Der Wert der Fussel

Kölner Stadt-Anzeiger (Oberberg), 29. Juli 2019, S. 31

Recht kurzweilig führte Dr. Mark Benecke aus, warum die Wissenschaft niemals aufs Quatschmachen verzichten darf

Von Jens Höhner

Manchmal ist die Wahrheit ein besoffenes Rentier, ein Fussel im Bauchnabel oder ein Keks, der in die Teetasse taucht. Oft sind es nämlich skurrile Experimente, die für die Wissenschaft einen unschätzbaren Wert entwickeln. Davon ist der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke felsenfest überzeugt. Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung ist der 48-Jährige gestern der Frage nachgegangen, ob Erdnussbutter die Erdrotation beeinflusst oder ob einer ökonomisierten Forschung die Freiheit verloren geht.

Anlass dafür ist ein Seminar in der Gummersbacher Theodor-Heuss-Akademie unter dem Titel „Forschung und Wissenschaft: Ausverkauft?“, in dem es eben um das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft geht. Wie sich dieses entwickelt, das ist Benecke im öffentlichen Abschlussvortrag erst mal ziemlich egal. „Denken ist schlecht, messen ist gut“, erklärt er in der rappelvollen Akademie. So seien Kinder die besten Naturwissenschafter überhaupt: Schmiert sich ein kleiner Junge die Eiscreme ins Gesicht, so bestimme er die Konsistenz.

Zudem berichtet Benecke von der Zeitschrift „Annals of Improbable Research“ (zu Deutsch etwa: Unwahrscheinliche Nachforschungen) und Spaß-Nobelpreisen, die an der amerikanischen Harvard University vergeben werden. Denn was mit einem Ulk starte, könne vielleicht wissenschaftliche Disziplinen weltweit vernetzen. „Leider ist das Alberne in Deutschland nicht sehr beliebt“, bedauert Benecke. „In den USA aber schon.“ Und da kommt auch die Bauchnabelfusselforschung ins Spiel: Weil jeder Fussel ein Unikat sei und Schlüsse auf die Kleidung im heimischen Schrank des Trägers zulasse, können solche Textilreste in der Kriminalistik, zum Beispiel nach Sexualstraftaten, Hinweise auf den Täter liefern.

Weil aber auch die Umgebung die Dinge immer wieder verändert, so Benecke, sei es wichtig, Kekse in Tee zu tunken und zu schauen, wann das Gebäck zerbröselt: „Am Ende ware es ein kleiner Dichtungsring, die 1986 die Raumfähre Challenger explodieren ließ, weil sie sich in der kalten Nacht zuvor verändert hatten.“ Und allein die objektive Messbarkeit sei es, die Wahrheit ausmache.

„Wahrheit ist nicht das, was wir für richtig halten“, betont Mark Benecke immer wieder. Schließlich lebe wohl niemand mit einem Rentier unter einem Dach und betrinke sich dann auch noch gemeinsam mit dem Tier. „Aber genau das tat eben Tycho Brahe, einer der bedeutendsten Astronomen im 16. Jahrhundert“, berichtet Benecke. Übrigens habe er sich mit Brahe beschäftigt, weil dieser eine Nasenspitze aus Metall hatte.

mark_benecke_fussel_forensik_forschung_KSTA_29_juli_2019_png.png