Auf den Spuren von Corona: Virus-Check mit Dr. Mark Benecke

Quelle: Express Köln, 24. Mai 2020, S. 39 

Von Madeline Jäger  

Köln - Der Kölner Dr. Mark Benecke (49) ist wahrscheinlich Deutschlands prominentester Kriminalbiologe. Als das SARS-Virus 2002 aufkam, war er gerade in China. Dadurch hat er einiges, was für viele Deutsche in der Corona-Krise neu war, schon einmal live miterlebt.

Gemeinsam mit seiner Frau Ines Benecke beantwortet er auf seiner Website „virusonline.de“ Fragen rund um das Coronavirus. Im Interview spricht er über die häufigsten Fragen, Verschwörungstheorien und das Leben in Köln nach den ersten Lockerungen.

Herr Benecke, vor der Corona-Krise waren Sie in ganz Deutschland viel unterwegs. Wie haben Sie Köln im halben Lockdown und in der intensiven Zeit des zu Hause Bleibens erlebt?

Die Stadt war wie leer gefegt. Wir haben spannende Fotos auf der Domplatte gemacht und von anderen Plätzen in der Innenstadt, die man vorher in Köln noch nie so leer gesehen hat. Das war schon sehr gespenstisch, gerade zu Anfang, als die Kölner noch so unsicher waren. Dass die Kölnerinnen und Kölner so ängstlich waren, fand ich ungewöhnlich. Mittlerweile geht das ja. Mehr hier in Köln zu sein und mehr zu Hause zu bleiben, war für mich ganz angenehm. Ich liebe das Vringsveedel, habe mein Buch geschrieben und es waren Berge an Arbeit liegengeblieben, die ich nach und nach abgearbeitet habe.

Wie geht es Köln nach den Öffnungen: Halten sich die Kölner trotz diverser Lockerungen an die Corona-Regeln?

Ines Benecke: Die Kölner sind schon sehr sozial und nehmen viel Rücksicht aufeinander. Der Abstand wird meistens eingehalten und die Kölner haben auch schon lange vor der Maskenpflicht Masken getragen.

Mark Benecke: Als die Kneipen wieder geöffnet haben, da ist vieles natürlich schiefgegangen. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber in einigen Kneipen haben die Leute die Abstandsregeln nach dem dritten Kölsch vergessen. Das war hier schon immer so. Da hat sich nichts geändert. Gerade in der Südstadt war wieder die Hölle los. Das ist schon sehr kölsch, sich sofort wieder in einen Raum zu setzen und zusammen zu trinken. Das ist in anderen Städten nicht so. In Köln haben viele sofort ohne Masken wieder an einem Tisch gesessen.

Auf Ihrer die Website „virusonline.de“ haben sie in der Krise Fragen rund um das Coronavirus beantwortet. Welche Fragen kamen am Häufigsten?

Ganz zu Anfang ging es viel um Desinfektionsmittel und wie man welches mischen kann, als es überall ausverkauft war. Das war die häufigste Frage und dann Detailfragen zum Mischen. Zum Beispiel: Kann ich auch Bio-Ethanol für den Kamin zum Mischen nehmen?

Die Nutzer haben auch immer wieder neue Fragen zur Entstehung von Viren gestellt. Vor der Maskenpflicht ging es viel um den Mundschutz und die Frage, ob der nun sinnvoll ist oder nicht. Einige haben über Atemnot beim Tragen geklagt. Danach kamen Fragen dazu, wie sich das Coronavirus überträgt. Überträgt es sich über die Luft? Überträgt es sich über Lebensmittel, die ich im Supermarkt einkaufe? Diese Fragen kamen oft.

Ich wurde auch immer wieder gefragt, warum Wissenschaftler unterschiedliche Meinungen zum Coronavirus haben. Wir haben erklärt, dass es nicht um Meinungen, sondern um Daten geht. Und dass das kein Streit ist. Die Daten müssen erhoben und abgeglichen werden und im Laufe der Zeit entsteht etwas daraus. Die Wissenschaft wusste anfangs nicht viel über das Virus, erst nach und nach kamen Informationen.

In Köln gab es bereits mehrere „Hygienedemos“. Was halten Sie davon und wie gehen Sie mit verschwörungstheoretischen Anfragen bei „virusonline.de“ um?

Die verschwörungstheoretischen Fragen bekommt meine Frau Ines in der Regel zuerst ab, weil sie die Fragen herausfiltert, die ich dann beantworten soll (lacht).

Ines Benecke: Ich finde es gut, wenn Leute auf die Straße gehen, um ihre Meinung zu sagen. Ich finde es aber schlecht, wenn sie sich dabei nicht an die Regeln halten und wie in Köln geschehen, andere dazu auffordern, die Maske abzunehmen und in Läden zu laufen. Ich habe Schilder gesehen mit der Aufschrift: „Free Hugs, gerne ohne Maske.“ Das geht gar nicht. Die Maßnahmen in Deutschland wirken gut, die Menschen fragen sich deswegen, ob überhaupt etwas passiert wäre. Das ist leider immer „das Problem“, wenn Vorbeugung klappt. Trotzdem müssen die Regeln eingehalten werden.

Mark Benecke: Kein Zank ohne Wissen. Ich rede nicht über Verschwörungstheorien. Wenn man anfängt, Geschichten aufzugreifen, die nicht auf messbarem beruhen, dann gibst du der Sache Raum und das gibt’s bei mir nicht. Bei „virusonline.de“ und bei mir gibt es keinen Platz für aus der Luft gegriffenes. Ich habe stattdessen die jeweils neuesten Forschungsergebnisse über das Virus herausgesucht und auf dieser Grundlage Fragen beantwortet. Wer mir eine verschwörungstheoretische Frage stellt, den bitte ich immer um die Quelle dazu. Dann kommt in 98 Prozent der Fälle meistens gar keine Antwort mehr. Wenn sie mir doch eine Quelle schicken, prüfe ich sie auch.

Oft sind es aber keine ausgeklügelten Verschwörungstheorien, sondern Sätze, die Nutzer beim Arbeitskollegen oder irgendwo aufgeschnappt haben. Eines Tages merken sie, wenn sie noch halbwegs bei Verstand sind, dass sie eigentlich nie eine Quelle hatten. Die meisten Fragen, die wir bekommen haben, waren aber sehr interessant und es gab Studien, um sie zu beantworten.

Wie hat das Coronavirus Ihre tägliche Arbeit als Kriminalbiologe verändert?

Ich konnte mehr Akten und Spuren von Kriminalfällen bearbeiten, weil ich jetzt oft im Labor bin. Es war alles viel ruhiger, also konnten wir das Labor komplett auseinandernehmen, Kabel neu verlegen und ausmisten. Meine Mitarbeiterin und ich haben uns dann nochmal mit alten Fällen auseinandergesetzt, die zwar nicht sehr wichtig sind, aber den Angehörigen am Herzen liegen. Wir haben einen Fall nochmal aufgerollt, da ist die Ehefrau vor 30 Jahren umgebracht worden. Der Fall ist zwar offiziell abgeschlossen, ein Verdächtiger will sich nicht äußern, ein Anderer war jahrelang im Gefängnis. Doch nun hatte ich nochmal die Zeit, mir den Fall anzusehen. Solche Fälle konnte ich in der Corona-Zeit nochmal angehen.

Vor Corona war die Bearbeitung der Kriminalfälle mit einer unglaublichen Arbeitsdichte verbunden. Niemals hätte ich da zeitlich so ein Interview wie jetzt führen können. Nun kann man das mal machen und so ist es im Labor auch. Was die neue Arbeitsstruktur angeht, ist es für mich eine zeitlang gut so, bis halt das Geld ausgeht. An den Abläufen im Labor ändert sich aber ohnehin nichts, denn das ist mein Herzensding.

Die Themen und Antworten aus „Virusonline.de“ hat Dr. Mark Benecke in seinem neuen Buch „Viren für Anfänger“ zusammengefasst. Das Buch erscheint Ende Juli 2020 im Kölner Bastei Lübbe Verlag.


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