Mark Benecke: "Morde sind nie perfekt"

Quelle: Goslarsche Zeitung, Nordharz, 13. April 2026, Seite 22

Vor fünf Jahren verschwand Karsten M. aus Döhren — Im GZ-Interview spricht Deutschlands bekanntester Forensiker

Von Lisa Kasemir

Döhren. Am 13. April 2021 verschwand Karsten M., ein zu dem Zeitpunkt 51-jähriger Familienvater aus Groß Döhren, auf mysteriöse Weise. Blutspuren im Garten und im Auto deuteten früh auf ein Gewaltverbrechen hin. In einem Indizienprozess wurde ein 50-jähriger Bundespolizist, der mit dem Opfer befreundet war, wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Doch trotz des rechtskräftigen Urteils fehlt bis heute jede Spur von Karsten M. - sein Leichnam wurde nie gefunden, und der Täter schweigt. GZ-Redakteurin Lisa Kasemir spricht mit Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen und Forsensiker Dr. Mark Benecke, auch bekannt als „Dr. Made", über Mordfälle ohne Leiche.

Hallo Herr Dr. Benecke, im Fall Karsten M., der seit fünf Jahren vermisst wird, wurde zwar ein Täter wegen Mordes verurteilt, doch der Leichnam fehlt bis heute. Wie beurteilen Sie aus kriminalistischer Sicht die Chancen, dass er noch gefunden wird?

Es gibt mehrere Einflüsse. Zum Beispiel können Leichen sich aufblähen und auf Wasser treiben. Tiere können Körperteile verschleppen, was zu seltsamen Fundorten oder Gerüchen führt. Teilweise hängt es auch vom Verhalten der Täterin oder des Täters ab - manche Handlungen machen die Leiche leichter auffindbar, andere verschleiern sie. Manche Täter kehren zum Beispiel noch einmal zum Ort zurück. Manchmal wird man dann von Zeugen gesehen, manchmal tauchen Autos oder Hinweise an ungewöhnlichen Stellen auf. Eigentlich ist die Tat ohne Leiche ein Klassiker, der selten, aber regelmäßig in der Kriminalistik auftritt.

Wie ist es, wenn wie in diesem Fall fünf Jahre vergangen sind - ist dann überhaupt noch etwas forensisch zu finden?

Oft werden Spuren anfangs nur begrenzt untersucht. Gerade beim sogenannten „ersten Angriff" wissen die Menschen vor Ort ja noch gar nicht, was genau passiert ist. Deshalb werden Spuren manchmal nicht sofort in allen Einzelheiten aufgenommen. Dabei könnten sie oft und schnell Hinweise geben - zum Beispiel durch ständig abfallende Hautschuppen oder Haare.

Man könnte also sagen, dass ein Täter fast immer Spuren hinterlässt - selbst, wenn er glaubt, alles beseitigt zu haben?

Auch nach Jahren können Spuren erhalten sein. Kleidung, persönliche Gegenstände oder Mikrospuren wie Haare oder Hautzellen bleiben oft erhalten. Im Wasser zersetzen sich Körper und Spuren, aber bei der Bergung kann noch vieles gesichert, aber auch zerstört werden. Verbrennungen oder chemische Versuche zur Beseitigung einer Leiche hinterlassen ebenfalls Spuren, beispielsweise Hinweise auf den Brandbeschleuniger. Heutige forensische Techniken ermöglichen es, auch sehr kleine Spuren Jahrzehnte später auszuwerten.

Inwiefern ist es möglich, ein Tötungsdelikt so zu begehen, dass es dauerhaft unentdeckt bleibt? Oftmals wird in diesem Zusammenhang vom „perfekten Mord" gesprochen.

Morde sind nie perfekt, da sie immer unschön sind. Sie haben mit Hass, Dummheit, Wut und ähnlichen Gefühlen zu tun. Wenn die Leiche verschwunden bleibt, ist es meist eine Mischung aus Unwissenheit und Dreistigkeit der Täterin oder des Täters und ungünstigen Umständen für das Opfer.

Es gibt immer wieder Leute, die versuchen, die Leiche zu beseitigen oder Spuren zu verwischen. Manche orientieren sich dabei an dem, was sie im Internet gelesen haben, wissen aber überhaupt nicht, wie es in Wirklichkeit funktioniert. Beispiele sind etwa Versuche, eine Leiche in der Badewanne aufzulösen - das kommt tatsächlich manchmal vor. Dabei verletzt man sich aber wahrscheinlich selbst, beschädigt die Badewanne, macht die Leitungen kaputt. Es fällt möglicherweise auch auf, dass man sich die Chemikalien besorgt hat. Die Leute können damit auch nicht richtig umgehen. Man kann das auch clever machen, aber in der Regel wird das früher oder später auffallen. Selbst erfahrene Täter haben damit Probleme. Fritz Haarmann (Hannoveraner Serienmörder aus dem 19. Jahrhundert, Anm. d. Red.) etwa hat beim Zerteilen der Leichen Rückenschmerzen und Kopfschmerzen bekommen. Es ist also viel Arbeit, die viele Spuren erzeugt.

In der Schweiz hat mal jemand versucht, eine Leiche in einer selbst gebauten Betonbunkerkammer aufzulösen. Auffällig wurde es, weil er dahin gelatscht ist und dabei gesehen wurde.

Wie stark haben sich forensische Methoden in den letzten Jahren verbessert, und können dadurch alte, ungelöste Fälle heute neu aufgeklärt werden?

Erbgut-Vergleiche in der Verwandtschaft spielen eine zunehmende Rolle: Wenn man irgendwo ein kleines Stück Textil oder Ähnliches findet und gar nicht weiß, von wem das jetzt genau ist, kann man heute über Familiendatenbanken neue Hinweise bekommen.

Also kann man jetzt auch Täter finden, die vorher völlig unbekannt waren?

Ja, genau. Wir sind jetzt wirklich an diesem Punkt, im Frühjahr/Sommer 2026.

Der Fortschritt in unserem Fach verläuft insgesamt eher in Schlängellinien, aber die entscheidenden Entwicklungen sind jetzt alle da. Technisch kann man Massendaten auswerten, biologisch alle Spuren bis zur einzelnen Zelle analysieren und so weiter mehr geht eigentlich nicht. Früher gab es bodendurchdringende Sonare, um zu prüfen, ob die Erde bewegt wurde und damit mögliche Gräber zu finden. Heute gibt es modernere Geräte, die fast, wie Röntgen funktionieren, mit höherer Auflösung.

Man kann mittlerweile alle Gerüche wahrnehmen und erkennen, den Boden durchleuchten, Gebäude untersuchen, Wärmemessungen machen und alle Zellen untersuchen. Auch Handy-Daten und andere im Internet vorhandene Daten lassen sich auswerten.

Jetzt hängt alles nur noch davon ab, wie viel Geld und wie viele Fachkräfte man in solche Fälle steckt.