Draculas Lesepate

Quelle: Kurier (Wien), Freitag, 6. August 2021, http://KURIER.at/chronik, der Artikel als .pdf

Patenschaft I. Viele Kulturgüter können nur dank Paten erhalten werden. Einer davon ist Star-Forensiker Mark Benecke. Der Präsident der Dracula-Gesellschaft rettete alte Vampir-Bücher der Nationalbibliothek

VON AGNES PREUSSER

Es war, wie in eine geistige Verbindung mit Kollegen aus dem 18. Jahrhundert einzutreten. Das sagt Mark Benecke über das Blättern in den Original-Büchern über den Ursprung des Vampir-Aberglaubens im Jahr 1725 in Serbien.

Benecke ist ein deutscher Star-Forensiker und der Präsident der „Transylvanian Society of Dracula“ – und einer von fast 9.000 Buchpaten, die die Österreichische Nationalbibliothek unterstützen. Mit ihrer finanziellen Hilfe wird so die Restaurierung und Erhaltung wertvoller Objekte wie Druckschriften oder Papyri sichergestellt.

In Wien greifen viele Einrichtungen auf derartige Paten zurück. Im Kunsthistorischen Museum konnten dadurch schon wertvolle Instrumente gerettet werden (siehe Artikel unten).

„Ich liebe alte Bücher“, sagt Benecke. Er rettet sie darum weltweit. Teilweise, indem er sie zu sich nimmt und sie reparieren lässt, teilweise eben als Pate. Mit seinem engen Verhältnis zum Tod müsste Benecke glatt zum Ehrenbürger des bekannt morbiden Wien ernannt werden. Schließlich beschäftigt sich der Kriminalbiologe schon seit Jahren damit.

Maden als Detektive

In den 90er-Jahren überführte Benecke etwa einen Pastor, der seine Frau getötet hatte. Durch die Untersuchung der Maden ermittelte er die korrekte Liegezeit der Leiche. Der Geistliche hatte für den tatsächlichen Todeszeitpunkt kein Alibi und wurde wegen Totschlags verurteilt.

Der Sprung zum Interesse an Dracula ist da nur einen Steinwurf entfernt. Die Beschäftigung mit Vampirismus könnte man schließlich als Vorläufer der Kriminalbiologie sehen. Nicht umsonst bezeichnet Benecke die Autoren aus dem 18. Jahrhundert wie Augustin Calmet als „Kollegen“.

„Die haben sich mega gewundert, was da eigentlich los ist“, sagt Benecke über Leichenerscheinungen wie blutige Münder oder seufzende Tote. Teils wurde dann einfach berichtet, teils – wie eben bei Calmet – aber auch sehr gut nachgeforscht, was es damit auf sich habe.

Als Pate ist Benecke in illustrer Gesellschaft, auch Prominente wie die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, Bestseller-Autorin Donna Leon oder Arnold Schwarzenegger haben sich Büchern der Nationalbibliothek angenommen. Das sei weit mehr als nur reine PR für die Promis. „Sie tragen dazu bei, die Aktion noch bekannter zu machen“, heißt es aus der Nationalbibliothek.

Promis kümmern sich aber nicht nur um alte Bücher, sondern auch um Tiere. Jüngstes Beispiel ist die schwedische (bekannt für den Song „Cotton Eye Joe“), die vergangene Woche die Patenschaft für eine Gila-Krustenechse im Haus des Meeres übernommen hat.

Schon ab 25 Euro

Man muss freilich nicht prominent sein, um eine Patenschaft zu übernehmen. In Wien gibt es auch für Privatpersonen viele Angebote (siehe Infokasten rechts). Beliebt seien sie etwa als GruppenGeburtstagsgeschenk zu besonderen Jubiläen, heißt es aus dem Kunsthistorischen Museum. Für das kleine Geldbörsel gebe es aber Angebote schon ab 25 Euro.

Für Forensiker Benecke ist die Patenschaft ein weiterer Grund, nach Wien zu kommen – „neben dem Besuch von Comic-Läden oder Touri-Cafés, die neuerdings auch vegane Dinge anbieten“. Er könne jetzt eben auch „in tiefer Ruhe stundenlang im wunderschönen Lesesaal der Bibliothek abhängen“, sagt er. Neben seiner Tätigkeit in der Draculagesellschaft ist Benecke übrigens in NordrheinWestfalen Landesvorsitzender von „Die PARTEI“, die 2004 von Redakteuren des Satire-Magazins Titanic gegründet würde. Außerdem ist er „Donaldist“ – und als solcher Fan der Geschichten aus Entenhausen. Benecke ist sogar in einer Ausgabe des „Lustigen Taschenbuchs“ als Comicfigur verewigt.

Und wer weiß, vielleicht sorgt in einigen hundert Jahren auch ein Pate für dessen Erhalt.

INFO-KASTEN:

Der deutsche Kriminalbiologe und Dracula-Fan Mark Benecke hat die Patenschaft für Vampirbücher aus dem 18. Jahrhundert übernommen. Er ist einer von 9.000 Paten der Nationalbibliothek.

Pate werden

Ritterrüstung

Im Kunsthistorischen Museum werden Paten für Rüstungen gesucht. Diese werden bei der Ausstellung „Iron Men“ ab März 2022 gezeigt. Infos und Preise: www.khm.at/unterstützen

Elefanten und Tapire

Mit einer Patenschaft unterstützt man im Schönbrunner Zoo die Forschung und die Verbesserung der Lebensräume der Tiere. Für einen Elefanten zahlt man 280 Euro monatlich, für einen Tapir 80 Euro. Infos: www.zoovienna.at/ unterstuetzen

Körper-Nachbildungen

Im Josephinum, der Sammlung der Medizinischen Universität, kann man ab 700 Euro Patenschaften von Wachsmodellen von Organen übernehmen. Info: www.josephinum.ac.at/ engagement

Donau-Ansichten

In der Österreichischen Nationalbibliothek kann man anlässlich der laufenden Ausstellung „Die Donau. Eine Reise in die Vergangenheit“ Pate für historische Donau-Ansichten werden. Dies kostet 500 Euro. Info: www.onb.ac.at/mieten-foerdern/werden-sie-donau-pate

— Mit vielem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. —


Vampir-Bücher-Rettung

und -Patenschaft in Wien


Bücher-Rettung

in der Staatsbibliothek Berlin


Transylvanian Society of Dracula


Vampire & Aberglauben

Seminarfacharbeit


Blutige Vampir-Tränen

Deutschlandfunk Nova


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