Merkwürdigkeit hoch zwei

Sonic Seducer, Juni 2018, Seite 16

Wer kennt nicht „Some Velvet Morning“, den psychedelisch entrückten 1967er Pop-Klassiker von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra, der unzählige Male gecovert wurde? 

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Nun muss seine Geschichte neu geschrieben werden: Dr. Bianca Stücker, Vielseitigkeit in Person und nicht erst seit Veröffentlichung ihres Albums „The Glass Coffin“ populär, hat das Stück neu auf- genommen. Und zwar im Duett mit Dr. Mark Benecke, dem wohl renommiertesten Kriminalbiologen der Welt, der schon mit Sara Noxx „Where The Wild Roses Grow“ von Nick Cave und Falcos „Jeanny“ interpretierte. Produziert hat „Some Velvet Morning“ der von The Eternal Afflict bekannte Winus Rilinger – womit nichts mehr schiefgehen konnte.

Es handelt sich nicht um die erste Zusammenkunft der Doktoren: Mark gastierte auf „Grand Hotel“, dem 2011er Album von Biancas früherer Band The Violet Tribe, und in diversen YouTube-Videos tauschten sich beide rege zu den Themen Tattoo und Tribal Fusion aus. Da würden sich doch neben der Musik auch ein gemeinsamer Tätowierkurs für Hackbrett spielende Forensiker oder eine Buchveröffentlichung in Biancas Eygennutz Verlag anbieten, oder? 

„Klar“, stimmt Mark zu, „wir haben gerade gemeinsam ein Buch über Depressionen und eins über Blutegel bearbeitet – kein Witz. Das war unglaublich viel Arbeit und wirklich hart an der Grenze, aber auch unglaublich geil. Bianca und das Phantom Chelsea – die Verlegerin, die noch nie jemand gesehen hat – sind die Königinnen der schrägen Projekte.“ Bianca überlegt: „Vielleicht sogar die Phantomköniginnen. Die Idee mit dem Hackbrettspielen gefällt mir aber auch sehr gut. Mark ist der King of Hackbrettliebe!“

Das dynamische Duo ergänzt sich also nahezu perfekt. 

Auch auf „Some Velvet Morning“, dessen fünf Versionen Electro-Hörer, Mittelalter-Fans und Rock-Hardliner gleichermaßen zufriedenstellen sollten. Ist der Titel ‚Traumpaar des deutschen Gothic’ unter diesen Umständen überhaupt noch abzuwenden? „Der ist bereits mit Diamant in Granit gemeißelt“, gibt sich Mark keinerlei Illusionen hin. „Bianca ist eine Träumerin und auch ein Traum, ein ferner, wie das Wehen über den Todesmooren, und ich ein Deutscher und Grufti. Und unsere Stimmen umranken sich wie der Kirschmet die Wiesengräser im Heidnischen Dorf – was willste machen?“ 

Die dergestalt Gepriesene schlägt fürs Erste eine nähere Auseinandersetzung mit der Maxi-CD vor, denn: „Bei fünf Versionen kann jeder das Stück nachher auswendig! Das ist ja wichtig.“

Bleibt die Frage, warum die Wahl ausgerechnet auf „Some Velvet Morning“ fiel. Sind Lydia Lunch und Rowland S. Howard oder Primal Scream einfach nicht richtig damit umgegangen? Oder hätte es auch „Summer Wine“ sein können, wenn dieser Song nicht schon von Ville Valo und Natalia Avelon besetzt gewesen wäre? 

„Was heißt schon besetzt“, wiegelt Mark ab. „Wir singen, was uns vor den Krähenschnabel kommt, picken es auf, werfen es in die Luft und schauen, was an verkohlten Glitzertönen wieder herab regnet. Zack!“ So einfach ist das also? „So sieht es aus“, bestätigt Bianca. „Und ‚Some Velvet Morning’ hält viel aus, darum dachte ich: Hackbrett geht immer! Außerdem wurde ich mit der Lydia-Lunch-Version während meines Heran- wachsens konfrontiert und hatte dieses eigentümliche Lied regelrecht sinnlos gern. 

In Sachen Merkwürdigkeit geht da kaum was drüber. Und merkwürdig passt gut zu uns. Fand auch Winus, dem dazu sofort etwas einfiel.“

Unsere Stimmen umranken sich wie der Kirschmet die Wiesengräser im Heidnischen Dorf.“ — Dr. Mark Benecke

Und der Text gibt auch hier Rätsel auf: Handelt es sich bei Bianca vielmehr um die besungene Figur der Phaedra aus der griechischen Mythologie? Und was lehrt uns die Zeile „learn from us very much“? „Mich lehrte sie vor allem, dass zu viele Fragen noch rätselhaftere Antworten bringen“, führt Mark aus. 

„Dokter Stücker befragt beispielsweise stets die Karten, kann die Hinweise aus dem Jenseits dann aber nicht einordnen. Ich lasse ihr regelmäßig aus meinem Londoner Esoterik-Laden neue Tarot- und Klimbim-Systeme zukommen, einen schwarzen Faden konnte ich bisher trotzdem nicht aus ihren Weissagungen ableiten. Sie aber auch nicht! 

So gesehen ist das Rätsel um Phaedra also unsere kleinste Sorge.“

Laut Bianca ist obige Interpretation jedoch nicht ganz falsch: „Phaedra heiße ich wirklich. Zumindest werde ich vom Doktor nur noch so angeredet!“ Der widerspricht: „Lustiger Verhörer! Ich sage in Wirklichkeit ‚Fedra’, weil Frau Dokter beim Bauchtanz und als Steampunkerin gerne Glitzer-, Klimper- und Federzeugs am halbnackten Körper trägt.

Aber lassen wir Bianca ruhig im Glauben, dass sie eine von Aphrodite verzauberte Königsgattin ist, die sich aufgrund verschmähter Liebe selbst tötet und durch eine postmortale Intrige einen für Hippolytos tödlichen Unfall mit einem Meeresungeheuer auslöst. Ist eh gruftiger!“ 

Das letzte Wort hat Bianca: „Also, ich erinnere mich noch gut an Hippolytos, das alte Kirmesgesicht.“

Autor: Thomas Pilgrim 

Foto: Daniel Hammelstein 

Links: www.bianca-stuecker.com / www.benecke.com