Serial Killer Exhibit Berlin

Official Text: 

»Manson, Bundy, Dahmer and more are waiting for you! Debunk the mysteries behind the most twisted minds of the century with an exploration of serial killers’ lives from a scientific, historical and educational perspective. See the never-before-displayed collection of hundreds of original artifacts, including documents and drawings of the most famous killers made by themselves. 

Step inside detailed recreations of the most famous crime scenes, and learn all about the FBI methodology to identify and analyze psychological profiles of these individuals.

Date: From September 6, 2025

Opening hours: Closed on Monday and Tuesday

From Wednesday to Friday, open from 10 AM to 6:30 PM, last entry at 5 PM.

On Saturday and Sunday, open from 10 AM to 7:30 PM, last entry at 6 PM.

Duration: 90 minutes

Location: Neukölln Speicher, Ziegrastraße 1, 12057 Berlin, Germany

Age requirement: Recommended 14+. Children under 14 are admitted only when accompanied by an adult. Please consider content suitability for a younger audience.«

Mark's foreword in the exhibition catalog

Vorwort von Mark

Serienmörderinnen und Serienmörder haben das „gute Gefühl“ für ihre Umgebung verloren. Sie sind einsam, jedoch nie verrückt. Sie können klar und ehrlich sein in dem, was sie zu wollen glauben – zu sich und zu anderen. Doch sich unsozial ausprägende Persönlichkeitsstörungen plus Geradlinigkeit: Das ist eine fiese Mischung. Im besseren Fall bewähren sich derart veränderte Menschen gut in Berufen, in denen sie eine Krise nach der anderen verwalten müssen. Im schlechteren Fall, töten oder verzehren (oder alles nacheinander) sie reihenweise Menschen.

Die Opfer von Serienmörderinnen und Serienmördern haben oft wenig bis nichts getan. Es sind Sex-Arbeiterinnen und Sex-Arbeiter, Hausangestellte, Kinder, Arme, Verführte oder Gutgläubige. Wenn wir Serienmorden vorbeugen wollen, müssen wir daher Täterinnen und Täter verstehen. Denn Menschen ohne Argwohn und Schutz, also die liebsten Mordopfer der Serientäterinnen und Serientäter, wird es immer geben. Diese Seite der Geschichte ließe sich nur in einer heilen Welt ändern. In der Kriminalistik leben wir aber nicht im Glitzermärchen.

Auch Polizistinnen und Polizisten sowie andere Beteiligte erwischt es regelmäßig, wenngleich nicht als Getötete. Der Staatsanwalt meines Klienten Luis Alfredo Garavito (+ 2023), der über dreihundert Kinder vergewaltigte und zu Tode folterte, war bei meinem letzten Besuch so durcheinander, dass sich jedes weitere Gespräch mit ihm aus Rücksicht auf seine Nerven erübrigte. Der letzte Hoffnungsschimmer des kolumbianischen Rechtskundlers war, dass Gott ihm den fürchterlichen Garavito-Fall zugeteilt habe. Ich weiß bis heute nicht, warum das für ihn tröstlich sein konnte. Zumal es doppelschneidig ist: Denn „sein“ Serientäter Garavito war überzeugt, dass Gott mit ihm, dem Täter, am Ende aller Zeiten gemeinsam durch das Jenseits schreiten würde. Woher ich das weiß? Er hat es mir in eine Bibel mit Goldschnitt geschrieben, nachdem er im Gefängnis als Christ getauft worden war. Der einzige, der einigermaßen seelisch heil aus dem Fall herauskam, war Garavitos evangeliker Priester. Der hatte einig Jahre lang wegen Kokainschmuggels hinter Gittern gesessen und erst in seiner Heimat und dann im Gefängnis in den Vereinigten Staaten gelernt, dass das Gute und Schöne nicht vorwiegend hier auf der Erde zu finden ist.

Die an Garavitos Fall beteiligten Polizisten hatten den Müttern der verschwundenen Kinder zunächst nichts geglaubt. Vor allem nicht, dass die Kinder am hellichten Tag entführt worden sein könnten. Das haben sie später bitter bereut und nie mehr vergessen. Bis an ihr Dienstende versuchten sie, den Eltern Unterstützung zukommen zu lassen. Doch es war vergebens. Wer soll einer Mutter ein Kind ersetzen oder den verlorenen Glauben an die Gerechtigkeit?

Manche der Polizisten vor Ort fragten mich, ob die ländliche Musik in Garavitos Heimat ihn zum Serientäter gemacht haben könnte. Das zeigt: Der weg von solchem Aberglauben bis zur wirksamen Für- und Vorsorge ist in einem armen, von Gewalt geprägtem Land allzu lang. Und es stellt eine Gemeinsamkeit zur längst widerlegten Aussage dar, dass Computerspiele, Kinofilme, Comics oder ähnliches Gewalt auslösen würden. Doch so einfach ist es nicht: Alle Medien können Gutes ebenso fördern wie Schlechtes. Darüber entscheiden nicht zuletzt die Umwelt und die Persönlichkeit der Betrachterinnen und Betrachter.

Zu derartigen Missverständnissen kommt es im für viele Menschen spannenden, aber nicht in der Tiefe ergründeten Feld des Serienmordes öfter.

So etwa bei Jeff Dahmer (+1994): Neuerdings durch Netflix, ein superbes Comic seines Schulkameraden, wieder veröffentlichte Gespräche mit dem Täter sowie ein älteres Buch seines Vaters – all diese Veröffentlichungen erzählen auf unterschiedliche Weise vom Leben und den Taten eines der bekanntesten Serienmörder. Ein Monster, eine Bestie, ein Psycho – keine Frage. Und doch, wenn ich die Aufzeichnungen der Gespräche mit ihm sehe, sitzt da vor allem ein grundehrlicher, ruhiger Mensch, der allerdings nicht den Hauch einer Ahnung hat, wie tragfähige und gesunde Beziehungen aussehen könnten. Jedenfalls gelingen sie nicht durch das Einspritzen von Drogen in den Schädel und dem Lauschen am Herzen des „Partners“.

Das hat sogar Dahmer selbst eingesehen. Eigentlich hat er sogar alles eingesehen. Doch bis heute gibt es keine sichere Therapie für seine Persönlichkeitsstörungen. Nichts hält die Täterinnen und Täter auf, obwohl sie Einsicht zeigen. So kommt es, dass es immer neue Serienmörder gibt, selbst dann, als niemand mehr glaubte, dass dies dank Kriminaltechnik und Massendaten noch möglich sei. Das unerwartetste Beispiel dafür ist Samuel Little (+ 202). Es war nicht einmal bekannt, dass eine lange und unerkannte Serie von Morden vorlag (ja, vorwiegend an Sex-Arbeiterinnen und ja, mehrfach dachte man, sie seien an Drogen oder durch Unfälle gestorben).

Auch bei deutschen Tätern gibt es schon lange viel zu entdecken, weil viel aufgeschrieben wurde. Märchenhaftes überschattet nicht selten einen nur noch glimmenden Kern. Wussten Sie beispielsweise, dass die Ehefrau des Frauenmörders Peter Kürten (+ 1931) einigen der weiblichen Opfern ins Gesicht sagte, sie sollen sich von ihrem Mann fernhalten, weil er wirklich sehr gefährlich sei? Dass der einst gefürchtete Serienmörder Bruno Lütge (+ 1944) die dreiundfünfzig Morde „im ganzen Reichsgebiet“ gar nicht durchgeführt haben kann? Und dass die Nazis, um zu verhindern, dass der Unsinn um die von Lütge nachgeplappert gestandenen Morde aufflog, erst gar keine Gerichtsverhandlung anberaumten? Er starb übrigens unter ebenso ungeklärten Umständen wie der Kannibale Karl Denke (+ 1924, 31 Morde), der sich angeblich in seiner Zelle an einem großen Taschentuch erhängt haben soll.

Wie sehr die Täter mehr als alles andere beziehungsgestört sind, zeigt sich am deutschen Jungenmörder Jürgen Bartsch (+ 1976). Er hatte Kerzen nicht etwa stets im Gepäck, um seine Opfer zu foltern – das wäre angesichts einer Abbildung gesetzlich erlaubter Kerzen-Folter im Strafgesetzbuch von Maria Theresia zumindest denkbar gewesen: „Mit einem Kerzenbündel unter den Achseln brennen.“ Nein, Bartsch wollte seinen Opfern ein Lichtlein in der Dunkelheit gegen ihre kindliche, allerdings keineswegs kindische, Todesangst geben: Er lagerte sie tags in einem Stollen, um die Kinder nachts dann zu Tode zu foltern. Außerdem, so seine Aussage, verbreiten Kerzen doch eine angenehme Stimmung, so wie sie Erwachsene im flackernden Licht erleben, wenn sie sich – laut Bartsch – „ganz doll lieb haben“.

Bartsch wand sich darum, zuzugeben, die Opfer zu geküsst zu haben oder gar nekrophil zu sein. Doch wie auch bei Jeffrey Dahmer platzte die Bindungsstörung in der Befragung ungewollt aus ihm heraus: Er hatte sich sehr wohl an den Leichen der von ihm zu Tode gefolterten Kinder zu schaffen gemacht, aber nur, weil diese Art der schlimmst möglichen Bindung für ihn so unendlich angenehm war.

Er wollte den für ihn schönen, befreienden und beruhigenden Moment genießen. Das wusste er und das sagte er selbst. Doch niemand glaubte ihm. Hätten die Menschen damals das Fürchterliche für wahr gehalten, hätten viele Tagen anderer Menschen, die ebenso bindungsgestört waren und sind, verhindert werden können.

Die letzten Geheimnisse von Alexander M.

Quelle: t-online.de, 8. August 2025

Von Matti Hartmann

Auszug aus dem Text:

»Wie sieht die Leiche von Alexander M. nach all den Monaten aus? Der Zustand der Leiche, so wie sie der Landwirt diese Woche vorfand, muss entsprechend gewesen sein. Die Polizei spricht von einem "fortgeschrittenen Verwesungszustand".

Der Kriminalbiologe Mark Benecke erklärt t-online: "Faule Leichen im Freien weisen oft Fraßspuren von Insektenlarven oder Wirbeltieren auf, oft im Gesicht und an den Händen oder im Genitalbereich." Nachdem das Hochwasser zurückgegangen war, könne die Haut nun "teils vertrocknet sein oder käsig-breiig zerlaufen", teilt Benecke weiter mit. "Oft sind auch Knochen zu sehen, wenn das weiche Gewebe fehlt."

Wie und wann starb Alexander M.? Gibt es doch noch Antworten? Zwei weitere Fragen, so schrieben die Ermittler am Donnerstag in einer Mitteilung, könnten für immer offen bleiben: Weil die Leiche schon so weit zersetzt sei, "lassen sich die Todesursache und der genaue Todeszeitpunkt nicht mehr klären".

Allerdings: "Bei der ausführlichen Leichenschau können noch weitere Informationen gewonnen werden", meint der Forensiker. Zum Beispiel sei "zu Giften, alten oder neuen Knochenbrüchen und vielem mehr" noch auf neue Erkenntnisse zu hoffen. Benecke: "Es muss nur in Ruhe gemacht werden." Vielleicht lassen sich die letzten Stunden oder Tage im Leben von Alexander M. also doch noch rekonstruieren.

Schleppte sich der Killer direkt nach den Morden zum Sterben auf die Wiese? Verblutete er dort aufgrund der Wunden, die der laut Staatsanwaltschaft "nachweislich verletzte Täter" sich bei dem Kampfgeschehen im Haus der Opferfamilie zugezogen hatte? Vegetierte er noch tagelang versteckt in einer der nahen Hütten vor sich hin, bevor er seinen Verletzungen erlag? Oder legte M. am Ende selbst Hand an und brachte sich um?« 

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

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Zusammenfassung

Auf einem Autobahnparkplatz wurde ein blutverschmierter, im Kopfbereich schwer verletzter und auf dem Boden liegender Mann gefunden. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmiert war. Er wurde von der Polizei verdächtigt, Verursacher dieser Verletzungen zu sein, verneinte dies jedoch. Wir wurden damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen und diese mit seinen Aussagen und den Blutspuren am Opfer abzugleichen. Experimente mit menschlichem Blut ermöglichten uns Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf.

1 Einleitung

Die Untersuchung von Blutspuren wird seit über einhundert Jahren zur Rekonstruktion von Tatabläufen und Unfällen, aber auch zur Überprüfung von Aussagen zu Tatgeschehen genutzt (Pietrowski 1895).

Blutspuren können Momente des Tatablaufes schlaglichtartig abbilden oder aber erst nachträglich erzeugt worden sein (durch den Rettungsdienst, Schmeißfliegen oder ähnliches, s.u.). Oft können teils genaue Bewegungsbilder gewonnen werden (Benecke 2019, Benecke & Benecke 2018, Benecke & Barksdale 2003, Bevel & Gardener 2008, Buck et al. 2006, Donaldson et al. 2010, James & Eckert 1998, James et al. 2005, Karger et al. 2008, Mishra et al. 2024, Rivers & Vega 2025).

Abb. 1: Der Faltenwurf lässt Rückschlüsse auf die Körperhaltung des Opfers während der Tatausübung zu (Wonder 2001)

Einfluss auf Formenmerkmale von Blutspuren und -tropfen nehmen beispielsweise die Beschaffenheit des Untergrunds bzw. der (bebluteten) Oberfläche, die Höhe der Blutungsquelle, die Geschwindigkeit des beschleunigten Blutes und das Volumen des Blutstropfens (Benecke et al. 2005B, 2012).

Auch Fliegen können Blutspuren „verursachen“ oder Blutspuren nachträglich verändern, wenn die Tiere das zuvor aufgenommene Blut auswürgen oder als Kotspur absetzen (Benecke & Barksdale 2003, Fujikawa et al. 2011, Striman et al. 2011).

Auf Oberflächen können Blutspuren verschiedene Muster abbilden: Beispielsweise kann der Faltenwurf in Kleidungsstücken Blutaussparungen aufweisen und so Rückschlüsse auf die Haltung der Kleidungsträger während der Blutung(en) geben. Wonder (2001) gibt hierzu ein typisches Beispiel: Eine erschossene Frau liegt in ausgestreckter Position auf dem Boden (Abb. 1). Der Täter hatte behauptet, das Opfer habe bei Schussabgabe gestanden. Das Blut-Faltenmuster der Hose (Abschattung, Faltenwurf) der toten Frau zeigt hingegen, dass das Blutmuster in sitzender und nicht in stehender Position entstanden sein muss.

Blutaussparungen können Hinweise auf den zeitlichen Ablauf einer Tat geben (Abb. 2).

Von Bedeutung ist gelegentlich, dass auf trockene textile Oberflächen auftreffendes Blut (kurzzeitig) nicht aufgesogen wird: Laut Wonder (2001) soll das daran liegen, dass die roten Blutkörperchen nicht durch die Textilfasern hindurch wandern können; sie müssen zunächst ihre Form verändern und können erst dann um die Fasern herumlaufen und in das (Stoff-)Gewebe eindringen. Die übrigen Blutbestandteile (Plasma) durchdringen hingegen problemlos den Stoff.

Treffen Blutstropfen auf feuchte textile Oberflächen, soll sich die Hülle der roten Blutkörperchen umgehend auflösen und den roten Blutfarbstoff sofort in den übrigen Teil des Blutes (Plasma) freigeben. In Folge erscheinen solche Blutspuren heller, größer und unregelmäßiger als Blutspuren auf trockenen Textilien (Wonder 2001).

Abb. 3: Die Blutspuren im Bild wurden zunächst wegen der zahlreichen Messerstiche als “gegeben” angesehen. Sie bilden bei genauer Vermessung aber Teile des Tatgeschehens ab: Durchtrennung des Halses mit Aushusten von Blut (Foto: Archiv Benecke)

Trifft Blut auf ein trockenes Kleidungsstück und kann dort trocknen, bevor es Feuchtigkeit bzw. Wasser ausgesetzt wird, sind die Blutspuren schwerer zu entfernen (Wonder 2001).

Die Bearbeitung von Blutspurenmustern setzt eine gute fotografische Dokumentation vor Ort voraus, insbesondere dann, wenn das Vorhandensein von Blut als durch die vorliegenden Verletzungen als selbstverständlich oder „naheliegend“ angesehen wird, wie dies etwa bei (Auto-)Unfällen leider oft der Fall ist (Benecke 2005a, 2007). Dasselbe trifft für schwere Verletzungen (Halsschnitte, massive Gewalteinwirkung etc.) zu, bei denen die teils reichlichen Blutspuren sehr wohl den räumlich-zeitlichen Verlauf abbilden (Abb. 3); nur erfordert ihre Auswertung viele Messungen der verschiedenen Blutspuren-Gruppen und damit viel Zeit. Oft sind auch Versuche erforderlich.

2 Fallbericht

Der hier vorgestellte Fall ereignete sich abends an einem Autobahnparkplatz in Österreich. Die Polizei fand das Opfer blutverschmiert und im Kopfbereich schwer verletzt auf dem Boden liegend. Neben dem Opfer stand der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmierte Angeklagte.

Das Opfer zeigte Zeichen stumpfer und scharfer Gewalteinwirkung, u.a. ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bruch des linken Felsenbeins, diverse Einblutungen im Schädelbereich, Prellungszonen am Dickdarm mit diffusen Einblutungen, eine geringe Milzverletzung, streifige Oberhautabtragungen der Brustkorbvorderseite, ein an einen Schuhabdrucke erinnerndes Einblutungsmuster am Kinn und eine Schnittwunde am Hals, die rechtsmedizinisch mit dem Einwirken durch eine abgebrochene Flasche in Einklang gebracht wurde.

Der Angeklagte gab an, nichts mit den Verletzungen zu tun zu haben. Er habe von einer unbekannten Person einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, der ihn zunächst benommen machte. Wenig später habe er das blutüberströmte Opfer auf dem Rücken liegend am Boden bemerkt und habe ihm helfen wollen. Dabei seien seine Blutantragungen entstanden: Er sei mit dem rechten Fuß über den Oberkörper des Verletzten gestiegen und habe ihn Mund-zu-Mund beatmet. Sein rechtes Knie sei dabei etwa auf Hüfthöhe des Opfers auf dem Asphalt gelegen, sein Oberkörper sei über den Oberkörper des Opfers gebeugt gewesen. Er habe sich beim Rettungsversuch das Blut des Opfers wohl ins Gesicht und an seine Kleidung geschmiert.

Der Angeklagte hatte u.a. Hautabschürfungen an den Knievorderseiten und wies eine stumpfmechanische Gewalteinwirkung gegen die rechte Hinterkopfhälfte auf.

Hinter dem Fahrzeug des Angeklagten sicherte die Polizei eine Mineralwasserflasche mit Blutantragungen. Die Polizei vermutete, dass sich der Angeklagte mit dem Wasser die Blutantragungen von der Hose und aus dem Gesicht habe waschen wollen. Der Angeklagte konnte sich daran nicht erinnern und gab an, sich während der Hilfeleistung die Hände an seiner Jogginghose getrocknet bzw. abgewischt zu haben.

Abb. 4: Jogginghosen für die Versuche

Das Opfer und der Angeklagte waren zum Zeitpunkt des Geschehens alkoholisiert (Opfer: 2,47 g/l Blutalkohol = 2,47 Promille, Angeklagter: 0,80 mg/l Atemalkohol = 1,6 Promille).

Wir wurden u.a. damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen. Dabei haben wir zu Folgendem Experimente durchgeführt und anhand der Ergebnisse geprüft, ob die Blutspuren mit den Schilderungen des Angeklagten in Einklang zu bringen sind:

1. Trocknen von Blutspritzern auf der Jogginghose

2. Mögliches Abwaschen von Blutspuren

3. Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

4. Hocken, Knien

Unsere experimentelle Fallbearbeitung fußte auf folgenden Grundannahmen:

- Die auf den Fotos erkennbaren rötlich-braunen Spuren im direkten Tat-Umfeld stellen Blut dar.

- Diese Blutspuren stammen vom Opfer.

Da das Opfer des Angriffs sofort in ärztliche Behandlung übergeben werden musste, wurde unter den Fingernägeln des Opfers keine Erbsubstanz abgerieben.

3 Material & Methoden

3.1 Kleidung

Im polizeilich-spurenkundlichen Labor des Auftraggebers wurden die bebluteten Spurenträgergesichtet und die textile Zusammensetzung der sichergestellten Kleidungsstücke festgestellt.

Für die Versuchsreihen wurden Jogginghose gekauft, die der Original-Jogginghose farblich und in ihrer stofflichen Zusammensetzung hinreichend entsprachen.

Vor Versuchsdurchführung wurden die Hosen bei 40 °C mit Color-Waschmittel ohne Weichspüler gewaschen (Abb. 4).

Die Experimente wurden mit frischem menschlichem Blut in unserem spurenkundlichen Labor durchgeführt.

3.2 Blutabnahme

Abb. 6 (oben): Jogginghose des Verdächtigen.

Abb. 7 (unten): Feine Blutspritzer in einem verwaschenen, breit rötlich-braun gefärbtem Feld.

Es fanden zwei Experimentier-Reihen im Abstand von acht Tagen statt: R1 und R2. In R1 wurde das im Zentrifugenröhrchen gewonnene menschliche Blut schonend mit 2 mL 1,15 % Na2-EDTA-Lösung pro 50 mL Vollblut versetzt, während in R2 aus Gründen der höchstmöglichen Genauigkeit betreffs kleiner Tropfen das auf dieselbe Weise gewonnene Blut ohne den Gerinnungshemmer EDTA benutzt wurde (Abb. 5).

Vor der Blutgewinnung waren die Experimente bereits aufgebaut, so dass das Blut sofort verwendet werden konnte.

4 Ergebnisse

4.1. Trocknen von Blutspritzern auf grauer Jogginghose

Die Jogginghose des Verdächtigen zeigt von oben nach unten verlaufende Spritzspuren, die in einem wässrig-blutigen Bereich der Hose liegen (Abb. 6); die Spritzspuren haben sich in diesem Bereich nicht aufgelöst (Abb. 7).

Dies weist darauf hin, dass die Jogginghose des Verdächtigen bereits getrocknete Blutstropfen aufwies, als sie mit Wasser und/oder einem Blut-Wasser-Gemisch in Kontakt kam: Kleine Blutspuren bleiben auf der Oberfläche eines trockenen Stoffs erhalten; sie verschwimmen oder lösen sich beim Auftreffen auf feuchten Oberflächen auf (Abb. 8) (Wonder 2001). Weiter folgt daraus, dass die Wunden des Opfers spritzend bluteten als der Verdächtige Kontakt mit dem Opfer hatte; seine Jogginghose war zu diesem Zeitpunkt laut Aussage des Verdächtigen trocken.

Befindet sich zuerst frisches Blut ohne Wasser auf der Hose, so trocknet dieses sehr schnell „fest“ (nach zwei Minuten bei Raumtemperatur) (Abb. 9). Dieses „alte“ Blut verläuft danach nicht mehr vollständig durch Befeuchtung mit Wasser. Auch beim Hineinknien in ein Blut-Wasser-Gemisch mit bereits blutbespritzter Hose lösen sich die ursprünglichen Spritzer nicht vollständig auf (Abb. 10). In beiden Fällen bleiben die ursprünglichen, zuvor in kurzer Zeit bereits getrockneten Spuren je nach Menge der verdünnenden Flüssigkeit und je nach Trocknungszeit umrissartig dauerhaft oder zeitweilig erhalten.

Dies zeigt, dass auf den Knie-Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch trockenen Jogginghose des Verdächtigten auch Tropfen eines Blut-Wasser-Gemisches gelangt waren.

Abb. 14: Abdrücke im Gesäßbereich: Derart breit verlaufen, wenn / weil die Hose vorher wässrig war bzw. vorher kein Blutfleck dort trocknete. Hocken (statt Knien) in Blut: Aussparungen wie in Abb. 11.

Die Blut-Spritzspuren auf der Rückseite der Jogginghose deuten auf ein Spritzen des Blutes von einer Stelle über Bodenhöhe hin und nicht auf eine sich flach am Boden befindliche Quelle (Abb. 11). Dabei gelangte das Blut nicht durch die Schwerkraft von oben nach unten tropfend auf die Hose des Verdächtigen, sondern durch beschleunigtes Blut des sitzenden oder stehenden Opfers.

Dass das Blut durch Aushusten des Verletzten an die Hose des Verdächtigten gelangt ist, erscheint unwahrscheinlich: Der Teil der Hose des Verdächtigen, der die betreffenden Spuren aufweist, war bei einer möglichen, versuchten Rettung des schon liegenden Verletzten abgeschirmt.

Gelangte das Blut im Stehen an die Hose des Verdächtigten, dann durch Spritzen von oben her und nicht während der versuchten Rettung des Opfers.

Auch ein "Hände Aus- oder Abschütteln" nach erfolgter Rettungsmaßnahme durch den Verdächtigten kommt für die Entstehung der Blutspritzer nicht in Betracht: Die kleinen Spritzer wären sonst sehr stark verlaufen oder unsichtbar.

4.2 Mögliches Abwaschen des Verdächtigen vs. Begießen des Verletzten

Die Aussage des Verdächtigen, dass er sich nicht nennenswert abgewaschen habe, kann stimmen. Unsere Versuche zeigen, dass er sich stattdessen eher in ein bereits vorhandenes Blut-Wasser-Gemisch gekniet hat. In Hinblick auf die uns bekannten Informationen kann dieses durch Begießen der verletzten, blutenden Person mit Wasser entstanden sein.

Die Hände und das Gesicht des Verdächtigen waren bei Eintreffen der Polizei noch beblutet: Die leicht angerundeten, recht scharfen Blut-Ränder in der Gesichts-Beblutung stehen in Einklang mit einem "eigene-Hände-ins-Gesicht-schlagen" (Abb. 12) und dann folgendem Trocknen der dünnen Blutschicht im Gesicht.

Nach Beblutung und Trocknung des Blutes in seinem Gesicht kann sich der Verdächtige (später) Wasser ins Gesicht gebracht haben; dies lassen die Aussparungen um seine Augen, die er dabei wohl geschlossen hatte, vermuten.

4.3 Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

Eine Mund-zu-Mund-Beatmung erscheint im vorliegenden Fall zunächst nicht ausgeschlossen. Aus blutspurenkundlicher Sicht ist aber bedeutsam, welche Körperhaltung der Verdächtige einnahm (Abb. 13): Auffällig ist, dass der Schritt seiner Hose nicht beblutet war: Eine Mund-zu-Mund-Beatmung wäre so wenn, dann vollständig von der Seite aus ausgeführt worden (Abb. 19). Diese Spurenlage steht nicht in Einklang mit seiner gegenüber der Polizei gemachten Aussage, dass er bei Rettungsgriffen o.ä. den liegenden Mann mit mindestens einem Bein überstiegen und dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgeführt habe: Bei einer solchen Haltung "über" dem Körper des Verletzten wäre Blut des Opfers an den Bereich des Schrittes der Hose gelangt.

4.4 Hocken, Knien

Am unteren, hinteren Hosenbein (auf dem Übergang zwischen Hose und Abschluss-“Bündchen“ der Jogginghose) des Verdächtigen ist eine „Abschattung“ in Form einer Unterbrechung der Blutantragung zu erkennen. Diese Blutspur-Aussparung lässt erkennen, dass und wie der Angeklagte zwischenzeitlich gehockt oder gekniet hat (Abb. 11, 14).

Bei dieser Aussparung kann und dürfte sich um eine Übertragung des Blutes von den Schuhen des Verdächtigen auf seine Hose handeln: Die Rückseiten seiner Schuhe weisen Blutantragungen auf; von hier ist das Blut wohl an den Saum der Hose gelangt (Abb. 15).

Abb. 15: Blutspuren auf Schuhe der verdächtigen Person (Foto: Auftraggeber)

Dies zeigt auch unsere Nachstellung: Die Aussage des Verdächtigten, er sei (zwischenzeitlich) mit einem Knie auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft und beiden Füßen auf dem Boden über das Opfer gebeugt gewesen, kann richtig sein (Abb. 13).

Die bloße Mund-zu-Mund-Beatmung eines überraschend angetroffenen Verletzten erklärt die Beblutung der Rückseiten der Schuhe des verdächtigen Manns auf deren Außen- und Rückseiten jedoch nicht (in diesem Maße).

Der Kontakt zwischen beiden Männern kann sich nicht ausschließlich am Boden abgespielt haben: Sofern sie miteinander gekämpft haben, müssten sie auch im Stehen Gewalt ausgesetzt gewesen sein bzw. ausgeübt haben. Wäre der Verdächtigte unbeblutet und aus seiner Ohnmacht soeben erwacht zum am Boden liegenden verletzten Mann gelangt und hätte ihn gem. seiner Aussage mit einem Bein überstiegen, ließen sich weder das fehlende Blut im Schritt der Jogginghose des Verdächtigen noch die zuvor auf seiner grauen Jogginghose getrockneten Blutspritzer erklären.

5 Zusammenfassung

Es handelt sich hier um eine kritische Einzelfallbetrachtung. Wir konnten mittels der durchgeführten Blutspur-Experimenten zeigen, dass

- der Verdächtige mit der stehenden oder sitzenden, jedenfalls nicht nur liegenden Person Kontakt hatte, als diese spritzend blutete oder der Verdächtige Schwingbewegungen mit der Hand oder einem Gegenstand machte.

- die verletzte Person auf die trockene Hose des Verdächtigen blutete, auf die erst später Wasser gelangte.

Die Aussagen des Angeklagten stehen damit mit den blutspurenkundlichen Befunden überwiegend nicht in Einklang.

Die Durchführung der Experimente erlaubte die Überprüfung von Aussagen vom Täter im Sinne des Ein- oder Ausschluss-Verfahrens. Die Ergebnisse hätten durch reines Nachdenken nicht gewonnen werden können.

Wichtig bei einer experimentellen Überprüfung ist grundsätzlich, originale oder original-nahe Objekte und Spurenträger eines Falls zu verwenden sowie möglichst viele gute Fotos mit Maßstab zu erhalten.

Experimente stellen Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf und damit schlaglichtartig Teile des Messbaren dar. Sie erzielen bei einem adäquaten Aufbau und exakter Durchführung eine hohe Aussagekraft. Wie die Ergebnisse dieses Beispielfalles zeigen, ist der Aufwand der experimentellen Überprüfung gerechtfertigt.

Literatur

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Was können die Maddie-Ermittler nach 18 Jahren eigentlich noch finden?

Quelle: rtl.de. 9. Juni 2025

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt‘s

18 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann laufen in Portugal erneut großangelegte Suchaktionen. Es ist womöglich der letzte Versuch, doch noch Beweise zu finden. Denn der einzige Tatverdächtige, Christian B., könnte schon bald aus dem Gefängnis freikommen – mangels belastbarer Spuren. Doch was lässt sich nach so langer Zeit überhaupt noch finden? RTL hat den renommierten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke gefragt und zusätzlich mit einem Journalisten gesprochen, der den Fall seit Tag eins begleitet.

Drei Orte im Fokus – deutsche Ermittler in Portugal

Die Suche konzentriert sich auf drei Gebiete im Süden Portugals, rund um Praia da Luz, Lagos und Atalaia. In diesem Umfeld wohnte und arbeitete Christian B. zur Tatzeit. Auch ein Haus, in dem der Maddie-Verdächtige lebte, soll nun erneut durchsucht werden. Genauso wie das Gelände, auf dem damals größere Erdarbeiten stattfanden.

Spuren am Schlafanzug?

Benecke ist kein Romantiker. Er arbeitet faktenbasiert, schnörkellos. Oft an Fällen, die andere längst abgehakt haben. Und genau deshalb lohnt sich seine Sicht auf den Fall Maddie. Aber was genau könnte heute, 18 Jahre später, überhaupt noch da sein?

„Das hängt davon ab, wie viele Menschen den Schlafanzug zwischendurch angefasst haben. Grundsätzlich würde ich auf dem Schlafanzug an Hautzellen auch von einem möglichen Täter oder einer Täterin oder Speichelspuren oder Spermaspuren oder Haare denken. Diese Spuren halten sich sehr lange, wenn allerdings viele Menschen ein Kleidungsstück bereits angefasst haben, können natürlich auch Spuren dieser Personen auf der Bekleidung anzutreffen sein.”

Es sei eine Frage der Sorgfalt, nicht der Zeit. Kleidung kann auch Fasern anderer Personen enthalten, die sich chemisch und strukturell klar zuordnen lassen. – manchmal sogar über Jahrzehnte.

Lohnt sich die Grabung nach 18 Jahren überhaupt noch?

„Ja”, sagt Benecke. „Sofern die Möglichkeit besteht, dass Spuren mit einer neuen Technik und oder aus anderen Gründen besser untersucht werden können dann lohnt es sich immer eine Nachuntersuchung zu machen.”

Benecke begleitete selbst Fälle über Jahrzehnte hinweg. Oft werden Proben gezielt konserviert, um sie später mit besseren Methoden und Technik erneut zu analysieren. Manchmal mit bahnbrechenden Erkenntnissen.

„Bei den von mir untersuchten Lampenschirmen und dem Taschenmesser-Etui aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich auch erst 80 Jahre später herausgestellt, dass es sich wirklich um Menschenhaut handelt.” Dadurch wurde erst klar: Die Nazis haben Alltagsgegenstände aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt.

Forensik 2025: Hightech oder Handarbeit?

Was vielleicht überrascht: Die spektakulärsten Funde entstehen oft nicht durch Hightech-Geräte, sondern durch schlichte Gründlichkeit. „Ich bevorzuge das klassische Abschichten, das heißt jede Schicht wird einzeln in Tüten gepackt, gesiebt und untersucht. (...) Auch die Suche nach Hautschuppen auf Kleidung ist im Grunde handwerkliche Arbeit, weil sie unter dem Vergrößerungsgerät von einzelnen Menschen durchgeführt werden muss.”

Hightech kommt erst später dazu, etwa wenn DNA vervielfältigt oder automatisiert abgeglichen wird. Der Anfang bleibt jedoch oft vermeintlich unspektakulär, dafür präzise. Und wenn man doch noch etwas findet? „Auch ein Haar oder eine Hautschuppe kann heute noch problemlos auf ihr Erbgut und weitere Eigenschaften untersucht werden. Ob das gelingt, hängt natürlich von der Lagerung der Spuren ab und davon, ob sie überhaupt gesehen werden.”

Pinkfarbener Pyjama und ein Haar aus Maddies Bürste

Auch der britische Investigativjournalist Jon Clarke, der den Fall seit 2007 intensiv begleitet und schon oft zum mutmaßlichen Tatort nach Portugal reiste, glaubt an die Bedeutung kleinster Funde. Im Gespräch mit RTL berichtet er von früheren Suchen, bei denen Materialreste gefunden, aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten – möglicherweise sogar aus Maddies pinkfarbenem Pyjama.

Clarke sagt, die Ermittler glauben inzwischen, dass Christian B. so ortskundig war, dass er sogar in der Nähe seines eigenen Hauses eine Leiche abgelegt haben könnte. „Direkt vor der Nase von Polizei und Familie”. Jetzt werde genau dort erneut gesucht.

Doch am Ende sind es eben nicht die großen Maschinen, sondern die kleinen Beweise, die vielleicht endlich den Durchbruch bringen. Für Benecke ist klar: „Hoffnung spielt meiner Auffassung nach keine Rolle, sondern gute Spurenarbeit.” Und dass man die Möglichkeit nutzt, wenn sie sich bietet.

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 2

Quelle: Kriminalistik, 5/2025, Seiten 271 bis 276

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 2: (GEwalt-) Spuren im Gewebe

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Zusammenfassung

Ein Obdachloser erlitt bei einem Angriff durch zwei Männer drei tödliche Bruststichverletzungen. Da die ein- und zweischneidigen Tatmesser aufgrund ihrer Klingenlängen nicht den Stichkanaltiefen entsprachen und die Bruststichkanäle sowohl spitze als auch abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen, wurden wir damit beauftragt zu untersuchen, ob die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und ob anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können. Unsere Untersuchungen führten wir anhand einer ausführlichen Zusammenfassung der bekannten Quellen durch.

1 Einleitung

Zwei Männer griffen laut polizeilichen Kenntnissen einen Obdachlosen mit je einem Messer an. In Folge dessen erlitt das Opfer mehrere Stichverletzungen am Körper; drei Bruststichverletzungen waren für ihn tödlich.

Tabelle 1: Maße der tödlichen Bruststichverletzungen des Opfers

Im Zuge einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung wurden bei einem der Angreifer die Tat-Messer in dessen Küchen-Spülbecken gefunden. Die rechtliche Vertretung der Männer stellte uns die Frage, ob diese Messer die Wunden am Opfer verursachten haben könnten, da die Klingenmaße nicht den Maßen der Stichkanäle zu entsprechen schienen (Tabelle 1) und die Bruststichkanäle spitze und abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen. Dies sollte der Einordnung der rechtsmedizinischen Befunde dienen. Da wir auch blutspurenkundlich arbeiten (Benecke 2019, Benecke et al. 2012, Benecke & Barksdale 2003), erklärten wir uns zur Begutachtung bereit.

Die Messer, in der Akte als Dolche bezeichnet, wurden wie folgt beschrieben:

  • Dolch 1: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge beidseitig geschärft (zweischneidig)

  • Dolch 2: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge mit Wellenschliff und Messerrücken (einschneidig)

Abb. 1: Tatmesser (Foto Polizei)

Zur Breite der Messerklingen fanden sich in den Akten keine Angaben, auf unscharfen Fotos konnte eine Klingenbreite von ca. 1,2 cm geschätzt werden (Abb. 1).

In der vorliegenden Ausarbeitung beziehen wir uns auf die in Abb. 2 dargestellten Begriffe „Länge“, „Breite“ und „Tiefe“ einer Stichverletzung. So ist beispielsweise die Länge einer Stichverletzung nicht mit der Tiefe des Stichkanals zu verwechseln, sondern bezieht sich auf die Länge der Einstichwunde an der Haut- oder Organoberfläche.

Es sollte im Sinne eines Ein- oder Ausschlusses der gefundenen Messer hier geprüft werden, ob:

a. die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und

b. anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können.

Da für die Auftraggeber keine andere Beratungsmöglichkeit bestand und es sich um ein klassisches Thema der Kriminalistik handelt, stimmten wir einer Bearbeitung zu.

2 Begriffsdefinitionen & Informationen

2.1 Stichverletzung

Bei einer Stichverletzung kommt es zur Entstehung eines Stichkanals durch eine Gewebedurchtrennung mit einem spitzen oder spitz zulaufenden Werkzeug, das überwiegend senkrecht zur Oberfläche des Körpers geführt wird (Madea 2015).

2.2 Schnittverletzung

Bei einer Schnittverletzung entstehen längs verlaufende scharfe Gewebedurchtrennungen, bei denen ein Werkzeug parallel und/oder tangential zur Körperoberfläche geführt wird (Madea 2015).

2.3 Spaltbarkeitslinien/Spaltlinien

Abb. 3: Spaltbarkeitslinien der Haut (Cox 1941)

Spaltbarkeitslinien wurden 1861 von dem österreichischen Anatom Karl Langer mit Verweis auf eine Beobachtung des Mediziners Guillaume Dupuytren beschrieben; sie werden daher auch Langer’sche Linien genannt. Sie stimmen mit der natürlichen Ausrichtung der Kollagenfasern (elastischen Fasern) der Dermis (Lederhaut, direkt unter der Oberhaut gelegen) überein (Mueller 1953). Ihre Anordnung in einzelnen Hautpartien ist unterschiedlich; sie verlaufen in die Richtung der geringsten Dehnbarkeit der Haut (Abb. 3).

Die im Moment des Auftreffens erzeugte Form des Stichwerkzeuges in der Haut/dem Organ kann durch Hautspannung und die Richtung der Spaltbarkeitslinien verändert werden (Abb. 4): Verletzungen in Richtung der Spaltbarkeitslinien klaffen weniger auseinander, da parallel zum Verlauf der elastischen Fasern der Haut gestochen wird. Werden diese Fasern hingegen quer durchtrennt, kommt zu einer auseinanderklaffenden Wunde (Madea 2015). Durch die Abhängigkeit der Wundform von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien kann ein klaffender, schlitzförmiger Hautschnitt durchaus auch von einem runden Stichwerkzeug verursacht werden (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Byard et al. (2005) beschreiben hierzu zwei Fälle: In Fall 1 wird aufgrund einer rechteckigen Wundgestalt zunächst ein rechteckiges oder quadratisches Werkzeug als Verursacher der Wunden angenommen (Abb. 5a). Da nach Eintritt des Todes die Hautspannung entfiel, veränderten sich bei der Obduktion die Stichwunden und ähnelten „typischen“ Messerstichwunden (Abb. 5b). In Fall 2 bewirken die Oberflächenspannung und Spaltbarkeitslinien die Veränderung zunächst kreisförmiger Hautdefekte in schlitzartige, an typische Messerstiche erinnernde, Defekte (Abb. 6).

Drei- und vierkantige Gegenstände hingegen hinterlassen eher charakteristische, d.h. drei- oder vierkantige Wunden (Abb. 7,8) (Mueller 1953).

3 Rekonstruktionen und Zuordnungen zu Gegenständen

Die Zuordnung von einem verwendeten Werkzeug zu einer Verletzung ist schwierig und manchmal nicht eindeutig durchführbar. So ist die Annahme falsch, Stichwerkzeuge ohne schneidende oder scharfe Kante hinterließen an der Haut oder den Organen querschnittgetreue Wundöffnungen. Runde Werkzeuge hinterlassen beispielsweise nicht zwingend runde Verletzungsmuster: Ein rundes Instrument kann eine schlitzförmige Öffnung in der Haut hinterlassen, die zunächst nicht von einem Messerstich zu unterscheiden ist (s. Fallbeispiele von Byard et al. in Abb. 6). Dabei orientieren sich Form, Länge und Breite des Haut-Schlitzes an der Spaltbarkeit der Hautdurchtrennung und damit an der Ausrichtung der Spaltbarkeitslinien (s. auch Abb. 3,4) (Prokop 1960).

3.1 Rekonstruktion der Werkzeugform anhand der Wunde

Wundwinkel sind häufig charakteristisch ausgeformt (Abb. 9): Einschneidig-schneidwärts gelegene Wundwinkel laufen spitz zu.

Abb. 7: Die v-förmige Stichwunde auf dem Rücken des Opfers im oberen Bild wurde durch die Lanze mit aufgesetzem Dreikantschaber im unteren Bild verursacht (oben: Kiehne 1965, unten: Archiv Benecke

Messer mit einem rundlichen, kantigen oder V-förmigen Rücken hinterlassen häufig einen gegabelten Wundwinkel (Abb. 7,8,10) (Eisenmenger 2004).

Ein solch gegabelter Wundwinkel auf der Seite der Werkzeugschneide kann allerdings auch durch eine (schon leichte) Änderung der Klingenachse während des Stechens hervorgerufen werden, da sich das Messer beim Herausziehen in seiner Lage geändert hat. Damit ist es in diesen Fällen nicht mehr möglich, von der Stichwunde bzw. dem Wundwinkel auf die Form des Tatwerkzeuges zu schließen (Eisenmenger 2004, Madea 2015) (Abb. 10,11).

Ein und dasselbe Messer kann bei mehreren hintereinander ausgeführten Stichen einmal einen Stich und ein anderes Mal einen Schnitt in der Haut hinterlassen (Abb. 12). Auch das ganze Erscheinungsbild der Wunde kann variieren und hängt von dem Verlauf der Spaltbarkeitslinien ab (Abb. 4-6) (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Die Form einer Stichverletzung lässt unter Umständen Rückschlüsse darauf zu, ob das Messer eine oder zwei Schneiden besaß (Abb. 13). Kann dies anhand des Stichkanals und der Verletzung aber nicht eindeutig ermittelt werden, bedeutet dies nicht, dass das Messer nicht zwei- oder einschneidig war (Mueller 1953).

Einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten, die aber keine Schneiden sind, können Wunden verursachen, die nicht von Stichen zu unterscheiden sind, die durch mehrschneidige Stichwerkzeuge entstanden sind (Prokop 1960).

Ein breiter Messerrücken hinterlässt aufgrund seiner breiteren „Schnitt“-Seite einen eckigen bzw. stumpfen Wundwinkel und einen spitzen Winkel durch die eigentliche Schnittseite (Abb. 8, 12). Dabei kann der breite Wundwinkel bei einem sehr breiten Messerrücken zackenartig aufreißen. In einem solchen Fall wird der Rückschluss von der Form der Verletzung auf die Gestalt der Klinge bzw. das Stichwerkzeug erschwert (Abb. 10,14) (Mueller 1953).

Wird das Tat-Instrument nach dem Stechen gedreht oder in einer anderen Achse herausgezogen, wird der Rückschluss auf die Gestalt des Werkzeugs zusätzlich erschwert; die Wundränder können Zacken, dreieckige oder flügelähnliche Formen usw. aufweisen (Mueller 1953) (Abb. 11).

Messer mit Wellenschliff oder einer gegabelten Spitze hinterlassen an der Haut in der Regel selten eine eindeutig zuzuordnende Wundform. Verläuft die Stichführung beispielsweise entlang eines Knochen, so kann es zu auffälligen nebeneinander angeordneten kratzerartigen Schürfverletzungen mit gleichartigen Abständen kommen (Eisenmenger 2004). Verdeutlicht wird dies in Abb. 15: Hier wurde die Messerschneide parallel zu einem Rippenbogen geführt, so dass die Schneide des Messers die Rippe streifte und sich das wellenförmige Muster der Messerschneide auf der Rippe und auch in dem Gewebe abbildete.

Die exakte Form der Wundwinkel kann häufig nur während der Obduktion festgestellt werden, wenn die vorliegende Hautspannung durch Zusammenschieben entlastet und zusammengefügt wird (Eisenmenger 2004).

3.2 Rekonstruktion der Klingenbreite anhand der Länge des Einstichs

Abb. 12: Abweichung von Breite und Form eines Wundkanals durch die Messerführung während der Tat (verändert nach Prokop 1960 & Zimmer 2009)

Aus der gemessenen Länge des Einstichs an der Haut- oder Organoberfläche kann nicht zwingend auf die Breite der Messerklinge geschlossen werden (Abb. 16). Ursache dafür ist, dass der Eintritts-Winkel zum Einstich schräg als auch der Winkel der Spaltungslinien zum Einstich verschieden sein können (s.o.) (Mueller 1953). Bei festen Messern etwa ist die Stichwunde (der Hautschnitt) meist länger, kann aber gelegentlich auch schmaler erscheinen (Prokop 1960) (Abb. 12).

Wird beim Herausziehen des Messers aus der Wunde die Haut zusätzlich geschnitten – beispielsweise durch Bewegungen eines Körpers bzw. der Körper und/oder der Klinge während der Tathandlung –, ist die Stichwunde länger als die Breite der Klinge; genauere Hinweise kann die dreidimensionale (!) Form des Einstichkanals geben (Abb. 2) (Mueller 1953).

Wird das Stich-Instrument während des Stechens gedreht, kann dies die Länge der

Einstichöffnung verändern. Sie kann schwalbenschwanzähnlich, triangelförmig, bananen- oder bumerangförmig, vieleckig etc. sein (Abb. 10,11). Diese Formen können dann entstehen, wenn zu einem vertikalen Bewegungsablauf ein horizontaler hinzukommt (Abb. 12) (Eisenmenger 2004).

Eine spitz zulaufende Klinge weist unterschiedliche Breiten zwischen Spitze und Heft auf (Abb. 17).

Wird das Messer nicht in ganzer Länge in den Körper gestochen, wird die Länge des Einstichkanals nicht der maximalen Breite des Messers entsprechen (Abb. 16) (Eisenmenger 2004).

3.3 Rekonstruktion der Klingenlänge anhand der Länge des Stichkanals

Aufgrund der meist während der Tatausführung vollzogenen Bewegungen verläuft die Längsachse einer Stichwunde häufig nicht geradlinig. Die Klinge kann Gewebefasern benachbarter Muskelgruppen in zusammengezogenem Zustand durchtrennen: Das Gewebe klafft auseinander. Bei der Obduktion sind die ehemals zusammen gezogenen Fasern aber entspannt; der Wundkanal wird von intakten Gewebsschichten unterbrochen oder ist in seiner Längsachse unterbrochen (Eisenmenger 2004).

Auch die Fähigkeit der Haut, sich in den normalen Spannungs-Zustand (= Ruhe-Zustand) zurückzuziehen (sog. Retraktionsfähigkeit) muss berücksichtigt werden: Wird ein Messer aus einer Wunde herausgezogen, kann der Stichkanal wenige Millimeter kürzer sein als die Messerklinge. Das Zurückziehen ist erneut abhängig von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien und der Elastizität des Gewebes.

Abb. 18: Bei schnellem und kräftigem Zustechen wird das Gewebe zusammengedrückt; der Stichkanal ist länger als die eigentliche Messerklinge (Madea 2015)

Wird mit großer Wucht zugestochen, so kann der Stichkanal länger als die Klingenlänge des Tatwerkzeuges sein, da das Gewebe durch das kräftige und schnelle Zustechen eingedrückt und verformt wird (Mueller 1953, Prokop 1960, Eisenmenger 2004) (Abb. 18). Das gilt insbesondere für Stiche in der Bauchgegend (Mueller 1953, Eisenmenger 2004).

Berücksichtigt werden muss ebenfalls, dass das Messer nicht immer bis zum Heft hineingestoßen wird (Mueller 1953, Eisenmenger 2004). Hier wirkt der Stichkanal gegenüber der untersuchten Klinge dann verkürzt.

Der Stichkanal kann auch verwinkelt erscheinen, wenn sich Muskulatur und Bindegewebe während des Stechens verschieben; mitunter kann das Ende des Stichkanals nicht mehr festgestellt werden (Mueller 1953).

Da Stichkanäle während der Obduktion an Körpern in gerader, gestreckter, spannungs- und bewegungsloser Haltung gemessen werden, sind sie möglicherweise nicht mit der Körperhaltung während eines Tatgeschehens vergleichbar.

Aussagen über den Stichverlauf in Weichteilen (von oben nach unten, von unten nach oben etc.) sind aber abhängig von der Körperhaltung des Opfers und Täters zum Zeitpunkt des Einstichs (Mueller 1953). Häufig finden sich Stiche von oben nach unten überwiegend an Kopf, Schulter, Oberkörper oder Oberschenkel; Stiche von unten nach oben dagegen in der Bauch- und Leistenregion (Eisenmenger 2004).

4 Zusammenfassung

4.1 Können aus den Maßen eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen der Dolche gezogen werden?

Es ist manchmal möglich, von der Form der Stichverletzung auf die Anzahl der Klingen (hier: auf einer oder beiden Seiten geschliffen) eines Messers zu schließen. Sind Stichkanal und Verletzungen aber nicht hinreichend deutlich ausgeprägt, so kann nicht festgelegt werden, ob das Messer zweischneidig oder einschneidig war. Es kommen allerdings auch drei Klingen vor (Kiehne 1965).

Es gibt viele Einflüsse auf die Maße (Länge, Breite, Tiefe) eines Stichkanals nehmen. Zu diesen Faktoren zählen u.a. der Verlauf der Spaltbarkeitslinien am Einstichort, die Form des Werkzeuges, eine Änderung der Klingenachse während des Zustechens, Bewegungen der Körper von Opfer und/oder Täter, mehrfaches (Zu-)Stechen an einer Stelle, die Kombination aus Stechen und Schneiden bei der Stichausführung, der Spannungs- und Entspannungszustand der Haut/des Gewebes zu Lebzeiten und in totem Zustand sowie die Fähigkeit der Haut, sich zusammendrücken zu lassen und zu entspannen (Rückzugsfähigkeit).

Wunden durch einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten (die aber keine Schneiden sind), können Stichen von mehrschneidigen Stichwerkzeugen zu sehr ähneln. Dann ist nicht zu unterscheiden, welches Werkzeug mit wie vielen Klingen die Stichverletzung erzeugt hat.

Literatur

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Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 1

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In einer Wohnung war der Vormieter verstorben, dessen Verwesungsflüssigkeit über längere Zeit in die Holzdielen des Altbaus gesickert. Der Nachmieter sandte uns Proben des Holzes und verschiedener Insekten zu, die aus der Wohnung stammten.

In der Wohnung sei ein auffälliger Leichengeruch wahrzunehmen. Wir wurden damit beauftragt zu klären, ob die Verfärbungen im Holzboden durch eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen. Die Art-Zusammensetzung der Insekten und ein Ammoniak-Test deuteten sicher auf das längere Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin.

1 Einleitung/Fallbeschreibung

Unser Auftraggeber hatten eine Wohnung gemietet, in der der Vormieter verstorben war. Dieser lag über längere Zeit unentdeckt tot in der Wohnung auf dem Holzfußboden. Dort waren die Holzdielen verfärbt. In der Wohnung war ein auffallender Leichengeruch vorhanden. In der jetzt leeren Wohnung fand der Auftraggeber immer wieder verschiedene Insekten.

Der Vermieter wollte, wie in der betreffenden Großstadt wegen Wohnungs-Knappheit üblich, keine aufwendigen Renovierungsarbeiten in Auftrag geben und die Wohnung umgehend wieder vermieten. Er gab an, dass:

  • kein Leichengeruch vorläge; nur der Geruch abgeschliffenen Holzes sei wahrnehmbar.

  • die sichtbaren Flecken von jeder möglichen Flüssigkeit stammen könnten, z.B. auch von Kaffee.

  • die in der Wohnung vorgefundenen Fliegen zufällig von außerhalb gekommen seien, sich auch nicht in der Wohnung entwickelt hätten und keinem Leichengeruch gefolgt seien.

Zur Klärung, ob die Verfärbungen im Holzboden durch dort eingesickerte Leichenflüssigkeit entstanden waren und ob das Auftreten der Insekten im Zusammenhang mit dem verstorbenen Vormieter standen, erhielten wir Insekten- und Holzproben. Wir konnten einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Tiere und der ausgetretenen und in den Holzfußboden (und weit darunter) gesickerten Leichenflüssigkeit feststellen.

2 Material und Methoden

2.1 Insekten

Die Insekten wurden mit einem Stereomikroskop Binokular (Leica MZ12.5, maximal 100x) und ausgewählter Bestimmungsliteratur untersucht (Hackston 2014, 2018, 2019a, 2019b, Szpila 2010).

2.2 Dielenbretter/Geruch

Wegen des Zeit- und Leidensdrucks der Betroffenen war vor Ort keine Begehung und Probennahme durch uns möglich.

Uns lagen jedoch Fotos und ein Video der Wohnung in sehr guter Qualitat vor.

Die Proben der Holzdielen wurden uns in Gläsern mit Schraubverschluss zugesandt. In den Gläsern waren die Holzstücke mehrfach in Ziploc-Druckverschluss-Beuteln ummantelt.

Die Proben waren dabei jeweils in den originalen drei Lagen Zi-plock-Beuteln luftdicht verpackt (Abb. 1) ganz innen befand sich je einmal ein weiterer kleiner luftdichter Beutel mit Holzmaterial.

Das Holzmaterial wies teils eine deutlich dunkle, wie verkohlt wirkende, Verfärbung auf (Abb. 2). Die Holz-Proben bestanden aus kleineren und etwas größeren Holzstücken (Abb. 3).

2.3 Ammoniak-Test

Um einen Ammoniak-Schnelltest (Fa. Bosike/Like Sun, Essen) zum Ausschluss von Kaffee und als Hinweis auf Fäulnisflüssig-keit (Patel et al. 2023, Van en Oever 1978) durchzuführen wurde ein kleines Stück einer dunkel verfärbten Stelle des Holzbodens in 3 ml sterilem Wasser (Einweg-Ampulle, Fa. Addi-Pak) in einem sterilen, DNA-freien Zentrifugen-Röhrchen (Fa. Greiner) einige Minuten geschwenkt (Abb. 4) und anschließend der Ammoniak-Teststreifen hineingetaucht.

3 Ergebnisse

3.1 Insekten

Die Proben enthielten folgende Insekten(gruppen):

Fleischfliegen der Gattung Sarcophaga spec. (Abb. 5)

  • Schmeißfliege der Art Calliphora vicina (Abb. 6)

  • Teppichkäfer (Speckkäfer), vermutlich der Gattungen Attagenus spec.und Anthrenus spec. (Dermestidae) (Abb. 7)

  • Speckkäferlarven (Abb. 8)

  • Erzwespen, vermutlich der Familie Torymidae (Chalcidoidea) (Abb. 9)

Auffallend war, dass in den Proben Fleischfliegen mit 56 Tieren am stärksten vertreten sind, gefolgt von Teppichkäfern (n = 41) und Erzwespen (n = 9), während nur eine Schmeißfliege enthalten war (Tabelle 1). Die Speckkäferlarven waren zahlreich und wurden nicht gezählt.

Abgesehen von den Erzwespen treten sämtliche in den Proben vorgefundene Insekten in Verbindung mit Verwesungsprozes-sen menschlicher und tierischer Körper auf (Al-Khalifa et al. 2020, Diaz-Aranda et al. 2018, Farrell et al. 2015, Ren et al. 2017). Während Schmeißfliegen tote Körper in früheren Verwesungsstadien aufsuchen (Bugelli et al. 2015, Byrd & Castner 2001a), besiedeln Fleischfliegen Leichname während des gesamten Verwesungsprozesses (Afifi et al. 2022, Barbosa et al. 2021, Battan-Horrenstein et al. 2020, Bonacci et al. 2014, Byrd & Castner 2001b, Cherix et al. 2012, Gunn 2020, Hediye-loo et al. 2024, Pinto Vairo et al. 2017). Dies gilt in Großstädten besonders für Wohnungsleichen. Teppich- bzw. Speckkäfer und deren Larven treten in späteren Verwesungsstadien (Austrocknung) auf und bevorzugen vertrocknendes organisches Gewebe (auch Mumien, ausgestopfte Tiere usw.), von dem sie sich ernähren (Byrd & Castner 2001c, Charabidze et al. 2013, Gunn 2018, Kadej et al. 2020). Erzwespen leben räuberisch (auch) von anderen leichenbesiedelnden Insekten wie den hier in den Proben vorkommenden Schmeiß- und Fleischfliegen (Frederickx et al. 2013). Sie treten erst später im Zuge der Leichenbesiedlung auf, da sie nicht die Leiche als solche, sondern auf der Leiche lebende Tiere besiedeln.

Einzelne erwachsene, tote Fliegen wiesen Löcher und Ausfres-sungen auf, die von Speckkäfern und Erzwespen stammen können. Dies ist ein weiterer Hinweis auf eine länger bestehende Besiedlung bzw. das längere Vorhandensein der leichenbesie-delnden und vom Leichengeruch angezogenen Tiere (Abb. 10).

3.2 Geruch

Bereits beim Öffnen der Glasdeckel (also der äußersten Verpackungshülle der mehrfach verpackten Proben) war der Raum des Labors sofort von typischem Zersetzungsgeruch erfüllt. Alle Proben verströmten durch die geschlossenen Tüten hindurch bereits deutlichen Fäulnisgeruch.

Kaffee-Geruch oder ähnliche Gerüche waren in keinen der zwei Proben - auch beim Öffnen der Holzproben-Beutel und direktem Geruchs-Test mit der Nase - wahrzunehmen.

3.3 Ammoniak

Der Ammoniak-Schnelltest schlug bereits nach wenigen Sekunden des Eintauchens deutlich an; normalerweise dauert dies laut Hersteller eine halbe Minute (Abb. 11).

4 Zu den Aussagen des Vermieters

4.1 Leichengeruch und „Flecken"

Laut Auftraggeber teilten „sämtliche Mitarbeitende ... [des Vermieters], die in der Wohnung waren sowie der ... [vom Vermieter] beauftragte Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer [...] mit, es läge kein Leichengeruch vor, sondern nur der Geruch nach abgeschliffenem Holz." Dies ist für das verfärbte Holz nicht richtig: Dieses roch sehr deutlich wahrnehmbar nach Leiche. Unabhängig davon mag ein starker Geruch nach abgeschliffenem Holz oder sonstiger Geruch in der Wohnung vorgelegen haben. In direkter Nähe des Holzes muss der Leichengeruch jedoch wahrnehmbar gewesen sein.

4.2 Fliegen

Die Auftraggeber teilen mit: „Der Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer hat bei seinem zweiten Besuch der Wohnung ca. 3 - 5 Exemplare der Fliegen aus dem großen Zimmer mitgenommen, um sie von einem befreundeten Biologen bestimmen zu las-sen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden uns nicht mit-geteilt. „Der Vermieter soll angegeben haben: „Ein Experte hat uns bestätigt, dass diese Fliegen von außerhalb gekommen sein müssen und sich nicht in der Wohnung entwickelt haben können.”

Diese Aussage ist teils richtig: Die Insekten können von draußen in die Wohnung geflogen sein, da sie vom für die Insekten attraktiven Leichen-Geruch angezogen wurden. Sie müssen sich nicht zwingend dort entwickelt haben. Sie können sich am verfaulenden Gewebe auch „nur" nähren bzw. Eier ablegen.

Das Vorhandensein der Speckkäfer und erwachsenen Fliegen weist darauf hin, dass die Besiedlung/das Hineinfliegen von Insekten in die entweder mit Tier-Fleisch vermüllte oder eine menschliche Leiche aufweisende Wohnung schon seit längerer Zeit stattgefunden hat: Es handelt sich um sog. späte Leichenbesiedler. Sämtliche von uns untersuchten Insekten treten nur an Leichen-Fundorten mit zerfließenden Leichen oder in Umgebungen mit hohem Fleisch-Anteil in altem Müll (tierische oder menschliche Leichenteile) auf.

5 Diskussion

Die hier untersuchten Insekten sind entweder Leichenbesiedler oder stehen eindeutig mit Verwesungsprozessen bzw. davon angelockten Tieren in Verbindung.

Uns ist kein Geruch bekannt, der ähnlich wie die hier vorliegende Art des Leichengeruches zusammengesetzt ist. Ein ähnlicher Geruch kann hin und wieder durch Berge von Müll entstehen, der dann aber vorwiegend aus Fleischresten bestehen muss. Nur dann entwickelt sich dieser Geruch, und dann nur nach ausreichend langer „Reifung". Die dazu benötigte Zeit ist temperaturabhängig: Je wärmer, desto schneller. Da die Wohnung auf dem uns übersendeten Video nicht vermüllt, sondern leer wirkt, müsste es sich hier vormals um große Mengen Mülls mit hohem Fleisch-Anteil gehandelt haben.

Der Ammoniak-Test schlägt bei Vorliegen zersetzlicher Stoffe an, nicht bei „normalen" Holz Böden oder -Stücken. Dies zeigt, dass in die Dielenbretter Verwesungsflüssigkeit eingedrungen sein muss (und kein Kaffee).

Uns liegt ein Video aus der Wohnung vor, auf dem zu erkennen ist, dass die Zwischenräume des Fußbodens Risse aufweisen, auch dort, wo der Leichnam gelegen haben soll. Durch diese Risse können Verwesungsflüssigkeit und Gewebestücke des

Leichnams in den Bereich unter den Dielen gelangt sein (Pfütze). Leichenflüssigkeit kann in das eigentliche Holz nicht ver-siegelter Böden eindringen und verbleibt dann wegen der Klebe-Eigenschaften des halb verflüssigten Leichen-Materials dort oder unter den Holz-Dielen.

Hin und wieder werden derart belastete Böden versiegelt, um den Geruch „einzukapseln" oder mit Chemikalien behandelt, die den Geruch lösen oder überdecken sollen (beispielsweise durch den (Himbeer-Geruch von Maskomal oder ähnlichem).

Sinnvoller ist aber die Beseitigung der Geruchs-Quelle; dies ist vergleichbar mit benutzten Baby-Windeln, die auch weggeworfen oder gereinigt und nicht mit Geruchs-Überdeckung versehen werden.

Das gemeinsame Auftreten der Insekten aus den Wohnungs-Proben deutet sicher auf das Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin, deren Geruch die Tiere angelock hat. Die Fäulnisflüssigkeit muss in genügender Menge und vermutlich über einen längeren Zeitraum im Holzboden gewesen sein, andernfalls wären nur Schmeißfliegen anzutreffen, die Leichen früh besiedeln. Speckkäfer und Erzwespen treten als spätere Leichenbesiedler auf (Benecke & Baumjohann 2014): Teppichkäfer und deren Larven dienen vertrocknetes organisches Gewebe und auch tote Insekten (wie beispielsweise Fliegen) als Nahrungsquelle. Gerade bei Wohnungsleichen und Müllbergen sind sie jedoch seltener anzutreffen, da meist rasch eine Räumung und Säuberung der verschmutzten Bereiche stattfindet. Besonders Erzwespen werden dann naturgemäß nicht mehr angelockt: Sie besiedeln Jugend-Stadien anderer Insekten.

Das Fehlen von Schmeißfliegenlarven und deren Puppen in den Proben und auf den Fotos geben einen Hinweis darauf, dass nunmehr kein frisches, neues organisches Material vorhanden ist, von dem sich die Schmeißfliegenlarven ernähren können.

Da Schmeißfliegenlarven zur Verpuppung meist dunkle und enge „Verstecke" aufsuchen, könnten sich Fliegenpuppen und -larven auch unter den Dielenböden und hinter Teppichleisten befinden. Dies ist hin und wieder der Fall und führt teils zu für die Bewohner:innen nicht nachvollziehbarem Fliegenvorkommen. Beispielsweise kann eine Wohnung geräumt und gereinigt werden, die Puppen der Fliegen sind aber noch in Ritzen versteckt und die Fliegen schlüpfen dann später aus den Puppen (vergleiche Fall Nr. 2 „Leere Wohnung" in Benecke 1996).

Die „Mischung" toter Fliegen, Käfer und Erzwespen in der hier betroffenen Wohnung bedeutet, dass die Tiere vom Leichengeruch angelockt wurden und in der Wohnung verstarben bzw. dort genügend Nahrung (auch Leichenflüssigkeit) vorhanden war. Dabei ist es unwesentlich, ob diese Fliegen sich in der Wohnung (aus Larven) entwickelt haben oder erwachsene In-sekten in die Wohnung geflogen sind. Wesentlich ist der Grund für ihr Erscheinen: der für sie anziehende Verwesungsgeruch.

Literatur

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Rätselhafter Leichenfund bei Gröditz

Quelle: sächsische.de, 23. April 2025, 13:28 Uhr

Kriminalbiologe Benecke zum Leichenfund im Güllebecken: „Es gibt kaum Vergleichsfälle dazu“

Der Fall der beiden Gülle-Toten von Spansberg wirft Fragen auf. Einige könnten ungelöst bleiben. Nachgefragt bei Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke.

Von Jörg Richter

Seit über 20 Jahren ist Dr. Mark Benecke, Jahrgang 1970, international auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik aktiv und hat sich insbesondere der Entomologie verschrieben. Der Kriminalbiologe absolvierte nach seiner Promotion an der Uni Köln diverse fachspezifische Ausbildungen auf der ganzen Welt, so zum Beispiel beim FBI. Als Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren untersuchte er unter anderem Adolf Hitlers Schädel. Bekannt wurde er durch Fernsehsendungen, in denen er wissenschaftliche Hinweise zu realen Kriminalfällen gab. Nebenbei veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Artikel, diverse Sachbücher sowie Kinderbücher und Experimentierkästen.

Gröditz. Zwei Wochen nach dem Fund zweier Leichen in einem Güllebecken bei Gröditz tappen die Ermittler weiter im Dunkeln. Bisher ist nicht geklärt, um wen es sich bei den beiden Toten handelt. Das bestätigt ein Sprecher der Polizeidirektion Dresden.

Es ist lediglich bekannt, dass es sich bei den Leichen um einen Mann und eine Frau handelt. Wie Feuerwehrleute berichteten, seien die Körper noch relativ gut erhalten gewesen, kurz nachdem sie aus dem Güllebecken mithilfe eines Radladers geborgen wurden.

Sächsische.de fragte bei Deutschlands bekanntesten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke nach, wie genau sich feststellen lässt, wie lange die beiden Toten in dem Güllebecken lagen.

Herr Dr. Benecke, wann und wie zersetzt sich ein menschlicher Körper, wenn er dauerhaft mit Gülle in Berührung kommt?

Das hängt von der Durchlüftung der Gülle beziehungsweise der Schicht-Dicke und der Temperatur ab. Je wärmer es ist und umso mehr Luft an sie kommt, umso schneller zersetzen sich Leichen. In kalter Gülle versunken würde sich ein Körper besser erhalten als in einem flachen See aus Kot, an den Luft und Wärme gelangt.

Auf wie viele Monate oder Wochen genau kann man ermitteln, wie lange die beiden Leichen in der Gülle lagen bzw. schwammen?

Möglicherweise gar nicht. Es gibt kaum Vergleichsfälle dazu.

Bei dem Fall aus Spansberg wird vermutet, dass es sich um ein älteres Paar aus dem Nachbarort handelt. Sie wurden zuletzt zwischen Weihnachten und Neujahr gesehen. Wie weit kann der Zerfall fortgeschritten sein?

Wenn es eine tiefe, kalte, dicke Kot-Schicht war, dann könnten die Leichen noch vergleichsweise gut erhalten sein. Wenn sie durch Aufblähung — Bakterien bilden Gase im Körper — nach oben getrieben sind, können auch Fliegen Eier abgelegt haben. Daraus schlüpfen Maden und diese können bakteriell erweichte Leichen rasch skelettieren. Ich habe auch schon Leichen in Flüssigkeiten gesehen, die oben skelettiert waren und unten, in der Flüssigkeit, noch reich an Gewebe.

Hatten Sie schon mal einen ähnlichen Fall?

Wir hatten beim „ersten“ Tsunami (2004, Anm. d. Red.) einige Nachfragen zu Leichen, die oben, im Teil, der aus dem Wasser ragte, dunkel verfärbt waren. Unten, im Wasser, waren sie aber faulig-feucht. Einen echten Gülle-Fall kenne ich nur vom Kollegen Prokop, dem Leiter der Rechtsmedizin der Charité in Ost-Berlin (Otto Prokop 1921 - 2009, Anm. d. Red.). Der Fall ist in seiner Biografie von mir ausführlicher dargestellt. Prokop beschrieb 1951 den Tod einer Bäuerin, die bäuchlings in einer Jauche-Grube lag.

Das Todesdatum hätte ich mit Speckkäferlarven bestimmt

Von Stefan Maus

Der Tod von Gene Hackman und seiner Ehefrau Betsy Arakawa war rätselhaft. Kriminalbiologe Mark Benecke erklärt, wie er in solchen Fällen arbeitet und was das mit ihm macht.

Welche Rolle spielt das Klima bei der Veränderung von Körpern?

Je trockener es ist, desto leichter vertrocknen die Leichen. Und je feuchter und wärmer es ist, desto mehr hat man bakterielle Fäulnis und Gasblähungen. Man kann auch gemischte Formen haben. Wenn jemand im Bett liegt und seine Hände hängen raus, dann vertrocknen die, weil die warme Luft das Wasser abtransportiert. Wir bestehen ja fast nur aus Wasser. Unter einer Bettdecke kann das Wasser aber nicht abtransportiert werden. Dann wird das dort eben faul.

In unserem Fall ist Betsy Arakawa sieben Tage vor ihrem Mann Gene Hackman gestorben.

Das kommt leider vor. Es gibt Menschen, die den Tod ihres Partners verdrängen. Sie schlafen wochenlang, teilweise sogar monatelang neben der toten Person. Und wenn man sie dann lebend antrifft und fragt, warum sie denn niemandem Bescheid gesagt haben, dann haben sie die verrücktesten Gründe für ihr Verhalten. Manche sagen: "Ich habe gedacht, uns wird dann die Wohnung weggenommen." Solche Gedanken können zu den merkwürdigsten Befunden führen.

Wie meinen Sie das?

Sagen wir mal, die Leiche liegt im Bett und fängt an zu stinken. Dann räumt der Partner sie in einen Schrank. Dann verändern sich dadurch natürlich auch die Fäulnis oder die Spuren an der Leiche. Auch der Fundort verändert sich: Plötzlich gibt es im Raum Schleifspuren, oder die Totenflecken der Leiche sind an der falschen Stelle. Manchmal gibt es auch Menschen, die wischen die Eierpakete weg, die die Schmeißfliegen in den Augen und geeigneten Stellen ablegen. Manchmal aber auch nicht. Dann hat man eben dicke Madenteppiche im Gesicht, an den Ohren, unter den Armen oder im Genitalbereich. Es gibt aber auch Partner, die die Leiche waschen. Oder es gibt Mischformen von all dem. Aus Thailand habe ich zum Beispiel einmal den Fall einer Familie erhalten, die ihre Oma einfach aufs Sofa gelegt haben. Auch die Brille haben sie ihr einfach gelassen. Der ganze Körper war mit dem Sofa verklebt. Aber die Oma gehörte eben zur Familie.

Laut Auskunft der Polizei war Betsy Arakawa zum Teil mumifiziert. Was bedeutet das?

Das Wort sollte man eigentlich nicht benutzen. Weil die Leute dann sofort an Ägypten denken. "Mumifiziert" heißt einfach nur vertrocknet. Das Klima in Santa Fe ist ja sehr trocken. Also wurde das Gewebewasser abtransportiert. So wie halt alles Leichengewebe unter bestimmten Umständen vertrocknet. Schinken, Salami: Das ist ja alles nur vertrocknetes Leichengewebe.

Was könnten Sie als Kriminalbiologe alles aus Körpern herauslesen, die schon seit 15 Tagen irgendwo liegen?

Anhand von Insekten kann ich die Leichenliegezeit bestimmen. Ich schaue, welche Insekten es gibt. Und an welchen Körperstellen sie auftreten. Gibt es ungewöhnliche Besiedlungsstellen? Zum Beispiel kann ich Leichname auf bestimmte Vernachlässigungszeichen hin untersuchen. Dann schaue ich, ob im Genitalbereich oder an irgendeiner ungewöhnlichen Stelle eine besonders starke Besiedelung durch Insekten schon vor dem Tod stattgefunden haben muss. Weil die Insekten an diesen Stellen dann viel älter sind als am Rest des Körpers. Oder weil es Tiere sind, die an Kot und Urin gehen.

Wann könnte solch eine Untersuchung von Vernachlässigungszeichen von Interesse sein?

Eine Versicherung könnte zum Beispiel sagen: "Wir haben hier Geld an eine pflegende Person ausgezahlt. Aber diese Person scheint gar keine Pflege durchgeführt zu haben. Also hätten wir jetzt gerne unser Geld zurück." Da kann eine solche Untersuchung interessant werden.

Die Todesdaten von Gene Hackman und seiner Frau wurden mit Hilfe von Daten von Videokameras und Herzschrittmachern bestimmt. Wie genau hätten Sie den Todeseintritt mit rein biologischen Mitteln bestimmen können?

Den hätte ich mit Hilfe von Schmeißfliegenlarven bestimmen können. Oder wenn die Körper tatsächlich schon länger da lagen, dann auch über andere Tiere. Zum Beispiel mit Hilfe von Speckkäferlarven.

Hätten Sie den Tod damit genau datieren können?

Das hängt davon ab, wie viele Vergleichsdaten für Insekten aus Santa Fe vorhanden sind. Es gibt in den USA eigentlich relativ gute Wachstumsdaten von den einzelnen Insekten an den jeweiligen Orten.

Wie nah wären Sie dann an das genaue Todesdatum herangekommen?

Falls es stimmt, dass die beiden Körper ungefähr ein bis zwei Wochen dort lagen, dann kann man das Todesdatum gut eingrenzen. Ungefähr auf den Vormittag oder den Nachmittag eines bestimmten Tages. Aber das hängt alles von den örtlichen Vergleichstabellen mit den Wachstumsdaten der Insekten ab.

Erstaunlich, dass Sie mit rein biologischen Mitteln eigentlich ähnlich präzise sein können wie die Ermittler mit ihren technischen Spuren.

Ja. Aber natürlich wählt man immer das einfachste Mittel. Vor Ort kämen ja immer drei Parteien für Ermittlungen infrage: Polizei, Rechtsmedizin und Kriminalbiologie - also Spurenkunde. Und wenn ich jetzt bei der Polizei bin und sowieso schon vor Ort bin, dann nehme ich natürlich die sogenannten technischen Spuren. Wozu soll ich da eine biologische Zusatzinfo einholen?

Die amerikanischen Ermittler haben etwa eine Woche lang gebraucht, um das Rätsel zu lösen: Betsy Arakawa starb an Hantavirus, Gene Hackman an Herzversagen. Haben diese Ermittler einen guten Job gemacht?

Es geht keinen etwas an, das zu beurteilen. Einfach Fresse halten. Wir waren nicht dabei.

Der Sheriff sagte einen Tag nach dem Fund, die Leichen hätten schon mindestens einen Tag vor dem Fund auf dem Boden gelegen. Nun hat Betsy Arakawa dort aber schon über zwei Wochen gelegen. Ein Tag war also eine ziemliche Fehleinschätzung. Ist es verwunderlich, dass ein Sheriff so etwas sagt?

Er hat ja gesagt: Mindestens einen Tag. Insofern stimmt es. Aber grundsätzlich gilt: Laien können Leichenliegezeit nicht einschätzen. Wenn jemand nur vom Augenschein versucht, die Liegezeit zu schätzen, geht das immer schief. Da nützt alle Berufserfahrung nichts.

Wie kommt das?

Weil es sehr stark von den Umwelt-Bedingungen vor Ort abhängt.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir an, ich bin Coroner, Sheriff oder Priester und habe schon viele Leichen in meinem Leben gesehen. Nun komme ich aber an einen Ort mit einer seltenen Besonderheit. Nehmen wir an, der Ort ist mit einer Tür verschlossen. Aber unter der Tür ist ein Schlitz. Und auf der anderen Seite des Raumes ist durch einen baulichen Zufall auch ein Schlitz. Den aber keiner sieht, weil er hinter einem Schrank ist. Dann hat man einen Luftkanal zwischen den beiden Schlitzen wie in einem dieser Händetrockner. Und plötzlich hat man völlig andere Feuchtigkeits- und Lufttransportbedingungen. Ganz unabhängig von der allgemeinen Temperatur in dem Raum. Wenn nun die Leiche vor diesem Türschlitz liegt, dann wird das Körperwasser sehr viel schneller abtransportiert, als wenn sie auch nur einen Meter weiter links oder rechts in derselben Wohnung liegen würde. Hier nützt es mir also nichts, wenn ich schon Dutzende Tote gesehen habe. Deswegen muss man das vernünftig vor Ort untersuchen. Mit technischen oder eben biologischen Mitteln.

Gene Hackman hat gut eine Woche länger als seine Frau gelebt. Er litt an Alzheimer in einem fortgeschrittenen Stadium. Als die Rechtsmedizinerin seinen Magen untersuchte, fand sie dort kein Essen. Sie haben ein sehr nüchternes Verhältnis zur menschlichen Vergänglichkeit. Aber ist der Tod nicht einfach ein verdammtes Arschloch?

Wie meinen Sie das?

Macht Sie solch ein Fall melancholisch oder traurig?

Ja, klar. Es ist schade, dass die beiden keine Sozialkontakte mehr hatten. Aber wie ich schon am Anfang sagte: Das ist total normal. Deswegen nenne ich diese Menschen auch "Invisible People". Nach einer Geschichte des New Yorker Comiczeichners Will Eisner. Diese Invisible People sind überall. Sie sind nicht der rosa Elefant, der mitten im Raum steht. Sondern sie sind das Hintergrundrauschen auf unserer Welt. Das sind die vergessenen Leute. Sie sind das Allerhäufigste, das wir bei Wohnungsleichen sehen. So ist das halt. Das hat mit dem Tod an sich nichts zu tun. Das hat etwas damit zu tun, dass diese Menschen keine Sozialkontakte mehr haben.

Sie verabscheuen Gefühlsduselei mehr als jeden Leichengestank. Gab es trotzdem einen Fall, der Sie gerührt hat?

Es sind die Angehörigen, die mich bewegen. Vor allem, wenn sie nicht genug Informationen haben. Oft machen sich diese Menschen in ihrer Trauer etwas vor. Viele suchen dann nach einem Mörder, wo es keinen gibt. Irgendwann lädt die dann keiner mehr ein. Dann heißt es: "Du, Renate, dein Mann ist vor zehn Jahren gestorben. Wir wollen jetzt einfach Silvester feiern. Wir haben das schon vor fünf Jahren gesagt. Du sollst nicht wieder anfangen mit dem Mord an deinem Mann. Vielleicht ist er ermordet worden. Vielleicht nicht. Auf jeden Fall laden wir dich jetzt nicht mehr ein." Die Menschen kriegen Posttrauma-Störungen. Die gucken dann nur noch gegen die Wand. Oder wenn Kinder versterben. Bei erweiterten Selbsttötungen im Partnerschaftsbereich zum Beispiel. Dann suchen die Großeltern für den Rest ihres Lebens nach Antworten und geben ihr gesamtes Geld an irgendwelche windigen Pfeifen aus, die sich ihr Leben dadurch finanzieren, dass sie alte Leute ausnehmen. Das Hauptproblem ist, dass die Angehörigen keine Ansprechpartner haben.

Inwiefern?

Die Polizei ist für diese Menschen nicht zuständig. Wenn ein Mensch ums Leben kam, es aber kein Kriminalfall war, dann sagt die Polizei: "Gucken Sie mal, es ist kein Kriminalfall. Bitte. Wir haben hier solche Stapel an echten Kriminalfällen liegen. Wir sind nicht zuständig. Die Staatsanwaltschaft hat ja auch gar kein Verfahren eröffnet. Das hat Ihnen die Polizei auch alles schon erklärt. Bitte, entschuldigen Sie, aber wir möchten uns gerne um die Drogenhändler, Mörder, Vergewaltiger und die häusliche Gewalt kümmern. Verstehen Sie?" - "Nein", sagt die trauernde Person dann, "verstehe ich nicht. Ich möchte wissen, warum mein Mann getötet wurde."

Also nimmt Sie so etwas schon mit.

Klar ist das alles scheiße. Auch diese ganzen Genozide, die wir sehen, und die keinen Menschen interessieren. Aber ich kann es ja nicht ändern. Was ich aber ändern kann: dass den Menschen ihnen wichtig erscheinende Informationen nicht vorenthalten bleiben. Das kann ich als freiberuflicher Forensiker mit meinem Team vor Ort oder im Labor ändern. Hier geht es um Lösungen, nicht um weinerliches Gejammer.

Gibt es einen konkreten Fall, der nicht nur ein interessantes Rätsel war, sondern Sie auch gerührt hat?

Wir hatten einen Fall, da kam eine Familie und sagte, sie habe ein Gemälde, das weint. Aber keine Bluttränen, sondern Wasser. In der Familie war jemand ertrunken, und der Glaube war nun, dass das Gemälde nicht Tränen weint, sondern das Wasser aus dem Gewässer, wo die Person ertrunken ist. Also habe ich gesagt: "Okay, untersuchen wir, kein Problem. Vielleicht können Sie dann ja besser in die Trauerarbeit gehen. Oder können durch die Informationen innerhalb der Familie dann mal besprechen, was da los ist. Das können Sie ja dann für sich selbst einordnen. Ich kann Ihnen nur sagen, ob das Süßwasser ist, Salzwasser, Öl oder Farbe." Sobald Angehörige beteiligt sind, sind echte Gefühle im Spiel. Die sind messbar. Natürlich bemerke ich die. Und die springen dann auch über. Sie beeinflussen mich aber nicht.

Wie schützen Sie sich vor dem Grauen und dem Entsetzen des Todes?

Es ist, wie es ist. Ich kann es doch auch nicht ändern. Ich meine, ich bringe die Leute ja nicht um oder stopfe sie ins Massengrab. Ich bin nicht derjenige, der Lampenschirme aus Menschenhaut näht. Ich verwende keine Tierprodukte. Ich tue, was ich kann. Aber der Tod scheint ja keinen Menschen zu schrecken. Folter und Ausbeutung interessiert ja auch kaum jemanden. Die Leute trinken Milch und essen Butter, zerhackte Tintenfische und Schweine-Schnitzel. Es scheint fast allen Menschen scheißegal zu sein. Keine Ahnung, warum den Menschen das einfach alles so völlig egal ist. Ich verstehe das nicht. Aber ich bin ja nicht derjenige, der es tut. Ich arbeite lieber an der Lösung, anstatt herumzujammern, dass irgendwas scheiße ist und mir dann die nächste Scheibe Schinken aufs Brot zu legen. Keine Ahnung. Ist mir auch ein Rätsel, was mit den Leuten los ist.

Verursacht Ihr Beruf Ihnen Albträume?

Nö, eigentlich nicht. Das Problem ist eher der Tag. Wenn die ganzen angeblich guten und braven Menschen herumlaufen und sich unsozial verhalten. Nachts ist es eigentlich angenehmer als tags.

Weitere Gegenstände aus Buchenwald sind aus Menschenhaut

Kriminalbiologe Mark Benecke präsentiert Forschungsergebnisse

Quelle: Evangelischer Presse-Dienst (epd), 18./19. Febr. 2025

Von Matthias Thüsing

Weimar/Baltimore (epd). Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat für weitere Alltagsgegenstände aus den Sammlungen des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nachgewiesen, dass sie aus menschlichen Hautstücken angefertigt wurden. "Darunter befinden sich ein weiterer Lampenschirm und eine Taschenmesser-Hülle, die uns aus Westdeutschland beziehungsweise England zugeschickt worden sind", sagte der Kölner Wissenschaftler dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Weimar. Sowohl die vergleichenden mikroskopischen Untersuchungen mit Menschenhaut als auch Erbgutuntersuchungen lieferten demnach zweifelsfreie Ergebnisse.

Eine Besonderheit der SS in Buchenwald war die Herstellung von makabren "Geschenkartikeln", die sich die SS-Männer gegenseitig überreichten. Menschenhaut wurde aus den Leichen von Häftlingen geschnitten und zu Alltagsgegenständen weiterverarbeitet.

Benecke hatte bereits im vergangenen März erste Ergebnisse seiner Arbeit in Weimar präsentiert. Damals konnte er für einen Lampenschirm aus dem überlieferten Bestand der Gedenkstätte nachweisen, dass Menschenhaut für die Herstellung verwendet wurde. Am Donnerstag wird Benecke seinen Abschlussbericht auf einer Tagung der American Academy of Forensic Sciences in Baltimore/USA öffentlich vorstellen.

Zu den Ergebnissen gehörte auch die Untersuchung eines Schrumpfkopfs aus Buchenwald. "Jetzt steht fest. Es handelt sich um Ziegenhaut und -haar, die entsprechend in Form gebracht wurden", sagte Benecke. Vor allem die Haare hätten zunächst für ein Präparat aus Pferd gesprochen. Erst eine Erbgutuntersuchung habe Klarheit gebracht.

Weiter offen ist laut Benecke die Frage nach der Person, der ein präpariertes Herz mit angeblicher Schussverletzung zuzuordnen ist. Das Organ wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in dessen Pathologischer Abteilung vorgefunden. "In dem Herzen konnten wir nach sehr, sehr vielen Versuchen in mehreren Speziallaboren kein Erbgut finden", sagte der Forscher. Zumindest habe er das Exponat anhand alter Fotos als das echte, "damalige" Herz aus der alten Sammlung eindeutig zuordnen können. "Es ist also "geschichtlich" gesehen durch Fotovergleich auch als menschlich bestimmt", sagte Benecke.

Für Buchenwald sei die Forschung nun abgeschlossen, sagte Benecke. Das sei gut, die Untersuchung sei ihm nahe gegangen. Allerdings gebe es möglicherweise Nachfolgeprojekte an anderen Orten. "Ich habe eine Anfrage aus Syrien erhalten. Die Ukraine ist auch ein möglicher Kandidat. Genozide gibt es leider immer wieder", sagte Benecke.


Weimar/Baltimore (epd). Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat für weitere Gebrauchsgegenstände aus den Sammlungen des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald nachgewiesen, dass sie aus menschlichen Hautstücken angefertigt wurden. Darunter befinden sich ein weiterer Lampenschirm und eine Taschenmesser-Hülle. Am Donnerstag stellt der Kölner Wissenschaftler seinen Abschlussbericht erstmals auf der Tagung der American Academy of Forensic Sciences in Baltimore/USA vor.

epd: Nach der Zwischenpräsentation zu Artefakten aus Menschenhaut in Buchenwald haben Sie weitergeforscht. Wie sind Sie weiter vorgegangen? Welche und wie viele Gegenstände, Fragmente haben Sie weiter untersuchen lassen?

Mark Benecke: Wir haben 2024 noch ein weiteres Stückchen eines Lampenschirms und eine Taschenmesser-Hülle aus England erhalten. Kurz vor dem Abschluss des Projekts haben wir außerdem einen weiteren Lampenschirm bekommen. Er wurde direkt nach der Pressekonferenz in der Gedenkstätte Buchenwald in Westdeutschland gefunden und unserem Labor übergeben.

Was haben die Untersuchungen ergeben?

Leider sind alle diese Gegenstände auch aus Menschenhaut. Das haben vergleichende mikroskopische Untersuchungen mit Menschenhaut sowie Erbgutuntersuchungen zweifelsfrei ergeben.

Wo konnten sie Entwarnung geben?

Es hatte sich im Zwischenbericht ja angedeutet, dass der Schrumpfkopf vermutlich nicht menschlichen Ursprungs sein dürfte. Aber zunächst war die Untersuchung der Haare nicht eindeutig genug. Vieles sprach für ein Pferd. Daher habe ich auch hier noch einmal Erbgut untersucht und untersuchen lassen. Jetzt steht fest: Es handelt sich um Ziegen-Haut und -haar, die entsprechend in Form gebracht wurden. An dieser Stelle hatte übrigens meine Frau Recht: Ihr war früh aufgefallen, dass die Haare, die Ohr-Öffnung und anderes nicht zu einem Menschen passen. Sie muss es wissen. Sie verfügt über eine Ausbildung als staatlich geprüfte Kosmetikerin.

Was konnten Sie nicht klären?

Ein präpariertes Herz mit angeblicher Schussverletzung gehört ebenfalls zu den nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald in dessen Pathologischer Abteilung vorgefundenen Präparaten. In dem Herz aus der Sammlung konnten wir nach sehr, sehr vielen Versuchen in mehreren Speziallaboren aber kein Erbgut finden. Aber ich konnte es anhand alter Fotos als das echte, "damalige" Herz aus der alten Sammlung eindeutig zuordnen. Es ist also "geschichtlich" gesehen durch Fotovergleich auch als menschlich bestimmt. 

Was hat das Projekt gekostet?

Es hat sehr viel Zeit und Geld gekostet. Ich habe alles selbst bezahlt, da ich für diese Untersuchung einfach kein Geld nehmen wollte. Unglaublich wichtig war dabei der Sammlungsleiter der Gedenkstätte, der die ganzen alten Quellen und Fotos kannte sowie das sehr gründlich arbeitende Labor, das einen Arbeitsschwerpunkt auf verarbeiteter Haut - meist natürlich von Tieren - hat. Es war anstrengend, teuer und zwischendurch dachte ich, wir packen es nicht mehr. Aber nachdem auch die Untersuchung von Hitlers Schädel und Zähnen in Moskau ein Wahnsinnsaufwand war, und da ich die Wahrheit einfach liebe, haben wir es alle gemeinsam geschafft.

Sind die forensischen Untersuchungen damit abgeschlossen?

Ja. Ganz ehrlich: Ich glaube, dem Sammlungsleiter der Stiftung und mir ist das Ganze auch doch näher gegangen, als wir dachten. Es ist gut, dass es jetzt dauerhaft geklärt und der "Deckel zu" ist.

Wird es ein Nachfolgeprojekt geben? In Buchenwald oder anderswo?

Auch hier ein: "Leider ja." Ich habe gerade erst eine Anfrage aus Syrien erhalten. Die Ukraine ist auch ein möglicher Kandidat. Genozide gibt es immer.

Sind die Personen bekannt, aus deren Haut die untersuchten Gegenstände gefertigt wurden? Ließe sich das überhaupt genetisch klären?

Es gäbe eine Möglichkeit: Dazu müssten wir in die riesigen Familien-Stammbaum-Daten schauen. Der Sammlungsleiter und ich haben bisher entschieden, das nicht zu tun. Vermutlich bleibt es auch dabei. Manche Dinge sollten besser ruhen. Nur zu dem durchschossenen Herzen ist mit dem tschechischen politischen Häftling Jiri Horejsi (1920-1942) ein Name überliefert. Aber hier haben wir, wie gesagt, kein verwertbares Erbgut mehr vorgefunden.

Fast zum Ende noch eine Frage zu den Anfängen des Projekts: Wie kamen sie auf das Thema?

Mein Augenmerk auf Spuren aus Konzentrationslagern ist auf einer Sitzung erwacht: Im Jahr 2005 berichtete ein Kollege bei einer Tagung der American Academy of Forensic Sciences (AAFS), dass er Seife erhalten habe, die aus einem Konzentrationslager und aus Menschenfett gekocht sein könnte. Wir überlegten damals, wie sich das nachweisen ließe. Ohne diese Gesprächsrunde wäre ich vielleicht gar nicht auf die Spuren in Buchenwald gekommen.

Und noch mal zu heute: Welche Reaktionen haben Sie in der grundsätzlich streitfreudigen Wissenschaftscommunity nach Veröffentlichung der Zwischenergebnisse erreicht? Gab es Widerspruch?

Es herrschte zunächst Totenstille. Dann aber kam eine Überraschung: Die American Academy of Forensic Sciences, bei der ich schon seit den 1990er Jahren Mitglied bin, hatte meine Einreichung für die Konferenz gesehen und zum ersten Mal in meinem Leben beschlossen, meine Redezeit zu verlängern. Sonst wird sie eher gekürzt, um mehr Vorträge pro Sitzung einbauen zu können. Ich hatte nicht einmal danach gefragt. Jetzt wird der Vortrag mit über hundert Fotos nicht in einem Sonderteil der Tagung stattfinden, sondern auf der größten Veranstaltung dort, der sogenannten "Last Word Society". Das freut mich sehr, weil mich so besonders viele fachliche Anmerkungen erreichen werden.

epd ost mth

Experte erklärt Mumifikation an Händen und Füßen

Quelle: t-online.de, 3. März 2025

Von Simone Bischof, Amir Selim

Der US-amerikanische Schauspieler Gene Hackman und seine Frau wurden tot in ihrem Haus in New Mexiko gefunden. Beide Leichen zeigten Spuren von Mumifikation. Ob sich daraus neue Erkenntnisse ergeben, erklärt der Kriminalbiologe Mark Benecke.

Nach dem Tod von Hollywood-Legende Gene Hackman und seiner Ehefrau, Betsy Arakawa, stehen die Ermittler weiterhin vor einem Rätsel. Denn nach wie vor ist unklar, wie das Paar gestorben ist. Zudem sollen beide Leichen ersten Erkenntnissen zufolge bereits Mumifikation an Händen und Füßen gezeigt haben. Während Mumifizierung eine künstlich vom Menschen betriebene Technik zur Konservierung eines Körpers ist, ist von Mumifikation die Rede, wenn eine Mumie nicht aufgrund menschlichen Eingreifens, sondern aufgrund eines natürlich ablaufenden Prozesses entsteht. Das heißt, eine Leiche vertrocknet auf natürliche Weise.

Was sich aus diesem Zustand einer Leiche "ablesen" lässt, fragt t-online den Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke.

t-online: Wodurch entstehen Mumifikationen?

Mark Benecke: Wenn es nicht gerade knochentrocken ist, verwesen Leichen "von selbst", und zwar durch Bakterien im Körper und das "Zerfließen" der Zellen. Ohne biologische, chemische "Lebens-Energie" hält der Körper nicht mehr zusammen und löst sich von selbst auf.

Menschen bestehen fast nur aus Wasser. Vertrocknungen entstehen, wenn warme Luft das Wasser aus dem Körper aufnimmt und wegleitet. Das ist wie im Alltag, wenn wir beispielsweise ein Handtuch trocknen.

Was sagt der ausgetrocknete Zustand des Körpers über den Todeszeitpunkt aus?

Wenig bis gar nichts. Fäulnis und Vertrocknung laufen sehr unterschiedlich und je nach Lagerung, Körperbau, Bekleidung, Fundort und so weiter ab. Ganz früh können die Kolleginnen und Kollegen aus der Rechtsmedizin noch durch Muskel-Messungen, die Temperatur im Körperinneren und dergleichen den Todeszeitpunkt ermitteln. Danach lassen Schlussfolgerungen über den Todeszeitpunkt nur noch biologische Techniken zu, etwa Insekten auf der Leiche und die bakterielle Besiedlung. Vertrocknete Leichen – also Mumien – können Jahrtausende erhalten bleiben.

Gene Hackman war 95, seine Frau Betsy Arakawa 63 Jahre alt. Inwiefern hat das Alter Einfluss bei Verwesung und Mumifizierung beziehungsweise Mumifikation?

Früher waren alte Menschen meist schlank, daher sind sie nach dem Tod leichter ausgetrocknet, denn sie hatten weniger dicke Gewebeschichten. Heutzutage ist es mal so, mal so.

Foto: Claus Pütz

In Santa Fe herrschen Temperaturen über 30 Grad. Welche Rolle spielt die Hitze bei Verwesungen und Mumifizierungen sowie Mumifikationen?

Feuchte Hitze finden Bakterien gut, die zu Fäulnis führen. Trockene Hitze führt zu Vertrocknung, also Mumifizierung.

Ab welchem Grad der Verwesung wäre eine Identifizierung nicht mehr möglich?

Das ist nie ein Problem. Erbgut findet sich notfalls in den Zähnen, Knochen oder Haaren.

Zuvor vermutete die Tochter von Hackman den Tod durch eine Kohlenmonoxidvergiftung. Welche Verwesungen und Mumifizierungen können dadurch auftreten?

Das macht nur ganz am Anfang einen Unterschied beim Aussehen der Leiche: Solche Leichen haben auffallend "leuchtend" rote Toten-Flecke. Abgesehen davon spielt es keine Rolle.

Berichtet wurde auch, dass die Tür des Hauses womöglich offen war. Könnte das Kohlenmonoxid entweicht und deswegen nicht mehr nachweisbar sein?

Das kann sein, allerdings ist die Frage, wann die Türe geöffnet wurde. Wenn sie die ganze Zeit offen war, hätte das Gas durch die Türe entweichen können und wäre dann eher nicht tödlich gewesen.

Mark Benecke: Hitler's Skull and Teeth

A study in three languages: english, spanish, chinese

© 2025 eygennutz Verlag, Hamm;

Mark Benecke

Umschlaggestaltung: Michael Schubert

Umschlagfoto: Thorsten Fröhlich

Herstellung: booksfactory, Szczecin

ISBN: 978-3-946643-23-4

www.eygennutz-verlag.de

info@eygennutz-verlag.de

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Doktor Made ermittelt

Quelle: KURIER.at, 8. November 2024

Von Birgit Seiser

Nachgefragt. Immer noch ist offen, wann der Doppelmörder Roland Drexler gestorben ist. Experte Mark Benecke erklärt, welche Faktoren für die Bestimmung des Todeszeitpunkts essenziell sind.

Fünf Tage lang suchte eine Hundertschaft an Polizisten Wälder im oberösterreichischen Bezirk Rohrbach (OÖ) nach dem mutmaßlichen Doppelmörder Roland Drexler ab. Am Samstag stand fest, dass er tot ist, seine Leiche wurde in seinem Jagdgebiet entdeckt. Mit Spannung erwartete das ganze Land das Ergebnis der Obduktion, das aber weiter Fragen offen ließ. Der genaue Todeszeitpunkt konnte nicht bestimmt werden. Nun sollen forensische Entomologen das Rätsel lösen.

Einer der bekanntesten Vertreter dieses Fachs ist Dr. Mark Benecke. Der Kriminalbiologe, der auch als "Dr. Made" bekannt ist, erklärt im KURIER, wie man den Todeszeitpunkt bestimmen kann und wie Insekten dabei helfen. Die folgenden Zeilen sind nichts für Menschen mit schwachen Mägen.

Leiche als Brutstätte

"Bei einer frischen Leiche erkennt man den Todeszeitpunkt beispielsweise über die Reizbarkeit der Muskeln mit Strom, die Auskühlung des Körpers und die Beweglichkeit der Pupillen, wenn etwas hineingetropft wird. Auch, wie sich die Gelenke biegen lassen, gibt Aufschluss über den Todeszeitpunkt", sagt Benecke. 

Ist der Tod schon vor längerer Zeit eingetreten, gibt es andere Merkmale, die zur Aufklärung beitragen können. Insekten nutzen Leichen als Brutstätte und Nahrungsquelle: "Je länger eine Leiche liegt, umso mehr zersetzt sich der Körper. Dann kann man das Alters der Larven von Schmeißfliegen verwenden, die wie eine Uhr ticken, also wachsen", erklärt der Kriminalbiologe. Käsefliegen oder Aaskäfer, die Leichen erst später besiedeln, können ebenfalls zur Bestimmung des Todeszeitpunkts beitragen. In manchen Fällen können sogar Pflanzen und deren Wurzeln untersucht werden, die über oder durch die Leiche hindurch wachsen.

Genau solche Merkmale sollen nun helfen, den Todeszeitpunkt von Roland D. festzustellen. Dass er schon länger tot gewesen sein muss - sich möglicherweise direkt nach dem Doppelmord am Montag das Leben genommen hat - kann durch das Auftreten von Insekten aber nicht zwingend abgelesen werden.

"Insekten können superschnell auf einem Leichnam zu finden sein. Ich habe es schon erlebt, dass die schwangeren Fliegen-Weibchen sofort nachdem die Leichen ins Freie gelegt wurden, beispielsweise im Studierenden-Kurs oder auf der Body Farm, angesaust kamen. Fliegen können Butanol und Methylsulfid, das aus Leichen strömen kann, sehr gut riechen."

Störfaktoren

In der forensischen Entomologie gibt es aber selbstverständlich auch Störfaktoren, die Untersuchungen erschweren können. "Wenn  eine Leiche verlagert, also von einem Ort an den anderen gebracht wurde, kennt man die jeweiligen Temperaturen der Orte vielleicht nicht. Die brauchen wir aber, um die Wachstums-Geschwindigkeit der Larven zu errechnen. Manchmal werden Leichen auch versenkt oder irgendwo eingeschlossen, wo die Tiere nicht sofort dran gehen. Oder es ist zu kalt oder regnet", sagt Benecke. 

Die Witterungsbedingungen dürften in der vergangenen Woche so gewesen sein, dass sie keine negativen Auswirkungen auf die kommenden Untersuchungen haben sollten. Die Temperaturen lagen deutlich im ein- bis niedrigen zweistelligen Bereich; an drei Tagen regnete es, aber nur sehr mäßig. Die Leiche wurde laut Polizei außerdem nicht eingeschlossen oder in Wasser versenkt, entdeckt, sondern soll offen in dem Waldstück gelegen haben. 

Kriminalbiologe Mark Benecke bestätigt: KZ-Lampenschirm ist aus Menschenhaut

Quelle: BILD, 22. März 2024

Von: Laura Meinfelder

Der Lampenschirm aus Menschenhaut und andere Präparate sind Beweise für die unfassbar grausamen nationalsozialistischen Verbrechen. Die Aufnahme entstand kurz nach der Befreiung am 16. April 1945

Weimar (Thüringen) – Viele hatten es bereits geahnt, doch jetzt ist es erschreckende Realität: Der berüchtigte „Kleine Lampenschirm“ aus dem KZ Buchenwald wurde aus Menschenhaut hergestellt! Das bestätigten nun neueste Untersuchungen.

Ein früheres Gutachten von 1992 hatte fälschlicherweise behauptet, der Lampenschirm sei aus Kunststoff. Geschichtsleugner nutzten diese Fehleinschätzung immer wieder, um die nationalsozialistischen Verbrechen zu bestreiten. Deswegen hatte sich die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Thüringen entschieden, die Präparate noch einmal mit neuesten technischen Verfahren untersuchen zu lassen.

Der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke (53) stellte jetzt klar, dass das Material vom Lampenschirm „nur menschlich sein“ könne. Das ist das Ergebnis seiner forensischen und mikroskopischen Analyse.

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke wurde bei der Vorstellung der neuen Forschungsergebnisse mit Direktor Jens-Christian Wagner (links) digital zugeschaltet.

Im Hintergrund ist der kleine Lampenschirm zu sehen, der sicher aus Menschenhaut besteht und sich in einer SS-Villa befand.

Lampenschirm stammt aus KZ der Nazis

Der kleine Schirm stammt aus einem der Häuser der SS-Villensiedlung und wurde unmittelbar nach der Befreiung im April 1945 vom ehemaligen deutschen politischen Häftling Karl Straub (1898-1966) an sich genommen.

Später kam der Lampenschirm wieder zurück nach Buchenwald, wo er von 1954 bis 1990 in der Gedenkstätte ausgestellt wurden. Mittlerweile ist er aus ethischen Gründen nicht mehr öffentlich zu sehen.

Im KZ Buchenwald wurden Menschen gequält, gefoltert und getötet

„In unseren Ausstellungen zeigen wir bewusst keine menschlichen Überreste, obwohl sie sich in unserer Sammlung befinden. Eigentlich müssten diese aus humanitären Gründen bestattet werden. Da sie jedoch auch Beweise der nationalsozialistischen Verbrechen in den Konzentrationslagern sind, bewahren wir sie auf“, heißt es auf der Internetseite der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Für solche Präparate benutzte die SS von Adolf Hitler bevorzugt die Haut von tätowierten Häftlingsleichen.

Direktor Jens-Christian Wagner betont, dass die Herstellung von Lampenschirmen und anderen „Geschenkartikeln“ aus Menschenhaut zeigt, wie „komplett dehumanisiert“ die SS war. In keinem anderen deutschen Konzentrationslager wurden derartige Gegenstände hergestellt.

Preface: Germany's Worst Serial Killers

In: Jean Rises: Germany's Worst Serial Killers. Serial Pleasures Publishing, 2024

Foreword by Dr. Mark Benecke

Some find serial killers dazzling, attractive or strange.

Others need a counter-image to themselves that is so gruesome and undeniably bad, that their own outrages pale into insignificance.

Still others wonder why they were abused and tortured. Serial killers make the answers to these questions easy, as they are so clearly on their human-despising mission that even their own tormentors seem less complicated.

But what the world throws at serial killers and wants to see in them, they are not. They are lonely, deeply sad figures. And pushed. Shifty, too, but their most striking characteristic is their lack of commitment.

In their loneliness, serial killers don't know how to form deep and trusting bonds. They eat others, rape, torture, hunt, trick and lie. This is how they fill their emptiness.

But they don't realize that it would be warmer and calmer inside of them if they could experience beauty not in blood, bones and eventually fading screams, but hand in hand with people in the sunset, connected and peaceful.

Jeff Dahmer turned himself into a clown until his classmates found him too creepy. Peter Kürten hoped to hear his own blood rushing when he was beheaded, and my client Garavito sincerely believed that God and he could colonize a loving and understanding realm together.

For whatever reason you picked up this book: It is one of the most impressive experiences in criminalistics when and that we see that perpetrators like Samuel Little or Fritz Haarmann thaw out when we approach them as experts in - well, serial murder.

None of the killers in the time since Haarmann and Denke would have had to talk to us. The official rules did not originally provide for such conversations either. After the knowledge about serial killers, which had long been described in German-speaking countries, had sunk into oblivion, colleagues from the United States and, less well known, from the Soviet Union and Russia, discovered the power of comparative questioning in serial murder cases.

My colleague Robert Ressler, with whom I investigated a long series of murders in Mexico, gave me one of my later favorite pieces of advise in view of the often unexpected openness of many serial killers: "Don't ask for written permission in in such cases, because someone in the authorities might say no. Just do it. Go ahead and do it."

I have stuck to this rule and thank not only the offenders who help us with their statements to prevent the next crime (or at least make it less likely) by checking traces and stains.

I would also like to thank you, the readers, because without your attention to the offbeat subject and without your encouragement for the authors of reports on real cases, we would have fewer sources that span the ages and could therefore do less to prevent it.

Mark Benecke
Weimar, KL Buchenwald
Februar 2024

Forensic Entomological Examinations for Animal Welfare Offices under Suboptimal Preservation Conditions

Source: Forensic Sci. 4:387–395. https:// doi.org/10.3390/forensicsci4030023

→ The article as .pdf

German version of this article

Kristina Baumjohann & Mark Benecke

Abstract

A female dog had allegedly been alive one day before its death. The veterinary office thought about accusing the dog’s owner for animal cruelty and commissioned forensic entomological expertise for the calculation of the time of insect colonization on the dog’s body. The statement of the dog’s owner was proven false by us on the grounds of (a) the advanced state of decomposition and (b) the minimal developmental time of fly larvae found on the dog’s body. The darkening and deformation of the fly maggots as well as insufficient temperature data made case work trickier than usual. We worked through the case by creating forensic entomological temperature scenarios. The court used the entomological evidence and issued a penalty order.

Keywords

forensic entomology; insect traces; minimum time since death; neglect; sampling

1. Introduction

Insects, mostly flies and beetles, can colonize human and animal wounds or bodies both during life and after death. If colonization takes place during life, it is referred to as myiasis. Myiasis may occur in cases of neglect; in such cases, it is sometimes possible to calculate the period of neglect using the development of insects [1–3].

The time of development of insects is temperature-dependent: low temperatures slow down insect development and high temperatures accelerate it. Different insect species develop at different rates at the same temperature [4].

The preference of adult flies to deposit eggs in wounds and body openings applies equally to humans and wild or domestic animals [5,6]. In cases of myiasis, eggs are also laid in the soiled diaper area [1–3]. This applies to soiled cushions in dog baskets and soiled blankets, too.

In neglect cases, the collection and subsequent preservation of fly maggots should be carried out separately according to the place of collection (diaper area, open wounds, or natural body openings) in order to record the possibly different developmental ages of the animals at the different colonization sites of the same body.

In cases of animal cruelty and neglect in wild and domestic animals, the entomological evidence collected from living or deceased animals may also provide investigating authorities with information on the circumstances of death [7–12].

The condition of the preserved insect specimens that reach us do not always allow for easy species determination. The case presented here shows that, despite poorly preserved insect material, the difficulty in calculating a possible development time of fly maggots can be narrowed down by creating various temperature scenarios.

Unlike in high-profile forensic cases, the veterinary office initially left the question open if time since death or time since the beginning of neglect including a possible maggot infestation had to be determined by us. We communicated that in this case, it would be best to operate with colonization time, irrespective of whether this was the colonization time of wounds of the living dog or the colonization of the dead dog.

2. Case Description

In connection with the death of an approximately two-year-old, female French bulldog, a German veterinary authority issued an order to calculate the minimum colonization period of the fly maggots collected from the dead dog.

The dog owner stated that she had left her dog in her uncle’s apartment several days before the dog’s death and had looked after him there every day during her work breaks. She had allegedly last provided the dog with water and food on 23 July 2022; she claimed that the dog was still alive at that time. When she went to pick up her dog from her uncle the next evening, 24 July 2022, the dog had died.

That same evening, the animal mortician collected the dead dog and froze it in the funeral home at −3 °C, according to his statement. The mortician had noticed “heaps of maggots” on the dead dog’s body when he handed it over for examination, i.e., the dog had already been severely decomposed at this point. The veterinary office received the corpse on 25 July 2022; the dog was frozen there at unknown temperatures. On 30 August 2022, the animal’s corpse was sent to an Institute for Veterinary Pathology and examined there on 2 September 2022. The fly maggots collected from the dog’s body were then frozen at −20 °C until shipment.

The owner’s statements were made to officers of the local veterinary authority. Police was not involved since the case was considered to be low-key. The veterinary office then contacted the prosecutors’ office. The dog owner did not have to give a sworn statement since it was clear that the case would be handled by the district court and the penalty would be very low because the dog owner had no criminal record and most of such cases are not prosecuted at all in Germany.

Figure 1. Condition of the emaciated dog’s body on delivery to the mortician; the dog had allegedly been alive and well the day before its death. (Note: the insufficient image quality of Figures 1 and 2 is due to the fact that the veterinary pathologist did not allow the use of original images, so copies from the report of the veterinary office had to be used.).

3. Veterinary Pathological Examination of the Dog

According to the veterinary pathologist, the dog was already in a high state of “autolysis to putrefaction”. There were numerous fly maggots on the dog’s body, there were nits (louse eggs) in the fur, and the beginning of skeletonization at the right upper jaw was noted.

The dog had no subcutaneous fat and no structural fat deposits: kidney capsule fat, coronary fat, and intestinal mesentery fat were missing. The stomach was empty; the animal was in a highly reduced nutritional state (Figures 1,2).

4. Forensic Entomological Examinations

4.1. Material and Methods

Figure 2. Eyes and brain of the dog missing due to the feeding activity of fly maggots and advanced decomposition. (Photo quality: see remark in Figure 1.)

The sample from the Institute of Veterinary Pathology included 146 individual fly maggots and eight clusters of several maggots that were connected (as if glued) together.

The previously frozen fly maggots were sent to us by the veterinarian in 96% ethanol and reached us on 16 January 2023. The thawed maggots were predominantly brown to black in color (Figure 3), the tissue was rubbery, and the animals were predominantly deformed. The discoloration and deformations made it difficult to determine the fly species, as certain body characteristics must be visible to do so. The length of a stretched maggot is used to determine age and cannot be measured correctly if the animals are bent and contorted. The proper and immediate storage of the fly maggots at the mortician’s office could have prevented the discoloration and tissue deformation [13].

Species determination was performed based on morphological features using stereomicroscopes (Leica Mz 12.5, Leica S9E, Wetzlar, Germany) and a light microscope (Leica DM LM, Wetzlar, Germany) with identification keys from Szpila [14,15].

One third of the maggots were therefore placed in an 8% potassium hydroxide solution (KOH) at room temperature. The tissue of the maggots was so firm and tough that it only became soft enough to micro-dissect after about a week in the softening solution. The bleaching effect of the potassium hydroxide made body features relevant to determination largely visible again (Figure 4).

The length of 20 blow fly maggots was measured, the stage of development determined, and their species identified (see Section 4.2). After examination, the maggots—with some body parts removed during the examination (anal plate, head capsule, and mouth parts)—were each transferred to a reaction tube (1.5 mL).

The remaining maggots left in the potassium hydroxide solution were placed in a container of methylated spirits for further storage. The sample also contained a maggot of a flesh fly species: this maggot was also placed in 8% KOH solution for one week at room temperature and then examined microscopically.

4.2. Results of the Species Identification

All 20 blow fly maggots examined belonged to the species Lucilia sericata (Meigen, 1826); the average length of the animals was 1.3 cm. All maggots had reached the third and thus last larval stage of development. It was not possible to determine whether the animals had already emptied the intestinal contents in preparation for the subsequent pupation phase (so-called postfeeders) or whether they still possessed them at the time of preservation due to the dark tissue discoloration.

Figure 3. Discoloration and deformation of the fly maggots to be examined

The single, 2 cm long flesh fly larva belonged to the species Sarcophaga argyrostoma (Robineau-Desvoidy, 1830) in the third (and last) larval stage of development.

4.3. Results of the Calculations of a Possible Egg-Laying Time

4.3.1. Temperature Data

Fly maggots develop depending on the surrounding temperature. The temperatures at which the animals developed until the body was found are therefore required.

Figure 4. Dark discoloration of the flesh fly maggot (top) and clear tissue after treatment with KOH (bottom)

Normally, the following steps are necessary to recalculate the temperatures in the best case [16]:

• Comparison of hourly temperatures over a certain period of time (e.g., three days or longer) between the location and a nearby weather station;

• Calculation of temperature deviations between these locations;

• Calculation of a correction factor;

• Recalculation of the temperatures for the location where a corpse was found for the time before it was found = time in which the insects developed on the body.

The temperature data from a weather station for this period and a previously calculated correction factor are used for this purpose. In our case, the German Weather Service (DWD) provided daily average, maximum, and minimum temperature values for the period from the beginning of June to the end of July, but no hourly temperature readings.

However, a privately operated weather station, which was located 6.8 km away from the dog owner’s uncle’s home, transmitted hourly air temperature values for the period from the beginning of June 2022 to the end of July 2022.

4.3.2. Calculating the Development Time of Fly Maggots

The steps listed above for calculating the development times of the fly species could not be carried out in this case due to the lack of data and information. The development time of the fly maggots could still be approximated by creating various “temperature scenarios” based on the hourly temperature data from the private weather station and developmental data from the literature.

4.3.3. Development Data for Lucilia sericata and Sarcophaga argyrostoma

The calculation of the time of oviposition of Lucilia sericata was carried out using the developmental data of Wang et al. 2020 [17]. Table 1 shows the results of the calculation of the development time of the maggots of Lucilia sericata under the influence of different temperatures.

Due to the dark coloration of the fly maggots, it could not be determined whether intestinal contents were present at the time of collection. Fly maggots empty their intestinal contents before pupation (postfeeding larvae; so-called postfeeders): maggots without intestinal contents are therefore older than those with intestinal contents. A possible influence of the KOH solution on any remaining intestinal contents (which were no longer visible after the KOH treatment because the tissue was brightened too much) could not be ruled out due to the long soaking time.

Data from Wang et al. [17] for the developmental transition from the second to the third developmental stage did not fully fit because the maggots were clearly in the third larval stage; any transitional stage would have been recognizable by morphological characteristics, e.g., half-shed skin and breathing spiracles. The maggots examined corresponded best with the data for transition from the third to the postfeeder developmental stage. As postfeeders, the maggots migrate from the dead body to pupate, so later developmental stages are not expected on a corpse.

Females of flesh flies, to which Sarcophaga argyrostoma belongs, lay live young larvae on decaying tissue in the first stage of development [18]. Since flesh fly larvae of this species do not randomly feed on a living organism but are attracted to decomposed tissue, we calculated the development time as a possible colonization time for this maggot based on the temperature and development data of Grassberger and Reiter (2002) [19] (Table 2).

4.4. Answering the Client’s Questions

Our calculations were based on both the fluctuating daily temperatures of the weather station 6.8 km away from the uncle’s home and constant temperatures, e.g., 15 °C for a possible colonization in the basement room, 24 °C for an indoor room in summer (during the day), and 30 °C daytime temperature for the outdoor colonization in that summer.

Further influences on egg laying and larval development such as rain [20–23], night, and dark conditions [23–29] were disregarded since we were told that the case took place inside or close to the apartment.

Since the maggots of both fly species had reached the third and last stage of development as larvae (before pupation), the larvae could not have developed within one day (e.g., from 23 to 24 July 2022) from oviposition.

We do not know whether the dog was still alive at the time the eggs were laid. It is possible that the dog was neglected and that its wounds were colonized by fly maggots during its lifetime. Lucilia sericata and Sarcophaga argyrostoma are fly species that may colonize living yet neglected bodies [9].

Since we also did not know whether the fly maggots sent in for examination were the oldest maggots that had developed on the dog, the calculated time periods were the minimum development time of the larvae.

The extensive maggot infestation of the oral cavity, the loss of substance on the muzzle due to autolysis, and the strong odor of decomposition before the body was frozen also spoke against the statement that the dog had been healthy and alive on 23 July 2022.

5. Discussion

5.1. Temperatures

Temperature data from the colonization site of the dog were missing. Therefore, the temperatures at which the insects colonized the dog before 24 July 2022 could not be mathematically reconstructed.

If the owner claimed to have visited the dog at about the same time on both days, the maximum PMI hypothesis to test would be approximately 24 h. Assuming the most rapid development rates in the reference papers [17,19], both a 13 mm third larval instar of L. sericata and a 20 mm third larval instar of S. argyrostoma would be too old for the owner to have told the truth, irrespective of the temperatures of the dog carcass.

We decided to use local weather data as well as the most recent developmental data including ADH information to build and check our temperature scenarios (Table 1). Since only one Sarcophaga larva was sent to us and since no recent developmental ADH data were available, we decided to use an older data set for this species that did cover the temperatures we used in our scenarios. This was sufficient because the statement of the owner of the dog was found to be false in all our calculations.

We decided to use the most current data for Lucilia sericata that also include ADH values. Since we observe a massive impact of climate change in Europe, we considered the most modern data to be the most reliable in this particular case. For Sarcophaga argyrostoma, we had to rely on the older data set because the most recent data sets did not cover the temperature ranges that we needed to include in our “check the scenarios” tests.

5.2. Colonization Site of the Dog

It remained unclear whether the dog was colonized inside the house or outside and if windows were closed or not. “Closed” doors in Germany often provide access points for flies, as the adults can squeeze through old keyholes or gaps between the door and the floor.

5.3. Fly Maggots

It is unknown to which colonization wave the fly maggots collected from the dead dog belonged, and especially, if there were older developmental stages of the flies or other insects in the vicinity of the dog. In a strict court room setting, one could also question if the maggots had been alive on the dog. The color changes and conservation state of the maggots did not allow a reliable length measurement. Our measured lengths were minimum lengths.

Concerning a possible lack of information in the scientific literature relating to the variability of the postfeeding stage, we restricted ourselves to the information contained in the sources that we used [17,19]. In the Lucilia larvae as well as the single Sarcophaga larva, we saw three slits in the abdominal (posterior) spiracles. Therefore, we decided that any developmental interval beginning from the transition from larval stage 2 to larval stage 3 until the possible postfeeding stage should be considered. Our minimum developmental estimate already excluded the dog owner’s statement, so in this particular case the question was answered without further examination of a possible postfeeding stage.

We did not aim for the inclusion of larval length data because on the one hand, we wanted to support the veterinary office even though hardly any budget was available and we thought that a discussion about larval lengths might lead to further unpaid work. On the other hand, our approach using scenarios sufficiently covered the questions that we were asked to answer. Since exact environmental information (the dog’s exact place of death, etc.) were unknown, we decided to work on the simplest and safest level so that a possible defense could not use a confusion strategy over numbers. Finally, in our lab, we are hesitant to work in an overprecise manner when larvae arrive in a hardened state. In higher profile cases, we would naturally determine the minimal developmental time from shrunken, hardened maggots, but this case had to be handled under minimalistic conditions, yet with simple and safe conclusions due to the circumstances described above.

5.4. The Dog Owner’s Statement

Strictly speaking, it is unknown whether the dog may have died elsewhere and was then transported to the uncle’s apartment.

5.5. Conclusions

Despite all limitations, our measurements show that the dog could not have been healthily alive on the evening of 23 July 2022. This entomological exclusion matches the observation that the dog’s brain was severely decomposed and largely missing.

The dog was colonized by cadaver flies on the morning of 21 July 2022 at the latest; if the dead or living animal had been in a colder environment than 30 ◦C outside temperature, then colonization could even have taken place much earlier.

In the trial, the court warned the dog owner and ordered her to pay 1200 Euro to a charitable organization. She was banned from keeping animals for one year. After that, the owner may legally own animals again.

Even though the larvae were in poor condition and not all data were available, the question of the animal welfare office could be answered in a useful, legal way. This allowed the office to go on trial.

We believe that this case might remind veterinarians and veterinary pathologists to preserve and document entomological traces in the best possible way. In more difficult cases, a better preservation of the maggots would have been necessary. Here, the relevant question could be answered sufficiently


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