevorzugt, weltweit.

FW: Wie sieht die Altersverteilung aus? Leidet auch die Forensik unter dem demografischen Wandel? Oder kommen genug junge Akademiker nach?

MB: Es kommen genug nach, da viele Menschen durch Krimis, Filme, Serien, Podcasts und dergleichen angezogen werden. Sie bleiben aber nicht im Fach, da die Arbeitsbedingungen nicht gut sind.

FW: Wenn ich Interesse an einer Tätigkeit in der Kriminalbiologie hätte, was wäre mein Eintritt? Was müsste ich studieren? Und wo? Uni oder FH? Gibt es bestimmte Hochschulen mit einem Schwerpunkt in diesem Bereich?

MB: Du kannst tatsächlich jedes technische oder naturwissenschaftliche Fach kriminalistisch einsetzen: Lacke, Handy-Daten, Insekten auf Leichen, Blutspuren, Erd-Körnchen. es gibt nichts, was nicht auch in der Kriminalistik von Nutzen sein könnte. Jedes entsprechende Studium passt also.

FW: Wo könnten sich Interessierte weiter Informieren? Und gibt es bestimmte Bücher oder andere Texte, die Sie für die die Vorstellung, dass es rein gute oder weitere Lektüre (unbedingt) empfehlen würden?

MB: Die Websites der Unis, Behörden, Firmen, Arbeitgeber:innen und so weiter sind natürlich immer gute Adressen. Wenn ihr Interesse an meinen Lebensweg habt, empfehle ich euch mein Buch Mein Leben nach dem Tod.

FW: Die Informatik wird auch in der Biologie immer wichtiger. Einige sagen, dass das Fach / Modul »Bioinformatik« mittlerweile eigentlich ein verpflichtendes Modul im Grundstudium jedes biologischen Studienganges sein sollte. Gerade die Künstliche Intelligenz ist das Stichwort der aktuellen Zeit. Welche Entwicklungsperspektiven ergeben sich innerhalb der Kriminalbiologie und der Forensik aus der Digitalisierung bzw. dem Einsatz von KI?

MB: Du kannst damit alle Massendaten untersuchen, beispielsweise Verwandtschafts-Datenbanken oder Handy-Daten.

FW: Und wo liegen die Gefahren?

MB: Dass Daten in unsozialer Weise verwendet — vor allem verknüpft — werden.

FW: Was hat Sie motiviert in die Kriminalbiologie zu gehen? Und was motiviert Sie noch heute? Ist es die akademische Forschung? Die Lehre? Oder der Beitrag beim Aufklären von Straftaten und beim Helfen, Gerechtigkeit zu bringen?

MB: Gerechtigkeit zu bringen? Gerechtigkeit gibt es nicht, das kannst du leicht messen. Urteile sind je nach Tagesform oder Ort eines Gerichtes sehr unterschiedlich. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche zudem, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass manche Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden. Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen und Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen. Die Vorstellung, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und waren oder sind. Wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht. Nur messbare Spuren helfen dann dabei, zu erkennen, ob die Stories stimmen, was wirklich wann und wo geschehen ist und wie wir darauf gründend weitere Taten verhindern können. Am liebsten sind mir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die, die eigentlich nur zählen, messen und sortieren wollen.

Anmerkungen

1) Otto Prokop (1921-2009) war ein österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner und forensischer Serologe. Ab 1956 war er als Professor an der Humboldt-Universität in Berlin tätig.

2) Mark Benecke 2006: »Wer's glaubt, ist selig...«. in: Der Stern, online: https://www.stern.de/kultu r/tv/csi—wer-s-glaubt—ist-selig---3320558.html.

3) Mark Benecke 2014: »Tattoos für die Völkerverständigung«. In: Tätowiermagazin 5/2014: 144.

4) Mark Benecke 2018: Menschenrassen. You-Tube: Dr. Mark Benecke's Official Youtube Channel.

5) Ritz S, Germerott T. 2025. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) und den Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner (BDRM) zu den »Empfehlungen zur fachlichen Entwicklung der Medizin mit einem Fokus auf vorklinische und klinisch-theoretische Fächer« des Wissenschaftsrates vom 31.10.2025. https://www.med.uni-wuerzburg.de/fileadmin/03230000/2025/2025-11-10_Stellungnahme_VVR_Bericht_-_signed_final.pdf.

6) Mark Benecke, Hock A 2019: Mein Leben nach dem Tod. Wie alles begann.

Mark bei Radio Essen

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke besucht Radio Essen mitten in der Innenstadt (25. März 2026)

Radio Essen

Saddams Koran

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7./8. März 2026, Nr. 55, Seite 56

DEM GEHEIMNIS AUF DER SPUR

Von Josef Scheppach

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Diese Abschrift des Zentralbuches des muslimischen Glaubens wurde mit dem Blut des irakischen Diktators Saddam Hussein geschrieben - so zumindest stand es im offiziellen Regierungsbulletin. Die Geschichte dieses Dokuments begann am frühen Abend des 12. Dezember 1996. Ein Porsche röhrte durch den wohlhabenden Stadtteil al-Mansour in Bagdad. Am Steuer: der damals 32-jährige Udai, Husseins ältester Sohn. Seine Verbrechen - Vergewaltigungen, Folter, Morde - hatten so großen Hass im Volk geschürt, dass ihm nun Attentäter auflauerten: 37 Schüsse wurden abgefeuert, mindestens sieben fanden ihr Ziel.

Aber Udai überlebte. Zwar steckten weiterhin zwei Kugeln in seiner Wirbelsäule. Doch wie durch ein Wunder blieb nur ein starkes Humpeln zurück. Für die Genesung seines Sohns und für sein eigenes Überleben im Ersten Golfkrieg wollte Hussein dem Allmächtigen danken - auf denkbar makabre Weise: Gottes Wort sollte mit seinem eigenen Blut niedergeschrieben werden. Für das Vorhaben wählte der Diktator Abbas Shaker al-Baghdadi aus.

„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und bin darüber fast blind geworden", klagte der renommierte Kalligraf später in einem TV-Interview im saudischen Fernsehen. Zwei Jahre lang schrieb er die rund 323 670 Buchstaben des Korans nie-der: jeder zwei Zentimeter hoch und ebenso breit. Auch die Ränder der Seiten verzierte er dekorativ. 27 Liter Blut sollen dem Diktator Saddam Hussein für dieses Werk abgenommen worden sein; also mehr als viermal die Menge seines gesamten Bluthaushalts.

„Eine so enorme Blutspende in so kurzer Zeit ist aller Voraussicht nach nicht ohne gesundheitliche Einschränkungen möglich", sagt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich Institut - zuständig für die Überwachung von Blutspenden. Es drohe eine Anämie (Blutarmut) mit Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche.

Ob Hussein dieses Risiko trotzdem eingegangen ist? Zumal für einen Sohn, der 1995 Husseins Halbbruder zum Krüppel geschossen und 1988 den Vorkoster und Lieblingsleibwächter seines Vaters mit einem elektrischen Messer abgeschlachtet hatte? Wie viel eigenes Blut war ihm so ein gewissenloser Sohn wert? Wie sicher kann man sein, dass sich in den Blutkonserven nicht das Blut der Opfer von Husseins zahllosen Gewalttaten be-fand? Es gibt zwar Fotos, die zeigen, wie Saddam Blut abgenommen wird, aber war das mehr als nur Propaganda?

Kaum ausgestellt, wurde das Werk von vielen Gelehrten in unterschiedlichen Ländern als unzulässig verurteilt. „Schließlich gilt Blut laut dem Koran nur so lange als halal (rein), als es im jeweiligen Kreislauf von Mensch oder Tier fließt. Wird es vergossen, gilt es als harām, also verboten oder unrein", erklärt Islamkenner Ahmad Mansour.

„Kein Muslim käme auf die Idee, die heilige Schrift absichtlich mit Blut zu beschmutzen." Mit einem Trick versuchte Saddam, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das Blut wurde an der Bagdader Universität mit einer Chemikalie versetzt, die es in eine Art von Tinte verwandeln sollte", erklärte der Kalligraf „Es wurde wohl mit EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) versetzt”, vermutet der Forensiker Mark Benecke. „Dann klumpt es nicht, und die Schrift bleibt jahrelang lesbar”.

605 lose Blutseiten im A3-Format wurden im September 2000 mit großem Pomp im Komplex der Umm-al-Ma'arik-Moschee (Mutter-aller-Schlachten-Moschee) ausgestellt: in einer meterlangen Glasvitrine in einem sechseckigen Marmorgebäude, das auf seiner Spitze ein Minarett in Form einer Scud-Rakete trägt.

Eine Besichtigung war nur besonderen Besuchern erlaubt. 2003 wurde Hussein gestürzt, wenige Monate später von US-Soldaten mit wirrem Haar und irrem Blick in einem Erdloch aufgefunden und gefangen genommen. Und der Blutkoran? Während der US-Invasion nahm Scheich Ahmed al-Samar-rai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Irak, einzelne Koranseiten mit nach Hause. „Ich wusste, dass intensiv nach dem Blutkoran gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen", erklärte er einem Reporter des Guardian.

Samarrai zufolge wurden die anderen Seiten des Blutkorans in der Moschee in einer kugelsicheren Kiste hinter drei Türen aufbewahrt. Für eine Tür habe er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte sei der Schlüssel irgendwo in Bagdad versteckt worden. Doch als 2018 ein Reporter des Guardian die Moschee aufsucht, versichert der Imam: Der Koran ist verschwunden." Über den Verbleib wisse er nichts. Später will ihn ein anderer Reporter in einem Museum gesehen haben. Aber dort ist er nicht mehr.

Dass seit Jahrzehnten über den Aufbewahrungsort dieses bizarren Relikts gerätselt wird, dürfte jenen im Irak ganz recht sein, die der Ansicht sind, dass alles, was an den Diktator erinnert, vom Erdboden getilgt werden sollte.

Auch deutsche Muslimvertreter kritisieren das Werk. „Hussein galt als nicht religiös", erklärt Professor Mouhanad Khorchide, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie. „Sein Werk wurde von vielen als politisch motiviert und als Verunglimpfung des Koran betrachtet."

Wo auch immer der „Saddam-Koran" verborgen sein mag - er ist ein Mahnmal des blutrünstigen Diktators und er hat ihm kein Glück gebracht. Saddams Söhne Udai und Qusai wurden im Juli 2003 in einem Feuergefecht mit amerikanischen Soldaten getötet. Im Dezember wurde Saddam selbst gefangen genommen und drei Jahre später verurteilt und hingerichtet wegen zahlloser Verbrechen, unter anderem den Massakern an Schiiten und Kurden.