Abb. 1: Übersicht über die Totenmaske im Aufbewahrungs-Raum der Marienkirche in Halle/Saale (Foto: Mark Benecke)
Zusammenfassung
Wir untersuchten ein Wachsgesicht, das als Totenmaske des Theologen Martin Luther (1483-1546) gilt und in der Marienkirche in Halle/Saale lagert. Zuvor war es lange in einer Figur eingebaut, die unter anderem in der Marienbibliothek ausgestellt war. Die physikalische Untersuchung von vier Wachsproben ergab, dass es sich nicht um Wachs handelte, das erst bei einer Bearbeitung der Maske über hundert Jahre nach Luthers Tod hergestellt worden war. Das Wachs war älter, so dass die Echtheit der Maske zumindest nicht ausgeschlossen werden konnte.
Schlüsselworte: Totenmaske, Martin Luther, Radiocarbon-Datierung, Kulturgeschichte, forensische Untersuchung
Summary
We examined a wax face believed to be the death mask of theologian Martin Luther (1483–1546). It is kept in St. Mary’s Church in Halle/Saale. Previously, it had long been incorporated into a figure that was exhibited, among other places, in the St. Mary’s Library. Physical analysis of four wax samples showed that the wax was not produced during the known processing of the mask more than one hundred years after Luther‘s death. The wax was mostly older, so the authenticity of the mask cannot be ruled out.
Key words: Death mask, Martin Luther, Carbon dating, cultural history, forensic examination
Abb. 6: Starr, aber eher lebhaft wirkendes Antlitz Luthers mit Mimik-Falten (Foto: Mark Benecke)
1. Einleitung
Die Marktkirche St. Marien „Unser Lieben Frauen“ in Halle an der Saale entstand zwischen 1529 und 1554 aus den viel älteren Vorgängerkirchen St. Gertruden aus dem 11. Jahrhundert (Kirche der Salinenarbeiter) und St. Marien aus dem 12. Jahrhundert (Kirche der Handwerker und Kaufleute).
In dieser Kirche wird die mögliche Totenmaske des Theologen Martin Luther (1483-1546) aufbewahrt. Sie besteht nicht nur oberflächlich aus Wachs, sondern ist auch mit Wachs gefüllt (Abb. 1). Nach Angabe der Marktkirchen-Gemeinde wurde die Maske ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in einer lebensgroßen Lutherfigur verwendet, „um dem Bedürfnis nachzukommen, Luthers Authentizität zu erhöhen und dessen Tätigkeit als Autor und Übersetzer zu würdigen (...) Diese Figur wurde, bekleidet mit Talar und Barett, mit Hilfe der Wachsmaske und Wachshänden auf einem Stuhl sitzend vor einem Tisch arrangiert“ [1] (Abb. 2).
Auf dem Tisch vor der Figur lag die Erstausgabe der Lutherbibel von 1534 mit Luthers handschriftlichem Schenkungsvermerk für die Hallenserin Felicitas von Selmenitz (1488-1558) (Abb. 3). Gesichert bis Anfang der 1920er Jahre saß die Figur in der Marienbibliothek, einer wissenschaftlichen – auch naturwissenschaftlich-medizinischen –, evangelischen Kirchenbibliothek, die 1552 gegründet wurde und in unmittelbarer Nähe der Marienkirche im historischen Stadtkern von Halle liegt [2]. Nach Angabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde während der sehr langen Ausstellung der Figur (auch) die Maske beziehungsweise das Gesicht regelmäßig von Besucherinnen und Besuchern berührt.
Abb. 7: Hände der Figur, farblich und materialtechnisch der Maske stark ähnelnd (Foto: Mark Benecke)
Die Figur wurde gemäß Nachforschungen der heutigen Bibliothekarin Anke Fiebinger „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den Kriegsjahren im Zuge der Auslagerung 1943 abgebaut. Am 15. März 1943 gab es einen Beschluss des Gemeindekirchenrates, wonach die Luthermaske im Safe der Sparkasse sichergestellt wurde.“ Maske und Hände wurden nach dem Krieg in einem getrennten Bereich der Marktkirche sorgsam in eigens angefertigten Schränken und Laden aufbewahrt. Das Aufsteckholz zur Montage am „Körper“ der Figur befindet sich noch fest verbunden an der Maske (Abb. 4 und 5).
Vor Ort stellte sich die Frage, ob oder in welcher Weise die Maske echt sei, zumal sie im Gegensatz zu bekannten Totenmasken wie mit einem frischeren Gesichtsausdruck überformt wirkt (Abb. 6).
2. Herkunft
Bei Luthers Tod am 18. Februar 1546 in Eisleben war sein enger Freund Justus Jonas, der erste evangelische Pfarrer an der Marktkirche, anwesend. Am 19. Februar zeichnete Lukas Furtenagel (1505 bis ca. 1550), der aus Halle angereist war, das Gesicht des Toten. Ob dabei ein Gips-Abdruck zur Herstellung einer Totenmaske genommen wurde, ist unbekannt. Luthers Sarg wurde geschlossen und vom 20. bis 21. Februar in der Sakristei der Marktkirche in Wittenberg aufbewahrt [1]. In Betracht zu ziehen wäre, dass die Totenmaske erst am 20. Februar 1546 bei der Überführung des Leichnamns von Eisleben nach Wittenberg, während einer Zwischenstation in Halle, abgenommen wurde [3, 4].
Abb. 8: Spätere Gips-Abformungen der Maske (Foto: Mark Benecke)
Über hundert Jahre später findet sich erstmals der Nachweis der Totenmaske Luthers im Kirchenrechnungsbuch der Marktkirchengemeinde: Am 19. November 1663 quittierte Lukas Schöne dem Kirchenvorsteher Peter Untzer 10 Taler für die „Wiederherstellung des Antlitz Luthers“. Dies war ein Geldbetrag, der weit über eine Gefälligkeits-Entlohnung hinaus ging [1]. Bisher war unklar, ob mit dem Begriff „Wiederherstellung“ eine Neuanfertigung, Reparatur oder Überarbeitung der Maske gemeint war. Interessanterweise finden die Hände, deren Verarbeitung und Färbung der Maske stark ähneln, in den uns vorliegenden Unterlagen keine Erwähnung (Abb. 7).
Ab 1891, als die Marienbibliothek in einen Neubau zog, wurden im Auftrag der Kirchengemeinde auch Gips-Abdrücke der Maske (Abb. 8) und der Hände hergestellt.
3. Befunde und Bewertung
Die Frage, ob es sich um die echte, also ursprüngliche Totenmaske Luthers handeln kann, konnte bisher nicht geklärt werden. DNA-Analysen waren wegen der Vielzahl der Berührungen der Maske sowie fehlender Vergleichs-DNA der Beteiligten nicht geeignet. Deshalb entschieden wir uns für eine physikalische Alters-Bestimmung des Materials. Dies hatte sich bereits in anderen Fällen als hilfreich erwiesen [5-7].
Abb. 10: Beschaffenheit des Wachses nach Probennahme (Foto: Mark Benecke)
Dazu entnahmen wir zwei Proben als Wachsflocken sehr nah am eigentlichen Gesichtsbereich der Maske, um zu vermeiden, dass wegen Nachbearbeitungen des Wachses durch spätere Reparaturen eine sachfehlerhaft zu frühe oder zu späte Datierung erfolgt (Abb. 9 und 10). Wir gingen davon aus, dass Bereiche so nah am eigentlichen Gesichtsbereich (also nicht der Füllung) die ursprünglichsten Zonen der Maske sind. Von der Gesichts-Außenseite der Maske entnahmen wir aus Gründen der Erhaltung und der Außenwirkung bei Ausstellungen kein Material. Obzwar im protestantischen, anders als im katholischen Glauben Reliquien keine Rolle spielen [8, 9], wollten wir museale oder restauratorische Unstimmigkeiten verhindern.
Wir entnahmen aus beiden Proben je zwei Mengen, um mögliche Wachs-Vermischungen aus verschiedenen Zeiten besser unterscheiden zu können. Diese 4 Proben wurden im Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie vollständig mit HCl, NaOH und noch einmal HCl (ABA-Methode: Acid/Base/Acid) behandelt. Der Probenrest wurde in einem Elementaranalysator mit Verbrennung zu CO2 katalytisch zu Graphit reduziert. Der 14C-Gehalt wurde mit einem Mini-Carbon-Dating-Atommassenspektrometer (MICADAS) gemessen. Die Isotopenverhältnisse 14C/12C und 13C/12C der 4 Proben, Eichstandards (Oxalsäure-II), Blindkontrollen sowie von Kontrollstandards wurden zeitgleich im Atommassenspektrometer gemessen. Die ermittelten 14C-Alter sind auf δ13C=-25 ‰ normiert [10] und wurden mit dem Datensatz IntCal20 und der Software SwissCal (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) sowie OxCal zu Kalenderaltern kalibriert und in Kalibrationsgrafiken dargestellt (Abb. 11). Anhand dieser Ergebnisse konnte ausgeschlossen werden, dass das Wachs erst aus der Zeit der schriftlichen Ersterwähnung der Totenmaske im Jahr 1663, also über hundert Jahre nach Luthers Tod, stammt. Dies hätte bedeutet, dass keine Original-Maske vorliegen kann. Es ist somit möglich, dass es sich um die echte, über hundert Jahre vor der Ersterwähnung hergestellte Totenmaske Luthers handelt.
Abb. 11: Kohlenstoff-Datierungs-Ergebnisse aller vier Proben mit direkt ablesbaren („kalibrierten“) Jahreszahlen
Angesichts zweier deutlich getrennter Haupt-Ausschläge der Radiocarbon-Messungen in allen vier Proben neigen wir zu der Ansicht, dass es sich um die echte Totenmaske Luthers handeln kann, welche 1663, unter Verwendung älteren Wachses oder des originalen Wachses der Totenmaske überarbeitet wurde. Hier ist vor allem an eine mögliche Umgestaltung des Gesichtes, mit lebendiger aussehenden Gesichtszügen, zu denken. Tatsächlich weist das Gesicht der Maske deutlich skulpturierte Züge auf, darunter Mimikfalten und ausgearbeitete Ohren.
Auch kriminalistisch und überlieferungsgeschichtlich finden sich keine Hinweise auf eine grundlegende oder „totale“ Fälschung. Interessant wäre noch die mikroskopische und DNA-Untersuchung der faserigen Anteile, hier im Kopfhaar-Bereich der Maske, die sich bereits in anderen schwierigen Spurenlagen bewährt hat [12] (Abb. 12).
Wir wurden weiterhin gefragt, ob altes, entweder aufbewahrtes oder zur Herstellung der Maske eigens eingeschmolzenes Wachs entweder gleich nach dem Tod Luthers oder erst im 17. Jahrhundert verwendet wurde. Beides ist nicht auszuschließen, da Wachs zur Herstellung von Totenmasken oder Toten-Figuren schon seit Jahrtausenden verwendet wird [9]. Solches könnte selbstverständlich eingeschmolzen und wieder verwendet worden sein. Im kirchlichen Umfeld ist Wachs besonders für Kerzen in stetigem Gebrauch; für die Herstellung von Masken und Moulagen zur Darstellung von Verletzungen und Krankheiten werden andere Wachs-Mischungen verwendet [11].
Spurenkundlich können Totenmasken grundsätzlich hilfreich sein, da sie kaum der Zerstörung und Zerteilung ausgesetzt sind. Das wirkt sich vorwiegend im katholischen Bereich aus, wo nicht nur aus Körpergewebe, sondern auch aus Tuch, Holz und dergleichen, welche den Körper einer Person berührt haben, Reliquien gewonnen und die Spuren, auch ganze Skelette, dabei meist sehr stark, bis hin zu so genannten „Partikeln“, zerteilt werden [13, 14].
Literatur
1. Marienbibliothek Halle (2023) Informations- und Flugblatt „Die Totenmaske Martin Luthers“. Eigendruck, Halle/Saale
2. Marienbibliothek Halle (2023) Die Marienbibliothek zu Halle an der Saale, gegründet im Jahre 1552. Eigendruck, Halle/Saale
3. Kornmeier U (2002) Luther in effigie, oder: Das „Schreckgespenst von Halle“. In: Laube S, Fix K (Hrsg) Lutherinszenierung und Reformationserinnerung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, S 343–370
4. Benkard E (1926/7) Das ewige Antlitz. Eine Sammlung von Totenmasken. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, S 55–57
5. Benecke M (2011) Käferfunde und weitere biologische Spuren aus dem Holzschrein des hl. Severin. Stud Kölner Kirchengesch 40: 183-190
6. Benecke M (2021) Eine Kunstfälschungsaffäre von unvorstellbarem Ausmaß. Arch Kriminol 247: 66-76
7. Tegtmeier U, van der Berg K, de Jong A, Grootes PM, Nadeau MJ (2011) Die AMS-Datierungen an Materialien aus dem Holzschrein des hl. Severin. Stud Kölner Kirchengesch 40: 127-155
8. Benecke M (2004) Das Blutwunder von Neapel. Skeptiker Magazin 3/2004:114-117;123
9. Benecke M (2018) Heilige Tränen? Skeptiker Magazin 1/2018: 31-35
10. McNichol AP, Jull AJT, Burr GS (2001) Converting AMS data to radiocarbon values: Considerations and conventions. Radiocarbon 43: 313-320
11. Schnalke T (1995) Diseases in wax. The history of the Medical Moulage. Translated by Kathy Spatschek. Quintessence, Berlin
12. Benecke M, Trommer A, Stenzel S, Baumjohann K, Kirsten H (2025) The lampshades and pocket knife pouch from the Buchenwald concentration camp are made from human skin, the shrunken head is not. Proc 77th Conf Am Acad Forensic Sci: 964
13. Oepen J, Päffgen B, Schrenk S, Tegtmeier U (Hrsg) (2011) Der hl. Severin von Köln: Verehrung und Legende, Befunde und Forschungen zur Schreinsöffnung von 1999. Schmitt, Siegburg
14. Grimm T, Prokop O (1996) Mozarts Tod und die großen Schwindel: Erlebnisse eines Gerichtsmediziners. Frankfurter Oder Editionen, Frankfurt (Oder)
