Was treiben denn Ihre Dämonen, Herr Benecke?

Quelle: RAZ Magazin, 01/2023; der Artikel als .pdf

Das RAZ Magazin im Gespräch mit dem Kriminalbiologen, Gutachter und Entertainer

Von Harald Dudel

Foto: Vincent Grundke

Dr. Mark Benecke: international gefragter Kriminalbiologe und Gutachter, aber auch Entertainer, DJ, Musiker, Politiker, Veganer, PETA-Aktivist, Donaldist, lebende Tattoo-Litfasssäule und sehr viel mehr. Harald Dudel hat ihn für das RAZ Magazin befragt.

Herr Benecke, wie können Sie so unbekümmert über die schauerlichsten Verbrechen sprechen? Perlt das alles von Ihnen ab?

Die Welt ist, wie sie ist. Es perlt nicht an mir ab, ich schaue einfach neugierig hin.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie tragische Todesfälle sehen? Haben Sie ein Rezept für Ihre Unbekümmertheit?

Menschen benehmen sich manchmal sehr unschön. Wir leben nicht im Glücksbärchen-Paradies. Ich kümmere mich um die Spuren und versuche so, ein Mosaik-Steinchen zur Vorbeugung beizutragen. Das ist eine ziemlich bekümmerte Vorgehensweise, nur nehme ich es nicht persönlich.

Immerhin begeistern Sie in Ihren Vorträgen ein Riesen-Publikum. In seinem Song „Salambo“ singt indes der Berlin-Barde Klaus Hofmann: Die Schlimmsten sitzen im Parket ...

Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich raffte, dass die Leute bei meinen Vorträgen gar nicht so sehr an Kriminaltechnik und Spuren interessiert sind. Wofür sich manche interessieren, ist die Frage, wie es wäre, wenn sie jemanden umbringen würden.

Auch bei Gerichtsverhandlungen höre ich öfter, die Täterinnen oder Täter sollen grausam gefoltert werden. Nur warum? Die Toten werden davon nicht lebendig, die Vergewaltigten nie wieder ohne ihr Erlebnis sein. Was hilft, ist die Tatabläufe zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst nicht wieder geschehen.

Wie unterscheiden Sie sich von Ihrem Publikum? Was treiben Ihre eigenen Dämonen und wie halten Sie die im Zaum?

Einfach genau hinschauen. Wenn ich ein Gefühl in mir habe, das mir unsozial scheint, dann überlege ich, wo es herkommt und wie ich es in etwas Gutes lenken kann. Ich mag Lösungen, keine Probleme.

Sie legen sehr viel Wert auf Verbrechens-Vorbeugung und unterstützen Präventivprogramme wie ‚Kein Täter werden‘ ...

Genau, wir sollten immer die Täterinnen und Täter nach ihrer Einstellung fragen und ihnen zuhören. Niemand muss sie mögen, aber mithilfe ihrer Aussagen oder alter Originalquellen lässt sich ergründen, wie Hass oder irregeleitete Liebe entsteht.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung das Böse schlechthin?

Diese Vorstellung, also, dass es rein gute oder böse Menschen gibt, ist schon alleine deshalb Quatsch, weil es sehr viele freundliche Nazis, Folterer, Plünderer und Vergewaltiger gibt, die in ihrer häuslichen Umgebung gute Väter und Mütter waren oder sind.

Wie werden Menschen denn zu Verbrechern?

Der Ursprung von Hass liegt natürlich oft in der Kindheit. Menschen, die keine Geborgenheit erfahren, lernen, nur an sich selbst zu denken und bauen keine sicheren oder tiefen Bindungen auf. So können sie mit ihren Mitmenschen nicht sinnvoll und erfüllend in Kontakt treten. Ihr unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe und Liebe verwandeln sie später oft in etwas Zerstörerisches: Hass.

Wer hasst, erwartet von seinen Mitmenschen eine Rückmeldung. Deshalb ist Hass für mich auch nicht das Gegenteil von Liebe. Es ist eher Liebe minus Faktor X. Beide Emotionen sind ähnlich. Der Unterschied: Beim Hass geht der Kontakt nicht mit Freundlichkeit und Neugierde einher, sondern mit Ablehnung und Verwüstung. Einer hasserfüllten, verengten Sichtweise zu begegnen, ist schwierig. Es hilft, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und den anderen auch dazu zu ermutigen, einmal an andere zu denken. In meiner Arbeit als Forensiker habe ich gelernt, dass es den berechnenden, gefühllosen Täter zwar auch gibt. Viele Taten sind aber eine Folge verletzter Gefühle. Das wichtigste ist, jedem Menschen, der nicht nervenkrank ist, klar zu machen: Du entscheidest. Wenn du eine Tat begehst, dann ist sie geschehen, und nichts kann das mehr ändern. Sorge im Rahmen Deiner Möglichkeiten dafür, dass Du ein erfülltes Leben lebst und Dich um soziale Handlungen kümmerst — nicht um Wut oder Neid oder was es sonst noch alles an Unschönem gibt.

Stichwort Gefühle: Sie müssen ständig den abscheulichsten Sachen begegnen. Gibt es eigentlich noch irgendetwas, das Sie ekelig finden?

Haare im Abfluss. Alle Fleischgerichte finde ich ebenfalls ekelig. Eine Brandleiche riecht genauso wie ein gebratenes Stück Fleisch, beim Metzger riecht es nach Leichenteilen. Kein Wunder, es sind ja auch welche. Viele wollen ja das Klima retten und labern rum. Aber die meisten verwenden dennoch Tiere, was der Hauptgrund für Wasser- und Landverbrauch ist.

Demnach leben Sie vegan?

Ja. Aber auch als Veganer müssen wir austüfteln, was jenseits des dann zum Glück wegfallenden Tierleides und Landverbrauches blöd und verbesserbar ist – etwa in endlos viel Plastik verpackte, vegane Snacks und Brotbeläge.

Werden wir als Menschheit die Klimakrise überleben?

Nein. Wir können aber das Ende verlangsamen und würdevoll, sozial und friedlich gestalten. Wir sollten die Erde vielleicht nicht bis aufs Letzte zerschunden hinterlassen.

Können Sie aus Ihren Biologen-Erfahrungen schlussfolgern, dass wir ein Selbstzerstörungs-Gen besitzen im Sinne von Menschheits-Apoptose? Hohepriester, Hofnarr, Scharfrichter oder Alchimist?

Alchimist wäre mir zu gefährlich, die Kolleginnen und Kollegen haben alle möglichen Erkrankungen durch ihre Versuche erlitten. König oder Priester, also Chef, will ich nicht sein und Narr ist mir zu anstrengend. Scharfrichter ist mir zu traurig. Bibliothekar, das fände ich gut.

In Ihrem Publikum finden sich viele Grufties. Was verbindet Sie mit der Dark-Gothic-Szene? Marotte, Gewohnheit oder Sendungsbewusstsein?

Gruftis raffen dramafrei, dass wir nur eine Runde auf dieser Erde haben. Nicht zwei und auch nicht drei. Anlass, ein sinnvolles, soziales und friedliches Leben anzustreben – so gut es halt geht. Viele Menschen aus Sozial-Berufen sind Gruftis.

Sie selbst lieben Tattoos. Was fasziniert Sie daran besonders? Das Sein als menschliche Litfaß-Säule oder Pain & Pleasure beim Stechen?

Die Hautbildchen sind schöne Erinnerungen an die Momente und Orte, an und in denen sie entstanden sind. Sie ändern öfters auch ihre Bedeutung, je nachdem, was im Leben so passiert.

Worüber werden Sie demnächst in ihren Vorträgen sprechen?

Ich spreche über meine Arbeit als Forensiker und ungewöhnliche Kriminalfälle. Ich gebe auch Fortbildungen über Sex-Unfälle und wie mensch sie vermeidet. Neulich im Europa-Parlament habe ich über den Zusammenbruch der biologischen Netze gesprochen, und morgen spreche ich über umweltfreundliche Bestattungsformen, vor allem die Kompostierung.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Wahrheitsfindung plus Präventionspraxis und bedanke mich für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken.


“Schlechte Idee, die Leiche wegzuwerfen”

Leichenteile in Hamburger Kanal


Strangest Things (UK & Deutschland)

2. Staffel der Science-Serie


Creeper versus Dracula

Jeepers Creepers: Reborn