Rätselhafte Tode und falsche Fährten: Kriminalbiologe Mark Benecke geht im Milchwerk auf Spurensuche

Quelle: https://www.suedkurier.de/kreis-konstanz/kriminalbiologe-mark-benecke-zu-besuch-in-radolfzell-115414897, 6. Oktober 2026

Nicht denken, sondern messen: Der berühmte Kriminalbiologe Mark Benecke zeigt im Milchwerk, wie aus Spuren belastbare Erkenntnisse werden – und warum selbst sichere Geschichten falsch sein können.

Von Sofia Daszkowska

Schwarzlicht, eine mystische Klangkulisse aus drei ausgewählten Musikvideos von Mark Benecke und Bianca Stücker: Von Beginn an liegt die Ahnung in der Luft, dass etwas Ungewöhnliches ans Licht kommt. Im Milchwerk beginnt der Vortrag „Kriminalfälle am Rande des Möglichen“. Der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke zeigt, wie bei der Untersuchung eines Kriminalfalls aus Spuren eine Tatrekonstruktion entsteht – und warum die erste Erklärung oft die falsche sein kann. Eine Strangulationsspur, die gar keine ist. Ein Zeuge, der sich sicher ist und trotzdem irrt. Oder ein Schusswaffenfall, dessen Ablauf sich erst aus Munition, Blut und Schusswinkeln erschließt.

Welche Geschichte erzählen die Fakten?

Mark Beneckes Prinzip scheint schlicht: „Nicht denken, sondern messen.“ Eine Geschichte kann noch so plausibel klingen – wenn die Fakten etwas anderes erzählen, hat sie bei Benecke schlechte Karten. „Ich messe Spuren“, sagt der Kriminalbiologe vor dem versammelten Publikum. Annahmen? Lieber nicht. Alles wird dokumentiert, fotografiert, gemessen und miteinander verglichen.

Zur Person

Mark Benecke ist Kriminalbiologe, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten international mit der wissenschaftlichen Forensik beschäftigt und damit Kriminalfälle untersucht. Dabei setzt er sich vor allem mit der Entomologie, also der Insektenkunde, auseinander. Bekanntheit hat er etwa durch Auftritte im Fernsehen erlangt. Im Laufe seiner Karriere hat er unter anderem Adolf Hitlers Schädel untersucht und eine fachspezifische Ausbildung beim FBI gemacht.

Auf der großen Leinwand macht Benecke die von ihm mitgebrachten Fälle anhand von Fotos, Aufnahmen und detaillierten Spurenauswertungen sichtbar. Fotos seien dabei entscheidend, erklärt Benecke: „Ohne Fotos verliert man super viele Informationen“, betont er. Erst danach werden verschiedene Möglichkeiten geprüft und Widersprüche sichtbar. Zu einem ungewöhnlichen Erstickungsfall ließ Benecke zum Beispiel mit mehreren Frauen unterschiedlicher Oberweite testen, ob beim Aufdrücken der Brust auf das Gesicht einer Testperson ein Ansaugeffekt entstehen kann.

Von Blutspuren und Schusswinkeln

Besonders deutlich wurde seine Methode an einem Schusswaffenfall. Benecke setzte dabei unterschiedliche Spuren zueinander in Beziehung: Munition, Blutspuren, Glassplitter, Schusswinkel und Körperpositionen. Die unterschiedliche Zusammensetzung der Munition half, die Reihenfolge der Schüsse zu rekonstruieren. Eine technische 3D-Rekonstruktion zeigte, welche Positionen und Winkel möglich waren. So entstand aus vielen Hinweisen ein Tatablauf – unabhängig davon, wie Beteiligte ihn schilderten. Auch eine sichere Zeugenaussage muss sich an den Spuren messen lassen.

„Nur messbare Wahrheit gilt als Tatsache“, sagt der Experte. Für Benecke bedeutet das: Aussagen und auch die eigene Theorie müssen überprüft werden. Widersprechen die Spuren der eigenen Vorstellung, müsse diese geändert werden. Oft führe der Weg zur Wahrheit dabei über den Ausschluss: Was kann nicht passiert sein? Erst das Zusammenspiel verschiedener Spuren mache den Tathergang belastbar.

Ein Einhorn zum Schluss

Benecke selbst bleibt bei seinen Schilderungen im Milchwerk auffallend gelassen. Zwischen drastischen Bildern, komplizierten Spuren und ungewöhnlichen Experimenten erzählt er mit trockenem Humor und großer Selbstverständlichkeit. Gerade diese Mischung macht den Abend weniger zu einem Vortrag über Tod, als vielmehr zu einem Einblick in die schwierige Kunst, sich von einer guten Geschichte nicht täuschen zu lassen.

Am Ende erscheint auf der Leinwand ein Einhorn. Nach so viel Tod, Blut und Beweisführung ist das vielleicht auch ganz gut so. Damit alle Zuhörer beruhigt nach Hause gehen können – und heute Nacht niemand mehr über Schusswinkel nachdenken muss.

— Schönen Dank an die Redakion für die Erlaubnis zur Verwendung —

Seine Kernkompetenz: Insekten auf Leichen

Quelle: BNN, Karlsruhe, Ausgage Nr. 11, 15. Januar 2026, Seite 28

Mark Benecke im Naturkundemuseum: Wie Fliegen und Maden den Todeszeitpunkt verraten

Von Klaus Müller

Karlsruhe. Die Bilder, die auf die Leinwand geworfen werden, sind eindrücklich. Sie sind echt. Etwa das Bild von der älteren Frau, die absolut unbekleidet und tot zu sehen ist. Oder das Bild einer anderen toten Frau, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel.

Eindrücklich sind vor allem die Nahaufnahmen. Auf denen sind Insekten zu sehen – Stallfliegen, Maden, Stubenfliegen. Gebannt schaut die Zuhörerschaft, hier im Vortragssaal des Naturkundemuseums, auf die ungewöhnliche Bilderschau. Manche senken ihren Blick. Verständlich.

Solche Aufnahmen laufen sonst eher in Gerichtssälen, wenn Forensiker ihre Gutachten zu (mutmaßlichen) Gewaltverbrechen erläutern. Der Mann, der die Bilder samt Erklärungen ins voll besetzte Auditorium mitgebracht hat, arbeitet ebenfalls als Gutachter: Kriminalbiologe Mark Benecke, ein international gefragter Spezialist für forensische Entomologie.

Ein Entomologe ist zunächst einmal ein Insektenforscher. Benecke ist aber mehr: Er wird als Sachverständiger herangezogen, wenn es gilt, biologische Spuren nach einem Gewaltverbrechen auszuwerten.

Bei der Vorstellung Beneckes bringt es Insektenforscher Robert Trusch, Kurator am Naturkundemuseum Karlsruhe, auf den Punkt: „Seine Kernkompetenz sind Insekten auf Leichen.” Dass Benecke nach Karlsruhe kam, ist dem Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe zu verdanken. Die Vorträge des Kriminalbiologen und Buchautors aus Köln sind seit Jahren über Monate ausgebucht. Das Interesse, mehr über seine Arbeit zu erfahren und sich in die Methoden der forensischen Entomologie einführen zu lassen, ist ungebrochen.

Obendrein hat Beneckes Vortrag trotz des heftigen Themas, trotz der damit verbundenen Bilder aus dem wahren Verbrecher- und Opferleben einen bemerkenswerten Unterhaltungswert. Wer es schafft, seine Zuhörerschaft beim Anblick einer echten Leiche mitunter zum Schmunzeln zu bringen, versteht sein auditives Handwerk.

Was zählt: Benecke gilt als Experte für Insekten auf Leichen. „Wenn die Rechtsmediziner es ekelhaft finden, rufen sie mich” , sagt der Kriminalbiologe.

Nebenbei räumt er mit verbreiteten Vorstellungen auf: “Leichen riechen nicht süßlich, wie immer wieder gesagt wird. Wenn, riechen sie nach Lindenblüten.” Und: “Insekten kommen nicht aus Körpern heraus. Sie siedeln vielmehr dort an, wo sie ihren Nachwuchs ablegen können, wo sie sich ernähren können.”

Und: “Insekten sind keine Würmer.“ Für Benecke sind Insekten eine verlässliche Größe, wenn es um die Leichenliegezeit geht. “Wir kennen die Wachstumsgeschwindigkeit von Insekten. Wir wissen, auch regional gesehen, wo, welche Insekten vorkommen, die eben eine Leiche befallen. Wir bewerten die Einflüsse, die wiederum auf die Insekten wirken.” Daraus ließen sich Rückschlüsse ziehen, wo ein Gewaltverbrechen geschah und wann. Benecke schildert den Fall einer über 90 Jahre alten Frau. Am Ende, so auch die Erkenntnis des Gerichtes, das sich mit dem Fall befasste, fiel sie “bei einer Rauferei im Altenheim” zum Opfer.

Benecke fand zwischen ihren Fingern Fliegen, die sich dort angesiedelt hatten – für ihn ein Indiz für eine Abwehrverletzung. Ein trefflicher Ort für die Fliegen.

Ein weiterer Fall dreht sich um eine alte Frau, die nachweislich vernachlässigt wurde. Auf ihr fand man Stallfliegen – Insekten, die von Kot und Urin angezogen werden.

Um Vernachlässigung ging es ebenso bei einem weiteren von ihm geschilderten Fall. In der Windel eines toten Babys fanden sich ältere Insekten, die sich von Kot ernähren. Kurzum – die Windel wurde über lange Zeit, wenn überhaupt, nicht gewechselt.

Benecke sieht das bei allen Unterhaltungswert seiner Vorträge nüchtern. “Alle Insekten, alles ist gleich wichtig. Alles ist gleich interessant.” Gearbeitet wird mit allen biologischen Informationen.

Obendrein ist Benecke einer, dem der Klimaschutz am Herzen liegt. In diesem Zusammenhang hatte er einen mit viel Applaus bedachten Seitenhieb in Richtung der Stadtverantwortlichen parat: „Wie kann man bei der Klimalage noch solche versiegelten Plätze haben, wie bei euch um die Pyramide?"

Volles Haus bei Dr. Mark Benecke

Foto: Kulturamt Hennef

Quelle: hennef.de, Beitrag vom 23.2.2026

(dmg) Dr. Mark Benecke in Hennef und einmal mehr vor ausverkauftem Haus. Kurz vor der Veranstaltung am 20. Februar war Zeit für ein Gruppenfoto mit dem Team vom städtischen Kulturamt als Veranstalter des Abends. Benecke hatten seinen Vortrag „Serienmord“ in die Halle Meiersheide mitgebracht. Wie immer ein packender Vortrag, der wieder zeigte, dass Benecke hohes Fachwissen und gewissenhafte Analysen unterhaltsam verpacken kann – auch wenn es sich um extrem sensible Themen handelt. Benecke erweiterte das Programm nach der Pause nämlich kurzerhand um einen Vortrag zu „Kannibalismus“. Auch hierbei zeigte sich, dass sein Prinzip, nur Messergebnisse und Fakten gelten zu lassen, selbst das heikelste Thema auf den Boden der Tatsachen holen kann.