Body Farm – Wissenschaftliche Untersuchungen zu postmortalen Veränderungen in Deutschland

Bachelorarbeit im Fach Kriminalistik
Von Anne-Katrin Ziegenbein

Betreuerin der Arbeit: Tanja Köhler-Fabig
Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Fachbereich Polizei
Mit einem Interview mit Dr. Mark Benecke
Abgabe der Arbeit am 29. März 2018 

http://benecke.com/pdf/Bachelorarbeit_Polizei_Thueringen_Mark_Benecke_Body

Interview mit Dr. Mark Benecke

Frage: Welche Vorteile hätte eine Body Farm in Deutschland?

Mark Benecke: Wir könnten dann mit unseren örtlichen Insekten und Temperatur-Bedingungen arbeiten. Wir haben zwar viel Erfahrung von Tatorten, aber dort sind die Umgebungs-Bedingungen ja nicht vorab kontrolliert oder aufgezeichnet worden. 

Für Naturwissenschaftler*innen ist es immer schöner, die Rahmen-Bedingungen aufzeichnen zu können. So wird die Aussagegenauigkeit besser, also präziser. Das ist für die Forschung und vor Gericht praktisch.

Sind die Erkenntnisse, die in den amerikanischen Instituten zu Verwesungsprozessen beim Menschen getroffen werden, ausreichend, um diese Untersuchungsergebnisse auf Deutschland zu übertragen?

Kommt immer drauf an. Dass Maden angeblich nach Norden kriechen (stand 'mal in einem Roman), kann auch bei U.S.-amerikanischen Arten falsch sein ;) 

Es hängt vor allem davon ab, ob es dieselben Tierarten an Leichen sind: Manche sind gleich, andere sind bei uns andere. Sie wachsen alle verschieden schnell, sind an verschiedenen Lebensräume angepasst (eingenischt) und können auch schon im Umkreis von ein paar hundert Kilometern genetisch leicht verändert sein. 

Wir nehmen immer die besten verfügbaren Daten, aber für eine Gerichtsverhandlung in Deutschland mit einer Leiche aus einem deutschen Wald würde ich selbst gute Wachstums-Daten aus den USA nur unter Vorbehalt verwenden. 

Welche Einflussfaktoren bei der Verwesung sollten speziell in Deutschland an Leichen erforscht werden?

Alle ;) Wir Naturwissenschaftler*innen sind ja wie Kinder und wollen immer alles anfassen, messen, verstehen und ausprobieren. Das Klima ändert sich laufend. Es gibt daher immer was zu erforschen: Wie sich kleine Temperaturschwankungen in Erdnähe auf das Wachstum der Tiere auswirken, welche Tiere in welchem Lebensraum wie lang wo an welche Art von Leichen gehen und jede andere Fragestellung. 

Mit jeder neuen Entdeckung tun sich neue Fragen auf, auf die wir vorher gar nicht gekommen wären. Was ist mit der Neigung des Bodens? Was passiert, wenn mehr oder weniger Parasiten die Leichen-Insekten besiedeln? Was passiert an einem Waldrand im Vergleich zu zehn Meter im Wald? Und welche Wälder gibt es? Das sollte in jedem Land erforscht werden, wobei sich Tiere nicht für Ländergrenzen interessieren -- es geht also eher um Wetter- und Klimagrenzen.

Ist die Etablierung einer Institution wie die Body Farm in Deutschland möglich?

Bisher nicht. Uns fehlt hier die "Ärmel-hoch-und-durch"-Einstellung. Sogar in den USA gibt es regelmäßig Ärger, wenn beispielsweise Kinder Schädel klauen (für Halloween; es musste deswegen NATO-Draht um die Body Farm in Tennessee gespannt werden) oder Idioten unbefugt aus der Luft Fotos machen und veröffentlichen (hat zur Schließung einer anderen Body Farm in den USA geführt).

An welchen rechtlichen Voraussetzungen könnte es scheitern?

Keine Ahnung, da musst du mal mit Rechtskundler*innen reden. Juristische Regeln entstehen ja kulturell, ich verstehe sie daher nicht immer. 

Verwesung ist so ziemlich das natürlichste, was es auf der Welt gibt. Ohne das laufende Recycling des Gewebes würde niemand von uns leben.

Welche ethischen Komponenten sprechen Ihrer Meinung nach dagegen?

Ethik bedeutet zu prüfen, ob es nützt. Kriminalfälle zu verstehen, nützt. Es spricht also ethisch nichts gegen eine Body Farm. Ich verstehe die Frage gar nicht richtig, glaube ich. Was sollte denn dagegen sprechen?

Worin liegt der Unterschied zwischen menschlichen Leichen und Schweinekadavern?

Meist kriegen wir nur kleinere Schweinchen, die in den Massenfabriken verstorben sind. Mit denen kannst du nur am ehesten Kinderleichen nachstellen. Große Schweine sind sehr teuer, da sie derzeit (ohne Body Farm) nur vom Metzger stammen können und du daher tausende von Euro zahlst. Da wir aber null Euro haben, ist das schwierig. 

Zudem haben Schweine keine Hände und Füße, wie wir sie kennen, so dass sich Abwehr-Verletzungen und dergleichen nicht darstellen lassen. Hände trocknen anders aus als die Körperteile von Schweinen. Das betrifft auch Tierfraß von Haustieren (Hunde und Katzen in erster Linie), den wir an Schweinen nicht gut nachstellen können. Hunde, die mit einem Menschen zusammengelebt haben, knabbern meist nur vorsichtig an den Händen, Katzen fressen eigentlich nur die Lippen. Das ist bei Schweineleichen anders.

Welche Ausbildungsmöglichkeiten hinsichtlich der Verwesungsprozesse gibt es für Polizisten auf der Body Farm?

Das FBI ist regelmäßig dort, da war ich auch schon selbst Trainer. 

Was unterrichtet wird, hängt von den Trainer*innen ab. Der Botaniker erzählt etwas über den Einfluss von Pflanzen, der Zahnkundler über Leichen-Zähne in der Erde und so weiter. Ich habe den Leuten hauptsächlich erklärt, wie man mit "Bordmitteln" und wenig Aufwand

(a) überhaupt Insekten erkennt (sie sehen ja oft nicht wie Fliegen oder Käfer aus dem Kinderbuch aus), 

(b) dass die Temperatur wichtig ist und gemessen werden MUSS, 

(c) wie man Federstahlpinzetten verwendet, 

(d) dass Brennspiritus besser ist als alles andere, 

(e) dass Fotografie mit Tatort-Karten entscheidend ist und vieles mehr. 

Die örtlichen Polizist*innen können ebenfalls jederzeit dort anfragen — so ist die Body Farm in Tennessee ja auch entstanden. Die Forschungs-Ergebnisse werden auf Kongressen vorgestellt und veröffentlicht. Wenn Polizist*innen Lust haben, können sie also auch aus der Literatur viel von und über die Body Farm lernen.

Sollten bereits in der Polizeiausbildung bzw. im Studium zum Polizeivollzugsdienst Inhalte bezüglich Entomologie vermittelt werden?

Warum nicht? Zumindest zwei, drei Fälle könnten schon mal präsentiert werden. 

Grund: So wie ich null Ahnung von Handschellen, dem Polizeigesetz, Geschossen, Sport oder Autofahren habe, so haben die meisten Polizist*innen vermutlich auch keinen Schimmer vom Aufbau eines Insektenflügels oder -beines. Es ist aber gut zu wissen, wer was wann warum kann. 

Jeder weiß beispielsweise, dass die Telefonwahl 110 oder 112 oder 115 zu Hilfe führt. Welche/r Polizist/in weiß aber, wen er oder sie anrufen kann, wenn Insekten an der Leiche sind oder wozu das überhaupt gut ist?

Welche Ausbildungsmöglichkeiten hinsichtlich der Verwesungsprozesse gibt es auf einer Body Farm speziell für Rechtsmediziner?

Jede/r, der/die Lust hat, kann hin und sich fortbilden. In den USA sind Rechtsmediziner/innen allerdings "forensic pathologists", das ist ein etwas anderer Beruf als der der deutschen Rechtsmediziner/innen. Kommt aber in etwas aufs selbe 'raus.

Rechtsmediziner*innen, Anthropolog*innen, Biolog*innen usw. können dort lernen, was sie spannend finden. Manche interessieren sich für Gesichtssymmetrie, andere für Leichenliegezeiten, wieder andere für die Ermittlung des Sterbealters anhand der Knochen und tausend andere Fragen (Einäscherung, Lagerung unter Beton). 

Man kann auch Leichenfunde nachstellen, beispielsweise eine Leiche in einem Koffer in einem Wald in einer Plastiktüte -- wie sieht die aus, wie wird sie besiedelt, was passiert? In Deutschland könntest du exakt dasselbe machen.

Bilden die in Deutschland angewandten Methoden zur Erforschung von Verwesungsprozessen und der Entomologie eine gute Alternative zur Body Farm? Welche wären das?

Ach, das ist ja ein Riesen-Forschungsfeld. Ich mache das seit fünfundzwanzig Jahren und lerne einmal pro Woche etwas Neues. Es ist eigentlich egal, wie du an Wissen gelangst -- durch echte Fälle, durch Labor-Experimente, durch alte Artikel, hauptsache, es ist im aktuellen Fall beweisbar sinnvoll anwendbar. Wir legen je nach Fragestellung alle möglichen Leichen oder Leichenteile raus, entweder Tiere aus der Kühltruhe vom Tierarzt oder "zu früh" verstorbene Schweine aus der Massenhaltung oder — früher, jetzt nicht mehr — Gewebe vom Metzger. 

In meinem Kinder- und Jugendbuch "Das knallt dem Frosch die Locken weg" schlage ich den Kids vor, Hundefutter zu nehmen, das ist ja auch Leichengewebe. Da kannst du auch schon viel drüber lernen, welche Fliege bei welcher Temperatur an Leichengewebe fliegt, ob sie auf den Balkon kommen oder nur im Wald rangehen und welche Farben sie haben, also welche Art es ist. 

Worin bestehen Unterschiede hinsichtlich der Insektenbesiedlung einer Leiche, wenn man Deutschland und Amerika vergleicht?

Es sind teils verschiedene Insektenarten, die an verschiedene Lebensbedingungen angepasst sind und verschiedene Lebens- und Verhaltensweisen haben.

Das habt aber nix mit Ländern zu tun, sondern gilt auch für Nord- und Südeuropa, die Berge vs. das Tal und so weiter – also für verschiedene Temperatur- und Lebenszonen. 

Welche Arten von Insekten, die eine Leiche besiedeln, gibt es in Deutschland und in Amerika? Welche Arten gibt es nur in Deutschland?

Kannst Du nicht immer so sagen. Seit einigen Jahren wird durch Schiffe und Flugzeuge vieles hin- und herverschleppt. Soldatenfliegen gab es früher beispielsweise nur in den USA an Leichen, aber neuerdings auch schon mal hier. Ich wäre da vorsichtig.

Auch das Klima ändert sich derzeit rasant, beispielsweise gibt es in Brandenburg jetzt neuerdings regelmäßig Gottesanbeterinnen.

Wie ihr Polizist*innen immer sagt: "Schau dir jeden Fall als Einzelfall an — es kann immer eine einmalige Besonderheit geben."

Ist die Erforschung der Leichenbesiedlung durch Insekten an Schweinekadavern genauso zielführend wie Untersuchungen an menschlichen Leichen?

Es ist besser als nix, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es hat uns sehr viel gebracht, weil wir die Ergebnisse ja mit den Befunden von echten Leichen abgleichen können. Ich will also nicht meckern. 

Ein Studierender, der mal eine schöne Studie zu Leichen an Waldrändern gemacht hat — Markus Halbach —, hat die größte Insekten-Arten-Liste erstellt, die ich zumindest in meinem Labor jemals gesehen und veröffentlicht habe. Sie war sehr hilfreich, um auf Kongressen Kolleg*innen mal anzusprechen, was sie zu den "komischen" Tieren dachten, die er an den Schweineleichen gefangen hatte. 

Es stellte sich heraus, dass es teils einfach sehr kleine Tiere waren und teils solche, die ÜBER der Leiche fliegen und daher in den kalten, hellen Räumen der Rechtsmedizin natürlich nie zu sehen sind, weil sie vorher abhauen. Ich mag solche Forschung in jeder Form. 

Der Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess hat gesagt: "Wenn man eine Sache auch nur eine Streichholzbreite voranbringt, dann hat es sich gelohnt." So sehe ich es auch. Mit Schweinen kommst du sogar einige Baumstammbreiten voran.

Wie wird in Deutschland und Amerika verfahren, wenn Knochen eines unbekannten Toten aufgefunden werden?

Das hängt vom Institut ab und davon, wieviel los ist. In den USA gibt es ja keine Meldepflicht wie bei uns, da fallen öfters Knochen von "Jane Does" an, also meist total verweste Prostituierte seitlich der Highways. Da weiß oft kein Mensch, wer das sein könnte. Bei uns in Manhattan (ich habe früher in New York beim Office of the Chief Medical Examiner (OCME) gearbeitet) lagen solche unerkannten Leichen (Knochen) im "Decomp Room" (Fäulnis-Raum, Raum für Verfaulte), und da hat meines Wissens nach nie jemand reingeschaut. 

Es hat sich durch DNA-Datenbanken natürlich viel geändert, aber wenn keiner die Menschen vermisst gemeldet hat und / oder sie noch nie sonstwie aufgefallen sind, dann hilft die Datenbank auch nix. 

In Deutschland ist es meist einfacher, weil da irgendwer oft weiß, welcher Obdachlose in dem verfallenen Haus im Wald gelebt hat oder wer vermisst ist. So ist es meist einfacher, die Knochen zu "identifizieren".

Gibt es Gebiete in der Entomologie, die in Deutschland noch zu wenig erforscht sind?

Ja, alle Gebiete. Wenn ich zwei Millionen Euro erhielte, dann würde ich, bis ich sterbe, nichts anderes mehr machen, als Studierende in immer neue Experimente mit Insekten auf Leichen einzubinden. Es gibt aber immer weniger Studierende, die sich für lebende Tiere interessieren. Ist alles nicht so einfach.

Welche Themenkomplexe bzw. Fragestellungen sollten konkret genauer erforscht werden?

Geschmackssache. Mich interessiert vor allem die Veränderung durch den Klimawandel, so dass ich laufend sehr viele verschiedene Arten sammeln und bestimmen würde. So könnten wir etwas zur Leichenforschung UND zu größeren Fragen beitragen. 

Welche Stelle wäre Ihrer Meinung nach in Deutschland zuständig für die Etablierung einer Forschungseinrichtung wie der Body Farm?

Jede, die Saft in den Knochen hat.

Wie ist Ihre Meinung über die Etablierung einer Forschungseinrichtung wie der Body Farm in Deutschland?

Fände ich super. Würde ich sofort machen. Ist eines der Projekte, das am wenigsten kostet und dabei besonders viel nützt, vor allem in kniffeligen Fällen wie "Teppichleichen" (Leichen in Gewässern, die eingewickelt sind), Pflegevernachlässigung, Wundaltersbestimmung bei dementen Personen und vielen anderen Bereichen, die nicht immer nur mit Mord und Totschlag zu tun haben. Viele Beispiele hier: http://beneckecases.com/ 

Mehr zur Body Farm: http://wiki2.benecke.com/index.php?title=All_Body_Farm 

Vielen Dank an Anne und die Polizei-FH Thüringen für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.