Ausstellung 'Sex Work' / Bundeskunsthalle (2026)

Kommt mit in die Ausstellung 'Sex Work' in der Bundeskunsthalle 🎭 Sex-Arbeitetin Nicole Schulze aus dem Vorstand des BesD — Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. sowie ihre äußerst korrekte Schwiegertochter nebst einem freundlichen Vertreter des Kund:innen-Verbandes staunen über die enorme Breite des Dargebotenen 🤩

Nicole & ich sind sogar als Ausstellungs-Stücke vertreten ☺️ Hut ab an die Ausstellungs-Macher:innen 🎩  

Herzlich eure: Gang

→ Vom Kölner Straßenstrich ins Museum. Sexarbeiterin Nicole: „Das erste Mal war Französisch für 30 Euro“

→ Das 'Nordische Modell' (Sex-Kauf-Verbot)

→ Mark Benecke – meine liebsten Sexcomics: Von Sweet Gwendoline bis Sonnenstein


Marks Vorwort zu Nicoles Buch “Sex-Arbeit”

ISBN ‎ 979-8171544546 (Okt. 2026)

Alle Sex-Arbeiter:innen, die ich kenne, verdienen mit ihrer Arbeit selbst gewählt ihren Lebens-Unterhalt. Für viele war und ist es ein zeitweiser Nebenjob, um die Einkünfte für die Familie oder sich selbst aufzustocken.

Ich schreibe im Folgenden nur von ihnen.

Menschenhandel, Trickser:innen und Sklaverei lehne ich ab.

Alright — fragen wir zunächst einmal Dominas und angeblich "unterwürfige Damen" (Eigen-Bezeichnung — in Wahrheit bestimmen natürlich diese, was geht und was nicht) mit hohen Stundenlöhnen nach ihrer Berufs-Wahl. Eine der in Deutschland bis vor wenigen Jahren bekanntesten, vollberuflichen Dominas meldet: “Sex-Arbeit haben wir im Studio nicht durchgeführt: Wir hatten keinen Sex mit den Gästen. Den Job haben wir gemacht, weil wir eh gerne in der Fetisch-Szene unterwegs waren und es meist auch privat ausgelebt haben. Natürlich hat auch Geld eine Rolle gespielt. Aber wir haben es vor allem gemocht, von Männern vergöttert und beschenkt zu werden.”

Dass die (in diesem Fall heterosexuellen) Gäste natürlich sehr wohl sexuelle Handlungen insofern durchgeführt haben, als dass ihre Fantasien sich auch körperlich ergossen, ist klar. Zu dieser Einzelheit kommen wir gleich noch.

Eine weitere Freundin, die als “Escort” also im Begleit- Geschäft in der Regel für Geschäfts-Reisende, aber auch reiche Rentner unterwegs ist, und die ebenfalls ordentliche, aber schon nicht mehr ganz so hohe Summen aufruft, hat Sex mit den Gästen: “Das ist doch der Sinn der Sache”, findet sie. Bei ihrer folgenden Schilderung schimmert schon deutlich durch, was auch Nicole Schulze als ihre Anfänge beschreibt: Sexuelle Offenheit plus gutem Verdienst.

“Ich wohne in einer Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern. Viele hier haben Nebenjobs; anders können wir in unserer Welt aus niedrigen Löhnen und hohen Mieten nicht durchkommen. Ich habe mir als Nebenberuf die Sex-Arbeit ausgesucht, und ich liebe den Job. Das liegt vor allem an meinem Haupt-Beruf. Der läuft wochentags von neun Uhr vormittags bis fünf oder sechs Uhr abends. Meinen Neben-Beruf kann ich völlig frei darum herum gestalten und planen. Früher habe ich freiberuflich kreativ gearbeitet.

Während der Pandemie brachen die Aufträge weg. So begann ich die Sex-Arbeit. Sie sicherte mir ein Dach über dem Kopf — mittlerweile habe ich mir sogar eine Eigentumswohnung gekauft —, sie hat mein Master- Studium bezahlt, und sie ermöglicht mir vielleicht den Wiedereinstieg in den Kreativ-Bereich. Jetzt, als tagsüber fest Angestellte, genieße ich es zusätzlich, in meinem Neben-Job dem ziemlich langweiligen Alltag zu entfliehen. Manchmal sitze ich schon morgens um acht Uhr an meinen Schreibtisch, mache mir in der Mittagspause die Haare und schminke mich für abends, klappe um halb sechs meinen Laptop zu und gehe um sechs aus dem Büro.

Vielleicht gehe ich dann mit einem Sex-Klienten Abendessen oder flitze zum Zug oder Flughafen zu einem bezahlten Sexdate, und schon sind mein Schreibtisch und mein Arbeitstag vergessen.

Ich mag es, jederzeit mit jedem Gesprächs-Inhalt der Kunden umgehen können zu müssen: Meinungen, denen ich zustimme, und viele, denen ich nicht zustimme. Privat esse ich schon mal Tofu, gehe zur Psycho-Therapie und lebe ein großstädtisches Mittelklasse-Leben. Aber bei der Sex-Arbeit kann ich ganz anderen Menschen begegnen.

Wichtig ist, dass sich meine Begleiter wohlfühlen und die Gespräche diplomatisch ablaufen. Das finde ich herausfordernd und anregend- Jeder Klient ist anders, mit anderen Bedürfnissen, Wünschen, Interessen und Problemen. Sie kommen aus unterschiedlichen Verhältnissen und Kulturen, und ihre Stimmung wird von ihrem Arbeits-Tag, ihrem Leben und ihrer Einstellung bestimmt. Viele Kunden wünschen sich von mir bestimmte Abläufe im Voraus. Dann muss ich entsprechend gekleidet und ausgerüstet erscheinen. Aber es läuft selten wie erwartet. Ein Bondage-Kunde, der bereits wie ein Rollbraten gefesselt ist, entscheidet sich vielleicht mittendrin, dass er doch keine Lust mehr auf Seile hat. Andere möchten etwas zum allerersten Mal ausprobieren. Manche schicken mir vorab eine Liste mit extrem erscheinenden Handlungen, aber dann wollen sie doch nur kuscheln und festgehalten werden.

Was auch immer nachts passiert: Am nächsten Tag (oder Montag) sitze ich wieder an meinem Schreibtisch, wahrscheinlich müde, öfters auch verkatert, aber ich fühle mich verdammt viel freier, als wenn ich zu Hause geblieben wäre.”

Ähnliche Beweggründe zur Sex-Arbeit habe ich in Gesprächen schon oft gehört. Der Unterschied zur von uns allen zurecht und grundsätzlich geschmähten Sex-Sklaverei ist überdeutlich. Es lohnt sich, mit den Sex-Arbeiter:innen zu reden anstatt über sie.

Nicole Schulze beschreibt einen weniger glitzrigen Bereich des Berufes. Da ich hier nichts aus ihrem Text verraten möchte, schildere ich hier nur einen kurzen Eindruck von und mit ihr, den ich nie vergessen werde: Den Ernst und die Klarheit, mit denen Nicole auf den Demonstrationen gegen die Pandemie-bedingten Einschränkungen der Sex-Arbeiter:innen gesprochen hat. Kein Mensch wusste damals, wie es weitergeht. Sex mit FFP2-Maske war auch schwierig vorstellbar. Und da stand Nicole als eine der wenigen mit klarem Blick, unversteckt und mit echtem Namen — die meisten andere trauten sich das nicht — im Schatten des Kölner Domes und schilderte, dass sie gerne ihre Freiheit, bei ihr im Sex-Wohnmobil, genieße und sie sich diese nicht wegnehmen lassen möchte.

Während andere Sexarbeiter:innen, beispielsweise aus einem bekannten Kölner Bordell, als Gruppe auftreten konnten, und weitere (das haben sie oben schon gelesen) der Auffassung waren, dass sie nichts Sexuelles mit den Gästen anstellten und wieder andere aus dem reinen Fetisch- und weiteren Spezial-Bereichen kamen, stand Nicole da mit ihrem Reisewagen, den sie zur Domplatte gebracht hatte, felsenfest und erkennbar voller Energie am Mikrofon. So sieht Ehrlichkeit, frei von Trotz und Wortgeklingel aus.

Könnten Sex-Arbeiter:innen eigentlich beruflich nicht etwas anderes machen? Könnten sie. Doch warum? Machen sie doch selbst beruflich etwas anderes. Jeder, nochmal, ja, oft aus Geld-Gründen gewählte Beruf ist eine private Entscheidung. Oder würden sie, liebe Leser:innen, ihren Beruf auch ohne Bezahlung durchführen? Würden sie ihn aufgeben, weil er ihren Nachbarn nicht gefällt? Wohl kaum beziehungsweise hoffentlich nicht.

Lassen wir also diejenigen, die wie Nicole Schulze freiwillig Sex-Arbeit anbieten, in Ruhe ihr Ding machen. Egal, ob sie körperliche Hilfereichungen für Menschen mit Behinderungen anbietet, Kuschel- und Plauderstunden für einsame Herzen, ein bisschen Fantasie oder sexuelles Blitzableiten.

Sex-Arbeiter:innen müssen zwangsläufig mit Menschen umgehen können. Wie oft ich schon den nur halb als Scherz gemeinten Zuruf gemacht habe, dass es sich bei Sex-Arbeit im Kern um soziale Arbeit handelt, kann ich gar nicht mehr zählen.

Damit kommen wir zum letzten Dreh in dieser Einleitung.

Wer Sexarbeiter:innen aufsucht, der sucht neben Abenteuer, Geschlechtsverkehr, Entspannung und allem, was man sich sonst so denken kann, vor allem einen Moment der Bindung. Das kann wortwörtlich durch die schon erwähnten Einschnürungen geschehen, aber auch durch Reden über die verstorbene Ehefrau oder eben offene Gespräche über sexuelle Wünsche. Es ist erleichternd, wenn ein Mensch nicht alleine ist mit seinen oder ihren Gedanken. Viele, auch verpartnerte Menschen trauen sich nicht, die gesicherte Wohlfühl-Ebene ihrer Alltags-Beziehung zu verlassen oder überhaupt erst eine solche einzugehen. Sex-Arbeit dreht sich also immer erstmal um Bindung, Vertrauen, Nähe, Fantasie und alles, was Lebewesen sonst so gerne haben. Als Kinder, wenn sie eine Wahl haben, fordern wir das alles von unseren Eltern ein. Ganz ohne Sex.

Viel mehr ist es nicht. In der Sex-Arbeit treffen sich dann die Enden der menschlichen Bedürfnisse: Geborgenheit und Bindung auf der einen und Sex auf der anderen Seite. Dazwischen liegt der Rest des Lebens. Niemand behauptet, dass Sex-Arbeit ein Zuckerschlecken ist. Weder Nicole Schulze noch ich streiten außerdem ab, dass Drogen einschließlich Alkohol im Milieu öfters unterwegs sind. Doch es stimmt auch: Erst kommt eine unangenehme Kindheit und dann die Drogen und der Alkohol. Nicht umgekehrt. Niemand glaubt daher, dass es unter Sexarbeitenden nicht auch zu Trickserei und Blendung kommen kann. Doch Zuhälterei, Dreiecks-Beziehungen, aber auch das Auftreten der Polizei und von Sozialverbänden kann viele, oft überraschende Gesichter haben. Sie werden hier im Buch einiges dazu lesen. Eines scheint mir vielen Menschen zu fehlen, die über Sex-Arbeiter:innen sprechen: Persönlicher, alltäglicher und nachbarschaftlicher Kontakt. Wenn sie bloß wüssten, wie viele Studierende eine Zeitlang nebenher — ja, nur zum Geld verdienen — der Sex-Arbeit nachgehen, würde manche und mancher vielleicht sehr nachdenklich werden. Wetten, dass sie persönlich, vielleicht auch ehemalige, Sexarbeitende kennen, auch wenn sie selbst noch nie Kunde, Gast, Kundin oder Dienstleistende waren?

Zuletzt noch eine Rand-Bemerkung. In meinem Leben waren Sex-Arbeitende oft diejenigen, die mir, beispielsweise, wenn es bei einem Konzert glühend heiß war, ungefragt ein Sprudelwasser ausgegeben haben. Sie haben mir immer ehrlich gesagt, was sie — beispielsweise in meinen Video-Interviews — besprechen wollten und was nicht. Sie sind viel klarer und ehrlicher als es in abgenudelten und oberflächlichen Vorstellungen wirkt.

Selbstverständlich wissen Sexarbeitende auch, dass sie nicht im Zwanzigminuten- oder Einstunden-Takt oder früh morgens mit Mundgeruch nach einer harten Nacht einen Orgasmus nach dem anderen erleben. Das ist ein Schauspiel. Und das gehört in die bezahlte Zeit und die Fantasie der Gäste.

Mark Benecke

London, Juni 2026


Offizieller Text des Museums:

»Diese Ausstellung enthält explizite Darstellungen von Sexualität und Körperlichkeit. Bitte entscheiden Sie selbst, ob Sie diese Ausstellung besuchen möchten. Wir empfehlen einen Besuch ab 16 Jahren.

Die Geschichte der Sexarbeit lässt sich von weit vor der Antike bis in die Gegenwart verfolgen. Welches Menschenbild die Zeit prägte, welche Werte galten und wer Macht ausübte, lässt sich auch daran ablesen, wie gesellschaftlich mit Sexarbeit umgegangen wurde. Sie bedeutete in manchen Zeiten für Frauen eine von wenigen Möglichkeiten, selbständig Einkommen zu generieren. 

Ihre Geschichte wurde bislang meist aus einer Außen-perspektive geschildert. Die Ausstellung SEX WORK erzählt die Geschichte anders: Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen wird in der Bundeskunsthalle Kunst, Kulturgeschichte und Archivmaterial präsentiert, orientiert an einem zentralen Prinzip: Nichts über uns ohne uns!

Die Ausstellung setzt Schlaglichter auf Kunst- und Kulturgeschichte ebenso wie auf gesellschaftspolitische Themen der Gegenwart. In der bildenden Kunst spielten Hetären, Dirnen, Kurtisanen und Nackttänzerinnen lange Zeit vorrangig eine motivische Rolle, wurden allenfalls als Musen wahrgenommen. 

Dass Sexarbeiter*innen auch eine schöpferische, künstlerische Rolle einnehmen, ist eine Perspektive, die hier sichtbar gemacht wird. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit zu erzählen heißt, ein Terrain zu betreten, das von moralisierenden und hochpolitischen Diskursen durchzogen ist. Medien und Popkultur greifen bei der Darstellung von Sexarbeitenden nur zu gerne auf eindimensionale Stereotypen zurück. 

Die öffentliche Debatte pendelt zwischen moralischer Verurteilung und Positionen, die jede Form der Sexarbeit pauschal als Ausbeutung einstufen. Die im Kontext der Sexarbeit gebräuchlichen Begriffe spiegeln seit jeher soziale Verhältnisse, Machtstrukturen und Geschlechterordnungen wider. 

Während historische Bezeichnungen wie „Hure“ oder „Dirne“ primär eine moralische Stigmatisierung markierten, rückt der Begriff „Sexarbeit“ den Aspekt der Erwerbstätigkeit in den Fokus und löst diese von einer festgeschriebenen Identität. Zusammen mit Sexarbeitenden kreiert, ermöglicht die Ausstellung historische und aktuelle Einblicke in die Sexarbeit sowie Perspektiven auf Arbeits- und Menschenrechte.

DAS ZENTRALE PRINZIP: NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS!

Die Geschichte der Sexarbeit ist geprägt von einem Wechselspiel aus Restriktion, Verfolgung, Duldung und Liberalisierung. Im 17. Jahrhundert waren Dirnen ein gängiges Motiv niederländischer Genremalerei – als Projektionsfläche erotischer Fantasien oder Spiegel moralischer Vorstellungen. 

Die enge Verbindung von Handel, Migration und Sexarbeit war kein Randphänomen, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen urbaner Räume. Auch im Paris des 19. Jahrhunderts waren Kunst und Erotik eng verflochten: Von Tänzerinnen der Oper erwarteten wohlhabende Männer sexuelle Gefälligkeiten für ihr „Mäzenatentum“. 

Im Nachtleben der großen westlichen Metropolen entwickelte sich ab 1900 ein neuer, freiheitlicher Zeitgeist, mit dem sich Künstler*innen, Intellektuelle und die Bohème gegen die konservative Gesellschaft auflehnten. Im Berlin der 1920er Jahre, zwischen Glitzer, Rauch und Jazz, entstand ein kurzer Traum, der auch Frauen und queere Personen auf mehre Rechte hoffen ließ – bis die Nationalsozialisten diese Vielfalt gewaltsam zerstörten. 

Zu den Verfolgten und in Konzentrationslagern ermordeten Opfern des Nationalsozialismus zählten auch vermeintliche oder tatsächliche Sexarbeiter*innen. Seit den 1980er-Jahren verschaffen sich Sexarbeiter*innen zunehmend Gehör. Restriktive Maßnahmen und öffentliche Stigmatisierung im Zuge steigender Polizeigewalt, Gentrifizierung und der AIDS-Krise führten zu Protesten und organisiertem Widerstand – oft in Solidarität mit der queeren Community. 

Trans*Sexarbeitende standen an vorderster Front der queeren Bürgerrechtsbewegung. Für Sexarbeitende ist diese Erfahrung von Gemeinschaft entscheidend, um Stärke und Unabhängigkeit zu entwickeln. Räume, in denen über Erfahrungen und Traumata gesprochen werden kann, ohne auf eine Opferrolle reduziert zu werden, schaffen Selbstwirksamkeit und Schutz. Davon handeln viele der Objekte und Erzählungen aus dem Sexarbeitenden-Archiv Objects of Desire. 

Die persönlichen Geschichten drehen sich um Liebe, Freude und Scham, um Angst und Frustration wie auch um ganz alltägliches Schuften bei der Arbeit. Die Ausstellung lädt dazu ein, Einblick in diese Räume zu nehmen – und neue Perspektiven auf ein von Vorurteilen und Tabus geprägtes Thema zu gewinnen.«

Vom Kölner Straßenstrich ins Museum. Sexarbeiterin Nicole: „Das erste Mal war Französisch für 30 Euro“

Quelle: Express Köln, 8. April 2026

Von Iris Klingelhöfer

Nicole Schulze demonstrierte 2021 mit anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Das Foto zeigt sie mit Kölns bekanntem Kriminalbiologen Mark Benecke („Dr. Made“). 

Nicole Schulze hat viele Jahre auf dem Kölner Straßenstrich gearbeitet. Jetzt ist die Sexarbeiterin Teil einer Ausstellung geworden. 

Französisch für 30 Euro – Sexarbeiterin Nicole Schulze (46) erinnert sich noch sehr gut an ihren ersten Freier. Das war 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße und hat fünf Minuten gedauert. 

Inzwischen blickt die 46-Jährige nicht nur auf eine lange Berufszeit zurück, sondern ist auch Vorsitzende des Berufsverbandes Sexarbeit, eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz – und Teil der Ausstellung „Sex Work“ in der Bonner Bundeskunsthalle. 

Dort ist unter anderem ein Foto von ihr zu sehen, wie sie 2021 mit einem Wohnmobil und anderen Sexarbeiterinnen vor dem Kölner Dom stand – als Protest gegen die Kampagne „Rotlicht Aus“. Neben ihr auf dem Foto ist Kölns bekannter Kriminalbiologe Mark Benecke („Dr. Made“). 

„Ich hatte für die Ausstellung mehrere Fotos geschickt und sie haben sich für das von der Demo entschieden. Wir haben gegen die Kampagne ‚Rotlicht Aus‘ demonstriert, weil wir gesagt haben, wir müssen das Rotlicht nicht aus-, sondern anmachen“, erklärt Nicole. 

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle sei sehr gut. Auch von der Geschichte her. Nicole: „Dass die Sexarbeitenden Rechte benötigen und nicht unter Sigmatisierung leiden.“ Sie fühle sich in der Ausstellung sehr gut vertreten. Dort liegt auch ein Flyer vom Berufsverband Sexarbeit, dessen Vorstandsvorsitzende sie ist.

„Sie haben auch den Aktivismus von heute und natürlich auch von früher dargestellt. Wenn man jetzt an die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt denkt – die war ja nachher reicher als ihre Freier, hat das tollste Auto gefahren und wurde trotzdem ermordet. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Auch diese traurige Geschichte ist in Bonn ausgestellt“, erzählt die Kölnerin, die zur Vernissage anlässlich der Ausstellungseröffnung am 1. April eingeladen war.

Nicole Schulze hat ab 2004 auf dem Kölner Straßenstrich Geestemünder Straße gearbeitet. Inzwischen ist sie Sexualassistenz-Expertin.

Die Ausstellung spiegelt auch ihre eigene Geschichte wider. „Ich habe damals auf der Geestemünder in Köln angefangen, weil ich Schulden hatte. Ich hatte kein Geld, war dann auch von einem Loverboy abhängig. Ich war sieben Jahre lang abhängig, habe mein Geld abgedrückt. Es ist natürlich keine schöne Erfahrung, wenn man so behandelt wird“, erklärt Nicole.

Aber sie gibt nicht der Sexarbeit die Schuld daran. Die 46-Jährige sagt aus ihrer Sicht: „Weil, damit habe ich mein Geld verdient, ich gebe die Schuld der toxischen Beziehung, die ich mit meinem damaligen Freund geführt habe. Der hat mich ausgenutzt. Es war nicht die Sexarbeit. Ich war gerne an diesem Platz an der Geestemünderstraße. Wenn ich mich jetzt mit alten Kolleginnen treffe, bezeichnen wir das als unser Wohnzimmer.“ 

Mit 24 Jahren hat sie angefangen. „Ich habe mich auch bewusst für die Geestemünder entschieden, also für Straßenprostitution, weil ich kein Geld hatte. Ein Bordell, ein Zimmer dort, im Pascha hat schon damals 150 Euro pro Tag gekostet. Das Geld hatte ich ja gar nicht.“

Nicole Schulze (heute 46) hat 2004 auf dem Straßenstrich Geestemünder Straße angefangen. Heute ist sie Sexualassistenz-Expertin, Vorsitzende des Bundesverbandes Sexarbeit und Teil der Ausstellung Sex Work, die am 1. April 2026 in der Bonner Bundeskunsthalle eröffnet wurde.

Schulden hatten sich angehäuft, auch, weil sie damals mit einem Mann zusammen war, der das sauerverdiente Geld verspielte. Dazu zwei kleine Kinder. „Weil kein Geld da war, habe ich Lebensmittel geklaut“, gesteht sie. Doch irgendwann habe sie sich die Frage gestellt: Wie geht es mit meinem Leben weiter? Klaue ich weiter? Bleibe ich mit dem Mann zusammen?

„Ich habe mich für den Weg der Trennung entschieden. Und in der Sexarbeit selbst habe ich die Möglichkeit gesehen, Geld zu verdienen. Was ich nicht bedacht habe, ist, dass dieses riesengroße Stigma dann auf mir lastet“, so Nicole. „Dass wir zum Beispiel keinen Bankkredit bekommen, keine Bank stellt einer Prostituierten einen Kredit zur Verfügung, obwohl wir gutes Geld verdienen. Dann bleibt uns eigentlich gar nichts anderes übrig, als in Abhängigkeiten reinzugehen. Dann sind wir abhängig und bekommen unser Leben ohne andere Menschen gar nicht in den Griff.“ 

Von der Geestemünder habe sie erfahren, als sie 2004 in einer Kneipe in Leverkusen anfing zu kellnern. „Die Geestemünder hat 2002 eröffnet — die war damals quasi noch frisch im Munde der Männer. An der Theke, wenn die viel Bier getrunken hatten, haben die von dem neuen Straßenstrich erzählt und ich wurde hellhörig“, erinnert sich die Kölner Sexarbeiterin.  

Nicole weiter: „Ich war sexuell immer offen. Und ich war dann mit meinem damaligen Freund auf der Geestemünder, um eine weitere Frau für einen Dreier zu suchen. Da habe ich den Straßenstrich das erste Mal live gesehen.“

Am folgenden Abend sei sie dann alleine dorthin gefahren. „Ich habe erstmal draußen gestanden und beobachtet. Wie funktioniert das, wer kommt da alles hin. Einige Stunden später bin ich in den Container, der auf dem Gelände steht, und wurde herzlich empfangen. Dort waren Sozialarbeiterinnen vom Katholischen Sozialdienst, kurz SkF. Die haben mir einen Kaffee angeboten und das System der Geestemünder erklärt.“ Und dann sei sie hängen geblieben. 

„Nach meinem ersten Freier habe ich diese 30 Euro in der Hand gehalten, für fünf Minuten Arbeit, und gedacht, das ist ja besser als Kellnern“, erzählt sie. Sie sei damals sozial schwach gewesen, so die Kölnerin. „An meinem ersten Abend, als ich auf der Geestemünder Feierabend gemacht habe, hatte ich 460 Euro verdient. Das war viel Geld für mich und ich habe mich direkt dazu entschlossen, da zu bleiben.“

Nicole: „Ich habe aber nie gelernt, mit Geld umzugehen. Ich habe es verdient und dann war es auch schon wieder weg. Mein Loverboy hat mir dann geholfen, dass ich schuldenfrei wurde. Ich habe ihn geliebt, bin allerdings deswegen in so eine Art falsche Dankbarkeit gefallen. Dann fing es an, dass ich mein Geld an ihn abdrücken musste.“ 

Ihr Glück sei gewesen, dass der Platz an der Geestemünder Straße für sozial schwache Frauen gebaut wurde. Das SkF und auch die Polizei, explizit die kürzlich verstorbene Hauptkommissarin Nicole Metzinger, hatten erkannt, dass Nicole zwar aus der Schuldenfalle raus, aber dafür in eine neue Abhängigkeit hineingerutscht war. „Deswegen durfte ich auf diesem Platz weiterstehen“, sagt sie dankbar. Die Polizeibeamtin Metzinger unterstützte sie auch dabei, von ihrem „Loverboy“ loszukommen.

Dass sie auf dem Straßenstrich arbeitet, hat Nicole Schulze nie geleugnet. „Weil ich es nie als schlimm empfunden habe. Ich habe ja nichts Illegales gemacht“, stellt sie klar. Sie will nichts verherrlichen. Brutale Zuhälter, Ausbeutung, Drogen, Gewalt – auch das gibt es in der Prostitution. „Man sieht in den Medien immer nur das Negative. Aber man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Man muss schon differenziert drauf sehen, auch auf die Straßensexarbeit.“ 

„Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“

Dadurch, dass sie auf der Geestemünder war, habe sie selbst nichts Schlimmes erlebt, behauptet sie. Nicole: „Die Freier waren immer vernünftig, weil es eben auch ein Platz der Stadt Köln war, Polizei und Ordnungsamt waren regelmäßig vor Ort. Die Polizistin Nicole hat sich sehr für uns eingesetzt. Das war ein geschützter Rahmen. Ich bin ein Befürworter solcher Modelle. Ich habe keine Gewalt erlebt.“ 

Sie seien, im Gegenteil, irgendwie wie eine Familie gewesen. „Ich bin gerne dorthin gegangen, wir haben viel gemeinsam gemacht, Pizza bestellt, gegrillt. Es waren schöne Momente. Und der Zusammenhalt der Frauen war schon sehr, sehr gut. Wenn es doch ein Problem gab, waren wir alle füreinander da“, erzählt die 46-Jährige.

„Das einzige Negative war mein Loverboy, weil ich in einer toxischen Beziehung war. Er hat mich viel verletzt. An der Sexarbeit selbst habe ich bislang keinen negativen Punkt. Alle höflich, nett, freundlich. Die wollen ja was von mir, wollen, dass ich eine gute Dienstleistung mache“, so Nicole.

Inzwischen steht sie in Trier an der Straße, in ihrem eigenen Wohnmobil, hat sich hauptberuflich aber auf Sexualassistenz spezialisiert und bietet ihre Dienste Menschen mit Behinderungen oder Menschen im Alter an, fährt auch in die Heime. „Wohnmobil mache ich noch nebenbei, weil ich die Freiheit liebe“, erklärt sie.

Auf die Geestemünder fahre sie aber immer noch regelmäßig - nur zu Besuch. „Ich würde mich da nicht mehr an die Straße stellen und meinen Kolleginnen die Kundschaft wegnehmen, weil ich mittlerweile nicht mehr sozial schwach bin. Aber die kennen mich alle dort und ich bin herzlich willkommen. Besonders jetzt als Aktivistin“, sagt sie. 

Momentan setze sie sich dafür ein, dass der Ort wieder ein sozialer Platz wird, sozial niedrigschwellig und ohne hohe Hürden. „Das geht ja nicht mehr, seit wir den Hurenausweis haben, also die Anmeldung nach ProstSchutzG.“, erklärt die Sexarbeiterin. Nach dem ProstSchutzG benötigen alle in der Prostitution tätigen Personen eine gesundheitliche Pflichtberatung und müssen für das Prostitutionsgewerbe angemeldet sein beziehungsweise sich anmelden. 

Nicole: „Ich gebe mal ein Beispiel: Für eine drogenabhängige Frau, die morgens nicht in die Gänge kommt, sind die Hürden viel zu hoch. Früher kamst du einfach zur Geestemünder und konntest arbeiten. Das war ein soziales System. Und ich finde, das sollte wieder so sein. 

Weil diese Frauen nicht das Problem der Sexarbeit haben, sondern die haben ein Drogenproblem und finanzieren ihre Drogen damit. Jede dieser Frauen macht zwei, drei Kunden, bis sie das Geld zusammenhat, und dann ist die wieder weg. Die denkt nicht daran, noch ihre Steuer zu machen oder Sonstiges. Die sind dazu gar nicht in der Lage. Das kann ich auch verstehen. Wenn ich mich mal mit meinem Loverboy betrachte, da hätte ich auch keinen Kopf dafür gehabt.“

Früher sei es viel Heroin gewesen, Spritzen seien verteilt worden, heute seien es mehr die synthetischen Drogen. „Aber egal, welche Drogen es sind, man muss das System dahinter anpassen“, fordert Nicole. „Wie viele Frauen habe ich damals auf dem Straßenstrich erlebt, die gesagt haben, dass sie die Methadon-Ausgabe verpasst hätten, weil sie nicht aufstehen konnten. Auch vor Schmerzen. Da denke ich mir: Warum hat die Methadon-Ausgabe nur morgens geöffnet? Wieso ist die nicht den ganzen Tag für die Betroffenen da?“ 

„Auch, wenn ich jetzt eine angesehene Expertin zum Thema Sexualassistenz und Vorsitzende des Berufsverbandes bin – die Geestemünder ist mir wichtig“, so die engagierte Sexarbeiterin. „Ich bin dafür, dass jede große Stadt in Deutschland so einen Platz anbietet. Weil es einfach ein sicheres Arbeiten ist.“ 

Das 'Nordische Modell' (Sex-Kauf-Verbot)

Die deutsche Bundesgesundheitsministerin ist für ein Sex-Kauf-Verbot wie unter anderem in Frankfreich (seit 2016), Schweden (1999), Norwegen (2009), Kanada (2014) und Nordirland (2015), während es unter anderem in Finnland im Jahr 2006, in Dänemark 2012 sowie in England, Schottland, Spanien, der Schweiz ausdrücklich abgelehnt wurde. Mark fragt Sex-Arbeiterin Jay und drei Kunden nach ihren Erfahrungen und Meinungen jenseits von Zwang.