Abwarten wäre ein Spiel mit dem Feuer gewesen

QUELLE: Nordkurier / Uckermark-Kurier, 26. März 2020, Seite 14

Als Kriminalbiologe ist Dr. Mark Benecke auch in der Uckermark längst kein Unbekannter mehr. Doch nicht nur seine Sicht auf Kriminalfälle interessiert die Menschen. Aktuell mischt er sich mit hochinteressanten Thesen zur Corona-Krise in die Diskussion ein. Unsere Reporterin Claudia Marsal hat ihn befragt. 

Hätten Sie für möglich gehalten, dass ein Virus, so wie aktuell geschehen, die Welt zum Stillstand bringt?

Jein — ich habe zwar SARS in China erlebt, dass es diesmal aber zu einem derart umfangreichen Shutdown kommt, war erstaunlich. Allerdings haben die meisten Biologinnen und Biologen gewusst, dass es durch das Überspringen der Viren von Tier zu Mensch – durch Erbsubstanzmischungen, durch die hohen Bevölkerungsdichten, durch das elende Fleischessen und durch Rückhaltezonen für Viren – früher oder später zu irgendeiner Pandemie kommt. Dazu gab es ja auch Spielfilme, die das ganz okay umgesetzt haben. Es war immer im biologisch greifbaren Bereich.

Ist die Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, für die Menschheit, wirklich so groß, dass dieser Stillstand mit all seinen dramatischen Folgen gerechtfertigt ist?

Das werden wir in zwei Wochen wissen. Es geht ja darum, Pflegepersonal, Lehrerinnen und Lehrer und alle anderen Menschen so zu entlasten, dass nicht alles zusammenbricht, was gar nichts mit der Pandemie zu tun hat.

Hätten Sie in alles entscheidender Position auch alles auf Null gefahren?

Da ich Experimente liebe: ja.

Wenn nein, was wären Alternativen gewesen?

Abwarten — aber das wäre ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Ich komme noch aus einer Zeit, in der Menschen mit verkürzten Armen und anderen Körperveränderungen sozusagen noch im Straßenbild alltäglich waren, weil deren Mütter das Medikament Contergan eingenommen hatten. Auch dort genügten am Anfang die Zahlen noch nicht, um einen granitharten Zusammenhang zwischen den Körperveränderungen und dem Medikament zu ziehen. Das Warten hat viele Menschen dann Lebensqualität gekostet. 

Daher bin ich kein großer Freund des Abwartens, sondern unternehme lieber kontrolliert etwas und zeichne die Daten auf. Hinterher kann man dann ja immer noch etwas besser machen. Niemand sagt, dass das derzeitige Herunterfahren perfekt ist. Aber beim nächsten Mal sind wir durch dieses Experiment viel schlauer, um es noch besser zu machen. 

Gut, dass Dr. Merkel Naturwissenschaftlerin ist, die sich schon in ihrer Doktorarbeit mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen beschäftigt hat, und gut, dass die Virologinnen und Virologen sowie die Ausbreitungsexpertinnen und -experten daher mit ihr sprechen konnten und verstanden wurden.

Wie hat Corona Ihr persönliches Leben verändert?

Ich habe noch nie so viele Emails beantwortet — und das heißt schon etwas, da ich täglich schon bisher mehr als hundert Mails im Postfach hatte, die ich alleine bearbeite, 365 Tage im Jahr. Und ich habe durch diese Fragen mehr darüber gelernt, wie viele Menschen aufeinander bezogen sind — beruflich und privat.

Fühlen Sie sich eingeschränkt in Ihrer Freiheit, vielleicht sogar auf ungerechtfertigte Weise fremdbestimmt?

Es war schon echt gruselig, die Partystadt Köln mal in Totenstille und leer gefegt zu erleben... Aber ungerechtfertigt ist nix, was eine fair gewählte Regierung beschließt.

Haben Sie Angst, wie sich das Ganze weiterentwickelt? Angst vor Ansteckung? Angst vor den Veränderungen, die die Krise mit sich bringt? 

Eher hoffe ich, dass die Menschen ein paar Sachen lernen: Ich muss nicht dauernd mit dem Flugzeug fliegen; kleine Dinge sind wirklich schön; gesunde Ernährung hilft, wenige oder keine Zusatzerkrankungen zu erleiden (am besten ist es, sich ohne Tierprodukte zu ernähren), sodass ich fitter bin, wenn mal eine schwere Erkrankung auftritt; wir alle sind in einem Netz des Lebens verbunden — und am leichtesten und schnellsten daraus zu entfernen sind die Menschen.

In den kommenden Jahren werden wir durch die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber Pflanzen und Tieren noch viel Krasses vor uns haben. So gesehen ist diese Pandemie eine gute Übung. Es ist gut, dass dieser Übungsdurchgang läuft, und ich freue mich auch, zu sehen, wo der Zusammenhalt noch verbessert werden muss, etwa, wenn es um den Schutz von Menschen in Sozialberufen und natürlich das bescheuerte Hamstern von Toilettenpapier geht.

Sie verweisen in Ihren Videos immer wieder darauf, dass die Zahlen von Infizierten, Kranken und Toten nicht gesichert sind und man deshalb keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte. Glauben Sie, dass Statistiken gerade auch so hingebogen werden, dass sie in den Hype passen?

Im Gegenteil, selten haben öffentliche Stellen so offen ihre Daten dargestellt. Es ist vielleicht ungewohnt, mal dieses ehrliche „Da brauchen wir noch ein bisschen, um es sehr gut auszuwerten” zu hören statt Wortgeklingel, Muskelspielereien und leerer Versprechungen. Selbst Menschen, die merkwürdige Ansichten zur Pandemie haben, haben ihre Quellen und Zahlen vorgelegt, das finde ich spitze. Beispielsweise geht es dort oft um die Anzahl der Toten, die genau so hoch sei wie in jedem anderen Frühjahr auch. Nun, es geht aber um die Erkrankten, die das Gesundheitssystem lahm legen könnten, nicht die Anzahl der Toten.

Die New York Times hat auch veröffentlichte Handy-Massen-Daten (also riesige Datenmengen der Orte, an denen die Handys waren) aus China verwendet, um die Verbreitung des Virus aus Wuhan in einer großartigen Karte darzustellen — so eine Zusammenarbeit gab’s wohl auch noch nie.

Ist das, was gerade passiert, nötige Vorsichtsmaßnahme oder ungerechtfertigte Hysterie?

Weder noch. Die Menschen lernen gerade, Quellen zu prüfen, Zahlen anzusehen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Das ist wie in der Pubertät: ganz reibungslos läuft es da selten ab, und die Stimmung schwankt schon mal. Es könnte sein, dass wir alle ein bisschen erwachsener werden und uns an die Welt anpassen, die wir selbst erschaffen haben.

Wann haben wir unser normales Leben wieder zurück? 

Diese Pandemie ist hoffentlich der Bruch mit dem alten Leben. Wir müssen grundsätzlich mehr auf unsere Umwelt achten und neuere Menschen werden. Wie gesagt, das ist wie Erwachsenwerden — nicht immer einfach, aber nötig.

Webtipp

Hintergrundinformationen zum Thema: virusonline.de