Im Kopf läuft ein anderes Betriebssystem

Quelle: VdK Zeitung, Allgemein, Seite 11

Von Jörg Ciszewski

Autistische Menschen stoßen in ihrem Alltag auf viele Barrieren - das will der Verein „White Unicorn" ändern

Der Verein „White Unicorn" setzt sich für die Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfelds ein. Noch immer fehlt es oft an Wissen und Verständnis für Autismus und Neurodivergenz. Das ist ein Grund, warum es zur Teilhabe noch ein weiter Weg ist.

Der Name „White Unicorn" geht auf die Hauptfigur des Zeichentrickfilms „Das letzte Einhorn" zurück. Er steht sinnbildlich für das Verständnis des Vereins: Das vermeintlich Andersartige soll nicht als etwas Defizitäres betrachtet werden, sondern als Ausprägung menschlicher Vielfalt. Fachleute wie Stephanie Fuhrmann gehen davon aus, dass es in Deutschland rund 1,6 Millionen autistische Menschen gibt. „Bei ihnen weicht die Funktionsweise des Gehirns und die Art der Informations-verarbeitung stark von der gesellschaftlichen Norm ab", erklärt die Wissenschaftlerin, die den Verein White Unicorn gegründet hat.

Zusammen mit Dr. Mark Benecke erforschte sie im Projekt „schAUT" („Schule und Autismus") die Barrieren von Schülerinnen und Schülern an inklusiven Schulen. Die Arbeit wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Autismus ist eine neurologische Variante, die bei ungefähr zwei Prozent der Gesamtbevölkerung auftritt. „In einer Welt, die auf statistische Normen ausgerichtet ist, entstehen für autistische Menschen dort Barrieren, wo die Umgebung nicht zu deren detailreicher und intensiver Informationsverarbeitung passt. Unsere Untersuchungen zeigen, dass autistische Menschen überall auf Barrieren stoßen", so Fuhrmann.

Lärm und Hektik, etwa im Kindergarten, im Supermarkt oder bei Veranstaltungen, sind für autistische Menschen häufig überfordernd. Eine große Barriere sei daher das Verbot von Hilfsmitteln wie Lärmschutz-Kopfhörern, Computer-Tablets, Begleithunden oder Dingen zur Konzentration wie Knetbällen für die Hände in der Schule oder im Beruf — das macht Teilhabe unmöglich, so Fuhrmann. Sie beklagt, dass Autismus bis heute oft als Krankheit dargestellt wird.

Diese Einschätzung wurzelt in der Zeit des Nationalsozialismus, als Autismus als Fehler oder Folge falscher Erziehung galt. „Tatsächlich ist es aber eine angeborene Art des Gehirns — wie ein anderes Betriebssystem auf einem Computer. Linux und Windows haben ja auch unterschiedliche Ansprüche. Es ist eine andere Art zu denken, sich zu bewegen und die Welt wahrzunehmen." Autistische Menschen brauchen daher Unterstützung. Die von der Bundesregierung geplante Kürzung bei der Schulbegleitung im Bereich der Hilfe und Pflege nennt Fuhrmann „verantwortungslos".

„Autistische Kinder sind oft geistig fit, brauchen aber entwicklungsbedingt länger Unterstützung, etwa beim Organisieren ihres Essens oder bei der Hygiene- und Toilettenversorgung. Wenn ein Kind nur ganz bestimmte Lebensmittel isst, muss das in den Schulalltag integriert werden. Pflegerische Assistenz im Bereich Hygiene ist nötig, um den Regelbetrieb nicht aufzuhalten. Ohne diese Hilfe bleibt ihnen Bildung verwehrt. Sie werden in Sonderschulen abgeschoben. Das ist menschenrechtswidrig und verstößt gegen die Verfassung."

Fuhrmann begrüßt den Einsatz von schulischen Fachkräften, wie in Berlin praktiziert: „Das ist ein wichtiger Schritt weg von der ,Hilfe zur Erziehung' hin zur professionellen Schulentwicklung. Bildung ist ein Grundrecht." Ziel müsse sein, die Ressourcen für Fachstandards zu bündeln, damit Pädagoginnen und Pädagogen Barrieren für ganze Klassen strukturell abbauen, etwa durch Lern-, Bewegungs-, Kreativ- und Ruheräume oder Hybridunterricht.