Selige DNS-Analyse

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 33/2004 vom 10. Februar 2004, Seite 9

Rechtsmediziner überprüfen ein christliches Wunder
Von: Mark Benecke

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Ob die Überreste eines Heiligen echt sind, ist nicht immer wichtig. Zuhauf gibt es Kreuzes-Nägel und Vorhäute Christi, und auch die Mikroreliquien aus dem Skelett des Heiligen Severin wecken immer wieder Zweifel. Macht nichts, findet Joachim Oepen vom historischen Archiv des Kölner Erzbistums: "T-Shirts von Madonna oder Schuhe von Maradona erzielen bei Ebay enorme Preise. Ob sie echt sind oder nicht, ist zweitrangig."

Bei der Seligsprechung moderner Wundertäter aber möchte es die Kirche genauer wissen. Darum konnte die DNS-Arbeitsgruppe des Münchner Instituts für Rechtsmedizin unter Vermittlung eines Fernsehsenders und der Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse des bischöflichen Konsistoriums in Regensburg Blutund Speichelproben der "Therese von Konnersreuth" untersuchen. Sie war 1898 als Therese Neumann geboren worden, wurde nach mehreren Stürzen bettlägrig und erblindete 1919. Doch 1923, am Tag der Seligsprechung der "Therese von Lisieux" , konnte sie plötzlich wieder sehen, und als jene 1925 heilig gesprochen wurde, löste sich auch die Lähmung.

Sehr schnell pilgerten dann Scharen zur "Therese von Konnersreuth", weil sie die Leiden Christi so intensiv erlebte, dass mehrere Stigmata an ihrem Körper bluteten. Obwohl die bayrische Bischofskonferenz schon 1927 dringend riet, "alle Besuche dort zu unterlassen" und "über die Vorgänge in Konnersreuth nicht abschließend zu urteilen, bis die kirchliche Autorität selbst entschieden hat", wurde Therese zur christlichen Volksheldin. Die Menschenrnassen überrannten das kirchliche Verbot und beteten mit Therese, bis sie 1962 starb. Inzwischen liegen dem zuständigen Bistum angeblich tausende Bitten vor, Thereses Seligsprechung einzuleiten. Dagegen mahnen Theologen wie der Regensburger Priester Josef Hanauer: "Bei näherem Hinsehen erweist sich vieles als Menschen-Machwerk, nicht Gottes Werk."

So kamen die Münchner Rechtsmediziner ins Spiel. Sie konnten drei Proben überprüfen: eine durchblutete Verbandskompresse von einem der blutenden Male, die Klebeleisten zweier von Therese geschriebenen, frankierten und zugeklebten Briefe sowie eine Speichelprobe einer lebenden Nichte von Therese Neumann. Vor wenigen Tagen nun legten die Forscher Burkhard Rolf, Birgit Bayer und Katja Anslinger auf dem Spurenworkshop der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in Köln ihre Ergebnisse vor.

Die Münchner Forensiker konnten DNS-Abschnitte, die sie aus dem Zellkern und aus Mitochondrien aus dem Blut der Kompresse isoliert hatten, mit DNS aus dem Speichel am Briefumschlag vergleichen: Die Zellen stammten beide von derselben Person - und das war am ehesten Therese Neumann. Zudem fand sich im Speichel der Nichte die gleiche Mitochondrien-DNS wie in den beiden Bio-Spuren von Therese. Da dieses Erbgut nur über die mütterliche Linie weitergegeben wird, war klar, dass das Blut aus Therese Neumanns Wunden nicht von heimlich geschlachteten Haustieren, sondern tatsächlich aus dem Körper der Verehrten stammte.

Das beweist aus naturwissenschaftlicher Sicht aber keineswegs die wundersame Stigmatisierung. Im Gegenteil: Auf Fotografien der Therese wirken die Blutspuren ihrer Kleidung und unter ihren Augen in Form und Lage unnatürlich aufgetupft und wie hingeschmiert. Am ehesten stammen sie, wie bei vielen anderen Blut-Mirakeln, aus selbst beigefügten Wunden. Dennoch könnte die DNS-Untersuchung für die Kirche zum "Beweis" der Stigmatisierung werden: Die übrigen Wunder - Visionen von Engeln, jahrelange Nahrungsverweigerung und aramäische Sprech-Akte - sind schließlich allesamt unüberprüfbar.
 

Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.