Der Täter sollte zur Polizei gehen (Fall Peggy)

Quelle: inFranken.de (online) vom 8. Juli 2016

VON CHRISTIAN PACK

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Seit über 25 Jahren ist der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke international auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik aktiv. Als Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren wird der 45-Jährige regelmäßig bei kniffligen Fällen zu Rate gezogen. Im Gespräch mit dieser Zeitung spricht er über die Entwicklungen im Fall Peggy.


Herr Benecke, die Leiche von Peggy wurde 15 Jahre nach ihrem Verschwinden in einem Wald entdeckt. Wie überrascht waren Sie, als Sie davon gehört haben? 
Benecke: Ich war nicht überrascht. Es gibt immer wieder knifflige Fälle, bei denen zunächst Spurenarmut herrscht, die Leichen nach langer Zeit aber doch noch gefunden werden. 


In der Öffentlichkeit wurden Stimmen laut, wonach man die Leiche aufgrund des Aufwands schon vor 15 Jahren hätte finden müssen. Unter anderem wurden damals Tornados eingesetzt.
Benecke: Bei derartigen Polizeieinsätzen gibt es leider immer wieder Laien die denken, sie wüssten alles besser. Die Sucheinheiten haben damals sicherlich alles getan, um Peggy zu finden. Es gibt aber immer eine Menge Faktoren, die die Arbeit beeinflussen. Ein gutes Beispiel sind die Tornado-Flugzeug-Einsätze: Deren Hauptaufgabe in so einem Fall ist es, Temperaturunterschiede zu messen. In einem Wald befinden sich aber auch immer Tiere oder faulendes Laub, die auf diese Werte Einfluss nehmen.


Die Ermittler suchen seit knapp einer Woche die Gegend rund um den Tatort ab. Wie viele Spuren kann man jetzt noch sichern? 
Benecke: Massenhaft. Neben den Knochen findet man zum Beispiel Hautzellen, Fasern, Insekten, Erdkrümel. Auch Haare zersetzen sich nicht.


Auch nach 15 Jahren?
Benecke: Die Zeit spielt keine Rolle. Es gibt ausreichend Spuren, die sich extrem lange halten, auch unter den widrigsten Bedingungen. Faserspuren gehen eigentlich nie kaputt, auch mit der DNA kann man Glück haben. Sicherlich ist es immer von Vorteil, wenn man die Spuren gleich am Anfang sichert. Also bevor beispielsweise der Regen etwas wegwäscht. Man kann aber keine spurenfreie Tat begehen. Wenn man sucht, findet man also auch etwas. Im Fall Peggy heißt das: Man weiß jetzt, in welchem Bereich gesucht werden muss. Die Ermittler können endlich die große Lupe rausholen und komplett neu anfangen.


Die aktuellen Suchmaßnahmen auf der Strecke zwischen dem Fundort der Leiche und Peggys damaligen Wohnort sind also auch sinnvoll?
Benecke: Absolut. Man weiß nie, wo genau man etwas findet. Wir haben schon mal eine Wohnung, sechs Jahre nachdem dort ein Verbrechen stattgefunden hat, umgekrempelt und es gab so viele Spuren wie am ersten Tag – natürlich gealtert, aber sie waren vorhanden. Die Suchmaßnahmen lohnen sich also.


Im Fall Peggy wird man aus Ihrer Sicht also auch die Todesursache und den Tathergang ermitteln können?
Benecke: Vielleicht sehe ich das zu optimistisch. Aber ich habe schon weitaus kniffligere Fälle erlebt, wo man den Tathergang rekonstruieren konnte. Bei einem Leichenfund im Wald gibt es so viele Hinweise: Welches Werkzeug hat der Täter beim Vergraben benutzt? Wie ist er bei der Beseitigung vorgegangen? Und auch die Todesursache kann man oft genug bestimmen, beispielsweise durch Knochenbrüche oder möglichen Schnittspuren an Kleidungsstücken. Man darf auch nie vergessen, dass Täter oft selbst die Lösung für das Rätsel liefern. In den 25 Jahren, in denen ich jetzt in diesem Bereich arbeite, habe ich mehrere Fälle erlebt, bei denen das Tatwerkzeug sogar in der Nähe des Opfers lag.


Glauben Sie, dass der Fall Peggy noch aufgeklärt werden kann?
Benecke: Aus meiner Erfahrung: Ganz sicher. Ich rate dem Täter, sich einen Anwalt zu nehmen und zur Polizei zu gehen.


Mit großem Dank an Christian Pack und die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.