AW: Es gibt viele Forscher und Forscherinnen, die Pionierarbeit leisten und deren bahnbrechende Erkenntnisse einen großen Mehrwert für die jeweilige wissenschaftliche Disziplin und die Gesellschaft haben. Doch ganz besonders bleiben uns diejenigen im Gedächtnis, die ihre Leistungen trotz widriger Umstände oder entgegen fest etablierter Lehrmeinungen und Glaubenssätze erbringen und einen Wandel auslösen. Wie Andreas Vesal, der menschliche Körper erstmals systematisch zergliederte und mit seinen Erkenntnissen die jahrhundertelang vorherrschenden Lehrmeinungen revolutionierte. Das war zu Zeiten der Inquisition vermutlich kein leichtes Unterfangen. Auch Gunther hat als Erfinder der Plastination zweifelsohne seinen Platz in der Anatomiegeschichte gefunden. Mit seiner bahnbrechenden Konservierungsmethode hat er die anatomische Lehre maßgeblich verbessert und mit den Körperwelten die Anatomie einem breiten Massenpublikum zugänglich gemacht oder, wie er selbst gern sagt, »die Anatomie demokratisiert«. Körperwelten hat den Blick der Menschen auf sich selbst nachhaltig verändert und einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsaufklärung geleistet. Ich selbst habe die Ausstellung von Anbeginn inhaltlich konzipiert und gestaltet und habe damit an diesem Erfolg bedeutsamen Anteil. Doch den anfänglichen heftigen Kontroversen und Forderungen nach Verboten bis hin zu persönlichen Anfeindungen hätte ich niemals standhalten können; das ist allein Gunthers Verdienst. Mit der gleichen Unbeirrtheit und dem Durchhaltevermögen, mit dem er die Plastination – trotz scharfer Kritik und Ablehnung seiner Fachkollegen – von der initialen Idee bis hin zur Perfektion entwickelte, hat er auch diesen Kulturkampf ausgetragen.
Hast Du alte, anatomische Lieblings-Bücher, die du besonders gerne gelesen hast oder in die Du immer noch hineinschaust – und falls ja, wo und wann hast Du sie entdeckt?
AW: Anatomiebücher sind weniger Werke, in denen ich immer wieder gerne lese (schmunzelt). Aber manche anatomischen Darstellungen finde ich derart ästhetisch und künstlerisch gelungen, dass ich sie immer wieder gern anschaue. Dazu gehören vor allem die Abbildungen in der Fabrica von Andreas Vesal und die kunstvollen anatomischen Zeichnungen von Leonardo da Vinci. Auch die ungewöhnlichen Darstellungen des Anatomen Frederik Ruysch, der aus injizierten Blutgefäßen und klagenden Kinderskeletten kleine Landschaften schuf und diese in Zeichnungen festhielt, fand ich stets sehr bemerkenswert. Dafür näher interessiert habe ich mich eigentlich erst, als ich nach dem Medizinstudium meine erste Stelle am Anatomischen Institut in Heidelberg angenommen hatte.
Das Interview mit Gunther von Hagens fand von Januar bis März 2024 statt und war nur durch die sehr freundliche Unterstützung von Angelina Whalley und Rebecca Brewer möglich, denen ich von Herzen danke. – MB
Gunther von Hagens ist Anatom, Erfinder der Plastination und treibende Kraft hinter den Körperwelten-Ausstellungen mit haltbar gemachten Menschen und Tieren, die seit den 1990er Jahren weltweit zu sehen sind. Er studierte in Jena Medizin und saß wegen Republikflucht in der DDR im Gefängnis.
Angelina Whalley konzipierte bereits 1988 die erste öffentliche Ausstellung in der AOK-Geschäftsstelle Pforzheim* und entwirft seit 1995 die Körperwelten-Ausstellungen. Sie ist Ärztin und mit Gunther von Hagens verheiratet. Körperwelten ist die besucherstärkste Ausstellung, die es weltweit je gab. Die Plastination hat die universitäre Anatomie-Lehre grundlegend verändert, da die Körperteile dabei sehr stabil sowie lebensgetreu darstellbar sind. Das Plastinarium in Guben ist sowohl Ausstellungsfläche als auch Herstellungs-Ort der Plastinate. Es ist in einer ehemaligen Hut-Fabrik untergebracht.
Mark Benecke ist Kriminal-Biologe und Sachverständiger für biologische Spuren. Nach seiner Rückkehr vom Office of Chief Medical Examiner in New York City arbeitete er bei der Körperwelten-Ausstellung in Köln und führt bis heute Kurse im Plastinarium durch.