Quelle: NORDSEE-ZEITUNG, CUXLAND, Seite 17, Mittwoch, 29. Juli 2026
Interview: Kriminalbiologe Mark Benecke schreibt ein Kinderbuch
Von Jan Iven
Herr Benecke, wie sind Sie darauf gekommen, ein Kinderbuch über den Tod zu schreiben?
Das haben die Zeichnerin Lisa Fuss — Leiterin des Malsaals der Stuttgarter Staatstheater — und ich zusammen ausgeheckt. Wir kannten beide alte Kinderbücher zu Tod und Fäulnis und haben uns gefragt, warum es so etwas nicht mehr gibt. Ein Gemälde, das Lisa von mir gemalt hat, hängt übrigens im Kölner Stadtmuseum.
Braucht es für so ein Buch eine Zusammenarbeit mit Pädagogen?
Hatten wir am Anfang gedacht und ein bisschen rumgefragt. Es stellte sich heraus: Nein. Wir sind so klar und einfach und direkt, dass das sozusagen jenseits aller Pädagogik ist.
Wie findet man den richtigen kindgerechten Ton?
Ehrliche, einfache Worte. Kurze Sätze. Gute Zeichnungen, die die Zeit überdauern und nicht modisch sind.
Wie reagieren Kinder auf Ihr Buch?
Kinder finden das meiner Erfahrung nach ganz normal. Wenn ich im Kindergarten darüber ganz ruhig rede, haben nur die Erwachsenen Schweißperlen auf der Stirn. Die Kids fragen ganz vernünftig und finden es auch nicht weltbewegend. Wenn ich mit Kids das Buch bespreche, dann lerne gefühlt eher ich viel Neues. Ich wusste beispielsweise nicht, dass kleine Kinder nicht wissen, wie lange ihr Wellensittich, ihr Opa und so weiter tot sind, weil sie Zeitraume gar nicht erfassen.
Oder dass alle Kinder den Kreislauf des Lebens mit seiner vollständigen Wiederverwertung von allem sofort begreifen, völlig anders als Erwachsene. Diese glauben oft erstens, dass Plastik sich magisch zersetzt, und zweitens, dass Fäulnis gruselig ist anstatt eines uralten, das Leben überhaupt ermöglichenden Vorgangs.
Und welche Rückmeldungen kommen von den Eltern?
Ohne Quatsch: Bisher nur freundliche. Wenn Eltern das „Mausbuch" für ihre Kids kaufen, sind diese Eltern entspannt und cool. Das übertragt sich auf den Nachwuchs.
Beschützen Erwachsene Kinder eigentlich zu sehr vor dem Thema Tod?
Das will ich nicht beurteilen. Jedenfalls sollten Eltern bitte nicht sagen, dass ein Angehöriger oder eine Angehörige „eingeschlafen" ist. Sonst wollen die Kids vermutlich ziemlich bald nicht mehr schlafen gehen. Menschen sterben, sie entschlafen nicht.
Waren Sie selbst als Kind mit dem Tod konfrontiert?
Laut meiner jetzt allerdings selbst schon verstorbenen Oma und Tante habe ich lebende, aber auch tote Tiere eingesammelt und herumgetragen.
Haben Sie eigentlich Angst vor dem Tod?
Ich mag das Leben, aber ich habe nix dagegen, dass wir alle nur eine Runde auf dieser Erde haben. Untot mochte ich jedenfalls nicht sein. Nach dem Tod geht es im Bestfall mit Fliegen, Käfern, Motten, Ameisen, Wespen, Bakterien und vielem mehr weiter, die einen Körper wieder auf null setzen, sodass neues Leben entsteht.
Welche Beziehung haben Sie zum Norden und dem Meer? Bei uns halt sich hartnäckig das Gerücht, dass Sie auch mal an der Nordsee Urlaub machen.
Ich halte öfters und sehr gerne Vortrage im Norden, so ist es. Urlaub mache ich nie, aber wenn ich schon mal da bin, schaue ich mir natürlich am Tag des Vortrags die nähere Umgebung an. Für mich ist „die Küste" eine ganz eigene Welt, und ich finde, dass meine Frau recht hat, wenn sie Deutschland grob in Nord, Mittel und Süd statt in Ost und West aufteilt. Die eher stillere, freundliche, abwartende Art vieler Menschen im Norden ist beruhigend.
Sie haben vor mehr als 20 Jahren am Fall Levke im Landkreis Cuxhaven mitgearbeitet. Wie haben sich die Methoden in der Zeit entwickelt?
Wir haben in den letzten Monaten viele unserer — Stand heute — 2.257 Fälle mit Akte digitalisiert. Und ich fand damals wie bei der Durchsicht heute, dass alle Fälle die gleiche Aufmerksamkeit und den gleichen Ernst verdienen und erhalten, egal, ob sie bekannter oder weniger bekannt, vergessen oder in einem Podcast besprochen sind und werden. Die Techniken haben sich stark verfeinert. Beispielsweise lassen sich heute viel öfter „genetische Fingerabdrücke" aus sehr kleinen Mengen Erbgut einsetzen. Auch die Richterinnen und Richter haben mehr Verständnis von und für unsere Verfahren und können sie besser einschatzen.
Das Problem ist nicht die Technik, sondern der Zugang. Privatpersonen finden außer unserem Labor kaum jemanden oder niemanden, der sie unabhängig von staatlichen Einrichtungen unterstützt. Ich bin seit nun 25 Jahren der einzige öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für mein Fach. Ich wurde übrigens am Tag von 9/11 vereidigt, kein Scherz.
Lieber wäre es mir, ich hätte 20 oder gerne auch 100 Nachfolgerinnen und Nachfolger. Denn es gibt massenhaft Spuren, die man ruhig mal anschauen kann.
An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?
Ich habe gerade die Messungen zur Maske von Martin Luther in Halle veröffentlicht. Es war umstritten, ob es eine echte Totenmaske ist, aber das Wachs ist physikalisch gemessen „so alt wie Luther".
Soeben sind auch die Messungen zu den neuen Lampenschirmen eingetroffen, die wir im vergangenen Jahr nach meinem Vortrag in den Vereinigten Staaten von mehreren Privatpersonen erhalten haben. Diese sind leider größtenteils aus Menschenhaut gefertigt.
