Zweites Interview mit Herr Dr. Mark Benecke

'Reiz-Verschluss', JVA Burg, Heft 1/2018, 20. Ausgabe, Seiten 25—29 

Bereits in der 15. Ausgabe vom REIZVERSCHLUSS, hatten wir die Möglichkeit erhalten, mit einem von Deutschlands bekanntesten Kriminalbiologen ein ausgiebiges Interview zu führen: Mark Benecke. 

Klick für´s PDF >

Durch einen großen Medienrummel über Personalmangel in Deutschlands Justizvollzugsanstalten sowie einigen Zeitungsartikeln über Gegebenheiten in manchen Gefängnissen aufmerksam geworden, wandten wir uns erneut an Ihn. 

In diesem Interview zu unserer Jubiläumsausgabe treffen Fragen und Antworten aufeinander, die keinem gefallen werden. Hier hört die Politik Antworten, die sie eher als Unterstützung in einer schwierigen Situation ansehen sollte, statt einer Anprangerung! Zudem wird den Inhaftierten und Untergebrachten der altbekannte Spiegel direkt in das Gesicht gehalten. 

Wer infolge dieses Interviews reflektiert erkennt, ob er sich wirklich verändern will, verändert hat oder doch nur zum Schein die Verbesserung seines selbst vorspielt! Denn womit man bei Mark Benecke rechnen kann, ist schonungslose Ehrlichkeit! 

Kleine Biographie vom Kriminalbiologen Mark Benecke  

Geboren wurde er am 26. August in Rosenheim (Deutschland), aufgewachsen in Köln. Er ist deutscher Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie und Politiker. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der Partei „Die PARTEI" und trat für sie bereits als Kandidat an. 

Sein Leben: 

Nach dem Studium der Biologie, Zoologie und Psychologie an der Universität zu Köln und der Promotion über genetische Fingerabdrücke absolvierte Benecke diverse polizeitechnische Ausbildungen innerhalb der Rechtsmedizin in den Vereinigten Staaten, darunter an der FBI Academy. Benecke wird als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger herangezogen, um biologische Spuren bei vermuteten Gewaltverbrechen mit Todesfolgen auszuwerten. 

Er ist darüber hinaus Ausbilder an deutschen Polizeischulen sowie Gastdozent in den Vereinigten Staaten, Vietnam, Kolumbien, der Schweiz und auf den Philippinen. National Geographic Channel, History Channel und n-tv berichteten bereits ausführlich über einige seiner Fälle. Der breiteren Öffentlichkeit ist Benecke auch durch seine Gastkommentare in den Fernsehserien Medical Detectives (VOX, RTL Nitro), Autopsie und Mysteriöse Todesfälle (RTL II) bekannt, welche die Aufklärung realer Kriminalfälle zeige und die hierbei eingesetzten, meist wissenschaftlichen Methoden, in den Mittelpunkt stellen. Er erklärt dort allgemeinverständlich wissenschaftliche Hintergründe. 

Benecke veröffentlichte mehrere populärwissenschaftliche Bücher, unter anderem über Kriminalfälle, Kriminalbiologie und das Altern aus biomedizinischer Sicht. Darüber hinaus gab er unter anderem für Ravensburger und Oettinger Kinder-Experimentierkästen und —bücher heraus. Mehrere seiner Bücher erreichten in der Spiegel-Bestsellerliste hohe Platzierungen. 

Er ist außerdem Gastherausgeber für Forensic Science International (Forensic Entomology Special Issue) und war viele Jahre Mitglied im Wissenschaftsrat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Er veröffentlicht Artikel in der Zeitschrift Skeptiker zu ausgefallenen Themen wie spontane Selbstentzündung, Blutwunder (zusammen mit dem ZDF), Vampire, magnetische Berge und anderes. Für die Annals of Improbable Research, die jährlich an der Harvard-Universität die Ig-Nobelpreise verleihen, arbeitet Benecke im wissenschaftlichen Beirat. Seit 2011 ist Benecke Vorsitzender des Vereins Pro Tattoo (Information, Schulung und Öffentlichkeitsarbeit für und von Angehörige/n der Tätowierbranche). 

Bekannte Fälle: 

1997/ 98 hatte Benecke nach Untersuchung von Maden die Leichenliegezeit der getöteten Frau des Pastors Klaus Geyer festgestellt. Geyer hatte für den so ermittelten Tatzeitpunkt kein Alibi und wurde schließlich wegen Totschlags an seiner Frau verurteilt. Im Todesfall einer pflegebedürftigen Frau in Köln ermittelte Benecke anhand von gefundenen toten Stallfliegen (Muscina stabulans), dass die Frau durch ihre Pflegerin vernachlässigt wurde. 

In Zusammenarbeit mit dem FSB untersuchte Benecke Adolf Hitlers mutmaßliche Schädeldecke und sein echtes Gebiss. Er untersuchte zudem als einziger Kriminalist zusammen mit dem Täter und der Polizei den Fall des kolumbianischen Serienmörders und Vergewaltigers Luis Alfredo Garavito Cubillos. Die Mumien von Palermo untersuchte Benecke ausführlich in einer Kooperation mit Archäologen und dem Kapuziner-Orden. 

Quelle: Wikipedia, der freien Enzyklopädie 

Interview 

Reizverschluss: In den letzten Monaten wurde vielerorts wieder medial diskutiert wie es um den Strafvollzug in der Bundesrepublik Deutschland steht. Hintergrund waren Fluchtversuche von inhaftierten Personen, wo infolge derer bekannt wurde, dass ein herber Personalmangel in deutschen Gefängnissen besteht. Dieser führt mancherorts zu groben Veränderungen in der Alltagsstruktur von inhaftierten Personen (Einschränkung von Freizeit- und Sportmaßnahmen, sowie des sogenannten Aufschlusses). Wo sehen Sie den Ursprung dieser Probleme? Glauben Sie nicht auch, dass es Zeit wird, dass sich die bundesministeriale Ebene dieser Sache nun annimmt? 

Antwort von Mark Benecke: Klar wäre es gut, wenn es mehr Personal in den Gefängnissen gäbe und auch mehr therapeutische Maßnahmen. Das Problem entsteht jedoch auch von Seiten der Insassen, da es kaum Lobby-Arbeit gibt. Es funktioniert politisch so, dass zunächst mal Interessen formuliert werden, dann vertritt man die z.B. gegenüber Politikern und Politikerinnen oder gründet einen Verein, vernetzt sich mit anderen und stellt dann Anträge. So funktioniert das. 

Natürlich müsste das vom Bundesministerium oder den zuständigen Ministerien ins Auge gefasst werden, aber oft fehlen die Ansprechpartner, die jetzt direkt aus dem Strafvollzug selber kommen. Die Zwischenebene ist auch nicht unbedingt besonders gut organisiert. Also, das wären jetzt die Diensthabenden, die, wir ihr ja wisst, ein breites Spektrum an menschlichen Einstellungen vertreten und sich auch nicht unbedingt politisch sehr stark engagieren. 

Also, ich denke, das Problem wird auf so einfache Weise nicht zu bearbeiten sein, außer es gäbe mal ausnahmsweise durch die Angehörigen von Inhaftierten starke oder gut organisierte Interessensverbände. Aber das ist wahrscheinlich etwas zu viel verlangt für Menschen, die sowieso schon oft in schwierigen Lebenssituationen sind. 

Außerdem stammen die Inhaftierten auch aus allen verschiedenen Ecken des Lebens, was es vielleicht auch nicht immer so einfach macht, einen schlagkräftigen Interessensverband oder so was zu gründen. 

Das könnt ihr euch alle vorstellen: ihr habt von organisierter Kriminalität über Betrug, Raub, Diebstahl und Sexualdelikte alles Mögliche da. Und da gibt es ja kaum eine Klammer, die es jetzt gut ermöglichen würde, da vielleicht zusammen mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern usw. so eine Art Interessensverband, der schlagkräftig ist, zu gründen. Da herrscht leider auch sehr viel Vielfalt. 

Reizverschluss: Nicht nur außerhalb der Gefängnismauern herrscht ein Mangel bei den Fachkräften des sozialen und psychologischen Dienstes. Deutschlandweit gibt es Gefängnisse, in denen kaum Personal vorhanden ist. Infolge dessen findet keine Aufarbeitung der Defizite, welche zur Delinquenz führten, statt. Die Folge — eine Verbüßung der Haftstrafe zum Endtermin und die Entlassung von nicht behandelten Tätern! Wie sehen Sie aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung diesen Mangel? Welchen Rat können Sie inhaftierten Personen geben, die keine Chance auf eine sogenannte Deliktaufarbeitung erhalten? 

Antwort von Mark Benecke: Viele denken, dass man jemanden braucht, damit man sich ändern kann. Doch der Kern der Veränderung liegt in jedem selbst und nicht beim Therapeuten. 

Na ja, also jetzt kommt die Antwort: Natürlich brauchen Menschen, denen es sehr schlecht geht oder / und die sehr wenig Einsicht zeigen, eine Unterstützung von außen, denn sonst hätten sie sich ja erst gar nicht erst in eine Situation, die für sie sehr nachteilig ist (im Knast sein ist ja nicht sehr vorteilhaft) gebracht. 

Wenn mir klar ist, dass ich durch meine Handlungen dorthin gelangen kann — ich rede jetzt nicht von Affekttätern, die das vielleicht in dem Moment nicht so überschauen, aber von allen anderen—, dann habe ich ja einen starken Nachteil für mich in Kauf genommen, oder habe gedacht, ich bin schlauer als der Rest der Welt und es kommt nie raus. Das ist aber beides gleich nachteilig. 

Die Antwort ist natürlich, dass es mehr Personal geben müsste. Aber das gilt ja nun für viele Bereiche, beispielsweise auch in der Altenpflege. Da ist ja nun die durchschnittliche Zeit, bis man einen neuen Altenpfleger oder eine neue Altenpflegerin findet, oft über hundert Tage, wenn eine neue Stelle ausgeschrieben ist, was sehr lange ist. Es gibt sehr viele andere Berufe, da geht das wesentlich schneller. Da könnte man auch sagen, man braucht mehr Personal, aber die Stellen können oft gar nicht besetzt werden. 

Aber ihr wisst vielleicht, oder ihr wisst garantiert, dass es auch gerade im Bereich der Psychologen und Psychologinnen nicht unbedingt sehr viele gibt, die gerne im Knast arbeiten. Viele möchten lieber im Wirtschaftsbereich arbeiten, wo sie in einem normalen Büro sind, mit halbwegs normalen Arbeitszeiten und sich nicht mit komplizierten Lebensschicksalen auseinander setzen müssen; und vor allem auch nicht mit den Persönlichkeitsveränderungen, die ja häufig auch sehr schwer zu ändern sind. 

Also wenn jemand z.B., wie das im Gefängnis ist, eine antisoziale Persönlichkeitsveränderung hat — das ist in Gefängnissen sehr stark erhöht (diese Persönlichkeitsveränderung) — dann ist das sehr (sehr, sehr, sehr ...) anstrengend, damit zu arbeiten. Die meisten Psychologen, Psychologinnen und Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen haben da einfach keine Lust zu. 

Stellen schaffen würde alleine nichts nützen. Man müsste auch die möglichen Bewerber und Bewerberinnen dazu bringen, dass sie sich solche Jobs mal angucken. Was da z.B. wieder gut wäre, wäre eben wieder die Schnittstelle zwischen Knackis und der Normalbevölkerung, also z.B. öfter mal Tage der Offenen Tür zu machen — was natürlich auch wieder Personal kostet — so dass z.B. die Leute aus einem Ort oder aus der Umgebung des Knastes regelmäßig mal sich angucken können, was da eigentlich vor sich geht, und dass dann somit diese Hemmschwelle abgebaut wird. 

Reizverschluss: In den letzten Jahren ist der deutsche Strafvollzug mit Inhaftierten konfrontiert, welche in verschiedenen Strukturen der Organisierten Kriminalität, sowie der Neonazi- und Salafisten-Szene integriert waren. Das Angebot zur Unterstützung beim Ausstieg ist leider kaum oder gar nicht vorhanden. Doch es gibt sie, die Menschen, welche aus ihrem alten Lebensstil einen Ausstieg suchen. Was würden Sie nicht nur dem deutschen Strafvollzug, sondern auch den betreffenden Personenkreisen zu dieser Problematik sagen? Wie müsste ihrer Auffassung nach die Unterstützung / Hilfe aussehen? 

Antwort von Mark Benecke:  Es gibt durchaus Ausstiegsprogramme, so ist das jetzt nicht. Wenn man erstmal im Gefängnis gelandet ist, hat man sich ja offensichtlich nicht an diese Ausstiegsprogramme gewendet. Gut, das ist ja schon mal klar. 

Eine Möglichkeit wäre, wie ihr das ja auch schon in den vorigen Fragen gefragt habt, jemanden zu bitten, sich mit diesen Aussteigerprogrammen in Verbindung zu setzen, nicht zu warten, bis sie zu euch kommen. Also ich denke, das ist die einzige Lösung. Natürlich haben viele von euch Bedenken, sich an Behörden oder irgendwelche Vereine oder sonst was zu wenden. Aber jeder von euch hat einen Anwalt oder eine Anwältin. Und die könnt ihr bitten, dass sie für euch oder für solche Menschen, die ausstiegswillig sind, sich an die entsprechenden Organisationen wenden. 

Das muss jetzt nicht die Polizei oder das Bundeskriminalamt sein, wie es jetzt vielleicht bei organisierter Kriminalität nötig wäre, um das Leben des Aussteigers zu schützen. Der wird ja dann auch mit dem Tod bedroht. Oft genug aber aus rechten Strukturen raus zu kommen, ist auch über nichtstaatliche Vereine und Vereinigungen sehr gut möglich. Da muss man sich drum kümmern und nicht rumsitzen und warten bis jemand kommt. Die Unterstützung und Hilfe muss so aussehen, dass erstmal der Bewusstseinsprozess eingeleitet wird, dass es nicht gut ist, sich hasserfüllt oder gegen andere Menschen zu verhalten. 

Das ist nur leider leichter gesagt als getan. Denn wenn ich als Kind die Erfahrung gemacht habe, dass egoistisches Verhalten das Einzige ist, das mich durchs Leben trägt, dann muss man da halt sehr viel nachholen, also so zu sagen seelisch nachreifen; oder anders gesagt: erwachsen werden. Das sind also ganz verschiedene Baustellen. 

Es reicht nicht allein das Aussteigerprogramm. Es muss auch eine Einsicht entstehen und der Wunsch und Wille, sich sozial zu verhalten und aus den Strukturen raus zu begeben. Und auch hier ist es so, dass die Einsicht, wir ihr ja schon richtig geschrieben habt in der Frage, eben auch aus dem Menschen selbst kommen muss. Man kann nichts verändern ohne Einsicht! Das geht einfach nicht! 

Reizverschluss: Eine wichtige Aufgabe des Strafvollzuges ist der Erhalt der Lebenstauglichkeit der inhaftierten Personen. Bei der Konfrontation mit dem eigenen Ich entsteht bei vielen Frust, der sehr oft am Strafvollzug ausgelassen wird. Außerdem verwahrlosen, infolge langer Haftstrafen, manche Inhaftierte und Untergebrachte — im wörtlichen und emotionalen Sinne. Zudem sind vor allem die Störungsbilder: dissoziale Persönlichkeitsstörung, Borderline-Störung, Depressionen, Narzissmus, emotionale Persönlichkeitsstörung bei dem betreffenden Personenkreis vorhanden. Können Sie unseren Lesern einen kleinen Einblick in diese Störungsbilder geben? Außerdem fragen wir Sie, wie der humane Strafvollzug die Lebenstauglichkeit der Inhaftierten und Verwahrten erhalten kann? Wie kann vor allem die Personalie einer JVA mit diesen Gegebenheiten umgehen? Man darf nicht vergessen, dass die hier arbeitenden Menschen sehr oft überlastet und belastet sind durch solche Konfrontationen. 

Antwort von Mark Benecke: Das ist gar nicht so kompliziert. Ich kann euch ja mal ein paar klein Leuchtfackeln sozusagen mitgeben. Also wenn jemand antisozial ist, dann interessiert er sich einfach nicht für die Interessen anderer Menschen. Er kann sich für andere Menschen interessieren, aber nur dann, wenn sie ihm nutzen. Das ist typisch bei Antisozialen. Natürlich können die das auch in ihrer Kindheit so gelernt haben. Also da ist jetzt keine Wertung mit verbunden. Aber das ist die im Knast sehr weit verbreitete Haupt-Persönlichkeitsveränderung, einfach an sich zu denken, bevor man an andere denkt, und zwar nicht im moralischen Sinn, sondern in jeder, oder fast jeder, praktischen Handlung, immer zu sagen: „Wenn ich etwas möchte, muss ich dafür sorgen, dass ich das durchsetze" — notfalls auch mit Gewalt oder Betrug. Das war das Erste. 

Jetzt das Zweite — Narzissmus: Narzissmus, wenn er sehr stark ausgeprägt ist, führt dazu, dass man sich für den Größten hält, obwohl man innerlich ganz, ganz klein ist. Das hängt miteinander zusammen. Je kleiner ich mich innerlich fühle, um so mehr möchten manche Leute (die Narzissten) nach außen so ein übertriebenes, gockelhaftes Auftreten haben. 

Sie haben dann die fetteste Goldkette, das dickste Auto, die schönsten Freunde und Freundinnen, fotografieren sich mit dicken Geldstapeln. Das wäre ja alles noch irgendwie so mittel-egal. Das Dumme ist nur, dass sie auch der Meinung sind: wenn einer eine gute Idee hat, stammt die von ihnen selbst. Die klauen also Leuten auch Ideen und werden — das ist das Allerschlimmste — total wütend, wenn man irgendwas sagt, was sie verbessern können. Wenn jemand richtig hart narzisstisch ist, kann er keine Verbesserungsvorschläge annehmen. Das ist auch der Grund, warum man das jetzt (April 2018) noch nicht behandeln kann. 

Wenn jemand der Meinung ist, dass alles, was er macht, richtig ist, und alles, was die anderen machen falsch ist, und sie ihm deswegen keine Ratschläge geben können, kann keine Einsicht entstehen. 

Dann das Dritte — Borderline-Störung. Borderline hat einige Merkmale. Das, was ihr am ehesten kennt ist, dass diese Menschen ständig hin und her pendeln zwischen ganz starker Auf- und Abwertung von jemandem. Den finden die ganz super, den wollen sich für immer an sich binden und den wollen sie nie verlassen. Das ist der Schönste, der Größte, der Intelligenteste, der Liebevollste. Und Sekundenbruchteile später ist das jemand, den man hassen muss, den man wegstoßen muss, den man beleidigt. So geht das die ganze Zeit hin und her. 

Das ist sehr anstrengend für die Leute, die die Störung haben und mindestens genauso anstrengend für die, die da jetzt im Sperrfeuer stehen. Es gibt auch noch ein paar andere Merkmale. Aber dieses Hin- und Herpendeln zwischen Auf-und Abwertung ist besonders auffällig und auch, dass viele Borderliner in Beziehungen sehr anstrengend werden, weil sie fürchterliche Angst haben, verlassen zu werden. Sie werden krankhaft eifersüchtig. Dann wehren sie sich mit Händen und Füßen gegen das Verlassenwerden, das überhaupt nicht stattfindet. Das bilden sie sich nur ein. 

Depressionen: Depressionen können bei allen möglichen Erkrankungen auftreten. Die (Depression) gibt es auch alleine für sich: dass jemand total niedergeschlagen ist, sich nicht mehr wäscht, nicht aus dem Bett kommt, kein Interesse an irgendetwas hat, überhaupt nichts mehr oder sehr viel isst (aber schlechte Sachen), sehr schlechte Laune hat, reizbar ist, ständig rumdiskutiert oder sich total zurückzieht, Gedanken nicht loslassen kann. 

Manchmal sind es auch Leute, die nie etwas fertigbringen, weil sie es endlos planen. Anstatt zu tun, planen sie es immer nur. Aber in ihrem Kopf ist es noch nicht perfekt und dann machen sie es nicht. Das wäre so eine Depression, die alleine vorkommt. 

Dann gibt es noch Leute, die depressiv hin-und herpendeln. Die denken immer, sie können die Welt aus den Angeln heben, und danach sind sie wieder zu Tode betrübt. Das ist eine andere Art von Depression. Da schwankt es immer so hin und her. 

Aber das Wichtige in eurem Umfeld ist, dass es auch eine Begleiterscheinung von sehr vielen anderen Krankheiten ist. Deswegen sind Depressionen alleinstehend seltener, als dass sie einhergehen mit irgendetwas anderem, was man dann, wenn man die Depression loswerden will, auch behandeln muss (...). 

Die Mitarbeiter der JVA, die jetzt nicht eine psychologische oder psychiatrische Ausbildung haben, können euch da fast überhaupt nicht bei helfen, bei solchen Persönlichkeitsstörungen und psychischen Erkrankungen. Das überfordert die. Da braucht man eine Ausbildung für. Da muss man klar unterscheiden können, dass man nicht Begriffe nutzt, was in Wirklichkeit etwas anderes ist. 

Man muss auch nach bestimmten Regeln vorgehen, wie man so etwas behandelt. Das können nicht die normalen Mitarbeiter, die ihr so im Alltag trefft, durchführen. 

Reizverschluss: Immer wieder wird heiß diskutiert, ob unsere deutsche Justiz zu lasch ist und man in Wirklichkeit nicht mehr für Straftäter als für die Opfer von Verbrechen tut. Wie stehen Sie dieser journalistischen Aussage gegenüber? Wo sehen Sie etwaige Fehler im System, dass es zu solchen Annahmen kommt? 

Antwort von Mark Benecke:  Der Begriff einer laschen Justiz ist natürlich sehr relativ. Wenn ihr beispielsweise eine Justiz habt, in der sehr harte Urteile gesprochen werden, geht das natürlich zu Lasten der Vorbeugung und der Prävention. Zumindest ist das eine Erfahrung, die wir in den letzten Jahrhunderten gemacht haben. 

Man könnte natürlich auch eine sehr, sehr strenge Justiz haben und sehr viel Vorbeugung. Da sehen wir aber, dass das nicht so ist, da normalerweise der Ruf nach einer harten Bestrafung mit einem Blick auf ein strenges Regierungssystem einhergeht. Die kümmern sich natürlich nicht so sehr darum, ob Menschen, die zu Straftätern geworden sind, jetzt eine schwierige Lebensgeschichte hatten. Sondern die sagen: wenn man jemandem etwas Schlechtes getan hat, dann ist er halt böse und dann soll er ins Gefängnis. Damit ist das Gespräch zu Ende. Das ist ja das Problem. 

Gleichzeitig haben aber viele Menschen das Bedürfnis, dass auch eine Bestrafung stattfindet. D.h. wenn man jetzt nur Prävention machen würde — solche Ideen gibt es ja, dass man sehr umfangreich Menschen keine Gefängnisstrafen mehr gibt, sondern sie nur noch in Sozialprogramme steckt; natürlich nicht bei einem Mord oder dergleichen, aber bei vielen anderen Delikten, die heute auf jeden Fall mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden —, hat man ein politisches Problem, nämlich dass die Bevölkerung dann ihre Rachegefühle nirgends mehr hinschicken kann, weil sie dann der Meinung ist, dass die Straftäter viel zu milde behandelt werden. 

Es gibt natürlich auch Straftäter, die sehr stark an einer vorbeugenden Behandlung interessiert sind, wie z.B. bei dem Gewalttäterstrafprogramm und bei dem Pädophilenprogramm „Nicht Täter werden" (so oder so ähnlich heißen all diese Programme). Dort gibt es auch genügend Teilnehmer und Teilnehmerinnen. 

Ich denke auch, wenn man genügend Geld in Vorbeugung und Aufklärung, familiäre Hilfen, Bildungshilfen, Aussteigerprogramme und dergleichen investieren würde, dann würde es auch zu weniger Verbrechen kommen. Wir wissen sogar, dass das so ist. Denn überall dort, wo umfangreich Vorbeugung betrieben wird, sinkt ja auch die Anzahl der Delikte. 

Das Hauptproblem könnte darin liegen, dass man schon sehr früh in die Familien eingreifen muss. Bei den Menschen, die wir sehr oft im Gefängnis sehen, die ihr auch alle kennt und die ihr seht und trefft, die eine sehr starke antisoziale Persönlichkeit haben (sie kümmern sich nur um sich selbst, um ihre eigenen Bedürfnisse; sie handeln nicht in sozialen Gruppen auf eine freundliche und soziale Weise; sie schließen sich schon in Gruppen zusammen, aber nach sehr harten Regeln), diese Menschen könnte man nur vorbeugend auf eine weniger schiefe Bahn bringen, wenn man früh in die Familien gehen würde. Das ist fast unmöglich, weil wir in Zentraleuropa nicht möchten, dass z.B. das Jugendamt sehr früh eingreift. 

Das liegt unter anderem auch daran, dass es natürlich auch viele Menschen gibt, die in schlechten Bedingungen aufgewachsen sind und hinterher keine Straftäter werden. Deswegen fehlt so ein bisschen die Begründung, mit der man sagen kann, wir gehen jetzt unheimlich früh in Familien rein und nehmen die Kinder da raus, weil natürlich die Eltern, die Großeltern oder andere Beteiligte mit Recht sagen: diesen Eingriff in unsere Familienangelegenheiten verbitten wir uns. 

Jetzt wisst ihr (fast) alle, weil ihr wahrscheinlich entsprechende Erfahrungen in der Jugend und Kindheit gemacht habt, dass Unterstützung da sehr hilfreich gewesen wäre. Nur kann man ja jetzt nicht zu einem siebenjährigen Kind hingehen und sagen: Pass mal auf, deine Mama und dein Papa kriegen das leider nicht hin; wende dich doch mal an uns oder gehe jeden Mittwochnachmittag zu dieser Familie; da erlebst du mal, wo ein bisschen freundlichere oder strukturiertere Verhältnisse herrschen: Weil die Kinder selber zu diesem Zeitpunkt häufig keinen Bock haben, sich unfreundlich und unsozial gegen ihre Eltern zu verhalten und eben gerade Schwierigkeiten haben, ihr Leben schon in dem Alter in den Griff zu kriegen. Daran seht ihr also, wo die Schwierigkeiten liegen. 

Das Beste wäre eigentlich, wenn von der Bevölkerungs-Seite her die Menschen verstehen würden, dass es ganz viele Graustufen gibt auf dem Weg zum Täter oder zur Täterin, aber dass es auch welche gibt, die überhaupt nicht behandelbar und heilbar sind, und dass viele der Störungen oder der verhaltensverstärkenden schlechten Eigenschaften eben unheimlich früh geprägt werden. 

Das ist nicht so einfach jemandem zu erklären, der in vernünftigen Lebensbedingungen aufgewachsen ist. Da sind wir immer wieder an demselben Punkt. Im Grunde genommen müsste man mehr Gesprächsmöglichkeiten zwischen Menschen, die straffällig werden, und Menschen, die das nicht geworden sind, ermöglichen — z.B. Tage der Offenen Tür, irgendwelche Begegnungen (gemeinsames Kochen, Sport ... alles mögliche). Aber ihr wisst ja auch, dass das von Seiten der Insassen oft nicht gewünscht wird, weil die selbst im Knast nicht zugeben, was sie gemacht haben. 

Solange die Insassen untereinander noch nicht einmal ehrlich miteinander reden, wird es noch schwieriger. Stellt euch vor, man bildet jetzt Sportgruppen, die regelmäßig mit Leuten von außerhalb (also die nicht im Knast sind) Sport machen und man soll dann offen miteinander reden. Das geht ja dann nicht, weil da dann auf einmal eine Information ist, von der man nicht möchte, dass sie im Knast bekannt wird. Diese würde ja jetzt mit einem Mal bekannt werden. Ihr seht schon, das ist eine unheimlich feinmaschige und feingliedrige Schwierigkeit. 

Diese könnte man wirklich vielleicht am besten mit einer großen Zahl von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen lösen. Dafür, das habt ihr ja auch schon richtig gesagt, ist dann eben häufig nicht genug Geld da. Es ist nicht einfach so, dass man sagt, die Justiz ist lasch oder es müsste mehr Geld gegeben werden. Sondern es müssen eben alle, Insassen, Bevölkerung, Politik, Lobby, Verbände — einfach alle müssen willens sein, sich damit zu beschäftigen und hinzugucken und nicht immer nur die eigenen Interessen so stark im Auge zu haben. 

Das wird wahrscheinlich lange dauern. Wenn der Prozess mal richtig in Gang kommt, dann wird er wahrscheinlich länger brauchen, als wir das gerne hätten. Alles was langfristig ist, ist gleich doppelt so schwierig, weil man die Ergebnisse nicht sofort sieht. Ich denke, ihr könnt einfach nur versuchen, eure Lebensgeschichte mal darzustellen, aber ohne euch zu sehr in so eine Art Opferrolle zu begeben. Denn die Menschen von außen können das nicht nachvollziehen. 

Also, wenn ihr eine Tat begangen habt und ihr erzählt nur davon, dass euch was Schlechtes passiert ist, hat man direkt wieder einen Reibungspunkt. Da wäre es gut einzugestehen, dass man eine Tat begangen hat, dass man es wirklich gemacht hat, dass es einem ehrlich leid tut. Das muss auch glaubhaft sein und nicht nur irgendwie im Sinne einer gespielten Reue. Das ist dann der Punkt, an dem ihr vielleicht auch einmal leichter mit den Menschen von Außen reden und ihnen begegnen könnt. 

Ich denke auch nicht, dass man aufwiegen kann, wie viel Menschen für Opferhilfe, für Strafgefangenenhilfe oder ähnliches tun, weil es ein riesiger gesellschaftlicher Zusammenhang ist. Menschen, die Straftäter werden, haben ja auch oft irgendetwas erlebt. Wenn ihr so wollt, wäre das auch eine Art Opferhilfe. Ich glaube, ein besseres Bild wäre daher sich vorzustellen, dass das alles eine gesellschaftliche und Menschenhilfe ist, dass man der Gesellschaft insgesamt an allen Stellen hilft, wie so eine Art Mosaik. Es gibt eben nicht nur Opfer und Täter. Es gibt alles Mögliche zwischen Vorstufen von Leuten, die nie Täter werden, Leute, die mal Täter waren, Menschen, die Opfer aller möglichen Sorten von Gewalteinwirkungen, Stalking oder finanziellem Betrug geworden sind. Das sind ganz viele Facetten, aus denen das Mosaik besteht. 

Fehler im System sehe ich da nicht so stark, sondern eher Denkfehler, dass Menschen nicht genug miteinander reden und glauben, dass Probleme generell zu lösen wären, indem man an einer bestimmten Stelle Geld investiert oder die Struktur stärkt. So ist das nicht, sondern es ist alles miteinander vernetzt. Man muss an vielen Baustellen arbeiten. 

Reizverschluss: Es gibt Sie wirklich, die reuigen Täter, welche sich in der Haft behandeln lassen, an sich arbeiten und auch verändern. Doch die Schuld für Taten bleibt! Was kann ein Inhaftierter oder Untergebrachter in Sachen Wiedergutmachung tun? Man muss auch beachten, dass ein Mörder das Leben, welches er nahm, nicht wiederbringen kann, ein Einbrecher in die tiefste Privatsphäre eingedrungen ist und sie nicht wieder herstellen kann, ein Schläger dem Opfer Ängste brachte, die bestehen bleiben, auch wenn die Wunden schon längst verheilt sind. Was möchten Sie diesem Personenkreis (reuigen Tätern), auf den Weg der Behebung der Schuld mitgeben, denn sehr oft ist es diesem verwehrt, die Opfer oder Hinterbliebenen selbst zu fragen? 

Antwort von Mark Benecke:  Meine persönliche Sicht ist ziemlich klar so wie Treppenstufen oder ein Computerprogramm: Das Erste sollte auf jeden Fall sein, dass ihr anbietet oder versucht anzubieten, ein Gespräch zu führen; wenn es ein Tötungsdelikt ist, dann zunächst nur mit dem Anwalt oder der Anwältin des Opfers. Wenn es kein Tötungsdelikt ist, dann mit den Angehörigen. 

Es gibt immer wieder Fälle (auch ziemlich krasse), in denen die Angehörigen das annehmen, wenn die Reue echt ist. Da ergibt sich dann alles Weitere von selbst. Es können ja notfalls auch ein Priester, ein Sozialarbeiter, eine Sozialarbeiterin, Freunde der Familie, evtl. auch Angehörige des Täters (wenn die cool sind) dabei sein. Die können versuchen, alle miteinander zu reden und Lösungen zu finden, die für diesen speziellen Einzelfall gut sind. Das sollte der erste Schritt sein. 

Jetzt wird es genügend Opferfamilien oder Opfer geben, die das ablehnen und die sich nicht für die Lebensgeschichte des Täters oder der Täterin interessieren, weil sie sagen: das ist einfach nicht mein Problem. Ich habe mich mein Leben lang freundlich, vernünftig und sozial verhalten. Ich sehe nicht ein, warum ich jetzt einen Schraubenzieher in den Bauch bekommen habe, nur weil ich eben Katzenfutter gekauft habe und der Täter gerade einen verkackten Raubüberfall hingelegt hat. 

In diesen Fällen könnt ihr Stufe zwei angehen, nämlich euch konkret sozial engagieren und zwar in dem Maße, in dem ihr das für eure reale, echte, wirklich tief empfundene Reue angemessen findet. Da könnt ihr euch ein Sozialprojekt suchen, das euch gefällt. Wenn ihr handwerklich gut seid, könnt ihr Menschen helfen, die handwerkliche Hilfe brauchen (in einem Bürgerzentrum, in einer Behinderteneinrichtung, in einer Flüchtlingseinrichtung, im Kindergarten, in der Schule). Wenn ihr künstlerisch aktiv seid, könnt ihr Menschen unterstützen, die gerne malen wollen, vielleicht sogar in einer therapeutischen Einrichtung, in der ihr selber etwas Therapeutisches mitkriegen könnt. Einfach mal rumfragen. 

Ich weiß, dass es für euch natürlich schwierig ist. Aber ihr könnt auch Organisationen bitten, euch dabei zu helfen. Es gibt diese Organisationen, von denen ihr offenbar sehr wenig mitbekommen habt. 

Das war's auch schon. Diese zwei Stufen — da findet ihr auf jeden Fall einen Weg, um tätige Reue zu zeigen. Das Gute dabei ist — ihr werdet sogar eine positive Rückmeldung bekommen, sodass es nicht einfach nur so ist wie „Ich geißele mir jetzt den Rücken". Es wird auf jeden Fall auf diese Weise funktionieren. Wenn ihr keine Ansprechpartner findet, dann geht zum erstbesten Sozialverband. Das können christliche Verbände sein (Caritas oder Diakonie). Das können städtische Verbände sein. Ihr könnt im Rathaus nachfragen. Ihr könnt auch einfach im schlimmsten Fall euren Anwalt oder eure Anwältin bitten, euch ein paar Leute rauszusuchen. 

Wenn die das nicht machen, dann fragt eure Angehörigen. Es gibt in jeder größeren Stadt in Deutschland Hunderte von Verbänden, die soziale Angebote machen und die auf jeden Fall jemanden, der ganz klar erkennbar sich in einer sozialen Art betätigen möchte, unterstützen werden. 

Das Problem existiert einfach nicht, dass das evtl. schwierig wäre. Und noch einmal: das Gute daran ist, dass ihr eine gute Rückmeldung bekommt und man euch auf eine freundliche und menschliche Weise behandeln wird. Das setzt natürlich voraus, dass ihr ehrlich seid — mit euch selbst, untereinander und mit den anderen Leuten auch. 

Reizverschluss: In unserem ersten Interview mit Ihnen sagten Sie, dass sie sich wünschen, dass Opfer und Täter öfter miteinander reden. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft wirklich schon so weit ist? In anderen Ländern funktioniert der Täter-Opfer-Ausgleich besser als hier. Wo liegt die Schwelle? Ist es der Täter, der sich der Wahrheit, die er dann zu hören bekommt, nicht stellen möchte und sogar Angst hat? Oder sagt sich die Opferseite, dass man alles verarbeiten und vergessen will und nie wieder diesen Menschen, der das tat, in die Augen blicken möchte? 

Antwort von Mark Benecke:  Das gibt es beides. Es gibt extrem viele Täter, die der Sache nicht ins Auge blicken können und zwar deswegen, weil sie sich dann ihre Lebensgeschichte klarmachen müssen. Ein besonderes Problem sind die ganz harten Jungs, die ja deswegen nach außen so hart erscheinen, weil sie innerlich total weich sind: ich muss ja nur deswegen nach außen den dicken Macho, Macker markieren, weil ich innerlich so weich und verletzlich bin. Sonst bräuchte ich das gar nicht machen. Das ist ja nur ein Schauspiel. 

Die Leute, die echt hart sind, die stark sind, sind friedliche Menschen, die wissen, was sie möchten und sich sozial verhalten, und die nicht nach außen hin mit Gewalt, Brüllen oder Verabredungen, Erpressung und dergleichen andere beeinflussen wollen. Diese Täter gibt es, weil sie sich ihrer Lebensgeschichte nicht stellen können. 

Dann gibt es Täter, das erlebe ich sehr oft, die der Tat an sich ohne Lebensgeschichte nicht ins Auge sehen wollen, weil sie einfach windelweiche Lügner sind. Ich kann mir das selber oft nicht erklären. Das müsste man vielleicht einmal psychologisch klären, wie das kommt. Aber die sind es einfach gewohnt zu lügen; lügen dann weiter oder lügen den anderen betreffs der Tat was vor. Ich denke, in diesen Fällen kann man nichts machen. 

Wenn jemand nicht in der Lage ist, sich seiner Lebensgeschichte zu stellen, und/oder wenn jemand nicht in der Lage ist, seine eigene Tat als das anzusehen, was sie ist, dann kann man da nichts machen. Da nützt es dann auch nichts mit Täter-Opfer-Ausgleich, weil keine Einsicht besteht. Dass die Opfer manchmal auch kein Interesse daran haben, mit dem Täter zu reden, kann ich auch gut verstehen. 

Das könnt ihr alle auch selber gut verstehen, weil — wenn ihr im Knast bedroht oder vergewaltigt werdet, oder beides, oder wenn ihr Drogen, Waffen, Handys für andere aufbewahren müsst, weil die euch ansonsten vor die Glocke hauen, obwohl ihr selber kein spezielles Interesse an diesen Handys, Waffen, Drogen oder sonst was habt, dann wisst ihr ja, wie das ist. Dann hat man evtl. keinen Bock mehr auf die andere Person, weil die einen eben so stark negativ beeinflusst hat. 

Natürlich gibt es das, aber ich finde, das ist nicht das Problem oder die Lösung. Die Lösung fängt an der Stelle an, wo diejenigen, die Lust haben miteinander zu reden und die sich darum kümmern, die ehrlich sind, das einfach mal machen. Diese Geschichten werden dann weitererzählt werden. Dann werden die Familie vom Täter und die Familie vom Opfer auch rum erzählen: „Ah! Das hat gut geklappt. Das hat schlecht geklappt. Das hat die und die Auswirkungen gehabt. Es ist so und so gelaufen." 

Man kann ja auch jemanden dazunehmen, z.B. Mediatoren, ausgebildete Sozialarbeiter / Sozialarbeiterinnen, Beziehungstherapeuten / Beziehungstherapeutinnen, Familientherapeuten /Familientherapeutinnen — irgendwelche Menschen, die so was gewohnt sind. Diese Geschichten werden sich weitertragen. Das wird dann in der Zeitung stehen, vielleicht kommt mal ein Fernsehbeitrag, vielleicht spricht es sich einfach im Knast rum — das kann man nicht wissen. Aber wenn es keiner macht, wird es sowieso nicht passieren. 

Insofern würde ich sagen, probiert es aus und dann werdet ihr sehen, ob die Gesellschaft soweit ist oder nicht. Ihr seid ja auch ein Teil der Gesellschaft. 

Wenn ihr euch bemüht, dann könnt ihr versuchen ein klein bisschen — eine Streichholzbreite, symbolisch gesprochen — etwas zu verändern. Wenn ganz viele Streichhölzer nebeneinander liegen, dann wird auch eine ganz lange Holzbrücke daraus. Probiert es einfach mal! 

Abschlussworte v. Mark Benecke:  „Ja, damit danke ich euch mal wieder, für eure Fragen und euer Interesse, was ihr schon lange Zeit habt. Dass ihr euch immer so wirklich gute Gedanken macht, überrascht mich immer wieder aufs Neue. Vielen herzlichen Dank! Mark."

Das erste Interview könnt ihr hier finden: http://knastgespraeche.de


Glauben Sie an die Besserung eines Menschen

Reizverschluss >