Benecke macht Anti-Wahlkampf

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 7. Juli 2025

Als OB-Kandidat für „Die Partei" kämpft er gegen die Seriosität

Von Julia Hahn-Klose

Mark Benecke verteilt auf dem Christopher Street Day (CSD) in Köln am Sonntag falsche Fünfziger. Auf der Rückseite der Satire-Scheine steht „Niemand hat vor, Wählerstimmen zu kaufen", vorne ein Konterfei von Benecke mit kritisch hochgezogener Augenbraue, dem Kandidaten der Partei für die Oberbürgermeisterwahl am 14. September. Auf dem CSD zieht er in den Wahlkampf, obwohl er keinen Wahlkampf machen will, wie er sagt.

„Klar will ich gewählt werden, alle hier wollen das", sagt Benecke knapp und wirkt bemüht, eine sinnhafte Botschaft zu vermeiden. Beneckes vielleicht einzige tatsächliche Position als Kandidat ist: Gegen die anderen sein. Auf die Frage, ob Spielplätze in Köln nun weiter Spielplätze oder Spiel-und Aktionsflächen heißen sollen, lautet die Antwort der Partei, Kölschaktionsflächen einführen zu wollen. Als Reaktion auf den Interessenkonflikt zwischen Anwohnern vieler Plätze und Straßen in Köln, die ruhigen Schlaf wünschen, und Gastronomen und Feiernden, die abends die Stadt genießen wollen, veranstaltet die Partei Demos mit noch mehr Lärm.

Auf dem CSD ruft Benecke, Landesvorsitzender der Partei, eine neue Forderung aus: „Freie Sicht auf den Kölner Dom vom gesamten Planet Erde aus."

Marion Sollbach, Kölner SPD-Politikerin, kommt an der Gruppe der Partei vorbei, sie kennt Benecke aus der gemeinsamen Schulzeit auf dem Humboldt-Gymnasium. Er war Schulsprecher „und immerschon aufmüpfig", sagt sie, mit Respekt. Das ist er mit 54 Jahren geblieben, mittlerweile aber auch Kriminalbiologe, forensischer Entomologe, Autor und einer von elf bisher bekannten Bewerbern um das Kölner OB-Amt.

„Oberbürgermeister Marky", so nennt sich Benecke auf Tiktok, wo er bislang hauptsächlich seine Nicht-Botschaften für den Anti-Wahlkampf verbreitet, scheint der CSD sehr wohl am Herzen zu liegen. Mindestens so häufig wie Benecke erkannt und gefilmt wird, nimmt auch er besonders aufwändig gekleidetes Publikum mit seinen Botschaften auf. Die politische Bühne, die er haben könnte, schenkt er auf dem CSD eher anderen mit ihren Botschaften für eine tolerantere Welt. Auf der Deutzer Brücke, bevor der Fahrrad-DJ-Wagen mit Rauchblasenmaschine loszieht, rutscht es Aaron von Kruedener, zweiter Vorsitzender der Partei in Köln, dann tatsächlich heraus: „Heute nehmen wir es ernst." Die Partei-Mitglieder tauschen hektische Blicke aus. „Er wird schon wieder staatstragend", sagt Benecke schnell. „Wie kann das hier ernst sein?", fragt er und zeigt auf den Hut eines Partei-Kollegen, auf den ein pinker Pailletten-Penis gestickt ist. Der Hut wird noch öfter als Mittel gegen die Seriosität eingesetzt. Als die Partei-Kollegen Karl Lauterbach vor ihnen hoch oben auf dem SPD-Wagen entdecken, muss der Hutträger schnell unter seiner Nase vorbeilaufen.

Während sich die SPD in Team-Shirts für ihren OB-Kandidaten um ihren Wagen für den Demo-Zug aufstellen, pappt die Partei hinten einen vorbereiteten Aufkleber auf den Lkw: „Lol SPD" (bedeutet in etwa „SPD — lautes Lachen"). Hauptsache lustig sein, zwischen all den Botschaften an den Wagen vor unter hinter ihnen. So exzentrisch Benecke sich auch gibt, sucht er nach zwei Stunden doch die Ruhe und verlässt den Demo-Zug am Heumarkt, um sich dort in den ruhigeren Backstage-Bereich zurückzuziehen.

Kriminalist Mark Benecke über Attentäter : „In der Tiefe ihres Herzens halten sie sich für winzig und unbedeutend“

Quelle: Tagesspiegel, 21. Juli 2025

Von Marion Koch

Sie nutzen Messer oder Autos als Waffen, um Fremde auf Stadtfesten oder in Bahnhöfen zu töten.

er Experte erklärt, was oft dahinter steckt – und wie sich solche Taten stoppen lassen.

Herr Benecke, Sie sind Kriminalist und befassen sich mit der Aufklärung und Verhinderung von Straftaten. Eine Frau, wie am Hamburger Bahnhof Ende Mai geschehen, sticht mit einem Messer mutmaßlich wahllos auf Passagiere ein. Ein Mann rast im Dezember mit einem Auto über den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Auf einem Stadtfest in Solingen geht ein Mann im vergangenen Jahr mit einem Messer auf die Besucher los. Wer macht so was, wer verletzt oder tötet wahllos so viele Menschen wie er erwischt, die er nicht einmal kennt?

Dass Rache suchende Amokläufer oder politisch motivierte Terroristen Orte aufsuchen, an denen sie möglichst viele Menschen töten können, kennen wir leider inzwischen. Bei Fällen wie in Hamburg, Magdeburg oder Solingen geht es aber um Täter, bei denen die Motive nicht so leicht nachzuvollziehen sind, die Wahl der Opfer ist scheinbar zufällig.

Was kann man über die Täter sagen?

In der Regel lassen sie sich drei Gruppen zuordnen. Die eine Gruppe, das sind häufig Leute, die ein komplett kaputtes Leben haben, als Kinder keine gute Bindung erlebt haben, vielleicht sexuell oder geistig missbraucht wurden. Als Erwachsene sind das oft die, die sich über viele Dinge stark aufregen und leicht reizbar sind. Manche werden auch depressiv. Oder beides. In vergleichsweise harmloser Form kennt man das von Alkoholikern oder Leuten, die andere Substanzen nehmen, Heroin oder synthetische Drogen, die an Bahnhöfen abhängen, sich selbst hassen oder ihre Eltern oder die Welt. Die rumbrüllen, sich streiten, aggressiv sind – aber meistens ungefährlich. Rasten sie dann aber doch mal ausnahmsweise aus, greifen sie offenbar wahllos Menschen an oder bringen jemanden um, der gerade in der Nähe ist, Zufallsopfer.

Und die zweite Gruppe?

Das sind Leute mit Psychosen, also Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nicht unterscheiden können, was wirklich ist und was eigene, verzerrte oder eingebildete Empfindung. Der Klassiker ist, dass sie Stimmen hören oder Farben sehen, die gar nicht da sind, manche fühlen sich von Geheimdiensten oder fremden Wesen verfolgt oder meinen Botschaften aus einer anderen Welt zu empfangen, die anderen nicht zugänglich ist. Auch bei ihnen kann das zufällig wirken, wenn sie andere angreifen, Leute töten.

Die dritte Tätergruppe sind Menschen mit „überstarken Überzeugungen“, wie Sie sagen.

Ja, das sind die, die mit dem Auto in eine Menschenmenge fahren oder in einer Ansammlung von Menschen herumschießen. Wie der norwegische Massenmörder Anders Breivik, der im Sommer 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet hat. Bei ihm waren sich die Gutachter und Gutachterinnen allerdings nicht einig, ob er psychisch krank ist oder eine übermäßig starke politische und soziale Überzeugung hat.

Und sie alle attackieren ihre Opfer wirklich zufällig?

Nehmen wir Psychotikerinnen und Psychotiker. Es wirkt vielleicht zufällig, an welchem Ort sie auf Menschen losgehen, aber da ist oft „method behind the madness“, da steckt aus ihrer Sicht ein guter Grund dahinter. Psychotische Täter sind immer verrückt, halluzinieren, haben Wahnvorstellungen. Sie töten aber nicht ganz so wahllos, wie es von außen wirkt.

Sehr häufig gehen sie auf Menschen los, vor denen sie sich erschrecken, vor denen sie Angst haben, die für sie vielleicht komisch gekleidet sind, eine seltsame Bewegung gemacht haben, aus ihren Augen zu irgendeiner Verschwörung gehören, zu Reptilienmenschen, Aliens oder sonst irgendetwas.

Ist der Tatort zufällig?

Jemand, der mit und wegen der Krankheit die soziale Leiter runtergefallen ist, wird nicht in einer Luxusvilla auftauchen und dort auf Menschen losgehen. Und andersherum wird jemand, der in einer Luxusvilla lebt und eine Psychose bekommt, eher sehr gut ärztlich versorgt – und meist nicht am Bahnhof landen und dort Täter werden.

Die überstark Überzeugten werden genau wissen, wen sie umbringen wollen.

Das haben wir gerade wieder bei den Attentaten auf Politiker der US-Demokraten in Minnesota gesehen.

Sind sich die meisten bewusst, warum sie Täter geworden sind?

Stark persönlichkeitsgestörte Menschen handeln technisch gesehen bewusst, die wahren, inneren Gründe ihres Handelns sind ihnen aber wohl trotzdem nicht so richtig bekannt.

Warum töten manche Menschen, die ein kaputtes Leben haben, eine Psychose oder eine extrem starke Überzeugung – und andere, die auch ein kaputtes Leben haben, eine Psychose oder eine extrem starke Überzeugung, töten nicht?

Das ist die ganz große Frage. Sieht man sich die Lebensgeschichte solcher Menschen an, findet man aber oft Hinweise darauf.

Nämlich?

Am Ende des Tages fehlt es Täterinnen und Tätern oft an einer Art Schutz. Denn selbst wenn sie verrückt sind oder persönlichkeitsgestört, wenn sie abdriften, weil sie einsam alleine zu Hause sitzen und glauben, die Welt retten zu müssen, selbst wenn sie Präsident der Vereinigten Staaten sind: In den allermeisten Fällen haben Leute Schutzfaktoren, die sie davor bewahren, die Grenze zum Töten zu überschreiten. Diese Faktoren machen standhaft dagegen, auszurasten.

Was sind solche Schutzfaktoren?

Schutz gibt es Menschen beispielsweise, wenn sie in ihrem Leben jemanden haben, auf den sie sich verlassen können.

So einfach ist das?

Klingt einfach, ist aber gar nicht so selbstverständlich, wie man glauben könnte.

Ein Beispiel, bitte.

Nehmen wir an, du hast eine Psychose. Der Klassiker wäre, weil das einen starken erblichen Anteil hat, dass schon deine Eltern erkennbar verrückt sind. Verlässlichkeit in der Familie gab es also eher nicht. Aber vielleicht nimmst du an einem Programm teil, das es in vielen Städten gibt, und erlebst Verlässlichkeit, in dem du zum Beispiel immer mittwochs um 15 Uhr und samstags um 18 Uhr eine Familie, so etwas wie eine Patenfamilie, besuchst. Egal, was passiert, du gehst da immer hin. Und wenn sich dann die Psychose anbahnt, hast du so etwas wie einen Anker in der „echten“ Welt, der dich festhält, sodass du nicht durch Stress schnell weiter abdriftest.

Und bei Persönlichkeitsgestörten?

Auch Persönlichkeitsgestörte, zum Beispiel Narzissten, kann eine starke Bindung teils schützen. Bei dem heute weltweit bekanntesten Narzissten, Donald Trump, zum Beispiel konnte man während seiner ersten Präsidentschaft noch denken, dass seine Tochter Ivanka so etwas für ihn ist – sie war damals seine „Beraterin“. Man konnte denken, dass er eine gute Bindung zu ihr aufrechterhalten will, sie stolz auf ihn sein soll. Und in ganz kleinem Maß hat sie ihm vielleicht noch ihre Meinung sagen können, vielleicht hat er ihr damals auch manchmal zugehört. Es sind sehr kleine Handlungsspielräume, um die es hier geht.

Hat jemand mit Persönlichkeitsstörung einmal erlebt, dass eine Bindung stabil, zuverlässig und vertrauensvoll sein kann, fühlt sich das für sie oder ihn angenehm und beruhigend an, wie für andere Blätterrauschen oder Vogelgesang. Es gibt Geborgenheit. Und auch ein bisschen Vertrauen in die Menschen und das Leben im Allgemeinen. Solche Bindungen halten Leute zwar nicht davon ab, ein Narzisst zu sein oder überstarke Überzeugungen zu entwickeln. Aber vielleicht hält es sie davon ab, mit dem Auto in eine Menschenmenge zu fahren.

Schuld ist zu einem großen Teil die schlechte Kindheit?

Erfahren Kinder, dass sie wertvolle Menschen sind, dass man ihnen zuhört, ihnen auf Fragen, die sie stellen, ernsthaft antwortet, schützt sie das zumindest mehr, als wenn sie nicht ernst genommen werden und alleine dastehen. Warum sind da weiße Linien auf der Straße? Warum hängt da ein gelber Kasten an der Häuserwand? Hört ein Kind dann auf solche Fragen, „Mein Gott, wo kommst du denn her? Bist du dumm! Das weiß ja jeder, das sind Zebrastreifen und ein Briefkasten“. Dann ist klar, was dabei rauskommt: ein an sich selbst zweifelnder Mensch, der kein Vertrauen in die Welt hat – und eher keine schützende Einflüsse erlebt.

Oder wenn ein Kind traurig ist und zu seinen Eltern geht, die zwar vielleicht weiter Netflix gucken, es aber trotzdem in den Arm nehmen. Dann lernt es, dass es kein Drama machen muss, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Das schützt es.

Sind die Täter oft einsame Nerds?

Zumindest halten sie sich in der Tiefe ihres Herzens für winzig und unbedeutend. Jeder Mensch hat sein Plätzchen auf der Welt, das ist vergleichbar mit einem mehr oder weniger großen Sandkorn in der Wüste. Manche Leute kommen nicht damit klar, dass sie glauben, keine Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten zu haben, um jemand Größeres und Wichtigeres zu werden. Kommt dann noch eine Persönlichkeitsstörung dazu, wie eine antisoziale Störung oder Narzissmus, kann das leicht schiefgehen, weil Menschen dann eher keinen Schutz davor haben, auszurasten.

Und mit einer überstarken Überzeugung meinen solche Menschen, rauszukommen aus dem Leben als Sandkorn?

Es ist ganz klar, was solche Leute denken: Keiner kümmert sich um mich, niemand redet mit mir, ich bin total einsam – aber jetzt auf einmal hören sie mir zu! Die einen regen sich zwar auf über meine Überzeugung, die anderen finden mich aber toll. Meine Kommentarspalten in den sozialen Medien sind bis zum Platzen voll, super. Solche Abläufe sind selbstverstärkend.

Was läuft falsch, wenn jemand denkt, dass seine Art, die Welt zu sehen, für alle acht Milliarden Menschen auf der Erde die einzig richtige ist?

Na ja, schauen wir uns mal die Helden- und Heldinnen-Filme an, in denen genau das passiert. Wir alle sind damit aufgewachsen, dass die Tollen und Heldenhaften in 99 Prozent der Fälle ihrem Super-Ich folgen und anderen ihre Sicht der Welt aufzwingen. Das scheint also wirklich erstrebenswert zu sein. Der Kühnste, die Kühnste, rettet die Welt.

Hat es Massentötungen schon immer gegeben? Oder ist unsere Gesellschaft heute so schräg, dass es mehr Leute gibt, die keine Schutzfaktoren haben?

Soweit man das in der kriminalistischen Literatur überschauen kann, gibt es das, seit mutwillige Verletzungen, Mord und Totschlag in der menschlichen Gesellschaft dokumentiert werden.

Richtig untersucht wurde das bisher allerdings nur im Bereich von Amokläufen, die es ja auch schon immer gab. Aber Täterinnen und Täter, die in ihre eigenen oder fremde Schulen gehen, um sich angeblich zu rächen, oder sonstigen Antrieben folgen, oder, wie gerade in Bayern geschehen, Menschen in der Firma verletzen oder töten, handeln in einer anderen kulturellen Umgebung als Amok-Täterinnen oder -Täter vor langer Zeit an einem anderen Ort der Welt. Das ist aus heutiger Sicht nicht immer gut zu vergleichen, auch wenn es ähnlich aussieht und es vielleicht Ähnlichkeiten geben mag.

Was heute solche Schuss- und Messerattentate sind, waren früher Tötungen mit Schwertern oder Äxten. Damals ist so etwas vielleicht auch weniger aufgefallen, weil die Menschen, je nach Kultur, sowieso recht kriegerisch sein konnten. Und es war ja auch, je nach Lage vor Ort, nichts wirklich Besonderes, im Kampf zu sterben oder anderweitig getötet zu werden.

Da sind wir wieder bei Anders Breivik, der auch das persönliche, massenhafte Erschießen und „Jagen“ interessant fand. Solche Fälle jedenfalls sind auch aus vorangegangenen Jahrhunderten belegt.

Dass psychisch kranke Menschen andere attackieren, wie die Frau am Hamburger Hauptbahnhof, ist das ein zunehmendes Phänomen?

Das kommt immer wieder vor. 2019 hat ein psychisch kranker Mann am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen und seine Mutter ins Gleisbett gestoßen, im vergangenen Februar hat dort eine offenbar psychisch kranke Frau einen Mann auf die Gleise geschubst. Meistens sind es psychotische Menschen, die solche Taten begehen.

Heute erleben ein bis zwei Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung mindestens einmal im Leben eine Psychose. Nimmt die Zahl zu?

Psychosen treten gehäuft bei Menschen auf, die sehr, sehr starke Traumatisierungen haben, zum Beispiel bei Geflüchteten, die durch ganz Afrika gewandert sind, dabei noch entführt und sexuell missbraucht wurden. Dann in irgendeinem Land gestrandet sind, von dort wieder über die Grenzen geschoben wurden, in einem Lager landeten, oft ohne jegliche Privatsphäre. Mit so einer Lebensgeschichte haben sie ein deutlich höheres Risiko, eine Psychose zu bekommen. Die Trauma-Belastung führt zum Durchbruch.

Sind Menschen, die brutale Videospiele spielen, gewaltbereiter?

Ich kenne keine kriminalistische Studie, auch keine psychologische oder psychiatrische, die zeigt, dass Computer irgendetwas mit der Gewaltbereitschaft in der „echten Welt“ zu tun haben.

Einsame oder verbitterte Menschen oder solche, die keine Bindungen im echten Leben aufbauen können, mögen vielleicht manchmal mehr über dem Rechner hängen. Aber das eine ist die Frage nach der Ursache, das andere die nach der Ausprägung von Gewaltbereitschaft.

Sind wir also gar nicht gewalttätiger als frühere Gesellschaften?

Was sich verändert hat, ist, dass Leute, die sich radikalisiert haben, auf Websites gehen, wo sie viele Tipps finden für Attentate. Das hat es früher so nicht gegeben. Heute können sie sich in aller Seelenruhe einlesen und kriegen noch eine persönliche Beratung, wie sie andere am besten umbringen können.

Emotionale Stabilität, Bildung, menschenwürdige Lebensverhältnisse, was kann die Gesellschaft noch tun, um zu verhindern, dass Leute ausrasten?

Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen wollsockenmäßig an, aber es ist kein Gelaber: für mehr sozialen Ausgleich sorgen, dafür, dass jeder Mensch die Möglichkeiten hat, aus sich herauszuholen, was er oder sie will, dass das Geld und Steuern gerechter verteilt sind, der öffentliche Personennahverkehr günstig und für jeden nutzbar ist, dass es eine echte, nicht nur erfundene Mietpreisbremse gibt, einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheit und soziale Hilfsprogramme für Menschen, die alleine nicht klarkommen. All das hilft, dass es weniger Zornige und Gestresste gibt.

Fluten, Hitze, Krieg & KI: Umwelt-Vortrag Europa-Parlament (Time is up III)

Nach 2018 und 2022 nun am 10. Juli 2025 Teil 3 meiner Vortrags-Reihe im Europa-Parlament

Es wird immer wärmer, Dürren und Überflutungen nehmen zu, die Versicherungen kommen nicht mehr hinterher 🌵

Videos aller Umwelt-Vorträge ohne Fremdworte hier → http://umweltvorträge.net 📲

Neue Messungen, diesmal zusätzlich mit Anmerkungen zur Wirkung von Kriegen und künstlicher Intelligenz auf die Umwelt 🇪🇺

Unter anderem mit Messungen von Copernicus EU/ECMWF, NOAA & NASA

Klima- und Umwelt-Updates

Time Is Up 2022 in Brüssel

Haie in Ruhe lassen

Umwelt-Vortrag Uni Köln 2025

Elbenwald-Festival mit Tom Felton und Evanna Lynch

Erwartungsmanagement als Schlüssel für partizipative Forschung – Kritische Reflexion in Theorie, Empirie und Erleben aus dem Forschungsprojekt Schule und Autismus (schAUT)

Quelle: Gemeinsam leben, DOI: 10.3262/GL2403173

Lukas Hümpfer-Gerhards, Jana Kunert, Stephanie Fuhrmann, Stina Hartwieg,

Vera Moser, Mark Benecke, Michel Knigge & Sabine Schwager

Der komplette Artikel als .pdf

Im Rahmen von partizipativer Forschung ist die wechselseitige Aushandlung der Erwartungen der beteiligten Forscher:innen eine Voraussetzung für die Herstellung eines gemeinsamen Referenzrahmens und damit eine zentrale Gelingensbedingung des Projekts. Damit ist nicht nur der Austausch über Fakten und Ziele gemeint, sondern insbesondere auch eine Verständigung über die jeweils individuellen handlungsleitenden Motive. Denn partizipative Forschung ist von unterschiedlichen Erlebens- und Erwartungshorizonten geprägt, die ausschlaggebend für die Zusammenarbeit sind. Obwohl dies im Sinne von Teilhabe vor dem Hintergrund des Prinzips ‚Nothing about us, without us‘ eine Stärke dieses Forschungsstils beschreibt, birgt es gleichsam Konfliktpotenzial, insbesondere was das Verhältnis von Erkenntnis- und Wirkungsinteresse betrifft. Zur Beschreibung der Prozesse zur Herstellung einer gemeinsamen Handlungsfähigkeit in einem Forschungsprojekt schlägt dieser Artikel, basierend auf den Ergebnissen einer ethnografischen Beobachtung des partizipativen Forschungsprojekts schAUT (Barth 2023), den Begriff Erwartungsmanagement vor. Der Begriff wird theoretisch und empirisch beschrieben, sowie durch eine praxisbezogene Eingrenzung umrissen. Der Artikel schließt mit der Aufstellung eines Stufenmodells von Erwartungsmanagement im Kontext partizipativer Forschung.

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 3

Quelle: Kriminalistik, 6/2025, Seiten 343 bis 347

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 3: Experimentelle Überprüfung von Aussagen durch Blutspuren

→ der gesamte Artikel als .pdf

Zusammenfassung

Auf einem Autobahnparkplatz wurde ein blutverschmierter, im Kopfbereich schwer verletzter und auf dem Boden liegender Mann gefunden. Neben ihm stand ein weiterer Mann, der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmiert war. Er wurde von der Polizei verdächtigt, Verursacher dieser Verletzungen zu sein, verneinte dies jedoch. Wir wurden damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen und diese mit seinen Aussagen und den Blutspuren am Opfer abzugleichen. Experimente mit menschlichem Blut ermöglichten uns Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf.

1 Einleitung

Die Untersuchung von Blutspuren wird seit über einhundert Jahren zur Rekonstruktion von Tatabläufen und Unfällen, aber auch zur Überprüfung von Aussagen zu Tatgeschehen genutzt (Pietrowski 1895).

Blutspuren können Momente des Tatablaufes schlaglichtartig abbilden oder aber erst nachträglich erzeugt worden sein (durch den Rettungsdienst, Schmeißfliegen oder ähnliches, s.u.). Oft können teils genaue Bewegungsbilder gewonnen werden (Benecke 2019, Benecke & Benecke 2018, Benecke & Barksdale 2003, Bevel & Gardener 2008, Buck et al. 2006, Donaldson et al. 2010, James & Eckert 1998, James et al. 2005, Karger et al. 2008, Mishra et al. 2024, Rivers & Vega 2025).

Abb. 1: Der Faltenwurf lässt Rückschlüsse auf die Körperhaltung des Opfers während der Tatausübung zu (Wonder 2001)

Einfluss auf Formenmerkmale von Blutspuren und -tropfen nehmen beispielsweise die Beschaffenheit des Untergrunds bzw. der (bebluteten) Oberfläche, die Höhe der Blutungsquelle, die Geschwindigkeit des beschleunigten Blutes und das Volumen des Blutstropfens (Benecke et al. 2005B, 2012).

Auch Fliegen können Blutspuren „verursachen“ oder Blutspuren nachträglich verändern, wenn die Tiere das zuvor aufgenommene Blut auswürgen oder als Kotspur absetzen (Benecke & Barksdale 2003, Fujikawa et al. 2011, Striman et al. 2011).

Auf Oberflächen können Blutspuren verschiedene Muster abbilden: Beispielsweise kann der Faltenwurf in Kleidungsstücken Blutaussparungen aufweisen und so Rückschlüsse auf die Haltung der Kleidungsträger während der Blutung(en) geben. Wonder (2001) gibt hierzu ein typisches Beispiel: Eine erschossene Frau liegt in ausgestreckter Position auf dem Boden (Abb. 1). Der Täter hatte behauptet, das Opfer habe bei Schussabgabe gestanden. Das Blut-Faltenmuster der Hose (Abschattung, Faltenwurf) der toten Frau zeigt hingegen, dass das Blutmuster in sitzender und nicht in stehender Position entstanden sein muss.

Blutaussparungen können Hinweise auf den zeitlichen Ablauf einer Tat geben (Abb. 2).

Von Bedeutung ist gelegentlich, dass auf trockene textile Oberflächen auftreffendes Blut (kurzzeitig) nicht aufgesogen wird: Laut Wonder (2001) soll das daran liegen, dass die roten Blutkörperchen nicht durch die Textilfasern hindurch wandern können; sie müssen zunächst ihre Form verändern und können erst dann um die Fasern herumlaufen und in das (Stoff-)Gewebe eindringen. Die übrigen Blutbestandteile (Plasma) durchdringen hingegen problemlos den Stoff.

Treffen Blutstropfen auf feuchte textile Oberflächen, soll sich die Hülle der roten Blutkörperchen umgehend auflösen und den roten Blutfarbstoff sofort in den übrigen Teil des Blutes (Plasma) freigeben. In Folge erscheinen solche Blutspuren heller, größer und unregelmäßiger als Blutspuren auf trockenen Textilien (Wonder 2001).

Abb. 3: Die Blutspuren im Bild wurden zunächst wegen der zahlreichen Messerstiche als “gegeben” angesehen. Sie bilden bei genauer Vermessung aber Teile des Tatgeschehens ab: Durchtrennung des Halses mit Aushusten von Blut (Foto: Archiv Benecke)

Trifft Blut auf ein trockenes Kleidungsstück und kann dort trocknen, bevor es Feuchtigkeit bzw. Wasser ausgesetzt wird, sind die Blutspuren schwerer zu entfernen (Wonder 2001).

Die Bearbeitung von Blutspurenmustern setzt eine gute fotografische Dokumentation vor Ort voraus, insbesondere dann, wenn das Vorhandensein von Blut als durch die vorliegenden Verletzungen als selbstverständlich oder „naheliegend“ angesehen wird, wie dies etwa bei (Auto-)Unfällen leider oft der Fall ist (Benecke 2005a, 2007). Dasselbe trifft für schwere Verletzungen (Halsschnitte, massive Gewalteinwirkung etc.) zu, bei denen die teils reichlichen Blutspuren sehr wohl den räumlich-zeitlichen Verlauf abbilden (Abb. 3); nur erfordert ihre Auswertung viele Messungen der verschiedenen Blutspuren-Gruppen und damit viel Zeit. Oft sind auch Versuche erforderlich.

2 Fallbericht

Der hier vorgestellte Fall ereignete sich abends an einem Autobahnparkplatz in Österreich. Die Polizei fand das Opfer blutverschmiert und im Kopfbereich schwer verletzt auf dem Boden liegend. Neben dem Opfer stand der an seiner Kleidung und im Gesicht blutverschmierte Angeklagte.

Das Opfer zeigte Zeichen stumpfer und scharfer Gewalteinwirkung, u.a. ein Schädel-Hirn-Trauma mit Bruch des linken Felsenbeins, diverse Einblutungen im Schädelbereich, Prellungszonen am Dickdarm mit diffusen Einblutungen, eine geringe Milzverletzung, streifige Oberhautabtragungen der Brustkorbvorderseite, ein an einen Schuhabdrucke erinnerndes Einblutungsmuster am Kinn und eine Schnittwunde am Hals, die rechtsmedizinisch mit dem Einwirken durch eine abgebrochene Flasche in Einklang gebracht wurde.

Der Angeklagte gab an, nichts mit den Verletzungen zu tun zu haben. Er habe von einer unbekannten Person einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, der ihn zunächst benommen machte. Wenig später habe er das blutüberströmte Opfer auf dem Rücken liegend am Boden bemerkt und habe ihm helfen wollen. Dabei seien seine Blutantragungen entstanden: Er sei mit dem rechten Fuß über den Oberkörper des Verletzten gestiegen und habe ihn Mund-zu-Mund beatmet. Sein rechtes Knie sei dabei etwa auf Hüfthöhe des Opfers auf dem Asphalt gelegen, sein Oberkörper sei über den Oberkörper des Opfers gebeugt gewesen. Er habe sich beim Rettungsversuch das Blut des Opfers wohl ins Gesicht und an seine Kleidung geschmiert.

Der Angeklagte hatte u.a. Hautabschürfungen an den Knievorderseiten und wies eine stumpfmechanische Gewalteinwirkung gegen die rechte Hinterkopfhälfte auf.

Hinter dem Fahrzeug des Angeklagten sicherte die Polizei eine Mineralwasserflasche mit Blutantragungen. Die Polizei vermutete, dass sich der Angeklagte mit dem Wasser die Blutantragungen von der Hose und aus dem Gesicht habe waschen wollen. Der Angeklagte konnte sich daran nicht erinnern und gab an, sich während der Hilfeleistung die Hände an seiner Jogginghose getrocknet bzw. abgewischt zu haben.

Abb. 4: Jogginghosen für die Versuche

Das Opfer und der Angeklagte waren zum Zeitpunkt des Geschehens alkoholisiert (Opfer: 2,47 g/l Blutalkohol = 2,47 Promille, Angeklagter: 0,80 mg/l Atemalkohol = 1,6 Promille).

Wir wurden u.a. damit beauftragt, die Entstehung und Ursachen der Blutspuren an der Kleidung des Angeklagten zu untersuchen. Dabei haben wir zu Folgendem Experimente durchgeführt und anhand der Ergebnisse geprüft, ob die Blutspuren mit den Schilderungen des Angeklagten in Einklang zu bringen sind:

1. Trocknen von Blutspritzern auf der Jogginghose

2. Mögliches Abwaschen von Blutspuren

3. Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

4. Hocken, Knien

Unsere experimentelle Fallbearbeitung fußte auf folgenden Grundannahmen:

- Die auf den Fotos erkennbaren rötlich-braunen Spuren im direkten Tat-Umfeld stellen Blut dar.

- Diese Blutspuren stammen vom Opfer.

Da das Opfer des Angriffs sofort in ärztliche Behandlung übergeben werden musste, wurde unter den Fingernägeln des Opfers keine Erbsubstanz abgerieben.

3 Material & Methoden

3.1 Kleidung

Im polizeilich-spurenkundlichen Labor des Auftraggebers wurden die bebluteten Spurenträgergesichtet und die textile Zusammensetzung der sichergestellten Kleidungsstücke festgestellt.

Für die Versuchsreihen wurden Jogginghose gekauft, die der Original-Jogginghose farblich und in ihrer stofflichen Zusammensetzung hinreichend entsprachen.

Vor Versuchsdurchführung wurden die Hosen bei 40 °C mit Color-Waschmittel ohne Weichspüler gewaschen (Abb. 4).

Die Experimente wurden mit frischem menschlichem Blut in unserem spurenkundlichen Labor durchgeführt.

3.2 Blutabnahme

Abb. 6 (oben): Jogginghose des Verdächtigen.

Abb. 7 (unten): Feine Blutspritzer in einem verwaschenen, breit rötlich-braun gefärbtem Feld.

Es fanden zwei Experimentier-Reihen im Abstand von acht Tagen statt: R1 und R2. In R1 wurde das im Zentrifugenröhrchen gewonnene menschliche Blut schonend mit 2 mL 1,15 % Na2-EDTA-Lösung pro 50 mL Vollblut versetzt, während in R2 aus Gründen der höchstmöglichen Genauigkeit betreffs kleiner Tropfen das auf dieselbe Weise gewonnene Blut ohne den Gerinnungshemmer EDTA benutzt wurde (Abb. 5).

Vor der Blutgewinnung waren die Experimente bereits aufgebaut, so dass das Blut sofort verwendet werden konnte.

4 Ergebnisse

4.1. Trocknen von Blutspritzern auf grauer Jogginghose

Die Jogginghose des Verdächtigen zeigt von oben nach unten verlaufende Spritzspuren, die in einem wässrig-blutigen Bereich der Hose liegen (Abb. 6); die Spritzspuren haben sich in diesem Bereich nicht aufgelöst (Abb. 7).

Dies weist darauf hin, dass die Jogginghose des Verdächtigen bereits getrocknete Blutstropfen aufwies, als sie mit Wasser und/oder einem Blut-Wasser-Gemisch in Kontakt kam: Kleine Blutspuren bleiben auf der Oberfläche eines trockenen Stoffs erhalten; sie verschwimmen oder lösen sich beim Auftreffen auf feuchten Oberflächen auf (Abb. 8) (Wonder 2001). Weiter folgt daraus, dass die Wunden des Opfers spritzend bluteten als der Verdächtige Kontakt mit dem Opfer hatte; seine Jogginghose war zu diesem Zeitpunkt laut Aussage des Verdächtigen trocken.

Befindet sich zuerst frisches Blut ohne Wasser auf der Hose, so trocknet dieses sehr schnell „fest“ (nach zwei Minuten bei Raumtemperatur) (Abb. 9). Dieses „alte“ Blut verläuft danach nicht mehr vollständig durch Befeuchtung mit Wasser. Auch beim Hineinknien in ein Blut-Wasser-Gemisch mit bereits blutbespritzter Hose lösen sich die ursprünglichen Spritzer nicht vollständig auf (Abb. 10). In beiden Fällen bleiben die ursprünglichen, zuvor in kurzer Zeit bereits getrockneten Spuren je nach Menge der verdünnenden Flüssigkeit und je nach Trocknungszeit umrissartig dauerhaft oder zeitweilig erhalten.

Dies zeigt, dass auf den Knie-Bereich der zu diesem Zeitpunkt noch trockenen Jogginghose des Verdächtigten auch Tropfen eines Blut-Wasser-Gemisches gelangt waren.

Abb. 14: Abdrücke im Gesäßbereich: Derart breit verlaufen, wenn / weil die Hose vorher wässrig war bzw. vorher kein Blutfleck dort trocknete. Hocken (statt Knien) in Blut: Aussparungen wie in Abb. 11.

Die Blut-Spritzspuren auf der Rückseite der Jogginghose deuten auf ein Spritzen des Blutes von einer Stelle über Bodenhöhe hin und nicht auf eine sich flach am Boden befindliche Quelle (Abb. 11). Dabei gelangte das Blut nicht durch die Schwerkraft von oben nach unten tropfend auf die Hose des Verdächtigen, sondern durch beschleunigtes Blut des sitzenden oder stehenden Opfers.

Dass das Blut durch Aushusten des Verletzten an die Hose des Verdächtigten gelangt ist, erscheint unwahrscheinlich: Der Teil der Hose des Verdächtigen, der die betreffenden Spuren aufweist, war bei einer möglichen, versuchten Rettung des schon liegenden Verletzten abgeschirmt.

Gelangte das Blut im Stehen an die Hose des Verdächtigten, dann durch Spritzen von oben her und nicht während der versuchten Rettung des Opfers.

Auch ein "Hände Aus- oder Abschütteln" nach erfolgter Rettungsmaßnahme durch den Verdächtigten kommt für die Entstehung der Blutspritzer nicht in Betracht: Die kleinen Spritzer wären sonst sehr stark verlaufen oder unsichtbar.

4.2 Mögliches Abwaschen des Verdächtigen vs. Begießen des Verletzten

Die Aussage des Verdächtigen, dass er sich nicht nennenswert abgewaschen habe, kann stimmen. Unsere Versuche zeigen, dass er sich stattdessen eher in ein bereits vorhandenes Blut-Wasser-Gemisch gekniet hat. In Hinblick auf die uns bekannten Informationen kann dieses durch Begießen der verletzten, blutenden Person mit Wasser entstanden sein.

Die Hände und das Gesicht des Verdächtigen waren bei Eintreffen der Polizei noch beblutet: Die leicht angerundeten, recht scharfen Blut-Ränder in der Gesichts-Beblutung stehen in Einklang mit einem "eigene-Hände-ins-Gesicht-schlagen" (Abb. 12) und dann folgendem Trocknen der dünnen Blutschicht im Gesicht.

Nach Beblutung und Trocknung des Blutes in seinem Gesicht kann sich der Verdächtige (später) Wasser ins Gesicht gebracht haben; dies lassen die Aussparungen um seine Augen, die er dabei wohl geschlossen hatte, vermuten.

4.3 Mögliche Mund-zu-Mund-Beatmung

Eine Mund-zu-Mund-Beatmung erscheint im vorliegenden Fall zunächst nicht ausgeschlossen. Aus blutspurenkundlicher Sicht ist aber bedeutsam, welche Körperhaltung der Verdächtige einnahm (Abb. 13): Auffällig ist, dass der Schritt seiner Hose nicht beblutet war: Eine Mund-zu-Mund-Beatmung wäre so wenn, dann vollständig von der Seite aus ausgeführt worden (Abb. 19). Diese Spurenlage steht nicht in Einklang mit seiner gegenüber der Polizei gemachten Aussage, dass er bei Rettungsgriffen o.ä. den liegenden Mann mit mindestens einem Bein überstiegen und dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgeführt habe: Bei einer solchen Haltung "über" dem Körper des Verletzten wäre Blut des Opfers an den Bereich des Schrittes der Hose gelangt.

4.4 Hocken, Knien

Am unteren, hinteren Hosenbein (auf dem Übergang zwischen Hose und Abschluss-“Bündchen“ der Jogginghose) des Verdächtigen ist eine „Abschattung“ in Form einer Unterbrechung der Blutantragung zu erkennen. Diese Blutspur-Aussparung lässt erkennen, dass und wie der Angeklagte zwischenzeitlich gehockt oder gekniet hat (Abb. 11, 14).

Bei dieser Aussparung kann und dürfte sich um eine Übertragung des Blutes von den Schuhen des Verdächtigen auf seine Hose handeln: Die Rückseiten seiner Schuhe weisen Blutantragungen auf; von hier ist das Blut wohl an den Saum der Hose gelangt (Abb. 15).

Abb. 15: Blutspuren auf Schuhe der verdächtigen Person (Foto: Auftraggeber)

Dies zeigt auch unsere Nachstellung: Die Aussage des Verdächtigten, er sei (zwischenzeitlich) mit einem Knie auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft und beiden Füßen auf dem Boden über das Opfer gebeugt gewesen, kann richtig sein (Abb. 13).

Die bloße Mund-zu-Mund-Beatmung eines überraschend angetroffenen Verletzten erklärt die Beblutung der Rückseiten der Schuhe des verdächtigen Manns auf deren Außen- und Rückseiten jedoch nicht (in diesem Maße).

Der Kontakt zwischen beiden Männern kann sich nicht ausschließlich am Boden abgespielt haben: Sofern sie miteinander gekämpft haben, müssten sie auch im Stehen Gewalt ausgesetzt gewesen sein bzw. ausgeübt haben. Wäre der Verdächtigte unbeblutet und aus seiner Ohnmacht soeben erwacht zum am Boden liegenden verletzten Mann gelangt und hätte ihn gem. seiner Aussage mit einem Bein überstiegen, ließen sich weder das fehlende Blut im Schritt der Jogginghose des Verdächtigen noch die zuvor auf seiner grauen Jogginghose getrockneten Blutspritzer erklären.

5 Zusammenfassung

Es handelt sich hier um eine kritische Einzelfallbetrachtung. Wir konnten mittels der durchgeführten Blutspur-Experimenten zeigen, dass

- der Verdächtige mit der stehenden oder sitzenden, jedenfalls nicht nur liegenden Person Kontakt hatte, als diese spritzend blutete oder der Verdächtige Schwingbewegungen mit der Hand oder einem Gegenstand machte.

- die verletzte Person auf die trockene Hose des Verdächtigen blutete, auf die erst später Wasser gelangte.

Die Aussagen des Angeklagten stehen damit mit den blutspurenkundlichen Befunden überwiegend nicht in Einklang.

Die Durchführung der Experimente erlaubte die Überprüfung von Aussagen vom Täter im Sinne des Ein- oder Ausschluss-Verfahrens. Die Ergebnisse hätten durch reines Nachdenken nicht gewonnen werden können.

Wichtig bei einer experimentellen Überprüfung ist grundsätzlich, originale oder original-nahe Objekte und Spurenträger eines Falls zu verwenden sowie möglichst viele gute Fotos mit Maßstab zu erhalten.

Experimente stellen Annäherungen an den tatsächlichen Ablauf und damit schlaglichtartig Teile des Messbaren dar. Sie erzielen bei einem adäquaten Aufbau und exakter Durchführung eine hohe Aussagekraft. Wie die Ergebnisse dieses Beispielfalles zeigen, ist der Aufwand der experimentellen Überprüfung gerechtfertigt.

Literatur

siehe .pdf


Mark Benecke über das WGT in Leipzig: „Es gibt keine andere Stadt, die das leisten kann“

Quelle: Leipziger Volkszeitung (online), Zeitungs-Artikel vom 6. Juni 2025, Seite 18

Der Kriminologe und Szene-Star Mark Benecke spricht im Interview über die Philosophie der Gothic-Kultur und außergewöhnliche Erlebnisse beim WGT.

Von Christian Neffe

Leipzig. Er ist Kriminologe, Autor, Schauspieler, Tierrechtler – und Dauergast beim Wave-Gotik-Treffen (WGT). Dr. Mark Benecke sprach vor dem WGT mit der LVZ über die Philosophie und Anziehungskraft der Gothic-Szene und die Besonderheiten des Leipziger Festivals.

Wie sind Sie eigentlich zur schwarzen Szene gekommen?

Das passiert einfach. So wie man zum Bartträger wird, einfach weil er gewachsen ist.

Kam das über Ihren Beruf?

Nein, und ich kenne in diesem Bereich weltweit auch nur noch eine einzige andere Person, die Gothic ist. Das ist also durch eine sehr große Stichprobe widerlegt und hat damit überhaupt nichts zu tun. Es ist nicht wie im Kino, dass Gothics besonders gern mit Leichen arbeiten. Ich bin da ein Ausnahmefall.

Foto: Mark Benecke

Beruflich haben Sie mit dem Tod im ernsten Sinne zu tun, aber beim WGT wird der Tod ästhetisch zelebriert, quasi zu Entertainment gemacht. Wie passt das zusammen?

Mit Entertainment hat das nicht zu tun. Die Gothics sagen einfach: Ich kenne mich in der Dunkelheit, den Abstufungen von Grau aus und fühle mich da wohler als in der Welt der Farben, des Geschwätzes und der Lügen. Das wird sehr ernst genommen, und das ist wie in jeder Szene, jeder Gemeinschaft natürlich auch mit einem gewissen Maß an Unterhaltung verbunden. Aber der Tod selbst dient nicht als Entertainment-Gegenstand. Er ist eine Klammer, innerhalb derer sich alle Mitglieder wohlfühlen: das Düstere, das Langsame, das Finstere, die Moll-Akkorde. So wie jeder Mensch seine eigenen Vorlieben bei Musik oder Essen hat. Aber natürlich kann es da auch mal sehr lustig werden.

In einem Beitrag über die Anfänge des WGT schrieben Sie mal: „Alles war schwarz, alles war erlaubt, alle waren völlig gestört, und das Chaos war völlig unübersehbar.“ Ist diese Anarchie ein wenig verloren gegangen?

Überhaupt nicht. Bei Konzerten der Toten Hosen oder auch Udo Jürgens – wirklich wahr – ging es früher noch wirklich anarchisch zu, und da verliert sich das tatsächlich, je größer es wird und je älter die Leute werden. Aber nicht beim WGT. Wenn man nur von außen draufblickt, kann man diesen Eindruck bekommen. Wenn man aber tiefer drinsteckt, bekommt man diese Wildheit noch mit. Zumal sich die Szene mit neuen Stilen und Genres immer wieder selbst erneuert. Klar, ihr als Berichterstatter interessiert euch jedes Jahr für das Viktorianische Picknick, aber das ist nur ein Tausendstel von dem, was hier stattfindet. Ich habe beim WGT jedes einzelne Jahr so viel wilden Scheiß gesehen wie sonst nirgendwo auf dem Planeten. Es ist das einzige Festival – und ich gehe wirklich auf viele –, wo so viel irrer Wahnsinn und Unerwartetes passiert.

Welche Bedeutung hat Leipzig innerhalb der Szene?

Foto: Mayla Lüst

Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Es gibt zunehmend mehr kleine Festivals, die noch örtlicher und hochgradig spezialisiert sind. Die gehen gern mal nur einen Tag, und da spielen dann auch fünf oder sechs Bands. Aber Leipzig ist weltweit die einzige Anlaufstelle, auf die man sich immer verlassen kann. Andere Festivals kommen und gehen oder fallen wegen des Wetters ins Wasser. Aber das WGT ist so demokratisiert und findet an so vielen Orten statt, dass es einfach nicht schiefgehen kann. Wir waren zum Beispiel auch während Corona da und haben Party an der Agra gemacht, auch wenn keiner da war. Es gibt keine andere Stadt, die das leisten kann, allein weil überall sonst die Clubs zumachen. Und wo die Veranstalter auch halboffizielle Veranstaltungen zulassen. Dass ich bei einer Lesung zur Hälfte Menschen mit Bändchen und zur anderen Hälfte ohne reinlasse – sowas gibtʼs anderswo nicht.

Sie sind dieses Jahr bei der Eröffnung dabei und halten Vorträge über Kannibalismus. Aber wie sieht Ihr privates WGT-Programm aus?

Wir machen immer das, was gerade passiert. Wir haben einen – nicht ganz so – geheimen Vampirtreff Ines [Benecke, Ehefrau, Anm.d.Red] schaut schon seit Wochen ganz akribisch, auf welche Konzerte wir gehen können. Und zwischendurch trinken wir auch mal einfach einen Tee. Es läuft wohl auch „Phantom der Oper“, das schauen wir uns vielleicht an. Aber so wirklich „privat“ gibtʼs hier nicht – ich mache immer mal wieder Bandansagen oder unterstütze spontan auf der Bühne. In der Vergangenheit zum Beispiel, indem ich die Leute per Rohr mit Bier abfülle oder mich kurzfristig ans Keyboard setze. Oder eine Band verklickert mir kurz vorm Auftritt, dass sie sich gleich auf der Bühne prügeln werden. Natürlich nur gespielt.

Da erübrigt sich die Frage, ob Sie hier noch Dinge erleben, die Sie überraschen, wenn das quasi ständig passiert …

Das ist tatsächlich so, kann man auch in meinen WGT-Tagebüchern nachlesen. Man stolpert von einem Wahnsinn in den nächsten. Man muss aber offen dafür sein und nicht den alten Zeiten nachweinen. Sich nicht immer nur mit den gleichen Leuten treffen, sondern auch die neuen Sachen suchen und erleben.

Und diese Offenheit haben Sie sich bewahrt? Oder gibtʼs einige Entwicklungen, bei denen auch Sie sagen: „Versteh ich nicht“?

Ich verstehe überhaupt nichts, hab ich noch nie getan (lacht). Ich fühle mich hier einfach wohl, Ines plant ganz akribisch unser Programm, und der Rest schwappt einfach über uns rüber. Da lernt man dann auch neue Bands ganz automatisch kennen, etwa Lord of the Lost oder Rabengott, bei denen ich seit der ersten Sekunde dabei war. Letztlich bin ich einfach nur Fan.

Abschließend noch die Frage: Gibt es eigentlich irgendwas, das Sie eklig finden?

Da kann ich für mein ganzes Team sprechen: Wir verstehen einfach nicht, warum Menschen nicht die Wahrheit sagen. Immer dieses Rumlabern, Rumschleimen, Rumlügen … Das führt zu allem, was auf dieser Welt unangenehm ist, und ist super befremdlich. Aber so wirklich eklig … (denkt nach) Ich findʼs hochgradig unverständlich und unsozial, Tierprodukte zu verwenden. Denn das ist letztendlich eine Lüge: „Ich mag Tiere, weil ich meine Katze streichle.“ Ja, aber gleichzeitig Schnitzel und Joghurt essen – offensichtlich hasst du Tiere doch.

Nichts ekelt Sie im klassischen Sinne? Irgendwelche irrationalen Trigger, die eine körperliche Reaktion auslösen?

Ich findʼ das meiste eigentlich eher interessant. Aber die Spinne im Zimmer muss schon Ines raustragen.

Wave Gotik Treffen 2025 (WGT Leipzig) 🦇

Fotos: Mark Benecke. Verwendung nur mit schriftlicher Erlaubnis. / Use only with written permission.

Danke, liebe fantastische Zuschauer:innen beim WGT 2025

Star-Gäste unter anderem: Sadgoth, Bricabracomania, Schnittmuskel und Sebastian Fitzek sowie K.I.Z.E. & Finja

WGT 2026

WGT 2024 (Tagebuch)

WGT 2024 (Orkus!)

WGT 2023

WGT 2022

WGT 2022 (Tagebuch)

WGT 2021

WGT 2020 (Orkus!)

WGT 2020

Nicht glauben, messen.

→ bitte neue seite WGT LEIPZIG (normale seite)

→ bitte hin und her zum zeitungs-artikel dazu aus der lpzgr volkszeitung

→ und hin und her zu alten gothic-sachen und WGTs und AMPHIs

alle Videos vom WGT

Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (ehemalige Blinden-Bibliothek) 📚

German Central Library for the Blind :: Deutsches Zentrum für Barrierefreies Lesen

Mit Mark & Ines Benecke

Star-Gästinnen: Amy Zayed & Jennifer Sonntag ✨ nebst dem knorken Team des Zentrums (danke schön!) in der Druckerei, der Direktorin, dem Hörbuchstudio, den handgemachten Büchern mit Knister-Schnee, der Lese-Leiste und echt superviel mehr interessanten Dingen und Menschen 🤝

Uni Köln: Dr. Mark Benecke spricht zu „Time is up: Hitze, Fluten, Artenschwund“

25. Juni 2025,  17:30 Uhr 

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung zu den „Tagen der Nachhaltigkeit 2025“ konnte die AG Nachhaltigkeit einen ganz besonderen Speaker gewinnen: Dr. Mark Benecke, der als  Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, Autor, Schauspieler und Speaker bekannt ist. Save the Date am 25. Juni 2025 um 17:30 Uhr.

Dr. Mark Benecke ist nicht nur als Experte für forensische Entomologie sowie als Kriminalbiologe, Autor und Schauspieler bekannt, sondern engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für Themen wie Tier-, Arten- und Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. In seinem Vortrag wird es genau um diesen Themenkreis gehen.

Dr. Mark Benecke hält seit zehn Jahren Vorträge zum Artensterben und Umweltveränderungen und begeistert mit seinem anschaulichen und lebendigen Vortragsstil.

Einladung zum Vortrag von Dr. Mark Benecke

Time is up (Juni 2025): Hitze und Fluten“ Im Rahmen der Auftaktveranstaltung zu den „Tagen der Nachhaltigkeit 2025“ der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln

Wann: 25. Juni 2025

Uhrzeit: 17:30 Uhr

Wo: im Hauptgebäude der Universität zu Köln

Raum: 100 Aula 1/2 (1034 Sitzpl.) I Albertus-Magnus-Platz 1 I 50931 Köln

Was können die Maddie-Ermittler nach 18 Jahren eigentlich noch finden?

Quelle: rtl.de. 9. Juni 2025

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt‘s

18 Jahre nach dem Verschwinden von Madeleine McCann laufen in Portugal erneut großangelegte Suchaktionen. Es ist womöglich der letzte Versuch, doch noch Beweise zu finden. Denn der einzige Tatverdächtige, Christian B., könnte schon bald aus dem Gefängnis freikommen – mangels belastbarer Spuren. Doch was lässt sich nach so langer Zeit überhaupt noch finden? RTL hat den renommierten Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke gefragt und zusätzlich mit einem Journalisten gesprochen, der den Fall seit Tag eins begleitet.

Drei Orte im Fokus – deutsche Ermittler in Portugal

Die Suche konzentriert sich auf drei Gebiete im Süden Portugals, rund um Praia da Luz, Lagos und Atalaia. In diesem Umfeld wohnte und arbeitete Christian B. zur Tatzeit. Auch ein Haus, in dem der Maddie-Verdächtige lebte, soll nun erneut durchsucht werden. Genauso wie das Gelände, auf dem damals größere Erdarbeiten stattfanden.

Spuren am Schlafanzug?

Benecke ist kein Romantiker. Er arbeitet faktenbasiert, schnörkellos. Oft an Fällen, die andere längst abgehakt haben. Und genau deshalb lohnt sich seine Sicht auf den Fall Maddie. Aber was genau könnte heute, 18 Jahre später, überhaupt noch da sein?

„Das hängt davon ab, wie viele Menschen den Schlafanzug zwischendurch angefasst haben. Grundsätzlich würde ich auf dem Schlafanzug an Hautzellen auch von einem möglichen Täter oder einer Täterin oder Speichelspuren oder Spermaspuren oder Haare denken. Diese Spuren halten sich sehr lange, wenn allerdings viele Menschen ein Kleidungsstück bereits angefasst haben, können natürlich auch Spuren dieser Personen auf der Bekleidung anzutreffen sein.”

Es sei eine Frage der Sorgfalt, nicht der Zeit. Kleidung kann auch Fasern anderer Personen enthalten, die sich chemisch und strukturell klar zuordnen lassen. – manchmal sogar über Jahrzehnte.

Lohnt sich die Grabung nach 18 Jahren überhaupt noch?

„Ja”, sagt Benecke. „Sofern die Möglichkeit besteht, dass Spuren mit einer neuen Technik und oder aus anderen Gründen besser untersucht werden können dann lohnt es sich immer eine Nachuntersuchung zu machen.”

Benecke begleitete selbst Fälle über Jahrzehnte hinweg. Oft werden Proben gezielt konserviert, um sie später mit besseren Methoden und Technik erneut zu analysieren. Manchmal mit bahnbrechenden Erkenntnissen.

„Bei den von mir untersuchten Lampenschirmen und dem Taschenmesser-Etui aus dem Konzentrationslager Buchenwald hat sich auch erst 80 Jahre später herausgestellt, dass es sich wirklich um Menschenhaut handelt.” Dadurch wurde erst klar: Die Nazis haben Alltagsgegenstände aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt.

Forensik 2025: Hightech oder Handarbeit?

Was vielleicht überrascht: Die spektakulärsten Funde entstehen oft nicht durch Hightech-Geräte, sondern durch schlichte Gründlichkeit. „Ich bevorzuge das klassische Abschichten, das heißt jede Schicht wird einzeln in Tüten gepackt, gesiebt und untersucht. (...) Auch die Suche nach Hautschuppen auf Kleidung ist im Grunde handwerkliche Arbeit, weil sie unter dem Vergrößerungsgerät von einzelnen Menschen durchgeführt werden muss.”

Hightech kommt erst später dazu, etwa wenn DNA vervielfältigt oder automatisiert abgeglichen wird. Der Anfang bleibt jedoch oft vermeintlich unspektakulär, dafür präzise. Und wenn man doch noch etwas findet? „Auch ein Haar oder eine Hautschuppe kann heute noch problemlos auf ihr Erbgut und weitere Eigenschaften untersucht werden. Ob das gelingt, hängt natürlich von der Lagerung der Spuren ab und davon, ob sie überhaupt gesehen werden.”

Pinkfarbener Pyjama und ein Haar aus Maddies Bürste

Auch der britische Investigativjournalist Jon Clarke, der den Fall seit 2007 intensiv begleitet und schon oft zum mutmaßlichen Tatort nach Portugal reiste, glaubt an die Bedeutung kleinster Funde. Im Gespräch mit RTL berichtet er von früheren Suchen, bei denen Materialreste gefunden, aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten – möglicherweise sogar aus Maddies pinkfarbenem Pyjama.

Clarke sagt, die Ermittler glauben inzwischen, dass Christian B. so ortskundig war, dass er sogar in der Nähe seines eigenen Hauses eine Leiche abgelegt haben könnte. „Direkt vor der Nase von Polizei und Familie”. Jetzt werde genau dort erneut gesucht.

Doch am Ende sind es eben nicht die großen Maschinen, sondern die kleinen Beweise, die vielleicht endlich den Durchbruch bringen. Für Benecke ist klar: „Hoffnung spielt meiner Auffassung nach keine Rolle, sondern gute Spurenarbeit.” Und dass man die Möglichkeit nutzt, wenn sie sich bietet.

ADHS & Autismus: Netzhaut-Erkennung

Kleine Teile des Textes wurden verwendet auf → https://www.gamestar.de/artikel/adhs-diagnose-ki-netzhautbilder-auge-neurodivergenz,3432156.html 

1. Warum ausgerechnet die Netzhaut? Können Sie unseren Lesern in einfachen Worten erklären, warum sich gerade die Retina eignet, um neurodivergente von neurotypischen Menschen zu unterscheiden?

Es war eine wirklich abgefahrene Idee der Kolleginnen und Kollegen, in die Augen zu schauen. Uns ist klar, dass das Gehirn unsere Persönlichkeit ist. Dazu gibt es massenhaft Studien, auch unter Autistinnen und Autisten. Als nun die Augen von Autistinnen und Autisten angesehen wurden (klick hier und hier) fanden das besonders meine ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zunächst "umstrtitten", obwohl die künstliche Intelligenz ja eine supergenaue Trefferzahl hinlegte. Aber es hätte ja an fehlenden Massen-Tests gelegen haben können.

Biologisch fand ich es nicht so merkwürdig, denn "die Dicke der ellipsoiden Zone (EZ) mit Zapfen-Photorezeptoren war bei ASD signifikant erhöht; die großkalibrigen arteriovenösen Gefäße der inneren Netzhaut waren bei ASD signifikant reduziert; diese Veränderungen in der EZ und den arteriovenösen Gefäßen waren am linken Auge signifikanter als am rechten Auge" — das ist ja schon deutlich.

In der ganz neuen ADHS-Studie, in der über dreihundert Erwachsene und Kinder untersucht wurden, war die Idee, dass sich Dopamin, das ja viele "seelische" Wirkungen hat, auch auf das Entstehen und Wachsen der Netzhaut im Auge auswirkt. Vermutlich hängt das mit der durch Dopamin veränderten Durchfluss-Menge von Blut, vielleicht auch mit der ebenfalls von Dopamin beeinflussten Durchlässigkeit der Butgefäße zusammen. 

Da die Dopamin-Sache noch untersucht wird, haben sich die Kolleginnen und Kollegen gesagt: Warum nicht einfach schauen, was wie im Auge sehen? Die genaue Entstehungsgeschichte der möglichen Netzhaut-Veränderungen können wir ja auch später untersuchen. 

Hinzu kommt, dass gerade im Berich von Künstlicher Intelligenz, Deep Learning, in Laboren und der Wissenschaft überhaupt superviele Autistinnen und Autisten arbeiten. Das mag ein weiterer Anreiz gewesen sein, einfach mal zu gucken anstatt zu denken.

 2. Wie würden Sie den derzeitigen Standard zur Diagnose von Autismus und ADHS beschreiben? 

Es gibt derzeit keinen Standard. Das ist sehr gute Forschung, keine allgemein zugelassene Anwendung.

Was kann ein solches, auf Biomarkern basierendes Verfahren, für die Diagnostik für potenziell Neurodivergente verändern?

Dass ihnen endlich — wie auch den ME/CFS-Patientinnen und -Patienten — nicht mehr von Menschen, die nichts davon verstehen, aber auch die Messungen nicht anschauen, gesagt wird, dass sie sich das alles einbilden oder, noch beknackter, es eine Mode-Erscheinung sei. 

3. Sehen Sie ein generelles Potential in solchen neuen Verfahren, unseren gesellschaftlichen Blick auf Autismus und ADHS zu verändern?

Auf den Autismus-Vorträgen und -Kanälen von meiner Frau und mir ist richtig was los, wenn es um die Eigenschaften und die Erkennung von Neurodiversität geht. Ich finde es daher gut, dass die saubere Erkennung immer besser gelingt. 

Der nächste Schritt ist, die Trennung zwischen angeblich normalen und dazu so verschieden dazu wirkenden Menschen aufzugeben. Nicht nur Autismus und ADHS sind ein Spektrum, wie es in der neuesten Fassung der Liste von Krankheiten (ICD-11) auch super dargestellt ist, sondern auch die angebliche Normalität. Wie wir in Köln sagen: "Mer sin all Mische": Wir sind alle Menschen mit Stärken und Schwächen. 

Gerade Autistinnen und Autisten sind überstark in Computerzeugs, Ingenieurs- und Natur-Wissenschaften vertreten, ADHSler:innen in der Bühnen-Kunst und AuDHSlerinnen vielleicht noch in vielem mehr. Das hat schon Hans Asperger gewusst, ich habe das in den Tiefen der Autismus-Bibliothek in London selbst ergründet. 

Es ist also schon mal prima, wenn Menschen mit Spezial-Interessen das in Ruhe machen können, was sie eben können. Hilft allen. 

Außerdem können die Angehörigen lernen, nicht das Kind so zu biegen, wie die Nachbarn es gerne hätten, sondern es leben zu lassen, wie es möchte. Das macht auch den Angehörigen das Leben leichter, die oft tausendmal verzweifelter sind als die Autistinnen und Autisten, weil sie irgendwas erzwingen möchten, was nicht geht und nicht sinnvoll ist. 

Unser Forschungs-Team hat in den letzten sieben Jahren schon heraus gefunden, wie wir es den Schülerinnen und Schülern leichter machen. jetzt führen wir eine fette Untersuchung mit Kindergarten-Kids dazu durch.

Und: Wer stärkere Schwierigkeiten hat, erhält mehr Unterstützung. So wie bei Knochenbrüchen oder Grippe auch.

Ray Martin: U-Comix

Mini-Interview mit Ray Martin zum Comic-Festival in München (2025) & langes Interview aus den U-Comix (2016) mit dem damaligen Herausgeber Steff Murschetz

Mark: Lieber Ray, was hat dir an deinen U-Comix besonders gefallen? 

Ray: Das Geld, welches ich damit verdient habe.

Es gibt ja bis heute deinen Shop mit wilden Dingen. Wenn du heute in die Welt schaust: Ist etwas vom anarchischen, wilden Getümmel von damals übrig geblieben? Falls ja, was?

Links ist das erste U-COMIX-Heft aus dem Sommer 1969, rechts das letzte von Ray herausgegebene U-Comix-Heft (Mai 1986) (Foto: Jutta Hoffmann).

Ja, die Trump-Administration.

Was denkst du über Comic-Messen und -Börsen? Warst du mit den U-Comix auf Messen? Erlebnisse, Erinnerungen? 

Na klar, ich war auf allen möglichen Messen. Vor 35 Jahren sogar in Köln. Über die Begegnung mit Ralf König auf dem Erlanger Comic-Salon 2018 habe ich in einem meiner Online-Workshops geschrieben. Der Text sagt viel über meine Lebenseinstellung.

Okay. Dann schauen wir doch mal in einen deinen Text von damals.

Zum Glück holt mich meine Vergangenheit nicht all zu oft ein. Das liegt zum einen daran, dass viele Menschen in meinem Alltag meine Vergangenheit nicht kennen und ich ihnen auch nichts davon erzähle.

Meine engen Freunde (& siehe oben) und Verwandte wiederum haben alle unglaublichen Geschichten schon zehn mal gehört und sprechen mich auch nicht mehr darauf an. Dennoch gibt es immer mal wieder kleine Einbrüche der Vergangenheit in die Neuzeit. 

So waren wir im vergangenen Jahr auf einer Anti-Nazi Demo in Scheinfeld, haben einen kleinen Stand aus Partyzelt und Tapeziertischen aufgebaut und sehr erfolgreich T-Shirts, Caps, Buttons und Stickers (Gegen Nazis, Gebt Nazis keine Chance, Solidarität gegen Rassismus etc) verkauft. Alles Restbestände aus den 1980 und 1990er Jahren, die ich nie weggeworfen habe.

Ray auf der Comic-Messe (Comic-Salon) Erlangen 2018 (Foto: Archiv Ray Martin).

Oder unser Auftritt auf einer 'Legalize Cannabis'-Demo vor ein paar Wochen in Nürnberg, die vom örtlichen Cannabis Social Club veranstaltet wurde. Dort verkauften wir mehr oder weniger aus der Hand bzw. mit einem Bauchladen T-Shirts, Caps und Buttons von den Legalize-Kampagnen der 1980er und 1990er Jahre. Das lief nicht schlecht, obwohl nur ca. 200 total witzige, punkige und bekiffte junge Menschen da waren. Ich glaube, ich war der einzige Alte auf dem Platz.

Richtig ausgeflippt ist meine Jutta aber erst, als sie das Plakat (Anhang 1) mit der Ankündigung für U-COMIX Nr. 194 sah: „Wow, meine beiden liebsten Männer auf einem Plakat - Mark Benecke und Raymond Martin.“ Ich wusste erst gar nicht wer das ist, bin aber nun aufgeklärt: Eine Art Leichenbeschauer, der in einer Fernsehserie mitspielt und ein Heer von Fans unter SM-Mädels und Menschen mit einer leichten Störung aus dem nekrophilen Themenbereich hat. Führwahr ein guter Kontrast zu einem esoterischen Alt-Hippie.

Dazu muss man wissen, dass ich das Comic-Magazin U-COMIX schon vor 46 Jahren gegründet und 1986 damit aufgehört habe. In den besten Zeiten verkauften wir fast 30.000 Exemplare im Monat und wenn ich dabei geblieben wäre und nicht auch noch SCHWERMETALL, PILOT, VAMPIRELLA, HINZ & KUNZ, WITZBOLD etc. gemacht hätte, würde ich wohl nun selbst die Ausgabe 194 herausgeben. Die neuen Männer um den begnadeten Comic-Zeichner Steff Murschetz machen seit ein paar Jahren alle drei Monate ein Heft, dass nicht mal 3000 Exemplare verkauft. Sie zahlen sich alle keinen Lohn aus und leben teilweise von Harz 4. 

Als ich nach einem Interview gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt, dass nun in der Ausgabe vom am 25. Mai 2016 erschienen ist.

Interview aus den U-Comix (Mai 2016)

Ray auf dem Comic-Salon Erlangen 2016 (Foto: Archiv Ray Martin).

In den 1970er und 80er Jahre hat ein junger Verleger mit seinen Comics und Büchern zu Drogen, Ökologie und Bewusstseinserweiterung die alternative Presselandschaft nachhaltig geprägt. Mit seinen erfolgreichen Comic-Magazinen U-Comix und Schwermetall brachte er erstmals junge Deutsche in Kontakt mit Comiczeichnern wie Robert Crumb, Richard Corben, Moebius oder Gilbert Shelton. Was Comics betrifft, hat er den Rock ‘n’ Roll nach Deutschland gebracht.

Steff Murschetz stellt für U-Comix 12 Fragen an Raymond Martin

Steff: Du wurdest 1953 geboren. Es war die Zeit der Piccolo-Comics. Viele Deines Jahrgangs verehren ja noch immer Hans Rudi Wäscher, der kürzlich verstarb. Hast Du diese Comics auch gelesen und was hast Du als Kind getrieben?

Ray: Ich bin in Berlin Neukölln in eine eher bildungsferne Familie hineingeboren. In diesen Kreisen stand man den Comic-Heftchen nicht so kritisch gegenüber wie das Bildungsbürgertum. Meiner jetzigen Freundin z.B. war es vor 40 Jahren noch untersagt, Comics zu lesen. Ich wuchs eher antiautoritär und selbstbestimmt auf und war früh eher an allen möglichen Comics, als an Schulbüchern interessiert: Kauka, Disney, Akim, Tibor, Falk etc., aber auch „Illustrierte Klassiker“ eigentlich fast alle Comics außer „Nick im Weltraum“. Mit der Pubertät verlor ich Interesse daran und wand mich den Mädchen zu. 

Mit 15 Jahren half ich ein bisschen bei der Entstehung einer unabhängigen Schülerzeitung (Paradox) und gründete mit 16 eine kleine Zeitschrift für Amateur-Lyrik, -Prosa und –Grafik (ex-libris), mit der ich allerdings nach der zweiten Ausgabe meine erste Pleite hinlegte.

Bereits mit 16 Jahren hast Du 1969 das Underground-Comicmagazin U-Comix gegründet und 1970 das bis 1976 erschienene Untergrund-Volksblatt Päng. Vor der allgemein bekannten U-Comix Magazinserie, gab es ja bereits 17 Nummern. Kannst Du Finanzierung, Herstellung, Vertrieb und Inhalt dieser ersten Hefte kurz beschreiben?

Das ist nicht ganz richtig, die erste Ausgabe von PÄNG kam schon 1969 heraus, die erste Ausgabe von U-COMIX kam erst 1970. Auflage 1000 Stück , 16 Seiten schwarz/weiße Comix von Crumb, Shelton, S. Clay Wilson und ein paar anderen aber auch eine Seite Little Nemo von Windsor McCay. Die Herstellung war damals sehr einfach, man klebte die deutschen Sprechblasen auf die Originale und machte davon Repros und Druckplatten. Der Druck wurde erst nach dem Verkauf der halben Auflage bezahlt. Am Anfang haben wir alle Blätter selbst zusammengetragen und gefaltet, um die Buchbinderkosten zu sparen. 

Wenn von einer Auflage soviel verkauft war, dass der Druck bezahlt werden konnte, wurde das nächste Heft gemacht. Das dauerte damals oft Monate. Ich kümmerte mich dann nach und nach um immer mehr Zeichner, aus der ganzen Welt, die bei uns veröffentlichen wollten. Alles per Brief oder Telefon, mehr gab es damals nicht. Irgendwann haben wir auch mal einen Seitenpreis bezahlt aber es wurde erst ein Geschäft, von dem man leben konnte, als wir in den bürgerlichen Pressevertrieb eindrangen.

Im Januar diesen Jahres verstarb der Künstler und Verleger Bernd Brummbär. Erst durch Deinen Artikel über ihn wurde mir klar, dass auch Du “Vorbilder” hattest. Wie hat Bernd Brummbär Dich inspiriert und wer gehörte damals noch zu jungen Undergroundcomix-Szene?

Ich habe zwar 1970 die erste Ausgabe von dem Heftchen U-COMIX herausgegeben, doch Bernd Brummbär hat die ersten Comic-Bücher mit diesen Zeichnern gemacht. Zusammen mit dem Verleger Abraham Melzer wurden eine unlizensierte deutschsprachige Ausgaben von Robert Crumbs HEAD COMIX und danach eine Buchreihe mit dem Titel BRUMM COMICS veröffentlicht. 

Steff Murschetz besucht Mark Benecke (U-Comix 194; im selben Heft erschien das Interview mit Ray Martin). Im Heft zuvor (also Nr. 193) gab es ein Interview mit Mark (Foto: Mark Benecke).

Dadurch wurde der deutsche Comic-Markt mit Fritz The Cat, Mr. Natural oder auch mit Anne & Hans bekannt gemacht. Letzteres ist ein legendärer Aufklärungs-Comic von Theo van den Boogaard, der ziemlich schnell auf den Index für verbotene Bücher wanderte. Da die Brumm Comics sehr gut liefen und man keine Royalties bezahlte, verdienten sich BB und Abi eine goldene Nase damit. 

Ich lernte also als Comic-Fan den Übersetzer und Letterer der Brumm-Comics kennen, der auch plante eine Underground-Zeitung herauszugeben..

1971 erschien ein Bericht im Spiegel über Deine Kommune in Kucha. Da musst Du etwa 18 gewesen sein. Im spießigen Stil eines 50er Relikts echauffierte sich der Autor in den Artikel über Eure Ideale. Worum ging es Euch wirklich?

Der Spiegel schrieb am 9. August 1971: „Raymond Martin aus Nürnberg kennt ähnliche Nachbarlichkeit von den Bauern im mittelfränkischen Dorf Kucha, wo er seit dem Winter mit einer 20köpfigen Kommune von ehemaligen Anarchisten, Schülerinnen und Opfern der deutschen Fürsorge-Erziehung für 300 Mark im Monat das Obergeschoß der Zwergschule bewohnt. Einen großen Acker bekamen die ausgeflippten Kommunarden umsonst. Ein motorisierter Bauer war so freundlich und pflügte. 

Zwar hält sich auf den Wangen dieser jungen Leute die Blässe ungezählter Trips. Doch auf ihrer Schulter tragen sie rührend entschlossen die Harke. Sie trinken viel Milch, der drogengereizten Leber wegen. Da lohnte sich für einen Nachbarn der Ankauf einer weiteren

Kuh. Der reinen Luft, der reinen Nahrung, des eigenen Hanfs im eigenen Garten sich zu freuen, werden diese Stadtkinder nimmer müde. Die Bauernkinder zieht es in Richtung Industrie. Zum Zeichen ihrer Seelenverwandtschaft beschlossen die Kommunarden, sich fortan "Sippe" zu nennen. Die Leute vom Dorf vergessen gerade, was dieses Wort bei ihnen bedeutete.“ 

Das klingt wirklich köstlich, wenn man das 44 Jahre später wieder liest. Wir waren am Anfang alles andere als Romantiker, sondern wollten einfach nur zusammen wohnen. Da wir die Mieten für große Wohnungen in der Stadt nicht bezahlen konnten, gingen wir aufs Land. Dort bekam man dreimal soviel Wohnraum zum gleichen Preis. Und man konnte nächtelang durchfeiern, Musik machen, einfach Partytime ohne das sich Nachbarn gestört fühlen. Unser Haus hatte ca. 20 Meter im Abstand zum nächsten, das war wichtig. Wir sind im Frühling 1971 eingezogen und haben schon im Herbst eine 3 Meter hohe Hanfplantage im Garten gehabt, einsehbar von allen Seiten. Keiner der Nachbarn wusste, was das ist.

Links: Das angeblich allerletzte Heft der U-Comix von Steff Murschetz. Rechts: Zwei Hefte später erschienen U-Comix dann mit 3D-Bildern (Foto: Mark Benecke).

Du sollst auf Kucha mit vielen Frauen dem lockeren Leben gefrönt haben, sozusagen als Hahn im Korb und hast auch den Foto-Bildband “Mädels” mit Schönheiten der deutschen Freakszene gemacht und verlegt. Viele Comicfans sind Eigenbrödler und kommen mit Frauen gar nicht klar, denn vor dem Manga-Boom gab es in der deutschen Comicszene ja kaum Frauen. Hast Du einen Tipp für uns Dilletanten im Umgang mit Frauen? Was ist das Geheimnis Deines Erfolges beim anderen Geschlecht? Vorzeige-Hippie Rainer Langhans soll mal gesagt haben: “Jeden Tag Sex, ich fand es schrecklich!” Erging es Dir ähnlich?

Ich bin in Berlin Neukölln geboren, aber sozialisiert in Tempelhof, einem armen Bezirk neben Kreuzberg. Dort bin ich nur mit meiner Mutter und großen Schwester, also ohne Vater, aufgewachsen. Bei Familienfesten trafen sich noch drei Tanten zwei Cousinen und nur ein Onkel, der aber kaum auffiel. Alles wurde beherrscht von schnell und viel quatschenden Berliner Frauen und deren zickigen Töchtern. Ich war der einzige Mann und dazu auch noch der kleinste. Was blieb mir also anderes übrig, als mir mit Charme, Liebreiz und Humor Aufmerksamkeit zu verschaffen. 

Das hat dazu geführt, dass ich geistreich und witzig aber auch freundlich und zärtlich wurde, was sich bei den meisten Frauen später ausgezahlt hat. Ich hatte schon in der ersten Klasse der Grundschule eine süße blonde Freundin, mit der ich Hand in Hand in die Schule ging, wir waren beide 6 Jahre alt. Als ich 12 Jahre alt war, hat meine Mutter dann doch einen Mann geheiratet und wir sind nach Nürnberg gezogen. Das war für mich ein Kulturschock, zu dessen Überwindung ich viele Jahre brauchte.

Mein Alltag mit meiner Straßengang im Berliner Armenviertel (ca. 20 Jungs von 11 bis 16 Jahren alt), das war meine Welt, meine Familie. Da herausgerissen und nach Nürnberg verschleppt zu werden war so traumatisierend, wie man es sich kaum vorstellen kann. Zum Glück haben die Mädchen sich schnell für mich interessiert, weil ich so anders war. Damals kamen die Beatles auf und ich ließ mir eine Beatles-Frisur wachsen. Ich war nicht nur der erste im Block, sondern der erste Langhaarige in der ganzen Südstadt. Heutzutage würde man sagen, ich hatte damals viele Matchpoints für Partner-Sites: Groß (über 1,80), attraktiv, humorvoll, charmant, intelligent und großzügig. Wenn man also nicht alles davon hat, kann man zumindest witzig, charmant und großzügig sein. 

Eine meiner Frauen hat mal in Anspielung an eine Mitbewohnerin gesagt: „Wenn man dumm ist, sollte man wenigstens lustig sein.“ Das hat viel philosophische Essenz, finde ich.

Männer wollen ficken und Frauen wollen einkaufen, das ist eine simple aber zutreffende Formel. Die Frauen tauschen ihren Sex also gegen die Ressourcen der Männer. Meist sind es materielle Ressourcen, viele Frauen wollen aber auch geistige. Man kann das aber nicht strategisch angehen, sondern muss die Dinge geschehen lassen und sich versuchen in den energetischen Strom einzufügen. Man kann nicht sagen, ich will mal zwei Freundinnen haben und dann losziehen und versuchen Mädels dazu zu überreden. Das klappt nicht, da machen die nicht mit. 

Bei mir lief das so, dass ich in der Schule zwar der beliebteste Junge war (nur bei den Mädchen, die Jungs haben mich vielleicht bewundert aber die Lehrer haben mich alle gehasst) aber mit keiner Mitschülerin „gegangen“ bin. Ich lernte damals zwei Mädchen von anderen Schulen kennen, Rosi und Uschi, die mich nach dem ersten Kennenlernen angerufen und mir mitgeteilt haben, dass sie beide mit mir gehen wollen und ich mich für eine entscheiden soll. Beim nächsten Treffen habe ich geantwortet, dass ich mich nicht entscheiden kann, also beschlossen wir zu dritt „ miteinander zu gehen“. 

Ich hatte ja auch zwei Hände, also konnte ich eine rechts und eine links an die Hand nehmen, wenn wir weggegangen sind. Bei meinen Freunden war ich ab dann unten durch. Ich bin aus dem Fußballverein Jahn 93 ausgestiegen, von meiner kleinen Kumpelcique verstoßen worden und ein Jahr später dann in der Nürnberger Drogen-Scene abgetaucht und ohne jeglichen Abschluss aus der Schule geflogen. Aber ich bin danach mit fast allen schönen Blondinen des Englischen Fräulein-Gymnasiums gegangen und habe gemerkt, dass ich beliebt bin beim anderen Geschlecht.

Auch Ralf König, den Ray wie auch 'Werner' nicht verlegte, war einst umstritten (Foto: Mark Benecke).

In die Kommune bin dann, kurz bevor ich 18 wurde, nur mit einer Freundin eingezogen. Über die Jahre kamen aber immer wieder neue Mitglieder dazu, auch über 1000 Besucher/innen (in 30 Jahren), die manchmal nur Tage, manche aber auch Wochen und Monate dablieben und mitmachten. Da hat man dann automatisch mehr sexuelle Kontakte als in der „normalen Welt“.

Und die Frauen haben mich einfach geliebt und wollten mit mir zusammen sein. Aber sie wären sich blöd vorgekommen, zu verlangen, dass die anderen schönen, schlauen und sensiblen Frauen an meiner Seite verschwinden müssen. In meinem Dorf hatte ich lange Zeit des Spitznamen „Scheich“, was mir egal war. Ich habe mich nie um gesellschaftliche Konventionen gekümmert. 

Ich bin niemals „fremd gegangen“, sondern habe meine Freundinnen alle miteinander bekannt gemacht, mit ihnen zusammen gelebt und gearbeitet, teilweise viele Jahre lang. Daraus sind sogar tolle bildschöne Kinder entstanden. 

Ich erfinde neben IQ-Text-Fragen auch gerne Witze: Mein Lieblingswitz geht so: Mein Sohn Dianus steht 12 Jahre alt mit zwei Kumpels auf dem Schulhof. „Wir sind zuhause drei Kinder und haben jedes sein eigenes Zimmer“, sagt der eine. Darauf der andere, „das ist doch gar nichts. Wir sind zuhause vier Kinder und jedes hat seinen eigenen Computer.“ Darauf sagt mein Sohn: „Das ist überhaupt noch nix. Wir sind zuhause fünf Kinder und jedes hat seine eigene Mama.“

Haussuchungen, Indizierungen von Comix und Büchern, Geldstrafen wegen des Comicalbums “Nachahmungen” von Roger Brunel, das etablierte Comicfiguren großer Verlage verwurstete — Mit dem deutschen Gesetz gab es einige Reibereien und einige Male hast Du es geschickt ausgetrickst, wie es scheint. Du hast Restbestände von U-Comix zu Weihnachten an Häftlinge verschenkt, Flüchtigen Unterschlupf gewährt u.s.w. Hattest Du jemals Angst vor der Staatsgewalt?

Du weißt ja ganz schön viel. Sogar ein Mitglied von den damals gesuchten RAF-lern war mal in meiner Küche gesessen, aber Flüchtlingen Unterschlupf gewähren klingt schon sehr heroisch. Vielleicht mal 15 jährige Runaways aus Erziehungsheimen oder desertierten Soldaten (BW und US-Army!), aber Flüchtlinge nicht. Damals gab es so etwas nicht. Angst vor der Staatsgewalt nach 42 Verfahren vor dem Amts- oder Landgericht? Da ist man nach einer Weile selbst ein kleiner Rechtsanwalt. Ich mache schon seit 20 Jahren alles selbst, schreibe alle Schriftsätze selbst und nehme nur einen Anwalt, wo Anwaltszwang herrscht. Der macht dann aber, was ich sage. 

Ich habe fast alle Verfahren gewonnen, vor allem das wichtigste „Raymond Martin gegen die Bundesrepublik Deutschland (Verwaltungsgericht). Allein das ist eine lange spannende Geschichte. Auch die über 24 Hausdurchsuchungen aus verschiedensten Gründen sind bestimmt gut für einen Eintrag im Guinnes Buch der Rekorde. Die haben in den 70gern sogar den entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer bei uns gesucht. Ich hatte auch schon unzählige Autodurchsuchungen, an einem Tag sogar zweimal hintereinander in zwei Bundsländern. Aber Angst hatte ich nie vor den Beamten, die waren immer sehr respektvoll und höflich zu mir, weil auch ich immer so zu ihnen bin.

Heutzutage möchte die Piraten-Partei das Urheberrecht kippen und Raubkopien im Internet sind ein großes Thema, nicht nur für Plattenfirmen und Filmverleiher sondern auch für den netten Cartoonisten von nebenan. Wie stehst Du heute zu Raubkopien?

Robert Crumb war ein Star der U-Comix (Foto: Mark Benecke).

Solange man selbst vom Verkauf von Bootlegs-Schallplatten und Raubdrucken von Büchern, Poster, T-Shirts etc. leben muss, wie ich viele Jahre lang, dann hat man ein eindeutiges Verhältnis dazu: Es ist überlebenswichtig. Wenn man als Künstler oder Verleger dann selbst davon betroffen ist, findet man es nicht so lustig, zumal wenn es zu einer materiellen Bedrohung wird. 

Ich habe also ein sehr ambivalentes Verhältnis zu dem Thema, sowohl als auch, wie der Zustand von Schrödingers Katze. Ganz schlimm ist es natürlich, wenn die große Industrie alles raubt oder alles noch billiger nachmacht (Asien) und kleine Produzenten untergehen. Dann würde ich mit allen rechtlichen Mitteln dagegen vorgehen.

Es kursiert ein altes Schreiben der Staatsanwaltschaft, in dem angeprangert wird, die Freak Brothers böten ein schlimmes Rollenvorbild. Wenn ich meine Kumpels und mich so anschaue, muss ich grinsend eingestehen, da ist was dran. Leider sind auch einige Freunde nicht gut mit den Substanzen klar gekommen. Heute sind ganz andere Drogen im Umlauf, Crystal Meth und Ähnliches. Welchen Rat würdest Du “Neueinsteigern” an die Hand geben?

Ich sage zu meinen Kindern immer, laßt die Finger weg von synthetischen Nahrungsmitteln und Medikamenten, nehmt nur natürliche Nahrung und nur Naturmedizin. 

Wenn man aber seiner Neugier nicht standhalten kann und auch mal was „böses“ probieren will, nimmt man nur ¼ der dir angebotenen Dosis. Ich kenne natürlich alles aus den wilden Zeiten, war aber niemals auf irgendwas süchtig, außer Sex. Zum Thema Meth, das in den 70ern schon als Speed bekannt war, hier ein schlaues Zitat.“They say it’s for horses but not for men. And they say it will kill you, but they don’t say when.“

Rand Holmes prächtiges Comicalbum “Hitlers Kokain” wurde durch Dich angestoßen. Zum Gratis Comic Tag 2016 verschenkst Du 500 Comic-Alben von Rand Holmes, einem meiner Lieblingszeichner, der leider viel zu früh starb. Man erzählt, er habe durch die Verkäufe seines Anti-Walfang-Poster maßgeblich die damals gegründete Organisation Greenpeace mit finanziert. Habt Ihr Euch mal getroffen und in wie weit hast Du auf den Inhalt von “Hitlers Kokain” Einfluss genommen?

Das Album „Hitlers Kokain“ ist mit 42.000 Stück eins der meist verkauften meines damaligen Verlags. Rand Holmes hat es damals extra für unser neues U-COMIX als Serie gezeichnet, weil ich ihm darum gebeten habe. Ich hatte zu den meisten Zeichnern (außer Robert Crumb, der mal in München öffentlich zugegeben hat, dass er eifersüchtig auf meine vielen Mädels war) ein gutes persönliches Verhältnis. Ich habe gut bezahlt und sehr gute Produktionen abgeliefert. 

Jean Giraud hat mir in Paris persönlich bestätigt, dass ich seine Arbeiten sehr authentisch veröffentliche. Der Herausgeber von METAL HURLANT Jean-Pierre Dionnet hat mir sogar schriftlich gegeben, dass ihm SCHWEMETALL besser gefällt, als sein eigenes Magazin. „Du hast mich überholt!“ Das war mein Ritterschlag, haha! 

Getroffen habe ich Rand Holmes nie, aber wir haben uns viel geschrieben. Auf der hinteren Umschlagseite von „Hitlers Kokain“ habe ich das Poster abgedruckt, welches Rand 1975 für eine kleine lokale Umweltschützergruppe aus Vancouver gemalt hat, damit die sich durch den Verkauf ein bisschen Geld für Aktionen verdienen können. Die Gruppe nannte sich GREENPEACE und aus dem Haufen Kiffer-Freaks wurde tatsächlich irgendwann die weltberühmte Organisation, die wir alle bewundern. So läuft manchmal das Leben!

In Deinem Blog schreibst Du, Deine Lieblingsthemen seien Sex, Natur und der Tod. Kannst Du Deine Erkenntnisse dazu für uns auf wenige Zeilen verdichten?

Das kann kein Mensch auf wenige Zeilen verdichten. Das wären nur Kalendersprüche. Ich könnte zu den Themen ein dickes Buch schreiben, bzw. schreibe seit ca. 10 Jahren immer mal wieder Beiträge in meinem kleinen Blog. Wer die Beiträge kostenlos gemailt bekommen möchte, kann einfach eine Anfrage senden an heartland@t-online.de und eine Aufnahme in den Verteiler erbitten.

Wie lebst Du heute, was machst Du so und was hast Du noch vor? Würdest Du rückblickend etwas anders machen?

Sogar Little Nemo — unfreiwillig psychedelisch und immer traumhaft (1905—1913) — erschien in den U-Comix (Foto: Mark Benecke).

Auch das ist einfach zu komplex und interessiert die Leser eines Comic-Magazines nicht. Wer sich wirklich dafür interessiert, kann mich gerne mal besuchen und sehen, was ich so mache und was ich jetzt so denke. Und natürlich würde ich einiges anders machen, aber im großen Ganzen war mein Leben eine Aneinanderreihung von sogenannten Wundern. Das kann man nur geschehen lassen und voller Dankbarkeit feststellen: Mein Leben war so toll, das hätte leicht das Leben von zehn Männern füllen können!

Ich kann mich noch heute an den Moment erinnern, wie ich mit 14 nach Donald Duck, Spinne, Hulk und den Fantastischen Vier das allererste Schwermetall in einer Monatanus-Filiale entdeckte. Ich wage zu sagen, es hat mich stärker umgehauen, als später mein erster LSD-Trip und tatsächlich mein Leben verändert. Der Zeichner Bert Henning prägte das Wort: Die Leser von damals sind die Zeichner von heute. Ich traue mich kaum zu fragen, wie findest Du das neue U-Comix und seine Künstler, die ebenfalls zum großen Teil durch Deine Publikationen auf den Weg gebracht wurden?

Ich weiß schon, was du meinst. Ich habe auch viel Menschen durch meine Magazine PÄNG und LIEBE „angetörnt“, weit mehr als nur die ca. 20.000 Leser. Das waren nämlich oft junge progressive Lehrer, Journalisten und sonstige Verteiler.

Unter meinen alten treuen Lesern waren auch Daniel Cohn Bendit und Joschka Fischer, die dann selbst eine Kommune gegründet, eine Zeitung (Pflasterstrand) herausgegeben und eine Partei (Die Grünen) mitgegründet haben. Ich finde nicht alles gut, was die Ökobewegung auf den Weg gebracht hat und finde auch nicht alle Underground-Comics gut, die nach mir veröffentlicht wurden.

Aber wie mit der Öko-Energie aus den schrecklichen Windkraftanlagen (Thema: Infraschall) oder die Dächer der Dörfer verschandelnden Solar-Anlagen, die ich nicht brauche, geht es mir auch mit den neuen Comics: die werden nicht für mich gezeichnet und gedruckt. Ich habe schon Jahrzehnte keinen Comic mehr gekauft, lese nur die Sachen, die man mir schenkt. Und für die Kunden, die das kaufen, ist es dann scheinbar richtig, weil sie es gut finden. In dem neuen U-COMIX-Heft fehlen mir Crumb, Shelton, Edika und Gotlib oder überhaupt große internationale Zeichner. 

Auch fände ich gut, wenn man in Deutschland ein Magazin macht mit den Arbeiten von Röttger „Brösel“ Feldmann, Walter Moers und Ralf König herausgeben würde . Die haben sich übrigens alle drei bei mir beworben, weil sie im Volksverlag veröffentlicht werden wollten. Ich habe die damals alle abgelehnt (zu Brösel mit der Begründung: Dein Alkohol-Humor passt nicht zu uns) was mein größter Fehler was, weil ich mehrfacher Millionär hätte werden können. Es sollte scheinbar nicht sein. 

Mark Benecke signiert U-Comix-Poster (Comic-Festival München 2019) (Foto: Mark Benecke).

Zum Schluss noch eine wirklich witzige wahre Episode von unserem kurzen Aufenthalt am letzten Samstag nachmittag in Nürnberg. Jutta und ich waren ein bisschen Shoppen bei C & A, die seit Jahren schon Kleidung in Bio-Baumwolle anbieten. Zum Bezahlen an den langen Kassentisch ging ich zu einer jungen Aushilfe mit einem schwarzen T-Shirt auf dem in riesigen weißen Lettern stand WHO RULES THIS WORLD? Weil mir spontan keine Antwort einfiel und Jutta sicher wieder genörgelt hätte, ich soll nicht immer junge Mädchen anmachen, habe ich nichts zu ihr gesagt, obwohl mich die Frage richtig provoziert hat. Wir gingen dann in eine andere Abteilung und Jutta suchte sich irgend einen Fummel, während ich meine Augen mäandern ließ. Da viel mir ein junges Mädchen mit einem frustrierten Gesichtsausdruck auf, die auf ihrem grauen T-Shirt ganz groß die weißen Buchstaben RESPECT gedruckt hatte. Ich sprach sie leise an aber sie ging einfach weiter. Dann rief ich laut: „ Hey!“

Sie drehte sich erschrocken um. „Weißt du was, ich habe oben eine Verkäuferin mit einem T-Shirt gesehen, darauf stand riesengroß die Frage WHO RULES THE WORLD, also wer regiert diese Welt. Ich habe lange nach der Antwort gesucht, aber du hast sie auf dem T-Shirt: RESPECT! Respect rules the world!“ 

Sie hat total schön gelächelt und Jutta hat mich am Ärmel gezupft, „Komm wir gehen, die Leute schauen schon.“


Juni 2026

Erst wenn es soweit ist, merken wir, dass wir uns unser Leben lang für unsterblich hielten. 

— Mario Adorf

Hallo Leute,

ich habe mir sehr lange darüber Gedanken gemacht, ob ich euch zum wiederholten Male mit dem Thema "Ernährung und Gesundheit" behelligen sollte. Das wissen doch ohnehin schon alle und dennoch ernähren sich die meisten unzureichend oder falsch, war ein Gedanke. Oder: wahrscheinlich liest das die Empfängerschaft meiner Rundmails einfach ungern, weil sie in Gewohnheiten und Süchten festhängen. Aber nachdem ich in den letzten Tagen gehört und gelesen habe, dass die Hälfte aller Deutschen übergewichtig ist, habe ich mich entschlossen, diesen kleinen "Online-Workshop" zusammenzustellen.

Wie einige von euch vielleicht noch wissen, habe ich 1968 im Alter von 15 Jahren eine kleine Underground-Zeitung mit dem Namen PÄNG gegründet (Auflage 1000 Stück, verkauft über Straßenhändler, Festivals oder alternative Buchläden). In der Ausgabe Nr. 3 von 1970 habe ich eine ganze Seite zum Thema gesunde Ernährung veröffentlich (Anhang 1) die die Überschrift "Du bist was du isst!" trug. Der Satz war nicht von mir, sondern von dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach (1804–1872), ein wahrer Pionier der Ernährungslehre.

Meine damaligen Informationen waren natürlich noch sehr minimal und unzureichend. Ihr könnt die Schrift wahrscheinlich kaum lesen, ich hatte keine Satzmaschine sondern habe die ganze Zeitung mit der Hand geschrieben. Was ich aber als erwähnenswert erachte, sind die letzten Sätze:

Essen um sich zu ernähren und nicht 

- um wahllos zu verarbeiten, was uns ein korruptes System zum Verbrauch vorsetzt,

- um sich mit der Droge Zucker zu befriedigen, wo andere Mittel effektvoller, gesünder, natürlicher sind,

- um Langeweile zu töten, die entsteht, weil alles fixfertig gesiebt und raffiniert zu kaufen ist,

- um sich sogenannte Zivilisationsschäden zuzuziehen.

Beobachtet eure liebe Umwelt! Macht eure Ernährung zu einem natürlichen, reinen Akt.

Ich weiß, das klingt reichlich idealistisch und unwissenschaftlich aber es war mir vor 56 Jahren ein Anliegen. Sozusagen als der einsame Rufer im Wald. Es hat fast 10 Jahre gedauert, bis "gesunde Ernährung" ein erkennbarer gesellschaftlicher Trend und zum Inhalt jeder Frauenzeitschrift wurde. Ich hatte inzwischen das Interesse an dem immer wiederkehrenden Thema verloren, weil es längst zu meinem Lebensstil gehörte und mich das Schreiben über das Alltägliche langweilte. Also wurde ich Comic-Verleger - aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Um sich mit einem weiten Spektrum an gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen, sollte man wenn möglich einen eigenen Garten mit Gemüsen, Kräutern und Obst bestellen. Weiterhin sollte man einige Dinge im Web bestellen (z.B. Vitam R Klassik) im örtlichen Bio-Handel und bei den Ketten DM, Aldi, Rewe und Kaufland einkaufen. Denn es gibt einige der Sachen eben nur da oder dort. 

(...)

Genmai-Miso wird aus fermentierten Sojabohnen und Getreide hergestellt. Durch den Fermentationsprozess entwickelt Miso probiotische Eigenschaften, da es lebende Bakterien enthält, die positiv auf die Darmgesundheit wirken. Noch besser ist Hatcho-Miso, welches ich seit Jahrzehnten täglich zu mir nehme. Es hat einen kräftigeren Geschmack und besteht nur aus Soja, welches nach traditionellen japanischen Verfahren bis zu 2 Jahre lang fermentiert wird. Ich bin seit über 50 Jahren Anhänger der makrobiotischen Ernährungslehre nach Georges Oshawa (der eigentlich Sakurazawa Yukikazu hieß) der von 18.10.1893 bis 23.4.1966  (auch in Europa) lebte und ein japanischer Philosoph und bedeutendster Vertreter der makrobiotischen Ernährungslehre war. Er gilt als Erfinder von Kokkoh (Reismilch).

Und wenn jemand von euch einen Beweis für den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit braucht, hier ist er: ich werde nie krank, bin gegen nichts geimpft und meine alle zwei Jahre ermittelten Blutwerte sind immer optimal. Allerdings sitze ich auch höchstens 1-2 Stunden am Tag vor dem Bildschirm und  bewege mich sehr viel, bin dadurch fast fettfrei, muskulös und fit. Außerdem schlafe ich immer aus und lebe einen vollkommen stressfreien Alltag. Nach dem Motto der 95-Jährigen Carmen Dell'Orefice: "Jeder Tag ist für mich wie ein Geschenk. Es wartet nur darauf ausgepackt zu werden."

Zum Ausklang ein wenig Poesie, die ich in einer Traueranzeige gefunden habe:

 Wir haben keine andre Zeit als diese,

die uns betrügt mit halbgefüllter Schale.

Wir müssen trinken, den zum zweiten Male füllt sie sich nicht.


Kein Morgen bringt das Heute uns zurück.

Wir haben keine andre Zeit als diese.

— Mascha Kaléko

 

Bis zum nächsten Mal

Ray


Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren Teil 2

Quelle: Kriminalistik, 5/2025, Seiten 271 bis 276

Informationsgehalt kriminalbiologischer Spuren

Teil 2: (GEwalt-) Spuren im Gewebe

→ der gesamte Artikel als .pdf

Zusammenfassung

Ein Obdachloser erlitt bei einem Angriff durch zwei Männer drei tödliche Bruststichverletzungen. Da die ein- und zweischneidigen Tatmesser aufgrund ihrer Klingenlängen nicht den Stichkanaltiefen entsprachen und die Bruststichkanäle sowohl spitze als auch abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen, wurden wir damit beauftragt zu untersuchen, ob die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und ob anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können. Unsere Untersuchungen führten wir anhand einer ausführlichen Zusammenfassung der bekannten Quellen durch.

1 Einleitung

Zwei Männer griffen laut polizeilichen Kenntnissen einen Obdachlosen mit je einem Messer an. In Folge dessen erlitt das Opfer mehrere Stichverletzungen am Körper; drei Bruststichverletzungen waren für ihn tödlich.

Tabelle 1: Maße der tödlichen Bruststichverletzungen des Opfers

Im Zuge einer polizeilichen Wohnungsdurchsuchung wurden bei einem der Angreifer die Tat-Messer in dessen Küchen-Spülbecken gefunden. Die rechtliche Vertretung der Männer stellte uns die Frage, ob diese Messer die Wunden am Opfer verursachten haben könnten, da die Klingenmaße nicht den Maßen der Stichkanäle zu entsprechen schienen (Tabelle 1) und die Bruststichkanäle spitze und abgestumpfte Wundwinkel aufwiesen. Dies sollte der Einordnung der rechtsmedizinischen Befunde dienen. Da wir auch blutspurenkundlich arbeiten (Benecke 2019, Benecke et al. 2012, Benecke & Barksdale 2003), erklärten wir uns zur Begutachtung bereit.

Die Messer, in der Akte als Dolche bezeichnet, wurden wie folgt beschrieben:

  • Dolch 1: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge beidseitig geschärft (zweischneidig)

  • Dolch 2: 9,5 cm Innenlänge, Grifflänge 8 cm, Klinge mit Wellenschliff und Messerrücken (einschneidig)

Abb. 1: Tatmesser (Foto Polizei)

Zur Breite der Messerklingen fanden sich in den Akten keine Angaben, auf unscharfen Fotos konnte eine Klingenbreite von ca. 1,2 cm geschätzt werden (Abb. 1).

In der vorliegenden Ausarbeitung beziehen wir uns auf die in Abb. 2 dargestellten Begriffe „Länge“, „Breite“ und „Tiefe“ einer Stichverletzung. So ist beispielsweise die Länge einer Stichverletzung nicht mit der Tiefe des Stichkanals zu verwechseln, sondern bezieht sich auf die Länge der Einstichwunde an der Haut- oder Organoberfläche.

Es sollte im Sinne eines Ein- oder Ausschlusses der gefundenen Messer hier geprüft werden, ob:

a. die Maße eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen des verursachenden Werkzeuges zulassen und

b. anhand eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Anzahl der Schneiden des Tatwerkzeuges gezogen werden können.

Da für die Auftraggeber keine andere Beratungsmöglichkeit bestand und es sich um ein klassisches Thema der Kriminalistik handelt, stimmten wir einer Bearbeitung zu.

2 Begriffsdefinitionen & Informationen

2.1 Stichverletzung

Bei einer Stichverletzung kommt es zur Entstehung eines Stichkanals durch eine Gewebedurchtrennung mit einem spitzen oder spitz zulaufenden Werkzeug, das überwiegend senkrecht zur Oberfläche des Körpers geführt wird (Madea 2015).

2.2 Schnittverletzung

Bei einer Schnittverletzung entstehen längs verlaufende scharfe Gewebedurchtrennungen, bei denen ein Werkzeug parallel und/oder tangential zur Körperoberfläche geführt wird (Madea 2015).

2.3 Spaltbarkeitslinien/Spaltlinien

Abb. 3: Spaltbarkeitslinien der Haut (Cox 1941)

Spaltbarkeitslinien wurden 1861 von dem österreichischen Anatom Karl Langer mit Verweis auf eine Beobachtung des Mediziners Guillaume Dupuytren beschrieben; sie werden daher auch Langer’sche Linien genannt. Sie stimmen mit der natürlichen Ausrichtung der Kollagenfasern (elastischen Fasern) der Dermis (Lederhaut, direkt unter der Oberhaut gelegen) überein (Mueller 1953). Ihre Anordnung in einzelnen Hautpartien ist unterschiedlich; sie verlaufen in die Richtung der geringsten Dehnbarkeit der Haut (Abb. 3).

Die im Moment des Auftreffens erzeugte Form des Stichwerkzeuges in der Haut/dem Organ kann durch Hautspannung und die Richtung der Spaltbarkeitslinien verändert werden (Abb. 4): Verletzungen in Richtung der Spaltbarkeitslinien klaffen weniger auseinander, da parallel zum Verlauf der elastischen Fasern der Haut gestochen wird. Werden diese Fasern hingegen quer durchtrennt, kommt zu einer auseinanderklaffenden Wunde (Madea 2015). Durch die Abhängigkeit der Wundform von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien kann ein klaffender, schlitzförmiger Hautschnitt durchaus auch von einem runden Stichwerkzeug verursacht werden (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Byard et al. (2005) beschreiben hierzu zwei Fälle: In Fall 1 wird aufgrund einer rechteckigen Wundgestalt zunächst ein rechteckiges oder quadratisches Werkzeug als Verursacher der Wunden angenommen (Abb. 5a). Da nach Eintritt des Todes die Hautspannung entfiel, veränderten sich bei der Obduktion die Stichwunden und ähnelten „typischen“ Messerstichwunden (Abb. 5b). In Fall 2 bewirken die Oberflächenspannung und Spaltbarkeitslinien die Veränderung zunächst kreisförmiger Hautdefekte in schlitzartige, an typische Messerstiche erinnernde, Defekte (Abb. 6).

Drei- und vierkantige Gegenstände hingegen hinterlassen eher charakteristische, d.h. drei- oder vierkantige Wunden (Abb. 7,8) (Mueller 1953).

3 Rekonstruktionen und Zuordnungen zu Gegenständen

Die Zuordnung von einem verwendeten Werkzeug zu einer Verletzung ist schwierig und manchmal nicht eindeutig durchführbar. So ist die Annahme falsch, Stichwerkzeuge ohne schneidende oder scharfe Kante hinterließen an der Haut oder den Organen querschnittgetreue Wundöffnungen. Runde Werkzeuge hinterlassen beispielsweise nicht zwingend runde Verletzungsmuster: Ein rundes Instrument kann eine schlitzförmige Öffnung in der Haut hinterlassen, die zunächst nicht von einem Messerstich zu unterscheiden ist (s. Fallbeispiele von Byard et al. in Abb. 6). Dabei orientieren sich Form, Länge und Breite des Haut-Schlitzes an der Spaltbarkeit der Hautdurchtrennung und damit an der Ausrichtung der Spaltbarkeitslinien (s. auch Abb. 3,4) (Prokop 1960).

3.1 Rekonstruktion der Werkzeugform anhand der Wunde

Wundwinkel sind häufig charakteristisch ausgeformt (Abb. 9): Einschneidig-schneidwärts gelegene Wundwinkel laufen spitz zu.

Abb. 7: Die v-förmige Stichwunde auf dem Rücken des Opfers im oberen Bild wurde durch die Lanze mit aufgesetzem Dreikantschaber im unteren Bild verursacht (oben: Kiehne 1965, unten: Archiv Benecke

Messer mit einem rundlichen, kantigen oder V-förmigen Rücken hinterlassen häufig einen gegabelten Wundwinkel (Abb. 7,8,10) (Eisenmenger 2004).

Ein solch gegabelter Wundwinkel auf der Seite der Werkzeugschneide kann allerdings auch durch eine (schon leichte) Änderung der Klingenachse während des Stechens hervorgerufen werden, da sich das Messer beim Herausziehen in seiner Lage geändert hat. Damit ist es in diesen Fällen nicht mehr möglich, von der Stichwunde bzw. dem Wundwinkel auf die Form des Tatwerkzeuges zu schließen (Eisenmenger 2004, Madea 2015) (Abb. 10,11).

Ein und dasselbe Messer kann bei mehreren hintereinander ausgeführten Stichen einmal einen Stich und ein anderes Mal einen Schnitt in der Haut hinterlassen (Abb. 12). Auch das ganze Erscheinungsbild der Wunde kann variieren und hängt von dem Verlauf der Spaltbarkeitslinien ab (Abb. 4-6) (Eisenmenger 2004, Mueller 1953).

Die Form einer Stichverletzung lässt unter Umständen Rückschlüsse darauf zu, ob das Messer eine oder zwei Schneiden besaß (Abb. 13). Kann dies anhand des Stichkanals und der Verletzung aber nicht eindeutig ermittelt werden, bedeutet dies nicht, dass das Messer nicht zwei- oder einschneidig war (Mueller 1953).

Einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten, die aber keine Schneiden sind, können Wunden verursachen, die nicht von Stichen zu unterscheiden sind, die durch mehrschneidige Stichwerkzeuge entstanden sind (Prokop 1960).

Ein breiter Messerrücken hinterlässt aufgrund seiner breiteren „Schnitt“-Seite einen eckigen bzw. stumpfen Wundwinkel und einen spitzen Winkel durch die eigentliche Schnittseite (Abb. 8, 12). Dabei kann der breite Wundwinkel bei einem sehr breiten Messerrücken zackenartig aufreißen. In einem solchen Fall wird der Rückschluss von der Form der Verletzung auf die Gestalt der Klinge bzw. das Stichwerkzeug erschwert (Abb. 10,14) (Mueller 1953).

Wird das Tat-Instrument nach dem Stechen gedreht oder in einer anderen Achse herausgezogen, wird der Rückschluss auf die Gestalt des Werkzeugs zusätzlich erschwert; die Wundränder können Zacken, dreieckige oder flügelähnliche Formen usw. aufweisen (Mueller 1953) (Abb. 11).

Messer mit Wellenschliff oder einer gegabelten Spitze hinterlassen an der Haut in der Regel selten eine eindeutig zuzuordnende Wundform. Verläuft die Stichführung beispielsweise entlang eines Knochen, so kann es zu auffälligen nebeneinander angeordneten kratzerartigen Schürfverletzungen mit gleichartigen Abständen kommen (Eisenmenger 2004). Verdeutlicht wird dies in Abb. 15: Hier wurde die Messerschneide parallel zu einem Rippenbogen geführt, so dass die Schneide des Messers die Rippe streifte und sich das wellenförmige Muster der Messerschneide auf der Rippe und auch in dem Gewebe abbildete.

Die exakte Form der Wundwinkel kann häufig nur während der Obduktion festgestellt werden, wenn die vorliegende Hautspannung durch Zusammenschieben entlastet und zusammengefügt wird (Eisenmenger 2004).

3.2 Rekonstruktion der Klingenbreite anhand der Länge des Einstichs

Abb. 12: Abweichung von Breite und Form eines Wundkanals durch die Messerführung während der Tat (verändert nach Prokop 1960 & Zimmer 2009)

Aus der gemessenen Länge des Einstichs an der Haut- oder Organoberfläche kann nicht zwingend auf die Breite der Messerklinge geschlossen werden (Abb. 16). Ursache dafür ist, dass der Eintritts-Winkel zum Einstich schräg als auch der Winkel der Spaltungslinien zum Einstich verschieden sein können (s.o.) (Mueller 1953). Bei festen Messern etwa ist die Stichwunde (der Hautschnitt) meist länger, kann aber gelegentlich auch schmaler erscheinen (Prokop 1960) (Abb. 12).

Wird beim Herausziehen des Messers aus der Wunde die Haut zusätzlich geschnitten – beispielsweise durch Bewegungen eines Körpers bzw. der Körper und/oder der Klinge während der Tathandlung –, ist die Stichwunde länger als die Breite der Klinge; genauere Hinweise kann die dreidimensionale (!) Form des Einstichkanals geben (Abb. 2) (Mueller 1953).

Wird das Stich-Instrument während des Stechens gedreht, kann dies die Länge der

Einstichöffnung verändern. Sie kann schwalbenschwanzähnlich, triangelförmig, bananen- oder bumerangförmig, vieleckig etc. sein (Abb. 10,11). Diese Formen können dann entstehen, wenn zu einem vertikalen Bewegungsablauf ein horizontaler hinzukommt (Abb. 12) (Eisenmenger 2004).

Eine spitz zulaufende Klinge weist unterschiedliche Breiten zwischen Spitze und Heft auf (Abb. 17).

Wird das Messer nicht in ganzer Länge in den Körper gestochen, wird die Länge des Einstichkanals nicht der maximalen Breite des Messers entsprechen (Abb. 16) (Eisenmenger 2004).

3.3 Rekonstruktion der Klingenlänge anhand der Länge des Stichkanals

Aufgrund der meist während der Tatausführung vollzogenen Bewegungen verläuft die Längsachse einer Stichwunde häufig nicht geradlinig. Die Klinge kann Gewebefasern benachbarter Muskelgruppen in zusammengezogenem Zustand durchtrennen: Das Gewebe klafft auseinander. Bei der Obduktion sind die ehemals zusammen gezogenen Fasern aber entspannt; der Wundkanal wird von intakten Gewebsschichten unterbrochen oder ist in seiner Längsachse unterbrochen (Eisenmenger 2004).

Auch die Fähigkeit der Haut, sich in den normalen Spannungs-Zustand (= Ruhe-Zustand) zurückzuziehen (sog. Retraktionsfähigkeit) muss berücksichtigt werden: Wird ein Messer aus einer Wunde herausgezogen, kann der Stichkanal wenige Millimeter kürzer sein als die Messerklinge. Das Zurückziehen ist erneut abhängig von der Lage des Einstichs zu den Spaltbarkeitslinien und der Elastizität des Gewebes.

Abb. 18: Bei schnellem und kräftigem Zustechen wird das Gewebe zusammengedrückt; der Stichkanal ist länger als die eigentliche Messerklinge (Madea 2015)

Wird mit großer Wucht zugestochen, so kann der Stichkanal länger als die Klingenlänge des Tatwerkzeuges sein, da das Gewebe durch das kräftige und schnelle Zustechen eingedrückt und verformt wird (Mueller 1953, Prokop 1960, Eisenmenger 2004) (Abb. 18). Das gilt insbesondere für Stiche in der Bauchgegend (Mueller 1953, Eisenmenger 2004).

Berücksichtigt werden muss ebenfalls, dass das Messer nicht immer bis zum Heft hineingestoßen wird (Mueller 1953, Eisenmenger 2004). Hier wirkt der Stichkanal gegenüber der untersuchten Klinge dann verkürzt.

Der Stichkanal kann auch verwinkelt erscheinen, wenn sich Muskulatur und Bindegewebe während des Stechens verschieben; mitunter kann das Ende des Stichkanals nicht mehr festgestellt werden (Mueller 1953).

Da Stichkanäle während der Obduktion an Körpern in gerader, gestreckter, spannungs- und bewegungsloser Haltung gemessen werden, sind sie möglicherweise nicht mit der Körperhaltung während eines Tatgeschehens vergleichbar.

Aussagen über den Stichverlauf in Weichteilen (von oben nach unten, von unten nach oben etc.) sind aber abhängig von der Körperhaltung des Opfers und Täters zum Zeitpunkt des Einstichs (Mueller 1953). Häufig finden sich Stiche von oben nach unten überwiegend an Kopf, Schulter, Oberkörper oder Oberschenkel; Stiche von unten nach oben dagegen in der Bauch- und Leistenregion (Eisenmenger 2004).

4 Zusammenfassung

4.1 Können aus den Maßen eines Stichkanals Rückschlüsse auf die Abmessungen der Dolche gezogen werden?

Es ist manchmal möglich, von der Form der Stichverletzung auf die Anzahl der Klingen (hier: auf einer oder beiden Seiten geschliffen) eines Messers zu schließen. Sind Stichkanal und Verletzungen aber nicht hinreichend deutlich ausgeprägt, so kann nicht festgelegt werden, ob das Messer zweischneidig oder einschneidig war. Es kommen allerdings auch drei Klingen vor (Kiehne 1965).

Es gibt viele Einflüsse auf die Maße (Länge, Breite, Tiefe) eines Stichkanals nehmen. Zu diesen Faktoren zählen u.a. der Verlauf der Spaltbarkeitslinien am Einstichort, die Form des Werkzeuges, eine Änderung der Klingenachse während des Zustechens, Bewegungen der Körper von Opfer und/oder Täter, mehrfaches (Zu-)Stechen an einer Stelle, die Kombination aus Stechen und Schneiden bei der Stichausführung, der Spannungs- und Entspannungszustand der Haut/des Gewebes zu Lebzeiten und in totem Zustand sowie die Fähigkeit der Haut, sich zusammendrücken zu lassen und zu entspannen (Rückzugsfähigkeit).

Wunden durch einschneidige Messer mit scharfen Rückenkanten (die aber keine Schneiden sind), können Stichen von mehrschneidigen Stichwerkzeugen zu sehr ähneln. Dann ist nicht zu unterscheiden, welches Werkzeug mit wie vielen Klingen die Stichverletzung erzeugt hat.

Literatur

siehe .pdf


Comic Festival München: U-Comix Reloaded (2025)

...mit Dave Gibbons (Watchmen) & Denis Kitchen sowie Olivia Vieweg und Kinky Karrot (Marie Sann) 

Ich bin mal wieder am U-Comix-Stand ✍🏻 Wie beim letzten Mal gibt's Geschenke (garantiert: aussortierte Comics von mir; vermutlich: Poster von Steff Murschetz mit mir) und natürlich die Gäng der U-Comix zu bestaunen 🎨 sowie sehr wahrscheinlich ein druckfrisches, neues U-Comix-Heft 😍

Comic-Messe in München 2026 mit Dave Gibbons (Watchmen) & Denis Kitchen sowie Olivia Vieweg, Denis Kitchen, Dave Gibbons (Watchmen), der mit ein Hand-Tattoo verpasste (Ines hat es nachgestochen), Ulrich Schroder, dem fantastischen Team der U-Comix und jede Menge toller Menschen und Verlage

Dr. Made-Comic (Dahli)

Dreckecken Kölner OB-Kandidat mit irrer Idee: „Das lässt sich doch verticken“

Quelle: Express, 23. Mai 2025, 09:49 Uhr

Wie will die Politik das Kölner Müllproblem in den Griff bekommen? Nachdem sich die Kölner OB-Kandidaten von SPD und CDU bereits geäußert haben, wird es nun etwas kurioser.

von Matthias Trzeciak  (mt)

Das Müll-Problem in Köln ist ein Dauerthema. Seit Wochen schicken EXPRESS.de-Leser und -Leserinnen Fotos von Dreckecken in Köln.

Am 14. September 2025 wird in Köln ein neuer Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin gewählt. Wie will die Politik das Kölner Dauer-Ärgernis MÜLL in den Griff bekommen? EXPRESS.de hat bei den Parteien nachgefragt.

Kriminalbiologe tritt als Kölner OB-Kandidat an

Mit drei Fragen haben wir die Parteien/Kandidaten oder Kandidatinnen konfrontiert. In mehreren Folgen werden die Antworten hier veröffentlichen.

Den Anfang machten Torsten Burmester (62), OB-Kandidat der SPD, und der CDU-Kandidat Markus Greitemann (64). Im dritten Teil wird es etwas kurioser. Denn nun kommt der bekannte Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke zu Wort. Er wird als OB-Kandidat für die Satireparte „Die PARTEI“ ins Rennen gehen. Ganz ernst zu nehmen sind seine Antworten allerdings nicht.

Wie bekommt man das Müllproblem in Köln in den Griff?

Dr. Mark Benecke: „Die Bürgerinnen und Bürger sollen selbst sammeln. Am Ebertplatz haben wir neulich bei einer großen Sammelaktion jede Menge Kokain und 'ne Prothese gefunden. Das lässt sich doch verticken – und ich setze es dann für den Rückbau der Oper in ihren Grundzustand ein.“

Welche Schritte/Maßnahmen würden Sie einleiten, um die Stadt sauberer zu machen?

Dr. Mark Benecke: „Eine Sammelstelle für die ganzen Fundstücke vom Müllsammeln, die alles von einem Ort aus verkauft. Spart Zeit und Personal.“

Provokant gefragt: Ist Köln die dreckigste Stadt Deutschlands?

Dr. Mark Benecke: „Politisch schon. Ab Herbst ändere ich das als Oberbürgermeister aber. Ich gieße einfach über alles Glitzer.“

http://obmarky.koeln 

Plant Based Treaty 🪴

14. November 2021

Wir freuen uns, dass wir Dr. Mark Benecke @markito_benecke als Unterstützer für das Abkommen 'Plant Based Treaty' @plantbasedtreaty gewinnen konnten.

Das @climatesavemovement versucht mit dem #plantbasedtreaty Druck auf die Regierungen dieser Welt aufzubauen ein internationales Abkommen zu schließen, welches folgende Eckpunkte enthält:

1.) Keine Ausweitung der Tierindustrie. Keine neuen Schlachthäuser, Mastanlagen oder Naturzerstörung für die Tierindustrie.

2.) Aktive Transformation des Agrar- und Ernährungssektors hin zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem

3.) Renaturierung und Wiederaufforstung frei werdender Flächen um den Klimawandel und das Artensterben zu verlangsamen.

Auch DU kannst den Plant Based Treaty unterstützen. Als Einzelperson, Organisation, Unternehmen oder Kommune 🌎 ❤️ 🌱

Warum vegan?

Quelle: Das V-Heft – Tierisch gute Gründe für eine vegane Lebensweise, Animal Rights Watch e.V., Ausgabe 2025, 48 Seiten

Warum vegan?

Foto: Tomas Rodriguez

Tiere zu verwenden ist weder notwendig noch sinnvoll – egal ob es um Schweine, Hühner oder Heuschrecken geht. Pflanzliche Ernährung ist für die Umwelt, aber auch wirtschaftlich und gesundheitlich für Menschen am besten.”

Foto: Tomas Rodriguez

Morden im Verborgenen: Der stille Serienkiller im Krankenhaus — "Todes-Engel"

Quelle: web.de

Pflege und Palliativmedizin

Von Maria Berentzen

Ein Berliner Palliativarzt steht im Verdacht, mindestens 15 Menschen getötet zu haben. Das ist kein Einzelfall. Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke erklärt, was sogenannte Todesengel antreibt – und warum sie oft lange unentdeckt bleiben.

In Berlin ist ein Palliativarzt angeklagt, der mindestens 15 Menschen getötet haben soll. In weiteren 75 Fällen wird gegen ihn ermittelt. Der 40-Jährige soll seine Patienten getötet haben, während er für das Palliativ-Team eines Pflegedienstes arbeitete. Um die Taten zu vertuschen, legte er mehrere Brände, die schließlich zu den Ermittlungen gegen ihn führten.

Das ist kein Einzelfall: Immer wieder geraten Pflegekräfte oder Ärzte unter Verdacht, sogenannte Todesengel zu sein, die ihre Patienten absichtlich töten. Häufig geschieht das an Orten, an denen das Sterben gewissermaßen zum Alltag gehört, etwa in Kliniken, Pflegeheimen und Hospizen.

Einer der bekanntesten Fälle in Deutschland ist der des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel. Er tötete nachweislich mindestens 80 Menschen. Er beging diese Taten in verschiedenen Kliniken und über Jahre hinweg – bis gegen ihn ermittelt und er verurteilt wurde.

Was treibt solche Täter an? Und warum bleiben sie so lange unentdeckt? Der Kriminalbiologe und Forensiker Dr. Mark Benecke kennt die Motive hinter solchen Taten: Er hat mit mehreren Serienmördern und Todesengeln gesprochen und dabei bestimmte Muster erkannt.

"Viele von ihnen haben ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Aufregung – und wollen ein Teil davon sein", sagt Benecke. "Genau wie bei Brandstifterinnen und Brandstiftern, die das Feuer betrachten. Einige Täter bringen ihre Patienten absichtlich in Gefahr – nur um sie dann selbst wiederzubeleben, so etwa Niels Högel."

Dabei handelt es sich um ein makabres Spiel mit dem Tod, bei dem der Ausgang oft zweitrangig ist. Wichtig ist die Aufregung: Maschinen piepsen, das Personal rennt, es gibt hektische Wiederbelebungsversuche. "In diesen Momenten spüren die Täter die Aufregung", sagt der Forensiker.

Doch nicht immer geht es um Aufmerksamkeit: Hinter vielen Taten steckt auch ein Bedürfnis nach Macht und Kontrolle. "Die Täter oder Täterinnen entscheiden, wer stirbt – und wann", sagt Benecke. "Sie ziehen ihre Energie daraus oder füllen ihre innere Leere damit, dass sie anderen Menschen das Leben rauben."

Manche Täter sind zudem überzeugt davon, dass das Leben ihrer Opfer nichts mehr wert sei – und nutzen die Situation aus. "Ich habe Fälle erlebt, in denen sehr alte, schwerkranke Menschen geheiratet und dann getötet wurden, um ans Erbe zu kommen", sagt Benecke. Andere bestehlen ihre Opfer, bevor sie sie töten.

Wie Todesengel töten, unterscheidet sich von Fall zu Fall – und es sagt viel über ihre Persönlichkeit aus. "Die Vorgehensweise hängt stark von den Fantasien des Täters oder der Täterin ab", sagt Benecke. Manche suchen die große Bühne, wenn etwa im Krankenhaus der Alarm schrillt und Wiederbelebungsversuche starten. Andere dagegen töten Patienten still in ihrem Zuhause.

Auch die Mittel sind vielfältig, etwa Gifte, Medikamente und Betäubungsmittel. "Es gibt unzählige Möglichkeiten, Menschen in medizinischen Einrichtungen zu schwächen oder zu töten", sagt der Forensiker. Oft spiele der Zufall eine Rolle – oder das, was Täter zuvor gesehen, erlebt oder sich ausgemalt haben. "Eine Frau erzählte mir zum Beispiel, dass sie ihre Opfer mit Medikamenten vergiftet hat, die unter anderem Erbrechen auslösen. Die Spuren störten sie nicht." Ihre Opfer waren sehr alt, deshalb waren nach deren Ableben keine polizeilichen Ermittlungen zu befürchten.

Beängstigend ist: Viele Täter werden wohl niemals enttarnt. "Wenn jemand nur gelegentlich tötet, fällt das kaum auf", sagt Benecke. Das betrifft vor allem Bereiche und Abteilungen, in denen viele Menschen sterben, etwa in der Palliativmedizin. "Dort ist der Tod alltäglich, was die Aufdeckung erschwert."

Mathematische Analysen könnten helfen, den Tätern auf die Schliche zu kommen. So könnte man prüfen, wann welche Menschen wo und in welcher Zahl sterben – um dann Auffälligkeiten zu untersuchen. Doch solche Methoden scheitern häufig, wegen Bedenken beim Datenschutz, aus mangelnder Vorstellungskraft – oder auch aus der Angst vor dem, was man finden könnte. "Viele Einrichtungen halten es schlicht nicht für möglich, dass das eigene Personal zu so etwas fähig ist", sagt Benecke. "Überwachung wird als übergriffig empfunden."

Gelegentlich gibt es jedoch Hinweise, makabre Spitznamen zum Beispiel, wenn Pfleger in ihrer Einrichtung als "Todespfleger" bezeichnet werden, weil in ihren Schichten auffällig viele Personen sterben. Doch oft geschieht dem Forensiker zufolge auch dann nichts, sondern die Betroffenen bekommen gute Zeugnisse und werden regelrecht weggelobt – und können ihre Taten dann woanders fortsetzen. "Krankenhäuser und Pflegeheime haben kein Interesse daran, dass Untersuchungen zu Todesfällen sie in ein schlechtes Licht rücken."

So erhielt auch der Pfleger Niels Högel ein sehr gutes Arbeitszeugnis und konnte seine Mordserie zunächst unbehelligt in einer anderen Klinik fortsetzen. "Die Arbeitszeugnisse in Deutschland sind oft kaum aussagekräftig", sagt Benecke. "Niemand will einen Rechtsstreit riskieren. Also wird gelobt und nicht gewarnt."

Und selbst wenn Verdachtsmomente bestehen, schweigen die Einrichtungen meist, wenn sie zum Beispiel von einem potentiell neuen Arbeitgeber zu einer weggelobten Pflegekraft oder einem Arzt kontaktiert werden. "Kaum ein Krankenhaus würde zugeben, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Verdacht stand oder einen entsprechenden Spitznamen hatte", sagt Benecke. "Das würde sofort rechtliche Folgen nach sich ziehen – mindestens wegen Beleidigung, oft auch wegen anderer Straftatbestände."