Quelle: Axel Lier, Sebastian Richter & Stephanie Walter in BILD, 24. August 2026
Berlin – Nur wenige Schritte trennen den Fundort von lachenden Kindern, vergnügten Hundebesitzern und Joggern. Mehrere Tage, wahrscheinlich sogar Wochen, lag die Leiche von Ilse Hartmann (46) in einem Gebüsch – mitten in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie wurde getötet. Warum hat niemand die Frau vermisst? Und warum wurde die Leiche in einem belebten Park nicht eher entdeckt?
Nur wenige Meter von der viel befahrenen Prenzlauer Allee entfernt liegt ein kleiner Park. Zwischen S-Bahngleisen und Gehweg: ca. zehn Meter Grünstreifen, das Absperrband der Polizei, dazwischen alte Matratzen, Kleidung, Müll, Schlafsäcke.
Die Leiche lag direkt am Zaun
Zwischen zwei Bäumen, direkt an einem Zaun zur Bahntrasse, hatte die Leiche von Ilse Hartmann bis Freitag im Gebüsch gelegen. Ein sogenannter Krimfo-Pfeil – ein kleines selbstklebendes Hilfsmittel für die Tatortdokumentation der Polizei – verrät den genauen Fundort. Hölzer und Steine am Boden sind schwarz eingefärbt. Plötzlich sind zwei Frauenstimmen zu hören.
“Wegen der Ratten habe ich mich nicht hingetraut”
Ein Mann sitzt auf einem Steinkreis in der Nähe des Fundortes in Berlin. Er sagt: “Ich habe am Mittwoch meinen blinden Freund hier begleitet und er sagte, es riecht nach Verwesung.” Doch wegen des vielen Unrats, der Ratten und Fäkalien habe er sich nicht weiter darum gekümmert. Am Freitagvormittag hat ihn dann ein Mann angesprochen und berichtet, dass im Gebüsch eine Leiche liegt. “Ich habe mich da nicht hingetraut, aber die Polizei war schnell vor Ort.”
Nur: Warum wurde die tote Frau nicht eher gefunden?
“Laien erkennen Verwesungsgeruch oft nicht”
“Es kommt öfter vor, dass Leichen länger nicht gerochen werden”, erklärt Dr. Mark Benecke (55), Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe. “Wenn die Leiche ausgetrocknet und die Person schlank war, dann riecht das nicht stark.” Und auch wenn Menschen Verwesungsgeruch wahrnehmen, erkennen sie längst nicht, woher er stammt. Benecke kennt diese Phänomen auch von Todesfällen in Mietshäusern. Es stinkt oft aus den Mülltonnen nach Verwesung. “Das ist für Laien nicht von menschlicher Verwesung zu unterscheiden, sodass es nicht auffällt, wenn jemand verwest, da ohnehin alles stinkt.”
Ähnlich schätzt es Rechtsmediziner Sebastian Kunz von der Universitätsklinik Ulm ein. “Im Freien ist der Leichengeruch für Menschen meist nur in der nahen Umgebung wahrnehmbar.” In einer Wohnung ist das anders: “Dort kann der Geruch nicht einfach nach oben abziehen, sondern breitet sich im Haus aus.”
“Je wärmer es ist, desto schneller kommen die Maden”
Kunz hält es für möglich, dass die hohen Temperaturen den Zustand des Körpers schnell verändert haben. “Je wärmer es ist, desto schneller kommt es zu Madenfraß.” Dadurch habe es vermutlich weniger Geruch gegeben, zudem könne die Kleidung der Toten Gerüche aufgenommen haben.
Foto: Mark Benecke
Die kleine 1,5-Zimmer-Wohnung von Ilse Hartmann liegt nur 650 Meter vom Fundort der Leiche entfernt. Ihre Nachbar sagen, dass es nicht leicht war, mit ihr Tür an Tür zu leben. Sie hatte Ausraster, schrie oft laut herum. Offensichtlich hatte sie psychische Probleme.
Mehrfach war die Polizei bei ihr
Auch die Polizei kannte sie: Mehrfach rückten die Beamten an, baten um Ruhe oder entfernten “Gäste” aus ihrer Wohnung. Oft war sie auch am Helmholtzplatz anzutreffen, saß dort mit Obdachlosen zusammen. Als vermisst galt sie nicht. Ihre Mutter konnte erst am Sonntagmittag über den Tod ihrer Tochter informiert werden.
Der Fall bleibt ein Rätsel
Der Todesfall bleibt ein Rätsel. Ermittler der 4. Mordkommission bitten inzwischen im Viertel mit Plakaten um Mithilfe, suchen nach Zeugen. Ihre wichtigste Frage: Wer hat die Frau allein oder in Begleitung gesehen?
Mit Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
