Einzel-Fallbearbeitung: kleine Geräte – große Wirkung

Quelle: Archiv für Kriminologie, Band 257, Heft 3 und 4, März / April 2026, Seiten 113 – 118

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Von Kristina Baumjohann & Mark Benecke

1. Einleitung und Vorgeschichte

Einige kriminalistische Fragestellungen können mit wenig Geräte-Aufwand bearbeitet werden, um grundlegende Ergebnisse preiswert und rasch zu erhalten. Ein Klient hatte sich an eine „Heilerin“ gewandt; der Grund dafür wurde uns nicht mitgeteilt. Nachdem er insgesamt rund 130.000 Euro an sie gezahlt hatte, hegte er Zweifel an ihren Fähigkeiten.

Er übergab uns drei verschiedenen Proben. Die eingenommenen Mengen wurden uns nicht mitgeteilt.

  • Probe 1: Pulver der Heilerin, das venenerweiternd und damit blutdrucksend wirken sollte. Dieses Pulver wurde nach Aussage des Klienten bzw. der Heilerin „von einem Stein gerieben“ und dem Klienten mitgegeben (Abb. 1).

  • Probe 2: Blisterverpackung des blutdrucksenkenden Medikaments Candesartan (Abb. 2)

  • Probe 3: Pulver, das vor den Augen des Klienten „vom Stein gerieben“ wurde (Abb. 3).

Nachdem der Klient Pulver 1 absetzte, stieg sein Blutdruck stark an („extrem hohe Blutdruckwerte zeitweise zwischen 160 und 200“), er musste sich in ärztliche Behandlung begeben.

Candesartan ist ein Angiotensin-II-Antagonist, der bei Bluthochdruck und Herzinsuffizienz verabreicht wird. Das Mittel entspannt und weitetet die Gefäße und senkt dadurch den Blutdruck [1]. Bluthochdruck stellt ein großes Gesundheits-Risiko für koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Nierenerkrankung dar [2]. Die überdosierte Einnahme von Blutdrucksenkern kann einen starken Abfall des Blutdrucks bewirken, bis hin zur Bewusstlosigkeit [3]. Sehr hohe Mengen werden auch in suizidaler Absicht eingenommen [4-6].

Der Klient beauftragte uns mit der Untersuchung der drei Proben hinsichtlich der Fragestellung, ob das Pulver der Heilerin (Probe 1) von der zerkleinerten Blutdrucktablette (Probe 2) oder vom Pulver des „geriebenen Steins“ (Probe 3) stammt.

2. Material und Methoden

Die Proben wurden in Glasschälchen überführt und unter einem Vergrößerungsgerät (Leica SE 9, Stereomikroskop) untersucht. Mit Skalpell, Spatel und Pinzetten wurden die Proben(stücke) zerkleinert und transportiert.

2.1 Blisterpackung „Candesartan / HTC Heumann 16mg/12,5 mg Tabletten“ (Probe 2)

Es handelte sich um eine Blisterpackung mit dem Aufdruck „Candesartan/HTC Heumann 16 mg/12 mg Tabletten“ (Abb. 2).

Eine aus der Blisterpackung entnommene Tablette wurde in einem Glasschälchen unter einem Vergrößerungsgerät (Leica SE 9, Stereomikroskop) untersucht (Abb. 2). Die Tablette ließ sich mit Pinzette und Spatel nicht zerklopfen, sie wurde mit dem Skalpell zerkleinert. Die dabei entstandenen Krümel und „Flocken“ waren teils winzig und zerbrachen bei Druck in wiederum kleinere Stücke, „zerfielen“ aber nicht vollständig.

Die gepresste Oberfläche der Tablette war naturgemäß glatt, die Oberfläche der Bruchstücke war krümelig und uneben.

2.2 Kunststoffdose mit der Aufschrift „1“ (Probe 1)

Bei dieser Probe handelte es sich um ein Kunststoffgefäß mit krümeligem Inhalt (Abb. 1). Unter 10-50facher Vergrößerung ähnelten die Krümel in Farbe und Krümeligkeit den Stücken der zerschabten Tablette. Diese Krümel ließen sich jedoch mit der Pinzettenspitze leichter zerdrücken.

Grundsätzlich muss dieser Umstand nicht von Bedeutung sein, weil der Inhalt dieses Döschens bereits zerkrümelt und nicht mehr in der ursprünglich gepressten Form in einem transportierten – und während des Transports vermutlich mehr oder weniger stark geschüttelten – Gefäß lag und dort anderer Luftfeuchtigkeit und Bewegung ausgesetzt war.

Aufgrund der Oberflächenbeschaffenheit und Farbe der Krümel aus der von uns zerschabten Tablette und der Krümel aus der weißen Dose konnten wir nicht ausschließen, dass es sich um dieselbe Art Tabletten handelte.

2.3 Kunststoffdose mit der Aufschrift „3“ (Probe 3)

Bei dieser Probe handelte es sich um eine weitere Kunststoffdose mit krümeligem Inhalt (Abb. 3). Beim Öffnen dieser Dose entströmte ein sehr zarter, unbekannter Geruch. Dieser war bei geruchlicher Gegenprüfung auch in den vorher untersuchten Proben wahrzunehmen. Es handelte sich bei Probe 3 um Bruchstücke des farblich und von der Oberfläche her gleich wirkenden fahl orange-farbenen Materials, das auch in den beiden zuvor untersuchten Proben als Krümel zu sehen war.

Hinzugemengt war eine durchsichtige bzw. durchscheinende Substanz, die Salzkristallen ähnelte (Abb. 3). Außerdem fand sich darin eine etwas dunkler gefärbte Struktur, die aber auf der Unterseite ebenfalls eher den kristallartigen Krümelchen glich als den fahlorangenen Krümeln (Abb. 3). Hierbei könnte es sich auch um einen dritten Bestandteil oder um eine Verfärbung der salzkristallartigen Krümelchen handeln.

Es war deutlich erkennbar, dass – anders als bei den zuvor untersuchten Proben – es sich hier um eine Mischung der fahl-orangenen Substanz mit einer anderen weißen bzw. durchsichtigen Substanz handelte.

3. Diskussion

Vom äußeren Anschein her (Festigkeit, Krümeligkeit, Farbe, möglicherweise Geruch, Oberfläche der Bruchstellen bzw. Schabstellen sowie Unebenheiten der Krümeloberflächen bei 40facher Vergrößerung) bestand die Möglichkeit, dass in den drei Proben dieselben Bestandteile (fahl-orange wie die aus der Blister-Packung stammende Tablette) vorlagen. Der einzige erkennbare Unterschied war die salzkristallartige Beimengung in Probe 3, die der Angabe des Klienten zufolge in seinem Beisein „von einem Stein gerieben“ wurde. Offen blieb, welchem Zweck die Beimengung von Salz hätte dienen können. Da Salz eine den Blutdruck erhöhende Wirkung hat, stellte sich die Frage, ob das Hinzufügen zu einer abschwächenden Wirkung des Blutdrucksenkers führen sollte [7].

Eine chemische Untersuchung der Bestandteile zur Überprüfung unserer Untersuchung erachteten wir für sinnvoll, insbesondere auch deshalb, da ungeklärt blieb, worum es sich bei den „Salzkristallen“ handelte. Dies teilten wir dem Klienten mit, der sich jedoch nach Mitteilung der hier vorgestellten Ergebnisse nicht mehr gemeldet hat. Ein Täuschungsversuch der „Heilerin“ erscheint naheliegend.

Die wissenschaftliche Überprüfung paramedizinischer Heilmethoden kann auch in Einzelfällen sinnvoll sein. So gelingt es, Scharlatanerie aufzudecken, wenngleich oftmals zu spät, so dass bereits erheblicher gesundheitlicher oder – wie im vorliegenden Fall – finanzieller Schaden eingetreten ist [8, 9].

Zusammenfassung

Ein von einer „Heilerin“ hergestelltes Pulver, für das unser Klient eine hohe Geldsumme gezahlt hatte (insgesamt als Paket 130.000 €), stellte sich als Blutdrucksenker Candesartan heraus. Wir bearbeiteten die Fragestellung mit wenig Geräte-Aufwand und erhielten so preiswert und rasch grundlegende Ergebnisse.

Schlüsselwörter: Stereo-mikroskopische Untersuchung – Blutdrucksenker – Paramedizin – Scharlatanerie – Candesartan

Case Work: Simple tools – large outcome

Summary

A powder produced by a “healer,” for which our client had paid a large sum of money (total cost of the health package was 130.000 €), turned out to be the blood pressure medication Candesartan. We investigated the issue with minimal equipment, obtaining fundamental results quickly and inexpensively.

Key words: Stereo-microscopic examination – blood pressure reducer – paramedicine – charlatanry – Candesartan

Literatur

1. Ranta M (2016) Postmortem blood concentrations of sartans measured by liquid chromatography-tandem mass spectrometry. Forensic Toxicol 34: 235-243

2. Khawaja Z, Wilcox CS (2011): An overview of candesartan in clinical practice. Expert Rev Cardiovasc Ther 9: 975-982

3. Yusuke M, Hidetoshi Y, Yusuke T, Koji I, Masahito T, Susumu Y, Takayuki O (2023) Intoxication with massive doses of amlodipine and candesartan requiring venoarterial extracorporeal membrane oxygenation. Acute Med Surg 10: e878

4. Bettegowda S, Tathineni B, Nanjundaswamy M (2014) Attempted Suicide with Enalapril: a Rare Case of Poisoning. Sch J Med Case Rep 2: 700-701

5. Law RL (1983) Self poisoning with enalapril. Br Med J 288: 287-288

6. Emilio MM, Munoz RR, Villegas del Ojo JV (2012) Severe and prolonged hypotension after overdose of candesartan and amlodipine from attempted suicide: First case. Rev Toxicol 29: 129-131

7. Grillo A, Salvi L, Coruzzi P, Salvi P, Parati G (2019) Sodium Intake and Hypertension. Nutrients 11: 1970

8. Prokop O, Wudtke HH, Geller W (1955) Eine Wünschelruten- und Schatzgräberaffäre von unvorstellbarem Ausmaß. Psychopathographische Untersuchung des Falles. Arch Kriminol 116: 3-14

9. Benecke M (2021) Eine Kunstfälscheraffäre von unvorstellbarem Ausmaß. Arch Kriminol 247: 66-76