Seine Kernkompetenz: Insekten auf Leichen

Quelle: BNN, Karlsruhe, Ausgage Nr. 11, 15. Januar 2026, Seite 28

Mark Benecke im Naturkundemuseum: Wie Fliegen und Maden den Todeszeitpunkt verraten

Von Klaus Müller

Karlsruhe. Die Bilder, die auf die Leinwand geworfen werden, sind eindrücklich. Sie sind echt. Etwa das Bild von der älteren Frau, die absolut unbekleidet und tot zu sehen ist. Oder das Bild einer anderen toten Frau, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel.

Eindrücklich sind vor allem die Nahaufnahmen. Auf denen sind Insekten zu sehen – Stallfliegen, Maden, Stubenfliegen. Gebannt schaut die Zuhörerschaft, hier im Vortragssaal des Naturkundemuseums, auf die ungewöhnliche Bilderschau. Manche senken ihren Blick. Verständlich.

Solche Aufnahmen laufen sonst eher in Gerichtssälen, wenn Forensiker ihre Gutachten zu (mutmaßlichen) Gewaltverbrechen erläutern. Der Mann, der die Bilder samt Erklärungen ins voll besetzte Auditorium mitgebracht hat, arbeitet ebenfalls als Gutachter: Kriminalbiologe Mark Benecke, ein international gefragter Spezialist für forensische Entomologie.

Ein Entomologe ist zunächst einmal ein Insektenforscher. Benecke ist aber mehr: Er wird als Sachverständiger herangezogen, wenn es gilt, biologische Spuren nach einem Gewaltverbrechen auszuwerten.

Bei der Vorstellung Beneckes bringt es Insektenforscher Robert Trusch, Kurator am Naturkundemuseum Karlsruhe, auf den Punkt: „Seine Kernkompetenz sind Insekten auf Leichen.” Dass Benecke nach Karlsruhe kam, ist dem Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe zu verdanken. Die Vorträge des Kriminalbiologen und Buchautors aus Köln sind seit Jahren über Monate ausgebucht. Das Interesse, mehr über seine Arbeit zu erfahren und sich in die Methoden der forensischen Entomologie einführen zu lassen, ist ungebrochen.

Obendrein hat Beneckes Vortrag trotz des heftigen Themas, trotz der damit verbundenen Bilder aus dem wahren Verbrecher- und Opferleben einen bemerkenswerten Unterhaltungswert. Wer es schafft, seine Zuhörerschaft beim Anblick einer echten Leiche mitunter zum Schmunzeln zu bringen, versteht sein auditives Handwerk.

Was zählt: Benecke gilt als Experte für Insekten auf Leichen. „Wenn die Rechtsmediziner es ekelhaft finden, rufen sie mich” , sagt der Kriminalbiologe.

Nebenbei räumt er mit verbreiteten Vorstellungen auf: “Leichen riechen nicht süßlich, wie immer wieder gesagt wird. Wenn, riechen sie nach Lindenblüten.” Und: “Insekten kommen nicht aus Körpern heraus. Sie siedeln vielmehr dort an, wo sie ihren Nachwuchs ablegen können, wo sie sich ernähren können.”

Und: “Insekten sind keine Würmer.“ Für Benecke sind Insekten eine verlässliche Größe, wenn es um die Leichenliegezeit geht. “Wir kennen die Wachstumsgeschwindigkeit von Insekten. Wir wissen, auch regional gesehen, wo, welche Insekten vorkommen, die eben eine Leiche befallen. Wir bewerten die Einflüsse, die wiederum auf die Insekten wirken.” Daraus ließen sich Rückschlüsse ziehen, wo ein Gewaltverbrechen geschah und wann. Benecke schildert den Fall einer über 90 Jahre alten Frau. Am Ende, so auch die Erkenntnis des Gerichtes, das sich mit dem Fall befasste, fiel sie “bei einer Rauferei im Altenheim” zum Opfer.

Benecke fand zwischen ihren Fingern Fliegen, die sich dort angesiedelt hatten – für ihn ein Indiz für eine Abwehrverletzung. Ein trefflicher Ort für die Fliegen.

Ein weiterer Fall dreht sich um eine alte Frau, die nachweislich vernachlässigt wurde. Auf ihr fand man Stallfliegen – Insekten, die von Kot und Urin angezogen werden.

Um Vernachlässigung ging es ebenso bei einem weiteren von ihm geschilderten Fall. In der Windel eines toten Babys fanden sich ältere Insekten, die sich von Kot ernähren. Kurzum – die Windel wurde über lange Zeit, wenn überhaupt, nicht gewechselt.

Benecke sieht das bei allen Unterhaltungswert seiner Vorträge nüchtern. “Alle Insekten, alles ist gleich wichtig. Alles ist gleich interessant.” Gearbeitet wird mit allen biologischen Informationen.

Obendrein ist Benecke einer, dem der Klimaschutz am Herzen liegt. In diesem Zusammenhang hatte er einen mit viel Applaus bedachten Seitenhieb in Richtung der Stadtverantwortlichen parat: „Wie kann man bei der Klimalage noch solche versiegelten Plätze haben, wie bei euch um die Pyramide?"