Mark Benecke: Amphi-Festival 2018 (ORKUS-Festivalbericht)

ORKUS!, Heft September 2018, Seiten 20—23 

 

Trotz Jahrhundert-Juli mit Schwitzen und Hitze wollten bei diesem ganz besonderen Amphi alle einfach lauschen, feiern und ... sogar tanzen. Selbst Steve polterte im Backstage-Interview nur kurz ein wenig herum, um sogleich erhellende Töne, Quatsch sowie Exkurse zum Erwachsenwerden mitzumachen. 

Diese in solchem Maße echt noch nie dagewesene Stimmung des Friedens und der Freundlichkeit – im Publikum und hinter der Bühne – hat uns alle überwältigt. Ob Sonne am Ende doch gut für Gruftis ist? Kreisch!

Hier einige meiner Lieblings-Momente:

Der großartige Oswald Henke lockte mich während seines Auftrittes mit Goethes Erben vor die Bühne und drückte mir eine riesige Stablampe in die Hand. Mit dieser leuchtete ich in die Menge. Doch währenddessen geschahen hinter mir Dinge ... Dinge! Ich aber sah nur in die Augen des Publikums, in die ich zu schauen und leuchten ja eben beordert war. Was da geschah, hatte mit einer zweiten Haut, Funkenschlag und Wahnsinn zu tun. Aber wer weiß das schon genau? Ich jedenfalls nicht. Dafür weiß ich, wie Ihr alle geschaut habt, während die Erben ihr Werk vollbrachten. 

Fettes Extra-Dankeschön an Oswald übrigens: Seine Aufforderung, keinen gedanklich bilateralen Scheiß (meine Worte) zu zementieren, sondern miteinander zu reden, auch wenn die Meinungen verschieden sind, hallt gewiss auch in Gruftis wider. Gut, dass es die Erben gibt. Sehr gut sogar.

Einhellig gerührt waren die älteren Semester beim Auftritt von Orchestral Manoeuvres in the Dark. Meine Frau musste hinterher natürlich sofort allen erzählen, dass ich während des Auftrittes geheult hatte. Na toll! An alle Jüngeren: So wird es Euch eines Tages auch gehen, wenn Ihr die im Jahr 2053 dann ebenso alten Herren von [x]-Rx, Centhron oder ES23 trefft. Wartet’s ab. (zwinkert)

Meinen Mitmoderatoren Oli und Jens verdanke ich es – weil sie mich wegen meines ehrfürchtigen Zauderns halb ausgelacht und halb ermutigt haben, mit Andy McCluskey und Paul Humphreys von OMD zu sprechen –, dass ich schließlich wirklich in das Bühnenzimmer der trotz ihres Alters (weit Ü50) ziemlich cuten Boys schlich und ein schönes Video mit ihnen machen durfte. Dass Andy und Paul die Bands Kraftwerk (gegründet 1970) und Neu! (1971–1979) als stilbildende Vorbilder ansahen, als OMD Mitte der 1970er erste elektronische Klänge bastelten, erstaunte mich dabei. Andy: „Das war damals noch Underground und kein Pop.“ Zack!

Wo wir gerade bei längeren Zeitlinien sind: Erheiternd war die liebevolle Art von Michael Popp und Sigrid „Syrah“ Hausen von Qntal, die auf der Bühne auch den weniger beziehungserprobten Gruftis zeigten, dass man sich mit und ohne Worte verständigen kann – besonders, wenn man schon 35 Jahre lang zusammen musiziert: Sigrid hätte gerne mehr von Elfen gesungen, und ich hätte lieber mehr von diesen Wesen, in deren Fachgesellschaft ich Mitglied bin (The Fairy Investigation Society, FIS) gehört, aber ein schönes Festival-Brett mit weniger Kastenzither und mehr Guitahre ist natürlich auch was. Viel mehr zum Thema mittelalterlicher Klänge und Instrumente, Ihr ahnt es schon, im Backstage-Video auf meinen Webseiten.

Speaking of [x]-Rx: Da Passi und Jan beim Jubiläums-Amphi vor vier Jahren nur ganz kurz spielen durften, leierte ich für die zwei knuffigen [x]-Rxler mit einem selbst gebastelten YEAH!-Schild eine fette Zugabe heraus. Das durfte sonst niemand! So war die kosmische Ordnung wiederhergestellt. Bam, geht doch.

Da ich noch immer schwer bewegt bin von der sensationell positiven Atmosphäre des Festivals, den coolen Reaktionen von [:SITD:], bei denen ich vor Ewigkeiten im Pott (Ruhrpott) die erste Elektro-Anmoderation meines Lebens gemacht (und nun endlich deren Autogramme tätowiert) habe, dem ersten Treffen mit KiEw, dem Abschied eines Grendel- Bandmitgliedes, der kunterbunten Mischung aus Russinnen, Japanerinnen, Schweizern, Deutschen, Nordamerikanern, Großen, Kleinen, Dicken und Dünnen, Old-Schooligen und teils eindeutig unter Achtzehnjährigen, die von Agonoize bis And One, von den harten Jungs aus Dörfern rings um Koblenz (Heldmaschine) bis hin zum schönen, gütigen und freundlichen Sven Friedrich von Solar Fake alles freudig hin- und herschwappen ließen, sodass die Bühne allzeit von schwarzfunkelnder Liebe geflutet war – darum will ich es hier gut sein und stattdessen lieber Bilder sprechen lassen. Selbst Johan von Suicide Commando („See you in hell“) und Honey (Welle:Erdball) mit original Samantha-Fox-T-Shirt nebst Unterschrift der kecken Dame wirkten auf mich diesmal, als seien sie von einer feinen Korona aus Milde umgeben. Und das waren sie auch.

Leute, Ihr merkt: Das war ein Amphi für die Ewigkeit. Aus tiefem Herzen Dankeschön an Euch, liebe Gruftis mit gebrochenen Herzen, dunkel glänzenden Seelen sowie einer neuerdings unübersehbaren Neigung zum Sonnenlicht. Ihr seid, was andere nicht sein können.

Mark Benecke Fotos: Ines & Mark Benecke

Alle Fotos und Videos hier: https://mark-benecke.squarespace.com/publications/amphi-festival-2018-im-tanzbrunnen-kln-cologne-germanypicture

PDF: http://benecke.com/pdf/Mark_Benecke_ORKUS_Amphi_Festival_2018_Festivalbericht_Seite_20_bis_23_Heft_September_2018.pdf