Quelle: dominacall24, 22. September 2026
Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke über BDSM als Spiel statt Störung, über Einwilligung als einzige Grenze – und darüber, warum BDSMler:innen oft entspannter sind als andere.
Entpathologisierung & Biologie der Vorlieben
Herr Dr. Benecke, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit Phänomenen abseits der Norm. Aus biologischer und psychologischer Sicht: Warum ist das bewusste Spiel mit Macht, Kontrolle und Grenzerfahrungen etwas zutiefst Menschliches und keineswegs eine „Störung“?
Alles auf dieser Erde kann zu einer „Störung“ werden: Viel zu viel Geld ausgeben, viel zu viel Geld einnehmen, viel zu viel Kuchen essen, nichts essen und so weiter.
Davon reden wir ja hier nicht.
BDSM heißt in der Szene zurecht „spielen“, und so fasse ich es auch auf. Jede und jeder kann dabei erproben, wie sich etwas anfühlt, das aufregend sein kann. Eine Person klettert gerne auf Bäume, die andere fliegt mit einem Gleitschirm, die nächste liest Dark Romance-Geschichten oder geht ins Konzert und lebt das darin stattfindende vorwiegend im Kopf aus. Menschen, die sich auf deiner Website umschauen, finden im Privaten keine oder nicht genügend Partner:innen, die mit ihnen spielen und etwas ausprobieren. Mehr ist es nicht.
Als ich jung war, sprachen manche Psychologinnen und Psychologen von einer „Plombe“, die BDSM bietet. Selbst das ist heute nicht mehr Stand der Forschung. Wir wissen, dass einwilligende BDSMler:innen entspannter sind als der Rest der untersuchten Bevölkerung. Das liegt sicher daran, dass du dabei ehrlich zu dir und anderen sein musst, sonst klappt es nicht beziehungsweise macht keinen Spaß.
Dass es menschlich ist, stimmt sicher auch, es ist sogar in allen Lebewesen verankert, zu spielen.
Konsens vs. Gewalt: die forensische Perspektive
Medien und Außenstehende werfen BDSM und Gewalt oft fälschlicherweise in einen Topf. Was ist aus Ihrer Erfahrung die entscheidende Grenze, die ein konsensuelles Spiel von echter Gewalt unterscheidet, und warum fällt es der Gesellschaft so schwer, diesen Unterschied zu begreifen?
Vermutlich ist es oft religiös bedingt. Wenn du glaubst, dass nur eine höhere Macht entscheidet, was richtig und falsch ist, und wenn nur alte Männer wissen, was die höheren Mächte wollen, dann muss das schief gehen.
BDSMler:innen müssen selbst entscheiden. Wir alle wissen: Der oder die Sub bestimmt, was passiert, nicht die Domina, Herrin, der Master oder sonst wer. Das ist natürlich zutiefst unreligiös — Grund: siehe oben.
Das ist wie bei Tätowierten: Ich vertraue einem Versprechen einer tätowierten Person eher als einer untätowierten Person, weil sie beweisbar eine Entscheidung getroffen hat und persönlich dazu steht anstatt auf „die Regierung“, „Gott“, die Nachbarinnen und Nachbarn oder sonst wen zu verweisen.
Die Grenze zwischen Einwilligung und Nichteinwilligung ist, was vereinbart war oder nicht: Ja heißt ja, nein heißt nein.
Technisch gesehen ist es unglücklich, dass der Begriff „Sadismus“ noch verwendet wird. Den würde ich im BDSM-Bereich gar nicht mehr verwenden, sondern durch ein neues Wort, in dem Einwilligung und Ehrlichkeit mitschwingen, ersetzen. Dann würde Sadismus immer bedeuten, dass es nicht einwilligend ist. Vielleicht fällt deiner Community ein guter Begriff ein?
Psychologische Entlastung & Kontrollabgabe
Viele Menschen empfinden die Abgabe oder Übernahme von Führung im BDSM als extrem befreiend. Welcher psychologische oder neurobiologische Mechanismus steckt hinter diesem Phänomen der kathartischen Entlastung durch bewusste Unterwerfung oder Führung?
Da würde ich gar nicht so tief schürfen, denn jeder Mensch ist anders und jeder Mensch erlebt etwas anderes.
Mir reicht, dass Menschen sich in der Erfüllung ihrer sexuellen und Bindungs-Wünsche einfach „gerade machen“ und dann glücklich sind. Das kann auch für das vanilligste Hetero-Paar der Erde gelten: Wenn das ihre tiefe, zuverlässige Wunsch-Vorstellung ist, dann sind die glücklich. BDSMler:innen spielen halt ein bisschen mehr mit Erfahrungen herum.
Erleichternd ist es, wenn dir vorher Menschen zu verstehen geben, dass du ein Freak bist und irgendwie komisch und sich dann auf einmal zeigt, dass das Gegenteil stimmt: Bindungen, auch vorübergehende, lassen sich auf alle möglichen Weisen aufbauen, auch durch BDSM und gemeinsames Spielen. Und das ist angenehm und erleichternd, weil es sich gut anfühlt und innere Sicherheit gibt. Ist halt schöner, unter Menschen zu sein, die dich mögen und deine Interessen gut finden als unter Hatern, Verklemmten und Laberköppen.
Kurz gesagt: Es ist angenehmer, ehrlich zu leben und zu erleben als verlogen und an äußere Erwartungen angepasst.
Mediale Realität vs. Kink-Alltag
Hat sich der gesellschaftliche Blick auf Fetisch und Kink durch das Internet aus Ihrer Sicht wirklich verbessert – oder erleben wir lediglich eine Verschiebung von alten Vorurteilen hin zu neuen Klischees?
Das weiß ich leider nicht, da ich im Internet null Anbindung an BDSM-Foren habe, ich war auch nie auf den betreffenden, teils sehr bekannten Seiten. Ich treffe mich lieber mit echten Menschen und rede oder spiele echt mit ihnen.
Was mir nach „Fifty Shades“ aufgefallen ist, war, dass viele Menschen gar keine echte Vorstellung von Einwilligung haben. Ich habe die Bücher zwar nicht gelesen, aber ich habe gehört, dass darin nicht immer Einwilligung vorliegt. Wenn es um Klischees geht, frage ich die Menschen daher immer, ob es um Fantasien geht, die im Kopf bleiben sollen oder um etwas, das auch ausgelebt stattfinden soll. Das sind manchmal offenbar sehr unterschiedliche Dinge.
Die Menschen, die ich kenne, sind gut aufgeklärt und waren das auch schon in den 1990er Jahren, wo beispielsweise die Eulenspiegel Society in New York sehr gute, persönliche, regelmäßige Aufklärung geleistet hat.
Ein Vorurteil, das ich erahne, ist, dass BDSM was sehr ernstes ist. Ich sehe BDSMler:innen aber sehr viel lachen, nicht gerade mitten im Spiel (obwohl, da auch), sondern vorher und nachher. So ernst kann’s also nicht sein. Kein Wunder, sie sind entspannt, weil sie sich nichts vormachen.
Schamabbau & Botschaft
Wenn Sie Menschen – egal ob Neugierigen, Erfahrenen oder Angehörigen – einen einzigen wissenschaftlich fundierten Ratschlag für einen schamfreien Umgang mit eigenen Vorlieben geben könnten: Wie würde dieser lauten?
Überlege dir, ob das, was du dir vorstellst, in der Wirklichkeit mit freundlichen Menschen einwilligend machbar ist. Falls ja: Viel Spaß.
