Quelle: IHK Darmstadt, Wirtschaftsdialoge, Ausgabe 5 / 2026, Seiten 36 und 37 (.pdf hier)
Von Matthias Voigt
Foto: Ines Fischer / Benecke.com
Dr. Mark Benecke ist promovierter Kriminalbiologe und Experte der forensischen Entomologie – gemeint ist die kriminalistische, angewandte Insektenkunde. An Tatorten – auch in Leichnamen – sucht er nach Fliegen, Würmern und Maden, um dadurch den Todeszeitpunkt eingrenzen zu können. Außerdem ist er ein überzeugter Sachverständiger.
IHK: Wenn ich im Sommer den Biomüll entsorge, kriechen mir manchmal Würmer aus der Tonne entgegen. Sich beruflich damit zu beschäftigen, ist zumindest nicht alltäglich. Emfinden Sie gar keinen Ekel?
DR. MARK BENECKE: Aus der Tonne kriechen vermutlich eher Fliegenlarven, also Maden. Das sind keine Würmer. Würmer bleiben ihr Leben lang Würmer, Fliegenlarven werden zu was anders Aussehendem: erwachsenen Fliegen mit Borsten, Augen, Saugrüssel. Es ist eine tolle Umwandlung, wie bei Schmetterlingen. Das ist doch etwas sehr Schönes. Menschen können ihre Haut nicht in eine harte Hülle umwandeln, sich innen zu einem Schleimklumpen auflösen und später entsteht daraus ein, sagen wir, rosa Elefant. Finde ich also mega, unsere Fliegenlarven. Würmer finde ich aber auch toll, so ist es nicht.
Viele Menschen kennen Sie aus dem Fernsehen und aus Podcasts. Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag in wenigen Sätzen beschreiben?
Mal schauen, was heute an Anfragen reinkommt. Es gibt abgesehen davon keinen Alltag, das ist ja das Schöne. Ich bearbeite seit ungefähr zehn Jahren nur noch Sonderfälle, weil anderes gar nicht mehr bei mir ankommt. Daher basteln wir hier im Labor unseren Tag immer um das, was gerade anfällt. Da ich auch die früher so genannten Hilfskräfte hinzuziehe, bleibt es immer spannend, auch wenn solche Fälle meist nicht vor Gericht oder in der Industrie landen, sondern Angehörige betreffen, die Klarheit über ein mögliches Unglück gewinnen möchten.
Wieso brennen Sie immer noch für Ihren Job?
Ich kann alles frei entscheiden: Wie ich arbeite (übergründlich, auch wenn es keinen Cent einbringt), wann ich arbeite (von 9 bis 23 Uhr), wie viel ich arbeite (so, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen daraus entstehen). Und ich lerne superviele Kolleginnen und Kollegen aus Nachbargebieten kennen, beispielsweise, wenn wir Kunstfälschungen, religiöse Wunder, aus Menschenhaut hergestellte Gegenstände, vergiftete Bücher und dergleichen bearbeiten. Es kommt auch noch ein verrückter Zufall hinzu: Ich bin am Tag vereidigt worden, als zwei Flugzeuge in Hochhäuser in New York geflogen sind. Ich war zuvor im zuständigen Institut für Rechtsmedizin in Manhattan angestellt und kenne alle an der Bearbeitung der Spuren beteiligten Kolleginnen und Kollegen und war kurz nach dem Ereignis selbst vor Ort. Letztes Jahr, 25 Jahre später, hat mein Labortisch-Nachbar Brian erstmals und seinen Worten nach zum einzigen Mal öffentlich darüber gesprochen. Ich war dabei.
Sie sind auch öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Was zeichnet einen guten Sachverständigen aus?
Das, was in den verpflichtenden Kursen vor der Vereidigung immer betont wird: sachlich und direkt sein, selbst arbeiten und vernünftige, gute Quellen angeben. Bei uns im Labor kommt noch hinzu, dass wir viele schräg wirkende Fälle haben, manchmal in den Knast fahren, mit heulenden Angehörigen zu tun haben und so weiter. Auch hier lassen wir uns nie von Gefühlen ummänteln oder einwickeln. Et is wie et is, die Frage ist eben nur, wie et is. Das lässt sich nur durch Messungen, aber nie durch denken, glauben und – das ist bei uns besonders – auch nicht durch Berufserfahrung klären. Kurz gesagt: messen, nicht denken.
Warum sollten Unternehmen bei wichtigen Fragestellungen auf öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige setzen?
Weil Unabhängigkeit bei öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen nicht nur Blabla oder eine papierne Willenserklärung ist, sondern ganz ernst gemeint ist. Ich möchte mich auf Menschen verlassen, die Tatsachen messen und schildern, nicht solche, die alle möglichen anderen Interessen haben, kungeln, meinen, schätzen, abwägen oder vermuten.
