4 Zu den Aussagen des Vermieters
4.1 Leichengeruch und „Flecken"
Laut Auftraggeber teilten „sämtliche Mitarbeitende ... [des Vermieters], die in der Wohnung waren sowie der ... [vom Vermieter] beauftragte Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer [...] mit, es läge kein Leichengeruch vor, sondern nur der Geruch nach abgeschliffenem Holz." Dies ist für das verfärbte Holz nicht richtig: Dieses roch sehr deutlich wahrnehmbar nach Leiche. Unabhängig davon mag ein starker Geruch nach abgeschliffenem Holz oder sonstiger Geruch in der Wohnung vorgelegen haben. In direkter Nähe des Holzes muss der Leichengeruch jedoch wahrnehmbar gewesen sein.
4.2 Fliegen
Die Auftraggeber teilen mit: „Der Tatortreiniger und Schädlingsbekämpfer hat bei seinem zweiten Besuch der Wohnung ca. 3 - 5 Exemplare der Fliegen aus dem großen Zimmer mitgenommen, um sie von einem befreundeten Biologen bestimmen zu las-sen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden uns nicht mit-geteilt. „Der Vermieter soll angegeben haben: „Ein Experte hat uns bestätigt, dass diese Fliegen von außerhalb gekommen sein müssen und sich nicht in der Wohnung entwickelt haben können.”
Diese Aussage ist teils richtig: Die Insekten können von draußen in die Wohnung geflogen sein, da sie vom für die Insekten attraktiven Leichen-Geruch angezogen wurden. Sie müssen sich nicht zwingend dort entwickelt haben. Sie können sich am verfaulenden Gewebe auch „nur" nähren bzw. Eier ablegen.
Das Vorhandensein der Speckkäfer und erwachsenen Fliegen weist darauf hin, dass die Besiedlung/das Hineinfliegen von Insekten in die entweder mit Tier-Fleisch vermüllte oder eine menschliche Leiche aufweisende Wohnung schon seit längerer Zeit stattgefunden hat: Es handelt sich um sog. späte Leichenbesiedler. Sämtliche von uns untersuchten Insekten treten nur an Leichen-Fundorten mit zerfließenden Leichen oder in Umgebungen mit hohem Fleisch-Anteil in altem Müll (tierische oder menschliche Leichenteile) auf.
5 Diskussion
Die hier untersuchten Insekten sind entweder Leichenbesiedler oder stehen eindeutig mit Verwesungsprozessen bzw. davon angelockten Tieren in Verbindung.
Uns ist kein Geruch bekannt, der ähnlich wie die hier vorliegende Art des Leichengeruches zusammengesetzt ist. Ein ähnlicher Geruch kann hin und wieder durch Berge von Müll entstehen, der dann aber vorwiegend aus Fleischresten bestehen muss. Nur dann entwickelt sich dieser Geruch, und dann nur nach ausreichend langer „Reifung". Die dazu benötigte Zeit ist temperaturabhängig: Je wärmer, desto schneller. Da die Wohnung auf dem uns übersendeten Video nicht vermüllt, sondern leer wirkt, müsste es sich hier vormals um große Mengen Mülls mit hohem Fleisch-Anteil gehandelt haben.
Der Ammoniak-Test schlägt bei Vorliegen zersetzlicher Stoffe an, nicht bei „normalen" Holz Böden oder -Stücken. Dies zeigt, dass in die Dielenbretter Verwesungsflüssigkeit eingedrungen sein muss (und kein Kaffee).
Uns liegt ein Video aus der Wohnung vor, auf dem zu erkennen ist, dass die Zwischenräume des Fußbodens Risse aufweisen, auch dort, wo der Leichnam gelegen haben soll. Durch diese Risse können Verwesungsflüssigkeit und Gewebestücke des
Leichnams in den Bereich unter den Dielen gelangt sein (Pfütze). Leichenflüssigkeit kann in das eigentliche Holz nicht ver-siegelter Böden eindringen und verbleibt dann wegen der Klebe-Eigenschaften des halb verflüssigten Leichen-Materials dort oder unter den Holz-Dielen.
Hin und wieder werden derart belastete Böden versiegelt, um den Geruch „einzukapseln" oder mit Chemikalien behandelt, die den Geruch lösen oder überdecken sollen (beispielsweise durch den (Himbeer-Geruch von Maskomal oder ähnlichem).
Sinnvoller ist aber die Beseitigung der Geruchs-Quelle; dies ist vergleichbar mit benutzten Baby-Windeln, die auch weggeworfen oder gereinigt und nicht mit Geruchs-Überdeckung versehen werden.
Das gemeinsame Auftreten der Insekten aus den Wohnungs-Proben deutet sicher auf das Vorhandensein von mindestens Verwesungsflüssigkeit hin, deren Geruch die Tiere angelock hat. Die Fäulnisflüssigkeit muss in genügender Menge und vermutlich über einen längeren Zeitraum im Holzboden gewesen sein, andernfalls wären nur Schmeißfliegen anzutreffen, die Leichen früh besiedeln. Speckkäfer und Erzwespen treten als spätere Leichenbesiedler auf (Benecke & Baumjohann 2014): Teppichkäfer und deren Larven dienen vertrocknetes organisches Gewebe und auch tote Insekten (wie beispielsweise Fliegen) als Nahrungsquelle. Gerade bei Wohnungsleichen und Müllbergen sind sie jedoch seltener anzutreffen, da meist rasch eine Räumung und Säuberung der verschmutzten Bereiche stattfindet. Besonders Erzwespen werden dann naturgemäß nicht mehr angelockt: Sie besiedeln Jugend-Stadien anderer Insekten.
Das Fehlen von Schmeißfliegenlarven und deren Puppen in den Proben und auf den Fotos geben einen Hinweis darauf, dass nunmehr kein frisches, neues organisches Material vorhanden ist, von dem sich die Schmeißfliegenlarven ernähren können.
Da Schmeißfliegenlarven zur Verpuppung meist dunkle und enge „Verstecke" aufsuchen, könnten sich Fliegenpuppen und -larven auch unter den Dielenböden und hinter Teppichleisten befinden. Dies ist hin und wieder der Fall und führt teils zu für die Bewohner:innen nicht nachvollziehbarem Fliegenvorkommen. Beispielsweise kann eine Wohnung geräumt und gereinigt werden, die Puppen der Fliegen sind aber noch in Ritzen versteckt und die Fliegen schlüpfen dann später aus den Puppen (vergleiche Fall Nr. 2 „Leere Wohnung" in Benecke 1996).
Die „Mischung" toter Fliegen, Käfer und Erzwespen in der hier betroffenen Wohnung bedeutet, dass die Tiere vom Leichengeruch angelockt wurden und in der Wohnung verstarben bzw. dort genügend Nahrung (auch Leichenflüssigkeit) vorhanden war. Dabei ist es unwesentlich, ob diese Fliegen sich in der Wohnung (aus Larven) entwickelt haben oder erwachsene In-sekten in die Wohnung geflogen sind. Wesentlich ist der Grund für ihr Erscheinen: der für sie anziehende Verwesungsgeruch.
Literatur
→ siehe .pdf